Der Name der Vittoria Colonna ist der Nachwelt wohl durch nichts so

sehr bekannt geworden, wie durch ihre Beziehungen zu Michelangelo.

Vittoria, die Tochter des Großconnetable von Neapel, Fabrizio Colonna,

war im Jahre 1490 geboren. Schon als Mädchen war sie weit und breit

berühmt wegen ihres Geistes und ihrer Schönheit, und mehr als ihre

Abstammung aus dem alten und mächtigen römischen Adelsgeschlecht

ließen ihre persönlichen Eigenschaften sie in den Augen fürstlicher

Bewerber begehrenswert erscheinen. Im Jahre 1509 vermählte sie sich

mit ihrem Jugendgespielen Ferrante Francesco d’Avalos, Markgraf von

Pescara, dem sie schon als Kind verlobt worden war. Pescara starb 1525

an den Wunden, welche er in der Schlacht bei Pavia empfing. Die Witwe

suchte Trost in Andachtsübungen, in Werken der Wohlthätigkeit und in

der Dichtkunst. Sie nahm ihren Aufenthalt in verschiedenen Klöstern,

in Orvieto, Viterbo, Rom. Von 1544 bis zu ihrem Tode im Februar 1547

verweilte sie dauernd in Rom bei den Nonnen von S. Silvestro in capite.

In ihrer Zurückgezogenheit von dem Treiben der Welt versagte Vittoria

Colonna sich nicht den Genuß des Verkehrs mit geistreichen Männern, mit

denen sie sich über Religion, Dichtung und Kunst unterhalten konnte.

Man weiß nicht, wann ihr Verkehr mit Michelangelo begann, der sich zu

dem innigsten und reinsten Bund zweier für das Schöne und Erhabene

begeisterten Seelen gestaltete; die Vermutungen schwanken zwischen

den Jahren 1533 und 1538. Die Markgräfin war nicht mehr jung, und

Michelangelo war dem Greisenalter nahe, als sie sich kennen lernten.

Unter den Gedichten aus Michelangelos Jugendzeit gibt es einige wenige

-- sie fallen in das Jahr 1507 --, welche sich mit heißem Verlangen an

eine Geliebte wenden; das ist das einzige, was darauf hinweist, daß

er in jüngeren Jahren nicht völlig unempfindlich gegen Frauenliebe

geblieben sei, und nichts läßt vermuten, daß es sich hier um mehr als

eine flüchtige Neigung gehandelt habe. Was die Kunst in Michelangelos

Herzen an Raum übrig ließ, wurde, solange sein Vater lebte, durch die

Sorge für dessen Wohlergehen ausgefüllt. Erst als diese liebgewordene

Sorge von ihm genommen war, empfand er das Bedürfnis, sich enger

an einen gleichgesinnten Menschen anzuschließen. Auf eine geradezu

leidenschaftliche Freundschaft zu einem jungen, vornehmen Römer,

Tomaso de’ Cavalieri, den er mit Geschenken von Zeichnungen überhäufte

und dessen lebensgroßes Bildnis er zeichnete, obgleich sonst das

Porträtieren gar nicht seiner Neigung entsprach, folgte die Liebe

zu Vittoria Colonna. Gegenseitige Bewunderung des Künstlers und der

Dichterin knüpfte das Band, das um so fester und inniger wurde, je

näher diese beiden ungewöhnlichen Persönlichkeiten im schriftlichen

Verkehr und in mündlicher Unterhaltung einander kennen lernten. In

dieser ebenso glühenden wie ehrfurchtsvollen Liebe fand die ungestüm

leidenschaftliche Seele Michelangelos eine beglückende Ruhe.

Die Mehrzahl von Michelangelos Gedichten sind in der Zeit des Umgangs

mit Vittoria Colonna entstanden. Die meisten unter ihnen sind der

Liebe zu dieser hohen Frau gewidmet. Andere nicht minder begeisterte

gelten der Vaterstadt, und einige der schönsten sind dem großen Dichter

gewidmet, der gleich ihm gezwungen war, das geliebte Florenz zu meiden;

Michelangelo war ein großer Kenner und Verehrer Dantes, und es ist sehr

zu beklagen, daß ein von ihm mit Randzeichnungen versehenes Exemplar

der Göttlichen Komödie bei einem Schiffbruch zu Grunde gegangen ist.

Sehr zahlreich sind ferner die Gedichte religiösen Inhalts, aus denen

eine wunderbare Tiefe der Empfindung spricht. Ernste, christliche

Frömmigkeit war ein Grundzug von Michelangelos Wesen; er wurde nicht

müde, in der Bibel zu lesen und in geistlichen Abhandlungen, besonders

in den Schriften Savonarolas, dessen Predigten er in der Jugend

gehört hatte und dessen lebhafte Stimme ihm noch im Alter in den

Ohren klang. In dieser aufrichtigen innerlichen Frömmigkeit begegnete

er sich mit Vittoria Colonna, er erkannte, wie er in einem seiner

Gedichte sagt, in ihren schönen Augen das Licht, welches den Weg zum

Himmel weist. -- Dem entsprach der Inhalt der Zeichnungen, welche er

für die geliebte Frau anfertigte. Christus am Kreuz in der Qual der

letzten Augenblicke und die Klage Marias an dem Leichnam Christi waren

in diesen Zeichnungen dargestellt. Den letzteren Gegenstand wählte

Michelangelo auch, als er, noch bei Lebzeiten der Vittoria, daran

ging, ein Marmorwerk zum Schmuck seines eigenen Grabes zu meißeln.

Er begann aus einem großen Marmorblock eine Gruppe herauszuarbeiten,

welche den eben vom Kreuze abgenommenen Leichnam des Heilands zeigte,

wie er, von Nikodemus und Maria Magdalena gehalten, in die Arme der

Mutter sinkt. Aber er brachte dieses Werk nicht zu Ende. Als Vittoria

Colonna verschieden war, der er am Sterbebett die Hände, doch nicht das

Antlitz zu küssen wagte, hatte er die letzte Anregung, welche seine

Schaffenskraft frisch erhielt, verloren. Wohl arbeitete er, als die

Beendigung der Freskomalerei in der Paulinischen Kapelle ihm volle Muße

gewährte, mit Eifer an der Marmorgruppe für sein Grab. Ein Augenzeuge

berichtet aus dem Jahre 1550: „Ich kann sagen, daß ich Michelangelo,

obgleich er über die Sechzig und nicht sehr kräftig ist, von einem sehr

harten Marmor mehr Splitter in einer Viertelstunde habe herabhauen

sehen, als drei junge Steinhauer in drei oder vier fertig brächten, und

er ging mit einem solchen Ungestüm daran, daß ich dachte, das ganze

Werk müßte in Stücke springen, indem er auf einen Hieb große Brocken,

drei oder vier Finger dick, herunterschlug, so haarscharf an seiner

Anzeichnung, daß, wenn er weiter, als es sein sollte, gegangen wäre, er

Gefahr lief, alles zu verderben.“ Michelangelo verdarb sich in der That

dieses Werk durch sein Ungestüm, und als obendrein noch eine dunkle

Ader darin zu Tage kam, zerschlug er zornig die Gruppe in Stücke.

Ein Bildhauer, dem er die Marmorstücke schenkte, setzte dieselben

wieder zusammen und ergänzte das Fehlende; in diesem Zustand ist die

Gruppe später nach Florenz gekommen, wo sie hinter dem Hochaltar des

Doms aufgestellt worden ist. Noch ärger verhauen ist eine nur aus den

beiden Figuren der Mutter Maria und des toten Christus bestehende

Gruppe, welche Michelangelo wahrscheinlich für sein Grab auszuführen

beabsichtigte, bevor er sich zu jener größeren Gruppe entschloß;

dieselbe befindet sich im Palazzo Rondanini zu Rom; das Merkwürdigste

daran ist, daß der Kopf Marias, obgleich er nur mit ganz groben Hieben

angelegt ist, ganz sprechend und ergreifend den beabsichtigten Ausdruck

zeigt. -- Der Meister sah ein, daß er auch der Bildhauerkunst entsagen

müsse. Nach der Verzichtleistung auf die Ausübung der beiden Künste

kam er sich wie ein schon halb Gestorbener vor. In einem Sonett, das

er an Vasari sandte, hat er seine Empfindungen schön und ergreifend

ausgesprochen; leider vermag die Übersetzung nur ein schwaches Bild

zu geben von der Kraft und Knappheit von Michelangelos dichterischer

Ausdrucksweise:

Am Ziel der Fahrt ist angelangt mein Leben,

-- Wie schwach der Kahn, wie wild des Meers Gewalten! --

Im Hafen, wo der Landende gehalten

Ist, Rechnung über all sein Thun zu geben.

Die mich die Kunst zur Gottheit ließ erheben,

Zum einz’gen Herrn, die Freude am Gestalten:

Jetzt seh’ ich, wieviel Irrtum sie enthalten,

Und wie wir gegen unser Bestes streben.

Die eitle, frohe Schaffenswonne endet,

Da sich ein zwiefach Sterben mir bereitet:

Ein Tod ist da, den andern seh’ ich nahen.

Nicht mal’ noch meißl’ ich mehr; die Seele wendet

Zur Gottesliebe ruhig sich, die breitet

Vom Kreuz die Arme aus, uns zu umfahen.

[Illustration: Abb. 72. +Christusfigur für die Kreuzabnahme

des Daniel da Volterra.+ Kreidezeichnung in der Sammlung der

Kunstakademie zu Venedig.

(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl.,

in Dornach i. Els. und Paris.)]

[Illustration: Abb. 73. +Die Auferstehung Christi.+

Kreidezeichnung im Britischen Museum zu London.

(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl.,

in Dornach i. Els. und Paris.)]

Die letzten Jahre von Michelangelos Leben blieben von großen Stürmen,

wenn auch nicht von mancherlei Betrübnissen und Verdrießlichkeiten,

verschont. Dank der von Paul III getroffenen Fürsorge lebte der betagte

Meister in Wohlhabenheit, trotzdem ihm die Einkünfte aus dem Poübergang

bei Piacenza verloren gingen, als Piacenza in den Besitz Kaiser Karls

V kam. Im fortwährenden Kampf mit Entbehrungen hatte er sich an eine

Lebensweise von außerordentlicher Einfachheit und Mäßigkeit gewöhnt.

Da er diese Lebensweise auch im hohen Alter beibehielt, kam er in den

Ruf des Geizes; aber seine Wohlthätigkeit und Freigebigkeit strafte

solches Gerede Lügen. Die bewunderungswürdigste Art der Freigebigkeit

bewies er den jungen Künstlern gegenüber, welche ihm -- ohne im engeren

Sinne des Wortes seine Schüler zu sein -- nacheiferten; er schenkte

ihnen nicht nur von seinen Studienzeichnungen, sondern er überließ

ihnen ganze Kompositionen, damit sie dieselben ausführten. Sebastian

del Piombo und Daniel Ricciarelli (Daniele da Volterra) haben vieles

in ihren besten Werken der Erfindung Michelangelos zu verdanken

gehabt. Insbesondere gilt des letzteren bedeutendstes Gemälde, die

berühmte Kreuzabnahme in S. Trinià de’ Monti zu Rom, als Michelangelos

Geisteserzeugnis; eine erhaltene Zeichnung zu der Christusfigur in

diesem Bilde weist mit Bestimmtheit auf die Hand des Meisters hin

(Abb. 72). Viele Bilder von verschiedenen Malern werden ausdrücklich

als aus solche Weise entstanden namhaft gemacht. Zu den bekannteren

unter diesen gehört das von Jacopo da Pontormo gemalte Bild in der

Uffiziensammlung: Venus und Amor, das sich im Besitz des Alessandro de’

Medici befunden hat, somit in Michelangelos frühere Zeit -- Alessandro

wurde im Jahre 1537 ermordet -- zurückreicht. Verschollen sind die

zahlreichen Gemälde kleineren Maßstabes, welche der Mantuaner Marcello

Venusti nach Zeichnungen Michelangelos ausführte. Unter denselben wird

eine Auferstehung Christi erwähnt; von der Hand des Meisters sind zwei

verschiedene, aber gleich eigenartige und gewaltige Kompositionen

dieses Gegenstandes erhalten, welche nach der Art der Zeichnung seinem

hohen Alter anzugehören scheinen; das eine der Blätter befindet sich im

Louvre, das andere (Abb. 73) im Britischen Museum zu London.

Michelangelo überlebte seine sämtlichen Brüder. Giovansimone starb

1548, Sigismondo 1555. Beide hinterließen keine Nachkommenschaft, und

Michelangelo verzichtete auf ihr Erbe zu Gunsten von Buonarrotos Sohn

Leonardo. Diesem seinem Neffen, mit dem er bis in seine letzten Tage

einen regen Briefwechsel unterhielt, kam von nun an all sein sorgender

Familiensinn zu gute. Ein Verlust, der den einsamen Mann ebenso hart

traf, wie der Tod eines Angehörigen, war der Tod seines Dieners Urbino

(Francesco d’Amadore), der fünfundzwanzig Jahre lang sein Hauswesen

besorgt hatte, der bei der Ausführung des Juliusgrabmals mit beteiligt

gewesen war und auch hinsichtlich der Freskomalereien des Meisters

ein nicht zu unterschätzendes Verdienst besaß; er war nämlich von

Papst Paul III angestellt worden, die Fresken in der Sixtinischen und

Paulinischen Kapelle regelmäßig abzustäuben und von den Rußteilchen,

welche bei festlichen Beleuchtungen anflogen, zu säubern; wie

nützlich diese Vorsichtsmaßregel war, die nach dem Willen Pauls III

niemals unterlassen werden sollte, später aber doch versäumt wurde,

hat die Zeit gelehrt. Als Urbino erkrankte, ließ der siebzigjährige

Michelangelo es sich nicht nehmen, selbst an dessen Krankenlager

zu wachen; die Briefe, welche er über den Tod des treuen Dieners

geschrieben hat, sind der rührendste Beweis von der Herzensgüte, welche

sich unter seiner rauhen Außenseite verbarg.

[Illustration: Abb. 74. +Hofseite des Palazzo Farnese in Rom+ (der

von Michelangelo entworfene Teil ist durch Schattierung hervorgehoben).]

[Illustration: Abb. 75. +Durchschnitt von Michelangelos Modell für

die Kuppel der St. Peterskirche in Rom.+]

Nachdem Michelangelo auf die Ausübung von zwei Künsten verzichtet

hatte, blieb ihm die dritte: die Baukunst. Hier konnte er alle seine

Schaffensgedanken zu vollkommenem Ausdruck bringen, ohne seinem Körper

Anstrengungen zuzumuten, denen derselbe nicht mehr gewachsen war; hier

genügten Zeichnungen, und die Lust und Kraft zum Zeichnen behielt

er fast bis zum letzten Lebenstage. Michelangelos Bauthätigkeit in

Rom begann mit der Vollendung des Farnesischen Palastes, den Paul

III, als er noch Kardinal war, durch Antonio da Sangallo hatte

anfangen lassen, den er aber als Papst reicher und stattlicher,

als ursprünglich geplant, zu gestalten beschloß. Auf Michelangelos

Erfindung beruhen an diesem Palast, der einer der schönsten Roms ist,

das prächtige Bekrönungsgesims der Außenseite und das oberste Stockwerk

der Hofarchitektur (Abb. 74). Die Ausführung des Kranzgesimses nach

Michelangelos Plan war die Folge eines vom Papst noch bei Lebzeiten des

Sangallo ausgeschriebenen Wettbewerbs; den Ausbau des Hofes übernahm

Michelangelo erst, nachdem Sangallo gestorben war (1546). Der Tod

Sangallos hatte für ihn die wichtigere Folge, daß er an dessen Stelle

als Leiter des Neubaues von St. Peter berufen wurde. Die Ernennung

geschah durch eine Breve vom 1. Januar 1547, welches dem Meister die

Vollmacht erteilte, daß er alle Pläne ändern und ganz nach Gutdünken

bauen und niederreißen dürfe, und ihn zugleich den Verwaltern des

Kirchenbaues gegenüber vollständig unabhängig machte, ihn sogar von

jeder Verpflichtung einer Rechnungsablage entband. Nachdem Papst Paul

III gestorben war (10. November 1549), bestätigte dessen Nachfolger

Julius III (1550 bis 1555) alle jene Vollmachten. Die Ernennung

Michelangelos lautete auf Lebenszeit, und durch den mehrmaligen

Wechsel auf dem päpstlichen Thron, den er noch erlebte, blieb seine

Stellung als Bauleiter des Petersdoms unberührt. Wohl fehlte es während

der siebzehn Jahre von Michelangelos Thätigkeit an diesem Riesenbau

niemals an Zank und Ärger. Mißgunst und Besserwissenwollen suchten dem

Meister zu schaden. Viel mehr aber noch machten ihm die Bauverwalter

zu schaffen, die, unwillig über die Verkürzung ihrer früheren Rechte

und auch wohl unzufrieden mit der scharfen Beaufsichtigung, die

hinsichtlich ihrer Ehrlichkeit stattfand, bald offen, bald heimlich

mit immer neuen Angriffen gegen Michelangelo hervortraten. Mit

unanfechtbarer Sieghaftigkeit wies der Meister alle Angriffe, welcher

Art sie auch sein mochten, zurück. -- Michelangelos Anteil an der

endgültigen Gestalt der Peterskirche ist sehr bedeutend, wenn er

auch selbst so bescheiden war, sich nur als den Ausführer der Pläne

des Bramante, auf die er zurückkam, zu bezeichnen. Vor allem hat er

den Ruhm, die Gestalt der Kuppel bestimmt zu haben. Schon gleich im

Beginn seiner Thätigkeit als Baumeister von St. Peter beschäftigte

er sich mit dem Gedanken an die stolze Kuppel, welche den Riesendom

majestätisch bekrönen sollte. Die Kuppel des Doms seiner Heimatstadt

schwebte ihm dabei vor Augen; deren Maße ließ er sich im Jahre 1547

schicken. Zehn Jahre später war der Bau so weit gediehen, daß der

Aufbau der Kuppel beginnen sollte. Michelangelo machte eigenhändig ein

Thonmodell zu derselben, und nach diesem wurde das große Holzmodell

hergestellt, welches heute noch im Vatikan aufbewahrt wird und welches

für die Ausführung im wesentlichen maßgebend geblieben ist (Abb. 75

und 76). Der alte Meister, der in den letzten Jahren, da ihm die Füße

den Dienst versagten, auf einem Maultier auf den Bauplatz zu reiten

pflegte, sah den senkrechten Teil des Kuppelgebäudes, die sogenannte

Trommel, noch emporwachsen; aber es war ihm nicht mehr vergönnt, die

gewaltige Rundung der Kuppel mit ihren unberechenbaren, ausschließlich

vom künstlerischen Gefühl bestimmten Umrißlinien sich gegen den Himmel

wölben zu sehen.

[Illustration: Abb. 76. +Äußeres von Michelangelos Modell für die

Kuppel der St. Peterskirche in Rom.+]

Neben den Arbeiten an St. Peter beschäftigten noch verschiedene

bedeutende Unternehmungen den Meister im neunten Jahrzehnt seines

Lebens. Für die Stadt Rom, welche ihn im Jahre 1546 durch die

außergewöhnliche Ehrenbezeugung der Verleihung des römischen

Bürgerrechts ausgezeichnet hatte, übernahm er die Neuanlage des

Kapitolsplatzes. Wenn auch diese Anlage erst nach seinem Tode und

nicht ganz getreu nach seinen Plänen zur Ausführung kam, so verdankt

doch der ehrwürdige Platz seine stolze jetzige Erscheinung dem

Geiste Michelangelos; bemerkenswert ist, daß der Meister sich eines

perspektivischen Kunstgriffs -- Schrägstellung der beiden seitlichen

Paläste -- bediente, um die Raumwirkung des Platzes zu erhöhen. --

Im Jahr 1559 übernahm er den Weiterbau der unter Leo X begonnenen

Nationalkirche der Florentiner in Rom (S. Giovanni de’ Fiorentini);

doch kamen seine hieraus bezüglichen Pläne nicht zur Ausführung, weil

sie zu kostspielig waren. -- In dem nämlichen Jahre erhielt er einen

Brief von der Königin Katharina von Frankreich, mit der Bitte um die

Anfertigung eines ehernen Reiterstandbildes für ihren im Turnier

umgekommenen Gemahl. Nicht umsonst berief sich die Tochter Lorenzos

de’ Medici auf die alte Anhänglichkeit Michelangelos an ihr Haus, um

derentwillen sie hoffte, daß der Meister ihr gegenüber sich nicht mit

seinem hohen Alter entschuldigen werde. Michelangelo willigte ein,

eine Zeichnung für das Reiterstandbild Heinrichs II zu entwerfen; die

Ausführung übertrug er dem Daniele da Volterra; durch dessen Tod (1567)

wurde die Vollendung des angefangenen Werkes vereitelt. -- Von Papst

Pius IV, der im Jahr 1559 auf Paul IV folgte, wurde Michelangelo für

verschiedenartige Unternehmungen in Anspruch genommen. Er entwarf den

Plan zu dem Grabmal, welches der Papst seinem Bruder, dem Markgrafen

von Marignano, im Dom zu Mailand errichten ließ. Er gab die Zeichnung

zu dem neuen Stadtthor, welches nach jenem Papst den Namen Porta Pia

bekommen hat. In den Ruinen der Thermen des Diokletian legte er ein

Karthäuserkloster an; der verhältnismäßig wohl erhaltene große Saal

der Thermen wurde hierbei, mit möglichster Schonung des Vorhandenen,

in eine Kirche (S. Maria degli Angeli) verwandelt. Leider ist diese

Kirche durch eine im vorigen Jahrhundert vorgenommene Umänderung in

ihrer Wirkung beeinträchtigt worden; der hundertsäulige Klosterhof,

in welchem noch eine Gruppe von Cypressen gezeigt wird, die

Michelangelo eigenhändig gepflanzt haben soll, ist jetzt, da er in ein

Militärmagazin hineingezogen worden ist, ganz entstellt.

Michelangelo dachte wohl bisweilen daran, seine Tage in der Heimat

zu beschließen. Der Herzog Cosimo I von Florenz versuchte wiederholt

und in der liebenswürdigsten Weise, ihn zur Übersiedelung zu bewegen.

Schließlich hätten weder die Beschwerden des Greisenalters, noch auch

die Unzufriedenheit mit den politischen Verhältnissen von Florenz

ihn an der Rückkehr in die Heimat verhindert; aber der Bau von St.

Peter war ein Band, das ihn unlösbar in Rom festhielt. Es erschien

ihm als eine schwere Sünde diesen Bau, zu verlassen, an dem er nicht

um irdischen Lohnes willen -- er hatte jede Art von Gehalt oder

Entschädigung abgelehnt, als er die Anstellung annahm --, sondern aus

Frömmigkeit und Liebe zu Gott wirkte. So widmete er dem Petersdom den

letzten Rest seiner Kräfte.

Am 15. Februar 1564 wurde Michelangelo von einer großen Schläfrigkeit

befallen. Er wollte dieselbe durch einen Spazierritt vertreiben; aber

die Kühle der Witterung und eine Schwäche in Kopf und Beinen zwang

ihn, ins Haus zurückzugehen und in einem ans Feuer gerückten Sessel

Ruhe zu suchen. Am 18. Februar, eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang,

entschlief er im Beisein einiger weniger Freunde.

Der Leichnam wurde in der Apostelkirche aufgebahrt. Der Papst wollte

ihn im Dom von St. Peter, wo sonst nur Päpste bestattet zu werden

pflegten, beisetzen lassen. Aber Michelangelo selbst hatte den Wunsch

ausgesprochen, daß sein Leib in Florentiner Erde ruhen möge. Diesen

Wunsch teilten der Herzog Cosimo und das nunmehrige Haupt der Familie

Buonarroti, Michelangelos Neffe Leonardo. Der letztere ließ den Sarg

mit der Leiche heimlich, als Warenballen verpackt, nach Florenz

schaffen. Am 12. März wurde der Sarg in der Kirche S. Croce, wo sich

der Begräbnisplatz der Buonarroti befand, aufgestellt. Der Direktor

der im Jahre zuvor gegründeten Kunstakademie von Florenz ließ den Sarg

im Beisein einer ungeheuren Menschenmenge öffnen, und man sah die Züge

des Toten noch wohlerhalten. Auf Kosten des Herzogs wurde darauf eine

Leichenfeier ins Werk gesetzt, so großartig und prunkend, wie Florenz

noch keine gesehen hatte. Monatelang arbeiteten Maler und Bildhauer

an der künstlerischen Ausschmückung der S. Lorenzokirche, welche zum

Schauplatz dieser Feier bestimmt wurde und wo dieselbe am 14. Juli 1564

stattfand. Es sind mehrere ausführliche Beschreibungen erhalten, die

der Nachwelt berichten, mit welchem Aufwand von Kunst und Pracht die

Florentiner ihren großen Toten ehrten.

Über der Gruft Michelangelos in S. Croce ließ Leonardo Buonarroti ein

stattliches Denkmal errichten. Es zeigt die trauernden Gestalten der

drei Künste um einen Sarkophag versammelt, über dem in einer Nische des

Wandaufbaues die Büste des Meisters steht. Vasari, der getreue Schüler

gab die Zeichnung dazu, Herzog Cosimo, der Landesherr schenkte den

Marmor.

In Rom wurde an der Apostelkirche ein Ehrengrabmal für Michelangelo

errichtet. Darauf war er in ganzer Figur in seiner Arbeitskleidung zu

sehen. Die darüber angebrachte Inschrift sagte: ~Tanto nomini nullum

par elogium~ -- an einen solchen Namen reicht kein Lobspruch.

Dem Menschen Michelangelo hat ein Zeitgenosse (Scipione Ammirato) ein

schönes Denkmal gesetzt in den Worten: „Neunzig Jahre hat Buonarroti

gelebt, und in so langer Ausdehnung der Zeit und der Gelegenheit zu

sündigen hat sich nie die Möglichkeit gefunden, ihn mit Recht eines

Fleckens oder irgend welcher Häßlichkeit der Sitten zu zeihen.“

[Illustration]

Michelangelo(#57131) · 第 9 / 9 段