Unflüggem Vöglein gleich, dem bangt,
Wo's flatternd eine Zuflucht fände,
So bin ich, flüchtend nur, gelangt,
Ein armes Kind, in deine Hände.
Kam scheinbar wohl in trotz'gem Sinn, --
Doch nur von Einsamkeit getrieben,
und kniete schweigend bei dir hin,
und wollte nichts, als Etwas lieben.
Und wollte nichts, als, kurze Zeit,
Gleich einem Kind mich wieder wissen,
Nichts, als ein wenig Zärtlichkeit
Ganz scheu, von ferne, mitgenießen.
Nichts, als von kindlich tiefer Qual
Auf einen Augenblick nur rasten,
Nichts, als die junge Brust einmal
In heißer Hingebung entlasten.
Wie ward mir wohl, da ich dich fand,
Als müßte jeder Wunsch sich stillen,
Seitdem du mich, mit sanfter Hand,
Geborgen ganz in deinem Willen.
Als würde plötzlich alles klar,
Als müßten alle Wirren weichen,
Seit über das verwehte Haar
Mir deine lieben Hände streichen.
Bis daß ein jeder Schmerz hinfort
Versank vor zaubermächt'gem Troste,
Seit, mit dem ersten Liebeswort,
Dein Blick mich zwang und mich liebkoste;
Bis ganz die Welt um uns versank, --
Und nichts von allem mehr geblieben,
Als nur ein grenzenloser Dank, --
Und nur ein grenzenloses Lieben.
Ruth hatte das nicht gedichtet. Erik hatte es gedichtet. Aber Ruth
hatte es gestammelt. Ungezähltemal. Vielleicht auch in ungezählten
Versen.
Er wußte es nicht. Aber oben in der Giebelstube, unter fortgeworfenen
Papieren und verwelkten Blumen, hatte das durchgerissene Blatt mit den
gestammelten Versen gelegen.
Und seitdem dichtete er diese Verse, er sah vor sich hin und dichtete
an ihnen.
Ruth hatte sie nicht gedichtet. Erik hatte es gethan.
Aber so, -- so in jedem Worte würde sie sie gedichtet haben, -- ein
wenig später, -- im Rückblick.
* * * * *
Sie saßen alle zusammen.
Klare-Bel im Hintergrunde der Wohnstube, in einem großen, bequemen
Lehnstuhl. Jonas am Eßtisch: er hatte die Lampe dicht herangerückt,
um besser sehen zu können, was er in sein Schulheft schrieb. Erik am
Kamin, in welchem mächtige Holzkloben brannten; von Zeit zu Zeit bückte
er sich und warf aus einem blankgeputzten Kohlenbehälter, der mit
Tannenzapfen gefüllt war, ein paar von den braunen, herzigen Zapfen in
die Glut.
Das Zimmer hatte ein ganz winterliches Aussehen bekommen. An Stelle der
leichten Sommergardinen schwere, schützende Fenstervorhänge, am Kamin
zwei Sessel aus der Stadtwohnung, unter denen ein mächtiger Bär seine
Tatzen vorstreckte.
Schon im Anfang des russischen März, noch ehe der Winter zu Ende ging,
war dieses Jahr die Uebersiedelung vor sich gegangen. Klare-Bels wegen.
Hinter ihr lag der Leidensweg eines halben Jahres, der sie langsam zur
Genesung führte.
In der Ecke lehnten zwei starke Stöcke mit Krückgriffen. An diesen
Stöcken mußte sie täglich einige Schritte thun. »Laufen lernen,« wie
Jonas lachend sagte, der ihr am liebsten die Stöcke ersetzte. Und diese
Schritte sollte sie in frischer Luft thun.
Sie saßen alle zusammen und schwiegen zusammen. Klare-Bel saß in
halb liegender Stellung und sann vor sich hin; die Handarbeit, die
sie vorgehabt, entglitt ihren Händen. Sie fühlte sich müde von ihren
wenigen Schritten.
Jonas, der war wie verrannt in seine Arbeit. Mit den schmalen
Schultern, lang aufgeschossen, ein wenig weichen, blonden Flaum an Kinn
und Lippe, bückte er sich über die Bücher. Der Sicherheit halber hatte
er auch noch in jedes Ohr einen Finger gesteckt. Das war unnötig.