»Bis ganz die Welt um uns versank --«
Gonne war es, die endlich die Stille unterbrach. Sie brachte den
Abendthee herein. Klare-Bel ließ sich hinter den Samowar rücken: ihre
täglich neu genossene Freude, wenigstens in solchen kleinen Dingen
wieder Hausfrau zu sein.
»Heute warst du gewiß froh, Erik, ein so langer Brief von Ruth,«
bemerkte sie dabei, »man muß sagen: sie schreibt treulich, --
regelmäßig. Aber manchmal einen Zettel, manchmal ein Buch!«
»Ich möchte wissen, warum du ihr noch nie geschrieben hast, Jonas?«
fragte der Vater, »sie will oft von dir wissen.«
Jonas wurde sehr rot.
»Wovon soll man sich denn schreiben? Ich habe genug zu thun,« murmelte
er über seinem Theeglas.
»Für so junge Menschen ist das Briefeschreiben auch nichts,« meinte
Klare-Bel, »Ruth ist doch sicherlich begabt, nicht wahr? Und sind ihre
Briefe nicht ganz entsetzlich nüchtern, Erik?«
»Nun ja. Wenn sie nicht etwas zu erzählen oder zu beschreiben hat.«
»Beschreiben? was denn? wie ein Berg aussieht, oder was für Wetter es
ist, -- ein Schneetreiben im Winter, kann sie das nicht seitenlang
erzählen? Aber ich finde, dabei erfährt man recht wenig von ihr
selbst.«
Erik schwieg. Er fand es auch. Dies Entzücken an der Schilderung,
selbst des geringsten, die Hingebung in der Wiedergabe dessen, was sie
umgab, und was unmittelbar von ihr aufgenommen wurde, -- das alles lag
neben einer spröden Wortkargheit, wo es ihre Gefühle betraf. Es war
nicht Verschlossenheit, -- es war Haß gegen das Wort, das ungenügende.
Schlechte Verse kritzeln, singen, stammeln, die Augen aufheben, -- ehe
er das nicht wiedergesehen, nicht wiedergehört, war Ruth für ihn wie
begraben.
Und wieder schwiegen sie.
Der Theetisch wurde abgeräumt. Nur eine Fruchtschale mit Aepfeln blieb
darauf stehen. Jonas machte Miene, seine Bücher und Hefte wieder
auszubreiten.
Erik hinderte ihn daran.
»Genug!« sagte er, »es ist ganz unmöglich, daß du mit deinen
Schularbeiten noch nicht fertig sein solltest.«
»Ich bin es ja auch, Papa. Aber ich wollte jetzt abends noch Russisch
treiben. Einer von den Jungens hilft mir in der Freistunde darin.«
»Ich sehe nicht ein, zu welchem Zweck? Schon im Herbst gehst du ins
Ausland. Du wirst ja nicht hier studieren. Wozu also?«
»Es ist sehr nützlich, Papa. In Deutschland kann man jetzt mit
russischen Stunden Geld verdienen.«
Erik war unangenehm berührt. »Geld? Mit Stundengeben? Ueberlaß mir das
doch.«
»Erlaube es mir, bitte. Thue ich nicht genug für die Schule?«
»Ja, aber du bist ein entsetzlicher Stubenhocker geworden, Jonas!
Bleibst mir zu schmalbrüstig, mein Junge. Flaum am Kinn, aber keine
Kraft in den Knochen. Nicht genug.«
»Gesundheit ist der Güter höchstes nicht,« behauptete Jonas mit einem
Ernst, der ihm drollig genug stand.
»Aber der Uebel größtes ist die Schuld, sie verscherzt zu haben,«
ergänzte Erik und fuhr ihm liebkosend über den Kopf; »wenn du öfters
mit solchen Citaten kommst, dann werde ich dich noch ganz von den
leidigen Büchern fortnehmen. Zu einem Bauern in die Lehre.«
Damit ging er hinüber in sein Arbeitszimmer.
Ein Stoß Schulhefte mit blauen Deckeln lag schon bereit. Auch allerlei
andres, das drängte.
Ihn drängte es nicht. Er schob es zurück.
Darunter lagen Ruths alte Hefte, auch neue Arbeiten; sie schickte sie
ihm alle. Ihren Studiengang leitete er vollkommen. Aber alles das war
immer noch nicht »Ruth«.
Er nahm eine Mappe vom Schreibtisch, in der sämtliche Briefe aus
Heidelberg lagen, vom vorigen August bis zum heutigen April.
Anfangs lauter Briefe von Frau Römer. Ruth konnte nicht schreiben,
sie lag im Fieber. Ein schleichendes Fieber, fürchteten sie. Erik war
zur Abreise vollständig fertig gewesen, er depeschierte bereits seine
Ankunft.
Da traf ein Telegramm ein, das ihn zurückhielt. Drei Tage später ein
kurzer Brief von Frau Römer:
»Ihre Anwesenheit ist nicht erwünscht. Die Trennung würde dasselbe noch
einmal ergeben. Ruth muß es lernen, ohne Sie zu leben. Daher dürfen
Sie unter keinen Umständen herkommen. Mein Mann meint es als Arzt,
ich meine es aber auch -- als Frau. Ich habe Ruth lieb wie mein Kind;
wollen Sie mir helfen, wie eine Mutter über ihr zu wachen, so entfernen
Sie auf immer aus Ihren Briefen alles, -- auch das Geringste, was
Sehnsucht wecken könnte.«
Nach einer Woche schrieb Frau Römer:
»Mit unsrer Ruth geht es besser. Aber gestern hat sie uns sehr
erschreckt. In ihrem Zimmer steht mein Lehnsessel, mit braunem Leder
bezogen; sie wollte ihn durchaus haben, als sie ihn bei mir sah, und
sagte dabei bedauernd: ›Wie schade, daß er nicht grün ist!‹
Diesen Sessel hatte sie gestern nacht mitten ins Zimmer, ihrem Bett
gegenüber, gerückt. Als mein Mann noch einmal leise hereintrat, um nach
ihr zu sehen, sieht er im Schein der kleinen Nachtlampe Ruth aufrecht
im Bett, -- den Oberkörper weit vorgebeugt, die Augen starr auf den
Sessel geheftet, das Gesicht verzückt.
Als sie meinen Mann sah, fiel sie in die Kissen zurück. ›Ach, -- nun
ist er fort!‹ sagte sie traurig. Sie war in einer halben Ohnmacht, am
ganzen Körper kalt.
Wir haben den Lehnstuhl aus ihrem Zimmer entfernen müssen. Mit den
andern Stühlen ›geht es nicht‹, versichert sie.