Michelangelo hoffte noch immer auf die Ausführung des Grabmals. Aber

vergebens; der Papst bestand unerbittlich auf dem Ausmalen der Decke

in der Sixtinischen Kapelle, und dieses Mal beugte sich der Künstler

dem eisernen Willen des Herrschers. Mit blutendem Herzen begann er ein

Werk, das für ihn den Verzicht auf die Erfüllung seines stolzesten

Künstlertraumes bedeutete, und er schuf in diesem Werk das Herrlichste,

was die Monumentalmalerei überhaupt hervorgebracht hat, eine Schöpfung

so schön und gewaltig, daß die Nachwelt wohl das Recht hat zu glauben,

der Meister habe sich hierdurch ein größeres Anrecht auf ihren Dank

erworben, als wenn er jenes Riesengrabmal zur Ausführung gebracht hätte.

Papst Sixtus IV hatte bei der Anlage der nach ihm benannten Kapelle im

vatikanischen Palast von vornherein die Absicht, daß dieselbe ganz mit

Werken der Malerei ausgeschmückt werden sollte; darum blieb sie ohne

jeden architektonischen Schmuck. Die Wände des mäßig großen, länglich

viereckigen Raumes sind oben durch aneinander gereihte Rundbogen

begrenzt, deren an den Langwänden je sechs, an den Schmalwänden je zwei

sind; unter jedem dieser Rundbogen, mit Ausnahme der beiden an der

Altarwand, befindet sich ein kleines rundbogiges Fenster.

Die Decke ist ein Spiegelgewölbe; ihr ebenes Mittelfeld geht ohne jede

Abgrenzung in die gewölbten vier Seitenteile über, welche durch die

von den Rundbogen der Wände aus einschneidenden Kappen in zwölf spitze

Zwickel, je fünf an den Langseiten und je einen an den Schmalseiten,

zerlegt werden.

[Illustration: Abb. 23. +Studie zu einer dekorativen Figur an der

Decke der Sixtinischen Kapelle+ (vgl. Abb. 31). Rötelzeichnung in

der Albertina zu Wien.]

Das Feld, welches sich Michelangelo zum Bemalen darbot, als er am 10.

Mai 1508 sich entschloß, den ersten Strich für diese Arbeit zu thun,

umfaßte außer der zusammenhängenden Fläche der Decke die dreieckigen

Felder der Stichkappen und die rundbogig begrenzten Wandstücke

(Lünetten), welche unter den Kappen die Fensterbogen einrahmen.

Die Bemalung der Wände bis zur Höhe der Gewölbansätze war schon

unter Sixtus IV begonnen worden und seit geraumer Zeit vollendet.

Verschiedene florentinische Meister hatten hier das Leben Christi und

das Leben Moses’ geschildert, nach der im Mittelalter beliebten Weise

der Gegenüberstellung von einander entsprechenden Begebenheiten des

alten und des neuen Testaments. Für die Deckenmalerei hatte Julius II

anfänglich keineswegs einen sehr reichen Inhalt in Aussicht genommen.

Michelangelo hat darüber folgendes aufgeschrieben: „Der erste Entwurf

des genannten Werks waren zwölf Apostel in den Zwickeln und das übrige

in gewisser Einteilung angefüllt mit Zierwerk nach gebräuchlicher Art;

nachher, als ich das Werk begonnen hatte, schien mir, daß es ärmlich

ausfallen würde, und ich sagte dem Papst, daß, wenn ich die Apostel

allein dahin machte, meines Erachtens die Sache ärmlich ausfallen

würde; er fragte mich, warum; ich antwortete: weil sie selbst arm

waren. Da gab er mir neuen Auftrag, ich solle machen, was ich wollte,

und solle zufrieden sein, und solle alles bemalen bis an die unten

befindlichen Geschichtsbilder heran.“ --

[Illustration: Abb. 24. +Studie+, mit einigen Veränderungen zu

einer Figur an der Decke der Sixtinischen Kapelle benutzt.

Rötelzeichnung im Kupferstichkabinett des Britischen Museums zu London.]

So ist der großartige Inhalt, den Michelangelo den Deckenmalereien

gegeben hat, sein ureigenster Gedanke. Er stellte die Vorgeschichte

der Erlösung dar: die Schöpfung und den Sündenfall und das weitere

Versinken der Menschheit in Sünde; dazu das Hoffen auf den Erlöser, die

Vorherverkündigung seiner Ankunft und Vorbedeutungen der Erlösung.

Wie der Gedanke, so ist auch die Ausführung des Werks das

ausschließliche Eigentum des Meisters. Als die Kartonzeichnungen --

vielleicht erst diejenigen zu den Apostelfiguren -- fertig waren,

ließ er mehrere Maler aus Florenz kommen, die ihm bei der Ausführung

behilflich sein und ihn über das Verfahren der Freskomalerei, die

er niemals geübt hatte, belehren sollten. Nachdem dieselben aber

angefangen hatten zu malen, fand er, daß keiner von ihnen es so

machte, wie es nach seiner Absicht werden sollte, und er entließ sie

wieder, nachdem er ihre Arbeit hatte herunterschlagen lassen. So malte

er das große Werk ganz eigenhändig, selbst auf den Beistand eines

Farbenreibers soll er verzichtet haben.

Von den Vorarbeiten zu den Deckenmalereien wissen wir wenig. Über

den Verbleib der Kartons gibt es keine weitere Kunde als die, daß

Michelangelo 1531 mehrere derselben verschenkte. Das einzige, was von

den Vorbereitungen des Meisters zu dem ungeheuren Werk erzählt, sind

einige kleine Blättchen mit Federzeichnungen, die sich als die ersten,

ganz flüchtig hingezeichneten, aber schon vollkommen sprechenden

Skizzen von einzelnen zu jener reichen Gestaltenwelt gehörigen Figuren

erkennen lassen, sowie eine nicht gerade große Anzahl von mehr oder

weniger durchgebildeten Studienzeichnungen (Abb. 23, 24, 25). Von den

in verschiedenen Sammlungen aufbewahrten Zeichnungen, welche Teile

der Deckenmalerei in sorgfältiger Ausführung wiedergeben, rührt die

größte Zahl nicht von der Hand des Meisters, sondern von lernbegierigen

Nachfolgern desselben her; sie sind nach den fertigen Bildern oder

zum Teil auch nach den Kartons angefertigt. Doch sind auch diese

Kopieen, unter denen sich Blätter von bewunderungswürdiger Ausführung

befinden, wohl der Beachtung wert; sie zeigen, welchen Einfluß

Michelangelos unvergleichliche Art zu zeichnen auf das mitlebende und

das nachfolgende Künstlergeschlecht ausgeübt hat; bei einem Vergleich

der Blätter untereinander, wie ihn die nicht hoch genug zu schätzenden

Braunschen Photographieen nach den Reichtümern fast aller größeren

Sammlungen von Handzeichnungen ermöglichen, ist es interessant zu

sehen, wie verschiedenartig bisweilen ein und dasselbe Urbild von

Verschiedenen aufgefaßt worden ist.

[Illustration: Abb. 25. +Gewandstudie zur libyschen Sibylle+ (in

der Ausführung nicht verwendet). Rötelzeichnung in der Sammlung des

Louvre zu Paris.]

[Illustration: Abb. 26. +Dekorative Figur an der Decke der

Sixtinischen Kapelle.+

(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl.,

in Dornach i. Els. und Paris.)]

Nicht unter freudigen Verhältnissen malte Michelangelo die

Deckenbilder der Sixtinischen Kapelle; das bezeugen die Berichte

der Lebensbeschreiber und mehr noch seine eigenen Briefe. Seine

anfängliche Abneigung gegen die Arbeit, von der er erklärte, daß sie

außerhalb seines Berufs läge, wurde gesteigert durch den Kampf mit

den technischen Schwierigkeiten der Freskomalerei; als einmal während

der ersten Zeit des Malens sich an einer Stelle Schimmelflecken

zeigten, geriet der Meister in helle Verzweiflung. Doch lernte er

bald das Verfahren in einer Weise beherrschen, wie es kein anderer

besser gekonnt hat. Anhaltender war die bedrängte Lage, in welcher

er sich durch den Umstand befand, daß er vom Papst, der 1510 gegen

den König von Frankreich zu Felde zog, kein Geld bekommen konnte;

dabei quälte ihn mehr noch als die eigene Lage die Sorge um das Wohl

der Seinigen in Florenz; was er von früherem Verdienst erübrigt und

in einem Florentiner Hause angelegt hatte, stellte er seinem Vater

zur Verfügung, und eine rührende Besorgnis für seine Brüder spricht

aus seinen Briefen. Eine wahre Qual war die körperliche Anstrengung

beim Malen an der Decke, mit stets in den Nacken gelegtem Kopf und

aufwärts verdrehten Augen. Er selbst hat in einem Gedicht an einen

Freund mit bitteren Scherzen geschildert, in welchem Zustand sich

sein Körper befinde, wenn er, gekrümmt wie ein syrischer Bogen, das

Gesicht von den herabträufelnden Farben bunt gemustert gleich einem

reich eingelegten Fußboden, an dem Werke arbeite, von dem er nicht

einmal einen guten Erfolg hoffte: „Ich stehe nicht am rechten Platz

und bin kein Maler,“ sind die Schlußworte des Gedichts. Seine Augen

gewöhnten sich schließlich so sehr an die gewaltsame Verdrehung, daß

er noch monatelang nach Vollendung der Malerei eines scharfen Sehens

nur in der Richtung nach oben fähig war, so daß er beim Lesen von

Briefen und beim Betrachten kleiner Zeichnungen das Papier über seinen

Kopf halten mußte. Als die Arbeit in Fluß gekommen war und einen guten

Fortgang nahm, quälte ihn der Papst mit seiner Ungeduld, das Ganze

fertig zu sehen. Einmal, so erzählt Vasari, gab Michelangelo auf die

ungestüm drängende Frage des Papstes, wann er fertig sein würde,

die treffende Antwort: „Wenn ich damit zufrieden sein werde,“ worauf

Julius II erwiderte, der Meister müsse es sich genügen lassen, wenn er,

der Papst, zufrieden wäre. Im Herbst 1510 war der hauptsächlichste,

aber räumlich kleinere Teil der Malerei, das Mittelfeld der Decke,

vollendet, und im folgenden Jahre blieb dieser Teil eine Zeitlang,

während Michelangelo die Kartons für das übrige zeichnete, aufgedeckt,

dem Papst und anderen zur Besichtigung. Zwei Jahre später wurde das

Ganze fertig. Im Oktober 1512 konnte Michelangelo dies seinem Vater

schreiben mit dem Zusatz, daß der Papst mit dem Werk zufrieden sei;

er selbst dachte auch jetzt noch mehr an das Grabmal, als an die

glücklich beendete Malerei: „die anderen Dinge,“ fügt er jener Meldung

hinzu, „gehen mir nicht so gut; schuld daran sind die Zeiten, die

unserer Kunst“ -- damit meint er die Bildhauerkunst -- „sehr ungünstig

sind.“ -- Gerade vier und ein halbes Jahr hatte die ganze Arbeit --

mit Einschluß des ersten Versuchs mit den Apostelfiguren -- gedauert;

davon kamen zwanzig Monate auf das mühevolle Malen an der Decke selbst;

den größeren Teil der Zeit nahmen selbstverständlich die Kartons in

Anspruch, die mit der größten Genauigkeit gezeichnet werden mußten,

da Michelangelo an der dicht über seinem Kopfe befindlichen Decke gar

keinen Überblick über die großen Gestalten hatte, deren Verkürzungen

sich -- wie er gleichfalls in jenem Gedichte klagt -- vor seinen Augen

in der einen Richtung in die Länge dehnten und nach der anderen sich

zusammenzogen.

Am 31. Oktober 1512 wurden die Gerüste aus der Sixtinischen Kapelle

weggeräumt, und am folgenden Tag, dem Fest aller Heiligen, las der

Papst die erste Messe in dem so herrlich geschmückten Raum.

[Illustration: Abb. 27. Von der Decke der Sixtinischen Kapelle: +Die

ersten Schöpfungstage.+ (Gesamtansicht.)

(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl.,

in Dornach i. Els. und Paris.)]

[Illustration: Abb. 28. Von der Decke der Sixtinischen Kapelle: +Die

Erschaffung der Pflanzen und der Himmelslichter.+ (Der obere Teil

von Abb. 27.)

(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl.,

in Dornach i. Els. und Paris.)]

Was dem Besucher der Sixtinischen Kapelle beim Betrachten der

Deckenmalerei zuerst in die Augen fällt, ehe er noch dazu kommt, die

überwältigende Wirkung der einzelnen Darstellungen zu empfinden, ist

die geradezu unvergleichliche architektonische Gliederung, welche

der Meister der großen zusammenhängenden Fläche der Decke gegeben

und durch die er sich die Rahmen für seine Bilder geschaffen hat (s.

d. Übersichtsblatt). An den gewölbten Seitenteilen der Decke steigt

in jedem der zwölf Zwickel ein durch Kinderfigürchen, die wie die

Architekturformen als Marmor gemalt sind, belebtes Pilasterpaar empor;

ein durchgehendes Gesims, das die Pilaster miteinander verbindet,

schließt den senkrecht gedachten Teil der Fläche ab und bildet die

Umrahmung des wagerechten Mittelfeldes. Über den Pilasterpaaren

der Langseiten ragen kräftige Aufsätze in das Mittelfeld hinein,

und hinter oder über diesen Aufsätzen spannen sich, den Pilastern

entsprechend, Marmorbalken quer über die Mittelfläche, die so in neun

Bildfelder, vier größere und fünf kleinere, zerlegt wird. Dieses ganze

baukünstlerische Rahmenwerk ist vollendet plastisch gemalt, aber seine

ganze Anordnung schließt jeden Gedanken an die Absicht einer groben

Augentäuschung aus; daß die Architektur nicht als eine wirklich zu

denkende, sondern als eine ideale gelten will, erfährt seine höchste

Bekräftigung dadurch, daß lebendige, in natürlichen Farben gemalte

Menschengestalten den Schmuck der Aufsätze über den Pilasterpaaren

bilden. Diese die Architektur bekrönenden Figuren, sämtlich nackte

Jünglinge in der blühendsten Fülle der Kraft, sind die berühmten

„Ignudi“, die in der Wiedergabe des unverhüllten menschlichen Körpers

das Höchste bieten, was die Malerei jemals zu erreichen imstande

gewesen ist. Äußerlich begründet ist das Vorhandensein dieser Gestalten

dadurch, daß dieselben die Bänder halten, an welchen kreisrunde

Erztafeln mit (nicht mehr recht erkennbaren) inhaltlich nebensächlichen

Bildchen befestigt sind; ihre wesentliche Bedeutung aber ist

keine andere, als diejenige des Schmückens. Die niederländischen

Maler des vorhergegangenen Jahrhunderts schmückten die zierlichen

Einrahmungen, mit welchen sie die reizenden kleinen Miniaturen

fürstlicher Gebetbücher umgaben, mit fein gemalten Abbildungen von

Nelken, Wickenblüten und ähnlichen zierlichen Naturerzeugnissen:

Michelangelo gab der Umrahmung der gewaltigen Freskogemälde, welche

in der vornehmsten Kapelle der Christenheit die Schöpfungsgeschichte

erzählten, den denkbar großartigsten Schmuck, indem er die Krone der

Schöpfung, den Menschen, in diesem Sinne verwendete. Und in der That,

ein herrlicher Schmuck sind diese Gestalten; wie sie bald in der Ruhe,

bald in lebhafter Bewegung die Pracht ihrer Glieder zeigen, sind sie

wahre Offenbarungen von der Schönheit der Menschengestalt, und in

ihrer, man kann nur sagen urweltlichen Größe und Erhabenheit stehen sie

himmelhoch über allem Gewöhnlichen, Kleinen und Kleinlichen, das den

Erdenbewohnern anhaftet; einzelne dieser großartigen Gestalten gehören

zweifellos zu dem Schönsten und Formvollendetsten, was die Malerei in

ihrer ganzen Geschichte aufzuweisen hat (Abb. 26).

[Illustration: Abb. 29. Von der Decke der Sixtinischen Kapelle: +Die

Erschaffung der Pflanzen.+ (Einzelfigur zu Abb. 28.)

(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl.,

in Dornach i. Els. und Paris.)]

[Illustration: Abb. 30. Von der Decke der Sixtinischen Kapelle: +Die

Erschaffung der Himmelslichter.+ (Einzelfigur zu Abb. 28.)

(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl.,

in Dornach i. Els. und Paris.)]

[Illustration: Abb. 31. Von der Decke der Sixtinischen Kapelle: +Der

fünfte und sechste Schöpfungstag.+

(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie.

Nchfl., in Dornach i. Els. und Paris.)]

[Illustration: Abb. 32. Von der Decke der Sixtinischen Kapelle: +Die

Erschaffung Adams.+

(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl.,

in Dornach i. Els. und Paris.)]

[Illustration: Abb. 33. Von der Decke der Sixtinischen Kapelle: +Die

Erschaffung des Weibes.+

(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl.,

in Dornach i. Els. und Paris.)]

[Illustration: Abb. 34. Von der Decke der Sixtinischen Kapelle: +Der

Sündenfall und die Vertreibung aus dem Paradies.+

(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl.,

in Dornach i. Els. und Paris.)]

[Illustration: Abb. 35. Von der Decke der Sixtinischen Kapelle: +Das

Opfer der Söhne Adams; Die Sintflut.+

(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl.,

in Dornach i. Els. und Paris.)]

Die Reihe der erzählenden Bilder nimmt ihren Anfang in dem der

Altarwand zunächst liegenden Feld. Gott scheidet das Licht von der

Finsternis, ist der Inhalt des ersten Bildes, das in verhältnismäßig

engem Raum eine unendliche Größe entfaltet. Die überlebensgroße Gestalt

des Schöpfers hebt sich empor, sie wird sozusagen plötzlich sichtbar,

ihre Füße sind noch verborgen, und schon erfüllt sie den ganzen Raum,

den sie schräg durchschneidet, um mit gebietender Aufwärtswendung des

Haupts und mit machtvoller Bewegung der Arme die Scheidung zwischen

dem Licht und dem Dunkel auszusprechen (Abb. 27 unterer Teil). Das

zweite Bild (Abb. 27 oberer Teil mit den Einzelstücken Abb. 28, 29, 30)

faßt zwei verschiedene Darstellungen in einer wunderbar wirkungsvollen

Weise zusammen. Die Himmelsfeste ist geschaffen. Über die Erde einher

bewegt sich der Schöpfer, und ein Ausbreiten seiner Hand läßt Gras

und Kräuter emporsprießen; seine Bewegung ist kein Schweben, ist kein

Fliegen; es ist ein Getragensein von eigener Kraft, ein Durchsausen

des Weltenraums. Das Schrankenlose dieser Sturmesbewegung wird dem

Beschauer doppelt fühlbar dadurch, daß die ganz verkürzt gesehene

Gestalt sich von ihm abwendet, man glaubt, sie müsse gleich den

Blicken entschwunden sein (Abb. 29). Das Planmäßige der Bewegung aber

wird in einer ganz unvergleichlichen Weise verbildlicht dadurch,

daß dieselbe Gestalt von der anderen Seite wieder in den Bildraum

hineinsaust; ganz von vorn gesehen, zeigt Jehovah hier zuerst dem

Beschauer die schreckliche Majestät seines Antlitzes (Abb. 30). Die

Arme ausspannend über ungemessene Weiten, gebietet er, ohne in der

Bewegung innezuhalten, der Sonne und dem Mond, an ihren bestimmten

Stellen zu sein. Dieses Mal erscheint Gott nicht mehr allein; Engel

sind inzwischen geworden, die sich seiner Bewegung anschließen und den

Schöpfer und seine Werke staunend bewundern. Das dritte Bild (Abb.

31 unterer Teil) zeigt den Schöpfer, von Engeln begleitet, über der

Wasserfläche schwebend; seine Linke streckt sich aus, die Rechte

hebt sich empor, und im Wasser regt sich das Tierleben. -- Von nun

an wird die Erde der Schauplatz der Darstellungen. Die Bewegung des

Schöpfers, die im ersten Bilde als eine mächtig aufwärts steigende,

dann als eine das Weltall durchkreisende -- stürmisch im zweiten,

etwas ruhiger im dritten Bilde -- erschien, verwandelt sich im vierten

Bild (Abb. 31 oberer Teil) in eine abwärts schwebende: Gott läßt

sich auf die Erde hernieder, um den Menschen ins Dasein zu rufen.

Es ist der letzte Tag der Schöpfungsarbeit; in einer halb ruhenden

Stellung, von den begleitenden Engeln gestützt, begibt sich Jehovah

an die Vollendung des Werks. Dieser zur Ruhe neigende Jehovah

ist eine der allergewaltigsten Schöpfungen von Michelangelos fast

übermenschlich zu nennender Erfindungskraft: man sieht, es ist nicht

das Bedürfnis, sondern der Wille, zu ruhen, was hier dargestellt ist;

auch in der Lage eines Ruhenden bewegt die Gestalt des Schöpfers sich

aus ureigener Kraft vorwärts, die tragenden Engel werden von dieser

Kraft mitgenommen. In einem wunderbaren Gegensatz hierzu steht die

Gestalt des Erschaffenen, welche die Kraft, sich zu bewegen, eben

erst empfängt. Auf der Erde, die in erhabener Einfachheit durch zwei

hintereinander ansteigende Berglinien angedeutet ist, ruht der Leib des

ersten Menschen; Jehovah streckt die Rechte aus, und wie sein Finger

den Finger des Menschen berührt, wird in dem Leib die Seele lebendig;

der Oberkörper der prachtvollen Riesengestalt richtet sich langsam auf,

noch schwer lastend auf dem stützenden rechten Arm, zugleich zieht das

linke Bein sich an, um das Aufstehen vorzubereiten, der Kopf hebt sich

empor und wendet sich, der erste Blick der geöffneten Augen schaut

das Angesicht Gottes (Abb. 32). Dieses Erwachen aus der Leblosigkeit

zum Leben ist ebenso einzig, ebenso urgewaltig geschildert, wie die

Unbegrenztheit ewiger Kraft in den Gestalten des schaffenden Gottes.

Michelangelos Schöpfungsbilder überragen auf einsamer Höhe unermeßlich

weit alles, was vorher und nachher an Versuchen, das Unbegreiflichste

in begreifliche Formen zu kleiden, gemacht worden ist. Den Schluß der

Schöpfungsbilder macht die Erschaffung der Eva. Der Herr ist auf die

Erde herabgestiegen; auf dem Boden wandelnd, naht er sich dem Geschöpf

nach seinem Ebenbilde. Mahnender Ernst und wohlwollende Milde zugleich

sprechen aus seinem Angesicht, wie er die Rechte erhebt; und dem

gebietenden Zuge dieser Hand folgend, erhebt sich aus der Seite des

in tiefen Schlaf versunkenen Adam das Weib; mit freudiger Dankbarkeit

begrüßt sie das Leben, sie neigt sich zum Niederknieen und streckt

die gefalteten Hände anbetend dem Geber des Daseins entgegen (Abb.

33). Das folgende Bild vereinigt die beiden Darstellungen der Sünde

und der Strafe des ersten Menschenpaars. Auf der einen Seite sehen wir

die beiden Prachtgestalten des Adam und der Eva unter dem Baum der

Erkenntnis; das Weib sitzt zu den Füßen des Mannes am Boden, den Rücken

gegen den Baum gekehrt; die Versuchung naht heimlich, überraschend.

Die Schlange, deren Körper oben in Weibesgestalt übergeht, hat sich

am Stamm des Baumes emporgeringelt, der Frauenleib setzt zwischen den

Ästen die schleichende Bewegung fort, und das Haupt verbirgt sich im

Schatten der dichten Zweige. Man glaubt zu hören, wie die Versucherin

der Eva leise zuruft; diese wendet den Kopf, und beim Anblick der

Frucht, die jene ihr hinhält, streckt sie auch schon begehrlich die

Hand aus, um dieselbe anzunehmen; und da das Gebot einmal übertreten

ist, greift Adam ohne Zaudern in die vollen Zweige. Der Erkenntnisbaum

bildet die Abgrenzung der beiden Bildhälften gegeneinander. In einer

eigentümlich wirkungsvollen Zusammenstellung erscheint unmittelbar

neben der Versucherin der Racheengel, und wie jene in geschmeidiger

Bewegung die verbotene Frucht hinabreicht, so streckt dieser mit

wuchtiger Kraft das richtende Schwert gegen die der Strafe verfallenen

Menschen aus. Voll Schmerz und Zerknirschung einander anblickend,

der Mann mit einer Gebärde leidenschaftlicher Klage, in schamvoller

Verzweiflung das Weib, so verläßt das erste Menschenpaar das Paradies.

Unvergleichlich in ihrer Einfachheit und Größe ist die Andeutung der

Landschaft: auf der Paradiesesseite genügen einige leichte Bewegungen

der Linie, welche die Erde gegen den Himmel abgrenzt, um im Verein mit

den herabhängenden dichten Zweigen des Baumes den Eindruck gesegneter

Üppigkeit hervorzurufen; bei der Verstoßung verläuft der Erdboden in

eine kahle Ebene, die den Eindruck trostloser Öde hervorruft (Abb. 34).

-- Die drei letzten Bilder der Reihe verlassen den überlebensgroßen

Maßstab; hier werden irdische Begebenheiten in Figuren von natürlicher

Größe dargestellt. Den Anfang macht das Opfer Kains und Abels, als

der Beginn des Versinkens der Menschheit in Sünde. Das Bild erscheint

beim ersten Anblick befremdlich durch seinen Figurenreichtum; der

Künstler hat angenommen, daß Adams Familie schon zahlreich geworden

ist zu der Zeit, wo die beiden Opfer dargebracht werden. Adam und Eva

stehen, hochbetagt, hinter dem aufgebauten Altar; Abel streut die

Feldfrüchte in die Opferflamme, Kain schickt sich an, den Widder zu

schlachten, während andere noch weitere Opfertiere herbeibringen, Holz

zum Feuer tragen und das Feuer anblasen (Abb. 35 unterer Teil). Dann

folgt die Sintflut. Verzweifelte Menschen erklimmen die letzten aus dem

Wasser ragenden Höhen; Mütter tragen ihre Kinder, Männer ihre Weiber

hinauf, andere haben sich mit Habseligkeiten beladen; mühsam schleppt

ein kräftiger Greis den leblosen Körper seines erwachsenen Sohnes

auf ein kleines Eiland, auf dem eine Anzahl schon früher angelangter

Flüchtlinge ein Zelt aufgeschlagen hat, unter dem sie in dumpfer

Hoffnungslosigkeit das steigende Wasser anstarrt; weiter in der Ferne

drängen sich einige in Kähnen, die gleich versinken müssen; ganz im

Hintergrund des Bildes, auf dem kein Horizont die endlose Wasserfläche

begrenzt, schwimmt die Arche (Abb. 35 oberer Teil). Den Schluß der

Bilderreihe macht die Darstellung des trunkenen Noah mit seinen Söhnen,

von denen der eine ihn verspottet: auch die aus der großen Flut

Geretteten sind im Banne der Sünde, und das von dem zweiten Stammvater

ausgehende Menschengeschlecht bedarf der Erlösung.

Michelangelo(#57131) · 第 3 / 9 段