Die
Bekanntschaft auf der Reise.
Eine wahre Geschichte.
Berlin, 1801.
Bei Johann Friedrich Unger.
Journal der Romane.
Drittes Stück.
_Inhalt_:
1. Die Bekanntschaft auf der Reise. Eine wahre
Geschichte.
2. Autun und Manon. Eine Erzählung.
[Illustration: Dekoration]
Berlin, 1801.
_Bei Johann Friedrich Unger._
Die
Bekanntschaft auf der Reise.
[Illustration: Dekoration]
Eine wahre Geschichte.
Es war ein schwüler Tag. -- Die Sonne verbarg sich hinter graues
Gewölk, das ein Gewitter verkündigte. -- Das feierliche Schweigen der
Natur verwandelte sich plötzlich in einen fürchterlichen Sturm, der
den Staub der einsamen Landstraße, auf der ich reiste, als ein Spiel
seiner Leidenschaft in finstern Wolken vor mir hertrieb. -- Immer
dunkler und dunkler wurde der Horizont, nur bisweilen schauerlich von
schnellen Blitzen erleuchtet, die ein dumpfer Donnerschlag begleitete.
Ich glaubte mich fern von jedem schützenden Obdach -- um so freudiger
begrüßte mein Blick ein kleines Dorf, das sich am Fuß einer waldigten
Anhöhe in den kühlen Schatten einiger Linden romantisch versteckte.
Ernster und lauter rollte der Donner über mir, und da, ehe wir das
Dorf noch erreichten, ein ganz ansehnliches Landhaus aus einem
Kranz schwankender Pappeln hervortrat, so entschloß ich mich, hier
abzusteigen, und einen heiterern Himmel zu erwarten, den mir vielleicht
die nächste Stunde schon geben konnte.
Ein Paar gesunder, blühender Kinder spielte an der offenen Thür,
lächelnd und sorglos, wie man die Unschuld mahlt. Mein Wagen hielt
in einiger Entfernung -- ich näherte mich ihnen, und frug nach ihren
Eltern. Die Kleinen blickten mich freundlich an, und zeigten auf die
Hausthür. Da sich kein Erwachsener sehen ließ, so ging ich hinein. --
Es war nur eine einfache, ländliche Wohnung, über deren Schwelle
ich schritt, aber sie machte einen angenehmern Eindruck auf mich,
als mancher stolze Pallast, den ich schon in meinem Leben betreten
hatte. Ordnung, wenn sie nicht pedantisch und übertrieben ist, wirkt
wohlthätig auf jedes unverwahrlosete Gemüth, und hier verbreitete sie,
mit der größten Reinlichkeit verbunden, ihren mildesten Zauber über
die einfache Einrichtung des kleinen Hauswesens, das ich übersah. Die
simple, aber rührende Melodie eines geistlichen Liedes, von einer
reinen weiblichen Stimme gesungen, tönte leise und gedämpft aus dem
stillen Wohnzimmer mir entgegen.
Ich klopfte an, und ein schönes Mädchen von höchstens vier und zwanzig
Jahren kam heraus, und erwiederte meinen Gruß mit unwiderstehlicher
Anmuth. Es giebt Physiognomien, die beim ersten Anblick einnehmen, weil
sie den Stempel der Güte und Unschuld tragen; -- mit einer solchen
hatte die Natur in einer ihrer liebevollsten Launen die Bewohnerin
dieses Hauses beschenkt, und ich betrachtete sie einige Momente mit
Wohlgefallen und Antheil, ehe ich sie anredete. Sie schien mir eine
holde Blume, an deren Innern aber ein Wurm nagt, der ihre Schönheit
früher zu entblättern droht, als die Hand der Zeit, die sie kaum
vollendete. Die Ruhe ihres Blicks war so innig mit jener rührenden
Schwermuth verschmolzen, die ein langer, tiefer Gram erzeugt, und über
alle ihre regelmäßigen Züge hatte ein so entschiedener Kummer seinen
Schleier ausgebreitet, daß ich keinen Augenblick anstehen konnte, in
ihrem Herzen eine noch ernstere Trauer zu vermuthen, als ihr Gesicht
verrieth. Ihr häuslicher Anzug bezeichnete jene goldne Mittelmäßigkeit
des Standes, die in ihren engen Gränzen oft das reinste Glück des
Lebens umschließt. Er war eben so weit von unsauberer Nachlässigkeit
als von allzuzierlicher Eitelkeit entfernt, und stellte leicht und
ungezwungen ihre schlanke reizende Gestalt in all' der Anmuth dar, die
sie schmückte.
Das herannahende Gewitter nöthigt mich, sagt' ich zu ihr, Zuflucht in
Ihrem Hause zu suchen. Darf ich wohl einige Stunden hier verweilen, bis
es vorüber gezogen ist? -- --
Recht gern, versetzte sie. Zwar ist meine Familie so groß, daß wir kaum
für uns selbst Raum haben -- aber es wäre unfreundlich, eine Reisende,
und überdieß eine Dame, bei diesem stürmischen Wetter abzuweisen.
Sie nöthigte mich nun, ins Zimmer zu treten, und ging hinaus, um
für meine Leute und Pferde ebenfalls Anstalten zum Unterkommen zu
treffen. Die Wohnstube, in der ich mich jetzt umsah, war nur klein,
aber durch die gleichsam mechanische Ordnung, nach welcher jede Sache
ihren angemessenen Platz hatte, schien sie mir geräumig genug, und
rechtfertigte die vortheilhafte Idee, die ich mir schon beim Eintritt
in das Haus von der Reinlichkeit der Besitzer desselben gemacht hatte.
Ich setzte mich in einen hölzernen Stuhl -- nach einer kleinen Weile
kam meine artige Wirthin wieder herein, und führte mit mütterlicher
Sorgfalt und Zärtlichkeit die beiden Kinder, die ich vorhin hatte
spielen sehn.
Die arglosen, lieben Geschöpfe! sagte sie, indem ihr Blick voll
Innigkeit auf ihnen ruhte -- sie lächeln dem Blitz eben so fröhlich
entgegen, wie der Sonne, unbekümmert, ob die nächste Minute sie tödtet,
weil ihre beneidenswerthe Unwissenheit selbst den Gefahren, die ihnen
drohen, eine lachende Farbe giebt. Ach das sind doch die glücklichsten
Jahre des menschlichen Lebens! --
Der Seufzer, der diese letzten Worte begleitete, fand sein Echo
in meinem Busen. -- Sind das _Ihre_ Kinder? frug ich, da ich den
schwermüthigen Gedanken nicht nachhängen wollte, die ihre Anmerkung
in mir erweckt hatte. -- Nein, antwortete sie, und eine feine Röthe
überzog ihr blasses Gesicht. Sie gehören meiner Schwester, die mit
ihrem Mann und ihren übrigen Kleinen heut in die benachbarte Stadt zum
Jahrmarkt gefahren ist. Ich bin unverheirathet. --
Dieß nahm mich Wunder. Wirklich, mein Kind, sagt' ich zu ihr, die
jungen Mannspersonen müssen hier einen sehr sonderbaren Geschmack
haben, wenn sie sich nicht bestreben, Sie zu besitzen. -- Als ich
sie bei diesen Worten ansah, bemerkt' ich einen Ausdruck in ihrer
Miene, der mich bereuen ließ, was ich gesprochen hatte. Ich fühlte
mit Beschämung, daß ihre Empfindung feiner war, als meine Bemerkung.
Unglückliche Umstände, versetzte sie ernst, haben mich bewogen, ledig
zu bleiben. Und meine Stimmung ist jetzt so, daß ich wenig dadurch zu
entbehren glaube. Ich theile die Mutterfreuden meiner Schwester, und
vielleicht ist mein Genuß reiner und ungetrübter als der ihrige, da
ihre Sorgen mir weniger nah am Herzen liegen. Oft, wenn ich von der
innigsten Theilnahme durchdrungen, sie am Krankenbett ihrer Lieblinge
zittern und weinen sah, dacht' ich: was würd' ich nicht erst leiden,
wenn es meine eignen Kinder wären -- Kinder eines Mannes, den ich
liebte! -- Sie schwieg -- ihr Auge feuchtete sich -- zuletzt floß es
über, und um mir die Thräne zu verbergen, die es trübte, senkte sie es
still zur Erde.
Es war nicht Neugierde allein, es war auch Antheil, der den Wunsch in
mir erregte, mit ihren Schicksalen näher bekannt zu werden. Nicht durch
gewöhnliche Ereignisse des Lebens war ihre Wange so bleich, ihr Ton so
traurig geworden -- nur ein gewaltsamer Sturm konnte die jugendliche
Heiterkeit eines Herzens vernichtet haben, das so voll hoher Unschuld
ihr aus den Augen blickte. Aber sie schien nicht zu einer vertraulichen
Mittheilung geneigt zu seyn -- bloß durch einen Zufall erfuhr ich, daß
man sie Justine nannte.
Das Gewitter lösete sich in einen fürchterlichen Regen auf, und da
mein leichter Reisewagen mich nicht ganz zu schützen im Stande gewesen
wäre, so gab ich willig Justinens Zureden nach, und entschloß mich,
noch länger zu verweilen, da es ohne dieß noch hoch am Tage war.
Ermüdet von der vorigen schlaflosen Nacht, die ich im Wagen zugebracht
hatte, that ich ihr den Vorschlag, eine halbe Stunde zu ruhen, und voll
reizender Gefälligkeit führte sie mich in ihre Kammer. Höchst angenehm
waren die Empfindungen, mit denen ich sie betrat. Die edle Einfalt,
die simple Eleganz, die hier alles athmete, that meinem Auge wohl, und
die Reinlichkeit und Ordnung, die überall herrschte, verrieth mir,
daß sie Justine mit unter die Bedürfnisse des Lebens zählte, da sie
diese liebenswürdigen Tugenden so schön und leicht zu üben verstand.
Zwischen den beiden Fenstern, von dunkeln Gardinen umschattet, hing
über einem zierlichen Arbeitstisch der Schattenriß eines Mannes, und
in die grüne Schleife, die ihn an die schlichte weiße Wand befestigte,
war eine verwelkte Rose gewunden. Seitwärts stand das Bett, mit dem
reinsten Leinenzeuge versehen. Nur ein einziger Stuhl befand sich im
Zimmer (es dünkte mich eine klösterliche Zelle zu seyn) -- dem stillen,
ungestörten Asyl, das hoffnungslose Trauer nur für sich allein sich
wählte.
Justine schien mein fragendes Auge zu übersehen. -- Sie verließ mich
mit dem Wunsche wohl zu ruhen, und ich blieb allein. Wirklich fand ich
in der halben Stunde, die ich, wiewohl ohne zu schlafen, auf dem Bette
lag, die nöthige Erholung. Als ich wieder aufstand, war der Himmel
heiterer -- mild und leise säuselte der Regen noch aus einer einzigen
grauen Wolke herab, die mitten in dem klaren Blau des Himmels schwebte,
und bald vorüberzog. Ich öffnete das Fenster -- die Luft war abgekühlt
und rein. In dem kleinen Garten, den ich vor mir hatte, erhoben die
Blumen neu belebt ihre schmachtenden Kelche wieder, und die Sonne,
noch halb versteckt, gab dem Ganzen eine reizende Beleuchtung. Lange
stand ich so da, verlohren in dem lieblichen Anblick, und in einem Meer
von Gedanken, als der Schattenriß zwischen den Fenstern mir von neuem
und bedeutender als das erstemahl in die Augen fiel. Ich trat näher
hinzu, ihn anzusehn, und fand ein so interessantes, ausdrucksvolles
Profil, daß ich es lange mit stillem Antheil betrachtete. Auch die
verblichene Rose erregte meine Aufmerksamkeit -- irgend ein geheimer
Sinn, dacht' ich, muß mit ihr verbunden seyn, weil sie Justine so
sorgsam aufbewahrt, wie ein Heiligthum der Liebe! -- Die Thür öffnete
sich, und Justine, die ein Geräusch vernommen hatte, kam herein, um
nach mir zu sehn. Einige Verlegenheit war sichtbar in ihren Zügen, als
sie mich so tief beschäftigt mit ihrem Schattenriß antraf. Doch verlohr
sie sich, als ich ihre Hand ergriff, und sie theilnehmend drückte.
Diese Blume, sagt' ich zu ihr, ist Ihnen gewiß sehr theuer, da sie noch
jetzt Ansprüche auf Ihre Sorgfalt hat, wo der Reichthum ihres Gartens
Ihnen Gelegenheit giebt, ihre Stelle schöner zu ersetzen. Schöner wohl,
erwiederte sie mit einem angenehmen Lächeln, nur sanft und zart mit
stiller Wehmuth vermischt -- schöner wohl, aber der ganze blühende
Frühling ist meinem Herzen nicht so viel werth, als diese einzige,
längst verwelkte Rose, die mich an die glücklichsten Tage meines
Lebens erinnert. Kein Thau, kein Regen giebt ihr ihre frische Schönheit
wieder -- und keine Zukunft _mir_ meine ehemalige Heiterkeit -- -- so
kommen mir unsre Schicksale verschwistert vor, und ich liebe sie auch
deshalb; -- doch ist das meinige bittrer, denn der kurze Lenz ihres
Daseyns ging ihr _bewußtlos_ vorüber -- aber in meiner Brust kann nur
der Tod das Andenken meiner Leiden verlöschen. --
Wenn das innigste Mitgefühl sie lindern kann, Justine! sagt' ich, und
wenn Sie die Erinnerung an Ihren Kummer nicht zu traurig macht, o so
entdecken Sie mir, welches Mißgeschick Sie so grausam um die Freuden
Ihrer Jugend betrog. Sie wissen zwar noch nicht, ob ich Ihr Vertrauen
verdiene, aber ich schwöre Ihnen, daß es mir heilig ist.
Meine Geschichte ist kein Geheimniß, antwortete Justine. Die ganze
Gegend kennt sie, und -- das Publikum, dem ich Jahrelang zum Inhalt
seiner Gespräche diente, ist eben so wohl von den kleinsten Umständen
unterrichtet, als ich. Als ich jede Möglichkeit verlohr, glücklich
zu seyn, da war es mir völlig gleichgültig, was die Welt von mir
dachte. Ich beschloß, die Ursach meines Elends tief in meine Brust
zu verschließen, damit zu dem Gram über den ich brütete, sich noch
der Haß und die Verachtung der Menschen gesellten, und so in nagender
Verbindung mit einander mich früher in das Grab führten, wohin ich
mich sehnte. Nur als ich einsah, daß meine Rechtfertigung ein kleiner
Trost für meine gekränkte, sterbende Mutter war -- nur da willigte ich
in ihre letzten Bitten, und stellte mein Schicksal meinen Freunden
einfach und ungeschmückt im Gewande der Wahrheit dar. Wenn die
Erzählung desselben Sie nicht ermüdet, so bin ich herzlich bereit, sie
Ihnen zu geben. Zwar ruft sie manche harte Stunde aus dem Dunkel der
Vergangenheit, aber sie führt mich auch in die schönsten Zeiten meinen
Lebens zurück, und das eine entschädigt mich für das andre.
Einige Meilen von hier liegt Mühlberg -- so heißt das kleine Dorf, wo
ich gebohren ward. -- Ihr Weg hat Sie hindurch geführt -- dicht am
Kirchhofe geht die Landstraße vorbey. Ein weißer Leichenstein blinkt
durch die dunkeln Fliederbäume, die ihn umgeben -- er bedeckt das Grab
meines Vaters. Neben ihm schlummert auch meine Mutter -- sie überlebte
ihn nur ein Jahr.
Mein Vater war Schulmeister in Mühlberg. Sein Dienst, verbunden mit
einer, für uns nicht unbeträchtlichen Einnahme, die ihm sein eignes
Vermögen gewährte, reichte vollkommen hin, uns bei wenig Bedürfnissen
und einer eingeschränkten ländlichen Haushaltung frohe Tage zu
verschaffen. Auch trug die Güte mit der wir von der Gutsherrschaft,
einer biedern adelichen Wittwe, behandelt wurden, viel dazu bei, unser
einsames Leben angenehm zu machen. Sie war meine Pathe -- täglich mußte
ich schon als Kind bei ihr seyn, und sie suchte mit mütterlicher Treue
mein Gefühl zu bilden, meinen Verstand aufzuklären, und vor allen
Dingen meinem Charakter und meinen Grundsätzen jene Festigkeit zu
geben, die uns allein, selbst im bittersten Schmerze, auf der Bahn der
Tugend erhält.
Meine Schwester, welche sechs Jahr älter ist als ich, diente ihr als
Kammerjungfer. Färber, ein junger Mensch, der die Ökonomie des Guts
besorgte, verliebte sich in sie. Ihr Herz war längst sein -- sie
entdeckten sich der gnädigen Frau, und diese, die so gern gute Menschen
glücklich sah, gab ihre Einwilligung zur Heirath und eine ansehnliche
Summe, mit welcher mein Schwager ohne Schwierigkeit diese vortheilhafte
Pachtung übernahm, und nun ganz in der Lage war, die er sich wünschte,
um meine Schwester heirathen zu können.
Ich war damahls sechszehn Jahr. Noch -- wie des gestrigen erinnere ich
mich des Tags, wo ich mit Thränen von meiner Schwester schied, die
ihrer Bestimmung folgte, und fröhlich mit dem Manne ihres Herzens in
die Ferne zog. Zwar nur ein Raum von wenig Meilen lag zwischen uns,
aber doch war er noch immer zu groß für die Liebe, mit der ich an ihr
hing. Du weinst um Philippinen, sagte die gnädige Frau, als sie meinen
Schmerz bemerkte. Auch ich empfinde ihren Verlust, doch der Gedanke,
daß sie glücklich ist, macht mich wieder heiter, und auch Dich, mein
Kind, wird er nach den ersten Tagen ihrer Abwesenheit freundlich über
ihre Entfernung trösten. -- Trennung ist nun einmahl das Loos des
menschlichen Lebens, und wenn uns nur kein Unglück von unsern Lieben
scheidet, so läßt sie sich mit leichtem Muthe ertragen. Ich sehe dem
Augenblick entgegen, wo auch Du von mir ziehen wirst, und doch -- so
ungern ich Dich auch entbehren würde, so würde ich doch -- und müßte
es schon morgen seyn -- Dir eben so wenig Hindernisse in den Weg
legen, wie Deiner Schwester, denn der Beruf eines Mädchens ist, eine
glückliche Gattin, eine gute Mutter zu seyn.
Tief prägten sich diese Worte in meine Seele, und wenn die Zukunft in
der schönsten Gestalt vor mir stand, die ihr meine Fantasie zu geben
vermochte, so waren immer die Vorstellungen: glückliche Gattin und
Mutter, mit in die süßen Bilder verschmolzen, die ich mir von meinen
kommenden Tagen entwarf.
Ich zog nun an Philippinens Stelle zu meiner Wohlthäterin, aber leider
nur, um ihr durch die zärtlichste Pflege drei traurige Wochen hindurch
so viel Dankbarkeit zu bezeugen, als in meinen Kräften stand. Eine
schmerzliche Krankheit überfiel die edle Frau, und ihr Leben verlohr
sich in eine dumpfe Bewußtlosigkeit, viel zu früh für alle die, die sie
umgaben.
Mein Kummer war so groß, wie mein Verlust. Ich kehrte in das Haus
meiner Eltern zurück, und obgleich der beständige Umgang mit der
gnädigen Frau, und die Sorgfalt, die sie auf meine Erziehung verwandt,
mir vielleicht einen höhern Grad von Bildung verliehen hatte, als
ich in dem Kreise der Meinigen fand, so wurde es mir doch leicht, die
Pflichten meines damaligen Standes zu erfüllen. Die herzliche Güte
meiner Eltern, die ich zärtlich liebte, diente mir immer mehr und
mehr zur Aufmunterung, ihnen ihr Alter leicht und bequem zu machen.
So gingen zwei Jahre ruhig hin -- ich lebte still und einsam, und war
zufrieden. -- --
Einst im Sommer, an einem heißen Nachmittage, saß ich unter dem
Nußbaum, der meines Vaters Wohnung beschattete, und -- sah bei
meiner Arbeit allmählig der Zurückkunft meiner Eltern entgegen, die
zu einem Hochzeitsschmause gegangen waren. Auf einmahl hörte ich
ein Geräusch von Pferden, das mir immer näher kam. Endlich bogen
zwei Reiter um den Gartenzaun, um den der Weg sich krümmte, und im
mäßigen Trab, doch scharf ihre Blicke auf mich geheftet, ritten sie
vor mir vorüber. Der erste trug eine glänzende Uniform von Scharlach,
goldene Tressen schmückten seinen Hut, und sein Pferdegeschirr, das
prächtig im Sonnenschein funkelte, verrieth -- wenn auch nicht einen
geschmackvollen, doch einen reichen Mann. Der andre, (hier wurde
die Erzählerin roth) der andre schien sein Jäger zu seyn. Einfach
war sein grüner Frack, aber er bedeckte die schönste Gestalt, die
ich je erblickte. Keine Tressen glänzten auf seinem Hute -- nur ein
hoher grüner Federbusch warf seinen schwankenden Schatten über das
ausdrucksvolle, herrliche Gesicht, und milderte den Glanz der schönen
schwarzen Augen, mit denen er fest auf den meinigen ruhte. Ich sah
ihnen lange nach -- plötzlich wandte der Erste sein Pferd, und spornte
es zurück nach mir. Dürft' ich Dich wohl um ein Glas Milch bitten,
mein schönes Kind! sagte er mit abgezogenem Hute. Der Tag ist schwül,
und Dein freundliches Gesicht läßt mich hoffen, daß Du gastfrey seyst.
Der Jäger hielt in einiger Entfernung. Er zog den Hut nicht ab, doch
lag in allen seinen Mienen ein gewisses Etwas, das mich grüßte, ein
Etwas, das mein Herz mit süßen Ahndungen bewegte, ob ich es gleich
nicht zu nennen wußte.
Ich stand bereitwillig auf, die Bitte des Fremden zu erfüllen. In eben
dem Moment war er vom Pferde, das er dem Jäger zu halten gab, und nun
folgte er mir in's Haus, wo ich ihm nicht ohne einige Verlegenheit die
Thür unseres Wohnzimmers öffnete. Rasch flog ich nun die Treppe in
den Keller hinunter, und als ich mit der Milch wieder herauf stieg,
begegnete mir fest und liebend Lorenzens Blick, (so hieß der Jäger,)
der sich, den Zügel des Pferdes in der Hand, an der offenen Hausthüre
lehnte.
Ach, fuhr Justine mit gerührter Stimme fort, lange Jahre, Jahre
voll herzzerreissenden Kummers liegen zwischen diesem Blick und der
Gegenwart, aber noch immer macht seine Erinnerung alle meine Nerven
erbeben, -- noch immer strahlt er mir entgegen mit dem vollen Ausdruck
des Antheils und der Liebe, die er mich leise errathen ließ, und nur,
wenn dies Herz einst in Staub zerfällt, wird es das Andenken jener
kostbaren Minute verlieren, das in allen guten und bösen Stunden meines
Schicksals beglückend mich umschwebte, -- -- oder wenigstens doch
mildernd.
Ich fing an zu zittern, -- in meiner Brust, die noch keinem Manne
entgegen geschlagen hatte, regten sich mit süßem Schauder die
Erstlingsgefühle der Liebe. Ich bot ihm das Glas, -- lächelnd schlug
er es aus, und sagte: es ist ja für meinen Herrn bestimmt. -- Nehm
Er es nur, -- ich hole Seinem Herren ein anderes, versetzt' ich, und
erröthend reicht' ich es ihm wieder. Ich wollte gehn, aber er ergriff
meine Hand, und mit einer Rührung, die ihm ach so gut stand, sagte er:
Liebes, liebes Mädchen, Du scheinst so brav zu seyn, -- bleib es immer,
und der Himmel wird Dir's lohnen. Ein Geräusch an der Thür unterbrach
ihn, und erinnerte mich an seinen Herrn. Eilig flog ich fort, um seine
Ungeduld nicht zu erregen, aber mein ganzes, besseres Ich blieb bei
Lorenz zurück.
Als ich mit der Milch ins Zimmer trat, kam mir der Herr im
Scharlachrock mit einer widrigen Freundlichkeit entgegen. Du hast
mich lange warten lassen, mein Kind, sagte er mit glänzenden Augen,
die einen unangenehmen Eindruck auf mich machten, weil sie mich an die
schöneren Augen erinnerten, die ich eben jetzt, wider meinen Willen,
verlassen hatte. Dafür sollst Du mir auch Gesellschaft leisten, und
mir erzählen, wer Du bist, was Deine Eltern treiben, und ob man nicht
mit Geld und gutem Willen Deine Lage verbessern kann. Mich dünkt, Du
bist viel zu hübsch und artig für die Dürftigkeit, in der ich Dich
finde, und wenn Du den Antheil eines zwar neu erworbenen, aber gewiß
herzlichen Freundes benutzen willst, so kannst Du über mich gebieten.
Ich war zwar nicht im Überfluß, aber doch in einem unserm Stande
angemessenen Wohlstand aufgewachsen, und dünkte mir nichts weniger, als
arm zu seyn. Lachend versicherte ich dieß dem Fremden, und setzte ihm
die Vermögensumstände meiner Eltern in dem hellen Licht auseinander,
in dem sie mir selbst erschienen. Er hörte mich verwunderungsvoll an.
Es ist wahr, sagte er ernst, Du bist reicher, als ich dachte, denn die
Zufriedenheit mit Deinem Schicksal ist ein Schatz, den kein Königreich
erkaufen oder bezahlen kann.
Nachdenkend ging er auf und nieder, nur dann und wann traf mich sein
forschender Seitenblick, und jagte eine schüchterne Röthe auf meine
Wange, denn das unlautere Feuer, die tückische Arglist, die in ihm
brannte, war nicht geschaffen, mir Vertrauen einzuflößen, ob ich
gleich in der glücklichen Unerfahrenheit meines Herzens sie noch nicht
für sichere Kennzeichen einer verworfenen Seele hielt. Es konnte
ihm unmöglich entgehen, daß mir seine Gegenwart peinlich war, aber
demungeachtet gab er mir beim Abschied die Versicherung, nächstens
wieder zu kommen, um die Bekanntschaft meiner Eltern zu machen. Ich
bin der Kammerherr Mehrfeld von Spillingen, sagte er zu mir, als er
schon zu Pferde saß, denke zuweilen an mich, mein Kind! Er begleitete
diese Worte mit einem glühenden Blick, und ritt dann vorüber. Lorenz
zögerte noch. Wenn ein günstiger Zufall meinen Namen in Dein Gedächtniß
zurückruft, fragte er, wirst Du Dich dann gern und freundlich meiner
erinnern? -- Der Ton seiner Stimme, der tiefes Gefühl verrieth, weckte
das meinige zu stiller Wehmuth, die ich mir selbst nicht enträthseln
konnte. Ich reichte ihm meine Hand und schwieg; -- mir war das Weinen
so nahe! -- Er drückte sie sanft, und schwang sich mit einem Seufzer
aufs Pferd. Dann gab er ihm die Spornen, und sprengte dahin. -- Mir
war, als müßt' ich ihn halten. -- Ich trat mitten auf die Landstraße,
und blickte ihm nach, so lange ich konnte. Durch eine neidische
Krümmung des Weges verlohr ich ihm bald aus den Augen, aber darum nicht
aus dem Sinn. Schwermüthig ging ich zurück, -- sein Bild schwebte immer
um mich mit dem ganzen, einfachen Zauber der Wahrheit und der Liebe.
Sehn Sie, sprach Justine, indem sie das Fenster öffnete, und mir durch
eine Lücke ihres Gartenzaun's einen waldigten Berg zeigte, der in dem
blauen Nebel der Entfernung gehüllt, in tiefer Perspective der Aussicht
Gränzen zog, sehn Sie den weißen Punkt da oben am Gipfel jener Anhöhe?
Das ist Schloß Spillingen, wo ich so glücklich, und ach! so unglücklich
war! Dort lebte der Kammerherr des Sommers, -- den Winter über fesselte
ihn sein Dienst und seine Neigung an die Residenz.
Selbst wenn die schwarzen Augen des schönen Jägers nicht so allgewaltig
in mein Herz gedrungen wären -- selbst dann hätte ich wohl oft an diese
kleine Begebenheit gedacht, die den stillen Gang meines gewöhnlichen
Lebens auffallend unterbrach. So bald meine Eltern nach Hause kamen,
erzählt' ich ihnen den Besuch des Kammerherrn; aber ich weiß selbst
nicht, warum es mir unmöglich war, auch Lorenzo's zu erwähnen. Ich
konnte mich nicht überwinden, von ihm zu sprechen, und doch war er
der Inbegriff aller meiner Gedanken, und die Hauptfigur auf der Tafel
meiner zärtlichsten Erinnerungen. Mangel an Vertrauen zu meinen Eltern
war es nicht, was mich zurückhielt, denn ich hing mit kindlicher
Offenheit und Liebe an ihnen -- aber dennoch, so sehr auch mein
beklommenes Herz Erleichterung bedurfte, dennoch versagt' ich sie mir
durch das tiefste, festeste Schweigen, das mir auf der einen Seite süß,
auf der andern aber drückend war.
Meines Vaters Lieblingsbeschäftigung war Blumengärtnerei. Ihr widmete
er alle seine Nebenstunden, und wenn sein beschwerliches Amt ihn
bisweilen ermüdet, oder verstimmt hatte, so fand er am sichersten bei
seinen Blumen gute Laune und Erholung wieder. Vorzüglich sorgfältig
wartete er eine Nelkenflor ab, die sein höchster Stolz und seine
höchste Freude war, und die für den Liebhaber, selbst für den Kenner
viel Werth hatte. Wenn dann und wann jemand bei uns einsprach, und es
war Sommer, so pflegte er seine Gäste gern sogleich in den Garten zu
führen, und mit frohen Blicken belauschte er die Bewunderung, die sie
seinen Zöglingen zollten. Unermüdbar war er dann, den Namen einer
jeden Nelke zu nennen, und die Erfahrungen mitzutheilen, die er sich
durch seinen genauen Umgang mit der Natur und durch seine aufmerksamen
Beobachtungen erworben hatte. Auch mocht' er gern von den Sorten
sprechen, die ihm noch fehlten, und dankbar nahm er jede Belehrung
und jede Bemerkung auf, die in sein Lieblingsfach paßte. Er war zwar
immer gegen mich voll Güte und väterlicher Liebe, aber nie nannte er
mich in einem zärtlichern Tone seine liebe Justine, als wenn ich mich
beschäftigte seine Blumen zu pflegen, wenn ich Wasser zum Begießen
herbei trug, oder sonst Antheil und Freude an ihnen bezeigte.
Wenig Tage nach jener, mir unvergeßlichen Bekanntschaft saß ich still
bei meiner Mutter und arbeitete. In die rosenfarbnen Träume, mit denen
die Liebe so gern spielt, mischten sich dunkle, melancholische Farben,
denn ich fing an zu zweifeln, daß Lorenz sich eben so warm für mich
interessirte, wie ich mich für ihn; -- was würde ihn sonst abhalten,
dacht' ich mißmüthig, auf den Flügeln der Sehnsucht zu mir zu eilen,
wenn sein Herz dem Wiedersehn eben so innig entgegen klopfte, wie das
meine. -- Daß diese Besorgniß, durch manche liebliche widersprechende
Ahndung versüßt, nicht geschaffen war, mich in eine gesprächige
Stimmung zu versetzen, ist wohl natürlich, und eben war meine Mutter im
Begriff, mich um die Ursach meines ungewöhnlichen Stummseyns zu fragen,
als mein Vater mit dem freundlichsten Gesicht von der Welt zu uns in's
Zimmer trat.
Denkt Euch nur, rief er frohlockend, ich werde noch die Freude haben,
daß meine Nelkenflor weit und breit berühmt wird. Der Kammerherr
Mehrfeld, der doch selbst, wie man sagt, auf seinem Gute Spillingen
die schönsten Garten-Anlagen, und eine vollkommene Blumensammlung hat,
ist neugierig geworden, die meinige zu sehn, da er sie allenthalben
loben hört. Binnen einer Stunde wird er nebst seiner Gemahlin hier
seyn -- dies meldete mir eben sein Jäger, ein feiner Mensch, den er
vorausgeschickt hat, zu fragen, ob ich zu Hause wäre.
Meine Mutter schob ernst das Spinnrad weg, und schüttelte den Kopf. Der
Kammerherr war ihr durch den Ruf längst als ein Mann von schlechten
Sitten bekannt. Daß er im Vorüberreiten sich von mir ein Glas Milch
geben ließ, da ich ihm gleichsam begegnete, hatte sie nicht auffallend
gefunden; aber daß er so lange bei mir verweilte -- daß er so gar sein
Geld und seinen guten Willen mir antrug, und schon damahls, wo er
noch kein Wort von unsern Nelken wußte, einen baldigen Besuch gegen
mich erwähnte, den er uns zu machen wünschte -- das hatte sie, als ich
es ihr gleich nachher erzählte, mit einem bedeutenden Kopfschütteln
beantwortet, das jetzt, als sie es wiederholte, noch stärkere
Schattirungen von Mißtrauen an sich trug, wie das erstemahl. Der
Zusatz: mit seiner Gemahlin, verscheuchte indessen wieder die Falten
aus ihrem Gesicht, und sie eilte so sehr als ich, um Anstalten zum
Empfang unsrer vornehmen Gäste zu machen.
Die frohste Empfindung meines Lebens durchdrang mein Innres mit
all' den Entzückungen, die Hoffnung und Gewißheit im freundlichen
Wechsel dem liebenden Herzen gewähren können, das alle seine Wünsche
in einen einzigen zusammendrängt, der seiner schönen Erfüllung sich
nähert. Ich werde ihn wiedersehn! -- dieser Gedanke verschlang jede
andre Vorstellung, und wiegte mich in himmlisch süße Fantasieen. Die
schwarzen herrlichen Augen, mit denen er so tief in meine Seele blickte
-- ich sah sie vor mir, wie er sie sanft und zärtlich unter den dunklen
Wimpern empor schlug -- ich übersetzte ihren rührenden Ausdruck in
Worte, und es war ein Bekenntniß der Liebe, dem mein ganzes Wesen mit
leiser Sehnsucht, mit glühender Leidenschaft entgegen wallte. Ich
werde ihn wiedersehn! -- diese liebliche Aussicht trieb mich in meine
Kammer, und mit eben so viel Eil als Sorgfalt legte ich mein bestes
Sonntagskleid an -- und als ich den Wagen heranrollen hörte, und durch
die zugezogne Gardine meines Fensters den geliebten Lorenz erblickte,
der ihn zu Pferde begleitete -- da warf ich noch einmahl einen Blick
der Unzufriedenheit, daß ich nicht hübscher war, in meinen kleinen
Spiegel, und dann trat ich hervor, und hieß den Kammerherrn und seine
Gemahlin willkommen.
Diese letztere war eine schöne Frau, die durch ihre Gestalt und ihre
Manieren beim ersten Anblick eine günstigere Meinung erregte, als
ihre Denkungsart bei näherer Bekanntschaft verdiente. Ihr Umgang mit
der großen Welt hatte der Herablassung, mit der sie geringere Leute
zu behandeln pflegte, etwas unendlich feines und anmuthiges gegeben.
Jede Verlegenheit, die aus ungleichen Verhältnissen entsteht, wußte
sie mit ihrer einnehmenden Freundlichkeit aus dem Kreise zu entfernen,
der sie umgab, und ob gleich ihr Verstand weder sehr gebildet noch
lebhaft war, so machte doch ihre geistreiche Miene, daß man selbst die
alltäglichsten Einfälle, die sie hatte, immer für witziger und feiner
hielt, als sie wirklich waren.
Kaum hatte mich der Kammerherr bemerkt, als er seiner Frau einen
leichten Wink nach mir hin gab, wobei er ihr einige Worte auf
französisch sagte. Sie sah mich lange mit ihren hellen, forschenden
Augen an, und theilte dann das schlaue Lächeln, das auf ihren Lippen
schwebte, unter ihn und mich. Beide führten noch einige Minuten ein
sehr lebhaftes Gespräch, und ob ich es gleich nicht verstand, so sagten
mir doch ihre Blicke und mein Gefühl, daß ich der Inhalt desselben war.
Es endigte sich mit einem Kuß, den der Kammerherr zärtlich auf ihre
Hand drückte -- hierauf folgten sie meinem Vater, der vor gutmüthiger
Ungeduld brannte, ihnen seine Schätze zu zeigen, und meine Mutter und
ich begleiteten sie in den Garten.
Der Kammerherr gab sich die Mine eines Kenners -- um so mehr
schmeichelte der laute entschiedene Beifall, mit dem er alles
überhäufte, was er sah, und die bewunderungsvollen frohen Ausrufungen
der gnädigen Frau vollendeten den Triumph meines Vaters, den die
Lobsprüche, die man ihm ertheilte, in die heiterste Stimmung
versetzten. So ungern er sonst seine Blumen einem andern Schicksal als
ihrem langsamen Verblühen, Preis gab, so machte er diesmahl doch eine
Ausnahme, und hieß mir, die schönsten derselben in einen Straus winden,
um ihn der Kammerherrin zu überreichen. Ich flog an's Nelkenbeet und
erfüllte sein Verlangen, nur _eine_ Nelke -- mein Liebling unter allen
-- einfach an Farbe, aber von herrlichem Geruch -- -- diese brach ich
für mich, und behielt sie zurück, weil ich eine schönere Bestimmung
für sie ahndete. Mir war, als stände Lorenz vor mir, und verlangte sie
mit flehendem Blicke, als ein Unterpfand meiner Gunst. Ich barg sie
tief in meinen Busen, den seelige Hoffnungen schwellten, -- Hoffnungen,
die in das Morgenroth der Liebe getaucht, kaum in der Erfüllung so
süß, wie in ihrem Entstehen sind, -- -- und mit eilenden, und dennoch
zögernden Schritten ging ich ins Haus, wo mich sein Anblick erwartete.
Den Ausdruck eines herzlichen, arglosen Vertrauens in seinen Zügen kam
er mir freundlich entgegen. Theure, liebe Justine! sagte er, denn er
hatte meinen Namen nennen hören, -- ich freue mich sehr, Dich wieder
zu sehn! -- Der Ton seiner Stimme bekräftigte dieß, und drang wie
eine schöne Melodie tief und lieblich in meine Seele. Ich mich auch,
versetzt' ich leise, und stand vor ihm mit gesenktem Auge, -- Wir
wechselten noch einige Worte, -- ich weiß nicht mehr, welche. Mein
Herz klopfte voll süßer Betäubung, -- auch Er schien innig bewegt.
Ohne zu wissen, wie? hielt ich die Nelke in der Hand, und als ich
aufsah, bemerkt' ich, daß er eine Rosenknospe von seinem Hute nahm. Wir
blickten uns lange schweigend an, -- sein Auge bat, -- ich reichte ihm
die Blume hin, die in meinen Händen zitterte, -- er gab mir dafür die
Rose, und ich preßte sie mit Innigkeit an meine Brust; -- es war, als
hätte sich der Tausch der Blumen auch über unsre Herzen erstreckt! --
Dieß ist jene Rose, fuhr Justine mit dem stillen Ernst der Wehmuth
fort, und wieß auf den Schattenriß, mit dem sie verbunden war. Heilig
hob ich sie auf, als ob mir damahls ahndete, daß mir nicht viel von den
schönen Tagen übrig bleiben würde, die sich an diese köstliche Stunde
knüpften, und die eben so schnell als unaufhaltsam vorüber flohn. Lange
Zeit, -- als ich noch nicht so ruhig war, als jetzt, -- konnte ich sie
nicht ohne Thränen sehen; endlich aber besänftigte sich mein Schmerz,
und seitdem hab' ich manchen angenehmen Augenblick in ihrem Anschauen
zugebracht. Wenn dann die Reihe meiner süßesten Erinnerungen sich
glänzend aus der trüben Vergangenheit erhob, o dann schlug ich mein
Auge, zwar feucht, doch ruhig gen Himmel, und dachte: Du hast mir viel
Freuden gegeben, -- darf ich murren, daß Du mir sie wieder genommen
hast, da es das Loos eines jeden Sterblichen ist, Glück und Unglück zu
tragen, wie Deine Vaterhand es austheilt. -- Dieser Gedanke goß Frieden
in meine Seele, wenn sie auch zuweilen noch stürmte, und immer rufe ich
ihn mir zurück, wenn eine Klage wider die Härte meines Schicksals in
mir laut werden will.
Die Minuten, von denen ich jetzt spreche, gehören mit unter die
glücklichsten meines Lebens. Lorenz war mir näher getreten, -- seine
Wangen glühten, -- seine Augen strahlten ein Feuer, das rein wie sein
Herz, glühend wie seine Liebe mein Inneres sympathetisch durchströmte.
Er faßte meine Hand, -- willig ließ ich sie ihm, und erwiederte leise
den Druck der seinigen. In einem süßem Vergessen meiner selbst verlohr
ich die ganze Welt, -- verlohr ich Vergangenheit und Zukunft aus den
Augen, -- nur die Gegenwart fühlte ich, die wie ein Engel der Freude
mir lächelte. Lorenz drückte mich an seine schlagende Brust, und der
erste Kuß, den ich noch je von einem Manne, außer meinem Vater empfing,
verschloß meine brennenden, schweigenden Lippen, die sich vergeblich zu
reden bemühten.
Mir war höchst sonderbar. Wir hatten so wenig zusammen gesprochen,
und dennoch war ohne Worte eine Vertraulichkeit unter uns entstanden,
in der ich zwar nichts strafbares fand, die mich aber doch erröthen
machte, da ich mir nicht erklären konnte, wie es zugegangen war. --
Ich werde Dich nun öfter sehn, Justine! sagte Lorenz, aber so sehr ich
auch dieß wünsche, so gefällt mir doch die Art und Weise nicht, wie es
geschehen soll. Weißt Du, daß Dich die gnädige Frau als Kammerjungfer
zu sich nehmen will?
Mich? rief ich voll Erstaunen. Sie hat mich ja heute zum erstenmahl
gesehen. --
Das thut nichts, antwortete Lorenz mit einem bittern Lächeln, dafür hat
Dich der Kammerherr zweimahl gesehen, und mich dünkt, schon einmahl ist
genug, um sich in Dich zu verlieben.
Und wenn dieß auch wäre, versetzt' ich verlegen, so würde dieß doch
gewiß kein Bewegungsgrund für die gnädige Frau seyn, mich in ihre
Dienste zu nehmen.
Du kennst die Welt noch nicht, gutes, unschuldiges Geschöpf! sagte
Lorenz, aber in unserem Hause wirst Du sie kennen lernen, und wenn
auch gleich von einer schlechten Seite, doch gewiß nicht zu Deinem
Nachtheil. Denn das unverdorbene Herz, das Dir aus den Augen blickt,
wird Dich die Künste der Verführung verachten lehren, und je mehr
Du dort Gelegenheit hast, das Laster zu beobachten, je fester wirst
Du Dich an die Tugend ketten. Selbst die schönen, entschuldigenden
Namen, die man sogar den abscheulichsten Verbrechen giebt, werden
Dich nicht blenden, und Beispiele, die andre unwiderstehlich mit sich
dahin reißen, werden für Dein edles Gemüth nur Bilder der Warnung
seyn. Es ist Sitte unter vielen vornehmen Leuten, die sich nicht aus
Liebe, sondern aus Ehrgeiz, oder um des Geldes willen, geheirathet
haben, sich gar nicht um einander bekümmern, und sich keineswegs zu
stören, oder Zwang anzuthun, sie mögen nun etwas gutes oder etwas böses
im Sinn haben. Auf einen solchen Fuß lebt der Kammerherr mit seiner
Gemahlin. Sie hat immer ihren erklärten Liebhaber. Kömmt dieser, so
ist der Herr so galant, ihm Platz zu machen; er verreiset -- oder
kommt ihm wenigstens nicht zur ungelegenen Zeit in den Weg. Dazu
gehört nun freilich viel Gefälligkeit, denn die gnädige Frau ist sehr
veränderlich, und wechselt fast mit jedem Mondenlicht ihre Anbeter.
Aber dafür ist sie auch dankbar, und thut wieder alles mögliche, was
sein Vergnügen vermehren kann. Mit ihrer Bewilligung hält er sich
immer eine, oder auch mehrere Maitressen, und nicht selten führt sie
selbst die armen Schlachtopfer seiner Wollust entgegen, die sein
gieriges Auge sich ersehen hat. Sie lobt oder tadelt seinen Geschmack
ganz unpartheiisch, und findet es höchst spaßhaft, daß sie meistens
alle drei Vierteljahr genöthigt ist, eine andre Kammerjungfer zu
nehmen. -- Warum ist sie denn dazu genöthigt? fragt' ich mit aller
der Unschuld meines damaligen Alters, die noch kein Blick in die
verdorbenen Sitten der großen Welt entweiht hatte. Lorenz wurde roth
-- er schlug die Augen nieder, und besann sich. O wie verschönert
Bescheidenheit den Mann wie das Weib! Diese Bemerkung macht' ich bald
darauf, als der Sinn seiner vorigen Rede sich klärer mir entwickelte.
Justine! sprach er verlegen -- ich kann Dir nicht deutlich sagen,
warum? Die Ausschweifungen des Kammerherrn -- -- denk Dir das übrige,
und wenn Deine reine Seele keine so schmutzigen Vorstellungen zu fassen
vermag, so begnüge Dich damit, mir zu glauben, daß der Kammerherr ein
sehr schlechter, und für die meisten Deines Geschlechts gefährlicher
Mann ist.
Meine Wangen waren mit den seinigen erröthet; -- ich suchte dem
Gespräch eine andre Wendung zu geben. Ist's aber auch Recht, sagt' ich
zu ihm, daß Er so freimüthig die Fehler Seines Herrn entschleiert? --
Wenn ich es thue, versetzte er sanft und ernst, so geschieht es, weil
die Wahrheit mir heilig ist, sie mag Tugenden oder Laster beleuchten,
und weil ich es nicht einer bittern Erfahrung überlassen will, Dir
den Abgrund zu zeigen, den Du _kennen_ mußt, um ihn zu vermeiden. O
Justine, fuhr er mit einem Seufzer fort, es ist hart -- sehr hart für
mich, einem Menschen dienen zu müssen, den ich verachte. Härter noch
ist's von dem Verhängniß, daß es alle Macht, mich zu beglücken eben
in _die_ Hände legte, aus denen ich so ungern Wohlthaten empfange.
Doch nein -- ich übereilte mich. Ich that dem Schicksal Unrecht.
-- Mehr Macht, als ihm, gab es _Dir_ im ersten Augenblick unserer
Bekanntschaft, über das Wohl oder Wehe meiner Zukunft zu entscheiden. O
laß mich hören, wie Du sie anwenden willst? --
Er stand vor mir mit liebetrunknen, gerührten, strahlenden Blicken,
und hielt meine bebenden Hände zwischen den seinen. Ich verstand seine
Frage, denn das liebende Herz, das in seinen Augen sich mahlte, war
für das meine kein Räthsel mehr -- aber Schaam und Schüchternheit
verschlossen meine Lippen, und so gingen einige Momente schweigend,
aber unvergeßlich glücklich vorüber. Nun, Justine! sagt' er leiser, da
ich nicht antwortete, willst Du mir kein Wort der Hoffnung sagen? -- Du
hast mich verstanden -- ich seh es an Deinem Erröthen. Darf ich hoffen,
wenn einst eine günstige Wendung meiner Lage mir ein ruhiges Plätzchen
giebt, was uns beide ernähren kann -- darf ich hoffen, daß Du es dann
mit mir theilen wirst? --
Die Offenheit seines Wesens, und die Zärtlichkeit, die in dem Tone
seiner schönen, kraftvollen Stimme lag, lockte süße Thränen in mein
Auge. Verstellung war mir fremd -- und hätte ich sie auch gekannt
-- diese Minute war zu heilig, um hinter ihrem neblichten Schleier
die mächtigen, großen Gefühle zu verbergen, die meine Seele auf den
Schwingen der Liebe zu ihm erhob. Unwillkührlich breiteten sich statt
einer Antwort meine Arme aus -- ich fühlte sie innig von den seinigen
umschlungen, und an seine Brust geschmiegt, meine heiße Wange bedeckt
von seinen Küssen, wand die Umarmung mit der ich ihn an mich schloß,
zum heiligen Schwure, der ihm Liebe und Treue gelobte.
Wir kehrten endlich aus den höhern Regionen, in denen wir schwärmten,
zur wirklichen Welt zurück -- aber wie verändert schien mir diese
seit dem seligen Augenblick, der unsre Herzen vereinigt hatte.
In ungetrübter Klarheit, wie in einem Lichtmeer schwammen alle
Gegenstände, die mich umgaben; Liebe und Hoffnung strahlten ihren
goldenen Schimmer auf die Zukunft, die mir sonst nur in nächtliches
Dunkel gehüllt, erschienen war.
Aber Lorenz, sagt' ich endlich, und ohne zu wissen wie es zuging,
verlohr sich das schüchterne Er, mit dem ich ihn zuerst angeredet
hatte, in das vertrauliche, süße Du der hingebenden Liebe, -- kannst Du
mir wohl dazu rathen, daß ich einwilligen soll, wenn die gnädige Frau
mir anträgt, ihr zu dienen? Nach der Schilderung, die Du mir von ihrem
häuslichen Leben entworfen hast, schaudert mir vor dem Gedanken, mit
hinein verwickelt zu werden. Ich bin zu einfach -- krumme Wege kann ich
nicht gehen, und wenn sie selbst zu Glanz und Reichthum führten. Auch
ist mir es unmöglich, von außen kalt zu seyn, wenn in meinem Innern
warme Empfindungen sich regen. Ich werde es verrathen, daß ich Dich
liebe -- ich werde den Kammerherrn mit Abscheu zurückweisen, wenn er es
wagt, mir unanständige Anträge zu thun -- -- ich werde seiner Gemahlin
nicht verhehlen können, daß ich ihre Gesinnungen und ihre Lebensart
verachte -- -- mit einem Wort, ich tauge nicht unter Menschen, die ich
nicht schätzen kann.
Entzückt drückte Lorenz seine warmen Lippen auf meine Hand. O Justine!
rief er aus, wenn Du wüßtest, wie sehr ich Dich liebte, Du müßtest
mir für das hohe Vertrauen danken, daß ich in Deine Tugend setze, und
mit dem ich Dich bitte, allen den Stürmen, die dir entgegen brausen
werden, zum Trotz, dennoch nach Spillingen zu ziehn. Es ist das
einzige Mittel, uns künftig sehen zu können, denn meine jetzige Lage
erlaubt mir noch nicht, öffentlich um Dich zu werben. Mein Dienst ist
streng, und verstattet mir nur höchst selten eine freie Stunde, und
auch diese nicht, ohne daß meine übrigen Verhältnisse meinen Willen
nicht auf's äußerste beschränkten. Wollte ich auch des Nachts zu Dir
eilen, so könnte dieß nur mit der größten Behutsamkeit von Deiner und
meiner Seite geschehen, und wenn irgend ein Lauscher es ahndete, so
wär' es mit dem Verlust Deines guten, unbescholtenen Rufs verbunden,
der mir noch theurer ist, als der meine. Der Kammerherr hat bisher
meistens nur mit gemeindenkenden leichtsinnigen Dirnen zu thun gehabt,
die seinen Wünschen auf halbem Wege entgegen kamen. Der Widerstand,
den ein _edles_ Mädchen dem Laster thut, ist ihm fremd, und wird ihn
wenigstens beschämen, wenn auch nicht bessern. Überdieß haben wir
dort Gelegenheit, uns täglich zu sehn, ohne den mindesten Verdacht zu
erregen, und bei der kleinsten Gefahr, die ich für Dich ahnde, werd'
ich Maßregeln treffen, Dich zu retten, kost' es mir auch was es wolle.
Selbst die vortheilhaften Aussichten und Hoffnungen, auf die ich jetzt
in Gedanken unser künftiges Glück baue -- selbst die werd' ich mit
frohem Muthe Dir opfern, wenn es Deine Sicherheit verlangt. -- Seine
Augen fingen an zu blitzen -- Kraft und Entschlossenheit erhoben seine
Stimme. -- Ja, fuhr er dann fort, indem er mich heftig mit beiden
Armen umschloß -- selbst wenn ich genöthigt wäre, jedes Verhältniß zu
zerreißen, das mir ehedem heilig war -- hier an diesem Herzen würde ich
dennoch, auch in der bittersten Armuth Ersatz finden, wenn es nehmlich
nie aufhört, mich zu lieben!
Der männliche, ernste Muth seines Ton's knüpfte mich mit den Banden
des innigsten Vertrauens an sein Wesen. Und wäre die Welt in diesem
Augenblick zu Grunde gegangen, -- heiter hätte ich _neben ihm_ auf
ihren Trümmern gestanden, und mit stolzer Zuversicht auf seine Kraft,
Werke der Allmacht von seinen Händen gefordert. -- --
Die Stimme meiner Mutter, die mich rief, endigte unsre Unterredung.
Ich hüpfte froh und sorgenlos in den Garten, denn mit der Gewißheit,
geliebt zu seyn, flammte alles um mich her im Sonnenglanz jener
trügerischen Hoffnung, welche in dem Frühling der Liebe und des
Lebens uns schmeichelt, daß seine Blüthen unverwelklich duften, und
daß kein Sturm sie zu entblättern vermag. Muthig glaubt' ich allen
Widerwärtigkeiten, -- selbst der dunkelsten Zukunft, -- trotzen zu
können, und dieß hohe überspannte Zutrauen in die Kräfte meines Herzens
und meiner Seele gab mir eine Heiterkeit, die mich zum beneiden
glücklich machte.
In einer Hollunderlaube des Gartens hatten sich die Herrschaften
niedergelassen. -- Der Kammerherr suchte die Freude über seinen schon
halb gelungenen Plan hinter einer gleichgültigen Miene zu verbergen,
die ihm aber nicht recht glücken wollte. Die Frau spielte mit ihrem
Arbeitsbeutel, und lächelte mir freundlich entgegen. Auch mein Vater
blickte mich mit Wohlgefallen und Zufriedenheit an, -- nur das ernste
Gesicht meiner ehrwürdigen Mutter verrieth mir Spuren der Bekümmerniß,
die ihr Herz meinetwegen empfand. Komm näher, liebes Mädchen, sagte die
Kammerherrin, komm näher und entscheide. Ich habe den bösen Vorsatz,
Dich zu entführen, weil ich glaube, daß Anlagen in Dir stecken, die
eine Entwickelung verdienen, und die Dich weiter bringen können, als
Dein verborgenes Leben hier unter den Deinigen. Ich will Dich mit mir
nehmen, und wenn Du Dich gut aufführst, werd' ich treulich für Dich
sorgen. Dein Vater ist mit meinem Plan zufrieden, -- nur Deine Mutter
hat noch Bedenklichkeiten, die Du aber leicht widerlegen kannst, wenn
Du nur Lust hast, zu mir zu ziehen.
Ich war verlegen. Der Gedanke an Lorenz mußte in diesem Augenblicke der
Thräne weichen, die über die Wange meiner guten Mutter floß, und alle
meine Gefühle in Bewegung brachte. Aber bald behauptete sein Bild in
mir die Herrschaft der wahren Liebe, die alles opfern kann, nur sich
selbst nicht, -- und selbst von der mütterlichen Wehmuth, neben die
ich es stellte, borgte es einen helleren, rührendern Glanz. Bittend
sah ich ihn vor mir stehn, und auf seinen Lippen schwebten noch die
Versicherungen, die er mir von seinem Schutz und seiner Zärtlichkeit
gab. Doch das Bewußtseyn meiner Pflichten umschleierte wenigstens den
Wunsch, den ich hatte, ohngeachtet aller Unannehmlichkeiten, die mir
drohten, nach Spillingen zu ziehn. Die Entscheidung, antwortete ich,
kommt nicht mir, sondern einzig und allein meinen Eltern zu. Ihre Güte,
ihre bessere Einsicht wird für mich wählen, was zu meinem Frieden dient.
Auf diese Art kommen wir aber niemahls aus einander, versetzte die
gnädige Frau, denn Deine Eltern sind unter sich nicht einig darüber.
Es ist das erstemahl, daß ich mit meinem Manne verschiedener Meinung
bin, sagte meine Mutter. Wir haben nur dieß einzige Kind noch um uns,
-- sie ist unsre Stütze und unsre Freude. Wenn ich Justinen auch in
der Wirthschaft entbehren könnte, wo sie mir manche Sorge abnimmt,
-- manche wenigstens mit mir theilt, -- so würde sie darum doch
nicht zu Ihnen passen, denn sie ist in allen den Geschicklichkeiten
ununterrichtet, die die Kammerjungfer einer vornehmen Dame wissen muß.