Der Genius der Tugend.
Ariel, ein Tugendgeist.
Moisasur, Dämon des Übels.
Der Genius der Vergänglichkeit.
Hoanghu, Beherrscher des Diamantenreiches.
Alzinde, seine Gemahlin.
Mansor.
Omar, ein Bote von Hoanghus Heer.
Hassan, ein Mohr.
Karambuco, ein Krieger.
Ossa, sein Weib.
Ein Häuptling von Hoanghus Heer.
Gluthahn, ein wohlhabender Bauer.
Trautel, sein Weib.
Der Amtmann von Alpenmarkt.
Der Aktuar.
Philipp, Diener des Amtmanns.
Rossi, Juwelenhändler, Besitzer
eines Landhauses bei Alpenmarkt.
Hänfling, sein Aufseher im Landhause.
Ein Schatten im Reiche der Vergänglichkeit.
Dorkalio, ein Schatten Moisasurs.
Hans, ein Steinbrecher.
Mirzel, sein Weib.
Der Traumgott.
Ein Kohlenbauer.
Ein Kerkermeister.
Vier Gerichtsdiener.
Vier Schatten Moisasurs.
Indisches Volk. Alzindens Hofstaat. Hoanghus Krieger.
Schatten im Reiche der Vergänglichkeit. Traumgestalten.
Rossis Dienerschaft. Tugendgeister.
Erster Aufzug.
Erste Szene.
(Indische Landschaft.)
(In der Ferne die Hauptstadt des Diamantenreiches, auf einem
entfernten Hügel die Ruine des zertrümmerten Tempels Moisasurs. In
der Mitte des Theaters ein herrlicher Tempel im indischen
Geschmacke, mit der goldenen Aufschrift: Wer sich der Tugend weiht,
hat nie des Bösen Macht zu scheuen. Die Statue der Tugend, eine
verschleierte weibliche Figur, einen Lilienstengel haltend, sitzt
auf einem Piedestal in der Mitte des Tempels. Auf den Säulen sind
Lilien angebracht.)
Hassan. Mansor. Omar.
Chor.
(Das Volk bringt einen Boten von Hoanghus Heer frohlockend auf die
Bühne und umringt ihn fragend.)
Wackrer Bote, sei willkommen!
Strahlt aus deinem Auge Sieg?
Ist das Heer zurückgekommen,
Ist geendet unser Krieg?
Ja, es spricht dein froher Sinn;
Du bringst Heil der Königin!
Bote. Sieg bring' ich euch, so wahr die Sonn' auf Indien scheint.
Gebt mir Palmenwein dafür. (Er nimmt einem eine Flasche von der
Seite.) Der Krieg trinkt Blut, der Friede Sekt.
Volk. Erzähl' uns erst! (Halten ihn ab vom Trinken.) Halt, halt!
Bote. Gerettet ist das Reich, von unsern Grenzen ist der Feind
vertrieben, geendet ist der heiße Krieg.
Volk. Sonne, sei gelobt! (Ales sinkt mit dem Haupt zur Erde, und
bleibt einen Augenblick in dieser Stellung.)
Bote. Da liegt das Volk, jetzt netz' ich meinen Hals. (Trinkt.)
Der König sendet mich voraus, daß ich den Tag der Königin berichte,
an dem er seinen Einzug hält.
Mohr. Und wenn man fragen darf, wann strahlt uns dieser große Tag?
Bote. Spion von Ebenholz, was hast du nach dem Tag zu fragen?
Nacht hat die Sonn' auf dein Gesicht gebrannt, das heißt; Du sollst
im Finstern wandeln.
Mohr. Du hassest mich?
Mansor. Schweigt. (Zum Boten.) Sogleich wird unsre Königin
erscheinen, dann stellen wir dich vor. Mit Sehnsucht harret schon
Alzind' der Rückkehr ihres tapferen Gemahls.
Bote. Doch was erblick' ich--Moisasurs Tempel eingestürzt, und
die Sonne leuchtet noch? Und wer hat diesen aufgebaut, wozu ist
der bestimmt?
Mansor. Ein erhabnes Schauspiel wird sich deinem Auge zeigen.
Bote. Wird dieser Mohr vielleicht darin gebraten? (Für sich.) Das
wär' mein liebstes Schauspiel auf der Welt.
Mohr. Für dich vergift' ich einen Pfeil.
Mansor. Lästre nicht! Der Tugend Tempel ist's.
Bote. Ja, ihm soll man das Laster opfern.
Mansor. Es ist geschehn. Dem bösen Geiste Moisasur wird in unsrem
Reich kein Opfer mehr gebracht.
Bote. Wehe dann dem Diamantenreich! Schon seit Jahrhunderten hat
diesem grimmigen Tiger durch unzähl'ge Opfer man geschmeichelt;
werft ihm Beute vor, wenn ihr nicht wollt, daß euch sein stets
geschäft'ger Zahn zerreißt.
Mansor. Die Königin, die, seit der König kriegt, das Zepter
schwingt im Reich, hat, weil der Krieg, trotz all der reichen Opfer,
die man unsern Göttern brachte, sich doch nicht glücklich wenden
wollte, mit den weisen Priestern sich beraten und glaubt, daß die
guten Götter zürnen, weil neben ihnen und der mächtgen Sonne
Moisasurs böser Geist verehret wird. Sie hat Moisasurs Tempel
niederreißen lassen. Doch wie's geschah, da rollte fürchterlicher
Donner, die Erde bebte, als hätte das Gewicht der umgestürzten
Säulen das ganze Reich in seinem Mark erschüttert.
Bote. Der Löwe brüllt, wenn man ihn ans der Höhle treibt.
Mansor. Doch wie die Erde bebt, fest steht der königliche Sinn.
Sie läßt dafür in diesem Tal der Tugend einen Tempel bauen und
schreibt auf ihn: Wer sich der Tugend weiht, hat nie des Bösen
Macht zu scheuen. Soeben wird er eingeweiht, dort nahet schon die
Priesterschar.
Mohr. Wenn nur die Tugend uns vor Moisasurs Rache schützt! Den
ganzen Morgen hat der Himmel sich mit Donnerwolken überzogen, die
in sich brummen, als ob sie Zaubersprüche murmelten, und der Blitze
Feuerzungen lecken an der Kuppel dieses Tempels.
Zweite Szene.
Feierlicher Marsch. Indische Tänzer schweben voraus, dann die
Priester der Sonne. Zierlich gekleidete Mädchen, das Haupt mit
weißen Rosen bekränzt, gruppieren sich um die Stufen des Tempels,
die Priester beschäftigen sich im Innern desselben. Dann erscheint
Alzinde und ihr Hofstaat. Sie begibt sich auf einen Seitenthron,
neben ihr die Großen des Reichs. Das Volk verteilt sich um den
Tempel und den Thron gegenüber. Vorige.
Chor.
Singt das Lob der Schönheitsblume,
Die auf Indiens Flur erblüht,
Und die zu der Götter Ruhme
Für das Heil der Tugend glüht.
Sende deinen Strahl, o Sonne!
Nieder auf ihr weises Haupt,
Weil ihr Herz mit frommer Wonne
An der Götter Allmacht glaubt.
Alzinde. Volk meines sieggekrönten Reichs! Ich habe dich
versammeln lassen, um einzufallen in den großen Chor, den das
Gefühl des Dankes anstimmt, weil die Götter uns erleuchtet, daß wir
durch Moisasurs Sturz der Sonne Zorn versöhnt; daß sie von dem
Augenblick mit Siegesglück die Pfeile unsres Heeres nach dem Busen
unsrer Feinde wendet. Vielleicht, indem wir hier die Götter
preisen, hat mein Gemahl, der königliche Held, den kleinen Rest des
müdgekämpften Feindes aus den Grenzen dieses Reichs verjagt.
Mansor. So ist es, du erhabne Tochter der gewalt'gen Sonne, die
deine Ahnung zur Prophetin weiht, die Wahrheit deines Wortes
bestätigt dieser Bote hier.
Bote. Der, große Königin, mit seinen Knien den Staub an deinem
Thron hier küßt, aus Ehrfurcht teils und teils aus Müdigkeit, weil
er im schnellsten Lauf aus des Königs Lager eine holde Last dir
bringt, eine Nachricht von dem ungeheuersten Gewicht! Friede,
dieses goldne Wort, laß in alle Palmen schneiden, daß sie dann mit
vollem Rechte Friedenspalmen heißen. Gesiegt hat dein erhabener
Gemahl, noch gestern abends ward die letzte Schlacht gewonnen, und
in der Nacht der Friede abgeschlossen, durch den ein Teil vom
Feindesland noch zu dem deinen fällt. Nur heute ruht das Heer;
doch morgen bricht es auf und zieht mit Zimbelklang und Jubelsang
im Vaterlande ein. Dies zu berichten ward ich gesendet, mein
Auftrag ist erfüllt, der Bote hat geendet.
(Steht auf und tritt zurück.)
Alzinde (sinkt auf die Knie). Sonne, sei gelobt!
Alle. Heil den Göttern! Heil dem König Hoanghu!
Alzinde. O mein Gemahl, warum kann ich an deine Heldenbrust nicht
fliegen, du edler Sohn der unnennbaren Götter, dessen Lieb' ich
nicht für alle Kronen Asiens tauschen möchte! Juble, Volk! Sei
ausgelassen froh! Ihr Priester weiht den Tempel ein, der Tugend
Macht hat sich bewährt, ein ewig Denkmal sei ihr hier errichtet!
Wer sagt mir doch, warum mein Glück mich zu freud'gem Wahnsinn
treibt? Warum ist diese Lust so ungeteilt, so allgemein, daß ich
kein Stück davon kann eurem Herzen überlassen? O sprecht, wer
nimmt mir einen Teil der edlen Bürde dieses Freudenreichtums ab,
womit die goldne Sonne mein Gemüt beschenkt? Verdien' ich denn,
daß ich so glücklich bin?
Dritte Szene.
Fürchterlicher Donnerschlag. Die Bühne umzieht sich mit schwarzen
Wolken, aus welchen rote Blitze sich schlangenartig winden. Auf
der Erde sprüht Feuer, dann erscheint Moisasur als ein Ungeheuer
mit Drachenfüßen und Drachenflügeln, auf dem Haupt eine rote Krone
mit Schlangen umwunden, der ganze Körper ist in hellroten Samt
gekleidet, um den Leib eine schwarze Schürze mit goldenen Schuppen
gestickt. Alles sucht sich in den Hintergrund zu retten, einige
flüchten auf Bäume. Alzinde, welche bei ihrer Rede vom Thron
gestiegen, bleibt im Vordergrunde, der Thron verschwindet.
Vorige. Moisasur.
Moisasur (mit fürchterlicher Stimme). Alzinde, du verdienst es
nicht!
Alzinde (fährt zusammen). Ha!--Wer bist du, scheußlich Ungeheuer,
dess' Anblick mir Besinnung raubt? Wie giftig Unkraut stehst du
da, das plötzlich aus dem Schoß der Erde treibt.
Moisasur. Moisasur heiß' ich, kennst du diesen Namen? Mit
Flammenzügen hat der große Geist ihn auf das finstre Tor der Hölle
einst geschrieben, und aus meinem Auge leuchtet ihre Sendung.
Alzinde. Was hat die Hölle an mich abzusenden? Ich habe dich und
sie aus meinem Reich verbannt. Die Tugend ist mein Heil, dich hab'
ich nie verehrt, und jedem Opfer Fluch, das dir mein Land noch
bringt.
Moisasur. So nimm denn Fluch gen Fluch, verruchtes Weib, das
meinen Tempel umgestürzt; so zieh' mein Haß denn einen Zauberkreis
um dein verrätrisch Land; so will das Leben ich aus seinen Grenzen
jagen, und lähmen diesen üpp'gen Teil der Welt! Vertrocknen soll
der Baum, die Frucht, der Strom; verdorren soll das Gras, und was
in deinem Reich mit Leben prahlt; dein Volk, die Diener deines Hofs,
wem Blut nur in den Adern kreist, Mensch oder Tier, das steh'
erstarrt und wandle sich in Stein! Und jegliches Geschöpf, das
dieses Land mit frechem Fuß betritt, das werd' ergriffen von
Versteinerung und steh' als Marmordenkmal meiner Rache da.
Alzinde. O, mein Gemahl!
Moisasur. Schau' hin und lab' dich an dem süßen Anblick! (Die
Wolken öffnen sich, man sieht die Gruppen, wie sie ängstlich
standen, nun im bunten Marmor, einige auf Palmen hängen, doch der
Tugend Tempel strahlt im hellen Sonnenglanz.) Verflucht, daß ich
den Tempel schauen muß, als Nebenbuhler meines Ruhms.
Alzinde. Entsetzlich Scheusal, von der Erde ausgespien, weil du
ihr Innres zu vergiften drohst, wie kannst du dieses Reich
zerstören, das die Sonne ihren Liebling nennt?
(Die Wolken schließen sich wieder.)
Moisasur. Fluch gegen Fluch! Vernichtung für Vernichtung! An dir
ist jetzt die Reih'! Ich bin's, der dir nach deinem Wunsch die
holde Last der Freude von dem zarten Nacken reißt. Deine Liebe,
deinen Reiz, deine Hoffnung, deine Ehre, deinen Ruhm, dein Diadem
will ich auf einen Knäul zusammendrücken, und in den Pfuhl der
Hölle schleudern. Erscheint, ihr Geister bleicher Nacht. (Vier
schwarze Geister erscheinen und ergreifen die Königin.) Seid Zeugen
und Vollführer meines Fluchs. Zerstöret ihren Reiz, die Krone
reißt von ihrem Haupt, der Locken Glanz verwandelt mir in welkes
Grau; die Haut schrumpft ein und überzieht damit ein fleischloses
Gebein, das ihr mit halbverfaulten Lumpen dann behängt. Doch laßt
die junge Seele nicht aus ihrem morschen Leib entfliehn, damit sie
zehnfach jeden Schmerz empfind' und die Erinnrung ihres Glücks sie
quäle.--Doch halt--damit des Menschen Habsucht bis zum Tod sie
peinige, so laßt sie diamantne Tränen weinen, als Wehmutszeichen,
daß sie Indiens Fürstin war. Nun schleppt sie fort, verwandelt sie,
dann schleudert sie dem Nordwind in die eis'gen Arme, daß er mit
ihr nach einem andern Weltteil rase und dort die alte Ariadne setz'
auf nacktem Felsen aus. Befolgt, was ich befahl!
(Die Königin sinkt in Ohnmacht.)
Erster Geist. Noch nicht--in deiner Rache wüt'gem Eifer hast du
vergessen, ihr ein Ziel zu setzen; ewig darfst du nicht verfluchen,
wie du es von dem ew'gen Geiste bist. Drum sprich, wie lang an
diesen Zauberfluch ihr Glück gefesselt bleibt, und wann und wie
sich lösen können diese Schreckensbande?
Moisasur. Weil du mich mahnst an meine Pflicht, verruchter Geist,
so höre meinen Spruch! Nur dann, wenn sie im Arm des Todes
Freudentränen weint, kehrt ihr zurück, was ihr mein Zauberspruch
entrissen. Nun regt die trägen Drachenglieder, eilet fort,
Erwartung geißelt mein Gefühl. Den höchsten Berg der Welt will ich
besteigen und durch der Hölle Mikroskop will ich mit süßer Lust auf
ihr verbittert Leben schaun. (Ab.)
(Die Geister versinken mit Alzinden.)
Vierte Szene.
Auf dem Rücken einer Alpe, mit der Aussicht auf ferne Gletscher.
In der Mitte ein Bergstrom. Der Horizont finster umwölkt. Rechts
ein hohes Bauernhaus, Gluthahn gehörig, links eine arme Hütte,
neben derselben sprudelt eine Quelle in ein natürliches Becken.
Gluthahn
(kommt erzürnt und erhitzt).
Das ist ein schlechtes G'sind'
Im Rattental dahint';
Der Bauer Michel Stier
Kömmt vor'ges Jahr zu mir,
Weint wie ein altes Weib,
Und geht mir nicht vom Leib;
Mein lieber Nachbar Glut,
Ich bitt' Euch, seid so gut
Und zahlt mir auf mein Haus
Fünfhundert Taler aus.
(Heuchlerisch.)
Und ich, ich guter Narr,
Mein Herz, das ist halt wahr,
Das findt man nirgends mehr,
Ich bin so dumm, geb s' her.
Ich führ' ihn hin zum Tisch,
Wir schreiben einen Wisch;
Fünfhundert Taler bar
Geb' ich dir auf ein Jahr;
Und daß ich dich nicht druck',
So zahlst' mir achte z'ruck.
Wo ist das Jahr schon hin?
Was ich gelaufen bin,
Was ich schon schrei' und schelt',
Ich komm' nicht zu dem Geld.
A Zeitlang war er krank,
Der Teufel weiß ihm's Dank!
Jetzt ist er wieder g'sund,
Und zahlt mich nicht, der Hund!
Mit ihm red' ich noch gern,
Ihm zeig' ich doch ein' Herrn;
Doch ist sein Weib zu Haus,
Die macht mich noch brav aus.
Pfui, das sind doch undankbare Leut', nicht einmal pfänden wollen
sie sich lassen. Gluthahn, wie wirst du jetzt das Geld ersetzen?
Mit Freuden würd' ich einen andern darum betrügen, doch ich
gewinn's nicht übers Herz, ich bin zu gut. (Heftig.) Aber mir soll
noch einer kommen und Geld begehren.--Da grab' ich meine Taler
eh' fünftausend Klafter in d' Erden ein und zünd' mein Haus an
allen Ecken an, eh' ich so einem Schuft ein' Kreuzer auf fünfzig
Schritte nur zeig'. Einen eignen Hund richt' ich mir ab, daß er s'
vom Haus weg hetzt. (Heuchlerisch.) Ich muß anders werden, ich bin
zu gut. Wo ist denn nur mein Weib schon wieder? Trautel, hörst
denn nicht? Trautel!
Fünfte Szene.
Voriger. Trautel kommt, sie ist und spricht etwas kränklich.
Trautel. Aber, was schreist denn so?
Gluthahn. Wo bist denn, falsche Nummer, die auf den ersten Ruf
nicht kommt.
Trautel. Ich soll ja nicht in d' Luft.
Gluthahn. Nun, so geh in die Gruft.
Trautel. Was willst denn?
Gluthahn. Die Mützen bring' heraus und die Pfeifen und den Rock
nimm mit. (Zieht den Rock aus.)