Federzeichnung in der Albertina zu Wien.
(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl.,
in Dornach i. Els. und Paris.)]
Das einzige, was Michelangelo jetzt bedrückte, war der Gedanke an
das Juliusgrabmal. Im Laufe von mehr als zwanzig Jahren hatte dieses
Gespenst sein Aussehen verändert. Während es einst so lockend vor des
Künstlers Augen gestanden hatte, daß er jede Arbeit, die sich zwischen
ihn und dieses Traumbild stellte, als eine Qual empfand, so erschien
es ihm jetzt nur drohend und schreckend. Michelangelo fühlte gar nicht
mehr die Kraft in sich, das mit so heißer Begeisterung begonnene
Werk zu vollenden. Nicht mehr der Wunsch des Herzens, sondern das
Pflichtgefühl hielt ihn an dasselbe gefesselt.
[Illustration: Abb. 55. +Skizze der Mediceischen Madonna+, mit der
Ausführung übereinstimmend. Federzeichnung in der Sammlung des Louvre
zu Paris.
(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl.,
in Dornach i. Els. und Paris.)]
[Illustration: Abb. 56. +Die Mediceische Madonna.+ Marmorbild in
der Grabkapelle der Mediceer in S. Lorenzo zu Florenz.
(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl.,
in Dornach i. Els. und Paris.)]
[Illustration: Abb. 57. +Grabmal des Giuliano de’ Medici in S.
Lorenzo zu Florenz.+
(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl.,
in Dornach i. Els. und Paris.)]
Der Herzog von Urbino verharrte nicht lange in der Geduld, die er im
Anfang der Regierung Clemens’ VIII zu zeigen schien. Die Frist, binnen
deren das Grabmal hätte vollendet sein sollen, war abgelaufen, und von
Adrian VI hatten die Erben Julius’ II sich die Erlaubnis ausgewirkt,
gerichtlich gegen Michelangelo vorzugehen. Aber Michelangelo wollte
nicht prozessieren. „Ich nehme an, ich hätte prozessiert und verloren,“
schrieb er im April 1525, „und müßte Schadenersatz leisten. Wenn daher
der Papst mir helfen will, was mir die größte Freude wäre, da ich
wegen Alters oder schlechten körperlichen Befindens das Juliusgrab
zu vollenden nicht imstande bin, so kann er als Mittelsmann den
Willen aussprechen, daß ich zurückerstatte, was ich bekommen habe, um
dasselbe zu machen; so daß ich aus dieser Sache herauskomme und daß
die Verwandten des Papstes Julius mit dem zurückerstatteten Geld es
machen lassen können nach ihrem Gefallen und von wem sie wollen....
Und ich werde imstande sein, an die Sachen des Papstes zu denken und
zu arbeiten: denn auf diese Weise lebe ich nicht, geschweige daß ich
arbeite .... Es läßt sich mit Liebe machen, ohne zu prozessieren....“
Michelangelo wünschte nur, daß bei der Abrechnung die Zeit mit in
Betracht gezogen werde, die er an anderen Dingen im Dienste Julius’
II verloren habe, wie bei dem Aufenthalt in Bologna. Einige Monate
später schrieb er nochmals, daß er Ersatz leisten wolle; aber nur
Geld, keine Arbeit dürfe man von ihm verlangen; denn er fühle sich zu
alt, um hoffen zu können, daß er noch etwas anderes, als dasjenige,
was er für Papst Clemens angefangen habe, vollenden werde. Doch
willigte er im September 1525 ein, die Ausführung des Grabmals in
Gestalt eines flachen Aufbaues an der Wand, an welchem die von ihm
bereits vollendeten Figuren Verwendung finden sollten, zu leiten.
Trotzdem wurde er im folgenden Jahre durch eine so hohe Berechnung
der Ersatzansprüche von seiten der Verwandten des Papstes Julius
erschreckt, daß er aus aller Fassung geriet. „Wundert Euch nicht, daß
ich ganz den Kopf verloren habe,“ schrieb er an seinen Vertreter in
Rom. -- Aber trotz alledem arbeitete Michelangelo in dem Bewußtsein,
daß ihn in der Sache des Juliusgrabmals kein Verschulden traf, und
des starken Schutzes Clemens’ VII versichert, rüstig weiter an den
Mediceergräbern, bis die Ereignisse ihn zwangen, die Arbeit zu
unterbrechen. -- Am 6. Mai 1527 wurde Rom von den spanischen und
deutschen Söldnern des Connetable von Bourbon erstürmt und jener
fürchterlichen Plünderung preisgegeben, die heute noch nicht aus der
Erinnerung des Volkes verschwunden ist. Clemens VII wurde in der
Engelsburg gefangen gehalten. Sofort nach dem Bekanntwerden dieser
Ereignisse erhoben sich die Florentiner, um die verhaßte Herrschaft
abzuschütteln, welche Alessandro, der uneheliche Sohn des Herzogs
Lorenzo, ausübte. Der aufgeregte Zustand, in welchem sich die Stadt
nach der Wiedereinführung einer Volksherrschaft, wie sie zu Savonarolas
Zeit bestanden hatte, befand, wurde verschlimmert durch das Ausbrechen
der Pest. In Michelangelos Armen starb als Opfer der Pest sein Bruder
Buonarroto, für dessen Wohlergehen er immer so unermüdlich gesorgt
hatte. Wenn Michelangelo nicht an den Gräbern der Mediceer arbeitete,
während Florenz über die Vertreibung des letzten Mediceers jubelte, so
ist ihm das nicht zu verdenken. Die Regierung der Republik benutzte
die Muße des Meisters, um ihm den Auftrag zu erteilen, das schon im
Jahre 1508 geplante Gegenstück zum David anzufertigen. Im April
wurde ihm ein vorhandener Marmorblock zu diesem Zweck überwiesen; ein
siegreicher Riese sollte dargestellt werden, Herkules, der den Antäus
würgt, oder Samson, der den Eselskinnbacken über einem erschlagenen
Philister schwingt. Michelangelo machte auch Skizzen zu einer solchen
Gruppe; aber er führte das Riesenbild nicht aus. Aufgaben ganz anderer
Art traten an ihn heran, bevor es dazu kommen konnte. Florenz rüstete
sich, um zur Verteidigung seiner Freiheit dem Papst und dem Kaiser die
Stirn zu bieten. Man machte sich auf eine schwere Belagerung gefaßt.
Neun Männer wurden ernannt, welchen die Anordnung der zur Verteidigung
der Stadt erforderlichen Vorkehrungen oblag; unter ihnen Michelangelo.
Ein bürgerliches Verwaltungsamt hatte der Meister einige Zeit vorher
ausgeschlagen; aber dem Schutze seiner Vaterstadt lieh er willig seine
Kräfte. Am 6. April 1529 wurde er für die Dauer eines Jahres zum
obersten Leiter und Aufseher der Befestigungen von Florenz ernannt.
Mit rastlosem Eifer ließ er Wälle und Gräben und Bastionen herstellen,
besonders den die Stadt beherrschenden Hügel von S. Miniato sicherte
er in einer Weise, die sich erfolgreich bewährte. Im Mai wurde er nach
Pisa geschickt, um auch dort für die Instandsetzung der Festungswerke
Anordnungen zu treffen. Im August ging er im Auftrage der Republik nach
Ferrara zum Zwecke der Einsichtnahme in die berühmten Festungswerke,
welche der Herzog Alfonso d’Este seiner Stadt gegeben hatte. Inzwischen
rückte das Heer Karls V gegen Florenz vor. Eine Stadt nach der anderen
ging der Republik durch Erstürmung oder Übergabe verloren. In Florenz
selbst entstand eine fürchterliche Verwirrung; während die einen mit
dem Mut der Verzweiflung das äußerste zu wagen entschlossen waren,
verzweifelten andere an jeder Möglichkeit des Widerstandes. Viele
verließen die Stadt, um den Fall derselben nicht mit ansehen zu
müssen, und unter diesen war Michelangelo. Der König von Frankreich
hatte ihm anbieten lassen, daß er in seine Dienste treten solle;
bei der geringen Aussicht, welche die italienischen Zustände einem
ferneren Gedeihen der Künste zu gewähren schienen, hatte Michelangelo
sich mit dem Gedanken vertraut gemacht, diesem Rufe Folge zu leisten,
sobald der Kampf um Florenz entschieden sein würde. In jener Zeit
der höchsten Aufregung entschloß er sich plötzlich, nicht so lange
zu warten, sondern gleich nach Frankreich zu gehen; auf der Bastion
vor dem Thor S. Niccolò flüsterte ihm am Morgen des 21. September
jemand ins Ohr, wenn er sein Leben behalten wolle, müsse er fliehen;
jener Ungenannte verschaffte ihm Pferde, und er floh; er wußte nicht
-- wie er einige Tage später schrieb -- ob der Rat von Gott oder vom
Teufel kam. Am 30. September wurde über die sämtlichen Flüchtlinge
die Acht ausgesprochen; ihre Habe sollte eingezogen werden, wenn sie
sich nicht bis zum 6. Oktober dem Gericht stellten. Um zu retten, was
sich retten ließ, verbarg oder verkaufte Michelangelos Magd, was sich
an Einrichtungsgegenständen und Vorräten in seinem Hause befand; das
vorhandene Verzeichnis dieser Dinge verrät, daß seine Einrichtung
mehr als bescheiden war. Fast scheint es übrigens, als ob man an
maßgebender Stelle seine Rückkehr vorausgesetzt hätte; denn sein Name
befindet sich wohl in der Liste der Verbannten, aber nicht in der
Liste derjenigen, deren Besitz eingezogen wurde. In der That folgte
Michelangelo der Stimme der Pflicht und dem Rat seiner Freunde und
kehrte im November von Venedig, wohin er zunächst geflohen war, über
Ferrara nach Florenz zurück. Die Signoria hatte ihm die Zusicherung
freien Geleits nach Venedig geschickt, und als er wiederkam, war
seine Bestrafung nicht allzu streng; das Verbannungsurteil wurde am
23. November aufgehoben und statt dessen nur bestimmt, daß er für drei
Jahre von dem Recht, im großen Rate zu sitzen, ausgeschlossen sein
sollte, jedoch mit der Befugnis, alljährlich um seine Wiedereinsetzung
einkommen zu dürfen; außerdem sollte ihm für sein Amt als oberster
Aufseher der Verteidigungswerke fernerhin kein Gehalt ausgezahlt
werden. Michelangelo kam noch gerade zur Zeit, um alle Schrecken der
engeren Belagerung mit durchzumachen. In seinen Skizzenbuchblättern
spiegeln sich die blutigen Bilder wieder, welche die Straßen von
Florenz belebten (Abb. 52). Trotz seiner kriegerischen Thätigkeit
-- denn von einem Aufhören seines Amtes, die Instandhaltung der
Festungswerke zu leiten, ist nirgends die Rede -- fand Michelangelo
noch Zeit, sich bisweilen in das Reich der Kunst zu flüchten. Er
soll ab und zu heimlich in der Grabkapelle der Mediceer an den dort
angefangenen Figuren gearbeitet haben. Und mit aller Bestimmtheit
versichert Vasari, daß während der Belagerung ein Temperagemälde unter
der Hand des Meisters entstand, welches so weit ab wie nur möglich von
der rauhen Wirklichkeit lag. Dieses Bild stellte eine Leda vor; Herzog
Alfons von Ferrara hatte dasselbe bei Michelangelo bestellt, als dieser
in kriegerischer Sendung bei ihm verweilte. Leider ist das Gemälde,
welches den Beweis erbrachte, daß der ernste und düstere Künstler auch
die sinnliche Glut der Liebe mit der ganzen Kraft seiner Meisterschaft
zu schildern verstand, verloren gegangen. Michelangelo schenkte
dasselbe später aus Verdruß darüber, daß der Abgesandte des Herzogs,
welcher es in Empfang nehmen sollte, eine alberne Bemerkung über die
Darstellung machte, seinem Gehilfen Antonio Mini, zugleich mit einer
ganzen Anzahl von Kartons und gezeichneten und modellierten Skizzen,
damit dieser arme Künstler aus dem Erlös die Heiratsausstattung zweier
Schwestern bestreite. Dann kam das Bild -- oder eine Kopie desselben,
die Mini in gewinnsüchtiger Absicht anfertigen ließ, -- in den Besitz
des Königs Franz II von Frankreich; es hing in Fontainebleau, bis es
unter Ludwig XIII das Opfer scheinheiliger Gewissensbedenken geworden
sein soll, indem der Staatsminister des Noyers den Befehl gab, dasselbe
zu verbrennen. Jedenfalls ist sowohl Michelangelos Original wie auch
die betrügerische Kopie -- eins von beiden wurde im vorigen Jahrhundert
in stark beschädigtem Zustand aufgefunden und nach England verkauft --
gänzlich verschollen. -- Die heldenhaften Anstrengungen, mit welchen
die Florentiner ihre Freiheit verteidigten, waren vergeblich. Nicht die
feindlichen Geschosse, nicht die Pest und nicht der Hunger vermochten
während der zehnmonatlichen Belagerung ihren Mut zu brechen. Aber
der Verrat ihres Heerführers Malatesta zwang sie, am 12. August 1530
ihre Thore dem Feind zu öffnen und ein unbarmherziges Gericht über
sich ergehen zu lassen. Karl V setzte den vertriebenen Alessandro
de’ Medici als erblichen Herrscher von Florenz ein und überließ die
Stadt der Gnade oder Ungnade des Papstes. Mit schonungsloser Strenge
wurde gegen alle gewütet, die einer besonderen Feindschaft gegen die
Mediceer verdächtig waren. Auch der Mann, dem die Mauern und Wälle
der Stadt ihre Widerstandsfähigkeit verdankten, hatte allen Grund,
die Folgen seiner Vaterlandsliebe zu fürchten. Michelangelo hielt
sich eine Zeitlang verborgen. Aber Papst Clemens VII billigte dem
großen Künstler ebenso gut eine Ausnahmestellung zu, wie es das Jahr
zuvor die Regierung der Republik gethan hatte. Der Papst hatte sich
selbst durch böswillige Gerüchte, welche von den leidenschaftlichen
Neidern Michelangelos verbreitet wurden und welche ihn einer unwürdigen
Gehässigkeit gegen die Mediceer beschuldigten, in seinem Wohlwollen
nicht irre machen lassen; er hatte bei solchen Anschwärzungen nur, wie
Sebastiano del Piombo dem Meister später berichtete, traurig mit den
Achseln gezuckt. Als Mittelsmann zwischen dem Papst und Michelangelo
trat der päpstliche Bevollmächtigte in Florenz, Baccio Valori, ein
geborener Florentiner, auf. Dafür machte Michelangelo demselben als
Geschenk das Marmorbild eines Apollo, der sich anschickt, einen
Pfeil aus dem Köcher zu ziehen. Die Figur, welche sich jetzt im
Nationalmuseum zu Florenz befindet, ist nicht ganz fertig geworden;
sie verrät keine besondere Begeisterung des Meisters, und fast macht
sie den Eindruck, als ob sie aus der Umarbeitung eines für das
Juliusgrabmal bestimmt gewesenen Gefangenen hervorgegangen wäre (Abb.
53).
[Illustration: Abb. 58. +Grabmal des Lorenzo de’ Medici in S. Lorenzo
zu Florenz.+
(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl.,
in Dornach i. Els. und Paris.)]
[Illustration: Abb. 59. +Die Nacht.+ Marmorfigur am Grabmal des
Giuliano de’ Medici in Florenz. Einzelfigur zu Abb. 57.]
[Illustration: Abb. 60. +Der Tag.+ Marmorfigur am Grabmal des
Giuliano de’ Medici in Florenz. Einzelfigur zu Abb. 57.]
Vor Ablauf des Jahres 1530 war Michelangelo wieder eifrig bei der
Arbeit in der Grabkapelle der Medici, und er blieb während der nächsten
Jahre bei diesem Werk. Aber er arbeitete unter der größten körperlichen
und geistigen Qual. Er war, wie ein Freund am 29. September 1531 über
ihn berichtet, bis zur Fleischlosigkeit abgemagert. „Michelangelo
wird,“ heißt es in demselben Bericht weiter, „nicht mehr lange leben,
wenn nicht Abhilfe geschafft wird; denn er arbeitet viel, ißt wenig und
schlecht und schläft auch nicht, und seit einem Monat wird er stark
behindert durch Kopfschmerzen und Schwindel; er hat, kurz gesagt,
zwei Übel, eines am Kopf und eines am Herzen, und für jedes gibt es
ein Heilmittel, man muß nur die Ursache wissen und aussprechen.“ Das
Heilmittel für den Kopf sollte darin bestehen, daß dem Meister verboten
würde, während des Winters in der feuchten und kalten Kapelle, wo er
sich den Tod hole, zu arbeiten; das Heilmittel für das Herz sollte in
der endlichen Regelung der Sache des Juliusgrabmals bestehen; denn um
dieser Sache willen war Michelangelo ganz in Schwermut verfallen.
[Illustration: Abb. 61. +Der Abend.+ Marmorfigur am Grabmal des
Lorenzo de’ Medici in Florenz. Einzelfigur zu Abb. 58.]
[Illustration: Abb. 62. +Der Morgen.+ Marmorfigur am Grabmal des
Lorenzo de’ Medici in Florenz. Einzelfigur zu Abb. 58.]
Es ist wahrhaft peinlich, die Geschichte der Hinundherverhandlungen
über diese Angelegenheit zu verfolgen. Zum Glück besaß Michelangelo in
Papst Clemens einen wirklichen Freund. Es war keine bloße Redensart,
wenn Sebastian del Piombo an den Meister schrieb (am 29. April 1531):
„Über die Nachricht, daß Ihr Euch für ihn abmüht, daß Ihr Tag und
Nacht arbeitet, hat er (der Papst) sich sehr gefreut; aber nicht
weniger würde er sich freuen, wenn er wüßte, daß Ihr Euch zufrieden
fühltet und ruhigen Mutes wäret und daß Ihr die gleiche Liebe, die
er zu Euch hegt, ihm entgegenbrächtet.“ So wendete Clemens VII jetzt
auch alle Mittel an, um Michelangelo gegen Belästigung durch die
Ansprüche des Herzogs von Urbino zu schützen. Das äußerste Mittel,
zu dem er schritt, erscheint uns verwunderlich genug, aber es war
zweifellos sehr wirksam: am 21. November 1531, also bald nach der
Kenntnisnahme von dem oben erwähnten Bericht, schickte er ein Breve
an Michelangelo, worin er demselben bei Strafe der Ausschließung
aus der Kirchengemeinschaft verbot, an irgend etwas anderem als
an den Mediceergräbern zu arbeiten. Das würde wohl, heißt es in
einer vertraulichen Erläuterung, als Entschuldigung allen anderen
Anforderungen gegenüber -- denn außer dem Herzog von Urbino, der auf
seinem Recht bestand, waren noch zahllose Kunstfreunde da, die irgend
etwas, und wenn es nur ein paar Striche wären, von Michelangelo zu
besitzen wünschten, -- genügen; zugleich sollte der Meister so, indem
er an jeder Zersplitterung seiner Kraft verhindert wurde, gezwungen
werden, besser für seine Gesundheit zu sorgen, um derentwillen ihm
außerdem ein behaglicherer Arbeitsraum angewiesen wurde. Da aber der
Papst erfuhr, daß Michelangelo doch keine volle Ruhe finden könnte,
solange die römische Grabmalsangelegenheit in der Luft schwebte, riet
er ihm selbst, zur Ordnung derselben nach Rom zu kommen. Im Frühjahr
1532 begab sich Michelangelo nach Rom. Dem entschlossenen Auftreten
seines Freundes Sebastiano del Piombo, der die Vertreter des Herzogs
auf den unschätzbaren Kunstwert dessen, was Michelangelo bereits für
das Grabmal geschaffen hatte, überzeugend hinwies, hatte er es zu
verdanken, daß ihm die günstigsten Bedingungen entgegengebracht wurden.
Er hatte sich erboten, 2000 Dukaten Schadenersatz zu zahlen, wenn das
Grabmal durch andere fertig gemacht würde; statt dessen sollte er jetzt
noch 2000 Dukaten zubekommen, wenn er nur durch Zeichnungen, Modelle
und persönliche Leitung die Anweisungen zur Ausführung des Grabmals
gäbe; es würde genügen, so meinte Sebastiano, wenn nur etwas von seinem
Schatten auf das Werk fiele. Die Zahl der am Grabmal anzubringenden
Figuren sollte auf sechs, die fertig in Rom oder angefangen in Florenz
standen, beschränkt werden. Unter diesen Bedingungen gab der Papst die
Erlaubnis, daß Michelangelo alljährlich mehrere Monate sein Werk in
Florenz verlassen dürfe, um in Rom zu arbeiten. Hiernach wurde am 29.
April 1532 ein neuer Vertrag über das Juliusgrabmal abgeschlossen, der
alle Parteien zufrieden zu stellen schien. Als Aufstellungsort für das
Grabmal wurde in diesem Vertrag, da man von der im Neubau begriffenen
Peterskirche absehen mußte, die Kirche S. Pietro in vincoli bestimmt,
deren Titel Julius II als Kardinal getragen hatte. Michelangelo teilte
jetzt seine Zeit in der vorgesehenen Weise zwischen Florenz und Rom. In
Rom hatte er neben dem Juliusgrabmal noch eine andere Arbeit, die seine
Thätigkeit mehr in Anspruch nahm als jenes: der Papst erteilte ihm den
Auftrag, die Schmalwände der Sixtinischen Kapelle mit großen Gemälden
zu schmücken; an der Eingangswand sollte der Sturz der bösen Engel, an
der Altarwand das Weltgericht dargestellt werden, und den Karton zu
letzterem Gemälde mußte Michelangelo alsbald beginnen.
[Illustration: Abb. 63. +Das Jüngste Gericht.+ Freskogemälde in
der Sixtinischen Kapelle zu Rom.
(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl.,
in Dornach i. Els. und Paris.)]
[Illustration: Abb. 64. +Zwei Auferstandene zwischen Engel und
Teufel.+ Kreidezeichnung nach Michelangelos Jüngstem Gericht. Im
Museum zu Weimar.
(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl.,
in Dornach i. Els. und Paris.)]
Als Michelangelo im Herbst 1534 Florenz verließ, um wieder an seine
römischen Arbeiten zu gehen, sah er die Heimatstadt, wo er kurz vorher
seinen neunzigjährigen Vater begraben hatte, zum letztenmal. Clemens
VII starb am 25. September 1534, zwei Tage bevor Michelangelo in Rom
eintraf. Nach dem Tode dieses mächtigen Beschützers war in Florenz
kein Aufenthalt mehr für ihn. Denn er wußte sich gehaßt von dem neuen
Gebieter der Stadt, von dem weder Milde noch Gerechtigkeit zu erwarten
war und den er dadurch noch besonders erzürnt hatte, daß er ihm die
Anfertigung der Pläne zum Bau einer Zwingburg glatt verweigerte. Papst
Clemens hatte dem lasterhaften Alessandro gegenüber mit der größten
Schärfe die Interessen des Künstlers wahrgenommen; aber jetzt hatte
dieser in Florenz alles zu fürchten. Er ließ daher die Mediceergräber
stehen und liegen, wie sie waren. Es fehlten daran nicht weniger als
zwölf Figuren; aber immerhin war ein gewisser Abschluß erreicht.
Hauptsächlich durch Vasaris Bemühungen wurde das Vorhandene in gute
Ordnung gebracht und die ganze Kapelle, wenn auch erst nach langen
Jahren, würdig in stand gesetzt.
[Illustration: Abb. 65. +Ein Teufel aus der Umgebung des Minos
und eine emporschwebende Auferstandene.+ Kreidezeichnung nach
Michelangelos Jüngstem Gericht. In der Ambrosianischen Bibliothek zu
Mailand.
(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl.,
in Dornach i. Els. und Paris.)]
Es ist ein mannigfaltig bewegtes, düsteres Stück Lebensgeschichte,
welches den Hintergrund der gewaltigen Schöpfung Michelangelos bildet,
die, obgleich unvollendet, für sich allein genügen würde, ebensogut wie
die Decke der Sixtinischen Kapelle, ihm für alle Zeiten und über allen
Wechsel des Geschmacks hinaus unvergänglichen Ruhm zu sichern. Der
Eindruck, den die Grabkapelle der Mediceer als Ganzes, in ihrer Einheit
von Baukunst und Bildhauerkunst, bei dem von oben her nach allen Seiten
hin gleichmäßig einfallenden Licht, auf den Beschauer ausübt, läßt
sich nicht schildern; man kann ihn nur an Ort und Stelle empfinden.
An jedem der beiden Grabmäler, welche die Seitenwände einnehmen,
befinden sich nur drei Figuren: das sitzende Bild der hier bestatteten
Persönlichkeit in der mittelsten Nische des unteren Wandgeschosses und
zwei allegorische Gestalten, welche auf dem Deckel des vor der Wand
stehenden Sarkophags ruhen. Diese drei Figuren wirken so mächtig, daß
sie die Leere der vielen unausgefüllt gebliebenen Nischen vergessen
lassen. An der Wand gegenüber dem Altar befindet sich als siebente
Figur von Michelangelos Hand eine Madonna; zu ihren Seiten wurden
nachträglich die nach den Entwürfen des Meisters von seinen Gehilfen
ausgeführten Figuren der beiden Schutzheiligen des Mediceischen Hauses,
Cosmas und Damian, aufgestellt.
Die Madonna war die erste Figur, welche Michelangelo für die
Mediceische Grabkapelle entwarf. Schon 1521 wurde der betreffende
Marmorblock zurechtgehauen. Aber zehn Jahre später harrte sie noch
der Vollendung, und gänzlich fertig ist sie überhaupt nicht geworden.
In dem Madonnenantlitz, das mit unendlicher Milde über das Kind
hinweg zu uns herabblickt, kehrt etwas von der ruhigen Schönheit der
Madonnenbilder aus Michelangelos Jugendzeit wieder; bei dem Jesuskind
deutet die Mächtigkeit der Formen und die ungestüme Kraft der Bewegung
-- das ist Michelangelos eigenste Weise -- das göttliche Wesen an
(Abb. 56, mit den Skizzen Abb. 54 u. 55). Ursprünglich war die Madonna
für die Mittelnische eines Doppelgrabmals bestimmt (Abb. 51). Mit dem
Zurichten des Marmorblocks nach den Maßen der Nische hängt es zusammen,
daß der Meister, der niemals Modelle im großen für seine Marmorarbeiten
anfertigte, an der rechten Seite der Figur nicht genug Marmor übrig
behielt, um den rückwärts aufgestützten Arm (vgl. die Skizze Abb. 55)
mit völliger Freiheit herauszuarbeiten.