Karambuco (umklammert seinen Fuß). Bei der ew'gen Sonne, bleib
zurück, ein einz'ger Schritt bringt Tod. Sieh hier mein
marmorerblichenes Weib. Dieser Boden lithographiert. Wer ihn
betritt, den zieht er als Steinabdruck heraus. Laß dein ganzes
Heer einziehen, und du wirst jeden Krieger durch ein Monument
verewigen.
Hoanghu. Zurück, du Mörder, der durch Warnung tötet, diese Grenze
schließt Alzindens Unglück ein. Ohne sie kann ich nicht glücklich
sein, und jedes Schicksal will ich mit ihr teilen. Nicht außer
diesem Reiche steht mein Leben, es ist in ihm, in ihr; ich trag' es
nicht hinüber, kann es nimmer retten, weil's mit ihr vergeht. Weg
mit der Schale, wenn der Kern verloren ist. Ist Alzindens Herz
versteinert, ist's doch meines nicht, und sucht ihr Grab. Mein ist
dies Reich, und wenn's mit Unglück kämpft, so darf der König auch
nicht fehlen. Folg', wer will. (Will über die Grenze.)
Vierundzwanzigste Szene.
Genius der Tugend tritt ihm entgegen. Vorige.
Genius. Zurück, Hoanghu, ich befehl' es dir.
Hoanghu. Wer bist du, Lichtgestalt?
Genius. Ich bin die Tugend, deiner Gattin, deines Landes
Schutzgeist. Deine Gattin hat in deinem Reich mir einen Tempel
auferbaut, drum hat Moisasur sie verflucht, wie sie dein Traum
gemalt, so lang, bis die Unmöglichkeit erfüllt, die zur Bedingung
er gesetzt.
Hoanghu. Das heißt, die Ewigkeit mit anderem Namen nennen.
Genius. Alles kann die Gottheit wenden, und zum Werkzeug hat sie
dich ersehen. Die höchste Probe hast du diesen Augenblick
bestanden. Du kannst Reich und Gattin retten, weil du dein Leben
unter deine Liebe stellst.
(Genius winkt: Die Gegend verwandelt sich in einen Wolkenhain. Die
Statue der Tugend, vor ihr ein Opferaltar. Die Geister der Tugend
in Gruppen, im Hintergrunde eine große diamantene Sonne.)
Genius. Schwöre hier, am Weihaltar der Tugend, auf ihrer Lilie
heil'gen Kelch, daß du ihr jedes Opfer bringest, wenn sie es gebeut.
Hoanghu. Ich schwör's, und wenn ich breche meinen Eid, so soll die
Quelle meinem Durst versiegen, der Baum die Früchte selbst
verzehren; so will ich König sein in menschenleerer Wüste, will
schlaflos mich im heißen Sande wälzen, und wenn mein Leib an
solcher Glut vergeht, soll die Sonne meinen Geist aus ihrem Reich
verbannen, und Moisasur ihn an seine Ferse heften.
(Hoanghu kniet, der Genius berührt sein Haupt mit der Lilie.)
Genius.
So will ich dich durch dieser Lilie Kraft,
Die alles Edle und Erhabne schafft,
Zum Retter deiner Gattin weihn.
In des Abends sanften Schein
Wirst du wieder mich erblicken,
Und auf leichter Wolken Rücken
Schweb' ich mit dir eilig fort,
Bis wir landen an dem Ort,
Wo in unbekannter Ferne,
Durch die Macht der bösen Sterne,
Deiner Gattin Leiden weilen.
Doch jetzt muß ich von dir eilen
Und des Abgrunds Tiger wecken,
Er muß seine Klauen strecken
Nach der Tugend Lilienbrust;
Bis wir sie mit Götterlust
Allem Ungemach entrücken,
Sie an unsern Busen drücken
In beglückter stolzer Ruh';
Nun leb' wohl, mein Hoanghu.
(Genius fliegt ab.)
Ende des ersten Aufzuges.
Zweiter Aufzug.
Erste Szene
In Alpenmarkt. Vorsaal im Landhause des Juwelenhändlers Rossi.
Der Hausinspektor Hänfling tritt auf mit Hausbedienten; höchstens
sechs.
Hänfling.
He, ihr Leute, schnell zur Hand!
Eure Pflicht ist euch bekannt,
Seid geschäftig, übt sie aus,
Denkt, die Herrschaft ist zu Haus.
Chor.
Wir sind willig, rüstig, flink,
Und gehorchen Eurem Wink.
Hänfling. Der gnäd'ge Herr ist nicht auf einige Tage aus der Stadt
herausgefahren, er wird diesmal drei Monate in seinem Landhaus hier
verweilen; darum nehmt euch zusammen, stoßt eure Bequemlichkeit in
die Rippen, seid flink, damit er sieht, daß ich auf Ordnung halte,
als Inspektor. (beiseite.) Wenn er fort ist, kann ich euch
manchmal durch die Finger sehen, doch so lang er hier ist, muß ich
euch auf die Finger klopfen. (Laut.) Habt ihr mich verstanden?
Alle (schreien). Ja.
Hänfling. So schreit nicht so und packt euch fort an eure Arbeit.
Und wenn der gnäd'ge Herr frägt, wie man im Hause hier mit meiner
Anordnung zufrieden ist, so antwortet als treue Diener Wahrheit und
sagt, was ich seit vierzehn Tagen jedem eingelernt: Unser Herr
Inspektor ist ein Engel. Dies merket euch, geht eures Wegs und
bleibt fein dabei stehen.
Ein Bedienter. Wir gehen unsres Wegs und bleiben dabei stehen.
(Ab.)
Zweite Szene.
Hänfling (allein). Für mich gibt's nichts Bequemeres auf der Welt,
als das Befehlen; fast jeder hat Talent dazu, der Mensch ist ein
geborner Kommandant, am besten seh' ich das bei meiner Frau. Ich
für meinen Teil, wenn ich nicht Inspektor wäre, ich würde mir
wenigstens einen Jagdhund halten, damit ich zu ihm sagen könnte
(es wird geklopft) Herein!
Dritte Szene.
Voriger. Gluthahn. Alzinde.
Gluthahn (hat Alzinden an der Hand, geht zur Türe herein). Euer
G'streng' verzeihen, ich möcht'--(zu Alzinden.) So geh herein,
mein liebe Alte, laß dich nicht so ziehen, es nützt dich nichts.
(Zieht Alzinden herein.)
Alzinde. Sklavin bin ich eines Sklaven.
Hänfling. Nun, was ist das für ein Auftritt? was will das
Lumpenpack?
Gluthahn. Werden Euer G'streng' nur nicht gar so ungnädig, ich bin
der alte Gluthahn von der Windalm hint', und möchte gern mit dem
gnäd'gen Herrn vom Haus hier reden; er kennt mich schon, ich bin
sein Holzlieferant, und wenn er unsre Alm besteigt, so bleibt er
bei mir über Nacht.
Hänfling (für sich). Das ist eine Bettelei. (Laut.) Er ist nicht
hier.
Gluthahn. Ei jawohl, ich hab' ihn ja am Fenster g'sehn.
Hänfling. Er ist doch nicht hier, und wenn Er ihn an allen
Fenstern zugleich gesehen hätte.
Gluthahn. Ja so--(Heuchlerisch.) Bitt' gar schön, Euer G'streng',
erlauben S' ihm's, daß er hier sein darf.
Hänfling. In solchem Anzug lass' ich niemand vor. Was hast du mit
dem Weibe da, was drückst du ihr die Hände so zusammen?
Alzinde (welcher Gluthahn mit der linken Hand beide Hände
zusammenklammert und sie so hält, spricht unruhig). O Fremdling,
nimm dich meiner an.
Gluthahn (heimlich zu ihr). Wann's du was sagst zu ihm, ich bring'
dich um.
Alzinde (reißt sich los von ihm und stürzt zu Hänflings Füßen).
Laß mich--(zu Hänfling) Fremdling, höre mich.
Hänfling (stößt sie von sich). Was willst du, schmutz'ge Bettlerin?
Alzinde (steht plötzlich stolz auf). Nichts von dir, gar nichts,
Freund. Ich habe dich verkannt. (Setzt sich in einen Stuhl und
seufzt.) Ach! (verhüllt ihr Antlitz.)
Gluthahn (schadenfroh). Das ist dir recht g'sund.
Hänfling. Was will das Weib?
Gluthahn. Mit Ihrem gnäd'gen Herrn möcht' s' reden.
Hänfling. Das kann nicht sein, packt euch jetzt fort, er ist nicht
hier.
Gluthahn. Er wird gleich kommen. Euer G'streng' haben ein kaltes
Gemüt, ich seh's schon, ich werd' Euer G'streng' so sechs Stoß
harts Holz hereinführen, das gibt eine rechte Glut, da taut der
Mensch schon auf. (Fein.) Euer G'streng', mir scheint, ich hör'
ihn reden drin, auf die Letzt ist er doch zu Haus.
Hänfling. Das ist nicht möglich. (Geht an die Tür und sieht
hinein.) Meiner Seel, er ist zu Haus. Wie man sich irren kann.
Ich will jetzt für Ihn sprechen; doch, daß Er sich nicht untersteht
und schickt mir einen Splitter Holz, ich lass' mich nicht bestechen.
Wenn Er es morgen bringen will, so lass' Er sich den Keller
zeigen und leg' Er es hinein, ich will nichts davon wissen.
(Abgehend.) Das ging mir ab, das wär' nicht schlecht. (Ab.)
Gluthahn. Ah, ist ein Ehrenmann, der Herr Inspektor, aber so sechs
tüchtige Stöße, die bringen einen schon vorwärts bei ihm. Nun, was
schaffst denn du, mein altes Kapital?--Wenn ich s' nur zum Weinen
bringen könnt'.
Alzinde. Mensch, was hast du mit mir vor? Welch böser Geist
bestimmt dich, so an mir zu handeln?
Gluthahn. So sei nur nicht so kindisch, liebe Alte, du verkennst
mein Herz, ich mein's ja gut mit dir, du kriegst das schönste Leben.
Sei still, der gnäd'ge Herr.
Vierte Szene.
Vorige. Rossi.
Rossi. Ah, mein alter Gluthahn, was bringt Ihn zu mir?
Gluthahn (küßt ihm die Hand). Ich küss' die Hand, Euer Gnaden,
vieltausendmal.
Rossi. Wie geht's zu Haus, was macht die Frau?
Gluthahn. I mein, allweil kränklich ist sie halt!
Rossi. Nu, da muß Er Geduld mit ihr haben.
Gluthahn. I du lieber Himmel, mein Herz, Euer Gnaden wissen's ja,
wir leben, wie die Kinder, ich gib ja acht auf sie, wie auf mein'
Augapfel. Was s' braucht, das hat s', ich opfre mich ganz auf für
sie.
Rossi. Brav, das macht Seinem Herzen Ehre. Wer ist denn diese
Alte da?
Gluthahn. Das ist ein ganz besondres Weib, Euer Gnaden, ein
solches hat noch nie g'lebt. (Zu Alzinde mit falscher
Freundlichkeit.) Geh, setz' dich nieder, liebe Alte. (Führt sie an
einen Stuhl, dann heimlich zu Rossi.) Die möcht' ich gern an Euer
Gnaden verkaufen.
Rossi. Das alte Weib? das wär' ein schöner Kauf.
Gluthahn. Die ist vernünftiger als eine Junge,--wenn eine Junge
weint, so braucht sie etwas, und wenn die Alte weint, so bringt s'
noch etwas. Das alte Weib weint Diamanten.
Rossi. Diamanten? Bist du ein Narr?
Gluthahn. Versteht sich, in mein' Sack; Euer Gnaden werden's
gleich sehen, ich lasse s' jetzt Prob' weinen, augenblicklich.
Euer Gnaden rechnen aus, was die ganze Weinerei wert sein kann,
geben mir alle Jahr einen Teil davon, kein Mensch braucht was zu
wissen, und der Handel ist geschlossen.
Alzinde (die gehorcht). Entsetzlich!
Rossi (beiseite). Der Kerl ist ein Betrüger. (Laut.) Wie kommst
du zu dem Weibe?
Gluthahn. G'funden hab' ich sie drauß im Wald.
Alzinde (springt auf). Du lügst, der Bösewicht hat mich geraubt.
Rossi. Welch' jugendliche Stimme, welche Haltung?
Gluthahn (heftig). Bist still, du--(Faßt sich plötzlich.) Setz'
dich nieder, liebe Alte. (Zu Rossi.) Mein, s' ist verrückt, sie
weiß nicht, was sie redt; das macht Euer Gnaden nichts; wenn s'
auch dumm redt, wenn s' nur vernünftig weint.
Rossi (beiseite). Ich muß klar sehen in der Sache. (Laut.) Gut,
überzeuge mich von deinen Worten, wir wollen sehen, was zu machen
ist.
Gluthahn. Euer Gnaden kaufen s' also? Hollah! jetzt geht's recht.
Jetzt nimm dich zusammen, Alte, wein', was Zeug hält.
Rossi. Weint sie denn, so oft sie will?
Gluthahn. Nu, das will ich hoffen, das ist ihr schönste
Unterhaltung. Nicht wahr, mein' liebe Alte, du weinst uns schon
ein Stückl, kriegst hernach einen Zucker. Nicht wahr, Euer Gnaden,
ein' Zucker. (heimlich zu Rossi.) Auf den Zucker geht s' wie ein
Kanari.
Alzinde (steht auf). Gemeiner Sklav', auf den die Sonne mit
Verachtung schaut, und dessen Anblick mein Gefühl empört, wie
hoffest du ein Aug' zu finden in der Welt, das sich mit Tränen für
dich füllt? Für dich darf keine Träne fließen, selbst an deinem
Sarge nicht, denn die Götter sind gerecht.
Rossi. Welch eine edle Sprache führt dies Weib!
Gluthahn. Sie ist närrisch, Euer Gnaden; sie weint uns doch noch.
Alzinde. Ich habe dich gelabt, und du hast unbarmherzig mich
gebunden und hierher geschleppt.
Gluthahn. Ist alles erlogen, Euer Gnaden, mein Herz laßt so was
gar nicht zu.
Rossi (beiseite). Sonderbarer Vorfall.
Gluthahn. Jetzt frag' ich dich zum letztenmal, ob du weinen
willst? (beiseite.) Wenn ich sie nur recht kranken könnt'. (Laut.
) Da schauen s' Euer Gnaden nur an, wie erbärmlich sie nur dasteht,
diese miserable Figur. Die rote Nase und die hunderttausend Falten,
als wenn s' für jede Sünd' ein Strichel hätt' im G'sicht. Und
Augen hat s' als wie eine Katz'. Pfui Teuxel! (boshaft lachend.)
Ha, ha, ha, ich tät' mich schämen. (Leise zu Rossi.) Helfen Euer
Gnaden mit, machen wir sie marb', damit sie weint.
Rossi (empört beiseite). Das ist ein niederträchtiger Bube, kaum
halt' ich mich zurück.
Alzinde (ergreift Gluthahns Hand und spricht mit Würde). Komm her,
es lohnt die Müh', dich näher zu betrachten. Sag' mir, bist du
denn wirklich ein Geschöpf, gebaut in seinem Innern, wie der edle
Mensch? O Sonne, sende deinen Blitz und spalte diese Felsenbrust,
damit mein Blick zu seinem Herzen kann gelangen, ob es die Form hat
eines menschlichen?--Götter, stärket meinen Geist, damit ich mich
an eurem Werke nicht versünd'ge und diese Menschen hier für redende
Hyänen halte.
Rossi. Wenn so der Wahnsinn spricht, tausch' ich meinen Verstand
dafür ein.
Gluthahn. Das ist ein schreckliches Weib, ich komm halt nicht zum
Zweck! Wenn du mir jetzt nicht weinst, so nimm ich dich mit fort
und sperr' dich ein, so lang du lebst. Sieh meinen Zorn, schau her,
er brennt, Wasser brauch' ich, lösch', lösch', mit zwei Tropfen
kannst dich retten. Nicht? so komm mit mir, in den tiefsten
Keller wirf ich dich hinunter, kein' Sonn' soll auf dich scheinen
mehr. (Er will sie fortziehen.)
Rossi (springt dazwischen). Laß sie los, du Schurke! (Packt ihn
an der Brust und schleudert ihn von ihr, springt an den Glockenzug
und reißt heftig an, man hört stark läuten, zwei Bediente springen
augenblicklich herein. Rossi sagt einem heftig etwas ins Ohr,
worauf der Bediente schnell abläuft.)
Rossi (stark). Augenblicklich, hörst du, schnell!
Alzinde (wie rasend, sinkt auf die Knie). Sonne, wenn in diesem
Augenblick du deinen Donner schmettern willst auf dies
verräterische Haupt, so rufe ihn zurück, und lasse meine Stimme
dafür gelten, damit du sie auf deinem Throne hörst. Straf' nicht
durch Tod, vielleicht ist er noch zu bekehren; durch Reichtum
strafe seine Habgier; setz' ihn auf eine öde Insel hin, doch außer
dieser Welt, damit sein Rufen nicht zu dir, nicht zu den Menschen
dringt. Dort wohne er in einem silbern' Haus, mit einem Dach von
Edelstein; schenk' ihm ein Kornfeld, das von goldnen Ähren strotzt,
damit sein Geiz sich daran labe. Jede Blume, jedes Laub sei von
Smaragd, die Früchte von Rubin, die Bäche von Kristall, damit ihn
nichts erquicke, als ihr Anblick. Dann lasse wüt'gen Hunger in
sein Eingeweide ziehn, den Durst von Fischen, die auf trocknem Land
vergehn, bis er ermattet niedersinkt auf sein smaragdnes Grab, und
seine Zunge lechzt nach einem Tropfen Tau; dann erst erfülle seinen
jetz'gen Wunsch, und ström', statt milden Regens, diamantnen Hagel
auf sein eigensinnig Haupt, damit er fühlt, wie unglücklich der
Überfluß an Reichtum macht und von dem Wahn genest, der ihn zum
Bösewicht geprägt. (Strebt die Arme gen Himmel.) Sonne, höre mein
Gebet.
Rossi. Abscheulicher Auftritt!
Fünfte Szene.
Vorige. Bediente. Vier Gerichtsdiener.
Bedienter. Die Wach' ist hier.
Rossi. Ergreift sie beide, diesen Bauer und dies Weib, vors
Gericht mit ihnen, unterdessen geh' ich zum Justiziär. (Schnell ab.
)
Gerichtsdiener (beide ergreifend). Fort mit euch!
Alzinde (freudig). Die Götter sind gerecht!
Gluthahn. So kommt man mit sein' guten Herzen an!
(Alle ab.)
Sechste Szene.
(Das Reich der Vergänglichkeit.)
(Der Vordergrund ist eine finstere Säulenhalle aus schwarzem Marmor.
Rechts von der Bühne das kolossale eherne Eingangstor zum Palaste
des Genius der Vergänglichkeit. Im Hintergrunde wogt ein
dunkelblaues Meer, magisch erleuchtet. An seinem Ufer steht auf
einem dunklen Felsstücke ein grauer Schatten und schaufelt
Lorbeerkränze, Kronen, Myrtenkränze, Perlen, Schmuck, Geldsäcke,
Poesien usw., die auf einem Haufen liegen, langsam in das Meer.
Quer über die Bühne begrenzen es als Hintergrund schwarze
Zackenfelsen, und über diese leuchtet in der Ferne die Morgenröte
der Ewigkeit hervor. Von diesem Punkte aus hört man leis ertönend
einen Chor von Genien.)
Chor.
Heil dem ew'gen Himmelslichte,
Heil dem unnennbaren Geist,
Heil, Heil, Heil!
(Der Genius der Tugend tritt mit dem Lilienstengel unter dem Schluß
des Chores von der linken Seite ein.)
Genius. Niedersteig' ich zu Alzindens Rettung in dies
lichtberaubte Reich, und begrüß' zum erstenmal das schaurige
Gestade dieses unermessnen Meeres, Vergänglichkeit genannt. Sag'
an, du fleißiger Geselle, was schaufelst du dort auf und senkst es
in den Grund des Meeres?
Schatten (mit dumpfer Stimme). Lorbeern sind's und eitle Schätze,
so die Welt für unvergänglich hält.
Genius der Tugend. Und wo haust der düstre Krösus dieser Gruft,
der stolze Erbherr alles Seins?
Schatten. Er sitzt dort in jener Marmorhalle, sinnend auf den
Untergang der Zeit.
(Der Schatten entfernt sich über den Fels in die Szene.)
Genius der Tugend. So will ich ihn aus diesem Traum erwecken, der
verderbenbringend ist.
Siebente Szene.
Dumpfe Musik. Eine Schar Geister, in graues faltiges Gewand
gehüllt, mit Sensen, zieht über die Bühne, und spricht folgenden
Chor:
Chor.
Lustig vorwärts, muntre Brüder,
Denn die Zeit steht nimmer still.
Genius der Tugend. Sag' an, wo eilst du hin, du nächtlich wildes
Chor?
Erster Schatten.
Wir sind ein lustig Schnittervolk
Und ziehen nach der Welt.
Fleißig sind wir Tag und Nacht,
Mähen Jung und Alt.
Genius. Und seid ihr froh bei solchem Dienst?
Erster Schatten. Wir haben einen harten Herrn, der niemals
freundlich blickt, doch sind wir fröhlich, herzensfroh. Lustig,
Kinder, auf die Welt. Es leb' die Pest! Es leb' der Krieg!
(Sie ziehen ab, Raben fliegen hinten drein: Qua, qua!)
Genius der Tugend. Zieh hin, du grauser Bienenschwarm, bring'
Lebenshonig heim, ich suche deinen Weisel auf. (Er schlägt dreimal
mit der Lilie an das Tor, bei jedem Schlag ertönt es mächtig von
innen.) Heraus aus deinem finstren Haus, du Schreckensfürst, der
die Vernichtung in dem Wappen führt.
(Die Pforte springt donnernd auf, der Genius der Vergänglichkeit
tritt heraus, ein finstrer stolzer Mann, trägt lange schwarze
Tunika, er hat ein bleiches Antlitz, schwarzes Lockenhaar, keinen
Bart, eine eherne Schlange um das Haupt.)
Achte Szene.
Genius der Tugend und Genius der Vergänglichkeit.
Genius der Vergänglichkeit. Wer gab dir Macht, an diese Pforte
anzuschlagen?
Genius der Tugend. Ich grüße dich, du Riesenengel, dem die Welt
erbebt, und der sie einst mit ehrner Faust zerschlägt.
Genius der Vergänglichkeit. Was willst du hier? Warum erglänzt
dein Strahlenleib in diesem Tal der Finsternis?
Genius der Tugend. Siehst du über jenem Zackenfels, der dunkeln
Grenze deines Moderreichs, die ew'ge Morgenröt' erglühn? Dort ist
der Tugend Vaterland, der Thron des großen Geists, und ich ein
Bürger seines Staats.
Aus dem hohen Wunderland
Bin ich zu dir hergesandt;
Du sollst von Moisasurs Bann
Indiens Herrscherin befrein.
Nur in deinen Armen kann
Sich ihr Lebensglück erneun.
Genius der Vergänglichkeit.
Sprichst du irre, kannst du hoffen,
Leben aus dem Tod zu ziehn?
Stehn der Hölle Himmel offen?
Macht Verwesung Blumen blühn?
Genius der Tugend.
Ich will heut ein Schauspiel geben,
Dem sich keines noch verglich;
Wo der Tod gewinnt das Leben,
Diese Rolle lehr' ich dich.
Genius der Vergänglichkeit.
Willst du mich zum Gaukler dingen,
Mich, den allgewalt'gen Tod?
Genius der Tugend.
Ich will dich zur Milde zwingen,
Durch des Himmels Machtgebot.
Genius der Vergänglichkeit.
Wer sagt, daß ich schrecklich bin?
Um sein Leben zu verbittern,
Stellt der Mensch mit bangem Zittern
Düstre Bilder von mir hin.
Schrecklich bin ich nur den Bösen,
Doch den Guten bin ich's nicht!
Bin ein Wort von ernstem Wesen,
Das Bestimmung zu ihm spricht.
Doch wie kannst du's, Lichtwurm, wagen,
Zu befehlen mir, dem Tod?
Genius der Tugend.
Dies wird dir dein Meister sagen,
Der dort thront im Morgenrot.
(Schrecklicher Donnerschlag.
Eine Stimme ertönt von oben.)
Gehorche, Sklav!
Die Ewigkeit befiehlt.
Leiser Chor der Genien.
Heil! Heil! Heil!
Genius der Vergänglichkeit.
Sturmesworte hör' ich sausen,
Widerstand ist mir geraubt,
Und vor seines Donners Brausen
Beug' ich mein gekröntes Haupt.
(Kniet und beugt sein Haupt.)
Genius der Tugend (seinen Blick erhebend).
Laß mich deine Strahlen küssen,
Sonne, die du es gefügt,
Daß der Tod zu meinen Füßen,
Wie ein Lamm geschmeidig, liegt.
Genius der Vergänglichkeit (steht auf).
Dein Befehlen zu vernehmen,
Lad' ich, Seraph, dich ins Haus;
Willst du dich dazu bequemen,
Eil' ich deinem Schritt voraus.
(Bleibt in erwartender Stellung.)
Genius der Tugend.
Komm, du Herrscher finstrer Geister,
Führ' mich in dein nächtlich Haus,
Dort verleugn' in dir den Meister,
Zeichne dich als Schüler aus;
Zeig' dem Laster, das der Jugend
Leben stiehlt mit arger List,
Daß die Kraft der edlen Tugend
Über dich erhaben ist.
(Genius der Tugend geht voraus. Genius der Vergänglichkeit folgt.)
Neunte Szene.
(Gerichtssaal in Alpenmarkt.)
Der Amtmann, ein Aktuar und Rossi treten ein.
Amtmann. Das ist ein ganz besondrer Vorfall. Den Gluthahn kenn'
ich schon, das ist der abgefeimtste Schurke, den ich je gesehn, da
muß man rasch verfahren.
Rossi. Die Zeugen kommen uns gerade recht, sie beschleunigen die
Sache.
Amtmann. Wollen Sie sich nicht gefälligst setzen?
Rossi (setzt sich). Danke.
Amtmann (läutet, Gerichtsdiener erscheint). Den Steinbrecher und
sein Weib. (Diener ab.) Das sind zwei herzensgute Leute, und so
gewissenhaft, wie eine Wage; ihrer Aussage kann ich vollkommen
glauben.
Zehnte Szene.
Vorige. Hans und Mirzel treten furchtsam ein.
Amtmann. Jetzt kommt her, ihr guten Leute, und gebt genau und
umständlich zu Protokoll, wie sich die ganze Sache zugetragen hat.
(Zum Aktuar.) Setzen Sie Ihre Feder in Bewegung.
Hans. Sehr wohl, Euer Gnaden, Herr Amtmann! Sehen Euer Gnaden,
Herr Amtmann; Mein liebs Weiberl da will nicht gern auf in der
Früh', da hab' ich den Morgen zu ihr g'sagt; liebe Mirzel, steh
doch auf, wir müssen dem Herrn Amtmann die Steuer nach Alpenmarkt
tragen. Da sagt sie ja und kehrt sich nochmal um
Amtmann. Ja, lieber Freund, das dauert mir zu lange.
Mirzel. Euer Gnaden, Herr Amtmann verzeihen, daß ich so mitten ins
Protokoll hineinfall', aber was mein Mann zusammenredt, das
begreift kein Mensch, viel weniger der Herr Amtmann, mit Respekt zu
sagen.--Die Sach' war so: Wie wir gestern morgen dem Herrn
Amtmann unsre Steuer bezahlt haben, sind wir auf unsre Alp' zurück,
und haben dort das alte Weib bei unsrer Hütte liegen g'funden, ganz
betrübt und scheu, weil s' der Gluthahn fortg'jagt hat; endlich
haben wir s' getröstet und sie hat uns erzählt, sie wär' eine
verwunschene Prinzessin aus--du, wie heißt das Land?
Hans. Aus Indien, hat sie g'sagt, dort hat s', glaub' ich, einen
Gemahl und ein Volk. Drauf hat sie uns gebeten, wir möchten sie
bei uns behalten und ernähren, sie will uns dafür etwas weinen, und
wie mein Weib eine so schöne Schilderung von mir g'macht hat, so
hat sie sich an ihren Herrn erinnert und hat in diamantne Tränen in
mein' Hut hineing'weint.
Amtmann. Wo hat Er diese Tränen?
Hans. Ich hab' s' im Sack, Herr Amtmann.
Amtmann. Geb Er sie heraus. (Hans gibt sie her--zu Rossi.)
Wollen Sie dieselben wohl besehen?
Rossi. Mit Vergnügen. (Besieht sie.) Das sind echte Diamanten.
Amtmann. Ist das möglich? Diamanten? Gleich ins Protokoll damit.
Vorher nachgezählt, wie viel es sind.
Aktuar. Es sind sechzehn Stück.
Mirzel. D'rauf haben wir das alte Mütterl in unsre Hütten g'sperrt
und sind in den Steinbruch hinaus, doch in einer halben Stund'
kommt des Gluthahns Weib halbtot und lamentiert, daß ihr Mann mit
einem alten Weibe auf dem Wagen über Stock und Stein davon g'fahren
ist, und wir möchten nachlaufen und sehen, was er denn vorhätt';
denn ein Kohlenbauer wär' ihm auf der Alpenmarkt-Straßen begegnet
und wie sie so lamentiert, wird ihr nicht gut und sie fallt uns in
d' Arm' und stirbt.
Aktuar (hat geendet). Punktum. Sand auf sie.
Hans. Dann haben wir sie zum Bader ins Dorf hinunter 'tragen, und
der hat g'sagt, sie wär' am Schlag gestorben.
Mirzel. Dann sind wir nach Alpenmarkt herg'laufen, wo wir vor
einem Haus dem Gluthahn sein Leiterwagen stehen g'sehn haben, und
da haben wir einen Herrn g'fragt, der die Pferde g'halten hat, ob
der Gluthahn bald kommt; so sagt der, er kommt gleich, er ist im
Arrest. Darauf sind wir zum Herrn Amtmann gegangen, und das ist
die ganze G'schicht'.
Amtmann. Könnt ihr darauf schwören?
Hans. Herr Amtmann, alle Tag'.
Mirzel. Und alle Stund', wenn's sein muß.
Amtmann. Tretet seitwärts unterdessen.
(Beide stellen sich auf die Seite.)