Die Thür war weit offen geblieben. Als sagte sie: »Geh wieder!«

Ruth sah sich um. Nein, niemand sagte es. Auch Klare-Bel nicht. Nur ihr

großer Stuhl stand da, mit einem hohen Schemel davor, -- leer. -- -- --

Als kurze Zeit darauf Erik die Gartenpforte öffnete, saß in der Tiefe

des Gartens, den die kahlen Bäume weithin überschauen ließen, Ruth auf

der Bank unter den überhängenden Birken.

Erik blieb stehen, blickte schärfer hin, und kam langsam näher. Sie

bewegte sich nicht. Wie hingezaubert von seiner Sehnsucht, in den

grauen Frühling hinein, so daß sie ~da~, -- in unsicheren Umrissen,

-- dann immer lebenswärmer, -- immer beseelter vor seinen Augen, kein

blasses Gedankenbild mehr: Wirklichkeit. Weich hob der blonde Kopf sich

ab von den weißlichen Birkenstämmen und dem Gehölz dahinter, das die

Sonne matt durchdrang, in einem Schattenspiel von rosigvioletten

Farben.

Ruth überfiel es wie eine Schwäche, lähmend, je näher Erik ihr kam, je

näher die Wirklichkeit sie umfing, die unsäglich ersehnte. »Zu Hause!

jetzt erst zu Hause!« dachte sie wie im Traum, und ihre Hände hoben

sich ihm entgegen.

Dieses seltsam Stille, dieses Unfähige zu jedem Ausbruch, jeder

lauten Bewegung, hielt auch Erik davon zurück, -- als fürchte er zu

verscheuchen, was er endlich wieder so beredt, so wortlos beredt und

überzeugend vor sich sah: Blick, Ausdruck, Gebärde.

Ueber Ruths Kopf saß in der Birke ein Rotkehlchen, schaukelte sich auf

schwankendem Zweig und sang hell.

Wie Erik vor der Bank stand, flatterte es erschrocken auf und flog

davon.

Er hatte Ruths Hände ergriffen, er hielt sie fest in den seinen, er zog

ihre Hände fest an sich.

»Lieb' -- Liebling!« murmelte er, den Blick auf ihrem Gesicht.

»Ich, -- -- der Brief, -- er machte mir angst,« sagte sie matt, »etwas

Fremdes, -- Zweifel war darin. Ich mußte fort.«

Er hörte nur ihre Stimme; er mußte sie wieder hören.

»Mit dem Rotkehlchen -- hergeflogen?« fragte er.

Sie sah ihn an, -- etwas zaghaft, etwas schelmisch; »Durchgebrannt,«

sagte sie.

Er setzte sich neben sie, ohne ihre Hände aus den seinen zu lassen.

»Von Römers?!«

»Ich mußte. Sie ließen mich nicht. Römer half mir. Aber sie --

sie blieb unerbittlich. Wie entsetzt war sie. ›Nur jetzt nicht!‹

sagte sie immer. Da brannte ich durch. Noch bei Nacht, -- heimlich.

Telegraphierte unterwegs. Ich mußte kommen. -- Durfte ich?«

Sie fragte es schüchtern, um seine nachträgliche Erlaubnis bange, wie

ein Kind. Vor Frau Römer hatte sie bittend auf den Knieen gelegen, --

aber das sagte sie nicht.

Er nahm ihr das mützenartige Barett ab und strich ihr das Haar aus dem

Gesicht zurück. Ganz wiedersehen mußte er sie.

»Ob du durftest? -- ~Heimkommen~, -- ja! Bei Tag und bei Nacht;

heimlich und offen. Es war Zeit. Zwei Wochen später wäre ich gekommen

-- zu dir. Vergiß den Brief, -- alle Briefe, -- das Fremde, den

Zweifel, -- vergiß alles -- alles. Sei nur bei mir.«

Ja, da war es: das Gefühl der Geborgenheit, süß, zwingend,

Heimatsgefühl, -- nein, mehr als nur das, noch etwas andres, -- dieses

Unbedingte und Ausschließliche, das keine Macht im Himmel und auf Erden

ihr gab: nur er ganz allein.

»Was hast du an der Hand? verletzt? laß es mich sehen,« bemerkte er und

wollte das Taschentuch lösen. Sie zuckte zurück. »Thut es so weh?«

»Nein. Nichts. Bitte nicht,« sagte sie hastig, und ein Schatten glitt

über ihr Glück.

Erik stand auf.

»Komm hinein. Komm, Liebling. ~Zu Hause~ bist du erst in meinem Zimmer,

-- im alten Ledersessel, -- nicht wahr? Und hier ist es noch zu kalt

für dich, zu windig.«

Während sie dem Hause zugingen, sagte Ruth: »Unterwegs erfuhr ich durch

einen Zufall von der beschleunigten Badereise. Ist es nicht schlimm,

daß sie noch in die Schulzeit fiel? nicht in die Ferien? Mir thut es so

leid, daß ich nicht mehr rechtzeitig -- --«

»Laß das,« unterbrach er sie halblaut, »-- ich werde dir später alles

erzählen, -- später.«

Ruth wandte aufhorchend den Kopf nach ihm. Etwas, das sie fremd

berührte, klang aus seinem Ton. Es war nur ein einzelner

durchklingender Ton, aber er gehörte nicht zu Erik. Er selbst kam ihr

in diesem Augenblick fremd vor. Er sah unverändert aus, -- wie vorhin,

-- bis auf den Blick. Der Blick war verändert, unsicher.

Erik ließ sie unbemerkt einen Schritt vorausgehen.

Als sie die Stufen zur Terrasse hinaufstieg, folgten seine Augen

aufmerksam jeder Bewegung ihrer Gestalt. Sie war ziemlich stark

gewachsen, gleichzeitig hatte sich aber ihr Körper kräftiger,

weiblicher entwickelt. Die dunkle Tuchkleidung zeichnete die feinen,

weichen Formen ab.

Daß Ruth ihr Haar aufgenommen trug, störte ihn.

»Der Knoten nimmt dich mir fort, -- den duld' ich nicht,« sagte er

beim Eintreten in den Flur, und ehe sie es gewahr wurde, hatte er mit

geschicktem Griff die breite Schildpattnadel aus ihrem Haar gezogen. In

dichten lockigen Wellen fiel es nieder bis zum Gürtel, wie einst.

»Ach nein, -- nicht, -- wo haben Sie die Nadel?« fragte sie verdutzt

und griff nach dem Rücken.

»In meiner Joppentasche. -- Aber wiederhole das noch einmal. Nun?

›Sie?‹ oder ›Du?‹. Im Brief stand einmal ›Du‹. Nur einmal? Oder

eigentlich -- immer?« fragte er leise.

Sie errötete verwirrt.

»Sie -- -- du -- -- ich --«

Die Hand noch in ihrem Haar, bog er sanft, unwiderstehlich ihren Kopf

nach vorwärts, so daß sie das ganze in Glut getauchte Gesicht zu ihm

aufheben mußte. Sie schloß unwillkürlich, erschauernd, die Augen und

gab seiner Hand nach.

Leidenschaftlich, tiefernst forschten seine Blicke in ihren Zügen.

»Mein. Mein Fürstenkind, meine Königin,« flüsterte er.

Und er beugte sich, und seine Lippen küßten den leise bebenden Mund.

Ruth zuckte unmerklich. Er gab sie sofort frei, und öffnete die Thür zu

seinem Arbeitszimmer.

»Hier wartet dein alter Platz auf dich,« sagte er und ging dem Fenster

zu. Aber sie war nicht gefolgt. Dem Fenster gegenüber, am Ofen, blieb

sie stehn, den Kopf mit dem aufgelösten Haar gegen die weißen Kacheln

gelehnt, die Hände auf dem Rücken verschränkt. Ganz versonnen sah sie

hinauf zur Zimmerdecke mit fragenden Augen und träumerischem Gesicht.

»Was ist dir?« fragte er unruhig, »-- Ruth! -- was ist dir?«

Es drängte ihn, sie in die Arme zu schließen, -- sie wachzuküssen: »Du

liebst mich, -- du liebst mich ja, du weißt es noch nicht, aber ich

weiß es für dich! Weiß es gewiß, -- fühle es, sehe es, daß sie da ist,

-- daß deine Liebe, die Liebe des Weibes, da ist!«

Aber er schwieg.

Ja, sie war da, -- und doch konnte er so nicht handeln, so nicht

sprechen, ohne sie zu verscheuchen. Sie war da, -- wie das Rotkehlchen

auf dem schaukelnden Zweig, das aufflog bei seinem Nahen. Sie war da,

-- aber greifen konnte er sie nicht.

Erik blickte einen Augenblick schweigend in den Garten hinaus, dann

setzte er sich in den alten Ledersessel am Fenster.

»Du bist also doch nicht heimgekommen, Ruth,« sagte er, »nicht ganz

zurückgekommen zu mir. Irgend etwas in dir verschließt sich vor mir, --

will mich nicht einlassen. Nicht bis in den geheimsten Winkel deiner

Seele. Nicht in alles. Ich bin dir fremd geworden.«

Da löste sie sich vom Ofen, sie flog zu ihm, sie glitt nieder zu seinen

Knieen, -- ganz blaß.

»Ja!« sagte sie außer sich, »-- fremd, -- etwas Fremdes, -- ich kann es

nicht verstehn und quäle mich.«

»Was ist es? Sage es mir.«

»Ich kann nicht,« murmelte sie.

»Doch, doch! Du kannst. Mußt es wieder lernen, -- zu sprechen, oder

auch nur zu stammeln, aus dem Innersten heraus, -- noch aus dem

Unklarsten, Unverstandensten --. Es ist nur Scheu. Ueberwinde sie.«

»Es ist, -- im Kuß war es,« sagte sie leise.

»Hat es dich verletzt, -- daß ich dich geküßt habe?«

»Mich?! verletzt? mich?! nein! -- was liegt an mir?«

»-- Für mich -- alles, Ruth. -- Aber warum quält es dich dann?«

Sie verbarg ihr Gesicht in ihren Händen.

»-- Weil, -- es ist dasselbe, was im Brief war, nur in diesem einen,

-- als ob er gar nicht von Ihnen kam, -- und dann: wie ich von Ihrer

Frau sprach, im Garten, -- und dann: im Kuß, -- da fühlte ich es ganz

deutlich, das Fremde darin, und daß es -- --«

»Daß es --?«

»Daß es nicht sein soll,« flüsterte Ruth, »weil es ist, als ob ~Sie~ es

nicht sind. Ein Fremder. Ein Schlechterer.«

Er antwortete nicht.

Wie sie aufblickte, schüchtern, fragend, da hatte er die Augen

geschlossen.

Nach einer Pause sagte er mit gedämpfter Stimme: »Du täuschest dich.

Es ist nichts Fremdes, -- nichts Schlechtes. Ich bin es selbst, --

und in dir selbst ist es, du erkennst es nur nicht, -- mit deinen

Kinderaugen.«

Er strich ihr über das Haar hin, und sah hinweg über sie, die, den Kopf

unter seiner Hand gebeugt, erwartungsvoll lauschte.

»Weißt du noch, -- als du das erste Mal hier warst, -- was wir da an

dieser Stelle miteinander sprachen, und was ich dir versprach? Ich

wollte dich aus der Welt der Phantasie, in der du träumtest, in die

Welt des wirklichen Lebens führen. Das ist damals geschehen, Ruth, und

du bist nicht das Kind mehr, das träumt, sondern ein voll erwachender

Mensch, der lebt, -- lebt mit allen seinen jungen Kräften. Aber weißt

du, wodurch das gelang? wodurch ich dich so in deinem ganzen Wesen habe

bestimmen und entwickeln können? Nur weil es einen einzigen Punkt gab,

wohin sich alle vertriebenen Traumgeister, alle verstummten Märchen,

alle Mächte der zaubernden und dichtenden Phantasie flüchteten. Dieser

Punkt war dein Verhältnis zu mir. Da ging dein Blick noch nicht

auf die Wirklichkeit, sondern, über jede Wirklichkeit weit hinaus,

auf alles, was einem Kinderherzen anbetungswürdig ist. Da lebtest

und gehorchtest du nicht einem Menschen, sondern einem über alle

Menschen emporgehobenen Bilde, -- in deinem Innern. Aber diese ganze

Traumschönheit, Ruth, in der dein Verhältnis zu mir noch steht, --

sie ist dennoch nur eine glänzende, strahlende Form, eine kindliche

Umhüllung, -- nicht das Wesentliche daran. In ihr schläft, wie in einem

Märchen, die dir unbekannte Wirklichkeit und Menschlichkeit und wartet

darauf, daß sie erwachen darf. Erwachen aus dem Traum zum Leben, wie

dein ganzes übriges Wesen.«

Er brach ab.

Sie sah aufmerksam und ernsthaft auf, bemüht, seinen Worten genau zu

folgen.

»Deine schönen Märchengeschichten,« fuhr er nach einer kurzen Pause

fort, »habe ich dir zerschlagen müssen, weil sie dein volles Leben

aufhielten. Das schmerzte nicht sehr, denn die saßen ja nur in deinem

Kopf. Wenn ich nun die Phantasiewelt zerstören muß, die mit deinem

ganzen Herzen verwachsen ist, -- und dir Schmerz damit zufüge, -- wirst

du dein Vertrauen behalten, Ruth, deine Liebe -- zu mir?«

Sie versuchte aufzustehn, ein Gefühl der Angst überkam sie plötzlich.

Er hielt sie zurück.

»Höre mich, Ruth. Wenn ich dir nun sagen würde: der Brief, daß der dir

fremd klang, war, weil ich selbst in Zweifel und Zwiespalt und Angst

war; -- daß ich dich küßte, war, weil ich nach Glück durstig war und

mein Glück langer nicht entbehren kann; -- daß ich es nicht ertrug,

dich von meiner Frau sprechen zu hören, war, weil -- ich keine Frau

mehr habe, -- weil sie sich von mir trennen wird.«

»Nein!« sagte Ruth atemlos, »das würd' ich nicht glauben. Nicht

glauben, auch wenn Sie es mir -- -- Nie und nimmer kann das sein. Kann

nicht. Denn sie -- sie war ja so glücklich -- bei Ihnen.«

»Sie?« antwortete er schwer, »-- ja, Ruth, -- sie war es wohl, --

früher. Nicht ihretwegen muß es sein. Meinetwegen. Deinetwegen.«

Ruth hatte sich langsam erhoben. Auf ihrem Gesicht prägte sich ein

grenzenloses Befremden aus, -- Zweifel, Unglaube, ja, Entsetzen prägte

sich darauf aus. Ihr war, als müsse sie nach einem Entfernten, -- nach

Erik rufen, -- ihn zu ihrer Hilfe rufen, vor einem Unverstandenen,

Unbekannten. Aber er -- er war es ja gerade, der da vor ihr stand --.

Erik sah den Wechsel in ihren Zügen, die Selbstbeherrschung verließ

ihn. Er fühlte nur noch Angst, -- die Angst, sie zu verlieren.

»Ruth!« rief er, »verzeih, daß du vor mir gekniet hast. Ich will es

thun, vor dir. Nur sei mein! Nicht nur mein Kind mehr, -- du bist kein

Kind mehr, -- ein Weib, -- mein Weib!«

In diesem Augenblick wurde die Thür vom Flur aus aufgerissen. Jonas

erschien auf der Schwelle. Er trat nicht ein. Er warf die Thür wieder

ins Schloß. Man hörte ihn sich entfernen.

»Jonas!« murmelte Ruth, halb bewußtlos, »-- wir müssen, -- er hat

gehört, -- wir müssen nach Jonas sehen.«

Während sie es sagte, ertönte ein dumpfer Fall. Erik sprang auf. Ruth

war schon bei der Thür. Sie öffnete sie.

Im Flur lag Jonas am Boden, -- lang hingestreckt. Mit dem Kopf war er

im Fallen gegen den Mantelständer geschlagen. Ueber seine linke Schläfe

träufelte Blut.

Ruth stieß die Mittelthür auf. Sie half Erik, ihn hineinzubringen in

das anstoßende Zimmer, auf sein Bett. In den nächsten Minuten sprachen

sie kein Wort. Sie waren stumm um ihn beschäftigt.

»Die Wunde ist gering,« sagte Erik nach einer kurzen Weile halblaut,

-- und dann, über ihn gebeugt: »Er kommt zu sich.«

Ruth fuhr zusammen. Sie trat vom Bett zurück; ihre Augen richteten sich

auf Jonas mit einem Ausdruck des Grauens, daß er sie erkennen, -- daß

er sie sehen würde.

Sie machte Erik ein stummes Zeichen, und ging leise in sein

Arbeitszimmer zurück.

Dort blieb sie verwirrt stehen.

Hier? Hier konnte sie noch weniger bleiben. Wo denn? Nirgends konnte

sie bleiben, -- nirgends. Im ganzen Hause nicht. Sie mußte also fort.

Fort, ehe Erik kam. Fort, ehe Jonas kam.

Und unwillkürlich wandte sie sich wieder der Thür zu, durch die sie

soeben aus dem Schlafzimmer eingetreten war.

Nein, -- wohin? Dorthin durfte sie nicht! Abschiednehmen? von wem? Ohne

Abschied mußte sie fort. Heimlich. Unbemerkt. -- Für immer?

Sie trat in den Flur hinaus, -- wie hinausgetrieben von ihren eigenen

verwirrten Gedanken. Dort blieb sie von neuem zaudernd stehn.

Auf dem Boden, wo Jonas mit dem Kopf hingeschlagen war, sah man ein

paar kleine hellrote Flecke. Darüber, am Ständer, hing Eriks Mantel.

Der weite, dunkle Reisemantel, den er damals trug, -- als sie fort

sollte, -- und er heimkehrte, -- und als sie ihm an die Brust fiel. --

--

Ruth stand und starrte den Mantel an. Mit klopfendem Herzen und

verhaltenem Atem.

Und plötzlich, da wachte es auf in ihr und riß alle ihre Gedanken mit

sich fort, -- wild, glühend, unerträglich, -- das Trennungsweh.

Mit den Händen faßte sie den Mantel, sie vergrub ihr Gesicht in seine

losen, weichen Falten, mit geschlossenen Augen atmete sie den schwachen

Duft in sich ein, der sie an Erik erinnerte, mit bebenden Lippen küßte

sie den Saum.

Damals, -- wenn er ihr befohlen hätte, ihm zu folgen, wohin es sei,

wozu es sei, -- bis in den Tod, bis in das Verbrechen hinein, -- hätte

sie es nicht blind gethan?

Sie drückte die Zähne zusammen; sie stöhnte, und ihr war, als müßte sie

gleich laut schreien.

O Gott, auch jetzt, -- wenn er ihr befohlen hätte, ihm zu folgen, wohin

es sei, wozu es sei, -- sie hätte es blind gethan! Blind gehorchend,

-- gegen allen Augenschein, gegen alles eigene Wissen und Verstehen!

Mit ihr durfte er thun, was er wollte. Was ihr auch durch ihn geschehen

mochte, -- was lag an ihr? Er aber mußte für sie da oben bleiben, wo

sie ihn gesehen, -- sein Leben und sein Haus mußten bleiben, was sie

gewesen, -- an ihm lag Alles!

War er sonst noch ~Erik~?

Sie sah ihn vor sich, wie in weiter Ferne, wie er im vergangenen Mai

im Mittagssonnenschein dastand, lichtüberstrahlt, die kranke Frau in

seinen starken Armen. So hatte Ruth ihn zuerst mit ihr gesehen, -- so

ihn geliebt und angebetet, daß selbst das Mitleid darüber verflog. »Du

allzuleichte Last!« scherzte er, und Klare-Bel lachte dazu und schlang

vertrauend die Hände um seinen Nacken.

Aber nun -- nun riß er ihr die Hände vom Nacken, und das glücklich

vertrauende Lachen verstummte, -- und sie, die sich an ihm

festgehalten, ließ er fallen, -- er öffnete die Arme und ließ sie,

die Hilflose, zu Boden fallen, -- denn eine Last war sie, eine

allzuschwere Last für seine Kraft. Frei haben mußte er die Arme, die

sich ausbreiteten nach Ruth.

* * * * *

Ruth richtete sich auf; sie strich das Haar aus ihrem Gesicht und

schlich langsam zurück in Eriks Arbeitsstube. Auf dem Schreibtisch lag

ein Haufen weißer unbeschriebener Blätter. Sie beugte sich darüber und

fing an zu schreiben. »Ich muß fortgehen!« schrie es in ihr. Aber Eriks

Bleistift formte die Buchstaben ganz anders. So kam heraus: »Ich gehe

nicht fort. Ich gehe und bleibe Ihr Kind.«

Sie blickte auf die zitternden Bleistiftstriche nieder wie auf eine

fremde Schrift. Das wollte sie also thun? Ja, das wollte sie. Er

hatte ja heute gesagt, das alles sei nur in ihrer Phantasie gewesen,

in ihrer Einbildung, daß sie sich als sein Kind gefühlt habe, -- so

ganz als sein Kind. Aber es konnte doch noch eine Wirklichkeit werden.

Wenn sie es selbst verwirklichte. Es in ihrem ganzen künftigen Leben

verwirklichte. Wenn sie ganz das wurde, was er sie gelehrt, was er mit

ihr gewollt, als er sie zu sich nahm. Ein Stück von ihm, ein Werk von

ihm. Sie hatte ja alles von ihm, -- nur von ihm allein. Sie kannte alle

seine Gedanken, alle seine besten. Die sollten lebendig werden, nicht

nur geträumt: gelebt. Von ihr für ihn.

Ruth nahm das Papier vom Schreibtisch und legte es auf den Lehnstuhl.

Aber trotz dieser kühnen Vorsätze war ihr gar nicht kühn zu Mut,

sondern elend und hilflos. Sie hatte ein einziges namenloses Verlangen:

sich auf den Boden zu werfen und zu weinen. Erik herbeizuweinen.

Aber da vernahm sie in ihrem Herzen seine Stimme, -- seinen

eindringlichen, kurz überredenden Ton: »Den eigenen Willen festhalten!

Haltung! Sich selbst gehorchen, -- hörst du?«

Das war doch sonderbar. Klarer, sicherer, wesenhafter denn je stand er

ihr bei: Erik gegen Erik.

Leise schlich sie sich aus dem Hause.

Unten erst, an der Gartenpforte, blieb sie stehn und blickte zurück.

Nein, dafür konnte er nichts, -- Erik konnte nichts dafür, daß er

anders war, und daß das Leben anders war, als sie es sich ausgedacht

hatte. Im wirklichen Leben gab es nun einmal ihre Phantasiegeschichten

gar nicht. Die mußte man erst hinzuthun.

Und hatte sie alles das nicht nur geträumt, -- das ganze verflossene

Jahr? Wie sie so dastand im Sonnenschein und Vogelsang, da mochte es

ihr wohl scheinen, als sei sie zurückgekehrt zum vergangenen Mai, wo

sie bange und allein, arm und einsam, hier an der Pforte lehnte und in

den Garten sah. Damals meinte sie: von hier ginge der Frühling aus, der

ganze wunderschöne, der draußen blühte. Und da träumte sie sich ein

Märchen, das »allerschönste von allen«.

Ja, das allerschönste von allen.

So schön, daß sie es nie wieder vergessen konnte. Nein, niemals.

So schön, daß sie es nie hergeben konnte für etwas andres, was ihr das

Leben bot. Niemals.

So schön, daß es nichts mehr geben konnte, -- im ganzen Leben nichts,

-- was sie nicht immer daran messen, immer damit vergleichen, -- und zu

gering befinden würde.

* * * * *

Ruth öffnete die knarrende Pforte und trat auf die Straße hinaus. Ohne

es selbst zu wissen, hob sie ihre Hand und strich leise, liebkosend

über die kahlen harten Fliederzweige hin, die den Zaun in dichtem

Buschwerk umwuchsen.

Dann ging sie, ohne sich noch umzuwenden, mit gesenktem Kopf den

Landweg zwischen den Birken zurück zur Station, und ihr langes loses

Kinderhaar flatterte im Frühlingswinde. --

* * * * *

Erik stand noch bei Jonas am Bett. Jonas hatte die Augen aufgeschlagen,

den Vater neben sich erblickt, war zusammengezuckt und hatte von neuem

die Augen geschlossen. Kein Wort fiel zwischen ihnen.

Erik begriff nun den ganzen Zusammenhang, begriff vieles, wofür ihm

wohl eher das Verständnis hätte aufgehen müssen, wenn er Gedanken dafür

übrig behalten hätte. Der atemlose Fleiß von Jonas, seine Begierde nach

Selbständigkeit, sei es auch im engsten Leben, -- dieser Anstrich von

Philistrosität, diese Abkehr von aller fröhlichen Unbesonnenheit und

Thorheit wurden Erik jetzt verständlich. Nicht Mangel an Temperament,

an Jugendfeuer war das gewesen, -- sondern eiserne Ausdauer,

Selbstbeherrschung.

Kinderei oder nicht, -- es lag Kraft darin. Er achtete seinen Jungen.

Aber der -- -- achtete ihn nicht.

Jetzt, in dieser Stunde nicht. Ein ganz neues Verhältnis zu seinem

Sohn, ein ganz neuer Kampf erwartete Erik jetzt, und er mußte nun seine

volle Kraft zusammennehmen, um darin zu siegen.

Ein leises Knaben der Gartenpforte weckte ihn aus diesen Gedanken. Bei

dem kaum hörbaren Geräusch durchblitzte ihn ein plötzlicher Schreck.

Er öffnete die Thür zu seinem Arbeitszimmer. Ruth war nicht darin. Er

ging über den Flur in das Wohnzimmer. Ruth war nicht da.

Erik stieg in den Garten hinunter. Eine furchtbare Beklemmung drückte

ihm die Brust zusammen.

»Ruth!« rief er laut, und erkannte seine eigene Stimme nicht.

Alles blieb still. Es blieb still, wie weit er auch hineinging, bis an

die Bank vor dem Gehölz.

Nur ein Rotkehlchen saß auf dem Birkenzweig über der Bank und sang.

Es ließ sich nicht einmal durch die Menschenschritte schrecken; ganz

regungslos saß es da, mit erhobenem Köpfchen, ganz selbstvergessen, --

und sang und sang in den grauen Frühling hinein --.

Verlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger in Stuttgart.

Andreas-Salomé, Lou, Ruth. Erzählung. Geh. M. 3.50 Geb. M. 4.50

2. Aufl

--"-- Aus fremder Seele. Eine Geh. M. 2.-- Geb. M. 3.--

Spätherbstgeschichte.

Bobertag, Bianca, Moderne Jugend. Roman. Geh. M. 4.-- Geb. M. 5.--

Bourget, Paul, Das gelobte Land. Roman. Geh. M. 3.-- Geb. M. 4.--

Boy-Ed, Ida, Die Lampe der Psyche. Roman. Geh. M. 4.-- Geb. M. 5.--

Ebner-Eschenbach, M. v., Erzählungen. Geh. M. 3.-- Geb. M. 4.--

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--"-- Boŭna. Erzählung. 3. Aufl. Geh. M. 3.-- Geb. M. 4.--

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Mauthner, Fritz, Hypatia. Roman. Geh. M. 3.50 Geb. M. 4.50

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