Gluthahn (allein). Ein guts Weib ist s'; ich hätte das Weib
nochmal so gern, wenn s' nur um das jünger wär', was s' zu alt ist,
und um das besser, was s' z' schlecht ist. (Spricht leise, als oh
er jemand etwas anvertraute.) Vor dreißig Jahren hat s' mich einmal
um fünf Gulden betrogen, das vergiß ich ihr noch nicht; ich bin gut,
ich hab' ein einzigs Herz, aber vergessen kann ich nichts. Ich
hab' so ein kleins Büchel, da schreib' ich's hinein. (Deutet
hinters Ohr.) Da hint' ist's.
Sechste Szene.
Voriger. Trautel bringt Mütze und Pfeife.
Gluthahn. Du lieber Himmel, wie gut könnten ein paar Ehleut'
miteinander leben, wenn eines dem andern nachgäbe. (Fährt sein
Weib derb an.) Kriechst immer untern Füßen herum? Was willst?
Trautel. Je nu, die Pfeifen bring' ich und die Mützen.
Gluthahn. So meld' dich!
Trautel. Sei nur nicht so grob mit mir, mir ist heut so nicht gut.
Gluthahn. Das ist rheumatisch Zeug, schlag dir's aus dem Kopf.
Trautel. Das kann ich nicht.
Gluthahn. Nu, so schlag' ich dir's heraus, ich kann's.
Trautel. Mir fehlt's im Herzen, und ich fühl' mich so schwach.
Gluthahn. Da sind wir alle schwach, wenn's uns im Herzen fehlt.
Trautel. Wenn du mir kein' Bader nimmst, so stirb ich noch.
Gluthahn. Solang noch's Herz schlagt, stirbt man nicht.
Rheumatisch bist, sonst nichts. Egel setz' dir, da wird alles gut.
Hab' erst einen zusammentreten unt' beim Bach, so kommen s' weg.
Trautel. Ich bin ja nicht rheumatisch.
Gluthahn. Im höchsten Grad; wenn ich dich nur anschau', fangt's
mich an zum Reißen.
Trautel. Bringst gewiß kein Geld z' Haus, weilst so z'wider bist.
Gluthahn (wild). Mahnst mich noch?
Trautel (beiseite.) Ich muß dem Bösewicht nur schmeicheln, sonst
ist gar nichts z' haben von ihm. (Streichelt ihm das Kinn.) Mann,
meines Lebens Lust.
Gluthahn (höhnisch). Weib, meines Lebens Last--was willst denn
außerbrateln von dein' Mann, den du aus List nennst deine Lust?
Trautel. Ich hol' mir den Bader.
Gluthahn. Hol' mir zwei Maß Wein.
Trautel. Nicht wahr, ich darf ihn holen?
Gluthahn. Aber ein' g'scheiten, das sag' ich dir.
Trautel. Ich dank' dir, sie haben ja nur einen im Ort.
Gluthahn. Und daß er nicht g'schwefelt ist.
Trautel. Ei, wer denn?
Gluthahn. Der Wein.
Trautel. Ich hab' g'glaubt, der Bader.
Gluthahn. Wer redt denn vom Bader?
Trautel. Ich.
Gluthahn. Und ich red' vom Wein.
Trautel. Was hab' ich vom Wein?
Gluthahn. Was hab' ich vom Bader?
Trautel. Ich hol' ja den Wein, aber zahl' mir den Bader, sonst
geh' ich ja z'grund.
Gluthahn. Nu, so hol' dir ihn, aber wenn du bis morgen nicht
g'sund bist, so darfst mir dein Leben nimmer krank werden.
Trautel (für sich). Endlich. (Laut.) Dank' dir, lieber Mann.
(Will ab.)
Gluthahn. Da gehst her. (Trautel kehrt um.) Jetzt wirst du doch
einsehn, was d' für einen Mann an mir hast.
Trautel. Nu, ich glaub's.
Gluthahn. Unter andern, hast mich gern?
Trautel (ironisch). Nu, wer wird denn dich nicht gern haben.
Gluthahn. Küß' mir d' Hand.
Trautel (tut es und spricht im Abgehen seufzend). O Seligkeit!
(Geht ins Haus.)
Gluthahn (triumphierend). So muß man sich s' abrichten, dann weiß
man, wer der Herr im Haus ist. Ich hätt' nicht nachgeben sollen,
(heuchlerisch) aber mein Herz, ich bin gar zu gut.
Siebente Szene.
Voriger, Trautel mit einer leeren Flasche.
Gluthahn. Bist da? Da hast Geld, jetzt zieh dich.
Trautel (beiseite). Du lieber Gott, befrei' mich doch von mein'
Leid, ich will ja gern sterben, daß ich nur den Mann nimmer sehn
darf. (Geht gegen das Dorf ab.)
Gluthahn (allein, er schlägt Feuer und zündet seine Pfeife an).
Wenn man dem Weib da so erlaubte, auf ihre Faust recht krank zu
sein, die machte einen Aufwand damit, der nicht zu erschwingen wär'.
(Schlägt sich vor die Stirn. Erbittert.) Wann ich nur das Geld
nicht ausg'liehn hätt'. (Ein Sturmwind erhebt sich.) Öh, blas, du
dummer Wind, blas auseinander die grau muntierten Wolken. Der
Himmel ist schon vierzehn Tag' als wie ein Aschenweib. (Windstoß.)
He, he, he, he, sei nur kein solcher Narr!--Die Kälten von dem
Wind! (Windstoß.) Holla, der nimmt die Bäum' beim Kopf und beutelt
s' recht, als wie ein Meister seine Lehrbuben.--(Windstoß.) Weil
er kein' Kopf hat, so kann er auch kein' andern leiden. (Windstoß.)
Nicht rauchen laßt er mich, der Schlaprament! Du sollst mich
nicht sekieren, du lüstiger Patron; ich geh' jetzt hinein, just
kriegst mich nicht. (Er geht unter die Tür und steckt den Kopf
heraus.) Blas mich an jetzt, wannst dich traust. (Höhnisch.) Ja,
auf d' Wochen, dummer Wind! (Schlägt die Tür zu.)
Achte Szene.
Sturmmusik. Alzindens Gestalt als altes Weib in Bettlerkleidung
rauscht im Hintergrunde, zwischen den Flügeln des Nordwindes
liegend, über die Bühne; den Strom der Luft auszudrücken, in
welchem eine geflügelte Figur mit aufgeblasenen Backen, die Locken
mit Eis behängt, wie durch einen Schleier sichtbar ist, bleibt der
Phantasie des Malers überlassen. Die Musik geht in eine klagende
über, und nach einer bedeutenden Pause kommt Alzinde auf die Bühne.
Sie hat graues Haar, ihre Gestalt ist ehrwürdig, ihre Kleidung
abgenützt, aber nicht zerrissen.
Alzinde. Wo bin ich wohl? Wohin hat die Gewalt des Sturmwinds
mich getragen? wie heißt die Unglückswelt, auf der ich mich
befinde? denn das ist nicht mein Reich, zu meinem Auge sprechen
nie gesehne Dinge. Fremde Hütten, fremde Berge, ein fremder Himmel,
ohne Sonne, ohne Mond, ohne Sterne, ohne Blau. Auch fühl' ich
mich so schwach, ich will mich setzen, jene Quelle soll mich laben.
(Sie setzt sich an den Rand des Beckens, sieht in den
Wasserspiegel und springt auf.) Welch häßliche Gestalt schaut aus
dem Spiegel dieses Quells? Doch nicht mein eignes Bild?--Nicht
möglich! (Streckt die Hand aus und erschrickt davor.) Wem gehören
diese welken Hände, diese abgelumpten Kleider? wessen Stelle muß
ich hier vertreten? Ich bin das nicht, widerrufe, Quell! (besieht
sich noch einmal--erstarrt.) Er wiederholt's--ich bin's--ich
bin's! (Fällt verzweifelnd auf den Rasen hin.) Ich Unglückselige!
(richtet sich auf und lacht verzweiflungsvoll.) Das ist Alzind',
die Schönheitsblume Indiens, in eine welke Distel nun verwandelt.
O du mein stolzer Geist, verjagt aus deinem üppigen Palast, was
mußt du jetzt für ein verächtlich Haus bewohnen! Ich duld' es
nicht! Verzweiflungsvolle Seele, sprenge doch die Riegel dieses
morschen Kerkers! (Ängstlich.) Eilt mir zu Hilfe, Große meines
Reichs--wo seid ihr, meine Diener?--(Stark rufend.) meine
Sklaven! (Echo ruft: Sklaven.) Es ist umsonst, das Echo ist der
einz'ge Sklave meines Rufes. Ich bin allein, verbannt von meinem
Volke, meinem Gott. Was rauschet? Ha, ein Geschöpf aus dieser
Welt. O du erbärmliche Gestalt.
Neunte Szene.
Gluthahn erscheint im Rocke. Vorige.
Gluthahn. Wer schreit denn so? Wie kommst du auf 'n Berg? Kriech
weiter um ein Haus.
Alzinde. Wenn du ein Mensch bist, wie die Sprache mich's vermuten
läßt, so sage mir, wie heißt die Welt, in der du lebst?
Gluthahn. Weiter geh!
Alzinde. Wenn du ein Mensch bist, nimm mich auf in deine Hütte,
die Sonne wird dich dafür lohnen.
Gluthahn. Aha, die brennet mich aus Dankbarkeit auf den Buckel
hinauf. Du, laß mich aus mit deiner Sonn', die kenn' ich nicht.
Alzinde. Er kennt die Sonne nicht, weh mir. Hab' Mitleid, Hunger
führet mich an deine Hütte, speise mich mit etwas Reis.
Gluthahn. (erstaunt). Was willst du haben? einen Reis? Ein
Bettelweib will ein' Reis; Sie schafft sich nur gleich an, was sie
am liebsten ißt.
Alzinde. O reich' mir nur ein kleines Stückchen Zucker.
Gluthahn (lachend). Einen Zucker will sie, o du süßes Goscherl du.
Wo hab' ich denn g'schwind was, ich gib ihr eine hinauf, daß s'
ein Zucker macht, an dem s' langmächtig z' schlecken hat.
Alzinde. Hab' Mitleid, ich verschmachte, gib mir stärkendes Gewürz.
Gluthahn. Jetzt halt' ich's nimmer aus, jetzt will sie noch gar
ein G'würz! Ich komm' in Narrenturm mitsamt dem Weib. Ich hab'
kein G'würz noch gesehn, solang ich auf der Welt noch bin, die geht
herum und bettelt um Gewürz.
Alzinde. Du Unmensch, sprich, soll ich an deiner Schwelle sterben?
Gluthahn. Was unterstehst du dich, an meiner Tür willst du da
sterben? A solche Ungelegenheit, daß ich dich noch begraben lassen
könnt'; gehst hinunter übern Berg und schaust dich um ein Platzel
um, wost' hinwerden kannst.
Alzinde. Sonne, was erlebe ich.
Gluthahn. Schläg' wirst gleich erleben, wenn du nicht gehst.
Alzinde (stolz und kräftig). Ich befehle es dir, mich zu bewirten,
ich bin Indiens Königin.
Gluthahn. Jetzt ist's heraußen. Das Weib ist närrisch. Sie ist
Indiens Königin, ich lach' mir noch einen Buckel, größer als der
ihrige. Wenn du jetzt nicht gleich von meiner Tür weggehst, so
jag' ich dich übern Berg hinunter. Marsch! Du verzuckertes
indisches Bettelweib du! (Ab. Schlägt die Tür zu.)
Zehnte Szene.
Alzinde (allein, mit Verzweiflung). Weh mir! So bin ich denn auf
einem fremden Stern, ausgeschlossen aus der Sonne Strahlenreich.
Nicht Menschen hausen hier. Dämone sind es, Söldner jenes
Drachensohns, der mich hierher gebannt. Hier darf kein Weihrauch
duften, keine Palme blühn, ein wüstes Grab ist diese Höllenflur.
Seht, seht, wie kleine Furien mit gehörnten Köpfen über jene kahlen
Felsen springen. Nie werd' ich mehr mein Volk, meinen Gemahl
erblicken. Verloren ist mein Leib, verloren meine Seele. (Sinkt
auf die Knie und ruft:) Sonne, rette mich! (Echo: Rette mich.)
Umsonst, sie hört mich nicht; das Echo höhnt mich aus, ihr Strahl
dringt nicht auf dieses fluchbeladne Land. Welche Angst ergreift
mein Gemüt? Von allen bin ich hier verlassen und auch zu ihr kann
ich nicht flehen. Entsetzliches Geschick! Was ist der Mensch, dem
man die Hoffnung auf das Höchste raubt? Mein Aug' wird trüb, mir
ist, als hätten diese Berge Licht und Farbe eingebüßt und flößen
mit des Himmels schauerlichem Grau zusammen. Die Welt zerrinnt vor
meinen Blicken, ich sehe nichts, als jenen Strom, der konvulsivisch
sich durch dieses Chaos windet und seine nassen Arme nach mir
streckt. Hinweg von mir, du schrecklicher Gedanke, der mich
ergreift, und nach dem Strom hinzieht. Ich folg' dir nicht,
umsonst, ich muß--Verzweiflung, freu' dich deines Siegs, ich muß
hinein. (Sie eilt gegen den Strom, plötzlich:) Ha, der Sonne Bild!
(Sie blickt empor, ihr ganzes Wesen löst sich in zitternde Freude
auf.) Sie ist's! (Steigend.) Sie ist's, die--(Mit zitternder
Stimme.) die Sonne! Meine Sonne, meiner Seele höchster Trost!
(Sinkt auf ein Knie, dann springt sie freudig auf.) Freude, Freude,
sie ist hier! Ihr Wälder, Klippen, Bäume, Quellen, meinen Blicken
neu geboren, grün gekleidet, wie mein Hoffen, hört es, ich bin
nicht verlassen, nicht verstoßen von der ew'gen Sonne! O wie ist
mir wieder leicht, wie hat ihr Strahl mein Innerstes gelichtet.
Nun hab' ich Mut zum Dulden, Mut zum Tragen.
Muß ich fern von allen Lebensfreuden
Kämpfen auch mit Gram und Leiden,
Kann ich's doch der Sonne klagen,
Mit Bewußtsein zu ihr sagen;
Habe alle Freuden meiner Jugend
Aufgeopfert für den Ruhm der Tugend
Und erwarte meinen Lohn
Einst an deinem Himmelsthron.
(Sie setzt sich auf einen Rasen und versinkt in Nachdenken.)
Elfte Szene.
Hans. Mirzel.
Mirzel. Geh, geh, ich soll recht bös auf dich sein. Du bist ein
sauberer Mann, laufst voraus und schaust dich gar nicht um um mich.
Wie ich noch ledig war, da bist hinter mir her g'wesen auf einen
jeden Schritt, und jetzt--aber die Nachbarin hat mir's
vorausg'sagt, das ist das sicherste Zeichen, daß ein paar
verheiratet sind, wenn der Mann anfangt, unartig zu werden. Heut
werden s' kopuliert, da geht sie voraus, den andern Tag laßt er sie
schon hint' nach gehn.