Klare-Bel hatte ihre Augen vom Lesenden abgewendet. Sein Gesicht
verriet alles, was im Brief stand. Allzu deutlich verriet es, daß sein
Schreck umsonst gewesen war.
Erik in dieser Abhängigkeit zu sehen von dem, was Ruth that oder
unterließ, -- das war gräßlich. Das wollte sie nicht sehen.
Sie hatte gemeint, das Schwerste sei über sie gekommen: gestern. Aber
nicht, es zu wissen, war das Schwerste, -- nein, es mit wissenden Augen
zu beobachten, täglich, stündlich, es bestätigt zu finden in solchen
kleinen Vorgängen. Dieses Lieben und Schwanken mit anzusehen, -- das
war schwerer. Nicht nur schwerer, -- unmöglich war es.
Und dann, -- wenn Ruth einen andern abwies, -- dann liebte wohl auch
sie Erik. Und wenn sie ihn liebte -- dann erst war er für Bel verloren.
Auf sein Glück konnte er vielleicht verzichten -- für Bel; auf Ruths
Glück nie. Nicht, wenn er sie wirklich liebte. Wo die stärkere Liebe
blüht, da wächst auch das stärkere Pflichtgefühl: da sorgt man nur noch
um das Glück des andern.
So empfand Klare-Bel.
Am nächsten Tage fehlte sie beim Morgenfrühstück. Gonne hatte es ihr
auf ihr Zimmer bringen müssen.
Erik suchte sie sofort auf. Er war schon in aller Frühe aufgestanden
und hatte, nach mehreren vergeblichen Versuchen, Ruth geschrieben. Aber
diesmal gelang es ihm schlecht, -- ein gequälter Ton klang durch.
Klare-Bel lag im Morgenrock auf ihrem früheren Ruhestuhl, eine
Felldecke über den Knieen. Sie sah nicht krank aus. Vielmehr klar und
gesammelt.
»Du bist doch nicht leidend?« fragte er dennoch, mit ehrlicher Sorge.
»Ich bin nicht leidend, Erik. Aber ich mußte dich bei mir haben. Allein
-- ganz allein, -- ohne Jonas.«
Und sie umfaßte seine Hand mit ihren beiden Händen.
»Um dich zu bitten: laß mich jetzt abreisen! Jetzt schon. Es sollte ja
doch bald sein. Laß es jetzt sein!«
Er schwieg einen Augenblick. Diese Bitte war beredt.
»Wenn du es durchaus willst, Bel. Dann soll es beeilt werden. Ich will
alle Sorge dafür tragen. Ich bin jetzt gebunden. Aber Jonas soll dich
hinbringen.«
»Ach nein, Erik! Laß mich allein hin. Nicht mit Jonas. Gonne genügt.
Ich bitte dich so sehr darum. Mit Jonas bin ich nicht allein. Er hat so
feine Augen. Vor ihm will ich nicht --«
Sie brach ab; aber der einzige Stolz, den sie besaß, ihr Mutterstolz,
schrie in ihr: »Vor ihm will ich mich nicht in meiner Schwäche zeigen,
in meinem Elend!«
»Nun gut. Auch das. Dann soll er dich nur bis über die Grenze bringen.
Darauf bestehe ich, Bel.«
»Ich danke dir. Und nun muß ich dir noch das andre sagen, Erik.«
»Was denn?«
Er schritt unruhig ein paarmal durchs Zimmer und lehnte sich ans
Fenster. Sie sprach so klar und so ruhig bewußt. Er kannte seine
Bel vollkommen, -- jede leiseste Regung in ihr kannte er, -- und
beeinflußte er. Und nun ging von ihrem Wesen ein ihm Unbekanntes, ihm
Entrücktes aus, -- etwas Fremdes. Er fühlte es, ohne es sich noch
erklären zu können, wie einen Druck auf die Nerven. Ein ganz seltsames
Gefühl: als sei noch ein Dritter im Zimmer.
»Ich will es nur lieber schnell heraussagen, Erik. Das andre ist,
daß auch du verreisen sollst, -- so bald als möglich. Nicht erst zum
Sommer, um mich abzuholen. Bald, -- eher, -- in den Ostertagen. Wo du
zwei Wochen Zeit hast. Um sie wiederzusehen. Um dich zu überzeugen, ob
wohl auch sie -- --. Ganz gewiß, das mußt du thun. Denn sonst bist du
zeitlebens unglücklich, Erik. Und das -- siehst du -- das könnt' ich ja
nicht aushalten.«
Die Röte war ihm übers Gesicht geschossen. Dunkelrot bis über die
Stirn. Er warf den Kopf zurück gegen das Fensterglas.
Das war es: eine neue Stütze besaß sie, die sie selbständig gehen und
handeln lehrte! Einen neuen Herrn: schon handelte sie auf sein Geheiß!
Wie hatte er nur an Kampf denken können -- mit Bel! Kampf? Nein,
ausrauben, ausplündern wollte er sie! Aber sie ließ es nicht zu: sie
beschenkte ihren Räuber, -- freiwillig, überreich beschenkte sie ihn:
»Nimm, du Armer, vom Glück Abhängiger, -- ich kann's entbehren, bin die
Stärkere, -- ich kann entsagen, -- du -- nicht.«
Und glühend brannte in ihm die Scham empor, -- glühende Scham, -- und
Auflehnung als einzige Antwort: »Tausendmal lieber ein Räuber als ein
Beschenkter!«
Klare-Bel sah den Schweigenden, Wortlosen nicht an. So ganz ergriffen
und benommen war sie von dem Schweren, das sie vorhatte, daß ihre
Blicke ihn nicht suchten, nicht befragten, wie sonst wohl.
»Heut nacht lag ich immer und dachte: wenn es anders möglich wäre!
Aber das ist es ja: es ist nicht möglich. Du kannst nicht aufhören,
an sie zu denken, und ich, -- wie sollte ich, -- wie sollte ich nicht
anfangen, sie zu hassen? Und so versündigen wir uns aneinander, Erik.
Das soll nicht sein. Es ist immer alles schön gewesen zwischen uns. Es
kann traurig werden, -- sterbenstraurig. Aber nicht häßlich. Das soll
es nicht. Ich ertrüg's nicht.«
Ein halber Laut entfuhr ihm. Sie, -- was wußte sie wohl von »Haß«. Von
Häßlichem. Nein, nichts! Es erfüllte ihn mit einem fast andächtigen
Staunen: in ihr wurden die Gedanken nicht häßlich, nicht bitter und
ungerecht, im Kampf und Zweifel, im Aufruhr und Schwanken der Seele.
Sie dachte nichts Häßliches.
»Und nun hab' ich auch verstanden, -- heut nacht, -- warum ich gesund
geworden bin,« sagte Bel leiser, als er noch immer schwieg, »und warum
wir doch dessen nicht froh werden konnten. Nicht froh, obgleich ich auf
meinen Füßen stehen und gehen konnte. Gott sprach darin zu mir: ›Geh!‹«
»Bel!« stieß er gequält heraus. Diese religiöse Exaltation war ihm
entsetzlich. Aber Klare-Bel sagte ruhig, beinahe freundlich: »Ja, Erik.
Und ich gehe. Gott selbst wollte es so. Er wollte es. Aber Jonas mußt
du mir später lassen. Bei mir lassen. Jonas gehört mir mehr als dir.«
Höchstes und Alltägliches ging durcheinander. Erik fand: nun redete sie
von der Trennung und Scheidung wie von einem Hausumzug; »dies ist mehr
mein, -- dies mehr dein.«
Er trat an ihr Bett.
»Höre mich jetzt an, Bel. Du fassest keinen Entschluß -- über nichts,
-- ehe ich jetzt zu dir gesprochen habe. Offen. Offener als bisher.
Denn du weißt nicht alles.«
»Ach, Erik, -- sage nichts! Es ist schrecklich, es zu hören! -- Nichts,
-- nein! Nur eines -- hätt' ich von dir erbeten!«
Er ergriff die Hände, die sie gegen ihn vorstreckte, und hielt sie
sanft fest.
»Es ~muß~ sein, Bel. Du mußt mich hören.«
»Warte noch. Bitte, nicht! Erik, -- sage mir nur erst: -- hast du --
ihr schon geschrieben?«
»Ja,« versetzte er erstaunt.
»Ich meine -- den ~andern~ Brief?«
»Ja, -- auch den andern.«
»Und du hast ihn vernichtet. Nicht wahr, -- das hast du doch?«
In diesem Augenblick wußte er es selbst nicht. Unwillkürlich griff er
an die Tasche seiner Joppe. Es knisterte leise unter seinen Fingern.
»Erik! -- das ist das Einzige, -- was ich von dir erbitten wollte.«
Seine Hand krampfte sich zusammen um das dünne, zerknitterte Papier,
-- wieder stieg eine Blutwelle ihm ins Gesicht, -- wieder die Röte der
Scham, einer feinen, empfindlichen Scham. Nein, -- nur das nicht! Das
konnte er nicht! Vor Bels Augen das Innerste, Geheimste bloßlegen, --
sein Heiligstes und sein Unheiligstes, -- den Aufruhr der wildesten
Stunde, -- die Andacht der stillsten --.
Aber nur einen Augenblick lang zauderte er so. Sie hatte recht, --
tausendmal hatte sie ein Recht darauf! Und was sie daraus erfuhr, war,
was sie erfahren mußte, -- sich zu erfahren scheute. Und wenn es mehr
war, als sein Bekenntnis hätte aussprechen können, -- wenn er selbst es
war, mit allem, was in ihm tobte, gärte, schluchzte, kämpfte, mit allem
Häßlichen auch, und dem Aufschrei nach Glück, -- dann war es gut so.
Vor seinen Worten scheute sie sich, -- vor der endgültigen Klarheit:
und in dieses Dunkel griff sie verlangend, -- vermessen. Wer ergründet
wohl einer Frauenseele Furcht und Neugier!
Er reichte ihr das zerdrückte Blatt, -- zusammengeballt war es zu einer
Kugel.
»Du hast es gewollt.«
Dann verließ er sie.
Nebenan im Wohnzimmer stand der Frühstückstisch noch unabgeräumt. Jonas
hatte vergeblich auf den Vater gewartet und zur Schule gehen müssen.
Erik blieb in der Mitte der Stube stehen und starrte ins Leere.
»Nicht entsagen!« war sein einziger deutlicher Gedanke. »Nicht
entsagen! nicht in der Versuchung des Mitleids, -- nicht in der
schlimmern: der Versuchung der Scham.«
Ihm war, als handle es sich gar nicht um einen einzelnen Menschen, noch
weniger um ein Weib, -- nein, um alles, was Mensch hieß, was ihm Mensch
sein konnte, -- um alles, was er überhaupt berühren konnte, schaffend,
wirkend, liebend, -- um sein eigenes Menschsein.
Es konzentrierte sich alles in diesen zwei kindlichen, gläubigen Augen,
die auf ihn warteten und zu ihm emporschauten.
Entsagen hieß: in die Wüste gehen, -- nicht nur mit seiner Liebe,
-- auch mit seiner Thatkraft, -- mit seiner Kraft überhaupt, -- ins
Unfruchtbare, in die tote Einsamkeit.
Gab es eine Kraft auch für die Wüste? Die in solcher Einsamkeit
standhielt? Ja, in ihr vielleicht erst erstand? Die nicht mehr eines
andern bedurfte, um stark und schön zu bleiben, -- keiner Augen, die da
glaubten, und warteten, und an sie appellierten?
Ja vielleicht! für Reflexionsmenschen, die sich selber über die
Schulter gucken, sich in sich selbst bespiegeln, -- spottend oder
genießend! Oder für Gefühlsmenschen, die in ihren eigenen Erregungen
sentimental zu schwelgen und zu schwimmen wissen, -- auch sie ihr
eigenes Publikum!
Aber nicht für solche, die in sich selber unteilbar eins sind und daher
auch hilflos in sich selber, -- wenn sie sich nicht dadurch helfen
können, daß sie handeln, aus sich heraus wirken, -- und sich selbst
erkennen, wiedergespiegelt im Auge eines andern.
Aber Bel? Warum konnte sie entsagen? sie, die weder in Reflexionen noch
in Gefühlen schwelgte, sie, die vielmehr naiv und schüchtern war und
keineswegs ihr eigenes Publikum? Aber so ging es auch: mit dem großen
suggerierten Zuschauer, -- mit dem da oben, der alles sah. Auch sie
hatte ihren Spiegel, für den sie sich schön erhalten mußte, -- das
Gottesauge, den blauen Himmelsspiegel!
Ein schwacher Laut, wie ein Stammeln oder Stöhnen, drang aus Klare-Bels
kleinem Nebengemach. Es war, als wolle sie Erik in seinen bittern
Gedanken unterbrechen, -- widerlegen.
Er trat zur offenen Thür.
Bel hatte den Brief von sich geworfen, weit fort, auf den unteren Rand
der Felldecke. Sie lag da, das Antlitz glutrot, in den Händen
vergraben.
»Lieber Gott!« betete sie, »großer, barmherziger Gott, der du im Himmel
bist, und in die Herzen der Menschen hineinsiehst, nimm mir meine Liebe
aus meinem Herzen!« --
* * * * *
Warwara war sehr überrascht, als sie am nächsten Tage Erik auf der
Straße traf und von der bereits jetzt bevorstehenden Abreise seiner
Frau hörte. Sie redete auf das lebhafteste zu, noch eine einzige
Woche zu warten und Klare-Bel dann mit ihr zusammen hinausreisen zu
lassen. Aber es fruchtete nichts. Schon den folgenden Morgen konnte sie
der Fortfahrenden, der sie baldigen Besuch im Bade versprach, einen
mächtigen Rosenstrauß in das Waggonfenster stecken. Warwara war außer
Erik die einzige, die Mutter und Sohn das Geleit gab, und sie fand, daß
die Gatten sich nicht ganz unbefangen gegeneinander verhielten.
Nach Abfahrt des Zuges verabschiedete Erik sich nur kurz und hastig von
ihr. Sehr nachdenklich fuhr sie nach Hause.
Ihre klugen Gedanken mißverstanden ihn vollkommen. Sie glaubte ihn
eigentlich als Mann in seinem eigenen Heim befriedigt, aber als
Mensch in seinem Wirkungskreise unbefriedigt. Und wenn sie, scherzend
oder ernst, von »Versuchungen« für ihn sprach, so meinte sie damit
gelegentliche Versuche, die hungernde Thatkraft durch Näschereien und
Tändeleien zu betäuben. War jetzt so etwas im Spiel? Jetzt, wo Erik so
völlig zurückgezogen lebte, -- schon seit einem Jahr? Wo er ganz aus
der glänzenden, leichtlebigen Welt der Gesellschaft verschwunden war,
die ihn einst fesselte, und die er gefesselt hatte? War eine Frau im
Spiel? --
Wenige Tage später, an einem Sonntag vormittag, wollte Warwara eine
notwendige Besichtigung ihres Landhauses zum Anlaß nehmen, um bei Erik
vorzusprechen und zu erfahren, ob Jonas mit guten Nachrichten von der
Grenze heimgekommen sei.
Beim Einsteigen in die erste Klasse des finnländischen Zuges erstaunte
sie darüber, sich nicht allein zu finden. In der Ecke ihr gegenüber saß
eine ganz junge Dame und blickte mit großen, erwartungsvollen Augen zum
Fenster hinaus.
Warwara betrachtete sie mit flüchtigem Interesse. Wie immer, fielen ihr
zuerst und hauptsächlich lauter einzelne Aeußerlichkeiten auf.
Ein zarter, geschmeidiger Wuchs; das eng anliegende dunkelblaue
Tuchkleid mit offenem Jackenteil, auf tiefrotem englischen
Flanell abgefüttert, zeigte nur hoch am Halse einen kleinen
weißen Linnenstreifen. Ein schmaler Fuß guckte, in ungeduldiger
Bewegung, unter dem Rock hervor. Aschblondes Haar, von einer starken
Schildpattnadel im Knoten zusammengehalten, drängte sich um Stirn und
Schläfen in seinem Gelock aus einem weichen Barett von dunkelblauem
Sammet hervor.
In Warwara stieg eine unbestimmte Erinnerung auf, sie wußte nicht,
an wen. Eine junge Engländerin? So eindringlich blickte sie auf ihr
Gegenüber, daß dasselbe sich ein wenig befremdet nach ihr umwandte.
Ein paar Sekunden lang erwiderte das junge Mädchen fest und forschend
ihren Blick. Dann grüßte sie mit einem schwachen Lächeln.
Das Lächeln half Warwara plötzlich auf die Spur.
»Ruth!« entfuhr es ihr. Sie verbesserte sich sofort, lachend:
»Verzeihen Sie nur. Die Zudringlichkeit erst und jetzt. Aber ich suchte
und suchte, und was ich fand, war, was mir im Gedächtnis geblieben: Ihr
Vorname.«
»Es genügt ja vollkommen,« sagte Ruth. »Ich nehme an, wir haben Einen
Weg?«
»Nein!« versetzte Warwara mit raschem Takt, denn sie wollte
nicht stören, »ich fahre nur zu einer Besichtigung meines
reparaturbedürftigen Landhauses hinaus. Aber unsre Freunde erwarten
Sie?«
Ruth errötete und schüttelte den Kopf.
»Nein; ich bin sehr -- ganz unerwartet von Heidelberg abgereist,«
entgegnete sie mit auffallender Befangenheit.
Warwara durchzuckte blitzähnlich ein Verdacht. »Das ist sie, -- die
›Versuchung‹,« dachte sie, »sehr jung, aber ich argwöhnte schon damals
hinter ihren geübten Formen: sehr durchtrieben.«
»Da wird es Ihnen leid thun, eine Lücke zu finden,« bemerkte sie laut,
»denn Sie wissen wohl noch gar nicht, daß Sie Klare-Bel nicht treffen?
Sie ist schon abgereist.«
»Nein!« rief Ruth betroffen, »das konnte ich ja noch nicht wissen! Es
hat doch keinen schlimmen Grund? Ja, das thut mir leid!«
Sie sah so ehrlich aus mit ihren ungeduldig fragenden Augen, daß
Warwara sich schämte. »Sie wußte wirklich nichts davon; es war nicht
verabredet; was bin ich für ein häßlicher Mensch!« sagte sie sich,
und wandte sich in herzlichem Tone zu Ruth: »Nein, kein schlimmer
Grund. Klare-Bel ist so gesund, wie man es nie hat erwarten dürfen,
und nun geht es stetig bergauf. Im Anfang des Winters hat sie freilich
noch viel aushalten müssen. Einmal sagte sie zu mir in trübem Scherz:
›Erik muß mich mit Gewalt dazu zwingen, gesund werden zu wollen.‹ Eine
Operation hat er selbst gemacht, weil die Aerzte es nicht wollten --
ohne Betäubung. ~Der~ Mann hat Eisen im Blut. Aber es hat ihn gehörig
geschüttelt. Ich hab' ihn ein paarmal gesehen: blaß wie ein Tuch.«
Ruth lauschte stumm, ihre Hände verschlangen sich in ihrem Schoß, die
Lippen öffneten sich halb, die Augen sagten immer nur: »Mehr!« Als
Warwara schwieg, atmete sie tief auf.
»Das schrieb er nicht, daß er selbst, -- -- daß er ihr eigentlich
selbst die Gesundheit wiedergegeben hat. Aber so mußte es sein! Er
kann alles, was er will! Und das wollte er ~so~ aus voller Seele, daß
sie wieder gesund und glücklich sein sollte. Er hat dafür gelebt. Wie
grenzenlos froh müssen sie jetzt sein! Nun, wo er alles zum Guten
geleitet hat! Nun, wo es ist, wie ~er~ will: ~wo sie glücklich~ ist.«
Sie sprach hingerissen; ihre Augen blitzten.
Warwara betrachtete sie nachdenklich. Sie kam ihr gar nicht mehr, wie
damals, so formell abgeschliffen und gewandt vor, sondern im Gegenteil
wie ein Wesen, an dem alles Beseelung und nichts mehr Form ist. Eine
Seele, bis zum Rande gefüllt mit Hingebung und Gläubigkeit, -- -- und
Liebe? Dann konnte sie nicht mit so kindlicher Unbefangenheit und
Freude sprechen. Keine Liebe? Dann konnte sie nicht mit diesem Blick
und diesem Ton sprechen.
Der Zug hielt. Sie stiegen aus.
Warwara bequemte sich dazu, eines der kleinen rasselnden Fuhrwerke zu
benutzen, die am Stationsgebäude bereit standen, und deren Kutscher sie
sofort umschrieen. Ruth hatte einen andern Weg. So trennten sie sich.
Warwara sah sich im Fortfahren noch wiederholt nach ihr um.
»Es ist etwas an ihr, das nicht in das Leben gehört, -- Poesie. Poesie
im Konflikt mit dem Leben, -- was ergibt das wohl?« dachte sie; -- »es
ist, wie wenn man die erste Seite eines Romans aufgeschlagen hätte: --
o pfui, nein! -- oder: die letzte eines Märchens.«
Ruth ging langsam hin, zwischen den kahlen Birken am Wegrande; nicht
in Hast, ein paar Minuten früher anzukommen. Mit einem lauschenden
Gesichtsausdruck atmete sie den Frühling um sich her ein, als ob er in
tausend Blüten um sie stände. Noch war er nicht da, man sah ihn nicht,
-- und doch war er da, in der Luft, in alles erfüllender unsichtbarer
Gegenwart. Man hörte ihn; in einzelnen feinen kleinen Singstimmen sang
er von den blattlosen Zweigen.
Der Himmel hatte sich schwach bedeckt, die Sonne schien nur in
verhaltenem Glanze nieder, -- Ton, Licht, Farbe wirkten gedämpft,
verhüllt, und wie eine Verheißung.
Und nun stand Ruth am alten Lattenzaun mit der knarrenden Gitterpforte.
Sie öffnete, durchschritt den Garten und stieg, zaudernd, leise, ein
paar Stufen zur Terrasse hinauf.
Vorsichtig vornübergebeugt spähte sie von der Seite her in das breite
Fenster des Wohnzimmers, ob jemand darin anwesend sei.
Der Tisch war zum zweiten Frühstück gedeckt; hinter den Tellern mit
kaltem Fisch und fleischgefülltem Gebäck dampfte der Samowar.
Jonas saß allein am Kamin. Er hielt eine lange Bratengabel in der Hand,
an deren Zinken ein Brotscheibchen klebte, und ließ dasselbe an der
roten Holzglut rösten. Wie er so dasaß, einen Arm nachlässig um die
Stuhllehne geschlungen, in wartender Haltung, den Kopf mit den etwas zu
fest geschlossenen Lippen hell vom Feuer bestrahlt, erinnerte er stark
an Erik.
Das Scheibchen geriet zu nah an die Flammen; es glitt plötzlich von der
Gabel und fiel hinein.
Jonas sah verdutzt aus. Er wandte sich um, und spießte ein neues auf;
diesmal gelang es besser.
Dann spülte er einen Theetopf kunstgerecht mit heißem Wasser aus und
machte einen Aufguß. Dabei kamen seine Finger ungeschickt genug unter
den geöffneten Hahn des Samowars, und ein siedender Strahl verbrühte
ihm die Hand.
Jonas machte den Mund weit auf und fing an auf einem Bein im Zimmer zu
tanzen.
Vom Fenster erklang helles Gelächter.
Er blieb stehen, wie wenn ein Blitz von der Zimmerdecke vor ihm
niedergefahren wäre. Mit einem ungläubigen Ausdruck, als trauten sie
sich selbst nicht, richteten sich seine Augen nach dem Fenster.
Er streckte die Hände aus nach dem Bilde hinter der geschlossenen
Scheibe, das ihn auslachte, und das wie Ruth aussah; er wußte nicht, ob
er Ruth träumte, oder ob er Ruth sah.
Aber im nächsten Augenblick schon hatte er das Fenster aufgerissen, daß
es dabei fast in Splitter schlug, und heraus streckten sich die Hände
nach dem lachenden Kopf und hielten ihn fest.
»Aber, Jonas! laß mich nur erst zur Thür hineinkommen!«
»Nein, -- nicht!« murmelte er, als könne sie ihm doch noch wieder wie
ein Traumbild plötzlich entschwinden, »nicht abwenden, ich laß dich
nicht! Zum Fenster herein! Es muß gehen. Setz den Fuß auf die Rampe, --
ganz fest, -- hörst du? Ich hebe dich.«
Sie sah ihn an: das da sagte er nun ganz so wie Erik.
Das Klettern hatte sie noch nicht verlernt. Mit einem Satz stand sie im
Zimmer.
Er ließ sie los. Er trat zurück. Nun, wo sie da vor ihm stand, nicht
mehr hinter einer geschlossenen Scheibe, sanken ihm die Arme. Eine
grenzenlose Befangenheit überkam ihn plötzlich.
»Wie ist es nur möglich, daß du da bist, -- von wo bist du nur
gekommen?« Er starrte sie an, als sei er überzeugt, daß sie vom Himmel
gefallen sei.
»Mit dem Blitzzug. Gestern abend. -- Und -- dein Papa?«
»Er müßte hier sein. Aber jetzt vergißt er die Zeit. Stundenlange Gänge
macht er, allein, -- seit Mamas Abreise.«
»O Jonas, -- daß Mama gesund geworden ist, -- nicht wahr? Ist es nicht
wie ein Wunder, -- immer noch?«
»Ja. Und jetzt werde ich auch Arzt. Weißt du es? Für den Fall, daß du
später einmal krank wirst.«
Sie hatte sich an den Kamin gesetzt und betrachtete ihn mit freudigen,
übermütigen Augen.
»Hoffentlich werde ich später einmal krank. -- -- Wie ist es dir nur
ergangen, Jonas? Du schriebst nie.«
Er sah rot und verwirrt aus.
»Nie? Mir? Ja, ich mußte doch, -- ich dachte ja, -- -- Du! willst du
nicht eine Tasse Thee haben?«
»Nein, danke,« sagte sie lachend; »aber die Hauptsache ist: bald kommst
du nach Heidelberg, nicht wahr? Wie herrlich, Jonas. Da studieren wir
zusammen.«
»Ja,« versetzte er tiefatmend, »-- endlich: -- bald! endlich! endlich
zusammen! Ja, -- siehst du: lang wär's so nicht mehr gegangen. --
-- Hab' gelebt wie im Grabe,« fuhr er mit plötzlich ausbrechender
Heftigkeit fort, »-- muß in deiner Nähe sein, Ruth. -- Bei dir. Ja,
-- du! -- ich liebe ja nur dich. Nur dich lieb' ich, -- -- nimm mir's
nicht übel, -- aber ich lieb' dich wirklich. Kann ja nichts, hab'
nichts, bin nichts, -- muß mich eben erst durchbeißen, -- aber bei dir
sein will ich wenigstens, -- jedem die Faust zeigen, der's auch will,
-- der dir nahe kommen will! Jedem! Hüten soll er sich! Niederschlagen
jeden -- --«
»Jonas! Du rasest!«
Sie war aufgesprungen, blaß vor Schreck.
Er kam zu sich, versuchte zu lächeln, einzulenken, -- und plötzlich
stürzte er vor ihr in die Kniee, das Gesicht in den Falten ihres
Kleides.
»Ach, Ruth! sei nicht böse! Du weißt nicht, -- es war ja so schrecklich
für mich, -- all die Zeit, -- so stumm in mich hineingewürgt, alles.
Sieh mich an, sei nicht böse! Nie wieder, -- es kommt nie wieder,
bis --: Ich weiß, -- ich darf noch nicht. Aber einmal, -- ~einmal~
mußt' ich, -- ich wär' erstickt sonst. Ach, liebe Ruth! Ich bin ja so
grenzenlos unglücklich, bis -- bis du mein -- mein -- geworden bist!«
»Jonas!« flüsterte sie, »-- Jonas, ich bitte dich, -- steh auf, -- laß
mich los, -- du bist wahnsinnig, Jonas! Das kann ja nicht --«
Er klammerte sich an ihrem Tuchrock fest, den sie aus seinen Fingern
losen wollte, -- er umklammerte ihre Hand, ihre Hüfte.
»Es kann nicht?!« schrie er fast drohend, und als sie sich mit einer
unerwarteten Bewegung freiwand, vergrub er wie besinnungslos seine
Zähne in ihren Handrücken.
Dunkel drang das Blut vor.
Sie hatte den Kopf zurückgeworfen und schwieg.
Er stand langsam auf, zur Besinnung gekommen. Er küßte ihre Hand.
»Verzeih mir!« sagte er leise und brach hilflos in Thränen aus, »Ruth
-- hast du mich denn gar nicht lieb? Nicht ein kleines bißchen? Was --
was sind wir uns denn? was -- in Zukunft?«
Sie faßte ihn an beide Schultern; -- angstvoll und liebevoll sah sie
ihm ins verstörte Gesicht.
»Jonas! Jetzt, -- und in Zukunft, -- und immer, -- ~Geschwister~!«
Er nahm ihre Hände von seinen Schultern, ging langsam die wenigen
Schritte bis zur Thür, öffnete sie, -- und stürzte hinaus, über die
Terrasse, die Stufen hinab, und verschwand im Garten.
Totenstill wurde es plötzlich im Hause. Nur die Funken knisterten und
lohten hell auf im Kamin.
Ruth lehnte am Tisch und blickte nieder auf die Blutstropfen auf ihrer
Hand. Langsam errötete sie, immer tiefer, bis ihr das ganze Gesicht in
Flammen stand.
Was that sie hier, -- allein, -- im Hause, -- ein Eindringling, -- der
Jonas hinausgetrieben?