Die Bilder der beiden Herzöge, die übrigens kaum als eigentliche

Bildnisse aufzufassen sind, erscheinen in idealer, antiker

Feldherrenrüstung. In vornehm stolzer Haltung sitzt Giuliano da;

lässig spielen seine Hände mit dem Feldherrenstab, den der Herrscher

des Kirchenstaats ihm anvertraut hat; auf den harten Zügen des

Kriegers liegt ein leises Weh, eine Klage um die Thaten, welche der

achtunddreißigjährig Gestorbene ungethan lassen mußte (Abb. 57).

Lorenzo (Abb. 58) erscheint in tiefes Nachdenken versunken; die

Stimmung wird eigentümlich gesteigert dadurch, daß das Gesicht ganz im

Schatten des Helms verborgen ist. Worüber grübelt der Gedankenreiche

(~il pensoso~, so nennt ihn Vasari)? Denkt er an das Schicksal

seines Vaters, der in der Verbannung im Dienste eines Fremden fallen

mußte, und daran, daß er selbst der einzige und letzte Enkel Lorenzos

des Herrlichen ist, dessen Geschlecht kein rechtmäßiger Nachkomme

fortpflanzt? Oder quält es ihn im Tode, daß sein außerehelicher Sohn

Alessandro durch seine Mißregierung nur Schaden und Schande über das

schöne Florenz bringt? Dieser Gedanke mag wohl Michelangelos Meißel

geleitet haben, als er das Marmorbild ausführte; denn dasselbe entstand

erst nach dem Untergang der Freiheit von Florenz -- im September 1531

war es noch nicht angefangen --, während das Bild Giulianos bereits im

Frühjahr 1526 gänzlich vollendet war.

[Illustration: Abb. 66. +Ein Auferstandener und ein zur Seligkeit

Aufsteigender+ (derselbe wird im Original von einem Engel, der ihn

am linken Arm gefaßt hat, emporgezogen).

Kreidezeichnung nach Michelangelos Jüngstem Gericht. In der

Ambrosianischen Bibliothek zu Mailand.

(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl.,

in Dornach i. Els. und Paris.)]

Auf dem Sarkophag zu Füßen Giulianos ruhen die allegorischen Gestalten

des Tages und der Nacht (Abb. 59 u. 60), auf dem Sarkophag Lorenzos

diejenigen des Abends und der Morgenröte (Abb. 61 u. 62). Diese vier

Figuren befanden sich im Jahre 1526 sämtlich schon in Arbeit. Sie waren

angefangen worden, als noch die Absicht bestand, daß jede Figur für

sich auf einem Sarkophag lagern sollte (vgl. Abb. 51); daher kommt es,

daß sie bei der später beschlossenen Aufstellung, zu je zweien auf

einem Sarkophag, mit den Füßen keinen Platz mehr auf dem Sargdeckel

gefunden haben. Was Michelangelo mit diesen Gestalten, zu denen

noch mehrere von verwandter Art hinzukommen sollten, sagen wollte,

darüber geben einige Worte Auskunft, die er selbst auf der Rückseite

einer Zeichnung aufgeschrieben hat: „Der Tag und die Nacht sprechen

und sagen: wir haben mit unserem schnellen Lauf den Herzog Giuliano

zum Tode geführt; es ist wohl billig, daß er sich dafür rächt, wie

er thut; und die Rache ist diese: wie wir ihn getötet haben, so hat

der Tote uns das Licht genommen, und mit dem Schließen seiner Augen

hat er die unsrigen zugedrückt, daß sie nicht mehr leuchten über der

Erde. Was hätte er wohl mit uns gemacht, wenn er am Leben blieb!“ Die

zuerst vollendete von den vier mächtigen, übermenschlichen Gestalten,

die einzige, welche ganz fertig geworden, ist die Nacht. Die Mutter

von Schlaf und Tod, der zur Kennzeichnung eine tragische Maske, eine

Eule und ein Bündel Mohnköpfe beigegeben sind, erscheint als eine

kräftig-schlanke Riesin von mütterlicher Bildung; sie schläft, aber im

Schlaf verfolgt sie der Schmerz. Einst fand man unter dieser Gestalt

einen Zettel angeheftet, auf dem die Bewunderung ihrer Lebensfülle mit

einem gewandten Hinweis auf Michelangelos Namen, in einer Vierzeile

ausgesprochen war:

Die Nacht, die du in lieblichen Gebärden

Hier schlafen siehst, ein Engel ließ sie werden

Aus diesem Stein; die Schlafende hat Leben.

Weck’ sie nur auf, sie wird dir Antwort geben.

[Illustration: Abb. 67. +Ein emporsteigender Seliger.+

Rötelzeichnung nach Michelangelos Jüngstem Gericht. In der Sammlung der

Kunstakademie zu Venedig.

(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl.,

in Dornach i. Els. und Paris.)]

Darauf ließ Michelangelo die Nacht antworten:

Lieb ist der Schlaf mir, Stein zu sein, noch lieber:

Nichtsehn, Nichthören muß für Glück ich halten,

Solang’ Unheil und Schmach im Lande walten.

Drum weck’ mich nicht; sprich leis und geh vorüber.

Dieser berühmte Austausch von Gedichten fand zu einer Zeit statt,

wo für Florenz der Verlust der Freiheit eine endgültige Thatsache

geworden war. Es wäre unrichtig darum anzunehmen, daß Michelangelo

eine politische Anspielung im Sinne gehabt hätte, als er die Nacht so

schmerzerfüllt darstellte. -- Das Gegenbild der Nacht, der Tag, muß

die zuletzt ausgeführte Figur sein; denn der Kopf derselben ist nicht

über die erste Anlage hinausgekommen; aber aus den kaum angedeuteten

Zügen dieses Kopfes spricht schon mit wunderbarer Bestimmtheit der

beabsichtigte Ausdruck. Die gewaltige Kraft des Riesenleibes möchte

sich zu Thaten regen, aber bittere Unlust hält ihn nieder, daß die

mächtigen Glieder sich zu unerwünschter Ruhe bequemen müssen. -- Die

gleiche Bedeutung, wie an dem Grabmal Giulianos die Nacht und der Tag,

haben um denjenigen Lorenzos der Abend (~il crepuscolo~, das

Dunkelwerden) und der Morgen (~l’aurora~, die Morgenröte). Der

Abend erscheint als ein Greis. Aber die Muskeln dieses Greises sind

kaum weniger gewaltig, als diejenigen des kraftstrotzenden Mannes, der

den Tag verbildlicht. Man sieht, es ist nicht körperliche Ermattung,

sondern die Abspannung dumpfen Grams, was ihn schwer und müde zur Ruhe

sinken läßt. Die Morgenröte zeigt im Gegensatz zur Nacht mädchenhafte

Formen; sie ist schön, aber durch keinen Hauch von sinnlichem Reiz

wird die Schönheit dieser Gestalt zum Menschlichen erniedrigt. Sie

vermag nicht, sich vom Lager zu erheben; die Augen, die sich eben im

Erwachen geöffnet haben, möchten sich gleich wieder schließen. In

diesem Antlitz hat der Ausdruck des Schmerzes die größte Bitterkeit

angenommen. Die Figur der Morgenröte wurde im Jahre 1531 fertig, man

darf wohl denken, daß Michelangelo unwillkürlich in ihren Zügen sich

die bitteren Empfindungen hat wiederspiegeln lassen, die der Fall von

Florenz ihm verursachte. Es ist gar keine Frage, daß die Gestalten

von Nacht und Morgen, Tag und Abend nichts anderes ausdrücken sollen,

als den Schmerz über den Tod der beiden Mediceer. Was sie aber in

Wirklichkeit ausdrücken, sind doch nur die Schmerzen, welche die

Seele ihres Schöpfers marterten. Durch nichts unterscheiden sich

Michelangelos Gestalten so sehr von der Antike, wie dadurch, daß sie

gar nichts Allgemeingültiges haben, sondern nur die Äußerung rein

persönlicher Stimmung sind. Aber die Persönlichkeit, deren Seele so

aus den Kunstwerken zu uns spricht, ist von einer überwältigenden, man

möchte sagen übermenschlichen Größe.

Nach dem Tode Clemens’ VII hoffte Michelangelo, seine Verpflichtungen

gegen die Erben Julius’ II ungestört erfüllen zu können. Aber der

Nachfolger Clemens’, Paul III (Alessandro Farnese), legte sofort

Beschlag auf den Künstler. Auf Michelangelos Bemerkung, daß er, durch

den Vertrag mit dem Herzog von Urbino gebunden, diesen zufrieden

stellen müsse, bevor er dem Papst mit seiner Kunst dienen könne, geriet

Paul III in hellen Zorn und rief: „Dreißig Jahre lang habe ich mich

danach gesehnt, und jetzt, wo ich Papst bin, soll ich’s mir versagen?

Ich zerreiße den Vertrag!“ Michelangelo wollte aus Rom fliehen und an

irgend einem stillen Ort, in einer im Gebiet von Genua gelegenen Abtei

des ihm befreundeten Bischofs von Aleria oder in Urbino, ausführen, was

er noch für das Juliusgrabmal zu thun hatte. Aber der neue Papst zwang

den Künstler sowohl, wie den Herzog von Urbino unter seinen Willen.

Bald nach seiner Thronbesteigung besuchte er mit einem großen Gefolge

von Kardinälen den Meister in dessen Wohnung; er bewunderte die dort

vorhandenen Figuren für das Juliusgrabmal und hörte es gern, als der

Kardinal von Mantua über den Moses den Ausspruch that, daß diese Figur

allein genügend sei, um Papst Julius zu ehren; und beim Anblick der für

das Jüngste Gericht bereits angefertigten Zeichnungen beschloß er, daß

Michelangelo dieses Werk für ihn ausführen solle.

[Illustration: Abb. 68. +Ein Verdammter, von Teufeln

herabgezogen.+ Kreidezeichnung nach Michelangelos Jüngstem Gericht.

In der Albertina zu Wien.

(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl.,

in Dornach i. Els. und Paris.)]

Alsbald wurden in der Sixtinischen Kapelle die Gerüste aufgeschlagen,

und im Frühjahr 1535 begann Michelangelo die Ausführung des großen

Freskogemäldes, dem, da es sich über die ganze Fläche der Altarwand

ausdehnte, nicht nur die drei hier befindlichen Gemälde aus dem

vorhergegangenen Jahrhundert (von Perugino), sondern auch zwei

Lünettenbilder weichen mußten, welche Michelangelo selbst vor

vierundzwanzig Jahren gemalt hatte. Am 1. September 1535 ernannte

Paul III den Meister durch ein in den schmeichelhaftesten Ausdrücken

abgefaßtes Breve zum obersten Baukünstler, Bildhauer und Maler des

Vatikans und wies ihm auf Lebenszeit ein jährliches Einkommen von 600

Goldscudi und außerdem die Einkünfte aus dem Zoll der Pobrücke bei

Piacenza, die auf den gleichen Betrag geschätzt wurden, an. -- Der

greise Meister gebrauchte acht Jahre, um das ungeheuer große Gemälde

des Jüngsten Gerichts, bei dem er wieder jede Mitwirkung von Gehilfen

verschmähte, zu vollenden. Der Weihnachtstag des Jahres 1541 wird als

der Tag bezeichnet, an dem das Bild „zum Staunen Roms und der Welt“

aufgedeckt wurde.

Michelangelos Weltgericht (Abb. 63) ist ein gemaltes ~Dies

irae~; der Tag des Schreckens ist in ihm geschildert. Christus

erscheint nicht, wie sonst üblich, in der gemessenen Ruhe eines

antiken Götterbildes; der Weltenrichter ist, als der eifrige Gott

der Bibel, mit der fürchterlichen Majestät des Zornes bekleidet.

Wie er beim Schall der Posaunen, der die Toten aus der Erde ruft,

die Hand erhebt, um mit einer Gebärde, die jeden Widerspruch

ausschließt, den Auferstandenen zur Linken das Urteil ewiger Verdammnis

entgegenzuschleudern, da geht es wie Schrecken auch durch die

dichtgedrängten Scharen der Heiligen, welche in doppeltem Kreise den

Richter umgeben, und die Engel, welche in der Höhe die Leidenswerkzeuge

Christi der Welt entgegenhalten, scheinen zu erzittern. Die Erde hat

sich geöffnet, und man blickt in ihren verborgenen Schlund, wo Teufel

heimlich und gierig die erwachenden Toten zu ergreifen suchen, bevor

sie ihnen von Engeln -- die hier wie überall in dem Bilde ohne Flügel

erscheinen -- entzogen werden. Dann zieht eine unsichtbare Kraft oder

die hilfreiche Hand von Engeln die Begnadeten hinauf, bis ihre Schar

sich mit den endlosen Reihen der um Christus versammelten Seligen

vereinigt. Den Aufsteigenden gegenüber stürzen die Verdammten. Von oben

her durch Engel zurückgetrieben, von unten durch grimmig starke Teufel

gezerrt, sinken sie pfeilgerade oder in verzweifelter Bewegung des

Widerstandes, mit einer unheimlichen Langsamkeit, die den Eindruck der

Unerbittlichkeit schauerlich verstärkt, in die Tiefe. Am Rand der Erde

wird die Luft zur Flut; das ist der Acheron, auf dem der alte Fährmann

Charon, nach der durch Dante eingebürgerten Vorstellung, eine Schar

Verworfener in seinem Nachen zur Hölle fährt. Der höllische Ferge

„Schlägt mit dem Ruder jeglichen, der zögert,“

und unter seinem Schlage stürzt und drängt sich die Menge nach dem

vorderen Rand des Kahnes, wo sie von hohnlachenden Teufeln gepackt und

herausgerissen werden, oder, was noch schauerlicher wirkt, ohne äußeren

Zwang, von grausiger Notwendigkeit getrieben, in das Reich der ewigen

Qual hinabspringen. Dort harrt ihrer, von wilden, häßlichen Genossen

umgeben, der Höllenfürst Minos, von einer Schlange umwunden; in seinen

Zügen mischt sich mit dem Ausdruck der eigenen endlosen Qual die

teuflische Lust über die Ankunft der Opfer.

[Illustration: Abb. 69. +Teufel, der einen Verdammten hinabträgt.+

Rötelzeichnung nach Michelangelos Jüngstem Gericht. In der Albertina zu

Wien.

(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl.,

in Dornach i. Els. und Paris.)]

Das Gemälde ist nicht leicht zu betrachten. Seine ungeheure Größe

erschwert den Überblick. Das Schlimmste aber ist, daß es bis zur

völligen Zerstörung der Farbenwirkung geschwärzt ist. Michelangelo

hatte, um die Ablagerung von Staub auf dem Bilde zu verhüten, die zur

Aufnahme desselben bestimmte Wandfläche so vorbereiten lassen, daß

sie eine kleine Neigung vornüber bekam; infolgedessen aber hat der

Rauch der Altarkerzen um so nachteiliger auf dasselbe eingewirkt. Hat

man sich aber erst hineingesehen, daß es einem gelingt, die einzelnen

Gruppen zu verstehen und eingehend zu betrachten, so findet man überall

eine Wucht und Größe der Gedanken und Empfindungen, die man nur mit

Dantes Dichtung vergleichen kann. -- In den so mannigfaltig bewegten

Gestalten hat das jüngere Künstlergeschlecht eine unerschöpfliche

Quelle der Belehrung gefunden, wie eine große Menge noch erhaltener,

nach dem Karton oder dem fertigen Freskobild von den verschiedensten

Händen gezeichneter Wiedergaben von einzelnen Figuren und Gruppen

bekundet (Abb. 64 bis 70). -- Michelangelo mußte es erleben, daß sein

Weltgericht wegen der Nacktheit fast sämtlicher Figuren Anfechtungen

und Unbilden erleiden mußte. Schon während der Arbeit wurde er

dieserhalb von dem päpstlichen Ceremonienmeister Biagio da Cesena

getadelt; dafür rächte er sich, wie Vasari erzählt, dadurch, daß er

dem Minos die Züge des Biagio gab, und Paul III hatte nichts dagegen

einzuwenden, daß ein Mann, der ein großes Werk mit kleinlicher und

niedriger Gesinnung betrachtete, in solcher Weise bestraft wurde.

Sehr heftig waren sodann die Angriffe des Dichters Pietro Aretino.

Diese Angriffe waren um so abscheulicher, als sie nicht aus innerer

Überzeugung hervorgingen; Aretino, der in seinen schriftstellerischen

Werken der zügellosesten Unanständigkeit frönte, erboste sich gegen

Michelangelo, weil er von diesem, an den er sich mit Ratschlägen

und schmeichlerischer Bewunderung herangedrängt hatte, nicht in

der erhofften Weise durch das Geschenk eines Kunstwerkes von hohem

Wert geehrt wurde; darum eiferte er ganz wütend gegen das Bild, das

er vorher hoch gepriesen hatte, und gegen dessen Urheber, der sich

durch die Herabwürdigung des Heiligen als „Lutheraner“ entpuppt habe.

Solche Ausfälle hatten zwar zunächst keinen Erfolg. Aber in Paul

IV kam 1555 ein Papst zur Regierung, dem der Blick dafür fehlte,

daß Michelangelos Gestalten in ihrer künstlerischen Erhabenheit das

würdigste Gewand besaßen. Derselbe hatte sogar die Absicht, das Gemälde

ganz herunterschlagen zu lassen; er begnügte sich dann aber damit,

eine Übermalung der anstößigen Stellen anzuordnen. So flickte, da

selbstverständlich Michelangelo nicht für eine derartige Entstellung

seiner Schöpfung zu gewinnen war, dessen Schüler Daniello Ricciarelli

allerhand Gewandstücke in das Bild; diese traurige Arbeit währte

mehrere Jahre, sie wurde erst unter Pius V durch einen anderen Maler

zu Ende geführt. Eine Auffrischung dieser Übermalungen, die im vorigen

Jahrhundert stattfand, hat noch ganz besonders zur Verunstaltung des

Gemäldes beigetragen.

[Illustration: Abb. 70. +Verdammte am Rande von Charons Nachen.+

Kreidezeichnung nach Michelangelos Jüngstem Gericht. In der Ambrosiana

zu Mailand.

(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl.,

in Dornach i. Els. und Paris.)]

Nach der Vollendung des Jüngsten Gerichts kam endlich auch die

Tragödie des Juliusgrabmals zu einem Abschluß. Im September 1539

hatte Michelangelo von dem Herzog von Urbino einen sehr freundlich

gehaltenen, mit den Worten „Liebster Herr Michelangelo“ anfangenden

Brief bekommen, des Inhalts, daß der Herzog dem Papst zuliebe

gern warten wolle, bis der Meister mit der für diesen begonnenen

Arbeit vollständig fertig sei, und daß er das feste Vertrauen hege,

Michelangelo werde alsdann mit doppeltem Eifer die Vollendung des

Grabmals vornehmen. Michelangelo hatte das Wohlwollen des Herzogs zu

nähren gewußt durch einen demselben übersandten Entwurf zu einem in

Edelmetall auszuführenden Salzfaß. Im Frühjahr 1542 arbeiteten mehrere

Gehilfen -- die zum Teil schon seit längerer Zeit mit dieser Arbeit

beschäftigt waren -- an den Figuren, welche Michelangelo für den

oberen Teil des Grabmals angeordnet hatte. Andere, darunter Francesco

di Amadore, genannt Urbino, der zugleich der Diener des Meisters

war, arbeiteten an dem baulichen Rahmen und dem Zierwerk. Am 6. März

1542 erklärte der Herzog in einem Briefe an Michelangelo noch einmal

ausdrücklich, daß er von dessen eigener Hand -- mit Rücksicht darauf,

daß der Papst ihn schon wieder durch einen neuen Auftrag gebunden habe,

-- nichts weiter verlange, als die drei bereits fertigen Figuren. Eine

neue Schwierigkeit bereitete Michelangelo sich selber, oder vielmehr

sein künstlerisches Gewissen bereitete sie ihm. Zwei von jenen drei

Figuren, die beiden Gefangenen, waren bestimmt gewesen, an einem

mächtig aufgebauten, mit zahlreichen anderen Figuren ausgestatteten

Grabmal in Gemeinschaft mit vielen gleichartigen als schmückende

Glieder, in inniger Verbindung mit der Architektur, verwendet zu

werden. An dem verkleinerten, zu einem an die Wand angelehnten flachen

Aufbau zusammengeschrumpften Grabmal würde es allzu befremdlich

ausgesehen haben, wenn zwei Nebenfiguren, deren Bedeutung noch dazu

durch ihre Vereinzelung abgeschwächt wurde, als ein hervorragender

Hauptbestandteil des Figurenschmucks aufgetreten wären. Darum beschloß

Michelangelo, dieselben durch inhaltlich bedeutsamere Gestalten zu

ersetzen; er wählte dazu, in Wiederaufnahme eines Gedankens, welcher

schon bei dem ersten Entwurf des Grabmals bestand, die Verbildlichung

des thätigen und des beschaulichen Lebens.

So begann er eigenhändig, da doch einmal drei Figuren von seiner Hand

das Werk schmücken sollten, die überlebensgroßen Figuren der Rachel

und der Lea: jene als die Beschauliche betend, diese -- nach einem

von Dante gebrauchten Bilde -- mit einem Blumenkranz in der Rechten

und einem Spiegel in der Linken als die Thätige. Zwar wurde in dem

Vertrag, der am 20. August 1542 als der letzte über das Juliusgrabmal

abgeschlossen wurde, dem Meister gestattet, die Vollendung auch dieser

beiden Figuren fremder Hand zu überlassen. Aber er kam später doch

wieder auf die eigenhändige Ausarbeitung derselben zurück. Im Jahre

1545 war das Grabmal Julius’ II in der Gestalt, in der wir es in der

Kirche S. Pietro in vincoli erblicken, fertig. Sein unterer Teil

zeigt eine Anordnung, welche derjenigen entspricht, die Michelangelo

für das Erdgeschoß des ursprünglich geplanten Grabbaues entworfen

hatte: zu den Seiten eines Mittelfeldes zwei von Hermenpfeilern

eingeschlossene Nischen. In den Nischen haben die Verbildlichungen

des beschaulichen und des thätigen Lebens Platz gefunden, und in dem

engen Mittelraum sitzt der gewaltige Moses; die Leere über den vor den

Pfeilern heraustretenden Sockeln, die als Fußgestelle für die Reihe der

Gefangenen gedacht waren, wird durch gewundene Steingebilde, umgekehrte

Konsolen, einigermaßen ausgefüllt (Abb. 71). Der obere Teil des

Grabmals, der in der Mitte die Figuren des auf einem Sarkophag ruhenden

Papstes und der Madonna, seitlich diejenigen eines Propheten und einer

Sibylle enthält, zeigt nicht nur in den Figuren sehr deutlich, daß

Michelangelos Hand hier ferngeblieben ist, sondern er verrät auch

in der Anordnung nichts von Michelangelos Geist. Wir erfahren, daß

Michelangelo sich über die Figuren des Propheten und der Sibylle sehr

unzufrieden geäußert habe. Im übrigen aber überwog die Beruhigung,

daß die Sache überhaupt zu einem Ende gekommen war, den Schmerz

darüber, daß dieses Ende im Vergleich mit den großen Hoffnungen, die

er vor vierzig Jahren gehegt, so überaus kläglich war. Der einst so

leidenschaftliche Mann hatte gelernt, sich zu ergeben. So hatte er auch

später auf die Mitteilung, daß sein Freskobild des Weltgerichts auf

Befehl Pauls IV einer Übermalung unterworfen werden sollte, nichts zu

erwidern, als die Worte: „Bilder lassen sich ändern; wenn der Papst

nur die Welt ändern könnte!“

Die überflüssig gewordenen Figuren der beiden Gefangenen schenkte

Michelangelo dem in Lyon ansässigen Florentiner Roberto Strozzi,

in dessen römischem Hause er im Jahre 1544 während einer schweren

Krankheit gepflegt wurde. Dieselben kamen dann in den Besitz des

Connetable Anne de Montmorency; vom letzten Montmorency wurden sie

dem Kardinal Richelieu geschenkt, und sie blieben im Besitz der

Familie Richelieu, bis sie gegen Ende des vorigen Jahrhunderts für

den französischen Staat erworben wurden. -- Es ist erwähnenswert,

daß Michelangelo an Roberto Strozzi die Bitte richtete, dem König

von Frankreich zu sagen, daß er, Michelangelo, auf seine eigenen

Kosten dem König ein ehernes Reiterstandbild auf dem Hauptplatz von

Florenz errichten wollte, wenn derselbe Florenz die Freiheit wieder

verschaffte. Michelangelo glühte für die Freiheit seiner Heimat, die

doch als endgültig verloren gelten mußte, seit Alessandros Nachfolger,

der junge und thatkräftige Cosimo, das Haupt der jüngeren Linie

der Mediceer, die Stadt und ihr Gebiet als ein erbliches Herzogtum

beherrschte. In jener Zeit mag der Meister die trotz ihres unfertigen

Zustandes so wunderbar ausdrucksvolle Büste des Freiheitshelden Brutus

gemeißelt haben, die sich im Nationalmuseum zu Florenz befindet.

[Illustration: Abb. 71. +Unterstück des Grabmals des Papstes Julius

II in der Kirche S. Pietro in vincoli zu Rom.+

(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl.,

in Dornach i. Els. und Paris.)]

Der in dem Brief des Herzogs von Urbino vom 6. März 1542 erwähnte neue

Auftrag Pauls III an Michelangelo war die Ausschmückung der Kapelle,

welche dieser Papst im Vatikan hatte erbauen lassen, und die nach

ihm als die Paulinische Kapelle bezeichnet wird, mit Freskogemälden.

Die darzustellenden Gegenstände waren die Bekehrung des Paulus und

die Kreuzigung des Petrus. Die allmähliche Erfüllung dieses Auftrags

beschäftigte den betagten Meister bis zum Jahre 1549. Wir müssen

darüber staunen, daß Michelangelo im achten Jahrzehnt seines Lebens

noch die körperliche Kraft besaß, welche dazu gehört, eine umfangreiche

Freskomalerei auszuführen; und wir dürfen uns nicht darüber wundern,

wenn aus diesen späten Werken, ungeachtet aller Schönheiten, welche

in den Einzelheiten der figurenreichen Darstellungen vorhanden sein

mögen, keine große dichterische Kraft mehr spricht. -- Michelangelo

selbst sagte, die Freskomalerei sei keine Sache für alte Leute, und

in einer Gesellschaft, welche sich um die geistvolle und gefeierte

Markgräfin-Witwe von Pescara, Vittoria Colonna, versammelt hatte,

äußerte er, daß er nicht mehr die Kraft in sich fühlte, welche eine

solche Liebe wie die Malerei beanspruche.

Michelangelo(#57131) · 第 8 / 9 段