sehr bekannt geworden, wie durch ihre Beziehungen zu Michelangelo.
Vittoria, die Tochter des Großconnetable von Neapel, Fabrizio Colonna,
war im Jahre 1490 geboren. Schon als Mädchen war sie weit und breit
berühmt wegen ihres Geistes und ihrer Schönheit, und mehr als ihre
Abstammung aus dem alten und mächtigen römischen Adelsgeschlecht
ließen ihre persönlichen Eigenschaften sie in den Augen fürstlicher
Bewerber begehrenswert erscheinen. Im Jahre 1509 vermählte sie sich
mit ihrem Jugendgespielen Ferrante Francesco d’Avalos, Markgraf von
Pescara, dem sie schon als Kind verlobt worden war. Pescara starb 1525
an den Wunden, welche er in der Schlacht bei Pavia empfing. Die Witwe
suchte Trost in Andachtsübungen, in Werken der Wohlthätigkeit und in
der Dichtkunst. Sie nahm ihren Aufenthalt in verschiedenen Klöstern,
in Orvieto, Viterbo, Rom. Von 1544 bis zu ihrem Tode im Februar 1547
verweilte sie dauernd in Rom bei den Nonnen von S. Silvestro in capite.
In ihrer Zurückgezogenheit von dem Treiben der Welt versagte Vittoria
Colonna sich nicht den Genuß des Verkehrs mit geistreichen Männern, mit
denen sie sich über Religion, Dichtung und Kunst unterhalten konnte.
Man weiß nicht, wann ihr Verkehr mit Michelangelo begann, der sich zu
dem innigsten und reinsten Bund zweier für das Schöne und Erhabene
begeisterten Seelen gestaltete; die Vermutungen schwanken zwischen
den Jahren 1533 und 1538. Die Markgräfin war nicht mehr jung, und
Michelangelo war dem Greisenalter nahe, als sie sich kennen lernten.
Unter den Gedichten aus Michelangelos Jugendzeit gibt es einige wenige
-- sie fallen in das Jahr 1507 --, welche sich mit heißem Verlangen an
eine Geliebte wenden; das ist das einzige, was darauf hinweist, daß
er in jüngeren Jahren nicht völlig unempfindlich gegen Frauenliebe
geblieben sei, und nichts läßt vermuten, daß es sich hier um mehr als
eine flüchtige Neigung gehandelt habe. Was die Kunst in Michelangelos
Herzen an Raum übrig ließ, wurde, solange sein Vater lebte, durch die
Sorge für dessen Wohlergehen ausgefüllt. Erst als diese liebgewordene
Sorge von ihm genommen war, empfand er das Bedürfnis, sich enger
an einen gleichgesinnten Menschen anzuschließen. Auf eine geradezu
leidenschaftliche Freundschaft zu einem jungen, vornehmen Römer,
Tomaso de’ Cavalieri, den er mit Geschenken von Zeichnungen überhäufte
und dessen lebensgroßes Bildnis er zeichnete, obgleich sonst das
Porträtieren gar nicht seiner Neigung entsprach, folgte die Liebe
zu Vittoria Colonna. Gegenseitige Bewunderung des Künstlers und der
Dichterin knüpfte das Band, das um so fester und inniger wurde, je
näher diese beiden ungewöhnlichen Persönlichkeiten im schriftlichen
Verkehr und in mündlicher Unterhaltung einander kennen lernten. In
dieser ebenso glühenden wie ehrfurchtsvollen Liebe fand die ungestüm
leidenschaftliche Seele Michelangelos eine beglückende Ruhe.
Die Mehrzahl von Michelangelos Gedichten sind in der Zeit des Umgangs
mit Vittoria Colonna entstanden. Die meisten unter ihnen sind der
Liebe zu dieser hohen Frau gewidmet. Andere nicht minder begeisterte
gelten der Vaterstadt, und einige der schönsten sind dem großen Dichter
gewidmet, der gleich ihm gezwungen war, das geliebte Florenz zu meiden;
Michelangelo war ein großer Kenner und Verehrer Dantes, und es ist sehr
zu beklagen, daß ein von ihm mit Randzeichnungen versehenes Exemplar
der Göttlichen Komödie bei einem Schiffbruch zu Grunde gegangen ist.
Sehr zahlreich sind ferner die Gedichte religiösen Inhalts, aus denen
eine wunderbare Tiefe der Empfindung spricht. Ernste, christliche
Frömmigkeit war ein Grundzug von Michelangelos Wesen; er wurde nicht
müde, in der Bibel zu lesen und in geistlichen Abhandlungen, besonders
in den Schriften Savonarolas, dessen Predigten er in der Jugend
gehört hatte und dessen lebhafte Stimme ihm noch im Alter in den
Ohren klang. In dieser aufrichtigen innerlichen Frömmigkeit begegnete
er sich mit Vittoria Colonna, er erkannte, wie er in einem seiner
Gedichte sagt, in ihren schönen Augen das Licht, welches den Weg zum
Himmel weist. -- Dem entsprach der Inhalt der Zeichnungen, welche er
für die geliebte Frau anfertigte. Christus am Kreuz in der Qual der
letzten Augenblicke und die Klage Marias an dem Leichnam Christi waren
in diesen Zeichnungen dargestellt. Den letzteren Gegenstand wählte
Michelangelo auch, als er, noch bei Lebzeiten der Vittoria, daran
ging, ein Marmorwerk zum Schmuck seines eigenen Grabes zu meißeln.
Er begann aus einem großen Marmorblock eine Gruppe herauszuarbeiten,
welche den eben vom Kreuze abgenommenen Leichnam des Heilands zeigte,
wie er, von Nikodemus und Maria Magdalena gehalten, in die Arme der
Mutter sinkt. Aber er brachte dieses Werk nicht zu Ende. Als Vittoria
Colonna verschieden war, der er am Sterbebett die Hände, doch nicht das
Antlitz zu küssen wagte, hatte er die letzte Anregung, welche seine
Schaffenskraft frisch erhielt, verloren. Wohl arbeitete er, als die
Beendigung der Freskomalerei in der Paulinischen Kapelle ihm volle Muße
gewährte, mit Eifer an der Marmorgruppe für sein Grab. Ein Augenzeuge
berichtet aus dem Jahre 1550: „Ich kann sagen, daß ich Michelangelo,
obgleich er über die Sechzig und nicht sehr kräftig ist, von einem sehr
harten Marmor mehr Splitter in einer Viertelstunde habe herabhauen
sehen, als drei junge Steinhauer in drei oder vier fertig brächten, und
er ging mit einem solchen Ungestüm daran, daß ich dachte, das ganze
Werk müßte in Stücke springen, indem er auf einen Hieb große Brocken,
drei oder vier Finger dick, herunterschlug, so haarscharf an seiner
Anzeichnung, daß, wenn er weiter, als es sein sollte, gegangen wäre, er
Gefahr lief, alles zu verderben.“ Michelangelo verdarb sich in der That
dieses Werk durch sein Ungestüm, und als obendrein noch eine dunkle
Ader darin zu Tage kam, zerschlug er zornig die Gruppe in Stücke.
Ein Bildhauer, dem er die Marmorstücke schenkte, setzte dieselben
wieder zusammen und ergänzte das Fehlende; in diesem Zustand ist die
Gruppe später nach Florenz gekommen, wo sie hinter dem Hochaltar des
Doms aufgestellt worden ist. Noch ärger verhauen ist eine nur aus den
beiden Figuren der Mutter Maria und des toten Christus bestehende
Gruppe, welche Michelangelo wahrscheinlich für sein Grab auszuführen
beabsichtigte, bevor er sich zu jener größeren Gruppe entschloß;
dieselbe befindet sich im Palazzo Rondanini zu Rom; das Merkwürdigste
daran ist, daß der Kopf Marias, obgleich er nur mit ganz groben Hieben
angelegt ist, ganz sprechend und ergreifend den beabsichtigten Ausdruck
zeigt. -- Der Meister sah ein, daß er auch der Bildhauerkunst entsagen
müsse. Nach der Verzichtleistung auf die Ausübung der beiden Künste
kam er sich wie ein schon halb Gestorbener vor. In einem Sonett, das
er an Vasari sandte, hat er seine Empfindungen schön und ergreifend
ausgesprochen; leider vermag die Übersetzung nur ein schwaches Bild
zu geben von der Kraft und Knappheit von Michelangelos dichterischer
Ausdrucksweise:
Am Ziel der Fahrt ist angelangt mein Leben,
-- Wie schwach der Kahn, wie wild des Meers Gewalten! --
Im Hafen, wo der Landende gehalten
Ist, Rechnung über all sein Thun zu geben.
Die mich die Kunst zur Gottheit ließ erheben,
Zum einz’gen Herrn, die Freude am Gestalten:
Jetzt seh’ ich, wieviel Irrtum sie enthalten,
Und wie wir gegen unser Bestes streben.
Die eitle, frohe Schaffenswonne endet,
Da sich ein zwiefach Sterben mir bereitet:
Ein Tod ist da, den andern seh’ ich nahen.
Nicht mal’ noch meißl’ ich mehr; die Seele wendet
Zur Gottesliebe ruhig sich, die breitet
Vom Kreuz die Arme aus, uns zu umfahen.
[Illustration: Abb. 72. +Christusfigur für die Kreuzabnahme
des Daniel da Volterra.+ Kreidezeichnung in der Sammlung der
Kunstakademie zu Venedig.
(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl.,
in Dornach i. Els. und Paris.)]
[Illustration: Abb. 73. +Die Auferstehung Christi.+
Kreidezeichnung im Britischen Museum zu London.
(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl.,
in Dornach i. Els. und Paris.)]
Die letzten Jahre von Michelangelos Leben blieben von großen Stürmen,
wenn auch nicht von mancherlei Betrübnissen und Verdrießlichkeiten,
verschont. Dank der von Paul III getroffenen Fürsorge lebte der betagte
Meister in Wohlhabenheit, trotzdem ihm die Einkünfte aus dem Poübergang
bei Piacenza verloren gingen, als Piacenza in den Besitz Kaiser Karls
V kam. Im fortwährenden Kampf mit Entbehrungen hatte er sich an eine
Lebensweise von außerordentlicher Einfachheit und Mäßigkeit gewöhnt.
Da er diese Lebensweise auch im hohen Alter beibehielt, kam er in den
Ruf des Geizes; aber seine Wohlthätigkeit und Freigebigkeit strafte
solches Gerede Lügen. Die bewunderungswürdigste Art der Freigebigkeit
bewies er den jungen Künstlern gegenüber, welche ihm -- ohne im engeren
Sinne des Wortes seine Schüler zu sein -- nacheiferten; er schenkte
ihnen nicht nur von seinen Studienzeichnungen, sondern er überließ
ihnen ganze Kompositionen, damit sie dieselben ausführten. Sebastian
del Piombo und Daniel Ricciarelli (Daniele da Volterra) haben vieles
in ihren besten Werken der Erfindung Michelangelos zu verdanken
gehabt. Insbesondere gilt des letzteren bedeutendstes Gemälde, die
berühmte Kreuzabnahme in S. Trinià de’ Monti zu Rom, als Michelangelos
Geisteserzeugnis; eine erhaltene Zeichnung zu der Christusfigur in
diesem Bilde weist mit Bestimmtheit auf die Hand des Meisters hin
(Abb. 72). Viele Bilder von verschiedenen Malern werden ausdrücklich
als aus solche Weise entstanden namhaft gemacht. Zu den bekannteren
unter diesen gehört das von Jacopo da Pontormo gemalte Bild in der
Uffiziensammlung: Venus und Amor, das sich im Besitz des Alessandro de’
Medici befunden hat, somit in Michelangelos frühere Zeit -- Alessandro
wurde im Jahre 1537 ermordet -- zurückreicht. Verschollen sind die
zahlreichen Gemälde kleineren Maßstabes, welche der Mantuaner Marcello
Venusti nach Zeichnungen Michelangelos ausführte. Unter denselben wird
eine Auferstehung Christi erwähnt; von der Hand des Meisters sind zwei
verschiedene, aber gleich eigenartige und gewaltige Kompositionen
dieses Gegenstandes erhalten, welche nach der Art der Zeichnung seinem
hohen Alter anzugehören scheinen; das eine der Blätter befindet sich im
Louvre, das andere (Abb. 73) im Britischen Museum zu London.
Michelangelo überlebte seine sämtlichen Brüder. Giovansimone starb
1548, Sigismondo 1555. Beide hinterließen keine Nachkommenschaft, und
Michelangelo verzichtete auf ihr Erbe zu Gunsten von Buonarrotos Sohn
Leonardo. Diesem seinem Neffen, mit dem er bis in seine letzten Tage
einen regen Briefwechsel unterhielt, kam von nun an all sein sorgender
Familiensinn zu gute. Ein Verlust, der den einsamen Mann ebenso hart
traf, wie der Tod eines Angehörigen, war der Tod seines Dieners Urbino
(Francesco d’Amadore), der fünfundzwanzig Jahre lang sein Hauswesen
besorgt hatte, der bei der Ausführung des Juliusgrabmals mit beteiligt
gewesen war und auch hinsichtlich der Freskomalereien des Meisters
ein nicht zu unterschätzendes Verdienst besaß; er war nämlich von
Papst Paul III angestellt worden, die Fresken in der Sixtinischen und
Paulinischen Kapelle regelmäßig abzustäuben und von den Rußteilchen,
welche bei festlichen Beleuchtungen anflogen, zu säubern; wie
nützlich diese Vorsichtsmaßregel war, die nach dem Willen Pauls III
niemals unterlassen werden sollte, später aber doch versäumt wurde,
hat die Zeit gelehrt. Als Urbino erkrankte, ließ der siebzigjährige
Michelangelo es sich nicht nehmen, selbst an dessen Krankenlager
zu wachen; die Briefe, welche er über den Tod des treuen Dieners
geschrieben hat, sind der rührendste Beweis von der Herzensgüte, welche
sich unter seiner rauhen Außenseite verbarg.
[Illustration: Abb. 74. +Hofseite des Palazzo Farnese in Rom+ (der
von Michelangelo entworfene Teil ist durch Schattierung hervorgehoben).]
[Illustration: Abb. 75. +Durchschnitt von Michelangelos Modell für
die Kuppel der St. Peterskirche in Rom.+]
Nachdem Michelangelo auf die Ausübung von zwei Künsten verzichtet
hatte, blieb ihm die dritte: die Baukunst. Hier konnte er alle seine
Schaffensgedanken zu vollkommenem Ausdruck bringen, ohne seinem Körper
Anstrengungen zuzumuten, denen derselbe nicht mehr gewachsen war; hier
genügten Zeichnungen, und die Lust und Kraft zum Zeichnen behielt
er fast bis zum letzten Lebenstage. Michelangelos Bauthätigkeit in
Rom begann mit der Vollendung des Farnesischen Palastes, den Paul
III, als er noch Kardinal war, durch Antonio da Sangallo hatte
anfangen lassen, den er aber als Papst reicher und stattlicher,
als ursprünglich geplant, zu gestalten beschloß. Auf Michelangelos
Erfindung beruhen an diesem Palast, der einer der schönsten Roms ist,
das prächtige Bekrönungsgesims der Außenseite und das oberste Stockwerk
der Hofarchitektur (Abb. 74). Die Ausführung des Kranzgesimses nach
Michelangelos Plan war die Folge eines vom Papst noch bei Lebzeiten des
Sangallo ausgeschriebenen Wettbewerbs; den Ausbau des Hofes übernahm
Michelangelo erst, nachdem Sangallo gestorben war (1546). Der Tod
Sangallos hatte für ihn die wichtigere Folge, daß er an dessen Stelle
als Leiter des Neubaues von St. Peter berufen wurde. Die Ernennung
geschah durch eine Breve vom 1. Januar 1547, welches dem Meister die
Vollmacht erteilte, daß er alle Pläne ändern und ganz nach Gutdünken
bauen und niederreißen dürfe, und ihn zugleich den Verwaltern des
Kirchenbaues gegenüber vollständig unabhängig machte, ihn sogar von
jeder Verpflichtung einer Rechnungsablage entband. Nachdem Papst Paul
III gestorben war (10. November 1549), bestätigte dessen Nachfolger
Julius III (1550 bis 1555) alle jene Vollmachten. Die Ernennung
Michelangelos lautete auf Lebenszeit, und durch den mehrmaligen
Wechsel auf dem päpstlichen Thron, den er noch erlebte, blieb seine
Stellung als Bauleiter des Petersdoms unberührt. Wohl fehlte es während
der siebzehn Jahre von Michelangelos Thätigkeit an diesem Riesenbau
niemals an Zank und Ärger. Mißgunst und Besserwissenwollen suchten dem
Meister zu schaden. Viel mehr aber noch machten ihm die Bauverwalter
zu schaffen, die, unwillig über die Verkürzung ihrer früheren Rechte
und auch wohl unzufrieden mit der scharfen Beaufsichtigung, die
hinsichtlich ihrer Ehrlichkeit stattfand, bald offen, bald heimlich
mit immer neuen Angriffen gegen Michelangelo hervortraten. Mit
unanfechtbarer Sieghaftigkeit wies der Meister alle Angriffe, welcher
Art sie auch sein mochten, zurück. -- Michelangelos Anteil an der
endgültigen Gestalt der Peterskirche ist sehr bedeutend, wenn er
auch selbst so bescheiden war, sich nur als den Ausführer der Pläne
des Bramante, auf die er zurückkam, zu bezeichnen. Vor allem hat er
den Ruhm, die Gestalt der Kuppel bestimmt zu haben. Schon gleich im
Beginn seiner Thätigkeit als Baumeister von St. Peter beschäftigte
er sich mit dem Gedanken an die stolze Kuppel, welche den Riesendom
majestätisch bekrönen sollte. Die Kuppel des Doms seiner Heimatstadt
schwebte ihm dabei vor Augen; deren Maße ließ er sich im Jahre 1547
schicken. Zehn Jahre später war der Bau so weit gediehen, daß der
Aufbau der Kuppel beginnen sollte. Michelangelo machte eigenhändig ein
Thonmodell zu derselben, und nach diesem wurde das große Holzmodell
hergestellt, welches heute noch im Vatikan aufbewahrt wird und welches
für die Ausführung im wesentlichen maßgebend geblieben ist (Abb. 75
und 76). Der alte Meister, der in den letzten Jahren, da ihm die Füße
den Dienst versagten, auf einem Maultier auf den Bauplatz zu reiten
pflegte, sah den senkrechten Teil des Kuppelgebäudes, die sogenannte
Trommel, noch emporwachsen; aber es war ihm nicht mehr vergönnt, die
gewaltige Rundung der Kuppel mit ihren unberechenbaren, ausschließlich
vom künstlerischen Gefühl bestimmten Umrißlinien sich gegen den Himmel
wölben zu sehen.
[Illustration: Abb. 76. +Äußeres von Michelangelos Modell für die
Kuppel der St. Peterskirche in Rom.+]
Neben den Arbeiten an St. Peter beschäftigten noch verschiedene
bedeutende Unternehmungen den Meister im neunten Jahrzehnt seines
Lebens. Für die Stadt Rom, welche ihn im Jahre 1546 durch die
außergewöhnliche Ehrenbezeugung der Verleihung des römischen
Bürgerrechts ausgezeichnet hatte, übernahm er die Neuanlage des
Kapitolsplatzes. Wenn auch diese Anlage erst nach seinem Tode und
nicht ganz getreu nach seinen Plänen zur Ausführung kam, so verdankt
doch der ehrwürdige Platz seine stolze jetzige Erscheinung dem
Geiste Michelangelos; bemerkenswert ist, daß der Meister sich eines
perspektivischen Kunstgriffs -- Schrägstellung der beiden seitlichen
Paläste -- bediente, um die Raumwirkung des Platzes zu erhöhen. --
Im Jahr 1559 übernahm er den Weiterbau der unter Leo X begonnenen
Nationalkirche der Florentiner in Rom (S. Giovanni de’ Fiorentini);
doch kamen seine hieraus bezüglichen Pläne nicht zur Ausführung, weil
sie zu kostspielig waren. -- In dem nämlichen Jahre erhielt er einen
Brief von der Königin Katharina von Frankreich, mit der Bitte um die
Anfertigung eines ehernen Reiterstandbildes für ihren im Turnier
umgekommenen Gemahl. Nicht umsonst berief sich die Tochter Lorenzos
de’ Medici auf die alte Anhänglichkeit Michelangelos an ihr Haus, um
derentwillen sie hoffte, daß der Meister ihr gegenüber sich nicht mit
seinem hohen Alter entschuldigen werde. Michelangelo willigte ein,
eine Zeichnung für das Reiterstandbild Heinrichs II zu entwerfen; die
Ausführung übertrug er dem Daniele da Volterra; durch dessen Tod (1567)
wurde die Vollendung des angefangenen Werkes vereitelt. -- Von Papst
Pius IV, der im Jahr 1559 auf Paul IV folgte, wurde Michelangelo für
verschiedenartige Unternehmungen in Anspruch genommen. Er entwarf den
Plan zu dem Grabmal, welches der Papst seinem Bruder, dem Markgrafen
von Marignano, im Dom zu Mailand errichten ließ. Er gab die Zeichnung
zu dem neuen Stadtthor, welches nach jenem Papst den Namen Porta Pia
bekommen hat. In den Ruinen der Thermen des Diokletian legte er ein
Karthäuserkloster an; der verhältnismäßig wohl erhaltene große Saal
der Thermen wurde hierbei, mit möglichster Schonung des Vorhandenen,
in eine Kirche (S. Maria degli Angeli) verwandelt. Leider ist diese
Kirche durch eine im vorigen Jahrhundert vorgenommene Umänderung in
ihrer Wirkung beeinträchtigt worden; der hundertsäulige Klosterhof,
in welchem noch eine Gruppe von Cypressen gezeigt wird, die
Michelangelo eigenhändig gepflanzt haben soll, ist jetzt, da er in ein
Militärmagazin hineingezogen worden ist, ganz entstellt.
Michelangelo dachte wohl bisweilen daran, seine Tage in der Heimat
zu beschließen. Der Herzog Cosimo I von Florenz versuchte wiederholt
und in der liebenswürdigsten Weise, ihn zur Übersiedelung zu bewegen.
Schließlich hätten weder die Beschwerden des Greisenalters, noch auch
die Unzufriedenheit mit den politischen Verhältnissen von Florenz
ihn an der Rückkehr in die Heimat verhindert; aber der Bau von St.
Peter war ein Band, das ihn unlösbar in Rom festhielt. Es erschien
ihm als eine schwere Sünde diesen Bau, zu verlassen, an dem er nicht
um irdischen Lohnes willen -- er hatte jede Art von Gehalt oder
Entschädigung abgelehnt, als er die Anstellung annahm --, sondern aus
Frömmigkeit und Liebe zu Gott wirkte. So widmete er dem Petersdom den
letzten Rest seiner Kräfte.
Am 15. Februar 1564 wurde Michelangelo von einer großen Schläfrigkeit
befallen. Er wollte dieselbe durch einen Spazierritt vertreiben; aber
die Kühle der Witterung und eine Schwäche in Kopf und Beinen zwang
ihn, ins Haus zurückzugehen und in einem ans Feuer gerückten Sessel
Ruhe zu suchen. Am 18. Februar, eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang,
entschlief er im Beisein einiger weniger Freunde.
Der Leichnam wurde in der Apostelkirche aufgebahrt. Der Papst wollte
ihn im Dom von St. Peter, wo sonst nur Päpste bestattet zu werden
pflegten, beisetzen lassen. Aber Michelangelo selbst hatte den Wunsch
ausgesprochen, daß sein Leib in Florentiner Erde ruhen möge. Diesen
Wunsch teilten der Herzog Cosimo und das nunmehrige Haupt der Familie
Buonarroti, Michelangelos Neffe Leonardo. Der letztere ließ den Sarg
mit der Leiche heimlich, als Warenballen verpackt, nach Florenz
schaffen. Am 12. März wurde der Sarg in der Kirche S. Croce, wo sich
der Begräbnisplatz der Buonarroti befand, aufgestellt. Der Direktor
der im Jahre zuvor gegründeten Kunstakademie von Florenz ließ den Sarg
im Beisein einer ungeheuren Menschenmenge öffnen, und man sah die Züge
des Toten noch wohlerhalten. Auf Kosten des Herzogs wurde darauf eine
Leichenfeier ins Werk gesetzt, so großartig und prunkend, wie Florenz
noch keine gesehen hatte. Monatelang arbeiteten Maler und Bildhauer
an der künstlerischen Ausschmückung der S. Lorenzokirche, welche zum
Schauplatz dieser Feier bestimmt wurde und wo dieselbe am 14. Juli 1564
stattfand. Es sind mehrere ausführliche Beschreibungen erhalten, die
der Nachwelt berichten, mit welchem Aufwand von Kunst und Pracht die
Florentiner ihren großen Toten ehrten.
Über der Gruft Michelangelos in S. Croce ließ Leonardo Buonarroti ein
stattliches Denkmal errichten. Es zeigt die trauernden Gestalten der
drei Künste um einen Sarkophag versammelt, über dem in einer Nische des
Wandaufbaues die Büste des Meisters steht. Vasari, der getreue Schüler
gab die Zeichnung dazu, Herzog Cosimo, der Landesherr schenkte den
Marmor.
In Rom wurde an der Apostelkirche ein Ehrengrabmal für Michelangelo
errichtet. Darauf war er in ganzer Figur in seiner Arbeitskleidung zu
sehen. Die darüber angebrachte Inschrift sagte: ~Tanto nomini nullum
par elogium~ -- an einen solchen Namen reicht kein Lobspruch.
Dem Menschen Michelangelo hat ein Zeitgenosse (Scipione Ammirato) ein
schönes Denkmal gesetzt in den Worten: „Neunzig Jahre hat Buonarroti
gelebt, und in so langer Ausdehnung der Zeit und der Gelegenheit zu
sündigen hat sich nie die Möglichkeit gefunden, ihn mit Recht eines
Fleckens oder irgend welcher Häßlichkeit der Sitten zu zeihen.“
[Illustration]