V.

Unflüggem Vöglein gleich, dem bangt,

Wo's flatternd eine Zuflucht fände,

So bin ich, flüchtend nur, gelangt,

Ein armes Kind, in deine Hände.

Kam scheinbar wohl in trotz'gem Sinn, --

Doch nur von Einsamkeit getrieben,

und kniete schweigend bei dir hin,

und wollte nichts, als Etwas lieben.

Und wollte nichts, als, kurze Zeit,

Gleich einem Kind mich wieder wissen,

Nichts, als ein wenig Zärtlichkeit

Ganz scheu, von ferne, mitgenießen.

Nichts, als von kindlich tiefer Qual

Auf einen Augenblick nur rasten,

Nichts, als die junge Brust einmal

In heißer Hingebung entlasten.

Wie ward mir wohl, da ich dich fand,

Als müßte jeder Wunsch sich stillen,

Seitdem du mich, mit sanfter Hand,

Geborgen ganz in deinem Willen.

Als würde plötzlich alles klar,

Als müßten alle Wirren weichen,

Seit über das verwehte Haar

Mir deine lieben Hände streichen.

Bis daß ein jeder Schmerz hinfort

Versank vor zaubermächt'gem Troste,

Seit, mit dem ersten Liebeswort,

Dein Blick mich zwang und mich liebkoste;

Bis ganz die Welt um uns versank, --

Und nichts von allem mehr geblieben,

Als nur ein grenzenloser Dank, --

Und nur ein grenzenloses Lieben.

Ruth hatte das nicht gedichtet. Erik hatte es gedichtet. Aber Ruth

hatte es gestammelt. Ungezähltemal. Vielleicht auch in ungezählten

Versen.

Er wußte es nicht. Aber oben in der Giebelstube, unter fortgeworfenen

Papieren und verwelkten Blumen, hatte das durchgerissene Blatt mit den

gestammelten Versen gelegen.

Und seitdem dichtete er diese Verse, er sah vor sich hin und dichtete

an ihnen.

Ruth hatte sie nicht gedichtet. Erik hatte es gethan.

Aber so, -- so in jedem Worte würde sie sie gedichtet haben, -- ein

wenig später, -- im Rückblick.

* * * * *

Sie saßen alle zusammen.

Klare-Bel im Hintergrunde der Wohnstube, in einem großen, bequemen

Lehnstuhl. Jonas am Eßtisch: er hatte die Lampe dicht herangerückt,

um besser sehen zu können, was er in sein Schulheft schrieb. Erik am

Kamin, in welchem mächtige Holzkloben brannten; von Zeit zu Zeit bückte

er sich und warf aus einem blankgeputzten Kohlenbehälter, der mit

Tannenzapfen gefüllt war, ein paar von den braunen, herzigen Zapfen in

die Glut.

Das Zimmer hatte ein ganz winterliches Aussehen bekommen. An Stelle der

leichten Sommergardinen schwere, schützende Fenstervorhänge, am Kamin

zwei Sessel aus der Stadtwohnung, unter denen ein mächtiger Bär seine

Tatzen vorstreckte.

Schon im Anfang des russischen März, noch ehe der Winter zu Ende ging,

war dieses Jahr die Uebersiedelung vor sich gegangen. Klare-Bels wegen.

Hinter ihr lag der Leidensweg eines halben Jahres, der sie langsam zur

Genesung führte.

In der Ecke lehnten zwei starke Stöcke mit Krückgriffen. An diesen

Stöcken mußte sie täglich einige Schritte thun. »Laufen lernen,« wie

Jonas lachend sagte, der ihr am liebsten die Stöcke ersetzte. Und diese

Schritte sollte sie in frischer Luft thun.

Sie saßen alle zusammen und schwiegen zusammen. Klare-Bel saß in

halb liegender Stellung und sann vor sich hin; die Handarbeit, die

sie vorgehabt, entglitt ihren Händen. Sie fühlte sich müde von ihren

wenigen Schritten.

Jonas, der war wie verrannt in seine Arbeit. Mit den schmalen

Schultern, lang aufgeschossen, ein wenig weichen, blonden Flaum an Kinn

und Lippe, bückte er sich über die Bücher. Der Sicherheit halber hatte

er auch noch in jedes Ohr einen Finger gesteckt. Das war unnötig.

Ruth(#75251) · 第 13 / 19 题