Leider ist die Zeit nicht spurlos vorübergegangen an Michelangelos

riesengewaltiger malerischer Schöpfung. Mehrere klaffende Risse zeigen

sich in der Decke, und der Dampf des Weihrauchs und der Kerzen hat

im Lauf der Jahrhunderte den Gemälden einen dunklen Anflug gegeben.

Doch beeinträchtigen weder die Risse die Wirkung der mächtigen Formen,

noch auch verbirgt der schwärzliche Hauch die Schönheit der Farbe.

Obgleich Michelangelo sich selbst als einen Bildhauer betrachtete,

der nur nebenbei malte, so hat er in diesem Werke doch -- was man

nach den Staffeleibildern seiner Jugend nicht erwarten sollte -- als

ein echter Maler der Farbe ihr volles Recht gegeben. Was er in jenen

Temperagemälden kaum angestrebt zu haben scheint, einen wohllautenden

Einklang der Farbentöne, das hat er in dieser großen Freskomalerei in

vollem Maße erreicht. An der Decke der Sixtinischen Kapelle ist die

Farbe nicht ein nur äußerlich den Erfindungen des Künstlers umgehängtes

Kleid, sondern sie ist ein Wesensbestandteil der künstlerischen

Erfindung selbst. Die wunderbar großartige und erhaben einfache

Farbenstimmung ist das unmittelbare Ergebnis der nämlichen Stimmung,

welche die mächtigen Formen entstehen ließ, und diese Einheit von Form

und Farbe erst verleiht dem Ganzen die weihevolle Wirkung höchster

Kunst, die wohl jeder Beschauer, auch der weniger kunstempfängliche,

empfindet, so daß er unwillkürlich ein ehrfurchtsvolles Schweigen

beobachtet.

Die weiße, bräunlich angelaufene Marmorarchitektur bindet den gesamten

Deckenschmuck kräftig zusammen. Die Einzelgestalten, die mehr durch

Schatten und Licht, als durch Farbengegensätze wirken, fügen sich

diesem Gerüst als gleichsam mit dazu gehörig ein. Anders verhalten

sich die Mittelbilder der Decke, die als selbständige Gemälde in

die plastisch gemalte Umgebung eingelassen erscheinen. Sie sind in

engerem Sinne malerische Schöpfungen, und in ihnen wechselt, bei aller

Einheitlichkeit des Tons, die Farbenstimmung je nach dem Gegenstand.

Ganz besonders bewunderungswürdig ist die mittelste Bildergruppe der

Decke, von der Erschaffung Adams bis zur Vertreibung aus dem Paradies,

in Bezug auf die Farbenstimmung -- eine wahre Urweltstimmung -- und

nicht minder in Bezug auf die malerische Behandlung, die bei den

Gestalten der Stammeltern in unübertrefflicher Weise die malerischen

Reize einer weichen Haut, unter welcher spannkräftige Muskeln lagern,

wiedergibt.

Goethe hat in wenigen, unvergleichlichen Worten von dem Eindruck

Kunde gegeben, welchen die Betrachtung der Sixtinischen Decke auf ihn

ausübte. Als er sie das erste Mal gesehen hatte, schrieb er: „Ich

konnte nur sehen und anstaunen. Die innere Sicherheit und Männlichkeit

des Meisters, seine Großheit geht über allen Ausdruck.“ Und nachdem

er ein zweites Mal den Anblick „des größten Meisterstücks,“ durch den

sein Auge „ausgeweitet und verwöhnt“ wurde, genossen hatte, fand er

den treffenden Ausdruck in den Worten: „Ich bin in dem Augenblicke so

für Michelangelo eingenommen, daß mir nicht einmal die Natur auf ihn

schmeckt, da ich sie doch nicht mit so großen Augen, wie er, sehen

kann.“

Während Michelangelo die Deckenmalereien in der Sixtinischen Kapelle

ihrem Ende entgegenführte -- mit mehr Mühe als je ein Mensch

ausgestanden, in schlechter Gesundheit, mit größter Anstrengung und

mit Geduld, wie er im Juli 1512 seinem Bruder schrieb --, vollzogen

sich in Florenz große Umwälzungen. Die Mediceer konnten sich nicht

in den Verlust der Herrschaft schicken, welche ihre Familie so lange

Zeit hindurch über ihre Mitbürger ausgeübt hatte, und sie boten alles

auf, um dieselbe wiederzugewinnen. Im Jahre 1512 willigten Papst und

Kaiser in die gewaltsame Wiedereinführung der beiden noch lebenden

Söhne Lorenzos des Herrlichen -- der älteste, Piero, war inzwischen in

französischen Diensten in der Schlacht am Garigliano umgekommen -- in

Florenz. Ein spanisches Heer, das zu diesem Zwecke gegen die Republik

aufbrach, verbreitete durch die Erstürmung und grausame Plünderung

der florentinischen Stadt Prato solchen Schrecken vor sich her, daß

die Florentiner, nachdem sie Soderini zur Abdankung gezwungen, sich

gutwillig zur Wiederaufnahme der Mediceer verstanden. Giuliano, der

jüngste Sohn Lorenzos, war der erste des verbannten Geschlechts, der

die Vaterstadt wieder betrat. Nach ihm kam am 11. September 1512 der

ältere Bruder, der Kardinal Giovanni de’ Medici, der mit einem Gefolge

von 400 Geharnischten seinen Einzug hielt und sofort die Stellung eines

Oberherrn von Florenz wieder einnahm.

Michelangelo verfolgte mit bebendem Herzen die Vorgänge in der

geliebten Heimat. Die zahlreichen Briefe mit Ratschlägen und

Verhaltungsmaßregeln, welche er den Seinigen schrieb, geben Kunde

von seiner fürchterlichen Aufregung. Er hatte Soderini so vieles

zu verdanken; das Schicksal von Prato hatte ihn gegen die Mediceer

erzürnt. Aber andererseits war er mit diesem Hause durch die Bande

alter Anhänglichkeit verknüpft. Als die Entscheidung gefallen war,

brachte er zu Gunsten seines Vaters, der über die Härte einer ihm

aufgelegten Schatzung von 60 Dukaten (ungefähr 600 M.) jammerte,

die alten Beziehungen in Erinnerung; er schrieb ein paar Zeilen an

Giuliano de’ Medici, und er hatte den Erfolg, daß dem greisen Lodovico

Buonarroti alsbald das Amt wiederverliehen wurde, welches derselbe vor

der Vertreibung der Mediceer innegehabt hatte.

Giovanni de’ Medici blieb nicht lange Herrscher von Florenz. Schon im

nächsten Frühjahr wurde er zu einer höheren Stellung berufen: er wurde

der Nachfolger Julius’ II.

Julius II, den die Geschichte als einen Kriegsfürsten zu bezeichnen

pflegt, ist als Förderer der Künste von keinem anderen Papst

übertroffen worden. Das herrlichste Denkmal seines Kunstsinns ist die

von Michelangelo gemalte Decke der Sixtinischen Kapelle. Der Papst war

wohl berechtigt, dieses Werk mit seinem Wappen bezeichnen zu lassen --

wir erblicken das Wappen, dessen Figur ein Eichbaum (~rovere~)

ist, unterhalb des Propheten Zacharias an der sonst durch einen

Engelknaben eingenommenen Stelle, und ursprünglich befand es sich auch

unterhalb des Jonas --; und Michelangelo hatte Recht, das Ansinnen

eines späteren Papstes, der sein eigenes Wappen demjenigen Julius’ II

gegenüber angebracht zu sehen wünschte, freimütig zurückzuweisen. Nach

der Beendigung der Sixtinischen Decke hielt Papst Julius den Meister

nicht länger von der Ausführung seines Grabmals zurück. Er fühlte wohl,

daß er selbst die Vollendung dieses Werkes nicht mehr erleben würde;

aber er trug Sorge dafür, daß dasselbe auch nach seinem Tode ebenso

prächtig, wie er es mit Michelangelo verabredet hatte, zustande kommen

sollte. In seinem letzten Willen übertrug er seinem Notar Lorenzo Pucci

-- nachmals Kardinal der Kirche Santi Quattro -- und seinem Vetter

Bernardo Grossi della Rovere, Kardinal von Agen, die Verpflichtung, das

Grabmal in der von ihm und dem Künstler beabsichtigten Weise ausführen

zu lassen.

Julius II starb am 21. Februar 1513. Am 11. März einigte sich das

Konklave über die Wahl Giovanni de’ Medicis, der als Papst den Namen

Leo X annahm. Die Welt begrüßte den jugendlichen Mediceer auf dem Stuhl

Petri mit den höchstgespannten Erwartungen. Die Männer der Künste und

Wissenschaften verkündeten laut, daß jetzt „das Zeitalter Minervas“

anbreche. Michelangelo hatte insbesondere allen Grund, das beste

zu hoffen. War er doch mit dem jetzigen Papst, der mit ihm in ganz

gleichem Alter stand, durch gemeinsame Jugenderinnerungen verbunden;

von ihrem vierzehnten bis siebzehnten Lebensjahre waren sie beide Haus-

und Tischgenossen gewesen im Palast Lorenzos des Herrlichen.

Nur das eine schien zu befürchten, daß Leo X den ihm so nahe stehenden

Künstler alsbald zu eigenen Aufträgen verwenden und ihn so an der

Ausführung des Juliusdenkmals verhindern würde. Darum beeilten sich die

beiden von Julius II beauftragten Herren im Verein mit Michelangelo,

durch einen genau aufgesetzten Vertrag die Denkmalsangelegenheit

rechtskräftig zu ordnen. Am 6. Mai 1513 wurde der Vertrag in aller

Form abgeschlossen, und so schien es vollkommen sicher gestellt,

daß der letzte Wille des verstorbenen Papstes und Michelangelos

heißester Wunsch zur Erfüllung kämen. Dem Vertrag, dessen Urschrift im

Buonarrotischen Hausarchiv zu Florenz aufbewahrt wird, hat Michelangelo

eine Beschreibung von der damals geplanten und durch ein Holzmodell

veranschaulichten Gestalt des Grabmals beigefügt. Ein wesentlicher

Unterschied gegen den früheren Entwurf war durch eine Veränderung der

Absicht hinsichtlich der Aufstellung bedingt. Während das Grabmal

früher als ein von allen Seiten gleichmäßig sichtbarer Freibau gedacht

war, hatte man sich jetzt zu einer derartigen Aufstellung entschlossen,

daß dasselbe nur drei freie Seiten haben, mit der vierten aber an die

Wand der Kirche stoßen sollte. Wenn das Werk auf diese Weise eine

Schauseite verlor, so sollte es darum doch nichts an Pracht einbüßen.

Als Ersatz für den wegfallenden Figurenschmuck der vierten Seite sollte

sich oben auf dem Grabgebäude, an die Kirchenwand angelehnt, ein

kapellenartiger Aufbau mit Figurenschmuck erheben. Michelangelo selbst

berichtet, daß das Werk in seiner jetzigen Fassung noch größer werden

sollte, als nach dem ersten Plan. Dem entsprach es, daß der Preis von

10000 Dukaten auf 16500 erhöht wurde. Die Zeit der Vollendung wurde auf

sieben Jahre bemessen. Michelangelos Beschreibung gewährt ein ziemlich

deutliches Bild. Der viereckige Unterbau, der in der Frontbreite 20

Palmen (ungefähr 5 Meter), in der Länge von der Vorderfront bis zur

Kirchenwand 35 und in der Höhe 14 Palmen messen soll, bildet eine

geschlossene Masse, die an jeder ihrer drei freien Seiten über einem

ringsum laufenden Sockel durch zwei von Pilastern eingeschlossene

Nischen belebt wird. In jede der sechs Nischen kommt eine Gruppe von

zwei Figuren, vor jeden der zwölf Pilaster eine einzelne Figur; diese

24 Figuren sind um ungefähr ein Siebentel größer als lebensgroß.

In den Flächen zwischen den Tabernakeln -- so werden die Nischen

mit Einbegriff ihrer architektonischen Umrahmung von Pilastern,

Fries, Architrav und Gesims genannt -- werden halberhabene Bildwerke

angebracht, bezüglich derer die Entscheidung noch aussteht, ob sie

in Marmor oder in Erzguß ausgeführt werden sollen. Auf dem Unterbau

steht ein von vier Füßen getragener Sarkophag, auf welchem die Figur

des Papstes Julius ruht; zu seinen Häupten befinden sich jederseits

zwei Figuren; außerdem umgeben sechs sitzende Figuren (über jedem

Tabernakel eine) den Sarkophag. Diese elf Figuren bekommen doppelte

Lebensgröße. In dem Kapellchen, welches an der Wand über die Figuren

des Obergeschosses emporwächst, befinden sich fünf Figuren, die, weil

sie vom Auge des Beschauers am weitesten entfernt sind, größer werden

als alle übrigen. Die Höhe des Kapellchens, über dessen bauliche Formen

die Beschreibung keine Angaben enthält, wird auf 35 Palmen bemessen, so

daß die Gesamthöhe des Grabmals ungefähr 12½ Meter betragen würde.

Was die Figuren des Grabmals vorstellen sollten, darüber erfahren wir

einiges aus den von Condivi und Vasari aufgezeichneten Beschreibungen

des älteren Entwurfs. Von den Figuren des Obergeschosses werden

hier sechs namhaft gemacht. An den vier Ecken desselben saßen zwei

weibliche und zwei männliche Gestalten, von denen die ersteren das

thätige und das beschauliche Leben verbildlichten, die letzteren den

Moses und den Apostel Paulus darstellten; diese beiden heldenhaften

Männer mochte wohl Julius II selbst als die Vorbilder seiner eigenen

Bestrebungen gewählt haben. Unmittelbar am Sarkophag befanden sich

zwei Gestalten, welche von Condivi als ein lachender und ein weinender

Engel bezeichnet, von Vasari aber näher gekennzeichnet werden als die

Verbildlichungen des Himmels und der Erde, von denen diese darüber

trauert, einen solchen Mann wie Julius II verloren zu haben, während

jener sich über die Aufnahme desselben freut. Über die Figuren am

Unterbau erfahren wir, daß an den Wandpfeilern, die als Termini

(Hermen) gebildet in bekleidete Büsten endigten, auf deren Köpfen

das Abschlußgesims des Unterbaus ruhte, angebundene nackte Gefangene

standen. Nach Condivi stellten dieselben die freien Künste vor, „eine

jede mit ihrem Kennzeichen, so daß sie leicht daran erkannt werden

könnten; dadurch sollte angezeigt sein, daß zugleich mit Papst Julius

alle Tüchtigkeiten in den Banden des Todes lägen, da sie nie imstande

wären, jemanden zu finden, von dem sie in solchem Maße begünstigt

und gefördert würden wie von ihm.“ Vasari spricht ebenfalls von dem

Vorhandensein der gefesselten Gestalten aller Tüchtigkeiten und

erfindenden Künste, aber die Figuren an den Pfeilern bezeichnet er

als „alle von diesem Papst unterworfenen und unter die Botmäßigkeit

des Kirchenstaats gebrachten Provinzen.“ Die Figurenpaare, welche

die Nischen füllten, werden von keinem der beiden Schriftsteller

ausdrücklich erwähnt. Doch ist es außer Frage, daß Vasari diese Gruppen

im Sinne hatte, als er schrieb: „Er (Michelangelo) begann einige

nackte Viktorien, welche Gefangene unter sich haben.“ Dem entspricht

auch dasjenige, was eine dritte Quelle, eine in der Sammlung der

Uffizien bewahrte gezeichnete Skizze vom unteren Teil des Grabmals,

über die beabsichtigte Gestalt des Werkes bekundet. Diese Zeichnung

stimmt mit den Beschreibungen überein. Sie zeigt am Unterbau die

Nischen zwischen Hermenpfeilern, und an den Pfeilern stehen gefesselte

Jünglinge; in den Nischen aber erblickt man Engel, zu deren Füßen

niedergeworfene Männergestalten liegen. Über die Bedeutung der

verschiedenen sinnbildlichen Figuren am Untergeschoß des Grabmals

kann man nach alledem immer noch im Zweifel sein. Gewöhnlich nimmt

man an, daß durch die Nischengruppen die weltlichen Siege Julius II

verbildlicht werden sollten; dann würden die Figuren an den Pfeilern,

wie Condivi sagt, die in Banden liegenden Künste und Tüchtigkeiten

darstellen. Man könnte bei den Siegesengeln auch wohl an die in

der mittelalterlichen Kunst beliebte Verbildlichung des Sieges der

Tugenden über die Laster denken; dann würde Vasari recht haben, wenn

er in den Gefangenen einen Hinweis auf die unterworfenen Provinzen

erblickt; aber er würde eines schwer begreiflichen Irrtums zu zeihen

sein, wenn er statt von siegenden Tugenden von gefesselten Tugenden

oder Tüchtigkeiten (das Wort ~virtù~ besagt beides) spräche.

Jedenfalls erscheint es uns weniger befremdlich, wenn besiegte Länder,

als wenn die trauernden Künste durch gebundene Gefangene dargestellt

werden. Von den Kennzeichen, welche Condivi erwähnt, ist in der Skizze

nirgendwo etwas zu gewahren. Übrigens ist es ziemlich nebensächlich,

welches die ursprüngliche und richtige Deutung dieser Gestalten

sein mag. Für Michelangelo waren sie eine Gelegenheit, die tiefste

Seelenqual zu schildern; kraftvolle Gestalten, die durch unzerreißbare

Bande der Freiheit und der Fähigkeit, Thaten zu vollbringen beraubt

sind, in vielfältiger Abwandelung des gleichen Grundgedankens zu

schildern, das war ihm eine Aufgabe, in welche er sich mit grausamer

Lust versenkte. Gerade diese Aufgabe reizte ihn am meisten. In

demjenigen, was an Zeichnungen und kleinen Wachsmodellen von seinen

Vorarbeiten für das Grabmal erhalten ist, stehen Entwürfe für

verschiedene der Gefangenen an erster Stelle. Zwei von diesen Figuren

waren das erste, was er im großen für das Werk fertig machte, dessen

architektonischen Teil er im Sommer 1513 durch den Steinmetzenmeister

Antonio del Ponte a Sieve in Angriff nehmen ließ. Jene zwei Figuren,

von denen man mit Sicherheit annehmen kann, daß sie im Jahre 1513

entstanden sind, sind die bewunderten beiden Gefangenen oder, wie man

sie gewöhnlich nennt, Sklaven, welche sich zu Paris im Museum des

Louvre befinden. In der einen dieser Gestalten sehen wir einen Dulder,

dessen Widerstandsfähigkeit völlig gebrochen ist. Die Formen dieser

in der schönsten Blüte des Jugendreizes prangenden Gestalt verraten

eine titanenhafte Kraft. Aber der Jüngling denkt nicht daran, seine

Kraft zu gebrauchen; die Schmach der Fesseln -- die durch ein über

die Brust gespanntes Band und durch einen Reif am linken Handgelenk

angedeutet sind -- hat ihn gelähmt und betäubt; das Wehgefühl der

Hilflosigkeit durchzieht wie Todesschmerz die Gestalt; die Augen haben

sich geschlossen, und sterbensmüde sinkt das Haupt zurück, während die

rechte Hand nach der Gegend des Herzens greift. Mit Recht gilt diese

Figur als die formenschönste von Michelangelos Schöpfungen; sie ist

zugleich die ergreifendste in der Empfindung und die meisterhafteste

in der Ausführung (Abb. 47). Der andere der beiden Gefangenen ist das

gerade Gegenteil von diesem. In ihm kommt das Widerstreben gegen die

Fesselung zum Ausdruck; er windet sich und zerrt an den Banden, die

ihm die Arme im Rücken zusammenschnüren; die Muskeln sind krampfhaft

gespannt, der ganze Körper bebt, und mit einem Blick verzweifelten

Schmerzes wendet der Kopf sich aufwärts (Abb. 48).

[Illustration: Abb. 47. +Überlebensgroßes Marmorstandbild eines

Gefangenen+ (für das Juliusgrabmal bestimmt).

Im Nationalmuseum des Louvre zu Paris.]

Ferner führte Michelangelo jetzt eine von den großen sitzenden Figuren

aus, welche das Obergeschoß des Grabmals schmücken sollten, und zwar

den Moses. In diesem Moses schuf er wieder eine jener urgewaltigen

Gestalten, wie wir sie in den Propheten der Sixtinischen Kapelle

bewundern. Wir erblicken einen Helden, der von feuriger Thatkraft

durchglüht ist; wie er in majestätischer Haltung dasitzt, scheint er

nur mühsam die innere Glut zu beherrschen. Am stärksten spricht die

Erregung aus den wunderbar schönen Händen, von denen die Rechte sich

auf die Gesetzestafeln stützt und zugleich in den wallenden Locken

des malerisch weichen Bartes wühlt, und aus dem machtvollen Kopf,

über dessen gewölbter Stirn die hervortretenden Strahlen nach altem

Herkommen durch kurze Hörner angedeutet sind; ganz treffend gibt

Vasari den Eindruck des Kopfes wieder, wenn er sagt, aus dem Antlitz

des schrecklichen Fürsten leuchte der göttliche Glanz, den der Herr

ihm verliehen, so blendend, daß man ihn bitten möchte, das Tuch zu

nehmen und sein Gesicht zu verhüllen. In dem künstlerischen Gegensatz

zwischen dem innern Feuer und der äußerlichen Ruhe der Haltung liegt

das Hauptgeheimnis der Wirkung von Michelangelos Moses (Abb. 49).

Leider kann der Beschauer bei der Aufstellung, welche die Figur endlich

in der Kirche S. Pietro in vincoli gefunden hat, diese Wirkung nur

sehr unvollkommen genießen. Denn ein großer Teil von der Absicht des

Künstlers, der die Verhältnisse der Gestalt danach bemessen hat, daß

sie von einem hohen Standpunkte aus -- die Fußlinie vier Meter über dem

Boden -- auf den Beschauer herabblicken sollte, geht dadurch verloren,

daß die Figur zu ebener Erde aufgestellt worden ist; und eine allzu

enge Nische bedrückt die auf eine freie Aufstellung berechneten Umrisse

der Figur.

[Illustration: Abb. 48. +Überlebensgroßes Marmorstandbild eines

Gefangenen+ (für das Juliusgrabmal bestimmt).

Im Nationalmuseum des Louvre zu Paris.]

Ungeachtet des Eifers, mit welchem Michelangelo seine ganze Kraft dem

Grabmal widmete, nahm das Werk nicht einen derartigen Fortgang, daß

sich die baldige Vollendung desselben erwarten ließ. Vielleicht war

dieses der Grund, daß die Testamentsvollstrecker des Papstes Julius

sich zu einer erheblichen Verkleinerung des Grabmals entschlossen.

Michelangelo willigte, anscheinend ohne Widerstreben, ein. Das Grabmal

sollte immerhin noch in sehr stattlicher Gestalt ausgeführt werden,

wie sich aus der dem neuen Vertrag, der am 8. Juli 1516 abgeschlossen

wurde, beigefügten Beschreibung ergibt. Die Verkleinerung des Ganzen

sollte in einer Verringerung der Tiefe bestehen, so daß der Unterbau,

dessen Gliederung durch Pilaster und Nischen, dem schon begonnenen

Figurenschmuck entsprechend, beibehalten wurde, an den Seitenwänden nur

je eine Nische bekäme. Die Vorderfront sollte auf das Maß von elf Ellen

verbreitert werden; die Verbreiterung war dadurch geboten, daß bei der

jetzigen Anordnung, welche die früheren Langseiten zu Schmalseiten

machte, der Sarkophag so aufgestellt werden mußte, daß er anstatt des

Fußendes eine seiner Langseiten nach vorn kehrte.

Der architektonische Ausbau des Obergeschosses sollte in Breite und

Tiefe dem Untergeschoß gleich werden, die sitzenden Kolossalfiguren,

deren Zahl, der Verringerung der Nischenzahl am Unterbau entsprechend,

von sechs auf vier beschränkt wurde, sollten nicht mehr vor der

Architektur, sondern im Rahmen derselben aufgestellt werden; in der

Tiefe des Oberbaues, in einer Art von Tribuna, sollte das Bild des

Papstes mit zwei Nebenfiguren Platz finden. Auf der Bekrönung des

Ganzen sollte sich ein großes Madonnenbild erheben. Die Frist der

Fertigstellung wurde bis zum Jahre 1525 verlängert. Michelangelo bekam

für diese Zeit ein Haus in Rom zur Verfügung gestellt, und es wurde ihm

die Freiheit gewährt, nach seinem Belieben in Rom, Florenz oder Carrara

an dem Werk zu arbeiten; dafür aber verpflichtete er sich, kein anderes

bedeutendes Werk vor Vollendung des Grabmals zu übernehmen.

Es war nicht Michelangelos Schuld, daß er dieser Verpflichtung nicht

treu bleiben konnte. Er mußte sich dem Willen eines Mächtigeren

unterwerfen. Im Spätherbst 1516 erhielt Michelangelo in Carrara, wo

er verweilte, um Marmorblöcke auszuwählen, und wo ihn im November

die Nachricht von einer lebensgefährlichen -- aber bald nachher

glücklich überwundenen -- Erkrankung seines Vaters in schwere Aufregung

versetzte, von Papst Leo X den Befehl, zu ihm nach Rom zu kommen zum

Zwecke einer Besprechung über den Bau der Fassade der S. Lorenzokirche

zu Florenz.

Leo X war der erste Mediceer und der erste Florentiner, der zur

päpstlichen Würde gelangte. Als er am 30. November 1515 bei Gelegenheit

seiner Reise nach Bologna, wo er mit dem König von Frankreich

zusammenkam, die Vaterstadt besuchte, entfaltete er bei seinem Einzug

allen Glanz des geistlichen und weltlichen Herrschers, und voll Stolz

bereitete die Stadt ihrem so hoch gestiegenen Sohn einen Empfang von

unerhörter Pracht. Der Papst besuchte in der Kirche S. Lorenzo, die

einer seiner Vorfahren hatte erbauen lassen und welche die Pfarr- und

Begräbniskirche seines Hauses war, das Grab seines Vaters. Dieser

Kirche fehlte eine stattliche Schauseite, und es lag nahe, daß jetzt

dem Papst der Gedanke kam, diesen Mangel zu beseitigen und zur Ehre

seiner Familie und zum Schmucke seiner Vaterstadt hier ein großartiges

Denkmal seiner Kunstliebe zu errichten. Nachdem Leo X diesen Entschluß

gefaßt hatte, ließ er sich von mehreren der angesehensten Baukünstler

Entwürfe für die Fassade von S. Lorenzo einreichen; aber er wurde von

keinem derselben befriedigt, sondern bestimmte, daß Michelangelo dieses

Bauwerk ausführen sollte. Michelangelo leistete allen Widerstand, der

ihm möglich war. Die Kardinäle Pucci und della Rovere versuchten dem

Papst gegenüber ihre Ansprüche an die Thätigkeit des Künstlers geltend

zu machen; aber sie ließen sich durch die Zusage Leos, daß Michelangelo

zwischendurch in Florenz an den Grabmalfiguren sollte arbeiten dürfen,

vorläufig beruhigen. Da ließ Michelangelo unter Thränen, wie seine

beiden Lebensbeschreiber berichten, von dem Werke ab, dem er seine

ganze Liebe gewidmet hatte, und übernahm den Bau der Fassade von S.

Lorenzo.

[Illustration: Abb. 49. +Moses.+ Marmorne Kolossalfigur am Grabmal

Julius’ II in S. Pietro in vincoli zu Rom.]

Michelangelo(#57131) · 第 5 / 9 段