Indessen sah sich Michelangelo in der Hoffnung, daß der Kard

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Liebhaber-Ausgaben

[Illustration]

Künstler-Monographien

von

H. Knackfuß

Professor an der K. Kunstakademie zu Kassel

IV

Michelangelo

=Bielefeld= und =Leipzig=

Verlag von Velhagen & Klasing

1895

Michelangelo

Von

H. Knackfuß

Mit 78 Abbildungen von Gemälden, Skulpturen und Zeichnungen

Zweite Auflage

[Illustration]

=Bielefeld= und =Leipzig=

Verlag von Velhagen & Klasing

1895

Druck von Fischer & Wittig in Leipzig.

[Illustration: +Michelangelo Buonarroti.+

Bildnis von unbekannter Hand (angebliches Selbstbildnis) in der

Uffiziengalerie zu Florenz.

(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl.,

in Dornach i. Els. und Paris.)]

[Illustration]

Michelangelo.

Lodovico, Leonardos Sohn, Buonarroti Simoni, der Sproß eines alten

Florentiner Adelsgeschlechts, wurde im Herbst 1474 von der Republik

Florenz, deren Oberhaupt damals Lorenzo de’ Medici war, mit dem Amt

eines Podestà -- Bürgermeisters und Richters -- von Castello di Chiusi

und Caprese betraut. Während dieser seiner Amtszeit, die auf ein halbes

Jahr bemessen war, schenkte ihm seine Gattin Francesca den zweiten

Sohn, worüber er folgenden Vermerk in das Familienbuch eintrug: „Ich

bekunde, daß heute am 6. März 1474 mir ein Kind männlichen Geschlechts

geboren worden ist; ich habe ihm den Namen Michelagnolo gegeben; er ist

geboren am Montag Morgen gegen vier oder fünf Uhr, während ich Podestà

von Caprese bin, und in Caprese ist er geboren. Paten waren die unten

Genannten. Er wurde getauft am achten desselben Monats in der Kirche

S. Giovanni zu Caprese. (Es folgt die Nennung der Taufzeugen, neun

an der Zahl.) Ich bemerke, daß es der 6. März 1474 nach Florentiner

Rechnung ~ab incarnatione~ ist, nach römischer Rechnung ~a

nativitate~ ist es 1475.“ Der Geburtstag ist demnach auch nach

unserer Zeitrechnung der 6. März 1475. Der Florentiner Kalender begann

das Jahr mit dem Tage der Menschwerdung des Herrn (25. März), der

römische mit dem Tage der Geburt des Herrn; der Gebrauch, nicht den

ersten, sondern den achten Tag nach der Christnacht als Anfangstag

des Jahres zu betrachten und so die christliche Zeitrechnung mit dem

altrömischen Kalender in Übereinstimmung zu bringen, kam erst im XVII.

Jahrhundert zu allgemeiner Durchführung. Zu der Schreibweise des Namens

Michelagnolo ist zu bemerken, daß dieselbe auf der Aussprache des

Wortes ~angelo~ in alter Florentiner Mundart beruht.

Nach der Sitte der Zeit wurde dem Knaben das Horoskop gestellt; man

fand, daß er unter verhängnisvollem und glücklichem Stern geboren sei,

und las aus der Stellung der Gestirne, daß man von seiner Hand und von

seinem Geiste wunderbare und staunenswürdige Dinge erwarten dürfe.

Als die Amtszeit Lodovicos abgelaufen war, kehrte er nach Florenz

zurück und lebte zeitweilig auf seiner in der Nähe der Stadt, in

dem Dorfe Settignano gelegenen Besitzung. Hier bekam der kleine

Michelangelo als Amme eine Steinmetzenfrau, die auch Tochter eines

Steinmetzen war; darum sagte er im Alter scherzweise zu seinem Schüler

und Lebensbeschreiber Vasari, er habe die Bildhauerkunst mit der

Ammenmilch eingesogen. Als Michelangelo heranwuchs und eine gelehrte

Schule besuchte, benutzte er jeden freien Augenblick zum Zeichnen.

Diese Nebenbeschäftigung wurde anfänglich vom Vater heftig getadelt;

nachdem derselbe aber von der Unwiderstehlichkeit des künstlerischen

Dranges, welcher Michelangelo erfüllte, sich überzeugt hatte, beschloß

er, diese Neigung fruchtbar zu machen und seinen Sohn in der Malerei

ausbilden zu lassen. So schloß Lodovico Buonarroti am 1. April

1488 mit Domenico Ghirlandajo, dem trefflichsten Maler von Florenz

-- damals unbestritten der ersten Kunststadt Italiens -- und mit

dessen Bruder David einen Vertrag, wonach Michelangelo bei ihnen in

dreijähriger Lehrzeit die Malerei erlernen sollte; für die Dienste,

welche er seinen Meistern in dieser Zeit leisten würde, sollte er eine

Vergütung von 24 Gulden oder 96 Lire (= ungefähr 165 Mark) bekommen.

In den Lebensbeschreibungen Michelangelos, welche von Vasari und von

Condivi -- gleichfalls einem seiner Schüler -- herausgegeben wurden,

ist mancherlei erzählt von den Proben ungewöhnlicher Begabung, durch

welche der dreizehnjährige Michelangelo das Staunen seines Lehrers und

seiner Mitschüler erregte. Besondere Bewunderung fand auch außerhalb

der Werkstatt eine gemalte Nachbildung des berühmten Kupferstichs von

Martin Schongauer, welcher den heiligen Einsiedler Antonius darstellt,

wie er von Teufeln in der Luft umhergezerrt wird. Wie der deutsche

Meister die tierischen Formen, in welche er die Teufelsgestalten

kleidete, mit gewissenhafter Sorgfalt nach der Natur gezeichnet hatte,

so studierte der junge Michelangelo auf dem Fischmarkte die Farben

der Schuppen, der Flossen und der Augen verschiedener Fische, um die

naturgetreuen Formen mit einer entsprechenden Naturtreue der Farben

bemalen zu können. Diese bis ins kleinste gehende Gewissenhaftigkeit

des Naturstudiums war ein Zug der Zeit, und sie entsprach wohl so

recht dem Geiste, der in Ghirlandajos Werkstatt lebte. Eine Zeichnung

nach dem Wirklichen war es auch, durch welche Meister Domenico zu

der Äußerung hingerissen wurde, daß der Lehrling mehr verstehe als

er selber: Michelangelo hatte, als Ghirlandajo an dem Freskenschmuck

von S. Maria Novella arbeitete, das Malergerüst mit einigen darauf

beschäftigten Gehilfen naturgetreu abgezeichnet. Die Geschicklichkeit

seiner Hand übte der junge Maler, indem er Kupferstiche alter Meister

Strich für Strich bis zur Erzielung einer vollkommenen Täuschung

mit der Feder nachbildete. Von der erstaunlichen Gewandheit in der

Handhabung der Zeichenfeder, die sich Michelangelo auf diese Weise

erwarb, machte er bei der Ausführung seiner Studien und Einfälle

gern Gebrauch. Es giebt Federzeichnungen von ihm, in denen eine

unvergleichliche Durchbildung der Formen erreicht und in denen der Weg

gleichsam vorgezeichnet ist, auf welchem die Kupferstecherkunst zur

größten Vollkommenheit gelangen sollte. Als Beispiel mag der in der

Sammlung des Louvre befindliche Faunkopf dienen, mit dessen scharfen,

wunderlichen Zügen der junge Michelangelo eine ihn nicht befriedigende

Rötelzeichnung eines weiblichen Profils zugedeckt hat (Abb. 1).

[Illustration: Abb. 1. +Faunkopf.+ Federzeichnung in der Sammlung

des Louvre zu Paris.

(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl.,

in Dornach i. Els. und Paris.)]

[Illustration: Abb. 2. +Kampf der Lapithen und Centauren.+

Marmorbildwerk in der Casa Buonarroti zu Florenz.]

Lorenzo de’ Medici, dem die Zeitgenossen den von der Geschichte

festgehaltenen Beinamen il Magnifico, der Herrliche, gaben, empfand es

in seiner allseitigen Fürsorge für den Glanz des von ihm geleiteten

Staatswesens als einen Mangel, daß Florenz sich nicht mehr in dem

gleichen Maße durch den Ruhm seiner Bildhauer, wie durch denjenigen

seiner Maler auszeichnete. Darum richtete er in seinem Garten auf dem

Platz S. Marco eine Art von Kunstschule ein, deren Leitung er dem

Aufseher seiner Antikensammlung, dem Bildhauer Bertoldo, übertrug.

Bertoldo war ein Schüler des berühmten Donatello; wegen seines

hohen Alters arbeitete er selbst nicht mehr, aber er galt für einen

ausgezeichneten Lehrer. Als Lorenzo sich an Ghirlandajo mit der

Anfrage wandte, ob er in seiner Werkstatt vielleicht junge Leute habe,

welche Neigung zur Bildhauerei bekundeten, sandte ihm dieser einige

seiner besten Schüler zu, darunter Michelangelo. Nachdem dieser durch

seine ersten Thonmodellierungen schon die besondere Aufmerksamkeit

Lorenzos erregt hatte, versuchte er sich alsbald, obgleich er nie

zuvor einen Meißel in der Hand gehabt hatte, an einem Stückchen Marmor

und meißelte nach einem verstümmelten antiken Faunkopf eine grinsende

Maske; Michelangelo verschärfte den Ausdruck des Vorbilds und ließ

zwischen den zum Lachen verzogenen Lippen die Zähne hervorblicken.

Lorenzo sah das Werk und bewunderte den Mut und die Selbständigkeit

des jungen Künstlers. Da er scherzend bemerkte, es sei doch ein Fehler

an der Arbeit, denn so alte Leute könnten kein so vollständiges

Gebiß mehr haben, meißelte Michelangelo nachträglich mit kindlicher

Gewissenhaftigkeit eine naturgetreue Zahnlücke in den Mund seiner

Maske. Diese Faunmaske wird jetzt im Nationalmuseum zu Florenz

gezeigt. Das Erstlingswerk des vierzehnjährigen Bildhauers ist eine

Karikatur, und man braucht es nicht vom künstlerischen Standpunkt aus

zu betrachten. Aber es hat die Bedeutung, daß es dem Michelangelo den

Weg gebahnt hat. Lorenzo fand an der Fähigkeit und dem Wesen des jungen

Künstlers solchen Gefallen, daß er denselben unter seine Hausgenossen

aufnahm. Dem Vater Michelangelos, der aus seinem altererbten Landbesitz

nur ein kümmerliches Einkommen zog, versprach er zum Dank für seine

Einwilligung ein Amt, und als derselbe um eine freigewordene Stelle

beim Zollamt bat, übertrug er ihm diese, die Bescheidenheit des

Wunsches mit den Worten mißbilligend: „Du wirst immer arm bleiben.“

Dem Michelangelo selbst wies er zur Unterstützung seines Vaters

ein monatliches Einkommen von fünf Dukaten an und schenkte ihm als

besondere Gunstbezeugung einen violetten Mantel.

So lebte Michelangelo über drei Jahre lang, von 1489-1492, im

Mediceerpalast. Er speiste mit den Söhnen des Staatsoberhauptes, er

genoß die Unterweisungen von deren Erzieher, dem berühmten Gelehrten

und Dichter Poliziano, und bewegte sich in den bunten Gesellschaften

und den Versammlungen geistreicher Männer, die das Haus des großen

Mediceers belebten.

Zwei Marmorwerke, welche Michelangelo in jener Zeit nach eigner

Erfindung ausführte, werden in der Kunstsammlung des Hauses Buonarroti

zu Florenz aufbewahrt. Beides sind halberhabene Arbeiten, aber von

ganz verschiedener Art. Das eine ist ein Madonnenbild, in flachem,

zartem Relief in der Weise Donatellos, des Altmeisters der Florentiner

Renaissance, ausgeführt. Man sieht die Madonna ganz von der Seite;

sie sitzt in ruhiger Würde, das Kind unter dem Mantel an die Brust

legend, auf einem Stein am Fuß einer Treppe, auf welcher sich mehrere

Kinder bewegen. Das andere Bildwerk, von Michelangelo auf eine von

Poliziano gegebene Anregung hin geschaffen, stellt den Kampf der

Lapithen und Centauren vor (Abb. 2). Hier hat der junge Künstler neue

und selbständige Wege betreten. In dem freien, stark hervorspringenden

Relief erkennt man das Studium antiker Sarkophagbildwerke; aber in

der Reckenhaftigkeit und der ungestümen Wucht der Männerleiber, die

in wildem Kampfe durcheinanderwogen, kommt die Eigenart Michelangelos

machtvoll zum Durchbruch. Die Ausführung der nackten Körper ist so

vollkommen, daß sie bei einem so jugendlichen Bildhauer geradezu

unbegreiflich erscheint, und Vasari sagt mit Recht, daß man nicht das

Werk eines jungen Mannes, sondern das eines angesehenen, in seinen

Studien durchgebildeten und in seiner Kunst erfahrenen Meisters zu

sehen glaube. Es wird erzählt, daß Michelangelo in späterem Alter beim

Anblick dieser Jugendarbeit es seufzend beklagt habe, daß es ihm nicht

gestattet gewesen sei, sich ausschließlich der Bildhauerkunst zu widmen.

Eine Quelle der Belehrung waren für Michelangelo, wie für das ganze

damalige Künstlergeschlecht von Florenz, die in den zwanziger

Jahren des XV. Jahrhunderts gemalten Fresken des Masaccio in der

Brancacci-Kapelle der Kirche del Carmine. Michelangelo zeichnete die

bewunderten Vorbilder mit größerem Geschick nach, als irgend einer der

anderen, die sich dem gleichen Studium hingaben. Der Neid erwachte und

die Feindseligkeit der Neider wurde gesteigert durch Michelangelos

Fehler, sich über die schlechten Zeichnungen seiner Genossen lustig zu

machen. Eines Tages versetzte ihm einer der jungen Leute, welche in der

Brancacci-Kapelle zeichneten, Pietro Torrigiano, der auch Michelangelos

Mitschüler im Garten von S. Marco war, einen so heftigen Faustschlag

ins Gesicht, daß er ihm das Nasenbein zertrümmerte. Torrigiano floh

nach dieser That und wurde aus Florenz verbannt; Michelangelo blieb

zeitlebens entstellt.

Dem sorgenfreien und anregenden Leben an dem glanzvollen Mediceerhofe

machte der Tod Lorenzos des Herrlichen (am 8. April 1492) ein Ende.

Michelangelo kehrte in das Haus seines Vaters zurück. Er kaufte

einen unbenutzt liegenden Marmorblock und meißelte daraus einen

Herkules. Dieses überlebensgroße Standbild kam im Palazzo Strozzi zur

Aufstellung; 1529 wurde es verkauft und von seinem neuen Besitzer an

König Franz I von Frankreich geschickt; im XVII. Jahrhundert stand es

in einem Garten von Fontainebleau; dieser Garten wurde 1713 zerstört,

um für neue Anlagen Platz zu schaffen, und Michelangelos bewunderter

Herkules ist seitdem verschwunden. Verschwunden ist auch ein kleines

Bildwerk, welches Michelangelo im Jahre 1494 ausführte: ein hölzernes

Kruzifix, das auf dem Hochaltar der Kirche S. Spirito zu Florenz

aufgestellt wurde. Der Prior von S. Spirito bewies dem jungen Künstler

seine Dankbarkeit, indem er ihm im Kloster mehrere Zimmer zur Verfügung

stellte, wo derselbe ungestört seinem Wissensdrang Genüge thun und

durch das Zergliedern von Leichen sich eine eingehende Kenntnis vom

Bau des menschlichen Körpers verschaffen konnte. Michelangelo betrieb

das Studium der Anatomie mit großer Gründlichkeit; dasselbe ersetzte

ihm beinahe gänzlich das Studium nach dem lebenden Modell. Unter den

Zeichnungen, welche sich von seiner Hand erhalten haben, finden sich

mehrfach anatomische Skizzen (Abb. 6). Sogenannte Aktstudien nach dem

Leben kommen verhältnismäßig selten vor; sie sind aber wundervoll

ausgeführt und bekunden auch ihrerseits das gediegenste anatomische

Wissen (Abb. 3). Die größte Mehrzahl der Studienblätter Michelangelos

-- gleichviel ob sie seiner Jugendzeit oder seinem Alter angehören --

lassen erkennen, daß der Meister aus dem Gedächtnis, auf Grund seiner

vollkommenen Kenntnis der Knochen und Muskeln, sich über die gerade

in Frage kommende Ansicht eines menschlichen Körpers oder Körperteils

Rechenschaft zu geben gesucht hat; die Haut erscheint dabei sozusagen

nur wie ein dünner Überzug über den formbestimmenden Teilen (Abb. 4).

[Illustration: Abb. 3. +Studie nach dem Leben+. Rötelzeichnung in

der Sammlung der Kunstakademie zu Venedig.

(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl.,

in Dornach i. Els. und Paris.)]

[Illustration: Abb. 4. +Armstudien+. Rötelzeichnung in der

Sammlung der Kunstakademie zu Venedig. (Nach einer Aufnahme von Ad.

Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl., in Dornach i. Els. und

Paris.)]

Piero de’ Medici, Lorenzos Sohn und Nachfolger, hatte nicht dessen

glänzende Eigenschaften geerbt. Zwar setzte er den Michelangelo, der

ihm in dem ungewöhnlich kalten Januar des Jahres 1494 den Gefallen

that, im Hof des Palastes einen kunstvollen Schneemann aufzubauen,

wieder in die Stellung ein, welche derselbe unter Lorenzo innegehabt

hatte, aber er schätzte einen spanischen Schnellläufer ebenso hoch, wie

den jungen, schon so großen Künstler. Florenz ertrug die Herrschaft

Pieros nicht lange; im November 1494 wurden die Mediceer vertrieben.

Michelangelo ging diesem Ereignis, das er herannahen sah, aus dem Wege;

der Traum eines Freundes, dem Lorenzo der Herrliche warnend erschienen,

soll ihn veranlaßt haben, Florenz zu verlassen. Er begab sich zunächst

nach Venedig und dann, da er dort keine Beschäftigung fand, nach

Bologna, wohin sich auch die Mediceer geflüchtet hatten. Hier brachte

ihn der Umstand, daß er es versäumt hatte, sich ein Kennzeichen geben

zu lassen, welches zu tragen das Mißtrauen der städtischen Regierung

jedem Fremden vorschrieb, in Verlegenheit. Er wurde zu einer Geldstrafe

von 50 Bologneser Pfund -- eine Summe, die auf ungefähr 64 Mark

berechnet wird, -- verurteilt, und er besaß nicht mehr soviel Geld.

Einer der Stadtvorsteher, Giovan Francesco Aldovrandi, hatte Mitleid

mit dem jungen Künstler, befreite ihn aus seiner Verlegenheit und gab

ihm ehrenvolle Beschäftigung. An dem berühmten Grabmal (Arca) des heil.

Dominicus hatte der kurz vorher verstorbene Bildhauer Niccolo von Bari

-- gewöhnlich nach seiner Thätigkeit an eben diesem Werk Niccolo dell’

Arca genannt -- das kleine Standbild des heiligen Petronius unfertig

zurückgelassen, und zu einem leuchtertragenden Engel, mit dem er das

Grabmal an der einen Seite geschmückt hatte, fehlte das Gegenstück.

Michelangelo machte den Engel und vollendete das Heiligenbild. Beide

Figuren, die durch ihren eigentümlich derben Faltenwurf sich von den

Arbeiten der älteren Meister augenfällig unterscheiden, befinden

sich noch an ihren Plätzen. Eine Figur des heiligen Proculus, welche

Michelangelo außerdem noch für das Grabmal des heil. Dominicus gemacht

haben soll, ist nicht mehr vorhanden. Michelangelo blieb länger,

als es die Ausführung dieser verhältnismäßig geringfügigen Arbeiten

erforderte, in Bologna. Sein Gönner Aldovrandi, dem es besonderen Genuß

bereitete, wenn Michelangelo in seiner toskanischen Aussprache aus

den Werken der großen toskanischen Dichter Dante, Petrarca, Boccaccio

vorlas, hätte ihn gern dort festgehalten. Aber noch im Laufe des Jahres

1495 kehrte Michelangelo, der in Bologna seine Zeit zu verlieren

glaubte, nach Florenz zurück. Hier stand damals der begeisterte

Prediger Savonarola an der Spitze des Volkes; auf dessen Veranlassung

wurde im Palast der Signoria der große Saal erbaut, der die

Versammlungen der durch die neue Verfassung geschaffenen zahlreichen

Volksvertretung aufnehmen sollte. Es heißt, daß neben anderen berühmten

Künstlern auch Michelangelo ungeachtet seiner Jugend über diesen

Saalbau um Rat gefragt worden sei.

[Illustration: Abb. 5. +Johannes der Täufer als Knabe.+

Marmorfigur im Museum zu Berlin.]

[Illustration: Abb. 6. +Drei Studien einer Hand und anatomische

Skizze eines Rückens.+ Federzeichnung im Kabinett Taylor zu Oxford.

(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl.,

in Dornach i. Els. und Paris.)]

Ein Angehöriger einer Nebenlinie des Mediceerhauses, Lorenzo di

Pierfrancesco (d. h. Pierfrancescos Sohn), hatte in Florenz verbleiben

dürfen. Für diesen führte Michelangelo einen „Giovannino“ (Johannes der

Täufer als Knabe) in Marmor aus. Der Giovannino war jahrhundertelang

verschollen, er scheint wieder gefunden zu sein in einer jetzt

im Berliner Museum befindlichen Figur, welche Johannes als einen

halbwüchsigen Knaben darstellt, der im Begriff ist, den aus einer

Honigwabe in ein Ziegenhorn geträufelten Honig zu kosten (Abb. 5).

Diese merkwürdige Figur weist in ihrer ganzen Erscheinung auf zwei

verschiedene Quellen hin, aus denen ihr Urheber Belehrung geschöpft

hat: teilweise, besonders im Kopf, läßt sie jenen strengen Realismus

erkennen, der für das XV. Jahrhundert bezeichnend ist, und teilweise

bekundet sie ein verständnisvolles Studium der idealen Gebilde der

antiken Kunst. In seinem nächsten Marmorwerk, einem schlafenden

Liebesgott, folgte Michelangelo ganz dem Vorbild der Antike, und dies

gelang ihm so gut, daß Lorenzo di Pierfrancesco ihm riet, er solle der

Figur künstlich ein altes Aussehen geben, dann könnte er sie in Rom als

antik verkaufen. Ein geschäftskluger Zwischenhändler machte sich diesen

Gedanken zunutze, brachte den Liebesgott nach Rom und verkaufte ihn

dem Kardinal Riario als eine eben ausgegrabene Antike; nicht zufrieden

damit, den Käufer betrogen zu haben, betrog er auch den Künstler, indem

er ihm von 200 Dukaten, die er bekommen, nur 30 auszahlen ließ. Als

der Kardinal durch einen Boten, den er nach Florenz schickte, um über

die Herkunft der Figur Erkundigungen einzuziehen, von Michelangelo

erfuhr, daß dieser der Schöpfer des schlafenden Cupido sei, machte er

aus Verdruß darüber, daß er sich hatte täuschen lassen, den Handel

rückgängig; zugleich aber gab er Veranlassung, daß Michelangelo nach

Rom übersiedelte. Es wird erzählt, der kunstverständige Bote Riarios

habe sich von der hohen Meisterschaft Michelangelos überzeugt durch

den Anblick einer Hand, welche derselbe gerade zeichnete, als er ihn

durch seinen Besuch überraschte. In der That hat Michelangelo Hände

so trefflich gezeichnet, wie wohl kaum ein anderer vor oder nach

ihm; man braucht bloß das Skizzenblättchen aus der Oxforder Sammlung

zu betrachten, auf welchem er ein und dieselbe Hand dreimal, mit

jedesmaliger Steigerung von Ausdruck und Charakter, wiedergegeben

hat (Abb. 6). -- Der Cupido kam später in den Besitz der Markgräfin

Isabella von Mantua, die ihn anfangs auch für antik hielt, nachher aber

in ihm ein Werk, das als moderne Arbeit nicht seinesgleichen habe,

schätzte. Wo der Cupido seitdem verblieben, ist ungewiß.

[Illustration: Abb. 7. +Bacchus.+ Marmorfigur im Nationalmuseum zu

Florenz.]

Am 25. Juni 1496 kam Michelangelo in Rom an. Er schrieb alsbald an

Lorenzo di Pierfrancesco de’ Medici einen (im Staatsarchiv zu Florenz

noch vorhandenen) Brief, aus dem wir erfahren, daß er sich gleich

nach seiner Ankunft dem Kardinal Riario vorstellte, daß dieser ihn

freundlich aufnahm und ihn mit der Ausführung einer lebensgroßen

Marmorfigur beauftragte; daß Michelangelo jenen Zwischenhändler, der

das Geschäft mit dem Cupido gemacht hatte, aufsuchte, um sich die

Figur, gegen Zurückerstattung des dafür empfangenen Geldes, wiedergeben

zu lassen, daß dieser ihm aber ganz grob antwortete, lieber würde er

das Kind in hundert Stücke schlagen; ferner, daß Lorenzo dafür gesorgt

hatte, daß es dem jungen Künstler während der ersten Zeit seines

Aufenthaltes in Rom nicht an Geld fehle.

Indessen sah sich Michelangelo in der Hoffnung, daß der Kardinal

Riario, bei dem er fast ein Jahr lang wohnte, ihm reichliche

Beschäftigung geben würde, getäuscht; auch von jener gleich anfangs

bestellten Figur ist keine Rede mehr. Die erste Arbeit, welche er

in Rom ausführte, war bescheiden genug: der Barbier des Kardinals

vergnügte sich damit, in Tempera zu malen, und Michelangelo zeichnete

ihm einen heiligen Franciscus auf, den jener dann in Farben setzte;

das Bild wurde auf einem Altar der Kirche S. Pietro in Montorio

aufgestellt und ist später verschwunden. Mehrere höchst dankbare

Aufträge aber, durch deren glänzende Ausführung er in Rom alsbald zur

höchsten Berühmtheit gelangte, verschafften ihm die Bekanntschaft mit

einem römischen Edelmanne, Namens Jacopo Galli. Dieser bestellte bei

ihm zwei lebensgroße mythologische Marmorbilder, einen Cupido und

einen Bacchus. Der Cupido hat das Schicksal so vieler Jugendwerke

Michelangelos geteilt, er ist verschollen; ob man ihn in einer

knieenden Figur mit Bogen und Köcher wiedererkennen darf, welche

aus einer italienischen Sammlung in das Kensington-Museum zu London

gekommen ist, erscheint fraglich. Der Bacchus aber ist wohlerhalten

als das erste ganz unbezweifelte Zeugnis von Michelangelos Kunst,

lebensgroße Gestalten aus einem Marmorblock herauszuhauen; er befindet

sich im National-Museum zu Florenz. Michelangelo hatte Gelegenheit

genug, antike Bacchusbilder zu sehen, und er hat sich auch nach diesen

gerichtet, insofern er eine hochgewachsene Jünglingsgestalt mit weichen

Formen wiedergab. Aber selbstverständlich konnte und wollte er in dem

Gott des Weines keine Gottheit darstellen. Sein Bacchus feiert den

Genuß des Weines; er giebt sich mit Behagen der seligen Stimmung des

Rausches hin, und eine leichte Gedunsenheit seiner Körperformen verrät,

daß er diesen Genuß nicht zum erstenmal kostet; er steht unsicher

auf den Füßen, und mit einem Blick, der stier zu werden beginnt,

liebäugelt er lächelnd mit dem erhobenen Trinkgefäß in seiner Rechten,

während seine Linke in dem Traubenvorrat wühlt, den ein naschender

kleiner Faun bereit hält. Dabei bewegt sich die ganze Verbildlichung

des Weinrausches, so sprechend sie auch ist, in einer Maßhaltung, wie

sie eben nur die Antike lehren konnte (Abb. 7). Daß Michelangelo sich

dem mächtigen Eindruck der antiken Kunst, die ihm in Rom viel reicher

und viel herrlicher entgegentrat, als in dem Schulgarten zu Florenz,

nicht verschloß, daß er namentlich auch von ihr lernte, Kraftfülle mit

Ebenmaß zu verbinden, spricht deutlich aus den dieser Zeit angehörigen

Studienblättern (Abb. 8).

[Illustration: Abb. 8. +Bewegungsstudie.+ Federzeichnung in der

Sammlung des Louvre zu Paris.]

Durch Jacopo Gallis Vermittelung empfing der junge Meister von dem

französischen Gesandten in Rom, Jean de Groslaye de Villiers, Abt von

St. Denis und Kardinal des Titels von S. Sabina, den Auftrag, eine

Pietà -- die Mutter Maria mit dem Leichnam Christi -- für die Kapelle

des französischen Königs in der Peterskirche zu Rom zu meißeln. Der

endgültige Vertrag hierüber, der sich noch im Archiv des Hauses

Buonarroti befindet, wurde am 26. August 1498 geschlossen; Galli, der

denselben für Michelangelo unterzeichnet hat, verspricht darin, daß

das Werk so werden solle, wie kein zur Zeit lebender Meister es besser

machen könnte. Dieses Versprechen hat Michelangelo voll eingelöst.

Er schuf die weltberühmte Gruppe, welche sich, nachdem die Kapelle

der französischen Könige durch den Neubau der Peterskirche zerstört

worden, in der nach ihr benannten Capella della Pietà dieser Kirche

befindet. Ältere Künstler hatten in der Darstellung dieses unzähligemal

behandelten Gegenstandes durch eine möglichst herbe Schilderung von

Tod und Mutterschmerz ergreifend zum Beschauer zu sprechen versucht.

Michelangelo streifte alle Fesseln der Überlieferung ab. Er ließ

die Mutter in all ihrem Schmerz die ruhige Schönheit des Antlitzes

bewahren. Den Christuskörper bildete er als einen Leichnam, an dessen

Totsein niemand zweifeln kann; er benutzte dazu eine Studie, die er

nach einer wirklichen Leiche zeichnete (Abb. 9); aber er verklärte

den Leichnam mit idealer Schönheit, er schuf eine Gestalt, welcher

der Tod seine Merkmale ohne alle entstellenden Züge aufgedrückt hat,

die Gestalt eines göttlichen Toten, der gestorben ist, um wieder

aufzuerstehen. Durch ein Mittel künstlerischen Gegensatzes hat der

Meister es verstanden, die ruhige Schönheit des Leichnams in erhöhtem

Maße zur Geltung zu bringen, indem er die Gewänder Marias in tiefen,

durch malerischen Wechsel von Licht und Schatten belebten Falten

ausarbeitete (Abb. 10). Von den Zeitgenossen nahmen einige, an die

realistische Auffassung früherer Meister gewöhnt, an der jugendlichen

Schönheit des Madonnengesichts Anstoß; Michelangelo rechtfertigte

es mit theologischer Gelehrsamkeit, daß die jungfräuliche Mutter in

unvergänglicher Jugend darzustellen sei. In der Pietà der Peterskirche

zeigt Michelangelo sich nicht nur frei von dem Herkommen der früheren

florentinischen Kunst, sondern er erscheint auch unabhängig von der

unmittelbaren Einwirkung der Antike; hier steht er zum erstenmal ganz

in seiner selbständigen Künstlerpersönlichkeit da. Gleich als ob ihm

selbst dieses zum Bewußtsein gekommen wäre, hat er dieses Werk allein

unter seinen sämtlichen Schöpfungen mit seinem Namen bezeichnet.

Vasari weiß über diese Namensinschrift ein Geschichtchen zu erzählen:

Michelangelo hätte eines Tages gehört, wie in einer Gesellschaft von

Fremden, welche das Werk bewunderten, ein Mailänder Bildhauer als der

Schöpfer desselben genannt worden sei; daraufhin sei er in der Nacht

mit einem Licht hingegangen und habe seinen Namen in das Schulterband

der Madonna gemeißelt. In der Folgezeit durfte er mit gerechtem Stolz

die Überzeugung hegen, daß niemand mehr seine Schöpfungen einem anderen

Urheber zuschreiben würde.

[Illustration: Abb. 9. +Studie nach einer Leiche.+ Federzeichnung

in der Albertina zu Wien.]

[Illustration: Abb. 10. +Pietà.+ Marmorgruppe in der Peterskirche

zu Rom.]

Während Michelangelo in Rom unsterbliche Werke schuf, führte sein

Vater in Florenz ein kümmerliches Leben; derselbe hatte sein Amt durch

die Vertreibung der Mediceer verloren, und die schlimmen Zustände

der Stadt, in welcher infolge der endlosen Unruhen im Innern und

der kriegerischen Verwickelungen nach außen Hunger und Teuerung

herrschten, brachten ihn in arge Bedrängnis. Sehnsüchtig harrte er

auf die Heimkehr seines Sohnes, der ihn von Rom aus nach Kräften

unterstützte; „Ihr mögt mir glauben,“ schrieb Michelangelo in jener

Zeit seines römischen Aufenthalts, wo die Hoffnungen auf große Aufträge

noch unerfüllt blieben, „daß auch ich Ausgaben und Mühen habe; aber

was Ihr von mir verlangen werdet, das werde ich Euch schicken, und

wenn ich mich als Sklave verkaufen müßte.“ Nach der Vollendung der

Pietà sorgte Michelangelo auch für seine jüngeren Brüder Buonarroto und

Giovan Simone; er ermöglichte ihnen die Begründung eines Geschäfts,

in welchem Wollstoffe bereitet und verkauft wurden. Buonarroto

hatte diesen Beruf erlernt; er war bis zu dem Zeitpunkte, wo die

Unterstützung Michelangelos ihm die Selbständigkeit ermöglichte, in

dem Geschäft des berühmten Hauses Strozzi thätig; er kam zu Wohlstand

und Ansehen, nahm mehrmals an der Regierung seiner Vaterstadt teil und

wurde vom Papst Leo X durch den Grafentitel geehrt; von ihm stammt

das heute noch lebende Geschlecht der Buonarroti ab. Giovan Simone

hatte wissenschaftlichen Studien obgelegen und genoß als Dichter einen

gewissen Ruf; ihm behagte die kaufmännische Thätigkeit nicht lange,

er zog es vor, in planlosen Reisen die Welt zu durchstreifen, und

bereitete seinem Vater und Michelangelo schweren Kummer. Michelangelos

älterer Bruder, Leonardo, hatte schon einen Beruf gefunden, ehe jener

nach Rom ging; von den Predigten Savonarolas entzündet, war er in den

Dominikanerorden eingetreten. Der jüngste Bruder endlich, Sigismondo,

sechs Jahre jünger als Michelangelo, ergriff das Kriegshandwerk und

folgte den Fahnen verschiedener Condottieri.

Im Jahre 1501 kehrte Michelangelo, den Wünschen seines Vaters folgend,

nach Florenz zurück. Er brachte einen Auftrag mit, den wieder Jacopo

Galli vermittelt hatte. Der Kardinal Francesco Piccolomini, der zwei

Jahre später als Pius III den päpstlichen Thron bestieg, bestellte

bei Michelangelo den Figurenschmuck der Kapelle, welche er im Dom

zu Siena zum Gedächtnis seines großen Oheims Äneas Silvius (Papst

Pius II) hatte erbauen lassen. Fünfzehn kleine Figuren sollten zur

Ausführung kommen: Christus, Apostel und andere Heilige, zwei Engel;

außerdem sollte eine Figur des heiligen Franciscus fertig gemacht

werden, welche Michelangelos gewaltthätiger Jugendgenosse Torrigiano,

der die Kunst verließ, um sich den wilden Söldnern des Cesare Borgia

einzureihen, unvollendet hatte stehen lassen. Michelangelo führte

innerhalb der nächsten drei Jahre vier von den Heiligenfiguren aus;

dann ließ er diese Arbeit liegen, ungeachtet der Unannehmlichkeiten,

welche ihm hieraus erwuchsen. Es ist erklärlich, daß es ihm nicht

mehr zusagte, einfache Heiligenbilder zu meißeln. Denn die Vaterstadt

beschäftigte ihn mit Aufgaben, welche höhere Anforderungen an seine

Leistungsfähigkeit stellten und in denen seine eigentlichste Begabung,

der Sinn für das Riesenmäßige und Gewaltige, zur Offenbarung kommen

sollte.

[Illustration: Abb. 11. +David.+ Marmornes Kolossalstandbild in

Florenz.]

Kurze Zeit nach der Unterzeichnung des Vertrags mit Franz Piccolomini,

am 16. August 1501, wurde Michelangelo von den Vorstehern des Dombaus

zu Florenz, den Zunftmeistern der Wollenweber, mit der Ausführung eines

Kolossalstandbildes betraut. Der Bildhauer Agostino di Duccio hatte

im Jahre 1463 den Auftrag bekommen, einen David von neun Ellen Höhe

anzufertigen, welcher oben auf dem Dom aufgestellt werden sollte. Aber

die Dombauverwaltung war nicht mit seiner Arbeit zufrieden und löste

1466 den mit ihm geschlossenen Vertrag. Seitdem lag der angehauene

Riesenblock nutzlos im Hof der Dombauhütte, bis man im Jahre 1501

sich entschloß, ihn aufrichten und bearbeiten zu lassen, wenn auch

nicht mehr für den ursprünglichen Zweck. So trat an Michelangelo

eine Aufgabe heran, welche neben der Schwierigkeit, die an und für

sich in der Gestaltung einer Figur von so großem Maßstabe lag, die

größere Schwierigkeit enthielt, daß der Künstler durch die Gestalt,

welche der erste Bearbeiter des Blockes diesem bereits gegeben hatte,

an bestimmte Umrisse gebunden und so in der Freiheit des Schaffens

gehemmt war. Michelangelo behielt den Gedanken bei, dem Riesenbild

die Gestalt eines David zu geben. Aber er dachte sich David nicht als

den Propheten und nicht als den König, sondern als den Helden, der,

noch bevor er die Schwelle des Jünglingsalters erreicht hat, den Feind

seines Volkes niederstreckt; er dachte sich den Heldenknaben in dem

Augenblick, wie er mit todesmutiger Entschlossenheit den Feind ins

Auge faßt, wie er mit dem rechten Fuß sich feststellt für den Wurf,

während er mit der linken Hand die Schleuder von der Schulter nimmt

und in der rechten den Stein bereit hält. Daß die Kolossalgestalt die

Schönheit ihrer Formen gänzlich unverhüllt zeigen müsse, verstand sich

für Michelangelo, der die antiken Kolosse auf dem Monte Cavallo in Rom

gesehen hatte, ganz von selbst, und es wurde auch von den Zeitgenossen

als selbstverständlich hingenommen. Er ging mit Feuereifer an das Werk.

Nachdem er eine kleine Skizze in Wachs modelliert hatte, welche noch

in der Sammlung des Hauses Buonarroti aufbewahrt wird, bestieg er am

13. September 1501 das Gerüst, mit welchem die Dombauverwaltung den

Marmorblock hatte umgeben lassen, und begann die gewaltige Arbeit.

Anfang 1504 war der Riese -- ~il gigante~, so wurde das Standbild

meistens genannt, da das Gegenständliche, der David, als Nebensache

galt -- vollendet (Abb. 11). Eine vom Dombauvorstand einberufene

Versammlung von dreißig Männern, unter denen sich alle berühmten

Künstler der Stadt befanden, beriet über den Platz der Aufstellung.

Leonardo da Vinci und mit ihm mehrere andere schlugen die Loggia dei

Lanzi als geeigneten Ort vor, da hier das Marmorwerk vor den Einflüssen

der Witterung geschützt bliebe. Die Mehrheit aber beschloß die

Aufstellung vor dem Palast der Signoria. Das Bild des David sollte die

Väter der Stadt durch seinen täglichen Anblick mahnen, daß sie dieselbe

allezeit mit Entschlossenheit zu verteidigen und mit Gerechtigkeit zu

regieren hätten. Mit Hilfe von Vorrichtungen, welche die Zeitgenossen

umständlich beschrieben haben, wurde das 180 Centner schwere Standbild

vom Dombauhof nach der Piazza della Signoria gebracht; die Überführung

dauerte vier Tage. Die Enthüllung war ein Ereignis für die Stadt, das

in den Jahrbüchern sorgfältig verzeichnet wurde. Keine bildnerische

Schöpfung Michelangelos hat bei den Zeitgenossen so ungeteilten Beifall

gefunden, wie der „Gigante“; alle Bildwerke des Altertums glaubte

man in ihm übertroffen. -- Im Jahre 1527 erlitt der Marmorriese eine

Beschädigung: bei einem Aufruhr traf ein unter die Belagerer des

Palastes geschleuderter Mauerstein seinen rechten Arm, der herabfiel

und in drei Stücke zerbrach; erst 1543 wurden die aufgehobenen Stücke

wieder angesetzt. Im Laufe der Jahrhunderte stellte es sich heraus, daß

diejenigen nicht unrecht gehabt hatten, welche rieten, das Standbild

unter Dach aufzustellen; die Einwirkung der Witterung machte sich,

wenn auch nur wenig, bemerkbar. Darum wurde dasselbe im Jahre 1873 von

seinem Platze weggenommen und in die Akademie gebracht. Eine Kopie in

Erzguß ist auf der schönen Piazza Michelangelo in den neuen Anlagen im

Süden der Stadt aufgestellt worden.

Auch ein Michelangelo konnte nicht unausgesetzt an einem marmornen

Kolossalbild arbeiten. In den Jahren von 1501 bis 1504 schuf er,

abgesehen von den Apostelfiguren für Siena, noch eine Anzahl von

Werken, die ihm eine Erholung von der großen Arbeit sein mochten. Ein

zweiter David, in Lebensgröße, wurde bei ihm 1502 von Piero Soderini,

der seit kurzem unter dem Titel eines Bannerherrn auf Lebenszeit an der

Spitze des florentinischen Staatswesens stand, bestellt. Diese Figur

sollte in Erzguß ausgeführt werden; sie war bestimmt, als Geschenk

der florentinischen Regierung an Pierre de Rohan, Marschall von Giè,

geschickt zu werden; auf diesem Wege hoffte man das Wohlwollen des

französischen Königs Ludwig XII, bei dem Rohan in großem Ansehen stand,

für die Republik zu gewinnen, die sich durch den Krieg mit Pisa in

schweren Verlegenheiten befand. Aber der Marschall fiel in Ungnade,

bevor das Bildwerk fertig war, und die Regierung von Florenz sah sich

nicht mehr veranlaßt, ihm das versprochene Geschenk zu übersenden; sie

fand es zweckmäßiger, dasselbe dem Schatzmeister Ludwigs XII, Florimond

Robertet, zuzuwenden. An diesen wurde das Erzbildwerk, in welchem

Michelangelo den David als Sieger, mit dem Haupt des Goliath unter den

Füßen, dargestellt hatte, im Jahre 1508 geschickt. Es hat in Frankreich

in verschiedenen Schlössern gestanden und ist wahrscheinlich während

der großen Revolution zu Grunde gegangen.

Im Frühjahr 1503 bestellten die Vorsteher der Wollweberzunft und

die Bauverwaltung des Doms bei Michelangelo die Figuren der zwölf

Apostel für den Dom; sie waren so verständig, dem Meister Zeit zu

lassen: im Laufe von zwölf Jahren sollte er jährlich eine Figur

liefern. Aber es scheint, daß Michelangelo an solchen in Gewänder

gehüllten, ruhig dastehenden Einzelfiguren keinen Geschmack fand.

Er kam mit diesen Aposteln noch lange nicht so weit, wie mit den

Heiligenfiguren von Siena. Es ist nichts von denselben zustande

gekommen, als die allererste Anlage eines heiligen Matthäus. Diese

eben angelegte Figur aber, die sich jetzt in der Akademie zu Florenz

befindet, ist im höchsten Maße bemerkenswert, weil sie zeigt, wie

Michelangelo beim Schaffen seiner Marmorbilder zu Werke ging. An

der einen Seite des Marmorblocks werden die Formen der Figur in

ganz leichter Andeutung sichtbar, in schwachem Relief, fast wie

eine Zeichnung. So skizzierte der Meister sich das ganze Bild, wie

es werden sollte, an der Oberfläche des Blocks, und indem er in dem

Maße, wie die Formen weiter zurücktreten sollten, tiefer in den Marmor

hineinarbeitete, schälte er schließlich die Figur heraus. Reliefbilder

hat Michelangelo nur wenige angefertigt. Abgesehen von jenen Arbeiten

seiner Knabenjahre weiß man nur von zweien. Diese fallen beide in die

Zeit, in welcher der große David im Entstehen oder eben vollendet war.

Beide sind Madonnenbilder in Rundformat; beide wurden für Florentiner

Kunstliebhaber angefertigt und sind nicht bis zum letzten Grade der

Vollendung in der Ausführung gekommen. Das eine derselben befindet

sich jetzt in der Akademie zu London, das andere im Nationalmuseum zu

Florenz. Über dem zu Florenz befindlichen Reliefbilde, welches Maria

auf einem niedrigen Steine sitzend und den Beschauer anblickend, das

Christuskind an der Mutter Knie gelehnt und wie in tiefe Gedanken

versunken darstellt, liegt ein eigentümlicher Reiz, eine Mischung von

schwerem Ernst mit hoher Lieblichkeit. Dieselbe Empfindung lebt in

der wunderbar schönen lebensgroßen Gruppe von Maria mit dem Kinde,

welche Michelangelo auf die Bestellung von flandrischen Kaufleuten,

Johann und Alexander Mouscron, anfertigte; dieses Madonnenbild wurde

wahrscheinlich zu Carrara im Jahre 1505 ausgeführt; es befindet sich

noch an seinem ursprünglichen Bestimmungsort, auf einem Seitenaltar

in der Liebfrauenkirche zu Brügge (Abb. 12). Michelangelo hat bei der

Madonna von Brügge und bei dem Florentiner Relief die herkömmliche

Weise, welche Jesus als ganz kleines Kind auf dem Schoße Marias sitzend

darzustellen pflegte, verlassen, indem er den Knaben in einem Alter

bildete, welches ihm schon auf seinen Füßchen zu stehen gestattet; so

konnte er das Christuskind sich mit Freiheit bewegen lassen, und er

hat den Späteren das Beispiel gegeben, die innig geschlossene Gruppe

von Mutter und Kind in unendlicher Mannigfaltigkeit der Beziehungen zu

gestalten.

[Illustration: Abb. 12. +Madonna.+ Marmorgruppe in der

Liebfrauenkirche zu Brügge.]

[Illustration: Abb. 13. +Die heilige Familie.+ Ölgemälde in den

Uffizien zu Florenz.]

Noch sprechender zeigt sich die Unabhängigkeit von jeder überlieferten

Darstellungsweise in einem gemalten Madonnenbilde, welches Michelangelo

in eben jener Zeit, um das Jahr 1503, geschaffen hat. Es ist dies die

berühmte heilige Familie, welche in der Tribuna der Uffiziengalerie

zu Florenz einen Ehrenplatz einnimmt. Maria sitzt auf dem Boden und

reicht mit einer anmutigen Wendung des Oberkörpers und des Kopfes

das Jesuskind über ihre Schulter dem Pflegevater Joseph, der sich

hinter ihr auf ein Knie niedergelassen hat (Abb. 13). Hinsichtlich

der Farbe darf man keine Ansprüche an das Bild machen; denn diese ist

dem Künstler augenscheinlich Nebensache gewesen, die Gruppe hätte

ebenso gut in Marmor wie in Malerei ausgeführt werden können. Aber

in der Zeichnung und Rundung der Formen ist es herrlich und in der

Empfindung so groß wie liebenswürdig. Höchst befremdlich für den

modernen Beschauer ist die Belebung des entfernten Hintergrundes durch

nackte Jünglingsgestalten, die zu dem Gegenstand der Darstellung in

gar keiner Beziehung stehen. Diese Gestalten hat Michelangelo nach

Vasaris Worten da angebracht, „um noch besser zu zeigen, wie sehr

groß seine Kunst sei.“ Das ist so recht im Sinne der Renaissance.

Genau mit dem nämlichen Gefühl und aus dem nämlichen Grunde, wie

die älteren niederländischen und deutschen Maler ihre Werke mit

liebevoll ausgeführten Blumen und Kräutern und Vögelein geschmückt

hatten, aus reiner Lust an dem neugewonnenen Können, das der Vorzeit

verborgen gewesen war, so schmückten jetzt die italienischen Maler

ihre Bilder mit nackten Figuren, um ihre Kenntnis von der Schönheit

der Menschengestalt der Welt freudig zu offenbaren. Und wenn irgend

einer, so durfte Michelangelo sich solcher Kenntnis rühmen; wenn gar

keine ausgeführten Werke von ihm vorhanden wären, seine Zeichnungen

-- flüchtige Skizzen und durchgebildete Studien -- würden es beweisen

(Abb. 14 und 15). -- Der erste Besitzer des Bildes der heiligen Familie

war der Kunstliebhaber Angelo Doni in Florenz, der es von dem ihm

befreundeten Künstler um hohen Preis erwarb.

In der Zeit, während welcher die Riesenfigur des David entstand,

fällt außer den genannten Werken aller Wahrscheinlichkeit nach auch

noch eine Marmorfigur, über deren Entstehung die Nachrichten fehlen,

der sterbende Adonis im Nationalmuseum zu Florenz, sowie ferner ein

unfertig gebliebenes Gemälde in der Londoner Nationalgalerie, welches

die Grablegung Christi in eigentümlich wirkungsvoller Weise darstellt.

[Illustration: Abb. 14. +Aktstudien.+ Federzeichnung in der

Albertina zu Wien.

(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl.,

in Dornach i. Els. und Paris.)]

[Illustration: Abb. 15. +Aktskizzen.+ Federzeichnung in der

Albertina.

(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl.,

in Dornach i. Els. und Paris.)]

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