Und er sagte sich: »Nein.« -- -- --

* * * * *

Auf der Terrasse wurde der Morgentisch gedeckt. Eriks Platz am Tisch

blieb aber heute leer. Ganz früh hatte er sich Thee auf sein Zimmer

bestellt, dann ging er zu Jonas hinein, um nach ihm zu sehen.

Gleich nach dem Frühstück ließ er Ruth zu sich bitten.

Als sie kam, streckte er die Hand nach ihr aus.

»Du schlechtes Mädel. Bist du gesund geblieben? Laß mich sehen.«

Sie nickte und trat zu ihm an den alten Ledersessel am Fenster.

Aufmerksam betrachtete er sie. Ihre Augen waren dunkel umschattet. Aber

sie blickten sicher, -- fest. Es fiel ihm auf. Sie blickten beinahe

kalt.

Er strich ihr das Haar aus dem blassen Gesicht zurück.

»Weißt du auch noch, daß hier dein alter Platz ist? Hier am Stuhl.

Wo du zuerst herkamst. Wir haben ihn wohl fast vergessen, draußen im

Garten und -- bei den andern. Monatelang. Aber der heutige Morgen

gehört uns allein. Uns zusammen. Und den wolltest du krank zubringen.«

Sie antwortete nicht.

Ganz leise nur beugte sie gegen ihn den Kopf vor, so daß seine Hand

durch die Haarwellen hindurchglitt, und schwieg still.

»Du bist ein dummes Kind,« sagte er, »sonst hättest du gewußt: wenn ich

etwas von dir verlange, so sollst du es klar und still thun. Niemals

in einem Fieberrausch. In keinem Sinn. Ich weiß, es ist tausendmal

schwerer. Aber niemals sollst du es dir erleichtern. Durch nichts. Nur

war ich dieses Mal selbst nicht ohne Schuld, Ruth. Ich selbst war wie

krank, -- nicht wie ich sein sollte. Siehst du, nun beichte ich es dir

auch. -- -- -- Ist es nun gut?«

Sie blickte ihn unverwandt an. Dann schüttelte sie den Kopf.

»Eins fehlt noch,« sagte sie.

Ihm kam ein Lächeln.

»Noch etwas? Was denn, mein anspruchsvolles Fürstenkind?«

»Darf ich nicht anspruchsvoll sein?«

»Das darfst du. Halte deine Hände offen, Liebling, und laß dich

beschenken.«

Da glitt sie am Sessel nieder, auf ihren alten Platz zu seinen Knieen,

und hob ihr Gesicht auf zu ihm, -- Trotz in den Augen.

»Ich meine kein Geschenk. Ein Recht.«

Erik stutzte.

Er schaute forschend in ihre Augen, mit dem fest auf ihn gerichteten

rätselhaften Blick.

»Nimm dir dein Recht, Ruth,« sagte er einfach.

Sie flüsterte kaum hörbar: »Daß ich erfahre, ~warum~. Das plötzliche

Fortmüssen, -- -- -- ~warum~?«

Er legte ihr die Hand über die Augen.

Eine lange Pause entstand.

»Du hattest vorhin ganz recht: eins fehlt noch,« antwortete er dann,

»zwischen uns fehlt ~eins~. Weißt du, was es ist? Daß zwischen dir und

mir ein zu großes Stück Menschenleben liegt, -- daß wir im Alter so

weit voneinander entfernt sind. Denke nur: du und noch einmal du, das

gibt immer noch nicht: ich. Auf eine so große Entfernung hin ist es

bisweilen schwer, manches miteinander zu teilen, -- mitzuteilen. Aber

nun sieh das Wunder: dieser Mangel, diese Lücke und Leere zwischen

dir und mir, -- ~sie~ eint uns gerade. Nur sie macht, daß ich dich

leiten und dir befehlen kann. Sie macht, daß du da so vertrauensvoll

knieen kannst, wie eben jetzt, und mit deinen trotzigen Augen zu mir

aufschauen. Sie macht, daß ich den Weg besser kenne als du. Denn ich

habe den halben Weg schon zurückgelegt. -- Oder könntest du das missen?

möchtest du lieber, ich stände neben dir, von gleichem Wuchs wie du?

noch suchend, irrend, eines Wegweisers bedürftig, wie du?«

»Nein!« sagte sie lebhaft, »das wäre wie zwei Kinder im Walde.«

»Dann nimm es hin, daß ich dir nicht antworte.«

Sie erwiderte nichts, aber er fühlte, wie ihr Herz wild zu schlagen

begann. Sie gab nicht passiv nach, wie bis gestern noch. -- Sie war

gestern irre geworden. --

Mit letzter Kraft mochte sie sich gegen ihn zusammengerafft, --

sich eingeredet haben, ihm gegenüber noch Kraft zu besitzen:

Selbständigkeit. Im arglosen Schlummer erschüttert, mochten ihre

Gefühle in Gärung gekommen sein, -- mochte eine Welt von unverstandenen

Empfindungen in ihr ringen.

Die feine, ruhige, gerade Linie, in der sie sich vor Eriks Augen so

kindlich weiter entwickelt hatte, wurde ihm undeutlich, wurde unruhig,

-- sie schien sich zu biegen, -- eine Wendung zu machen: eine Wendung

zu ihm hin -- oder von ihm fort.

Ueber Erik kam eine Spannung, die alle seine seelischen Fähigkeiten

aufs äußerste schärfte, sein ganzes Wesen erwartungsvoll spannte, und

jegliche sinnliche Erregung vollkommen niederhielt.

Er legte seinen Arm um Ruth und bog mit der Hand ihren Kopf zurück.

Ihre Lippen zitterten.

»Sieh mir in die Augen, du Trotzkopf!« sagte er, »was hat sich da in

dir geregt? Brich den letzten Trotz, -- denn es war einer. Laß mich

ihn brechen. Es schadet nichts, wenn es einen Augenblick schmerzt. Gib

nach, laß es geschehen. Wirf dein Recht von dir, mache dich rechtlos.

Um Kinderrecht zu haben: um folgen zu dürfen, ohne zu fragen. Um zu

gehen, ohne ein Warum.«

»Wann -- gehen?« fragte sie undeutlich.

Er drückte ihren Kopf an sich.

»Heute,« sagte er mit bedeckter Stimme, »jetzt. Jetzt gleich. Nein,

nicht zusammenschrecken. Sei mein mutiges Kind. Wir haben nur noch

diese Stunde, Ruth. Dann bringe ich dich in die Stadt. Zum Zuge, der

ins Ausland fährt. Frau Römer wartet auf uns.«

Sie hatte sich in seine Arme geworfen. Sie umfaßte ihn so fest, als

solle nichts sie von da wegreißen. Doch wußte er: sie widerstrebte

nicht länger. Sie gab nach, willenlos.

Aber es war vielleicht nur die Angst des Abschiedes. Der Schreck davor,

der sie überfiel. Gestern war sie doch irre geworden an ihm, -- und

morgen? -- -- da besaß er keine Macht mehr über sie. Wußte nicht mehr,

was in ihr vorging.

Er sagte sehr sanft: »Du gehst nicht fort, weil ich dir weh thun will,

sondern weil ich dich lieb habe. So lieb, daß ich dir weh thun ~kann~.

Gib dich dieser Liebe, Ruth, -- ohne Rückhalt, ohne Zweifel, -- gib

dich ganz. Denke täglich, daß ich es zu dir sage, -- des Morgens mit

deinem Erwachen, des Abends mit deinem Einschlummern: ~Ich hab' dich

lieb.~«

Sie sah auf, ohne von ihm zu lassen, -- mit grenzenlosem Dank in den

Augen sah sie auf. Ein kaum merkliches Lächeln spielte ihr um den Mund,

-- ein wenig zaghaft noch.

»Da gehe ich ja nicht fort, -- da nehme ich Sie ja mit,« sagte sie,

fast schelmisch.

Das Glück brach aus ihren Augen, -- ja, der Schalk.

Es berauschte ihn. Aber anders als gestern. Wohl hielt er sie im

Arm, wohl kniete sie an seiner Brust, aber nicht seine Sinne wurden

berauscht. Etwas unendlich viel Feineres, eine Wollust so fein, wie

sie sich durch keine Sinne vermittelt, erfüllte ihn mit kraftvollem

Genügen. Er konnte Ruth nicht unbedingter zu eigen nehmen, nicht

stärker sich aneignen als in diesem Augenblick, wo er sie von sich

löste, wo sie auf sein Geheiß von ihm ging, weil sie ihm lieb war.

Einigung und Trennung, selbstloses Verzichten und selbstsüchtiges

Eingreifen, Schützen und Vergewaltigen, Dienen und Herrschen

verschlangen sich ununterscheidbar in einem einzigen Gefühlsknoten, in

einem einzigen Augenblick berauschenden Erlebens.

»Ist es nun nicht gut, daß du mir gehorchen und vertrauen mußt? daß

wir ~nicht~ sind wie ›zwei Kinder im Wald‹, die sich verlaufen? Für

die es schlimm wäre, wollte eines das andre aus den Augen verlieren,

-- verlassen. Mir kommst du aus den Augen, und doch nie von der Hand.

Ich bin mit dir wie jemand, den du nicht neben dir stehen siehst, und

doch um dich weißt -- über dir walten, wo du auch gehst und stehst. Wie

jemand, den du nicht fragen kannst, und der zu manchem schweigt, -- der

aber doch alles weiß, was dir not thut und gut thut wie --«

»Wie Gott,« sagte Ruth keck.

Das Wort lief wie ein Schauder über ihn hin.

Aus Gespensterfurcht?

Nein. Aber wohl, weil er ahnte, was mit diesem Wort in ihr selbst

aufwachen mochte, an unbewußtem, ungeheurem Fordern und Bewundern und

Erwarten.

Sie sagte es, gar nicht in Ekstase. Wie etwas Selbstverständliches. Wie

ein Kind einen Kuß gibt.

Aber er ahnte: nie, noch nie war sie der Liebe, der vollen Liebe, so

nah wie in diesem kindlichsten Bekenntnis, -- dem vermessensten.

Nein, keine Gespensterfurcht! vor nichts.

Und er küßte sie aufs Haar.

»Nicht wie Gott, Ruth. Und doch für dich: wie dein Gott.« --

Im Wohnzimmer war Klare-Bel damit beschäftigt, Ruths Koffer zu

schließen und ihr eine kleine Reisetasche zu füllen. Gonne half, das

Letzte zu ordnen und zu besorgen. Am Gartengitter draußen stand ein

leichtes Fuhrwerk, eine ländliche »Karfaschka«, welche das Gepäck

aufnehmen sollte. Erik wollte mit Ruth zu Fuß zum Bahnhof gehen.

Als das Gepäck aufgeladen wurde, kam er mit ihr aus seinem

Arbeitszimmer heraus. Klare-Bel blickte erstaunt auf. Weder er noch

Ruth machten ein trauriges Gesicht. Und doch wußte sie: erst jetzt,

dort im Zimmer, hatte er es Ruth mitgeteilt.

»Wie er das nur zu stande gebracht hat? Er kann doch alles, was er

will!« dachte sie bewundernd.

Das kleine Fuhrwerk rasselte davon, auf dem holperigen Landweg in

beständiger Gefahr, eines seiner wackelnden Räder zu verlieren. Erik

scherzte darüber, und Ruth harte ihre Schelmengrübchen in den Wangen.

Es war eine Heiterkeit, wie wenn an einem großen stummen, dunkeln

Gewässer ein Sonnenrand aufblitzt und die Oberfläche mit glitzernden

Perlen überblitzt.

Nur Gonne stand in der Küche und weinte mit einem mürrischen,

verschämten Gesicht.

Einige Minuten lang konnte Ruth noch bei Jonas im Zimmer verweilen.

Dann trat sie reisefertig, die graue Wollmütze auf dem Kopf, heraus.

Jonas horchte angestrengt. Er hörte sie über den Flur gehen, -- den

letzten, grüßenden Zuruf seiner Mutter, -- die Thüren gingen, -- --

dann eine Minute der Pause, -- -- und nun fiel, mit einem schwachen

Knarren, die Gartenpforte ins Schloß. -- -- --

Langsam, totenstill schlichen die Stunden hin, eine um die andre. Am

frühen Nachmittag kehrte Erik aus der Stadt zurück.

Aber es blieb so still wie zuvor.

Jonas hielt es nicht länger im Bett aus; er stand auf, und seinen

kalten Umschlag um den Hals, einen dicken Wollstrumpf darüber gebunden,

stahl er sich auf seinen roten Pantoffeln in das Zimmer des Vaters.

Der Vater war nicht da.

Jonas setzte sich an den großen Schreibtisch. Er mußte machen, daß er

fertig wurde, ehe der Vater ihn hier überraschte.

Und seine Feder kratzte über das Papier.

Er schrieb an Ruth:

»Süße, liebe Ruth!

Ich habe mich in Papas Zimmer hingesetzt an den Tisch, an dem du

arbeitetest.

So ungeheuer gern wär' ich zum Bahnhof mitgegangen! Weinen wollte ich

aber nicht, ich biß ins Kissen. Als aber in der Ferne der Zug lospfiff

(vielleicht war es gar nicht dein Zug), da habe ich trotzdem ein

bißchen geweint. Ich dachte: nun fährt sie fort.

Papa hat mir aber einen guten Rat gegeben. Ich will dir noch nicht

sagen, was für einen. Ich will ihn lieber erst befolgen. Und solange

ich ihn befolgen muß, was ziemlich lange dauern kann, werde ich dir

nicht schreiben. Aber dann schreibe ich dir, daß du meine Frau werden

mußt. Im Spiel hast du es niemals sein wollen, und das hat mich

manchmal so schwer gekränkt. Aber das war dumm von mir. Denn erst muß

ich ein ganzer Mann für dich geworden sein.

Darüber habe ich Papa noch nichts zu sagen gewagt.

Jetzt muß ich schließen. Aber ich mußte es dir gleich schreiben, damit

du es weißt. Vergiß mich nur nicht, wenn du dort einen andern Jungen

findest. Am Ende sogar einen fertigen Studenten? Dann würde ich mich ja

hier so ganz umsonst anstrengen.

Aber vielleicht findest du keinen.

Ich küsse dich mit tausend Küssen.

Dein Freund, (dein zukünftiger Mann,) Jonas.

+Pst. Scr.+: Ich weiß nicht, wo Papa jetzt ist, ich bin heimlich auf.

Sonst würde er dich sicher grüßen lassen.«

* * * * *

Erik war oben in der leeren kleinen Giebelstube.

Er stand am Fenster und weinte.

Ruth(#75251) · 第 12 / 19 题