und die gottbegnadeten Seher, durch deren Mund die Verheißung
ausgesprochen wurde, sind es, deren Gestalten ringsum an der Decke in
dem Architekturgerüst, welches das Mittelfeld einfaßt, erscheinen.
Jedes der gemalten Pfeilerpaare in den zwölf Zwickelfeldern wird
durch eine Marmorwand und einen Marmorsitz derartig verbunden,
daß das Ganze gleichsam einen mächtigen Thron bildet. In diesen
Thronnischen sitzen die Propheten und Sibyllen, zu denen sich, um ihre
Verbindung mit der überirdischen Welt anzudeuten, jedesmal ein Paar
von Engelkindern gesellt. Die Annahme, daß dem Heidentum durch die
Sibyllen ähnliche Vorherverkündigungen des Erlösers zu teil geworden
seien, wie dem Judentum durch die Propheten, war schon im Mittelalter
ausgesprochen worden; wenn die Kirche diese Ansicht auch niemals
förmlich anerkannte, so mißbilligte sie dieselbe doch nicht, und die
heidnischen Sibyllen als Gegenbilder der jüdischen Propheten hatten
schon vor der Renaissancezeit in der christlichen Kunst einen Platz
gefunden, wie ja auch in dem ergreifenden alten Kirchenliede „~Dies
irae~“ neben David die Sibylle als Zeugin des kommenden Weltgerichts
genannt wird. Gewöhnlich werden zehn verschiedene Sibyllen aufgezählt.
Michelangelo hat sich mit der Zahl der Propheten und Sibyllen nach
den vorhandenen Räumen gerichtet. Er ließ an den beiden Langseiten
der Decke die männlichen Gestalten mit den weiblichen abwechseln, und
zwar in der Weise, daß jedesmal ein Prophet und eine Sibylle einander
gegenübersitzen; an die beiden Schmalseiten malte er Propheten. Es
sind im ganzen also sieben Propheten und fünf Sibyllen. Die Namen der
doppelt lebensgroßen Gestalten sind auf Täfelchen zu lesen, welche
unterhalb der Fußbank eines jeden Thrones ein Engelknabe über seinem
Kopfe hält. Durch diese Inschriftträger wird das unterste spitzige Ende
eines jeden Zwickelfeldes auf das trefflichste ausgefüllt; die neben
den Thronpfeilern übrig bleibenden dreieckigen Felder an den Spitzen
der Gewölbekappen sind mit lediglich dekorativen Figuren ausgefüllt,
die in dunklen Bronzetönen gemalt sind (s. d. Übersichtsblatt u. Abb.
46). Wenn es statthaft wäre, von einem Übertreffen der Schöpfungsbilder
Michelangelos zu sprechen, so könnte man sagen, daß dieselben überboten
seien durch die mächtigen Gestalten der Seher und Seherinnen, die
bis in das tiefste Innere der Seele von der ihnen zu teil gewordenen
Offenbarung ergriffen scheinen, die in ihrem stummen Dasitzen
Empfindungen gewahren lassen, wie der gewöhnliche Sterbliche sie nicht
mitempfinden, sondern nur mit ehrfurchtsvollem Schauer ahnen kann;
sie entrücken den Beschauer dem alltäglichen Dasein und lassen ihn
teilnehmen an einem übermenschlich großartigen, von unergründlichen
Geheimnissen erfüllten Seelenleben. -- Gleich neben dem ersten
Schöpfungsbilde erblicken wir zwei der allerherrlichsten unter diesen
unvergleichlichen Gestalten. Rechts (vom Altar aus) sitzt der Prophet
Jeremias, das ergreifende Bild eines Mannes, dessen thatkräftigen
Körper die Last der schweren Gedanken niederbeugt; man sieht in ihm,
wie Vasari treffend sagt, „die Schwermut, das Grübeln, das Nachsinnen
und den bitteren Gram um seines Volkes willen.“ Seine Empfindungen
spiegeln sich wieder in Haltung und Antlitz der Engelknaben, welche
hinter seinen Achseln stehen (Abb. 36). Die Sibylle ihm gegenüber, an
der linksseitigen Anwölbung der Decke, ist als die libysche bezeichnet.
Die Tochter der afrikanischen Wüste erscheint in fremdartiger Tracht.
Sie ist ganz von innerer Glut erfüllt; sie hat die Niederschrift ihrer
Eingebung vollendet, und um das große Buch beiseite zu legen und zu
schließen, dreht sie sich mit lebhafter Bewegung auf dem Sitze um,
hält aber dabei den Kopf nach dem Beschauer hingewendet, abwärts
über die Schulter blickend. Geheimnisvoll raunen die Engelkinder
miteinander, welche sie begleiten (Abb. 37). Auf Jeremias folgt die
persische Sibylle, die, im Gegensatz zu der jugendkräftigen Libyerin,
als eine uralte Matrone dargestellt ist; sie ist tief eingehüllt in
faltenreiche Gewänder, und mit gekrümmtem Nacken hält sie die Schrift,
wie um sie zu überlesen, dicht vor ihre Augen. In der Blüte der Jugend
erscheint ihr gegenüber Daniel, der mit glühendem Eifer den Inhalt
des Buches, das er auf dem Schoße hält und zu dessen Unterstützung
einer der Engelknaben sich zwischen seine Knie gestellt hat, auf einer
seitwärts stehenden Tafel auf einzelne Blätter überträgt (Abb. 38).
Die cumäische Sibylle, welche auf Daniel folgt, ist wieder eine alte
Frau; aber ihr Alter ist nicht das einer gebrechlichen Greisin; sie ist
nicht von der Art gewöhnlicher Sterblicher, sie ist ein Riesenweib, das
einem längst vergangenen Geschlecht entstammt, das Jahrhunderte kommen
und gehen gesehen hat. Fast mit Scheu blicken die Engelknaben in das
Buch, in welchem die Vorweltriesin blättert, jenes Buch, in dem die
Geschicke Roms verzeichnet waren (Abb. 39). Während diese Sibylle mit
eisiger Ruhe ihre Schicksalssprüche liest, ist der Prophet Ezechiel ihr
gegenüber von flammender Begeisterung erfaßt; seine kräftige Gestalt,
die an der Grenze des Mannes- und des Greisenalters steht, ist von
Bewegung durchzittert, sein Kopf wendet sich mit einer Heftigkeit,
welche das morgenländische Schultertuch flattern macht, dem aufwärts
deutenden Engelknaben zu, die linke Hand ist mit der Schriftrolle
herabgesunken, während die rechte sich öffnet, wie um mit lebhafter
Gebärde die Worte einzuleiten, welche von den erhabensten Gesichten
reden sollen. In wirksamem Gegensatz zu diesem Feuer steht die kalte
Ruhe der nächsten Figur; es ist die erythräische Sibylle, die jüngere
Nachfolgerin der cumäischen, ein muskelstarkes Weib gleich jener, aber
doch nicht von so übermenschlich gewaltigen Formen; sie schlägt mit
unerschütterlicher Gelassenheit die Blätter des Schicksalsbuches der
ewigen Stadt um, während der Engelknabe über ihrem Haupt eine Lampe mit
seiner Fackel entzündet (Abb. 40). Der erythräischen Sibylle gegenüber
ist der Prophet Jesaias dargestellt in dem Augenblick, wo er die
göttliche Offenbarung empfängt. Der Prophet, ein noch jugendlicher
Mann, hat in einem Buche geforscht; er war ganz versunken in das
Forschen, sein Haupt ruhte in der aufgestützten linken Hand. Da sind
die Himmelsboten herabgestiegen, der eine der lieblichen kleinen Engel,
dessen Gewand noch in der Luft flattert, läßt sich an der Schulter
des Mannes nieder, um ihm verborgene Wahrheiten zuzuflüstern; und nun
schließt sich das Buch, der Kopf hebt sich empor aus der stützenden
Hand und wendet sich nach dem Engel hin; die ganze Seele des Mannes
lauscht, man glaubt zu sehen, wie er den Atem anhält (Abb. 41). Auf
Jesaias folgt die delphische Sibylle. Sie hebt ihre Schriftrolle
empor mit einer Bewegung, als ob sie sich scheue, deren Inhalt der
heidnischen Welt mitzuteilen; die heilige Begeisterung, welche die
Seherin ergriffen hat, läßt ihre Augen leuchten und durchschauert die
feierlich dasitzende Gestalt mit einer unwillkürlichen Bewegung. Ein
Windstoß treibt die unter dem Kopftuch der Seherin hervorwallenden
Locken in die Höhe und macht die Haare der beiden Engel flattern,
von denen der eine sich in das Buch der Weissagungen vertieft (Abb.
42). Die delphische Sibylle gibt der linksseitigen Reihe der Seher
und Seherinnen einen Schluß, der ebenso prächtig ist wie der Anfang;
diese wundervolle Gestalt steht der libyschen Sibylle an malerischer
Schönheit nur wenig nach, an Formenschönheit ist sie ihr fast
überlegen. Michelangelo fand selten Gefallen daran, weibliche Schönheit
zu verbildlichen; wo er aber solche als dem Inhalt seiner Gedanken
entsprechend darstellen wollte, da that er es mit Meisterschaft,
und er wollte sie darstellen, wie früher bei den verschiedenen
Madonnenbildern, so hier bei der Vertreterin Griechenlands. Den Schluß
der rechtsseitigen Reihe macht der Prophet Joel. Er ist ein unbärtiger
Mann mit hoher Stirn und ergrauendem Haar; seine Augen fliegen über
die Schriftrolle, die er mit beiden Händen hält, Kopf und Haltung
bezeichnen eine Persönlichkeit, die zu entschlossenem Handeln bereit
ist, die laut und rückhaltlos die Worte der Zukunft verkündigen wird.
Über der Eingangswand der Kapelle erscheint der Prophet Zacharias.
Diese ehrwürdige Greisengestalt mit kahlem Schädel und langem Bart, die
mit unerschütterlicher Ruhe Blatt für Blatt in dem Buche der Strafen
und der Verheißungen umschlägt, ist vielleicht die allerschönste unter
all diesen erhabenen Gestalten. Die beiden Engel stehen in schweigender
Ehrfurcht hinter dem Rücken des Greises, sie halten einander
umschlungen und blicken über seine Schulter in das Buch (Abb. 43). Die
überall durchgeführte Anordnung, daß zwischen den einander gegenüber
befindlichen Gestalten eine lebhafte Wechselwirkung durch Gegensätze
besteht, kommt am sprechendsten zur Geltung bei den beiden Propheten
der Schmalseiten. Über der Altarwand, also dem Zacharias gegenüber, ist
Jonas dargestellt; wie jener der ruhigste, so ist dieser der bewegteste
von allen; jener ist ganz eingehüllt in die weiten Falten von Rock und
Mantel, dieser entbehrt des Gewandes. Jonas ist dargestellt in dem
Augenblick, wie er aus dem Rachen des Meerungeheuers, das seitwärts,
ein Gegenstand des Staunens für die Engelknaben, sichtbar wird, wieder
ans Licht gekommen ist. Noch nicht ganz Herr seiner Glieder, hat er
den Oberkörper hintenüber geworfen und atmet mit tiefen Zügen die
Himmelsluft ein; mit Blicken unaussprechlichen Dankes wendet sich sein
Kopf nach oben, und der Prophet erschaut die verheißungsvolle Bedeutung
seiner Geschichte.
[Illustration: Abb. 36. Von der Decke der Sixtinischen Kapelle: +Der
Prophet Jeremias.+
(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl.,
in Dornach i. Els. und Paris.)]
[Illustration: Abb. 37. Von der Decke der Sixtinischen Kapelle:
+Die libysche Sibylle+ (+nebst den in das Mittelfeld der Decke
hineinreichenden dekorativen Gestalten+).
(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl.,
in Dornach i. Els. und Paris.)]
[Illustration: Abb. 38. Von der Decke der Sixtinischen Kapelle:
+Der Prophet Daniel.+
(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl.,
in Dornach i. Els. und Paris.)]
[Illustration: Abb. 39. Von der Decke der Sixtinischen Kapelle:
+Die cumäische Sibylle+ (+mit dem Anschluß an das Mittelfeld der
Decke+).
(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl.,
in Dornach i. Els. und Paris.)]
[Illustration: Abb. 40. Von der Decke der Sixtinischen Kapelle:
+Die erythräische Sibylle+ (+mit dem Anschluß an das Mittelfeld
der Decke+).
(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl.,
in Dornach i. Els. und Paris.)]
[Illustration: Abb. 41. +Gleichzeitige Zeichnung nach Michelangelos
Prophet Jesaias an der Decke der Sixtinischen Kapelle.+ Im Museum zu
Weimar.
(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl.,
in Dornach i. Els. und Paris.)]
[Illustration: Abb. 42. Von der Decke der Sixtinischen Kapelle:
+Die delphische Sibylle.+
(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl.,
in Dornach i. Els. und Paris.)]
Die Geschichte des Jonas hat von jeher als eine Vorbedeutung der
Auferstehung Christi gegolten; es ist daher nicht Zufall, daß
Michelangelo ihm den Platz über dem Altar angewiesen hat.
Das Bild des Jonas, der nicht sowohl durch seine Worte, als vielmehr
durch seine Erlebnisse Prophet ist, leitet hinüber zu den Bildern,
in denen vorbedeutende Begebenheiten aus der Geschichte des alten
Bundes geschildert sind. In den gewölbten Zwickelfeldern, welche
in den vier Ecken der Kapelle aus der Verschmelzung von je zwei
Stichkappen entstehen (siehe das Übersichtsblatt), hat Michelangelo
Ereignisse dargestellt, welche als Errettungen des auserwählten
Volkes von drohendem Untergang einen vorbildlichen Hinweis auf die
Erlösung enthalten; die bildliche Wiedergabe dieser Ereignisse schließt
sich dem Sinne nach unmittelbar an die bildliche Darstellung der
Vorherverkündiger des Erlösers an. Links von Jonas ist die Erhöhung
der ehernen Schlange in der Wüste dargestellt, eine Begebenheit,
welcher die besondere Bedeutung innewohnt, daß sie nach den Worten
des Heilands selbst ein Vorbild der Erhöhung Christi am Kreuze ist.
Die größere Hälfte des Gemäldes, das sich in dem beschränkten und
unbequemen Raum in überaus großartiger, übersichtlicher Komposition
entfaltet, wird durch die Opfer der feurigen Schlangen eingenommen;
die Unglücklichen, welche nicht nach dem aufgerichteten Heilszeichen
hinblicken, suchen in aussichtsloser Flucht sich vor den vom Himmel
herabregnenden Schlangen zu retten oder in verzweifeltem Ringen sich
der todbringenden Umschlingungen zu erwehren; in einem schrecklichen
Knäuel hasten und stürzen sie durcheinander. In einem wunderbar
wirkungsvollen Gegensatz zu dieser wildbewegten Gruppe der dem
Verderben Verfallenen steht an der anderen Seite des Bildes das
zusammengescharte Häuflein der Gläubigen; die unversehrt Dastehenden
und die schon getroffen am Boden Liegenden, aber im Glauben noch
Rettung Findenden bilden eine eng geschlossene Gruppe, deren ruhige
Umrißlinie nur durch die in der Richtung der Blicke nach der am Pfahle
hängenden Erzschlange emporgestreckten Hände unterbrochen wird (Abb.
44). Nach der zeitlichen Reihenfolge der Begebenheiten folgt auf dieses
Bild aus der Zeit der Wanderschaft der Israeliten das ihm gegenüber,
links vom Eingang befindliche Gemälde, eine Darstellung aus den Kämpfen
mit den feindlichen Stämmen, welche den Israeliten den Besitz des
gelobten Landes streitig machten: die Besiegung des Philisters Goliath.
Der Riese liegt von dem Steinwurf des Hirtenknaben niedergestreckt
am Boden; über den schweren Körper des Gefallenen, der vergebliche
Anstrengungen sich aufzurichten macht, schreitet David und holt mit
dem Schwerte aus, um ihm das Haupt vom Rumpfe zu trennen. Die Gestalt
Davids hebt sich von der hellen Wand eines Zeltes ab, zu dessen Seiten
die Krieger dem Vorgang mit Spannung zuschauen. An diese Darstellung
reiht sich die daneben, rechts vom Eingang befindliche: in der Tötung
des Holofernes wird hier ein Bild aus der Zeit der Bedrängnisse durch
die Assyrier vorgeführt. Judith steht auf der Schwelle des Gemachs,
außerhalb dessen man in einiger Entfernung den eingeschlafenen Wächter
gewahrt, und wirft einen Blick zurück auf den Leichnam des Holofernes,
während sie sich anschickt, den von der Magd aufgenommenen Korb mit dem
abgeschlagenen Haupt des Feindes mit einem Tuch zu verhüllen. Das
gegenüberstehende Bild, an der rechten Seite der Altarwand, versetzt
uns in die Zeit der Perserherrschaft. Die Bestrafung Hamans ist hier
in einer dreiteiligen Komposition dargestellt. In der einen Bildecke
erblicken wir den König Ahasver auf seinem Ruhebett, wie er, nachdem
er aus den alten Jahrbüchern von den Verdiensten des Mardochai gehört
hat, sich aufrichtet, um zu befehlen, daß dieser geehrt werde; auf
der anderen Seite sehen wir das Mahl bei der Königin Esther, wie
diese dem König den Haman als Feind ihres Volkes bezeichnet; die
Mitte des Bildes nimmt die Gestalt des gekreuzigten Haman ein. In der
Verkürzung dieser Gestalt -- das Kreuz steht so, daß man es von der
Seite sieht -- erblickt Vasari das Meisterstück in der Überwindung der
größten Schwierigkeit in der Malerei; in der That hatte niemand vor
Michelangelo es vermocht, eine derartige Körperhaftigkeit gemalter
Figuren auch in ganz verkürzten Ansichten zu erreichen.
[Illustration: Abb. 43. Von der Decke der Sixtinischen Kapelle: +Der
Prophet Zacharias.+
(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl.,
in Dornach i. Els. und Paris.)]
[Illustration: +Übersichtsblatt über Michelangelos Deckengemälde in
der Sixtinischen Kapelle zu Rom.+
(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl.,
in Dornach i. Els. und Paris.)]
[Illustration: Abb. 44. +Gleichzeitige Abbildung (nach dem Karton)
von Michelangelos Gemälde „Die eherne Schlange“ an der Decke der
Sixtinischen Kapelle.+ In der Albertina zu Wien.
(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl.,
in Dornach i. Els. und Paris.)]
Der Inhalt des gesamten Bilderkreises erhält seine Ergänzung zu
einer erschöpfend vollständigen Verbildlichung der Vorgeschichte der
Erlösung durch die Darstellung der leiblichen Vorfahren Christi. Diese
Darstellungsreihe hat in den Wandlünetten, welche die Fensterbogen
einschließen, und in den dreieckigen Feldern der Stichkappen ihren
Platz gefunden (s. d. Übersichtsblatt). Die Namen der zweiundvierzig
Glieder des Stammbaums, welche der Evangelist Matthäus aufzählt,
hat Michelangelo auf viereckigen Tafeln verzeichnet, die mit ihrer
Umrahmung ein jedes Bogenfeld in zwei Hälften teilen. Er hat aber
darauf verzichtet, die Gestalten, mit welchen er diese Namenstafeln
umgab, als die geschichtlichen Träger bestimmter Namen zu kennzeichnen.
Er schilderte an diesen Stellen in Familiengruppen, welche im Gegensatz
zu den von überirdischem Geiste erfüllten Gestalten der Seher mehr ein
allgemein menschliches Gepräge tragen, den Schmerz und die Hoffnung
der auf den Erlöser harrenden Menschheit. Die Reihe begann in den
beiden Bogenfeldern der Altarwand; die hier befindlichen Darstellungen
aber mußten später dem über diese ganze Wand ausgebreiteten Gemälde
des Jüngsten Gerichts weichen. Daher kommt es, daß jetzt die Namen,
welche wir an den ersten Stellen, rechts und links zunächst der
Altarwand, lesen, diejenigen von Aminadab und von Naasson sind; die
sieben ersten Namen waren auf den zerstörten Feldern angebracht. In
den vierzehn noch vorhandenen Bogenfeldern ist jedesmal eine Familie
in der Weise angeordnet, daß in der einen Hälfte der Lünette der
Mann, in der anderen die Frau sitzt. In den acht dreieckigen Feldern
der Gewölbekappen erscheint jedesmal eine Familie zu einer engen
Gruppe zusammengeschlossen. -- Es ist leicht erklärlich, daß beim
Betrachten der Deckenmalereien in der Sixtinischen Kapelle der Blick
von den überwältigenden Gestalten der Propheten und Sibyllen derartig
gefesselt wird, daß man es versäumt, den zwischen und unter ihren
Reihen in den Fensternischen gemalten Gruppen der Vorfahren Christi --
denn so müssen wir im allgemeinen diese Figuren bezeichnen, wenn sie
auch im einzelnen namenlos bleiben -- die gebührende Aufmerksamkeit
zu schenken. Und doch haben sie ein sehr hohes Anrecht auf die
aufmerksamste Beachtung. Es ist geradezu wunderbar, wie der Meister
es verstanden hat, in einer Anzahl von gleichmäßig angeordneten
Kompositionen, die ohne Handlung nur der Ausdruck einer im wesentlichen
sich gleich bleibenden Stimmung sind, eine Fülle von Abwechselung zu
bringen, in jeder Gruppe trotz aller Gleichartigkeit ein Bild von
neuer und fesselnder Wirkung zu schaffen. In den Darstellungen der
Bogenfelder läßt sich ein allmähliches Abwandeln der Empfindungen
verfolgen, von der dumpfen Trostlosigkeit jener Zeiten an, denen die
Ankunft des Erlösers noch in unermeßlicher Ferne liegt, bis zu denen,
welche sie nahe bevorstehen sehen. Auf dem ersten der noch vorhandenen
vierzehn Bilder, rechts von der Altarwand, sehen wir einen Mann, der
in regungslosem Brüten vor sich hinstarrt, und ein Weib, das schwer
in sich zusammengesunken ist; die Hoffnung liegt so fern, daß ihr
Schimmer die Gemüter der Menschen noch nicht zu erhellen vermag. Im
nächsten Bilde, gegenüber dem ersten, hat die Frau sich aufgerichtet;
sie scheint ihren Mann darauf aufmerksam zu machen, daß trostgewährende
Verheißungen niedergeschrieben worden seien, und dieser starrt von
weitem in das Buch. Das nächste Paar erscheint in der Gestalt müder
Pilger, gleich als ob sie sich aufgemacht hätten, dem verheißenden Ziel
entgegenzugehen; der Mann stützt sich auf seinen Stab und schaut in
die Ferne, ermattet läßt das Weib, dem ein Säugling in den Armen ruht,
den Kopf sinken. Man mag bei den Pilgern auch an eine geschichtliche
Andeutung denken: die Namen der entsprechenden Tafel leiten aus der
Zeit des Umherirrens in der Wüste in die Zeit der Richter über. In der
folgenden Gruppe äußert sich schon mehr inneres Leben. Mit tiefem Ernst
zwar, aber doch gehobenen Hauptes, blickt die königlich stolze Gestalt
des Mannes, bei dem die Namenreihe der Könige beginnt, vor sich hin;
das Weib arbeitet mit Emsigkeit; man fühlt, daß ihre Gedanken kreisen
wie die Garnwinde, welche sie handhabt. Das folgende Paar hingegen
-- bei den Namen der sündhaften Könige Roboam und Abias -- erscheint
wieder in tiefste Niedergeschlagenheit versunken; die Frau läßt den
Kopf schwer zur Seite hängen, der Mann birgt, völlig gebrochen, sein
Gesicht zwischen den Knieen. An der Seite des Mannes erscheint hier,
und ebenso in dem vorhergehenden Bilde, ein teilnahmsvoll blickendes
größeres Kind. Die Kindergestalten fehlen von jetzt ab in keinem
der Bilder, und ihr harmloses Wesen bringt häufig eine wohlthuende
Milderung in den schweren Ernst der Stimmung. In dem nächsten Bild
drängt sich eine ganze Schar von Kleinen um die Mutter und läßt sie
unter ihren Liebkosungen die Schwermut auf einen Augenblick vergessen;
auch der Mann, der sich mit Schreiben beschäftigt, scheint frei von
allzu düsteren Empfindungen; die Namen der Könige Asa und Josaphat,
die thaten, was recht war vor dem Herrn, rechtfertigen die lichtere
Stimmung dieses Bildes. Aber in der folgenden Gruppe herrscht bei Mann
und Weib wieder tiefer Gram, den die bei beiden befindlichen Kinder
nicht zu zerstreuen vermögen. In noch gesteigertem Maße kommt der Gram
im nächsten Bilde zum Ausdruck; eine ergreifende Gestalt ist diese
junge Mutter, die leidvoll den Säugling auf dem Schoße betrachtet,
während der Mann, in seinen Mantel gehüllt, sich ganz dem düsteren
Grübeln hingibt. In der anschließenden Gruppe scheint der Mann der
Frau Trost zuzusprechen, während in der nächstfolgenden Mann und Weib
sich gegenseitig ansehen, als ob eins vom anderen Trost erwarte. Von
nun an fühlt man, daß die Zeit der Erfüllung herannaht. Im nächsten
Bilde blickt der Mann mit ahnungsvollem Sinnen ins Weite, während
die Frau ihren Knaben belehrt: mit dem Ausdruck unerschütterlicher
Gewißheit scheint sie auf die kommende Zeit der Erlösung hinzuweisen
(Abb. 45). Die folgende Gruppe bringt ein geduldiges Harren zum
Ausdruck. In den letzten beiden Bogenfeldern, an der Eingangswand, ist
die Anordnung insofern verändert, als jetzt in jeder Hälfte des Feldes
eine ganze Familie erscheint. Hoffnungsfreudig blicken die Gestalten
des vorletzten und in gespannter Erwartung diejenigen des letzten
Bildes. -- In den acht Gruppen der Gewölbekappen, welche sich alle,
der spitzbogigen Begrenzung der Bildfläche entsprechend, in einer mehr
oder weniger entschieden betonten Dreiecksgestalt des Gesamtumrisses
aufbauen, geht in unendlich feinen Abstufungen die Empfindung
eines tiefen, unstillbaren Schmerzes durch, dem nur das innige
Zusammenschmiegen der liebenden Familie einen Teil seiner Bitterkeit
nimmt. Meistens ist die Mutter die Hauptfigur der Gruppe, und wie sie
bald in dumpfer Betäubung oder in gramvoller Niedergeschlagenheit, bald
in der Aufwallung einer stummen Klage oder in der Ruhe einer mühsam
errungenen Fassung dasitzt, spiegelt sich in ihren Zügen das namenlose
Weh des Bewußtseins, daß den Kindern, denen sie das Dasein gegeben,
die Erlösung noch fern bleibt (Abb. 46). -- Je mehr man sich in diese
aus dem innersten Wesen Michelangelos hervorgegangene Gestaltenwelt
versenkt, um so mehr offenbart dieselbe von den tiefen Schätzen ihrer
innerlichen Schönheit.
[Illustration: Abb. 45. +Gruppe von einem Bogenfeld der Sixtinischen
Kapelle.+
(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl.,
in Dornach i. Els. und Paris.)]
[Illustration: Abb. 46. +Ein Stichkappenfeld (nebst dem
anschließenden Stück der Deckenwölbung) von der Decke der Sixtinischen
Kapelle.+
(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl.,
in Dornach i. Els. und Paris.)]