Irene Römer.«

Bald darauf kam der erste, noch mit Bleistift aus dem Bett gekritzelte

Zettel von Ruth selbst. Wenige Zeilen nur, darunter ein Postskriptum:

»Ich glaube, daß die Menschen zaubern könnten, wenn sie wollten.«

In der Mappe befand sich neben diesem kleinen Zettel ein Schreiben von

Eriks Hand, -- ein vollständiges Briefkonzept, welches anfing:

»Mein Herzenskind!

Außer den bekannten zehn Geboten gibt es noch ein elftes, speziell für

Dich: ›Du sollst nicht zaubern.‹

In ururalten Zeiten nahmen die Menschen, wenn ihre Götter die Wünsche

einzelner nicht erfüllten, mitunter ihre Zuflucht zu fremden und bösen

Geistern, die sich durch Zauberkunst und Zauberformeln beschwören

ließen. Das mögen die Menschen aus zweierlei Ursachen gethan haben: aus

Kleinmut oder Hochmut; aus dem mangelnden Glauben, daß im Willen ihrer

Götter auch wirklich eine weise, gute Macht über ihnen waltet, -- oder

aus dem Trotz, der es müde geworden ist, zu gehorchen und zu vertrauen.

Du machst es doch nicht ebenso, -- gleichviel aus welchem dieser

beiden Gründe? Nimmst Dir doch nicht hinter dem Rücken und aus

eigener Machtvollkommenheit, was Dir vorenthalten bleiben soll? Rufst

doch nicht, wie damals, in der letzten Nacht, einen fremden, bösen

Geist, das Fieber, um Dir zu helfen und Dich in eine Wirklichkeit zu

entführen, die keine ist?

Du sollst nicht zaubern. Sollst Dich an die Wirklichkeit hingeben, die

um Dich ist, -- ganz, voll Glauben und voll Vertrauen, daß Du in ihr zu

Hause bist --«

Hier brach das Briefkonzept ab; die nächsten Zeilen waren

ausgestrichen, -- wiederholt, und wieder ausgestrichen. Sie waren ihm

sichtlich schwer von der Hand gegangen.

Aber die Konzepte mehrten sich; hinter jedem Briefe Ruths folgte eines;

Erik blätterte sie ungeduldig beiseite: ~daß~ sie da lagen, das besagte

genug.

Sein Blick verweilte nur länger, wenn er wieder auf die feine,

charakteristische Handschrift Frau Römers traf. Er konnte das Gefühl

nie ganz los werden, als ob er mit ihr -- oder sie mit ihm? -- in

einem geheimen, unbewußten Kampf stände; und doch erquickten ihn diese

Briefe. Wenn sie wider Wissen und Willen ein Feind war, so war's ein

herrlicher. Einer, wie man ihn sich wünschen soll, um sich mit ihm zu

messen.

Um diese Frau wehte es wie helle, reine Luft, -- man mußte sich wohl

darin fühlen. Und jedes ihrer Worte ein so klarer Ausdruck dessen,

was sie warm empfand. Während man las, glaubte man ihre Stimme zu

vernehmen: eine heitere, entschlossene Stimme.

Schon wollte Erik die Mappe schließen und an ihren frühern Platz

legen, als ihm noch ein Brief Ruths in die Augen fiel. Vor vielen

Wochen geschrieben und durchaus nicht gefühlsmäßigern Inhaltes als

die übrigen, -- auch, gleich den übrigen, ohne Anrede und ohne andern

Abschluß als »Ruth«. Aber auf der letzten Seite, da hatte sie sich

verschrieben: da stand einmal »Du«, anstatt »Sie«.

Sie hatte den kleinen Verräter energisch ausgestrichen und das ihm

beigefügte Zeitwort umkonjugiert. Aber am Rande der Seite war's

treuherzig bekannt: »Ich habe ›Du‹ gesagt, ich wollte aber ›Sie‹

sagen.«

Erik schaute nie in die Mappe hinein, ohne an dieser Stelle hängen zu

bleiben, -- und er schaute oft hinein.

Diese eine Silbe war ihr einziger wirklicher Gruß an ihn. Mündlich

würde sie sich schwerlich je versprochen haben. Sie bedurfte dessen

nicht. Sie ~hatte~ »Du« zu ihm gesagt, an jedem Tage, in jeder

Stunde fast, mit Blick und Ton und Miene. Jetzt erst ward es zum

verständlichen Wortlaut, unwiderstehlich: ein Ersatz für alle wortlose

Nähe.

Erik schob die Briefe von sich; er wollte arbeiten. Arbeiten, -- nur

nicht dieses unnatürliche, vollständig entnervende Hinleben in Gefühlen

und Gedanken, -- dieses unsichere Tasten ins Blaue, in die Ferne, mit

dem Verzicht darauf, zu handeln. Wie leicht war dagegen selbst die

Trennungszeit für ihn gewesen: innerste, angespannteste Aktivität bis

zur letzten Sekunde, aufs höchste gesammelte und gesteigerte Kraft: für

Ruth.

Nun der Rückschlag. Nachlassen, -- gehen lassen. Es machte ihn fast

krank.

Und er arbeitete Stunde um Stunde, bis eines der blauen Schulhefte

nach dem andern mit den notwendigen roten Tintenstrichen durchsetzt

war.

Dann erst lehnte er sich müde in seinen Stuhl zurück. Und wieder las

er, mit immer neuen Kommentierungen, an der einzigen Silbe »Du«. --

Der nächste Tag brachte draußen die erste echte Frühlingsstimmung.

Ein tiefblauer Sonnenhimmel strahlte über den kahlen Bäumen. Noch zog

sich am Rande der Kieswege, schmal und vergraut, eine durchlöcherte

Schneekruste hin, aber aus dem toten Gras hoben sich schon frisch die

saftgrünen Hälmchen, und an den Birkenzweigen hingen seit Wochen,

geduldig wartend, längliche braune Knospenzipfel. Der Wiesengrund

hinter dem Garten stand ganz unter Wasser und spiegelte blinkend Himmel

und Sonne wieder; vereinzelte zersplitterte Eisschollen trieben darin

umher.

Erik hatte, wie jetzt fast immer, den ganzen Tag in der Stadt zu thun;

neben seinem Schulunterricht noch den freiwillig erteilten, den er,

mit sich daran anschließenden Vorträgen, in diesem Winter durchführte:

teils in seiner Stadtwohnung unter Beteiligung Erwachsener, teils in

einem leerstehenden Klassenzimmer der Mädchenschule.

Diejenigen, die sich hier einfanden, gehörten ebenfalls der Schule

nicht mehr an, oder doch fast nicht mehr. Man konnte es den Gesprächen

entnehmen, mit denen sie ihn meistens erwarteten. Es wurde nicht

mehr von Phantasieereignissen gesprochen, sondern von Bällen und

Gesellschaften und von Anbetern, die wohl nicht mehr in der bloßen

Einbildung existierten. Von Schulangelegenheiten niemals, wenn nicht

etwas ganz Sensationelles vorfiel, wie heute morgen, wo ein kleines

Mädchen beim Frühgebet im großen Schulsaal umgefallen und liegen

geblieben war, -- ein Fall von Epilepsie. Es hieß, das bloße Ansehen

wirke ansteckend, nichtsdestoweniger hatten die meisten, wie gebannt,

auf die Zuckende hingestarrt, welche, Schaum an den Lippen, vor ihnen

lag.

Mitten in das Gespräch darüber kam, als die Späteste, und mit einem

unterdrückten Gähnen, die hübsche Wjera mit den kecken dunkeln Augen.

Sie war seit der Zeit ihrer Backfischstreiche noch hübscher geworden.

»Bist du auch wieder da?« rief Eriks fleißigste Schülerin sie an, »ich

möchte wissen, wozu? Ob es dir wohl angenehm ist, daß er immer nur

Spott für dich hat?«

»Und Lob für dich; da ziehe ich mein Teil vor,« erwiderte sie mit

Ueberzeugung; »laß ihn nur spotten, das thut ihm gut, er ist bei

schlechter Laune. Glaubst du, daß dein Fleiß ihn beglückt, mein

geliebtes Gänschen?«

»Mehr als fleißig sein kann niemand,« bemerkte eine, die in Erwartung

des Kommenden auf dem Fensterbrett saß und häkelte.

Wjera lachte boshaft: »Nun, er könnte noch allerlei andres schmerzlich

vermissen, -- zum Beispiel Verstand. -- -- Lieber Gott, was kann es

nützen, sich so anzustrengen?«

»Warum bleibst du denn nicht weg? Du wolltest ja haben, was Ruth hatte,

-- du am meisten.«

Wjera saß nachlässig hingegossen, die Arme längs der Banklehne

ausgestreckt, und schielte seitwärts in den kleinen Handspiegel,

den jemand in der Nähe des Fensters angebracht hatte, und der immer

umstanden war.

»Ich glaube nicht daran, daß er mit uns so ist wie mit Ruth,« murmelte

sie; »es wäre der reine Betrug. Entweder hat Ruth uns gefoppt, -- oder

wir sind -- dumm. Glaubt ihr etwa, Ruth meinte ~das~, als sie so außer

sich vor Entzücken sagten ›O -- -- dahinter gibt es das ganze Leben?‹

Wir stehen noch ~vor~ der Mauer, -- wie eine Hammelherde.«

»Na, so geh doch hinüber.«

»Ich werd' auch,« versetzte Wjera kurz, -- »noch heute. Wollt ihr? Mit

~einem~ Satz! Aber daß ihr nicht schreit! Ihr könnt ja nachspringen.«

Im Nu drängten sie sich um sie, brennend vor Neugier.

»Was wirst du thun?!«

Sie erwiderte nichts. Sie hob nur das Gesicht ihnen entgegen und

spitzte den Mund ein wenig.

»Ein Kuß?!«

Sie schrieen jetzt schon.

Da trat Erik herein. Er bemerkte, daß sie zerstreut waren, beachtete

es aber nicht. Wjera las vielleicht ganz richtig in seinen Augen: »Wie

eine Hammelherde.« Er vermißte Ruth unter ihnen, nicht weil er sie

liebte; er vermißte sie, weil sie ihn fortwährend angeregt, fortwährend

seine Geistesgegenwart verlangt hatte. Für sie mußte er auf der Höhe

seiner selbst stehen, um niemals fehlzugreifen.

Das war hier unnütz.

Nach kurzer Zeit erhob sich Wjera und ging, ein Blatt Rapier in der

Hand, auf Erik zu.

»Sollte es möglich sein?« fragte er sarkastisch, indem er annahm, sie

wolle ihm eine Arbeit vorlegen, »es wäre das erste Mal.«

Sie stieg die beiden Stufen zum Katheder hinauf und beugte sich zu

ihm, -- so tief, daß er aufsah. Bei dieser Bewegung seines Kopfes

berührten sich fast die beiden Gesichter.

Da durchgellte ein Schrei die Klasse, einstimmig. Sie hatten's nicht

aushalten können.

Aber gleich darauf folgte ein zweiter, ganz anders im Ton: Wjera war,

kaum daß der Schrei erscholl, hintenübergestürzt.

Erik selbst gingen Ursache und Wirkung durcheinander, ob der erste

Schrei vorherging, ob er folgte, -- ob sie sich niedergebeugt, weil

sie im Stürzen war. -- Er hatte auch vom Fall im Schulsaal gehört, und

jetzt ergriff die Erinnerung daran die Mädchen mit kopflosem Entsetzen.

Die meisten sprangen auf, einige sprangen im plötzlichen Schreck auf

die Bänke, -- auf das Fensterbrett.

Erik brach sich Bahn. Er hatte die wie leblos Daliegende auf seine Arme

gehoben und trug sie hinaus.

Als er raschen Schrittes den Gang entlang dem nächsten leeren Zimmer

zuging, kam Leben in sie. Der ganze weiche, geschmeidige Körper bewegte

sich, als strebe er, erzitternd, sich an ihn zu schmiegen; ihr Atem

flog; wie um sich zu halten, schlang sie den Arm um seinen Nacken, und

jetzt -- jetzt fühlte sie deutlich, wie es ihn heiß überlief.

Blitzschnell, eh' er's nur gewahr wurde, hatte sie ihren Mund auf seine

Lippen gedrückt.

Aber in der nächsten Sekunde fand sie sich schon auf ihre Füße gestellt

-- hart, so plötzlich, daß sie fast zusammengestürzt wäre. Eine

sinnlose Wut überfiel ihn. Wie ein Bild stand vor ihm der Augenblick,

wo er Ruth, wie ein lebloses Kind, in seinen Armen auf ihr Bett

getragen.

Er ergriff die verblüffte Spitzbübin beinahe brutal beim Handgelenk

und zwang sie die wenigen Schritte bis an die hohe Flügelthür, die den

Hallengang gegen das Treppenhaus hin abschloß. Er stieß die Thür auf.

»Hinaus. Ohne Wiederkehr,« sagte er kurz.

Sie errötete und erblaßte. Sie ging nur langsam hinunter, Stufe für

Stufe, und hielt sich am Geländer. Was würden die andern in der Klasse

wohl denken, wenn sie nie wieder kam? Daß er ihr über die Mauer

geholfen habe? Ja, gründlich. Mit einem Satz.

Und das Schlimmste: sie hatte eine gehörige Beule weg, gerade vorn an

der Stirn. --

Erik gab sich Mühe, bei der Rückkehr in seine Klasse, der Stimmung

Herr zu werden, die ihn peinigte und niederschlug. Er hatte sich

jedesmal gewundert, den bildhübschen Nichtsnutz mit unbegreiflicher

Hartnäckigkeit noch auf ihrem Platz dasitzen zu sehen, und dennoch fest

entschlossen, nichts zu lernen. Er hatte sich auch ein wenig gefreut.

Weil sie ein kluges Ding war, voll Mutterwitz und Phantasie. Er wußte

jetzt, von was für einer Art von Phantasie.

Aber lag es nicht an ihm? War es nicht an ihm, allen diesen

jungen Menschen unausweichlich die Richtung zu geben? Auswüchse

auszuschneiden, Fehlendes zu ergänzen, Schlummerndes zu wecken? Er

hatte sich seiner Aufgabe wohl mit seinem Willen hingegeben, aber

nicht mit seinem Herzen. Und kein noch so guter Wille vermochte sein

mächtigstes Erziehungsmittel zu ersetzen: das war die Frische und

Fülle der Stimmung, deren immer bereites Interesse sich auch noch

in das Geringste eingrub, suchend, lockend, verständnistief. Und er

bedurfte dessen ganz besonders. Denn seine Vorzüge wie seine Schwächen

als Lehrer bestanden darin, daß er seine Persönlichkeit und seinen

Unterricht nicht zu trennen wußte; gelang es ihm nicht, sich selbst zu

geben, so mißlang ihm alles. --

Am Thorweg des Schulgebäudes wartete Jonas auf den Vater. Sie fuhren

zusammen nach Hause aufs Land.

Im Eisenbahnwagen sagte Jonas: »Mama spricht jetzt immer davon, daß sie

bald verreisen muß. Sie kann doch nicht so früh im Jahr ins Bad

reisen?«

»Ich weiß noch nicht. Vielleicht wird es wünschenswert sein. In

Deutschland ist es ja nicht mehr so früh im Jahr. Dagegen spricht nur,

daß ich sie jetzt noch nicht selbst hinbringen kann. Das müßtest du

dann thun, Jonas. Und sie würde Gonne mitnehmen.«

»Wenn ich Medizin studieren werde,« bemerkte Jonas nach einer Pause,

»dann wird es mir immer vor Augen stehen, das Wunderbare, daß es mit

Mama besser geworden ist. Ich denke mir: Arzt zu sein, und ein einziger

solcher Fall, -- das muß auf alle Lebenszeit einen glücklichen Menschen

machen.«

»Du bist ein guter Kerl, Jonas. -- Ich hätte übrigens nicht

gedacht, daß du speziell ›Medizin‹ wählen würdest. Ich dachte:

Naturwissenschaften.«

»Ja, ich selbst auch, -- früher. Am liebsten Zoologie. Aber es ist eine

so ungewisse Zukunft damit. Ein Arzt findet überall sein Brot.«

»Das ist richtig. Aber das allein Ausschlaggebende dürfte es nicht

sein. Es kam immer noch auf die Stärke der besondern Neigung und

Befähigung an. Wenigstens für dich. Das andre war dann meine Sache.«

»Ich möchte aber so früh als es geht unabhängig werden, Papa.

Selbständig.«

»Ist es dir so unangenehm, dich von mir abhängig zu wissen, mein Junge?

Es ist nur dein gutes Recht. Noch lange. Ich will nicht, daß dir deine

Studien durch irgend etwas verkürzt oder eingeschränkt werden.«

Den Rest der Fahrt schwiegen sie. Jeder blickte, in seine eigenen

Gedanken vertieft, zu einem andern Fenster hinaus.

Zu Hause, über dem Garten, dunkelte es schon. Aus dem Wohnzimmer

blinkte Licht. Der späte Mittag, der jetzt in den Abend fiel, wartete

auf sie.

Erik legte beim Eintreten eine Handvoll blaßblauer Fliederzweige auf

den Tisch. Er hatte sie in einer Hülle von Seidenpapier mitgebracht.

»Aber, Erik!« sagte Klare-Bel vorwurfsvoll, während sie doch vor Freude

errötete, »etwas so Kostbares und Ueberflüssiges! Im russischen April!«

»Ueberflüssig?« Er ordnete die langen Stiele geschickt in einem

geschliffenen Kelchglas. »Der Frühling ist doch nicht überflüssig. Und

ich meinte: in einem Landhause müßte er wenigstens drinnen sein, wenn

er schon nicht draußen ist.«

Ihre Augen füllten sich langsam mit Thränen; sie schlug sie nieder,

damit er es nicht sähe. Der Frühling ~war~ ja drinnen eingekehrt, ~ihr~

Frühling, auf den sie gewartet hatte, wie auf eine Lebenserneuerung

gerade für Erik. Aber dieser Frühling war blumenlos und frostig

geblieben.

Nein, das war ungerecht. Ungerecht gegen ihn, dem sie ihre Genesung

dankte: abbittend blickte sie Erik verstohlen an. Aber ~das~ mußte

sie ja sehen: er ertrug kaum die Trennung, -- die Trennung von

Ruth. Solange Bel ihn glücklich gesehen, war sie arglos und sorglos

geblieben. Jetzt aber lag es auf ihr, bei Tag und bei Nacht.

»Hast du Ruths gestrigen Brief schon beantwortet?« fragte sie nach

einer Pause.

»Ja. Noch nicht völlig beendet,« erwiderte er.

Sie zog den Flieder zu sich heran und vergrub ihr Gesicht in den

duftenden Dolden.

»Da war doch, -- ist der junge Russe noch immer da, den sie so gern

haben?«

»Jurii? Ja. In den jetzt angehenden Ferien sollte er sogar, glaub' ich,

eine kurze Zeit bei ihnen wohnen, -- draußen am Schloßberg. Sie wollten

allerlei zusammen unternehmen. Römer hält viel von ihm.«

Eine kleine Pause entstand.

»Wie alt ist er eigentlich, Erik?«

»Ungefähr zweiundzwanzig Jahre, glaub' ich.«

»Und gänzlich unabhängig, nicht wahr? Es handelt sich für ihn nicht um

ein Brotstudium?«

»Nein.«

Erik blickte auf, ein flüchtiges Lächeln um den Mund. Auf den jungen

Russen eifersüchtig, -- nein, das war er unter keinen Umständen.

»Eine echt weibliche Kombination, Bel. Du dachtest schon an Brautkranz

und Schleier, nicht wahr? Aber dafür, daß Ruth rasch mit ihm vertraut

geworden ist, liegt ein andrer Grund vor: er ist ihr nicht fremd.

Er kennt ihren Onkel hier. Hat einmal früher mit seinen Eltern dort

verkehrt, -- mit ihr gespielt, als sie acht und dreizehn Jahre alt

waren.«

Sie lehnte den Kopf zurück.

»Es ist nichts,« dachte sie, »es kann nicht sein. Sonst müßte --

~müßte~ er eifersüchtig sein. Trotz seinem starken Selbstvertrauen.

Jugend sucht Jugend.«

Nach einiger Zeit sagte sie bittend: »Erik! Du mußt nicht böse sein.

Ich habe einen so großen Wunsch.«

»Einen so schlimmen, Bel? Nun, heraus mit ihm.«

»Ich wünsche so sehnlich, -- ich möchte so sehr gern, nur ein einziges

Mal, -- lesen, was du an Ruth schreibst.«

Er antwortete nicht. Er stand auf und ging aus dem Zimmer. Gleich

darauf kehrte er zurück, den fast beendeten Brief in der Hand.

»Du kannst es jedesmal lesen, Bel, wenn du willst.«

Ihre Augen strahlten ihn so dankbar und beglückt an, daß er den Blick

nicht aushielt. Er sah hinweg.

Es war ihm eine Pein, sie dasitzen zu sehen, -- lesen zu sehen. Am

liebsten wäre er hinausgegangen.

Er trat an das Fenster und schaute in die Dunkelheit.

Aber das Fensterglas höhnte ihn. Was es wiedergab, war noch einmal das

Zimmer, mit der Lampe auf dem Tisch, den zarten Fliederzweigen und der

lesenden Frau im Lehnstuhl.

Klare-Bel ließ den Brief sinken. Sie sah betroffen aus.

»Wie seltsam, Erik,« sagte sie, »-- ich kann mir gar nicht vorstellen,

daß du so an Ruth schreibst.«

»Ich glaube ihr nicht anders zu schreiben, als ich zu ihr gesprochen

habe,« entgegnete er.

»Es mag ja sein. Aber dann kam wohl noch allerlei hinzu, was nur im

Mündlichen liegt. Dein ganzes Wesen kam hinzu. Du bist ja so jung und

frisch im Wesen, Erik.«

»Nun, -- und?«

Er wandte sich um. Gewiß fand Ruth seine Briefe ebenso »entsetzlich

nüchtern,« wie er die ihren. Nur aus einem andern Grunde: sie konnte

nicht ihr Inneres aussprechen, -- und er durfte nicht.

»Ja, -- nun, -- ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll, Erik. Aber

in dem Brief da bist du wie ein ehrwürdiger alter Mann, mit langem

weißem Bart und Haar, -- ungefähr so, wie die Kinder sich den lieben

Gott vorstehen.«

Ruth(#75251) · 第 16 / 19 题