Eine Fülle widerstreitender Empfindungen wühlte es in ihm auf. Was
für ihn wie für Ruth diesen Briefwechsel nüchtern machte, -- im
lebhaftesten Plauderton noch kalt und stumm, -- das mochten wohl zwei
ganz entgegengesetzte Gefühle beim Lesen der Briefe sein.
Für ihn war's ein Abzug am Vollen, Menschlichen ihrer Persönlichkeit,
ihres innersten Wesens, das in Worten nur seine Oberfläche zu zeigen
vermochte. Für ~sie~ war's vielleicht ein Zusatz zu seiner menschlichen
Persönlichkeit, eine ~Verklärung~ derselben: er hatte ihr ja auch
mündlich sein innerstes Wesen verschweigen müssen, und gerade das
idealisierte sie sich nun vielleicht aus seinen geschriebenen Worten,
-- »ungefähr so, wie die Kinder sich den lieben Gott vorstellen.«
Daher war ihm auch nie von selbst das Bedenken gekommen, sie könne an
seinen Briefen ebensoviel auszusetzen haben, wie er an den ihren. Denn
er hatte gefühlt: in seinen Briefen ergriff sie seine Hand und ging an
derselben vertrauensvoll ihren Weg. Gehorsam -- froh. Denn sie litt
doch nicht? Nein, das that sie gewiß nicht.
Man hatte sie dort mit einem Leben umgeben, das sie unausgesetzt
anregen, bereichern, entwickeln mußte, -- sie beglücken und sie
erfüllen. Und mit ihrer unbegrenzten Empfänglichkeit stand sie mitten
in diesem Leben, -- wie mit weit ausgebreiteten Armen.
Nein, sie -- sie litt nicht.
Auch Klare-Bel war verstummt. Wieder hing jeder seinen eigenen Gedanken
nach, und wieder wurde es heute ein schweigsames Abendessen. Wie sie
da zu dreien bei einander saßen, eng zusammen, in herzlicher Neigung
verbunden, blieben sie doch einander so weltenfern entrückt, daß keiner
von ihnen teil hatte an der stummen Welt des andern.
Als nach dem Essen Erik sein Zimmer nicht wieder verließ, setzte Jonas,
ohne Schularbeiten, sich zur Mutter.
»Wenn Papa nicht da ist, muß ich ihn ersetzen,« versicherte er, »kann
ich dir nicht schon bald fast dasselbe sein wie Papa? Einen guten Kopf
größer als du bin ich doch schon, meine kleine Mama.«
Sie sah ihn mit einem tiefen, stillen Blick an, den er nicht verstand.
Dann streckte sie ihm über den Tisch ihre Hand hin.
»Mein lieber Junge. Ja, mir kannst du bald -- viel sein. Wirst du es
auch nicht vergessen, später, über all dem Studieren? Du mußt mir viel
-- viel Freude machen, Jonas.«
»Ich werde dir ganz ungeheuer viel Freude machen, Mama,« erklärte er
treuherzig, »das werde ich ganz bestimmt. Denn ich werde etwas ganz
Ausgezeichnetes werden. Das muß ich.«
»Freust du dich sehr auf das ungebundene, neue Leben draußen?«
»Auf draußen, -- ja. Aber das mit dem ungebundenen Leben finde ich gar
nicht so schön. Ich finde es viel schöner so, wie Papa es gehabt hat.«
»Wie denn, mein Kind?«
»Nun, doch so ganz gebunden, Mama. Mit dir zusammen. Das kann ich mir
nämlich so wunderschön ausmalen. Fast als ob --. Eine Studentenstube,
-- ganz klein braucht sie ja nur für den Anfang zu sein, und an den
Wänden Bücher, und auf dem Tisch eine Kochmaschine zum Selbstkochen. In
der Ecke ein schönes Skelett und am Fenster viele Blumen. Da sitzt die
Frau mit dem Nähzeug. Und bei den Büchern, da sitze ich, -- ich meine:
sitzt Papa.«
»Ganz so war es wohl nicht. Nicht so eng. Für Blumen und Kochmaschinen
und Nähzeug schwärmte Papa nicht sehr. Und wenn er bei den Büchern war,
dann mußte er in seinem Zimmer allein sein. Da warst nur du bei mir. In
einer kleinen Wiege.«
»Eine kleine Wiege?«
Jonas wurde ziemlich rot. An dieses Stück der Zimmereinrichtung hatte
er noch gar nicht gedacht. Er sagte etwas befangen: »Nun ja. Aber
wenn du auch nur nebenan gesessen hast, so war es doch ~das~, was ihn
fleißig machte. Und eben das denke ich mir so herrlich beim Studieren,
wenn man's für jemand thut, den man so über alles lieb hat.«
»Das sage du Papa lieber nicht. Das würde ihm vielleicht mißfallen. So
hat er es mit seinen Studien und Plänen wohl nie gemeint. Er war so
ganz anders, als du bist, Jonas. Aber unendlich gut und klug war er.
Und als er anfangen mußte, sich ums Brot zu plagen, und es mich grämte,
da lachte er mich so herzlich aus und sagte: ›Laß gut sein, Bel, ich
hab' ein Mittel, ein Zaubermittel, um frisch zu bleiben, -- mag es noch
so viel Plage geben, -- frisch für meine Ziele: das Mittel bist du,
Bel‹. Ja, so sagte er.«
Jonas schwieg. Er wollte den Vater nicht vor seiner Mutter herabsetzen,
aber in diesem Punkte fühlte er sich ihm weit überlegen.
»Man kann noch tausendmal mehr lieben!« dachte er im stillen.
Klare-Bels Gedanken aber träumten sich, schmerzlich und beglückt, in
die Zeit ihrer Studentenehe zurück. Sie sah alles vor sich, als habe
sie es eben erst verlassen, und durchwanderte jeden Winkel, der ihr
Glück beherbergt hatte. Sie sah auch die Stube, wo er über seinen
Arbeiten saß, und sie ihn leise, -- ganz leise mußte es sein, --
umsorgte. Aber gerade dieses Bild verwischte sich ihr, wurde undeutlich
wie vor Thränen. An Eriks Stelle saß ein andrer, -- saß Jonas; -- und
immer wieder, mit einem dumpfen Zukunftsgrauen, erblickte sie sich
allein, -- allein mit dem Sohn.
Die Nacht lag Klare-Bel wach, und als sie gegen Morgen einschlummern
wollte, schreckte der Gedanke sie auf, als müsse sie über irgend etwas
angestrengt und mit Schmerzen nachgrübeln.
Am folgenden Tage fielen die Schulstunden aus; irgend einer der
zahlreichen griechischen Kirchenheiligen wurde gefeiert. Erik setzte
sich am Vormittag mit einigen Büchern und Papieren ins Wohnzimmer, wo,
in der Nähe des Kaminfeuers, ein Schreibtisch für ihn improvisiert
worden war. Draußen stöberte ein ganz feines Schneewetter aus ein paar
finstern Wolken, hinter deren blau-schwarzem Rande die Aprilsonne
neckend bereits wieder hervorlachte. Hell und dunkel glitt es über das
Zimmer hin.
Klare-Bels Augen hingen mit einem wehmütigen Ausdruck am Arbeitenden.
Heute morgen wollte sie ihn fragen. Sie hielt es nicht länger aus. Wie
hatte sie nur denken können, seine Briefe würden ihn ihr verraten?
Denn Ruth war ja noch so ganz unbewußt gewesen. Zu ihr konnte er nicht
offen sprechen. Daher gerade der auffallend zurückhaltende Ton. Vor ihr
verbarg er sich -- befangen und mühsam.
»Wo steckt Jonas eigentlich?« fragte Erik, über seine Ausarbeitungen
gebeugt.
»Jonas ist nun doch wieder zur Stadt gefahren. Er wollte so gern seinen
Freund besuchen.«
»Hoffentlich doch nicht, um wieder zu arbeiten, -- mit dem Freunde?«
»Vielleicht. Laß ihn, Erik. Ist er nicht ausgezeichnet geworden?«
»Ja. Höchstens zu ausgezeichnet. Er hat viel vor sich gebracht, das
muß man dem Jungen lassen. Sowohl was seine Fähigkeiten wie seine
Ausdauer betrifft, hat er meine Erwartungen im letzten Halbjahr weit
übertroffen.«
»Nicht nur das. Er ist dabei so verständig geworden. Ihm steckt kein
Unsinn im Kopf. Keine Kindereien.«
»Ja. Gerade das mißfällt mir. Dafür ist er zu jung. Wenn er nur nicht
eng wird. Mit siebzehn Jahren muß man nicht Philister sein.«
»Ach, Erik, wenn er nur brav wird.«
»Das kann er immer noch. Zunächst soll sein Temperament heraus!
Heidelberg wird ihm gut thun, denke ich, und Römers Einfluß. Man muß
sorgen, daß er sich frei bewegen kann. Weder Zeit noch Geld darf ihm
knapp zugemessen werden.«
»Wie gut er ist!« dachte Klare-Bel, »ja, in solchen Dingen ist er immer
unendlich gut gewesen. Würde sich plagen für den Jungen, damit der
lernen kann, zu genießen.«
Mehrere Minuten vergingen in Schweigen. Eriks Gedanken liefen voraus,
dem Herbst entgegen, wo Jonas nach Heidelberg abging. Allerspätestens
dann mußte er Ruth wiedersehen, sie sprechen. Vielleicht aber schon
früher. Wenn Klare-Bel so ins Bad reiste, daß er sie mit Beginn der
Sommerferien in Deutschland abholen konnte.
»Erik!« sagte eine Stimme neben ihm.
Er sah zerstreut auf. Seine Frau stand am Schreibtisch -- ohne ihre
stützenden beiden Stöcke. Sie hatte sich selbständig erhoben und war
durch das ganze Zimmer zu ihm hingegangen, -- allein.
Sie hatte es heimlich geübt, mehrere Tage.
Erik vermochte nicht gleich aus seinen Gedanken herauszukommen. Er
blickte sie nur fragend an, ohne zu beachten, was ihn überraschen
sollte.
Er bemerkte es nicht.
Auf Klare-Bels Lippen erstarb ein Lächeln.
»Ich wollte dir nur zeigen, was ich kann,« sagte sie, mit einer
gewaltsamen Anstrengung, es unbefangen zu sagen.
Aber es mißlang. Sie erblaßte. Und plötzlich schwankte sie und glitt
dem erschrocken Aufspringenden in den Arm.
Er führte sie langsam zu ihrem Lehnstuhl, besorgt, über sie gebeugt.
Jetzt war er ganz bei ihr.
»Ist dir besser?« fragte er herzlich und zog sich einen der niedrigen
Polstersessel vom Kamin heran, »die Selbständigkeit bekommt dir
schlecht, meine arme Bel.«
Sie sah den Scherzenden mit einem langen, stillen Blick an.
»Ich muß sie doch lernen, Erik!« entgegnete sie doppelsinnig.
Sie lehnte den Kopf müde zurück und schloß die Augen. Und so, mit
geschlossenen Augen, während er ihre Hand festhielt und leise
streichelte, sagte sie: »Siehst du, -- ach, Erik, es war ja gewiß recht
kindisch. Aber siehst du, -- hierauf hab' ich mich ja schon so lange
gefreut. Auf deine Freude, -- wenn ich einmal so zu dir käme, -- ohne
Stütze, auf eigenen Füßen. Es war so kindisch. Aber nun ist mir aller
Mut abhanden gekommen, dich zu fragen, Erik.«
»Wonach wolltest du mich fragen, Bel?« Er sprach mit gepreßter Stimme,
gedämpft, wie immer, wenn er eine Erregung niederhielt.
»Ja, Erik, ich dachte: wenn du dich nun so freutest, und mich in die
Arme schlössest, -- nicht wie jetzt, weil ich fiel, sondern weil ich
stand, aufrecht neben dir stand, -- dann wollte ich dich fragen, --
ganz leise wollte ich dich fragen, -- ach, Erik! ich kann es nicht
mehr.«
Er faßte ihre beiden Hände in die seinen und blickte durchdringend,
mit gespanntester Aufmerksamkeit in das erblaßte Gesicht mit den fest
geschlossenen Augen. Sein Herz schlug hart gegen die Brust.
»Ich will es dir sagen, Bel!« erwiderte er fest, ohne den Blick von ihr
zu lassen, »wenn es dich gequält hat, dann muß es sein. Hast du den
Mut, es zu hören? Willst du es?«
Sie schlug ihre Augen auf, -- hilflos, thränengeblendet, -- hilflos wie
ein gestelltes Wild vor dem Schuß.
»Erik!« stieß sie flüsternd heraus, und das Entsetzen vor seiner
Antwort vergrößerte ihre Augen, »-- Erik, liebst du sie?«
Da beugte er den Kopf tief nieder auf ihre Hände.
»Ja, Bel,« sagte er laut.
In demselben Augenblick durchflutete ein so breiter Sonnenstrom
das ganze Zimmer, daß Klare-Bels Lider sich unwillkürlich davor
schlossen, in einem abergläubischen Erschrecken, wie wenn der Himmel
selbst Zeugnis ablegen wollte für Eriks Liebe. Blau lachte es herab,
und wie ein blitzendes Goldnetz von Tauperlen blinkten die rasch
zerronnenen Schneefederchen über dem Garten. So warm spielten die
hellen Sonnenstrahlen über den Fliederstrauß am Fenster hin, als sei er
draußen vom Strauch geschnitten.
»Dunkel,« bat Klare-Bel leise, »-- ich möchte auf mein Bett, -- mach's
dunkel.«
Er hob sie aus dem Stuhl und legte sie in ihrem anstoßenden kleinen
Gemach auf ihr Bett, hinter welchem er die Fenstervorhänge aus den
Klammern löste und zuzog.
Sie suchte nach seiner Hand.
»Die Briefe, Erik, -- wie du ihr geschrieben hast, -- war es lauter
Verstellung? Oder hast du ihr -- hast du nicht auch anders geschrieben?
Niemals?«
»Ich habe ihr auch anders geschrieben, Bel. Ganz anders. Jedes einzige
Mal, daß ein solcher Brief an sie abging. Aber es war nur für mich
allein. Sie hat's nie gelesen.«
»Du hast es nicht abgeschickt? -- Hast du diese Briefe noch, Erik?«
»Nein. Ich habe sie jedesmal, sobald sie geschrieben waren,
vernichtet.«
»Wozu hast du es dann nur gethan, Erik?«
»Es half mir.«
Fast hätte er hinzugefügt: »Ich liebe sie ja, Bel! Ich liebe sie! Ich
mußte zu ihr sprechen.«
Nach einer Weile ließ Klare-Bel seine Hand los und sagte leise: »Und
ich hatte keine Ahnung, -- nein, keine Ahnung hatte ich, daß du sie um
deswillen von dir gabst. Nun erst weiß ich es.«
Er richtete sich betroffen auf. Mißverstand sie ihn jetzt nicht? Meinte
sie nicht, er habe Ruth von sich gegeben um ihretwillen? um Herr zu
werden seiner Liebe?
Mußte er ihr die letzte, die tödlichste Kränkung zufügen: »Nicht an
dich habe ich dabei gedacht.«
Ja, einmal mußte auch das sein. Aber mußte es heute sein? Alles heute?
Litt sie nicht genug, -- maßlos?
Er vermochte es nicht.
Da Klare-Bel nicht mehr zu ihm sprach, trat er von ihrem Bett zurück,
an die offene Thür des Wohnzimmers.
Gräßlich war es, einen Wehrlosen niederzuschlagen mit der Faust. Das
Mitleid überfiel ihn mit nie gekannter mitleidsloser Macht, -- mit
einem nie gekannten wehen, elenden Gefühl umkrallte es ihn.
Das Kaminfeuer knatterte hoch auf unter kurzen Windstößen; der Himmel
hatte sich längst wieder verfinstert. Von neuem stäubte ein feiner
Schneeschauer um das Fenster, -- dasselbe Aprilspiel wie zuvor.
Erik warf gedankenlos eine Handvoll Tannenzapfen in die rote Glut,
und ein schwacher Duft, den er liebte wie keinen andern, -- ein Duft
nach Wald und Weihnachten verbreitete sich in der Stube. Unwillkürlich
dachte man sich den kahlen, kalten Garten im Winterfrost und einen
geputzten Christbaum in der Zimmerecke.
Weihnachten, -- -- -- auch in diesem Winter hatten sie den Baum
geschmückt und sich um ihn geschart, aber zum erstenmal hatten sie sich
wie drei arme Erwachsene gefühlt, die am Fest der Kinder leer ausgehen.
Erik, der zu beschenken wußte, wie nur ein Knecht Ruprecht, und sich zu
freuen, wie nur ein Kind, war karg, -- war wortkarg geblieben.
Es kam ihm selbst sonderbar vor, daß sich sein Mitleid an lauter solche
kleinen, kleinlichen Rückerinnerungen heftete.
Langsam begann er im Zimmer auf und ab zu gehen.
Nicht daß sie jetzt dalag und litt, -- aber daß sie so lange -- lange
umsonst auf seine Freude gewartet hatte, in seinen Zügen nach Freude
gespäht, all diese Monate hindurch, -- das erschütterte ihn so tief.
Genesen war sie, -- wie ein strahlender Weihnachtsbaum hätte das mitten
unter ihnen stehen sollen zu jeglicher Stunde, lichterblitzend, mit
tausend neuen kleinen Freuden geschmückt. Und sie hatten sich nicht wie
frohe Kinder darum geschart -- --.
Klare-Bel lag noch immer und schwieg. Er mochte nicht zu ihr
hineingehen, er mochte nicht fortgehen. Noch immer ging er auf und ab,
wie ein Verurteilter.
Endlich kam Jonas. Die Stufen zur Terrasse sprang er herauf und hielt
schon am Fenster zwei Briefe in der Hand hoch. Beim Eintreten in das
Wohnzimmer warf er sie auf den Eßtisch.
»Wo ist denn Mama? Mehr war nicht in der Stadtwohnung im Briefkasten.
Zwei an dich.«
»Mama ist nicht ganz wohl. Sie liegt auf ihrem Bett.«
Während Jonas ans Bett trat, leise, auf den Fußspitzen, griff Erik nach
den Briefen. Der eine von Frau Römer, der andre von Warwara. Ohne zu
wissen, warum, erbrach er Warwaras kurzes Billet zuerst: die Bitte,
morgen bei ihr zu speisen; sie bäte um Nachrichten über Bels jetziges
Befinden und wünsche auch, ihm eine Mitteilung zu machen; in etwa einer
Woche verreise sie bereits ins Ausland.
Erik setzte sich an das Fenster und öffnete Frau Römers Brief. Ein
längerer als sonst. Acht Seiten.
»Lieber Freund!
Heute schreibe ich in einer besondern Angelegenheit, die unsre Ruth
betrifft. Aber erschrecken Sie nicht, denn erstens ist es nichts zum
Erschrecken, und dann ist es auch noch keine Wirklichkeit, sondern
vorläufig nur eine Möglichkeit.
Sie erraten wohl, daß es sich um Jurii handelt. Ich wußte wohl von
seiner jugendlichen Schwärmerei für Ruth, ohne sie besonders zu
beachten. Dergleichen ist am Ende kein Unglück für einen jungen
Menschen. Jetzt aber glaube ich, daß er Ruth ernsthaft liebt, und
daß er im Begriff steht, um sie zu werben. Dies ist nun von geringem
Interesse für Sie, es sei denn, daß Ruth ihn wiederliebt. Dafür habe
ich keinerlei stichhaltigen Beweise. Aber das Wunderliche ist, daß man
nie ganz ergründen kann, was in Ruth vergeht, und wie sie in ihrem
innersten Herzen denkt. Nie sah ich einen Menschen, der offener,
nie einen, der verborgener gewesen wäre als sie. Offen: bewußt;
verschlossen: unbewußt. Es ist, als führe sie, noch hinter allem
andern, was sichtbar wird, ein geheimes Eigenleben für sich, von dem
sie selbst nicht recht weiß, aus dem aber dennoch alle entscheidenden
Gefühle und Gedanken bei ihr kommen. So könnte sie recht gut einmal
sich selbst zur Ueberraschung handeln, -- ihrer ganzen klaren,
frischen, heitern Unbefangenheit zur Ueberraschung, -- und gerade damit
ihr eigentlichstes Selbst erst zum Ausdruck bringen. --
Aber nun zu Jurii. Ich kann über ihn nur Gutes, ja Vortreffliches
mitteilen. Ich kann es nur in die Worte fassen: hätt' ich eine Tochter,
-- mir sollt's recht sein. Er ist brav, sympathisch, sehr begabt,
ernst in der Richtung seines Wesens und seiner Interessen. Gänzlich
unverdorben. Dazu kerngesund und ein bildhübscher Junge. Das ist viel
auf einmal. Ueber Familie und Verhältnisse wurde Ihnen selbst schon das
Beste bekannt. Seine große Jugend ist kein Fehler, da Ruth denselben
mit ihm teilt, und da die Zeit ihn so gründlich heilt.
Aber glauben Sie, bitte, trotzdem nicht, daß meine Wünsche Ruth
vorauslaufen, -- auf Kupplerfüßen laufen. Ich wünschte nur, Sie
rechtzeitig vorzubereiten, damit Sie überlegen, wie Sie sich zur Sache
stellen wollen. Denn gegen Ihren Willen, -- nein, auch nur ohne Ihren
vollen Willen, -- würde ja wohl Ruth nie etwas thun --«
Erik las nicht weiter.
Er überflog die nächsten Seiten: sie handelten nicht mehr hiervon.
Ruths Schweigsamkeit, -- war sie doch gewollt, bewußt? Abkehr von ihm,
eine stille Wandlung?
Er glaubte seinen eigenen erwachenden Zweifeln nicht. Aber sie kamen
wieder. Hell und dunkel, Licht und Schatten glitt es über seine
Gedanken hin, wie draußen.
»Aprilwetter, -- in mir! um einen Knaben!« murmelte er im Zorn über
sich; »in Angst um eine Aprillaune, -- in Angst, in den April geschickt
worden zu sein!«
Er war so zornig, so ungerecht als möglich, gegen sie, gegen sich
selbst.
Beim Heraustreten aus dem Zimmer der Mutter sah Jonas den Vater über
die Terrasse in das Schneegestöber hinausgehen.
Und Klare-Bel wollte ruhen, wollte allein sein.
So schlich er sich in seine Stube.
Als Erik nach ein paar Stunden nach Hause kam, bemerkte Gonne gegen
ihn, die Frau habe sich zur Ruhe begeben, sie sei krank.
Erik ging zu ihr.
Sie saß aufrecht im Bett; auf dem Tischchen daneben lagen Bücher.
Im Nachtjäckchen, ihre kleine Haube auf dem, wie zur Nacht, glatt
zurückgestrichenen blonden Haar, sah sie ihm verwirrt und angstvoll
entgegen. Als fürchte sie sich vor ihm. Als schäme sie sich vor ihm.
Er ertrug es nicht. Er beugte sich über sie, das Gesicht auf ihren
Händen, und küßte diese.
»Bel, -- Bel, -- verzeihe mir.«
Sie gab sich Mühe zu lächeln; es war ein merkwürdiges, schwaches,
kleines Lächeln, das dabei herauskam. Und nun wurde sie dunkelrot.
»Ach, Erik, -- nicht so. Es ist mir zu -- es ist mir so ungewohnt.
Schrecklich ist es mir. Sprich nicht so zu mir.«
Er setzte sich neben sie, auf den Stuhl an ihrem Bett.
»Lasest du, Bel?« fragte er zerstreut, gepeinigt.
»Ja, Erik. Du mußt nicht böse darüber sein. Es sind so alte Bücher, --
die alten, weißt du? Aber neulich fand ich einmal etwas, und das machte
mich so glücklich. Das suchte ich mir heute auf. Es ist so schön zu
lesen, Erik.«
Sie sprach rasch, befangen, wie ein verlegenes Mädchen.
Er blickte nieder auf die Bücher. Ein goldenes Kreuz auf dem einen.
Und das andere. P. A. de Génestets »Laiengedichte«, -- diese echt
holländischen Lieder, in denen Trotz und Glaube, Trost und Zweifel sich
seltsam genug mischen.
»Ich hatte sie so völlig vergessen, alle beide. Weiß selbst nicht,
wie nur. -- Wie gut, daß so etwas dableibt, ob man es auch vergißt.
Sie waren so verkramt, und ganz staubig, als ich sie neulich fand. --
Willst du mir die ›Laiengedichte‹ herreichen, Erik? Ein Lesezeichen
liegt drin.«
Er schlug das Buch auf und reichte es ihr. Das Lesezeichen fiel dabei
heraus.
»Höre nur, -- Erik, -- nur einige Verse, magst du? Auch du mußt es
schön finden. Es heißt ›+Peinzensmoede+‹. Es sollte wohl heißen: ›Ich
glaube, Herr, hilf meinem Unglauben‹.«
Und sie las mit ihrer sanften Stimme:
»Wo -- wo sind die Priester,
Die dich erklärten?
In Rätseln wandelt
Der Mensch auf Erden.
Geheimnis -- das Leben,
Geheimnis -- der Tod,
Die Schöpfung, sie predigt
Keinen liebreichen Gott.
Natur nur umgibt dich,
Die nicht auf dich hört,
Gleichviel ob sie wohlthut
Oder ob sie zerstört.
Und doch, -- nisten Zweifel
Mir auch in der Brust, --
An dich, meinen Vater,
Glaub' ich unbewußt.
Nicht weil deine Schöpfung
Dein Lieben enthüllt, --
Nein! nein! nur trotz allem,
Dem Zweifel entquillt!
Trotz jeglichem Rätsel,
Trotz jeglicher Not,
Trotz Angst und Verderben,
Trotz Schmerzen und Tod!
Ich schmachte, vom Schicksal
Zu Tode getroffen,
Meine Hoffnung ist Wehmut,
Meine Wehmut ist Hoffen.
Ich ~will's~ -- ~will~ es glauben,
Daß ich deine Hand
Im Leben wohl spürte,
Nur sie nicht erkannt; --
~Will's~ glauben, was Kirche
und Priester mich lehrten:
Daß niemand umsonst dich
Gesucht hat auf Erden.«[1]
[1] Frei nach dem Holländischen.
Sie saß da und las, den Kopf mit dem weißen Nachthäubchen andächtig
gesenkt, die Hände auf der Bettdecke gefaltet. Die Röte der
Befangenheit, der verlegene Ausdruck wichen langsam von ihrem Gesicht;
rührend und vertrauensvoll sah sie aus, wie ein Kind, das seiner Mutter
ein Gebet nachspricht.
Und so nackt legte sie auch jetzt noch ihre Seele -- in all ihrer
Hilflosigkeit und zagenden Hoffnung, vor ihn hin, -- ohne jeden
falschen Stolz. Sie kannte es nicht anders.
Erik hielt noch immer das Lesezeichen in der Hand und betrachtete es
geistesabwesend. Ein recht unpassendes hatte sich da ins Buch hinein
verirrt: ein nackter Amor mit einem großen Rosenbouquet.
Während er aber stumm darauf hinschaute, sprach er in Gedanken zu
Klare-Bel, unterbrach sie im Lesen, nahm ihr das Buch aus der Hand.
Er war ganz eingenommen von diesem wortlosen Zwiegespräch: »Dieser
Titel gehört sicher nicht über deinen Glauben und deine Zweifel,
Bel; ›+Peinzensmoede+‹ bedeutet ja: des Sinnens, des Grübelns müde.
Wann hättest du das gekannt? Ein vom Zufall der Erziehung lässig dir
übergeworfenes Kleid, -- ein durch einen Zufall deiner Ehe lässig von
dir abgeglittenes Kleid: das war in deinem Leben der Glaube.«
Und in Gedanken hörte er Klare-Bel: »Woran soll ich denn aber noch
glauben, Erik? An dich? Doch nicht an dich? Von wo einen Halt nehmen?
Du warst mein Halt. Ach, der hält nicht! Er biegt sich unter meiner
Hand hinweg, und läßt mich stürzen. Soll ich mir selbst ein Leid
anthun? Dich ermorden? ~Sie~ vergiften? Ich bin keiner von den
Menschen, über denen die Leidenschaften vernichtend zusammenschlagen.
Bin ich dadurch nicht nur hilfloser? Meine tiefste Verzweiflung heißt
Hilflosigkeit; -- das Tasten nach einer Stütze: mein letzter klarer
Gedanke. Warum verwehrst du es mir?«
»Weil ich diese Stütze hasse, -- diesen Halt, der mich ersetzen soll.
Nein, weil ich mich dessen schäme, -- daß er mich ersetzen muß. Weil
ich kein Mitleid mehr mit dir habe, -- nur noch Zorn und Haß und Scham
vor mir selbst.« -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Klare-Bel schaute von ihrem Buch auf, unsicher gemacht durch sein
Schweigen.
»Ist es nun nicht schön, Erik?« fragte sie leise, beinahe bittend, »--
mich macht es glücklich.«
»Dann ist es schön, Bel!« sagte er sanft. --
Aber seine Stimmung war nicht sanft. Den ganzen Abend schlug er sich
mit einer ihm fremden Pein herum. Schon am Vormittag, -- als er seine
Frau nicht sofort über ihr Mißverständnis aufklärte, sondern sich edler
nehmen ließ, als er war, -- und jetzt wieder, wo seine Lippen anders
redeten, als seine beschämten, zornigen Gedanken, -- hatte er gegen
seine innerste Natur gehandelt, sich passiv verhalten, die Dinge gehen
lassen. Nicht aus einer Weichlichkeit des Mitleids, -- aus gerechter
Ueberzeugung: ob es ihm sympathisch oder widerwärtig war, durfte nicht
in Betracht kommen gegenüber dem, was Klare-Bel durch ihn erleiden
mußte.
Er hatte sich unausweichlich in die Lage gebracht, gegen seine eigenste
Natur handeln zu müssen.
Den nächsten Tag bedurfte Erik einer gewaltsamen Willensanstrengung, um
seine Gedanken von allem loszureißen, was ihn quälte, und auf seine
Arbeit zu richten. Bald sah er Bel als Betschwester vor sich, bald Ruth
als Braut; Hohn und Erbitterung erfüllten ihn. In beiden Fällen war er
der entthronte König.
»Einen neuen Gott die eine, -- einen neuen Mann die andre, -- es ist
fast dasselbe!« dachte er und erschrak selbst vor der Häßlichkeit
seiner Gedanken.
In einer Pause zwischen seinen Schulstunden, während welcher
er in der Stadtwohnung vorsprach, zog er Frau Römers Brief aus
seinem Taschenbuch. Er hatte ihn nicht einmal ganz gelesen, -- nur
durchflogen, -- und jetzt kam ihm das Gefühl: es müsse wohl thun, diese
Frau reden zu hören, bei ihr Ruhe zu finden vor all dem Häßlichen, was
in einem Menschen aufgewühlt werden kann.
Und er las weiter.
»Es ist ja nicht notwendig, daß Ruth sich schon so jung bindet.
Vielleicht wird sie sich erst viel später verheiraten, -- vielleicht
nie. Nun sehen Sie, dies wäre nicht wünschenswert. Ich weiß nicht, wie
Sie darüber denken. Ich spreche als glückliche Frau naturgemäß für
die Ehe. Aber ich habe gut reden: ohne meinen Mann wäre ich wohl ein
nichtsnutziges Ding geblieben, -- mit etwas Interesse für Tand und
einer großen Leere im Herzen. Ich glaube, Sie legen einen Hauptwert
auf Ruths geistige Entwickelung. Ich auch. Aber dazu verhält sich
ein frühes gleiches Liebesleben nicht als Gegensatz, sondern als die
einzige gesunde, natürliche Grundlage auch des Geistesstrebens im
Weibe. Nicht nur damit Sie Gehilfin des Mannes sei. Häufig langt es ja
gar nicht zu mehr. Wo es aber langt, -- desto besser. Von meinem Mann
glaube ich bestimmt, daß er mich im Ergreifen eines jeden Berufes
unterstützt hätte, zu dem eine entsprechend große Befähigung vorhanden
war. Nicht aus reiner Selbstlosigkeit natürlich. Liebe ist nicht
selbstlos. Wohl aber, um den ganzen frischen Duft, die ganze Fülle und
Freude um sich zu haben, die nur derjenige Mensch auf seine Umgebung
ausstrahlt, der voll erblüht. Und daß zwei Blüten bei einander stehen
wollen: das bedeutet ja wohl ›Ehe ‹ --.«
Erik sprang auf und warf den Brief auf den Tisch. Etwas ganz andres,
als er gesucht, hatte er darin gefunden, -- etwas ganz Unerwartetes:
einen unbewußten Vorwurf.
Seine Ehe mit Bel, das waren keine zwei selbständigen Blüten, die
zusammenstanden: das war eine Blüte, die einen Tautropfen aufgesogen,
der unvorsichtig in ihren Kelch gefallen war.
So würde es wohl Frau Römer ausdrücken.
Römers standen eben von vornherein anders zu einander. Sie bewunderten
sich gegenseitig, -- eigentlich war es rührend. Man konnte nicht recht
darüber lächeln: man mußte diese beiden Menschen achten.
Bel konnte aber nicht mit Frau Römer verglichen werden. Als er sie
fand, ein Jahr älter als er selbst, sinnbethörend schön, bereits fertig
mit ihrer kurzen Entwickelung, -- ein in gewisser Weise viel fertigerer
Mensch als er, -- was hätte er da wohl andres thun können, als dürstend
in sich aufzusaugen, was, nach Selbstuntergang sehnsüchtig, sich ihm
darbot?
Aber wenn man einen schwächern Menschen so absolut in seinen Besitz
nimmt, so fühlt man die furchtbare Verpflichtung: ihn nicht wieder
von sich zu lösen. Man stellt sich für das ganze Leben in einen Kampf
hinein zwischen Scham und Mitleid, bei jedem leisesten Versuch, sich
dieser Verpflichtung zu entziehen.
Wahrscheinlich würde das Frau Römers Meinung sein. -- Auch -- Ruths
Meinung? Ruth grübelte nicht über solche Fragen. Aber was täglich,
stündlich auf sie wirkte, sie beeinflussen mußte, mächtiger als alle
Worte, alle Grübeleien, -- das war Frau Römers Ehe. Eine heilig
gehaltene, glückliche Ehe.
Sobald sein Unterricht ihn freiließ, ging Erik zu Warwara. Mehr, als er
es sich selbst gestehen wollte, war es ihm recht, jetzt noch nicht nach
Hause zu fahren.
Als Erik gemeldet wurde, entfernte sich eine lange, hagere Engländerin,
Warwaras Gesellschafterin, aus dem Zimmer.
»Sie sehen ganz besonders ernst aus,« bemerkte er bei der Begrüßung zu
Warwara, »es ist Ihnen inzwischen doch nichts Unangenehmes passiert?«
Sie mußte hell auflachen.
»Etwas passiert, -- ja. Aber man zählt es nicht zum Unangenehmen.«
»-- Verlobt?! -- war das die Mitteilung?! -- Mit wem?«
Sie setzte sich in ihre Plauderecke. »Gleichviel, mit wem. Ein Ihnen
ganz Fremder. Im Auslande. Sie werden es auf einer schön gestochenen
Verlobungskarte lesen.«
»Und darf ich Ihnen Glück dazu wünschen, Warwara?«
»Wie meinen Sie das?«
»Ich meine natürlich, ob Sie das Geringste für den Mann fühlen, den Sie
heiraten wollen.«
»Daran zweifeln Sie?«
Er schwieg.
»Ich will es Ihnen sagen. Dazu rief ich Sie ja her. Ich hab' ihn gern.
Sehr gern. Aber mir wird nicht heiß und kalt, wenn ich an ihn denke.«
»Und das scheint Ihnen zu genügen. Es genügt nicht, Warwara.«
»So will ich Ihnen noch mehr eingestehen. Was ich in der Ehe suche, --
das Glück, das ich suche, -- ist nicht der Mann.«
»Sondern?«
Sie stand auf und trat an ihren Blumentisch, mit dessen Pflanzen sie
sich zu schaffen machte.
»Das Kind.«
Erik schwieg überrascht.
Nach einer kurzen Pause sagte sie: »Es ist ein sehr vertrautes
Geständnis. Aber ich bin mit Ihnen sehr vertraut, -- mehr, als Sie
wissen. Hab' Sie oft so im stillen bei mir selbst um allerlei Rat
gefragt. Sie zum Beichtvater und Seelsorger gehabt. Wir hätten öfter,
als wir gethan, ernste Dinge miteinander teilen sollen.«
»Das hätte mich sehr froh gemacht, Warwara. Schon das, was Sie da
sagen, macht mich froh. Ich bedurfte gerade dessen.«
»Nun, sehen Sie, das ist gut. So will ich's auch ruhig bekennen. Daß
ich wirklich nur ein ganz armes Weltkind bin, voll von allerlei Tand
und Plunder. Und daß ich gern mehr sein möchte. Vielleicht dank Ihnen,
-- dank den stillen Unterhaltungen, die ich da mitunter mit Ihnen
geführt habe. Und so will ich mir denn nun den einzigen Erzieher und
Meister ersehnen und erwünschen, der aus mir noch das Beste machen
kann, -- das Beste, was in mir ist.«
»Das alles erwarten Sie von einem Kinde?«
»Von der Mutterschaft -- ja. Von der Mutterliebe. Dem Mutterglück. Der
Mutterpflicht. -- Und dann,« sie wandte sich lebhaft zu ihm, »irgend
wann einmal, wenn ich wirklich so glücklich sein soll, dann gebe ich
mein Kind in Ihre Hand, damit Sie es zu einem tüchtigen Menschen
heranziehen helfen, Sie Menschenlehrer.«
»Hätten Sie ~das~ Vertrauen zu mir? Ein so festes? Einen ganz festen
Glauben an mich? Ich danke Ihnen, Warwara.«
»Ja. Ich traue Ihnen und Ihrer Kraft unendlich viel zu. Unter der einen
Bedingung: daß Sie Ihre Aufgabe sehr lieben.«
»Mit andern Worten, keine Kraft zur Pflichttreue.«
»Das weiß ich nicht. Ich glaube nur, trotz allem, daß Sie im Grunde
Gemütsmensch sind. Und das heißt doch nur: sehr lieben können, --
Menschen oder Ideen, -- und da, wo man sehr liebt, sich rückhaltlos
verschenken können. Hingegen all das andre, was Sie bisweilen mit
solchem Selbstvertrauen zu behaupten pflegen, -- all die Sicherheit und
Unfehlbarkeit außerhalb dieser leitenden und entscheidenden Gefühle, --
nein, -- daran glaub' ich auch für Sie nicht.«
»Sie sind eine große Philosophin geworden,« bemerkte er halblaut.
»Wie? Sie geben's mir zu?« fragte sie überrascht, »welch ein fremder,
guter Geist der Nachgiebigkeit ist denn nur über Sie gekommen? Aber es
ist wahr, warum sollten auch Sie es nicht einmal fühlen, wie abhängig
wir alle vom Glück sind, -- wir armen Weltkinder alle? Vom fruchtbaren
Erdfleckchen, auf dem auch für uns noch ein ganzes Glück, eine ganze
Liebe, -- und dadurch allein! -- auch eine ganze Pflicht und Heiligkeit
wachsen kann.«
»Und wenn wir dies Erdfleckchen, gerade dies, nicht bebauen dürfen?«
»Dann verdorren wir, -- oder verschleudern uns. Wenigstens ich. Und Sie
auch.«
Ein Diener erschien in der Portierenthür und bat zur Tafel.
Warwara stand auf.
»Geben Sie mir den Arm. So ernst? Ich habe Sie doch nicht verletzt?«
»Nein. Sie haben ganz recht. Hatten recht, als Sie einmal vor langer --
sehr langer Zeit zu mir sagten: ›Wir haben eine gemeinsame Versuchung.‹
Es erkennen, heißt hart werden, -- gegen alles, was uns hindert, uns
fruchtbar auszuleben.« --
Auf dem Lande saßen Klare-Bel und Jonas nebeneinander bei Tisch. Jonas
fand: einander gegenüber, das sei zu feierlich. Es machte ihm Spaß,
dabei die Mutter zu bedienen und ihr vorzulegen, von allem das Beste.
Er war bemüht, sie zu unterhalten.
Klare-Bel hörte nicht recht hin; ihre Blicke hingen an einem Brief,
den Jonas mitgebracht hatte. Er war erst nach Eriks Anwesenheit in der
Stadtwohnung dort eingelaufen.
Von Ruth. Ganz außer der Zeit. Klare-Bel konnte eine schwache,
thörichte Hoffnung nicht unterdrücken, die mitten in Jonas' harmloses
Geplauder hineinredete.
Als Erik, bald nach dem Abendthee, zu Hause eintraf, bemerkte er sofort
den Brief, der für ihn bereit lag. Sein Blick streifte Jonas, --
flüchtig nur, -- aber Jonas stand sofort auf, um hinauszugehen. Der
Vater wußte doch ganz gut, wie schwer ihm das fiel, -- aber er sollte
ihm nicht noch einmal, wie in jener Nacht vor Ruths Abreise, Mangel an
Selbstbeherrschung vorwerfen. Jonas gehorchte ihm jetzt immer blind, --
auf den Wink; denn schickte er ihn auch aus dem Zimmer: er führte ihn
ja doch den Weg zu Ruth.
Klare-Bels Augen hingen mit unaussprechlicher Spannung an Erik, während
er den Brief erbrach. Eine einzige Sekunde, -- die Seite umgerissen, --
eine zweite, blitzschnell, -- und er ballte das Papier in der Hand.
Er war grau im Gesicht.
»Erik! was ist es? -- etwas Schlimmes, -- für dich Schlimmes, -- Erik!«
Sie entsetzte sich vor dem veränderten Ausdruck in seinen Zügen.
Er entfaltete das Papier wieder, nur die Hand ballte er. Vor seinen
Gedanken schwirrten vier Worte: »Ich habe ihn lieb«, und, am Schluß,
etwas wie »den Kuß gab ich ihm«, -- mehr hatte er nicht gelesen. Er biß
die Zähne aufeinander.
Das zu lesen, jetzt, vor den Augen seiner Frau.
Er las es, aufrecht stehend, hell beleuchtet, vor der Lampe.
»Am Schloßberg. Dienstag.
Ich soll Ihnen von Jurii schreiben, sagt Frau Römer. Ob ich ihn lieb
habe. Ich habe ihn lieb. Und ich soll alles so erzählen, wie es gewesen
ist. Es ist so gewesen: Um den Schloßberg stürmte und regnete es.
Ich durfte nicht in die Stadt hinuntergehen, weil ich mit Husten zu
Bett gelegen hatte. Ich ging aber doch hin, um mir ein Buch für meine
Arbeit zu holen. Unten fand ich Jurii, und er brachte mich nach Hause.
Wir gingen unter einem Schirm und mußten uns gut zusammendrücken. Es
war aber sehr glatt, und Jurii mußte immer nur achtgeben, daß ich mit
den Galoschen nicht ins Rutschen kam. Da sagte Jurii zu mir: ›Ich
liebe Sie. Ich liebe Sie so sehr. Werden Sie, bitte, meine Frau.‹ Das
sagte er aber russisch, und darüber fing ich an zu lachen, denn wir
sprechen ja immer deutsch. Da sagte er noch: ›Ich weiß jetzt, daß Sie
mich nicht wiederlieben. Dann gibt es kein Glück mehr auf der Welt.
Sterben möcht' ich.‹ Darüber, daß er sterben wollte, wurde ich ganz
traurig, und er wurde es auch. Wir achteten nicht mehr auf den Schirm
und auf die Galoschen, ich verlor einen, und der Regen lief uns in
den Rücken. Frau Römer schalt sehr, als wir pudelnaß ankamen, steckte
mich ins Bett und kochte heißen Thee auf. Ich lag und weinte, denn ich
wußte nicht, wie ich es anfangen sollte, damit wir wieder vergnügt sein
könnten. An derselben Wand stand aber im Nebenzimmer ein Diwan, und
da lag jemand und that dasselbe. Frau Römer kam herein, und horchte,
ob nebenan auch jemand weinte und lächelte etwas und sagte, wir wären
rechte Kinder. Darauf setzte sie sich an mein Bett und streichelte mein
Haar zurück (das thut sie gerade so wie Sie) und fragte: ob ich Jurii
denn nicht ein wenig lieb hätte. Ich sagte: ›Ja.‹ Da sagte sie: ›Ich
meine es anders. Denke einmal nach, was dir das Schönste auf der ganzen
Welt ist? gehört Jurii dazu?‹ Ich dachte nach und sagte, das Schönste
auf der ganzen Welt sei ja, daß ich Ihr Kind sei. Darauf sagte sie:
›Vielleicht jetzt noch. Aber kannst du dir denn nicht denken, daß es
später noch viel, viel schöner wäre, einem andern zuliebe Braut zu
sein?‹ Das konnte ich mir nicht denken. Da fragte sie nichts mehr. Sie
küßte mich und ging fort.
Heute ist Jurii fortgereist. Er will nicht mehr hier studieren. Ich
stand gerade bei meinen vielen Schneeglöckchentöpfchen, die ich
im Februar unten in der Gärtnerei gepflanzt habe. Ich schnitt die
aufgeblühten ab für Frau Römers Glas, damit sie wieder gut sein sollte.
Da kam Jurii in mein Zimmer. Er wollte die Blumen haben und einen Kuß.
Er sah so blaß und verweint aus. Ich gab ihm die Blumen. Und den Kuß
gab ich ihm auch.
So ist es gewesen.