das Leben verbitterten, eine der schwersten: es endigte nach vier
Jahren ohne jedes Ergebnis. Michelangelo dachte sich die Fassade als
einen mächtigen, ganz aus weißem Marmor herzustellenden Bau; derselbe
sollte unten mit einer Säulenhalle beginnen, sich dann in mehreren
Geschossen erheben und oben mit einem Giebel abschließen; das Bauwerk
sollte mit einer Menge von überlebensgroßen Marmorbildern und mehreren
Erzfiguren, so wie mit einer Anzahl stark erhabener Relieftafeln
von verschiedener Gestalt und am Giebel mit dem Wappen der Mediceer
geschmückt werden. Eine solche Aufgabe hätte den Meister wohl für die
Zurückstellung des Juliusgrabmals entschädigen können. Im Beginn
des Jahres 1517 war Michelangelo schon in Carrara damit beschäftigt,
Marmorblöcke für die Fassade zurechthauen zu lassen. Es ist bezeichnend
für seine Art und Weise des Schaffens, daß er das Ganze schon so fertig
vor Augen hatte, daß er die Maße der Einzelteile bestimmen konnte,
ehe noch ein ausführliches Modell vorhanden war; und bezeichnend für
seine Zuversichtlichkeit, daß er die Arbeit im großen begann, ehe
noch ein Vertrag die Bedingungen derselben festgesetzt hatte. Mit
der Anfertigung eines Holzmodells nach seinen Zeichnungen hatte er
den Architekten Baccio d’Agnolo und den Bildhauer Jacopo Sansovino
beauftragt. Als ihm aber im März das Modell gezeigt wurde, verwarf
er dasselbe als „Kinderwerk.“ Die Mitwirkung anderer Künstler bei
seiner Arbeit sagte ihm überhaupt nicht zu. Im Mai übermittelte er
dem Papst und dessen Vetter, dem Kardinal Giulio de’ Medici, welcher
als Erzbischof von Florenz bei der Angelegenheit beteiligt war, eine
Erklärung des Inhalts, daß er den Mut in sich fühle, in der Fassade
von S. Lorenzo ein Werk zu schaffen, das hinsichtlich der Baukunst und
der Bildhauerkunst für ganz Italien ein Musterbild sein sollte; aber
Bedingung sei, daß der Papst und der Kardinal sich rasch entschlössen,
ob er es machen sollte oder nicht, und sie müßten ihm die Arbeit
verdingen und sich in jeder Beziehung ganz auf ihn verlassen; wenn
seine Vorschläge nicht gefielen, so wolle er die schon gehabten
Auslagen auf seine Rechnung nehmen und einen Betrag von 1000 Dukaten,
den er als Anzahlung bekommen, dem Papst zurückgeben. Darauf bekam
er umgehend die Antwort, daß der Papst und der Kardinal mit seinen
Vorschlägen sehr einverstanden seien; nur wünschte der Papst ein Modell
des Baues zu sehen. Michelangelo hatte in Carrara schon eigenhändig
ein Modell aus Thon angefertigt; aber dieses war zu schnell getrocknet
und brüchig geworden, so daß er es dem Papst nicht schicken konnte.
Darum begab er sich nach Florenz und ließ unter seiner eigenen Leitung
ein Holzmodell herstellen, an welchem er den Figurenschmuck in Wachs
ausarbeitete. Als dieses Modell in Rom ankam, fand es bei dem Papst und
bei dem Kardinal die vollste Bewunderung. Wohl erregte der Umfang, den
der Fassadenbau nach Michelangelos Absicht annehmen sollte, einiges
Bedenken; aber als der Meister auf Ersuchen des Papstes im Beginn des
Jahres 1518 selbst nach Rom kam, schwanden vor dem Eindruck, den seine
Begeisterung für das Werk hervorrief, alle Bedenken. Am 19. Januar
wurde der Vertrag unterzeichnet, wonach die Fassade ganz so prächtig,
wie der Meister sie sich gedacht hatte, ausgeführt werden sollte.
Die Grundmauern des Fassadenbaues hatte Michelangelo schon im Jahre
zuvor legen lassen. Aber darüber hinaus gedieh das Werk auch nicht.
Die Beschaffung des Marmors verursachte eine endlose Reihe von
Verdrießlichkeiten. Der Papst und der Kardinal Medici wünschten,
in Übereinstimmung mit der Regierung von Florenz, die Marmorberge
von Serravezza im Gebiet der seit 1482 zum florentinischen Staat
gehörigen Stadt Pietrasanta nutzbar zu machen. Michelangelo sollte
zwar die Steine für die Fassade nach seinem Gutdünken aus Carrara
oder aus Pietrasanta beschaffen dürfen; aber eine Bevorzugung der
florentinischen Marmorbrüche wurde mit großer Entschiedenheit
gewünscht; der Kardinal sprach letzteres sehr deutlich in einem
Brief an Michelangelo aus, worin er diesem sogar vorwarf, daß er
aus eigennützigen Gründen dem Papst zu trotzen und den Marmor von
Carrara demjenigen von Pietrasanta vorzuziehen schiene. Die Carraresen
andererseits ließen Michelangelo ihren Verdruß darüber, daß sie durch
die neu zu erschließenden Steinbrüche einen Teil ihres Verdienstes
verlieren sollten, bitter empfinden. Sie weigerten sich, die früher
eingegangenen Verträge über Lieferung und Verschiffung von Marmor zu
halten. Michelangelo sah sich gezwungen, bis nach Genua zu gehen, um
Frachtschiffe zur Verladung der bereits zugehauenen Marmorblöcke zu
mieten. Aber in Carrara wurden die Führer dieser Schiffe bestochen,
daß sie die Verladung unterließen. Nicht besser erging es ihm, als
er andere Schiffe aus Pisa kommen ließ. So blieb ihm nichts anderes
übrig, als sich nach Pietrasanta zu wenden. Natürlich entstand ein
ungeheurer Zeitverlust dadurch, daß an die Stelle von Marmorbrüchen,
welche sich in wohlgeordnetem Betrieb befanden, solche traten, die
erst erschlossen werden mußten. Sogar die Straße zur Beförderung des
Marmors aus den Bergen von Serravezza zum Meer mußte Michelangelo
mit großer Mühe bauen lassen. Dabei hatte er obendrein noch
Ärgerlichkeiten mit den Florentiner Behörden, welche Abgaben von den
neuen Marmorbrüchen erheben und die Fahrstraße nach ihren, nicht nach
Michelangelos Anordnungen angelegt wissen wollten. Diesen Ansprüchen
gegenüber behauptete er allerdings die Oberhand. Aber damit hörten die
Schwierigkeiten nicht auf. Die Steinarbeiter aus Settignano, welche
Michelangelo hatte nach Serravezza kommen lassen, verstanden sich
nicht auf die Behandlung des Marmors, und Michelangelo hatte allen
Grund, sich über die verlorene Zeit und das weggeworfene Geld auf das
bitterste zu beklagen. Als endlich eine Säule fertig zugehauen war,
stürzte sie beim Herablassen infolge des Zerspringens eines schlecht
gearbeiteten eisernen Reifens und zersprang in hundert Stücke, so daß
Michelangelo durch die umherfliegenden Splitter in große Lebensgefahr
geriet. Von fünf Säulen, die nach Florenz geschickt wurden, zerbrachen
vier unterwegs. Im Frühjahr 1519 war endlich die Sache so weit in
Gang gebracht, daß der Meister in Florenz mit den Bildhauerarbeiten
für die Fassade beginnen zu können glaubte. Aber nun geriet er in
Uneinigkeit mit dem Kardinal Medici. Dieser beklagte sich darüber, daß
das Unternehmen nicht vorwärts kam, er fing an, bösen Zungen Gehör
zu schenken, welche sagten, daß Michelangelo selbst daran schuld
sei; und der letztere geriet in Zorn darüber, daß der Kardinal in
Nichtachtung der Verträge, welche die Marmorbrüche von Pietrasanta zur
ausschließlichen Verfügung Michelangelos stellten, fremde Arbeiter
dorthin schickte, um Steine für einen neuen Fußbodenbelag des
Florentiner Doms zu brechen. Das Ende der Auseinandersetzungen war, daß
der Kardinal sich erbot, Michelangelo von allen seinen Verpflichtungen
dem Papst gegenüber zu befreien, und daß Michelangelo sich bereit
erklärte, den Auftrag in die Hände des Papstes zurückzugeben. So
geschah es. Papst Leo erklärte, wie eine eigenhändige Aufzeichnung
Michelangelos vom 10. März 1520, die im Buonarrotischen Hausarchiv
aufbewahrt wird, berichtet, alle bisher für die Fassade von S.
Lorenzo gemachten Ausgaben als durch Michelangelos Straßenbau in
Pietrasanta und das Brechen und Zurechthauen von Marmorblöcken daselbst
ausgeglichen; er sprach seine Zufriedenheit mit Michelangelo aus und
erklärte denselben für frei und ledig von allen ihm gegenüber bis
zum genannten Tage eingegangenen Verbindlichkeiten, so daß derselbe
niemandem Rechenschaft schuldig sein sollte über irgend etwas, das er
mit ihm oder mit anderen für seine Rechnung zu thun gehabt hätte.
Michelangelo befürchtete, die Kränkung erleben zu müssen, daß der Papst
jetzt den Bau der Lorenzofassade einem anderen übertragen würde. Aber
das blieb ihm erspart. Leo X verzichtete auf die Ausführung des so
großartig beabsichtigten Werkes; die Geldverlegenheiten, in welche der
lombardische Krieg ihn brachte, mochten ihm den Verzicht erleichtern.
Es ist bezeichnend für den Schaffensmut Michelangelos, daß er über all
den Unannehmlichkeiten, welche er mit der geplanten Lorenzofassade
hatte, noch an neue Unternehmungen denken konnte.
Als die Florentiner Akademie im Oktober 1519 eine Bittschrift an den
Papst richtete, derselbe möge die Übertragung der Gebeine Dantes in
seine Vaterstadt gestatten, fügte Michelangelo seiner Unterschrift
die Worte bei: „Ich erbiete mich, dem göttlichen Dichter das Grabmal
herzustellen, wie es seiner würdig ist, an einem ehrenvollen Platze
in dieser Stadt.“ -- Auf auswärtige Anerbietungen und Bestellungen
dagegen, deren mancherlei kamen, ging er nicht ein, mochten sie auch
so ehrenvoll sein, wie diejenige des Königs von Frankreich, der ihn
inständig um irgend eine Sache von seiner Hand, wenn es auch nur eine
Kleinigkeit wäre, bitten ließ. Den Mediceern konnte er es freilich
nicht abschlagen, wenn sie seine Kraft durch unbedeutende, aber
zeitraubende kleine Arbeiten in Anspruch nahmen, wie durch Entwürfe zu
Fenstern am Palast und zu Fensterläden aus durchbrochenem Erz.
[Illustration: Abb. 50. +Christus.+ Marmornes Standbild in S.
Maria sopra Minerva zu Rom.
(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl.,
in Dornach i. Els. und Paris.)]
Als der Fassadenbau aufgegeben war, entledigte sich Michelangelo
alsbald einer alten Verpflichtung. Im Jahre 1514 hatte er für mehrere
römische Herren die Anfertigung eines lebensgroßen Christusbildes
für die Kirche S. Maria sopra Minerva übernommen, welches den
auferstandenen Heiland unbekleidet, aufrechtstehend, mit dem Kreuz im
Arm, darstellen sollte. Er hatte gleich damals in Rom das Standbild
begonnen; aber er mußte die angefangene Figur aufgeben, weil gerade im
Gesicht derselben eine entstellende dunkle Marmorader zu Tage trat.
Jetzt machte er diese Figur zum zweitenmal. Im Sommer 1521 schickte
er sie nach Rom; sein Gehilfe Pietro Urbano, der das Standbild
begleitete, sollte dasselbe aufstellen und die offenbar aus Rücksicht
auf die Gefahr der Beschädigung beim Transport unfertig gelassenen
äußersten Teile, die Finger, die Zehen und den Bart ausarbeiten. Über
die Arbeit des Urbano bekam Michelangelo so ungünstige Nachrichten,
daß er sich dem Hauptbesteller, Metello Vari, gegenüber erbot, das
Standbild zum drittenmal zu machen. Aber das wies dieser, der dem
Meister schon unendlich dankbar war, daß er ihm jene erste, verworfene
Figur zur Aufstellung in seiner Wohnung überlassen hatte, mit den
schmeichelhaftesten Ausdrücken zurück: „Ihr zeigt,“ schrieb er ihm,
„Euren großen Sinn und Eure Hochherzigkeit, indem Ihr für ein Werk,
das in der Welt nicht besser gemacht werden kann und das nicht
seinesgleichen hat, mir ein noch besseres liefern wollt.“ Als Beweis
seiner besonderen Dankbarkeit schenkte er dem Künstler ein Reitpferd.
-- Michelangelos Christus, der mit der Rechten das Kreuz umfaßt, mit
der Linken den Essigschwamm und die Stange hält und mit gewendetem
Haupt ernst und traurig auf den Beschauer herabblickt, steht auf einem
viel zu niedrigen Untersatz und in sehr schlechter Beleuchtung in der
Kirche S. Maria sopra Minerva zu Rom (Abb. 50). Daß eine spätere Zeit,
welche die unbefangene Begeisterung der Renaissance für die Schönheit
der Menschengestalt nicht mehr teilte, an der völligen Nacktheit der
Figur Anstoß nahm, ist begreiflich; leider aber ist das bronzene
Lendentuch, womit man dieselbe bekleidete, sehr ungeschickt angeordnet:
es liegt zu tief, so daß es den schon durch die niedrige Aufstellung
hervorgerufenen Eindruck, als ob die Beine gegen den Oberkörper zu kurz
wären, in empfindlicher Weise verstärkt. Einen wie tiefen Eindruck das
Bild aber auf die Gemüter der Andächtigen ausübte, das bekundet eine
andere Zuthat: der vortretende rechte Fuß der Figur mußte durch einen
Bronzeschuh gegen die inbrünstigen Küsse der Beter geschützt werden.
[Illustration: Abb. 51. +Entwurf zu einem Mediceergrab.+ Zeichnung
in der Albertina zu Wien.
(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl.,
in Dornach i. Els. und Paris.)]
Durch das Aufgeben des Baues der Lorenzofassade glaubte Michelangelo
sich in die Lage versetzt, sich endlich wieder dem Juliusdenkmal
widmen zu können. Mehrere in Florenz verbliebene Bestandteile dieses
Werkes bezeugen den Eifer, mit dem er die Thätigkeit hierfür wieder
aufnahm. Aber der unfertige Zustand dieser Arbeiten bekundet, daß
er sie jählings liegen lassen mußte. Es sind vier Figuren von
Gefangenen, die in einer Grotte im Baboli-Garten aufgestellt sind,
und eine der für die Nischen bestimmten Siegesgruppen, welche sich im
Nationalmuseum befindet. An der letzteren Gruppe sieht man, ungeachtet
der Unvollständigkeit ihrer Ausführung und trotz der Einbuße, welche
der Eindruck des Ganzen durch das Fehlen der Flügel des Siegesengels
erleidet, zu welchen mächtigen Schöpfungen diese Zusammenstellungen
von Siegern und Besiegten dem Meister Anlaß gegeben haben würden. Im
Herbst 1520 starb der Kardinal della Rovere, und es schien angezeigt,
daß Michelangelo sich nach Rom begäbe, um die Denkmalsangelegenheit von
neuem zu ordnen. In einem hierauf und auf andere Gründe zur Rückkehr
nach Rom bezüglichen Briefe, den sein Freund und Nachahmer, der Maler
Sebastiano del Piombo, ihm am 9. November 1520 schrieb, kommt eine
Stelle vor, die für das Verhältnis des Papstes Leo zu Michelangelo
bezeichnend ist: „Ihr würdet,“ heißt es da, „alles erlangen, was Ihr
wolltet; denn ich weiß, in welchem Ansehen der Papst Euch hält; wenn
er von Euch spricht, scheint es, als ob er über einen Bruder rede,
fast mit Thränen in den Augen; er hat mir gesagt, daß Ihr ja zusammen
aufgezogen seid, und er zeigt, daß er Euch kennt und Euch liebt: aber
Ihr flößt jedermann Furcht ein, selbst den Päpsten.“ Zu dem Schlußsatz
paßt eine Äußerung des Papstes, welche er demselben Sebastiano
gegenüber that; er hatte über Michelangelos Verdienste in der Malerei
und über den Einfluß, den seine Schöpfungen auf andere Maler ausübten,
gesprochen und schloß dieses Gespräch mit den Worten: „Aber er ist
schrecklich (~terribile~), und man kann nicht mit ihm verkehren.“
Leo X starb am 1. Dezember 1521. Ihm folgte der Holländer Adrian VI,
ein sehr frommer und kirchlich gesinnter Mann, der sich aber um Künste
und Wissenschaften so wenig kümmerte, wie um die Politik, und der
darum den Römern nie für etwas anderes galt als für einen Barbaren.
Zu diesem Papst, der in der Sixtinischen Kapelle nur „eine Stube voll
nackter Leute“ sah, trat Michelangelo in keine Beziehungen. Während
der kurzen Regierung desselben quälte sich der Meister in Florenz mit
den Arbeiten für das Juliusgrabmal ab; aber seine Begeisterung für
dieses Werk -- die Tragödie seines Lebens, wie Condivi sagt -- war
durch die fortwährenden Unterbrechungen erkaltet, und die körperlichen
Kräfte ließen ihn mit der geistigen Spannkraft im Stich. Der Bitte
des kunstliebenden Kardinals Grimani gegenüber, der ein kleines Bild
nach Michelangelos freier Wahl -- einerlei ob gemalt, gegossen oder
gemeißelt -- von ihm zu haben wünschte, entschuldigte er sich (im
Sommer 1523) mit der Klage, daß er alt und in schlechter Stimmung sei;
wenn er einen Tag gearbeitet habe, müsse er vier Tage ruhen. Diese
Unfähigkeit zu frischem Schaffen mußte ihn um so schwerer bedrücken,
als sich neben den Arbeiten für jenes unglückliche Grabmal die
Vorbereitungen für eine neue große Aufgabe einherschleppten.
Noch bei Lebzeiten Leos X hatte der Kardinal Giulio de’ Medici den
Plan gefaßt, an die Lorenzokirche eine Grabkapelle seines Hauses
anzubauen. Schon im November 1520 schrieb er an Michelangelo, daß der
von diesem aufgezeichnete Entwurf der Kapelle seinen Beifall habe. Im
April 1521 finden wir Michelangelo in Carrara, um Marmorblöcke für
dieses Unternehmen anzuschaffen; im Laufe des Jahres wird die Sache
zu wiederholten Malen mit dem Kardinal besprochen, der den Künstler
bald ungnädig, bald als seinen lieben Freund behandelt. Ernstlich
betrieben wurde aber die Angelegenheit erst, als Giulio de’ Medici
am 10. November 1523 als Clemens VII den päpstlichen Thron bestieg.
Michelangelo wurde von neuer Hoffnungsfreudigkeit erfüllt, da er
abermals einen Mediceer und einen Jugendfreund auf dem Stuhle Petri
begrüßte. In der That schienen die Dinge sich gut anzulassen. Dem
neuen Papst lag es sehr am Herzen, daß Michelangelos Kunst seinen
Namen verherrliche, und er wendete dem Künstler das größte Wohlwollen
zu. Zunächst sorgte er dafür, daß den Geldverlegenheiten gesteuert
würde, die so häufig die Thätigkeit Michelangelos lähmten; er dachte
daran, ihm durch eine geistliche Pfründe eine dauernde Versorgung zu
verschaffen, und als der Meister sich weigerte, durch Empfang der
niederen Weihen in den geistlichen Stand zu treten, zwang er ihm ein
Gehalt von 50 Dukaten monatlich auf. Michelangelo sträubte sich gegen
diese Besoldung, weil er sich fortwährend mit dem Gedanken quälte, daß
er durch die Übernahme der neuen Verpflichtungen ein Unrecht gegen
die Erben Julius’ II begehe. Aber auch in dieser Hinsicht wurde er
beruhigt. „Ihr habt,“ wurde ihm am 24. März 1524 aus Rom von einem dem
Papste nahestehenden Mann geschrieben, „viele Feinde, die von Euch
sagen, was sie nur können, aber Ihr habt einen Papst zum Freunde....,
und nichts soll Euch fehlen, besonders im Punkt der Ehre; überlaßt Eure
Sache mit dem Grabmal (des Papstes Julius) dem, der Euch wohl will
und der Euch so frei machen kann, daß Ihr Euch um nichts zu bekümmern
braucht, und denkt nur daran, den Auftrag des Papstes nicht außer Augen
zu lassen -- lieber sterben! Und nehmt Euer Gehalt an, das Euch gern
gegeben wird.“ Der Kardinal Pucci ließ Michelangelo schreiben, daß er
sich allen Wünschen desselben hinsichtlich des Grabmals füge, selbst
wenn er bestimme, daß es durch andere Hände fertig gemacht werden
solle. Und der nächste lebende Verwandte Julius’ II, Francesco Maria
della Rovere, Herzog von Urbino, wagte nicht, dem bestimmten Willen
des neuen Papstes zu widersprechen. So konnte Michelangelo seine ganze
Kraft den Mediceergräbern widmen.
[Illustration: Abb. 52. +Drei Männer, welche einen Toten tragen.+
Rötelzeichnung in der Sammlung des Louvre zu Paris.
(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl.,
in Dornach i. Els. und Paris.)]
[Illustration: Abb. 53. +Apollo.+ Marmorstandbild im
Nationalmuseum zu Florenz.
(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl.,
in Dornach i. Els. und Paris.)]
Der Bau der Grabkapelle, die gegenüber der von Brunellesco erbauten
Sakristei an die Kirche angelehnt und im Gegensatz zu dieser
gewöhnlich als die neue Sakristei bezeichnet wurde, ging schnell von
statten. Das Gebäude bekam äußerlich eine ganz einfache Gestalt; die
Hauptsache sollte seine innere Ausstattung mit prächtigen Grabmälern
werden. Im Februar 1524 war das Gewölbe des Gebäudes geschlossen.
Bald nachher konnte Michelangelo in einem an den Papst persönlich
gerichteten Briefe, in welchem er gegen die Zulassung der Mitarbeit
anderer Künstler Verwahrung einlegte, mitteilen, daß die Laterne
der Kuppel fertig sei. Bei deren Enthüllung gab er auf die Frage,
warum er dieselbe der von Brunellesco erbauten Laterne auf der alten
Sakristei ganz gleich habe machen lassen, die treffende Antwort: „Man
kann sie wohl anders machen, besser aber nicht.“ Am 12. Januar 1524
fing Michelangelo an, mit einem Schreiner die Holzmodelle für die
Grabmäler herzustellen, zu denen er die Figuren in Thon skizzierte.
Nun vergingen aber wieder mehrere Jahre, ohne daß die Arbeit an den
Grabmälern selbst recht in Fluß kommen konnte. Der Papst zersplitterte
die Kraft des Meisters durch eine Menge von Zwischenaufträgen, so daß
dieser allen Grund hatte zu der Klage: „Man kann nicht mit den Händen
an der einen Sache arbeiten und mit dem Gehirn an einer anderen.“
Da war zuerst eine Aufgabe, die dem Wesen Michelangelos fern lag,
weil andere als künstlerische Gesichtspunkte bei ihr maßgebend sein
mußten: die Errichtung eines Gebäudes neben der Kirche zur Aufnahme
der berühmten Mediceischen Büchersammlung. Dann mußte Michelangelo
einen Reliquienbehälter für die S. Lorenzokirche entwerfen. Ein
anderes Mal sollte er über einen neben dem Garten des Medici-Palastes
zu errichtenden Riesen von 40 Ellen Höhe nachdenken; was Michelangelo
im Oktober 1525 über diesen Riesen aufgeschrieben hat, kann freilich
nur als eine Verspottung des wunderlichen Gedankens aufgefaßt werden.
Störender noch als die Zwischenarbeiten, von denen allerdings der Bau
der Bibliothek und deren Einrichtung den Meister längere Zeit aufhielt,
war der öftere Meinungswechsel des Papstes hinsichtlich der Grabmäler
selbst, infolgedessen fortwährend neue Entwürfe angefertigt werden
mußten. Die Berichte hierüber werden durch eine Anzahl erhaltener
Skizzen -- wenn auch dieselben nicht alle von Michelangelos eigener
Hand herrühren -- ergänzt. Ursprünglich sollten vier freistehende
Grabmäler in der Kapelle Platz finden, zur Aufnahme der Gebeine
Lorenzos des Herrlichen, seines ermordeten Bruders Giuliano und
seiner beiden kürzlich verstorbenen Nachkommen; die letzteren waren
sein jüngster Sohn Giuliano, Herzog von Nemours († 1516), und sein
Enkel, Pietros Sohn, Lorenzo der Jüngere, der den Titel eines Herzogs
von Urbino führte († 1519). Die bescheidenen Raumverhältnisse der
Kapelle ließen die Aufstellung der vier Freibauten als zu beengend
erscheinen, und so wurde beschlossen, daß an jeder der vier Wände
eins der Grabmäler angebracht werden sollte. Im Jahre 1524 kam Clemens
VII auf den Gedanken, daß auch für ihn und Leo X hier Grabmäler
errichtet werden sollten, obgleich es gebräuchlich war, daß die
Päpste in Rom beigesetzt wurden. Da aber in der Kapelle kein Raum für
sechs Grabmäler war, so sollte nur jeder der beiden Päpste eines für
sich bekommen, den beiden „Magnifici“ aber, den Vätern der Päpste,
einerseits und den beiden jüngeren Familienmitgliedern andererseits je
ein Doppelgrabmal (Abb. 51) gewidmet werden. Zwei Jahre später aber
waren nicht nur die Grabmäler der Päpste, sondern auch diejenigen
ihrer Väter ausgeschieden; es war jetzt nur noch von den Gräbern der
beiden Herzöge die Rede. Der Figurenschmuck der Grabmäler ist in den
verschiedenen Skizzen verschieden angegeben. Gegen Ende des Jahres 1525
bestand aber auch in dieser Hinsicht keine Ungewißheit mehr. So bewegte
die Sache sich endlich in ebenem Geleise. Am 23. Dezember 1525 fügte
der Papst einem Brief seines Sekretärs an Michelangelo eigenhändig
die Worte bei: „Du weißt, daß die Päpste nicht lange leben, und Wir
können nicht stärker, als es der Fall ist, wünschen, zu sehen oder
wenigstens zu hören, daß die Kapelle mit den Gräbern der Unsrigen und
die Bibliothek fertig werden; deswegen empfehlen Wir Dir die eine und
die andere Sache; und inzwischen fassen Wir Uns, wie Du ja sagst, mit
einer guten Geduld, und Wir bitten Gott, daß er Dir es ins Herz lege,
alles zusammen zu fördern; und zweifle nicht daran, daß es Dir weder
an Arbeiten noch an Belohnung fehlen werde, solange Wir das Leben
behalten. Und bleibe mit dem Segen Gottes und dem Unsrigen. Julius.“
Im April 1526 berichtete Michelangelo nach Rom, daß die Maurerarbeit an
dem einen Grab vollendet sei und daß in der nächsten Woche diejenige
an dem anderen begonnen werden solle; gleichzeitig damit könnte die
Stuckarbeit an der Wölbung der Kapelle ausgeführt werden, zu welchem
Zwecke Giovan da Udine aus Rom kommen sollte; er selbst habe von den
elf Figuren, welche er eigenhändig auszuführen wünsche, sechs bereits
angefangen, und er fühle sich wohl imstande, die sämtlichen Figuren
rechtzeitig fertig zu machen oder doch nur Unwesentliches daran anderen
Händen zur Ausführung zu überlassen.