Nach der Vollendung des David galt Michelangelo unbestritten als

der erste Bildhauer der Welt. Noch in demselben Jahre 1504 trat die

Aufgabe an ihn heran, mit dem größten Maler der Zeit, mit Leonardo

da Vinci, um die Palme zu ringen. -- Leonardo hatte im Jahre 1482,

damals ein dreißigjähriger, schon viel bewunderter Mann, seine

florentinische Heimat verlassen: nach achtzehnjähriger Abwesenheit

kehrte er zurück, mit dem höchsten Ruhme gekrönt. Die Vielseitigkeit

seiner Unternehmungen ließ ihn auch jetzt immer nur mit Unterbrechungen

in Florenz verweilen; im Anfang des Jahres 1504 aber glaubte Soderini

ihn durch einen großen und ehrenvollen Staatsauftrag enger an die

Stadt gefesselt zu haben. -- Wie reif auch Michelangelos künstlerische

Eigenart zu dieser Zeit entwickelt war, von diesem einen Manne, der

so bezaubernd schön zeichnete und der so bestrickenden Liebreiz in

Formen kleiden konnte, erfuhr auch er noch einen Einfluß. Es ist

oft bemerkt worden und auch unverkennbar, daß Michelangelo in einer

ganzen Anzahl sorgfältig ausgeführter Rötel- und Kreidezeichnungen

sich bestrebt hat, mit der Art und Weise Leonardos zu wetteifern.

Es sind dies namentlich Charakterköpfe mannigfaltiger Art, bald

von weicher, jugendlicher Anmut, bald von einer an die Karikatur

streifenden Schärfe der Kennzeichnung, feine Studien über die Form und

den Ausdruck des menschlichen Gesichts; auch phantastische Bildungen

gehören hierhin, wie die seltsamen Auftürmungen des Kopfputzes über

schönen Frauenprofilen oder verschiedenartige fratzenhafte Masken (Abb.

16, 17, 18). Als Nachahmungen darf man indessen derartige an Leonardo

erinnernde Zeichnungen Michelangelos keineswegs ansehen; seine

Eigenart hat der junge Meister überall bewahrt. Dem Gesichtsausdruck

hat Michelangelo auch unabhängig von Leonardo das eingehendste Studium

gewidmet. Von der Meisterschaft, mit welcher er die unwillkürliche und

flüchtige Thätigkeit der Gesichtsmuskeln wiederzugeben vermochte, gibt

eine in der Uffiziensammlung zu Florenz befindliche Kreidezeichnung

das berühmteste Beispiel, welche unter dem Namen „der Schrecken,“

„die Raserei“ oder „die verdammte Seele“ bekannt ist: ein Kopf mit

gesträubten und in heftiger Bewegung flatternden Haaren, dessen Augen

sich starr auf irgend etwas Fürchterliches heften und dessen Mund

sich zu einem Schrei des rasendsten Entsetzens öffnet (Abb. 19). --

Leonardo da Vinci begann in den ersten Monaten des Jahres 1504 mit

der Ausführung des Auftrags, den Soderini ihm im Namen der Republik

erteilt hatte. Es handelte sich darum, den auf Savonarolas Veranlassung

erbauten großen Ratssaal des Regierungspalastes mit Freskogemälden zu

schmücken. Der Gegenstand, welchen Leonardo auf einer umfangreichen

Wandfläche zu schildern übernahm, war der Sieg der Florentiner über

mailändische Truppen bei Anghiari (im Jahre 1440). Die Ausführung des

Gegenstücks zu dieser Darstellung dachte Soderini dem Michelangelo zu;

er hoffte, daß die beiden großen Künstler im Wetteifer miteinander

ihre Kräfte auf das höchste anspannen würden. Gegen den Herbst des

Jahres 1504 bekam Michelangelo den Auftrag, für die zweite Hauptwand

des Ratssaales ein Schlachtenbild aus der früheren florentinischen

Geschichte zu entwerfen. Er wählte einen Gegenstand aus den Kämpfen

um Pisa im XIV. Jahrhundert, deren Endergebnis die Unterwerfung

dieser Stadt unter die Botmäßigkeit von Florenz war, und zwar einen

Gegenstand, der ihm Gelegenheit gab, viele unbekleidete Gestalten in

mannigfaltiger und lebhafter Thätigkeit darzustellen: die Abwehr eines

Überfalles, den der Feind an einem heißen Tage unternahm, während die

florentinischen Reiter im Arno badeten. Michelangelo mag mit einem

ungestümen Verlangen, Leonardo zu übertreffen, an die Arbeit gegangen

sein. Denn er war ein leidenschaftlicher Nebenbuhler; er ließ sich

sogar zu ganz ungerechtfertigter Gehässigkeit gegen den älteren Meister

hinreißen, wenn ein ungenannter Zeitgenosse Wahres berichtet, der in

einer Schrift über Leonardo da Vinci die aufbrausenden Scheltworte

anzuführen weiß, welche Michelangelo diesem entgegenschleuderte bei

einer Gelegenheit, wo beide Künstler von einer mit der Auslegung

Dantes beschäftigten Gesellschaft ersucht wurden, eine dunkle Stelle

der Göttlichen Komödie zu erklären. -- Vor dem Frühjahr 1505 hatte er

den Karton zu dem Bilde aus dem Pisanerkrieg, den er abgeschlossen

von aller Welt in einem ihm zu diesem Zwecke eingeräumten Saal im

Spital der Färberzunft anfertigte, vollendet. Den Kunstverständigen

der Zeit erschien diese Zeichnung als die staunenswürdigste Schöpfung

Michelangelos; keines seiner späteren gewaltigen Werke erregte --

wenn Vasari recht hat -- solches Aufsehen in Künstlerkreisen; zu dem

im Ratssaal aufgestellten Karton, der das Emporklettern der Badenden

aus dem Fluß, das hastige Ankleiden und Waffnen, das Stürmen zum

Kampf und den Beginn des Reitergefechts schilderte, wallfahrteten die

Maler von nah und fern, um daraus zu lernen. -- Zur Ausführung in

Farben gelangte Michelangelos Schlachtenbild ebensowenig wie dasjenige

Leonardos. Leonardo hatte wenigstens einen Anfang gemacht, indem er die

berühmte Gruppe der vier Reiter, welche um eine Fahne kämpfen, auf die

Wand malte; Michelangelo kam nicht einmal so weit; er wurde von Papst

Julius II nach Rom berufen und blieb von da ab fast ganz ausschließlich

im Dienst der Päpste thätig. -- Der Karton der Pisanerschlacht ist

vollständig verloren gegangen; er wurde in Stücke zerrissen, sei es

nun, daß neidische Bosheit ihm dieses Schicksal bereitete, wie Vasari

an einer Stelle ausdrücklich sagt, sei es, daß er von bewundernden

Kunstjüngern und rücksichtslosen Sammlern zum Opfer ihrer Begeisterung

gemacht wurde, wie man aus einer anderen Stelle Vasaris herauslesen

könnte. Die Stücke, von denen im Jahre 1575 noch einige in Mantua

vorhanden waren, sind spurlos verschwunden. Wie unsere Kenntnis von

Leonardos Anghiarischlacht sich auf eine von Rubens nach den vier

Reitern gezeichnete Skizze, welche durch Kupferstich vervielfältigt

wurde, beschränkt, so wird uns von Michelangelos bewunderter Zeichnung

keine weitere Anschauung gewährt, als das wenige, was einige alte

Kupferstiche aufbewahrt haben: ein paar Bruchstücke aus den Gruppen der

vom Bade aufgeschreckten Soldaten, losgelöst aus dem Zusammenhange und

auf willkürlich hinzugefügten landschaftlichen Hintergründen.

[Illustration: Abb. 16. +Verschiedene Köpfe.+ Rötelzeichnung im

Kabinett Taylor zu Oxford.

(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl.,

in Dornach i. Els. und Paris.)]

[Illustration: Abb. 17. +Ausdruckstudie.+ Rötelzeichnung in der

Sammlung der Kunstakademie zu Venedig.]

Leonardo da Vinci ließ leichten Herzens die angefangene Arbeit im

Regierungspalast zu Florenz liegen, um sich anderweitiger Thätigkeit

zuzuwenden. Für Michelangelo begann mit dem Liegenlassen des

Schlachtenbildes die Qual seines Lebens, daß das Schicksal es ihm

nicht vergönnte, die großen Schöpfungen, welche er mit der mächtigsten

Begeisterung begann, in der beabsichtigten Weise zu Ende zu führen.

Michelangelo hat einmal in einer bewunderungswürdigen Zeichnung die

Glücksgöttin dargestellt, wie sie auf rollendem Rade dahingleitet,

nach links und rechts ihre Gaben ausstreuend (Abb. 20). Ein schwerer,

schmerzlicher Ernst liegt auf den Mienen der schönen Gestalt. Ihm hat

die Göttin nie gelächelt.

Als er den David und den Karton der Pisanerschlacht vollendet und

dadurch als Bildhauer und als Maler -- wenigstens als Zeichner --

einen Ruhm erreicht hatte, der ihn neben und über die größten Meister

stellte, hatte er sein dreißigstes Jahr noch nicht überschritten.

Mit diesen Werken schließt die Jugendzeit Michelangelos -- soweit

man überhaupt von Jugend sprechen kann bei einem Manne, aus dessen

Leben kein Zug von jugendlichem Frohsinn spricht, und dessen früheste

Arbeiten nichts von jugendlicher Unsicherheit aufweisen. Bis dahin sind

die von ihm geschaffenen Gestalten, wenn auch nicht aus heiterer, so

doch aus ruhiger Empfindung hervorgegangen. Aus demjenigen, was er nach

dem Jahre 1505 geschaffen hat, spricht fast überall eine umdüsterte

Stimmung, ein Versenken in schwere, grübelnde Gedanken. Seine Gestalten

werden die Träger von tiefen namenlosen Gefühlen, wie sie sonst nur

in Tönen oder auch in Farbenstimmungen zur künstlerischen Aussprache

gelangen können, für die er aber in Formen ein Ausdrucksmittel gefunden

hat. Dabei kleiden sich diese Äußerungen persönlichen Gefühls in eine

Großartigkeit der künstlerischen Gestaltung, wie er selbst sie vorher

nie erreicht hat, und wie sie keinem anderen seit den Blütezeiten des

klassischen Altertums auch nur annähernd erreichbar gewesen ist.

[Illustration: Abb. 18. +Masken.+ Rötelzeichnung im Museum Wicar

zu Lille.]

Papst Julius II, der Nachfolger Pius’ III, berief Michelangelo nach

Rom, damit derselbe ihm schon bei Lebzeiten ein Grabmal erbaue. Nach

nicht allzu langer Zeit einigten sich beide über einen Plan von

außerordentlicher Pracht; das Grabmal sollte als ein vierseitiges

Gebäude in zwei Geschossen, mit mehr als vierzig überlebensgroßen

Marmorfiguren und zahlreichen ehernen Flachbildwerken geschmückt,

aufgeführt werden. Michelangelo begab sich alsbald nach Carrara, wo er

für 1000 Dukaten Marmorblöcke ankaufte und Verträge über den Transport

der gewaltigen Marmormassen abschloß. Er ließ die einzelnen Blöcke an

Ort und Stelle im groben zurechthauen, und seine Ungeduld, die es nicht

abwarten konnte, bis alle Vorbereitungen zu dem großen Unternehmen, in

dem jetzt seine ganze Seele aufging, vollendet waren, trieb ihn, schon

jetzt ein paar Figuren für das Grabmal eigenhändig in Arbeit zu nehmen.

Acht Monate lang, bis gegen Ende des Jahres 1505, hielten die Arbeiten

in den Marmorbrüchen ihn dort fest. Der Anblick der Marmorberge soll

den Gedanken in seiner Phantasie erweckt haben, einmal, wenn er Zeit

hätte, eine Riesengestalt aus dem lebendigen Fels herauszuhauen, die

von weither auf dem Meere sichtbar sein sollte. -- Im Anfang des Jahres

1506 wurde der größte Teil der Marmorblöcke in Rom auf dem Petersplatze

abgeladen; es sah aus, als ob nicht ein Grabmal, sondern ein Tempel

erbaut werden sollte. Ein Haus am Petersplatz war Michelangelo als

Werkstatt eingeräumt, welches durch einen Gang mit dem Vatikan

verbunden wurde, damit der Papst jederzeit den Meister bei der Arbeit

besuchen könnte. So stand Michelangelo im Begriffe, ein Marmorwerk von

einem Umfange zu schaffen, wie Rom seit zwölf Jahrhunderten nichts

Ähnliches hatte entstehen sehen, ein Werk, das wie kein anderes

den Lieblingsgedanken der Renaissancezeit, die Kunst des römischen

Altertums fortzusetzen, zu verwirklichen geeignet erschien. Der Boden

Roms gab gerade in jener Zeit Schätze an das Tageslicht, welche die

antike Bildhauerkunst in noch viel größerer Herrlichkeit zeigten, als

ihre bis dahin bekannten Werke. Im Jahre 1506 wurde in der Nähe der

Überbleibsel von den Bädern des Titus die Laokoongruppe ausgegraben,

und Michelangelo begrüßte sie als „das Wunder der Kunst“, das er

von allen Werken des Altertums neben dem berühmten Herkules-Torso

am höchsten schätzte. Auch den antiken Dekorationsmalereien, welche

in den Bädern des Titus aufgedeckt wurden, hat Michelangelo seine

Aufmerksamkeit zugewendet. Ein in der Sammlung Wicar zu Lille bewahrtes

Blatt gibt Kunde davon. Auf den beiden Seiten dieses Blattes hat er mit

flüssiger Feder, deren Züge das dünne Papier ganz durchdrungen haben,

Skizzen niedergeschrieben, die man als Erinnerungen an einige jener

kleinen Figurenbildchen erkennt, welche die antiken Zimmermaler in das

Formenspiel ihres Zierwerks eingeflochten haben (Abb. 21 und 22).

[Illustration: Abb. 19. „+Die Raserei.+“ Kreidezeichnung in der

Sammlung der Uffizien zu Florenz.]

Die Hoffnungsfreudigkeit, mit welcher Michelangelo sich an das große

Werk begab, wurde bald enttäuscht. Die Größe des Werkes selbst gab

mittelbar die erste Veranlassung, daß dasselbe nicht zustande kam.

Die alte Peterskirche bot nicht so viel Raum, daß das riesige Grabmal

darin hätte aufgestellt werden können. So dachte Julius II daran, zur

Aufnahme desselben die neue Chornische, deren Grundmauern Nikolaus V

vor einem halben Jahrhundert hatte legen lassen, auszubauen. An diesen

Gedanken reihte sich bald der größere, die ganze Peterskirche durch

einen Neubau von unerhörter Ausdehnung zu ersetzen. Und als Bramante

dem Papst seinen großartigen Entwurf zu einem solchen Neubau vorlegte,

war die Verwirklichung des Gedankens sofort beschlossen. In der Seele

des Papstes, der darin mit Michelangelo etwas Geistesverwandtes

hatte, daß die größte Unternehmung ihm immer die liebste war, mußte

vor dem Plan des Neubaues der Peterskirche derjenige der Ausführung

seines Grabmals in den Hintergrund treten. Auch soll Bramante, der

Michelangelo diesen Auftrag nicht gönnte, dem Papst vorgeredet haben,

es sei von übler Vorbedeutung, sich bei Lebzeiten sein Grab bauen zu

lassen. Die immer wiederkehrenden Züge grimmiger Künstlereifersucht

sind häßliche Flecken in dem sonst so prächtigen Bild der römischen

Renaissance. -- Julius II ließ den Gedanken an das Grabmal ganz fallen.

Er wollte Michelangelo eine Entschädigung geben durch den Auftrag,

die Decke der vatikanischen Kapelle, welche Sixtus IV hatte erbauen

lassen, auszumalen; auch dieses soll Bramante ihm geraten haben, weil

er glaubte, daß Michelangelo einer solchen malerischen Aufgabe nicht

gewachsen sein und so eine beschämende Niederlage erleiden würde. Daß

Michelangelo sich nicht darein schicken konnte, auf ein Unternehmen

von so hoher Bedeutung, das er mit aller Begeisterung einer ruhmes-

und schaffensdurstigen Seele erfaßt hatte, zu verzichten, ist leicht

zu begreifen. Es kam zu einem merkwürdigen Kampf zwischen dem Papst

und dem Künstler, zwei Persönlichkeiten, die ebenso, wie sie in der

Vorliebe für das Großartige und Gewaltige einander glichen, auch an

Heißblütigkeit und Starrköpfigkeit sich gegenseitig nichts nachgaben.

[Illustration: Abb. 20. +Fortuna.+ Rötelzeichnung in den Uffizien

zu Florenz.

(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl.,

in Dornach i. Els. und Paris.)]

[Illustration: Abb. 21. +Skizze eines antiken Rossebändigers.+

Federzeichnung im Museum Wicar zu Lille.]

Michelangelo selbst hat den Ausbruch dieses Kampfes aufs anschaulichste

erzählt in einem Briefe, den er am 2. Mai 1506 an einen ihm und dem

Papste gleichmäßig befreundeten Mann, den Architekten Giuliano da

Sangallo, richtete: „Ich hörte am Charsamstag den Papst sagen, als er

bei Tisch mit einem Juwelier und mit dem Ceremonienmeister sprach, daß

er keinen Pfennig mehr weder für große noch für kleine Steine (d. h.

Marmorblöcke) ausgeben wolle; darüber geriet ich sehr in Verwunderung;

doch bat ich ihn, bevor ich wegging, um einen Teil von dem, dessen ich

bedurfte, um mein Werk fortzuführen (Michelangelo hatte nämlich, als

die Zahlungen des Papstes für das Grabmal ausblieben, schon alles,

was er besaß, für die Kosten der Arbeit geopfert); Seine Heiligkeit

antwortete mir, ich solle am Montag wiederkommen; und ich kam am

Montag wieder und am Dienstag und am Mittwoch und am Donnerstag;

schließlich, am Freitag Morgen, wurde ich hinausgeschickt, das heißt

weggejagt; und derjenige, welcher mich wegschickte, sagte, daß er

mich wohl kennte, daß er aber solchen Auftrag habe. Da geriet ich,

da ich am Samstag die erwähnten Worte gehört hatte und jetzt das

Ergebnis sah, in große Verzweiflung.“ Ganz außer Fassung gebracht

durch die erlittene Kränkung, bestellte Michelangelo dem Thürhüter,

er solle dem Papst, wenn dieser nach ihm fragen würde, sagen, daß er

anderswohin gegangen sei; er begab sich in seine Wohnung, beauftragte

seine Diener, die gesamte Habe den Juden zu verkaufen, und verließ

zwei Stunden nach Einbruch der Dunkelheit die Stadt. Er reiste mit

Postpferden, ohne Rast zu machen, bis er die römische Grenze hinter

sich hatte und in Poggibonsi florentinisches Gebiet betrat. Hier

erreichten ihn fünf Eilboten, welche der Papst ihm, sobald er von

seiner Flucht erfahren, nachgesandt hatte, mit einem eigenhändigen

Schreiben, daß er zurückkehren solle. Michelangelo aber gab den

Boten nur einen kurzen Brief an den Papst mit, des Inhalts, daß er

um Verzeihung bitte, daß er aber nie zurückkehren werde; er habe für

seine guten und getreuen Dienste diesen Umschlag nicht verdient, daß

er vom Angesicht des Herrn weggejagt worden sei wie ein Lump; und wenn

Seine Heiligkeit nichts mehr von dem Grabmal wissen wolle, so sei er

dadurch seiner Verpflichtungen entledigt, und andere Verpflichtungen

wolle er nicht eingehen. Michelangelo reiste weiter nach Florenz. In

dem oben erwähnten Briefe, den er gleich nach seiner Ankunft daselbst

an Sangallo schrieb, mit der Bitte, denselben dem Papst vorzulesen,

spricht er von noch einer anderen Ursache seines Weggangs aus Rom,

die er aber nicht schriftlich nennen könne; er sagt darüber nur,

diese Ursache sei von der Art gewesen, daß sie ihn glauben ließ, wenn

er in Rom bliebe, würde sein Grab eher gemacht werden als das des

Papstes. Was das war, ist nie aufgeklärt worden; es ist wohl denkbar,

daß der aufgeregte und zu Argwohn geneigte Mann von dem wirklichen

oder eingebildeten Haß seiner künstlerischen Nebenbuhler das Ärgste,

selbst ein Verbrechen befürchtete. Ein Beweis von der Gehässigkeit der

gegen ihn bestehenden Eifersucht ist die Thatsache, daß Bramante sich

nicht scheute, dem Papst gegenüber auszusprechen, der wahre Grund von

Michelangelos Flucht sei der gewesen, daß er sich der Aufgabe, die

Decke der Sixtinischen Kapelle zu bemalen, nicht gewachsen gefühlt

hätte; darüber wurde Bramante allerdings im Beisein des Papstes

eine kräftige Zurechtweisung zu teil durch den Maurermeister Pietro

Rosselli, einen treuen Freund Michelangelos, der dem letzteren auch

sofort über dieses Vorkommnis nach Florenz berichtete. -- Michelangelo

ließ durch Sangallo dem Papst den Vorschlag machen, wenn derselbe

darauf einginge, daß die Arbeit an dem Grabmal fortgesetzt werde,

wolle er sich Marmor aus Carrara nach Florenz kommen lassen und hier

daran arbeiten; hier könne er bequemer und sorgloser sich der Arbeit

hingeben. Julius II wollte selbstverständlich von einem solchen

Vorschlag nichts wissen. Er wendete sich jetzt mit amtlichen Schreiben

an die Regierung von Florenz, um den Flüchtling zurückzubekommen.

„Michelangelo,“ heißt es in einem an Soderini gerichteten Breve vom

8. Juli 1506, „der sich grundlos und unbedachtsam von Uns entfernt

hat, fürchtet sich, wie man Uns sagt, zurückzukehren. Wir zürnen ihm

nicht, da Wir die Gemüter derartiger Menschen kennen. Aber damit er

jeden Argwohn ablege, ersuchen Wir Eure Ergebenheit, ihm in Unserem

Namen versprechen zu wollen, daß, wenn er zu Uns zurückkehrt, ihm

nichts geschehen soll, und daß Wir ihn in derselben apostolischen Gnade

halten wollen, in der er vor seinem Weggang gehalten worden ist.“

Michelangelo blieb den Vorstellungen Soderinis gegenüber taub; er ließ

sich durch die von einem Kardinal ausdrücklich und schriftlich gegebene

Gewährleistung für seine Sicherheit ebensowenig bewegen, wie durch die

Versicherungen seiner römischen Freunde, daß der Papst ihm nicht übel

wolle. Anfangs versuchte er in Florenz sich durch Arbeit zu trösten; er

wollte einige angefangene Werke vollenden -- wir wissen nicht welche.

Aber es scheint, daß der Unmut ihm den Trost der Arbeit versagte. So

saß der von Sehnsucht nach großen Thaten verzehrte Künstler monatelang

thatenlos in Florenz. Er dachte in allem Ernst daran, nach der Türkei

zu gehen, da Franziskanermönche aus Konstantinopel ihm mitgeteilt

hatten, daß der Sultan seine guten Dienste beim Bau einer Brücke

von Konstantinopel nach Pera und bei anderen Unternehmungen würde

gebrauchen können. Wenn es auch Soderini nicht gelang, Michelangelo

zur Rückkehr zum Papst zu bewegen, so gelang es ihm doch wenigstens,

ihn von dem Gedanken, zum Sultan zu gehen, abzubringen. Michelangelos

Stimmung spricht am deutlichsten aus einem Sonett, das er an Julius

II dichtete. Er war nämlich ein sehr begabter Dichter, der, wenn er

seine Empfindungen in Versen aussprach, es damit ebenso ernst nahm,

wie mit allem, was er zeichnete, malte oder meißelte; seine Gedichte

füllen einen ganzen Band, und mehrere seiner Lieder wurden gesungen.

In jenem Sonett beklagt er sich darüber, daß der Papst den Lügnern und

Verleumdern sein Ohr leihe; er seinesteils bleibe ihm derselbe gute

Diener wie früher, er gehöre zu ihm wie die Strahlen zu der Sonne, aber

je mehr er sich abmühe, um so weniger erwecke er bei ihm Gefallen; er

habe gehofft, durch die Höhe des Herrschers zur Höhe zu gelangen, nun

mache jener sich zur Stimme des Echos; mit einer leidenschaftlichen

Äußerung der Hoffnungslosigkeit, mit der Klage, daß die Tüchtigkeit

verurteilt sei, von einem dürren Baume Früchte zu pflücken, schließt

das Gedicht.

[Illustration: Abb. 22. +Skizzen nach antiken Darstellungen+:

Heimkehrende Jäger, an der Spitze des Zuges ein geharnischter Jüngling

mit einem Pferd, auf dessen Rücken ein Knabe (Amor?) tänzelt; ferner

eine weibliche Gewandfigur.

Federzeichnung im Museum Wicar zu Lille.]

Endlich, im November 1506, brach der Bann. Julius II hatte Rom im

August verlassen, um in schnellem Siegeszuge Perugia und Bologna zu

unterwerfen. Nach seinem prunkvollen Einzug in die letztere Stadt

richtete er nochmals ein dringendes Ersuchen an die Regierung von

Florenz, sie möge ihm den Michelangelo zuschicken, da er dort etwas für

ihn zu thun habe. Und nach Bologna ging Michelangelo, das war ja nicht

das ihm so sehr verleidete Rom. Er ging freilich mit einem Gefühl,

nach seinen eigenen Worten, als ob er den Strick um den Hals hätte.

Bei sich hatte er ein amtliches Empfehlungsschreiben der Signoria an

den Kardinal von Pavia und ein persönliches von dem Oberhaupt des

Staates, Piero Soderini, an dessen Bruder, den Kardinal von Volterra;

es ist bemerkenswert, daß Soderini, der Michelangelo ja so lange und

so gründlich kannte, in seinem Schreiben die Worte gebrauchte: „Er

ist von der Art, daß mit guten Worten und mit Artigkeiten alles von

ihm zu erlangen ist; man muß ihm Liebe zeigen und ihm Gunst erweisen,

und er wird Werke vollbringen, die jeden, der sie sieht, in Staunen

versetzen.“ Der Papst erwartete den zurückkehrenden Flüchtling mit

Ungeduld. Michelangelo wurde gleich nach seiner Ankunft in Bologna,

ehe er nur die Kleider hatte wechseln können, in das Regierungsgebäude

geführt, wo Julius II bei Tische saß. Dieser sah den vor ihm

Niederknieenden von der Seite an und sagte in unwilligem Ton: „Anstatt

daß du zu uns gekommen wärest, hast du gewartet, daß wir zu dir kämen.“

Als darauf Michelangelo um Verzeihung bat und zu seiner Entschuldigung

wieder darauf zurückkam, wie er von der Schwelle des Papstes fortgejagt

worden sei, machte ein Bischof in der wohlgemeinten Absicht, etwas

zu Gunsten Michelangelos zu sagen, eine ungeschickte Bemerkung über

die Unwissenheit der Künstler; diese Bemerkung erregte den schnell

aufflammenden Zorn des Papstes, und der Unwille desselben fiel auf das

Haupt des Bischofs. Dann wandte sich Julius II gnädig zu Michelangelo

und erteilte ihm als Zeichen der Versöhnung seinen Segen.

Was Michelangelo in Bologna für Julius II machen sollte, war dessen

Bildnis in ganzer Figur, das überlebensgroß in Erzguß ausgeführt und

zum Andenken an die Einnahme der Stadt über dem Eingang der Hauptkirche

aufgestellt werden sollte. Der Meister vollendete das Thonmodell

noch vor dem Aufbruch des Papstes aus Bologna am 22. Februar 1507.

Aber danach mußte er noch ein volles Jahr in Bologna verweilen; die

Ausführung des Wachsmodells für den Guß nahm unerwartet viel Zeit in

Anspruch, dann machte der Erzgießer, den man aus Florenz hatte kommen

lassen, seine Sache schlecht, und als endlich der Guß vollendet war,

erforderte das Nachbessern des großen Erzbildes eine ungeheure Mühe.

Unwillig darüber, daß die Beendigung der Arbeit sich von Monat zu

Monat hinauszog, voll von Verlangen, heimzukehren nach Florenz, wo

die unterstützungsbedürftigen Brüder sehnsüchtig seiner harrten, nahm

Michelangelo für seine Arbeit schließlich die Nächte zur Hilfe, da die

Tage ihm nicht ausreichten. Dabei lebte er in geradezu kümmerlichen

Verhältnissen; was er am Ende seines Aufenthalts in Bologna von 1000

Dukaten, die der Papst für das Erzbild zahlte, für sich übrig behielt,

waren 4½ Dukaten. Er mußte in Bologna bleiben bis zur Aufstellung des

Bildes, die sich auch wieder verzögerte. Am 21. Februar 1508 wurde

der Erzkoloß, welcher Julius II im päpstlichen Ornate thronend, die

Rechte zum Segen erhoben, in der Linken die Schlüssel Petri haltend

darstellte, feierlich enthüllt unter Glockengeläut und dem Klange von

Pfeifen, Trompeten und Trommeln, und am Abend beschloß ein großes

Feuerwerk die Feier des Tages. -- Die Bologneser hatten Julius II

zugejubelt, als er in ihre Stadt einzog; aber die Wandelbarkeit der

Volksgunst äußerte sich schon in den Witzworten, die man sich, an

das Bild anknüpfend, zur Kennzeichnung des neuen Herrn erzählte:

Michelangelo hätte den Papst gefragt, ob er der Figur ein Buch in die

linke Hand geben sollte, worauf dieser geantwortet hätte: „Was Buch?

ein Schwert! ich meinesteils verstehe mich nicht aufs Schriftwesen;“

und die erhobene rechte Hand sollte den Bürgern drohen, wenn sie nicht

artig wären. Am 30. Dezember 1511 schon wurde das Erzbild Julius’

II, nachdem die Stadt den Parteigängern des von diesem vertriebenen

ehemaligen Herrschergeschlechts der Bentivoglio die Thore geöffnet

hatte, herabgestürzt und unter Hohn und Spott durch die Straßen

geschleift; dann wurde es dem Herzog Alfons von Ferrara geschenkt, der

Geschütze daraus gießen ließ.

Michelangelo begab sich nach der Enthüllung des Erzbildes sofort

nach Florenz zu seinen Angehörigen. Es verdient erwähnt zu werden,

daß er jetzt erst, durch eine notarielle Urkunde vom 13. März 1508,

von seinem Vater für selbständig erklärt wurde. Aber er durfte nicht

lange in der Heimatstadt verweilen. Da er einmal wieder in den Dienst

des Papstes getreten war, mußte er auch nach Rom zurückkehren. Zwar

hatte auch Soderini einen Plan mit Michelangelo vor: er beabsichtigte

die Errichtung eines Gegenstückes zum David. Aber der Papst hielt den

glücklich Wiedergewonnenen fest und gewährte nicht einmal die Bitte

Soderinis, denselben gegen Ende des Jahres 1508 auf nur 25 Tage zu

einer Reise nach Florenz zu beurlauben.

Michelangelo(#57131) · 第 2 / 9 段