Ueber ihm glomm langsam der Morgen herauf. --

* * * * *

Als Gonne früh morgens, beim Fegen der Terrasse, den Pantoffel auflas,

war Jonas längst frostbebend in sein Bett gehinkt, halb bewußtlos

vor Kälte und Erregung. Er gab sich den nächsten Tag große Mühe, ein

starkes Unwohlsein zu verbergen, konnte aber vor Heiserkeit kaum

sprechen, und seine Augen glänzten im Fieber. Auf Klare-Bels besorgtes

Drängen und Fragen bekannte er, die Nacht im Garten gesessen zu haben.

Nach dem Essen warf er sich angekleidet auf sein Bett.

Um diese Zeit kehrte Erik nach Hause zurück. Klare-Bel erwartete ihn

erst mit Einbruch der Nacht. Aber er hatte auch von Moskau den Nachtzug

benutzt.

Ruth stand in seinem Arbeitszimmer, bemüht, ihre Papiere und Hefte

unter den seinen herauszusuchen, um sie einzupacken. Was war nun

seines, -- was ihres? Der ganze Inhalt ihrer Studien in Niederschriften

von seiner Hand, -- der ganze Inhalt seiner Pläne und Arbeiten für den

Winter, seiner Gedanken und Vorträge wiedergegeben, niedergeschrieben

von ihrer Hand.

Da vernahm sie unerwartet im Flur einen raschen, festen Schritt.

Die Thür von Eriks Zimmer in den Flur flog auf, und Ruth an seine

Brust.

Sie hatte über Zweck und Dauer seiner Reise nicht nachgedacht. Von der

einen Gewißheit hypnotisiert, daß sie fort mußte, nahm sie alles passiv

hin.

Um so mächtiger jedoch wirkte der plötzliche Anblick Eriks jetzt auf

sie. In diesem einen Augenblick vergaß sie alles, -- in diesem einen

Augenblick siegte die Gewalt der Gegenwart über jeden Kummer, der

bevorstand, -- leugnete ihn, vernichtete ihn, -- in diesem Augenblick

wurde alles, -- alles gut.

Sie vermochte nichts zu denken, als daß er da war. Und daß sie bei ihm

war.

Fest, -- fest schlangen sich ihre Arme um seinen Nacken, fest barg sich

an seiner Schulter ihr Gesicht.

So stehen bleiben, -- für immer so stehen bleiben, festgewurzelt für

immer an dieser Stelle, hineingeschmiegt in die weiten, weichen Falten

des geöffneten Reisemantels, -- nichts fühlen, nichts vernehmen, als

den starken, dumpfen Herzschlag, der ihr entgegenpochte, -- für das

ganze Leben nichts -- nichts mehr.

Sie wechselten kein Wort.

Aus Eriks Hand war die Reisetasche auf den Boden geglitten; stumm hielt

er Ruth an der Brust, schwer atmend und den Kopf niedergebeugt auf ihr

Haar.

Und plötzlich gruben sich seine Hände hart in ihre Schultern, um ihre

Hüften, und umschlossen sie mit so gewaltthätigem Griff, daß es wie

Schmerz und Ersticken über sie kam, -- als müsse er sie nun zerbrechen.

Zerbrechen unter seinen Händen und an seiner Brust, -- sterben, --

nicht fortgehen, -- dachte sie, und es überflutete sie mit einem

jauchzenden Glücksgefühl, wie sie es nie gekannt.

Erik sah sie lächeln.

Er verlor die Besinnung.

»Wahnsinn!« schoß es ihm wie Feuer durch den Kopf, »Wahnsinn! Wahnsinn,

sich zu lassen, wenn man sich liebt.«

Eine Sekunde lang, -- dann ließ er sie so jäh los, daß sie

zurücktaumelte. --

»Erik!« rief Klare-Bels Stimme durch das Nebenzimmer, »Erik, bist du

wieder da?«

Er hing den Mantel an den Ständer, dann öffnete er die Thür zu der

Wohnstube, in der sie lag.

»Denke nur, Erik, Jonas ist inzwischen krank geworden, -- so schwer

erkältet, -- hoffentlich ist es nicht schlimm. Er hat -- -- aber was

ist dir?«

Er stand da wie ein Betäubter, das Blut in den Augen.

»Nichts. Ein Schwindel,« murmelte er, setzte sich an den Tisch und

stützte den Kopf auf die Handflächen.

»Das ist diese übertriebene Eile!« klagte sie besorgt, »-- daß es mit

solcher Windeseile vor sich gehen soll. Wann ist es denn nun, daß sie

reist, Erik?«

»Morgen, -- um Mittag,« sagte er leise.

»Mein Gott, so schnell ist es aber doch rein unmöglich! Denke doch nur,

was es für eine solche Abreise alles zu ordnen und zu überlegen gibt.

Ruth braucht doch gewiß noch manches, was für sie beschafft werden

muß.«

»Es kann alles in Heidelberg beschafft werden.«

»Nun ja, Erik. Aber wenn du wüßtest, wie tief es ihr geht. Wie blaß und

elend sie ausgesehen hat, gestern und heute. Sie ist doch nur zart.«

»Hör auf!« sagte er zwischen den Zähnen.

»Ach, Erik, ich widerspreche dir ja nicht! Das thue ich ja niemals! Sie

thut mir nur so leid. So allein ist sie, und so liebebedürftig. Und

nun: von Haus zu Haus, von Hand zu Hand. Und wenn sie nun erkrankt, --«

»Hör auf!« unterbrach er sie außer sich und sprang auf, und warf den

Stuhl zurück, daß er zu Boden schmetterte, »hör auf, Bel! Es ist genug!

Ich will es so!«

Damit verließ er das Zimmer.

Mit erschrockenen Augen sah sie ihm nach. Erik war fast immer sanft

gegen sie, obschon -- oder vielleicht weil -- ihr Wille gegen den

seinen nie recht in Betracht kam. In so heftigem Ausbruch hatte sie ihn

lange nicht mehr gesehen, -- wohl seit ihrem Krankenlager nicht mehr.

Kranke sind gute Lehrmeister!

Nur in den ersten Jahren ihrer Ehe. Da war ihm der rasche Zorn noch

nicht verraucht, da ward er leicht heftig, wenn seine Frau nicht ganz

dem entsprach, was er erwartet, was er mit ihr gewollt hatte.

Seltsam: damals erschreckte es sie nicht, -- nein, mehr noch, so

wunderlich es auch sein mochte: sie liebte diesen Zorn. So deutlich

fühlte sie, daß Eriks Liebe damit verknüpft war. Gegen einen ihm

gleichgültigen Menschen konnte er nie heftig werden. Mit dem Interesse

an einem Menschen wuchs in dieser herrischen Natur das Verlangen, ihn

zu formen, zu gestalten, nach seinem Willen umzuprägen. Liebe und Härte

fielen zusammen.

Klare-Bel hatte ein russisches Geschichtenbuch gesehen, da befanden

sich auf dem dazu gehörigen Titelbilde zwei Bauersfrauen: die eine,

im roten Sarafan, auf die ihr Eheliebster mit einem Weidenprügel

dreinschlug, lachte über das ganze Gesicht; die zweite, im blauen

Sarafan, saß daneben am Weg auf einem Stein, sah neidisch zu und weinte

sich die Augen aus, indes ihr Liebster mit einer andern spazieren ging.

Das war gewiß eine dumme Geschichte. Aber diese beiden Bauersfrauen

konnte Klare-Bel gut verstehen.

Niemals sollte sein Zorn sie schrecken: nur, daß er mit seinem Zorn

seiner Liebe vergäße. --

Der Tag schlich langsam zu Ende. Es war so still im Hause, als ob

keiner darin anwesend sei. Erik hatte lange bei Jonas gesessen,

ihn genau angesehen, alles Notwendige veranlaßt und den heftig

Widerstrebenden gezwungen, sich ganz zu Bett zu legen. Es handelte sich

um eine starke Halsentzündung mit beträchtlichem Fieber.

Ruth stand auf dem Flur, gegen das Treppengeländer gelehnt. Sie wußte

selbst nicht, warum sie dort stand. Wahrscheinlich weil alle Thüren

sich in den Flur öffneten. Und aus einer der Thüren mußte doch endlich

Erik kommen. Und wenn er kam, mußte er doch zu ihr treten. Sich nach

ihr umwenden. Er mußte doch einsehen, daß es unmöglich war, so fremd

aneinander vorüberzugehen, wie er es heute abend that.

Sie wollte so wenig: nur seinen Blick auf sich gerichtet sehen wollte

sie, -- nur seine Hand fühlen, einen Augenblick lang.

Seitdem Erik sie an sich gerissen, und von sich gestoßen hatte, war

eine ratlose Verzweiflung über Ruth gekommen. Die äußere Trennung,

die nahm sie ja hin, wie etwas Furchtbares, aber Unabwendbares, weil

er es so forderte. Aber daß er sie ganz plötzlich auch innerlich von

sich losriß, das konnte sie nicht ertragen. Ihn den Blick absichtlich

fortwenden zu sehen, -- ohne ein Wort der Liebe für sie, ihn wie einen

Fremden dastehen zu sehen, -- das konnte sie ganz gewiß nicht ertragen.

Zur Schlafenszeit trat Erik aus dem Wohnzimmer heraus. Als er Ruth an

der Treppe bemerkte, sagte er ihr gute Nacht. Sie machte eine Bewegung

auf ihn zu, ihre Augen schauten dunkel und vorwurfsvoll zu ihm auf.

Aber er sah ihr nicht in die Augen. Er gab ihr nur flüchtig die Hand.

Dann ging er an ihr vorüber, zu Jonas hinein.

Bald darauf siegte die Uebermüdung über ihn; wider Erwarten fiel er in

einen schweren Schlummer. Aber aufregende und häßliche Träume erfüllten

seinen Schlaf, furchtbare Träume, die seinen Körper mit kaltem Schweiß

bedeckten.

Er sah Ruth vor sich, gealtert, verwelkt, mit gefurchten Zügen und

gekniffenen Lippen, mit Lippen, wie sie eine leere, liebeleere

Jugend gibt; er sah sie in einem lächerlichen Bilde, wie in einer

Theaterposse, als tugendsame hysterische alte Jungfer, mit der

unerfüllten Sehnsucht nach Zärtlichkeit im erloschenen Blick. Und da,

als er in der Angst des Traumes gewaltsam seine Augen von der Fratze

wandte, -- fort, einem andern Ruthbilde zu, -- da wandelte es sich vor

ihm -- zu nackter, entblößter Schönheit. Nackt sah er Ruth, -- und

schamlos, fremden Männern preisgegeben, -- einen weißen Körper, der

nicht der ihre war, ein lachendes Antlitz, das nicht das ihre war, --

und doch wußte er: es sei Ruth.

Er erwachte mit einem stöhnenden Laut. Und noch aus dem Traume heraus

hörte er küssen und lachen.

Aber das leise Stöhnen wiederholte sich, als habe es ein Echo an den

Wänden des Zimmers gefunden, und ein unterdrücktes Weinen schlug an

Eriks Ohr.

Er richtete sich auf und lauschte.

Das Weinen kam aus Jonas' Bett, welches neben der offenen

Verbindungsthür beider Stuben stand. Man konnte deutlich hören, wie er

es in den Kissen zu ersticken suchte.

Erik ermunterte sich völlig. Er machte Licht und näherte sich Jonas'

Bett. Als dieser ihn kommen hörte, verkroch er sich nur tiefer in seine

Decken.

»Hast du Schmerzen?« hörte er den Vater fragen, »bist du kränker

geworden?«

»Ich bin nicht krank!« murmelte Jonas, »es ist unnütz, mich mit Gewalt

im Bette zu halten. Ich weiß doch alles! Ich weiß jetzt alles! Es hat

nichts genützt, es vor mir zu verheimlichen! Und was ich noch nicht

wußte, habe ich gehört! Ich habe gehorcht und habe es gehört!«

Erik schwieg einen Augenblick betroffen.

»Du sprichst im Fieber,« sagte er dann, »was weißt du denn, was hast du

gehört?«

»Daß sie fortgeht! Daß sie morgen fortgeht!«

Und er wühlte sich schluchzend in seine Kissen.

Erik tastete nach seinem Gesicht und legte ihm die Hand besorgt an die

trocken brennende Stirn. Aber Jonas stieß seine Hand zurück.

»Nein!« sagte er fast keuchend, -- »du willst es ja, -- du bist

es ja -- schuld, daß sie fortgeht. Vor dir schützen muß ich Ruth,

-- schützen, denn was weißt du, -- wie ihr zu Mute ist. Du weißt

nicht, hast nicht gesehen, -- wie sie daliegt die Nächte, -- halb

ausgekleidet, an ihrem Bett, -- wie gestern.«

Erik preßte die fieberglühende Hand in der seinen zusammen, so

daß Jonas die Zähne mit Gewalt aufeinanderbiß, um den Schmerz zu

beherrschen.

»Was hast du -- gestern -- gesehen?« fragte Erik mit heiserer Stimme.

Jonas setzte sich auf.

»Sie kniete vor ihrem Bett,« sagte er traurig, »vielleicht weinte sie,

-- oder betete, -- so geheimnisvolle Augen hatte sie, -- und ich habe

mit ihr gewacht, -- ganze Nacht, heimlich, oben, in der alten Ulme vor

der Terrasse.«

Erik sprach kein Wort.

Aber nach einer langen Pause hob er die Hand, und leise strich er Jonas

über Stirn und Haar hin. Diesmal wurde die Hand nicht zurückgestoßen.

Die sanfte, liebkosende Bewegung des Vaters, der ihn so selten

liebkoste, empfand Jonas als ein wortloses Verstehen und Mitfühlen, das

ihn um die letzte Fassung brachte.

Und plötzlich warf er die Arme um den Nacken des Vaters. Und wie ein

unaufhaltsamer Strom, fieberheiß, halbverständlich, brachen die Worte

aus ihm hervor, überstürzten sich und verklangen in einem Stammeln:

»Papa, lieber Papa, hilf mir! Ich kann es nicht aushalten, daß sie

fortgeht! Ich war böse auf dich, -- nimm's nicht übel, -- hilf mir!

halte sie, Papa! sie bleibt da, wenn du es willst. Früher war ich mal

eifersüchtig auf Ruth, ich glaubte, daß du sie mehr liebst als mich.

Aber es schadet nichts, wie sehr du sie auch liebst, Papa! Denn ich

liebe sie ja auch viel mehr als dich! Mehr als dich! Mehr als alles auf

der Welt!«

Erik löste leise die Hände von seinem Nacken und hielt sie fest.

»Nimm dich zusammen!« sagte er halblaut, aber mit der eindringlichen

Stimme, der Jonas unbedingt zu folgen gewöhnt war, »du darfst nicht

hier liegen und dich so haltlos gehen lassen. Selbst nicht im Fieber.

Nimm dich zusammen.«

Fast mechanisch versuchte Jonas zu gehorchen. Er atmete mühsam.

Erik hatte sich auf die Kante des Bettes gesetzt, ohne seine Hände los

zu lassen.

»Lege dich nieder. Ganz ruhig. Unterdrücke die Unruhe. Komm, mein

Junge! strammer! Und nun höre mich: ich will dir helfen, wenn du

mir folgst, aber anders als du denkst. Von Ruth mußt du dich jetzt

trennen. Wir alle müssen es. Denn morgen schon reist sie fort, und bis

dahin wirst du nicht aufstehen dürfen.«

Jonas fuhr empor.

»Papa! das muß ich! ich springe aus dem Bett! Ihr haltet mich nicht!

Ich muß Ruth küssen, -- ich muß sie küssen, -- wenn sie geht!«

»Mit einem kranken, entzündeten Hals und Fieber wirst du Ruth nicht

küssen wollen, hoffe ich,« unterbrach ihn Erik in einem Ton, der jede

Widerrede abschnitt; »und du wirst es nicht nur unterlassen, sondern

auch alles thun, was ich von dir verlange. Dich vollkommen beherrschen,

wenn sie von dir Abschied nimmt. Mit keinem Wort, keiner Heftigkeit,

keinem einzigen klagenden Ton es ihr noch erschweren. Alle Aufregung

mit festem Willen niederzwingen. Das alles wirst du thun. Ich muß mich

unbedingt auf dich verlassen können, wenn ich sie zu dir hereinführen

soll. -- Kann ich es?«

»Ja!« stieß Jonas hervor, während ihm die Lippen noch zitterten. Er

konnte nicht an gegen diesen Willen, der den seinen in Bann hielt.

»Gut. Und nun will ich dir einen helfenden Trost geben für deinen

ersten großen Schmerz,« sagte Erik mit so weicher Stimme, daß es Jonas

war, als spräche er mit den Lauten seiner Mutter zu ihm, »wenn Ruth von

dir gegangen ist, blicke nicht zurück auf sie, sondern vorwärts in dein

Leben; sorge dafür, daß du dich tüchtig entwickelst, arbeite daran,

daß du bald ein ganzer Mann wirst, -- damit du ihr einst ein ganzer

Freund sein kannst, wenn sie deiner bedarf. So kommst du, in allem was

du thust, zu ihr zurück, -- ihr nahe. Dulde es nicht, daß sie dich so

ganz überflügelt und dich einst weit -- weit hinter sich zurückläßt!

Jetzt kannst du zeigen, was du wert bist, -- und ob du's wert warst,

Ruth gehabt zu haben.«

Jonas lag ganz still und lauschte.

»Ja!« sagte er begeistert, »das will ich! ach, Papa, das will ich!«

Und er hob den Kopf und küßte den Vater. Erik hielt seinen Kopf einen

Augenblick lang an sich.

»Wir werden ~nie mehr~ hiervon miteinander sprechen,« sagte er leise,

-- »nie mehr. Aber vergiß es nicht. Zwinge deine Gedanken auf die

Arbeit, auf das, was vor dir liegt. Suche dich mit mehr Festigkeit zu

beherrschen. Ich werde darauf achten und dir nichts durchgehen lassen.

Streng mit dir sein müssen, mein Junge. Mache es mir nicht schwer.«

»Papa,« versetzte Jonas so zutraulich, wie er sonst nur mit Klare-Bel

zu sprechen verstand, »ich will mich nie wieder vor dir fürchten. Sei

so streng du willst gegen mich. Du hilfst mir ja damit, nicht wahr?

Tüchtig zu werden. So fest und tüchtig wie kein andrer. Ausstechen muß

ich jeden andern! Hilf mir schnell, ein ganzer Mann zu werden! -- Ein

Mann für -- für -- ich meine: ein Freund für Ruth.«

Am liebsten hätte er sich im Bett aufgesetzt und geplaudert; Erik mußte

ihm das Sprechen verbieten und das Zimmer verlassen. Nun schwieg er; er

lag zufrieden im Bett und dachte angestrengt an die Zukunft.

Erik war außer stande, sich wieder schlafen zu legen; er kleidete sich

vollständig an. Er fühlte sich frei; wie erfrischt von einem langen,

gesunden Schlaf, wie gekühlt und gestählt durch ein erquickendes Bad.

Die ganze schwüle Beklommenheit vom Nachmittag und Abend, die noch auf

seinen Träumen gelastet hatte, war verflogen. In der Einwirkung auf

einen andern, dessen Unruhe er bezwang, dessen innerste, widerstrebende

Gedanken er bestimmte, -- im kurzen Kampf mit dem Knaben, der zugleich

sich gegen ihn auflehnte und ihm vertraute, hatte er sich selbst

zurückgefunden. Seine Kraft geweckt und gesammelt. Er wußte recht

wohl, wie es damit stand: wenn er sich am schwächsten fühlte, dann

erstarkte er an der Kunst, andre in überlegener Behandlung zur Stärke

zu veranlassen; an der gehobenen und mutigen Stimmung, die er von ihnen

forderte und in ihnen hervorrief, -- an seinen eigenen überzeugten,

überredenden Worten kletterte er selbst zu neuem Mute, neuer Zuversicht

empor, wie an einer langen Leiter, die sich manchmal mitten aus seiner

eigenen Verzagtheit erhob, aber bis ans Unbegrenzte zu reichen schien,

-- bis an ein unbegrenztes Selbstvertrauen.

Viele tausend solcher Leitern, festgehalten von den Händen einer

Menschenmenge, die ihn umdrängte, die an ihn glaubte, die auf ihn

angewiesen war, -- und er hätte einen Himmel auf Erden erstiegen.

Nur kein Zusammenbrechen der festesten dieser Stützen! denn Stützen

waren es, -- wie sehr auch er selbst als der Stützende dabei erschien.

Niemand ist absolut stark.

Erik wußte recht wohl, wo seine Gefahr lag, wo auch in ihm der

Schwächling steckte: da, wo er sich allein überlassen blieb.

Draußen herrschte noch dunkle Nacht. Es schlug drei Uhr.

Erik litt es nicht im engen, warmen Zimmer. Er öffnete leise die

Hausthür und trat hinaus.

Die Finsternis war so dicht, daß er nur langsam der Tiefe des Gartens

zugehen konnte. Er empfand den aufsteigenden Nebel, ohne ihn zu sehen.

Das knisternde Rauschen der Birkenwipfel belehrte ihn über die Nähe des

kleinen Gehölzes. Darüber glänzte am verhängten Himmel hie und da ein

verlorener Stern. Das letzte Mondviertel, der schmale, blasse Vorläufer

der Morgenröte, war noch nicht sichtbar.

Unweit der Bänke am Gehölz blieb Erik lauschend stehen. Er vernahm

absolut nichts als das leise Rauschen der Blätter. Aber er fühlte, daß

er nicht allein sei.

»Ruth!« murmelte er unwillkürlich.

»Ja! was soll ich?« fragte sie schüchtern.

Mit einem Schritt stand er neben der Bank; er tastete nach ihr.

»Was du sollst?! Im Bett sein!«

Er riß seine Joppe von den Schultern und warf sie ihr um.

»Was thust du hier mitten in der Nacht? Weißt du nicht, daß Jonas sich

in dieser gefährlichen, kalten Feuchtigkeit das Fieber geholt hat?«

»Ja, ich weiß es. Aber mir schadet das nichts,« versetzte sie zaghaft,

»das Fieber thut so gut; ich kenne es gut: da liegt man im Traum und

hört auf zu denken. Und da dachte ich, ich könnte es auch so gut

haben.«

Jetzt fühlte sie seine Hand, die sich fest um ihr Handgelenk legte.

»Was sagst du da?« fragte er ganz langsam, »du ~suchtest~ das Fieber?«

»Nein! nein!« rief sie flehentlich, »ich will es ja nur ein wenig, --

ein klein wenig nur, -- nicht so, daß es die Abreise hindern sollte!

Ganz gewiß nicht!«

Ein Laut brach von seinen Lippen, wie wenn er verwundet würde. Sie

konnte hören, wie seine Zähne leise übereinanderknirschten.

Er beugte sich über sie.

»Und das -- das glaubtest du zu dürfen,« sagte er matt.

»Ja, ich durfte es; denn ich will ja thun, was ich versprochen habe.

Bin nicht ungehorsam. Nur so ganz allein bin ich. Niemand, der nur ein

bißchen hilft. Da sollte das Fieber mir helfen. Ich darf thun, was ich

will, -- wenn es nichts aufschiebt,« versetzte sie finster.

»So. Und wenn du nur rechtzeitig fortgekommen bist, meinst du, --

dann könntest du thun, was du willst? Auch vielleicht dich irgendwo

hinsetzen und krank werden, wenn dir das ›hilft‹? Du irrst dich, mein

Kind. Ich lasse dich nicht los, indem ich dich fortlasse. Und aus der

Ferne sollst du mir doppelt gehorchen. Dein Versprechen geht auf dein

ganzes Leben. Du bist mein. -- Bist du es?«

»Ja!« rief sie inbrünstig.

»Steh auf und geh hinauf.«

»Ich kann es nicht so, -- ich muß erst wissen, -- wann reise ich?«

»Ich werde es dir morgen sagen. Heute nacht nicht. Du sollst dich

hinlegen und zu schlafen versuchen. An nichts denken als daran, daß du

schlafen sollst. Wirst du es?«

Sie war schon aufgestanden.

»Ja!« murmelte sie, »morgen! Ich muß morgen fragen, was ich will.«

»Das sollst du.«

Er gab ihr die Hand.

»Geh voraus. Gehe nur. Ich folge schon. Warte im Hause nicht auf mich.«

»Gute Nacht!« sagte sie gehorsam und ging.

»Mein Liebling! gute Nacht!« rief er ihr nach.

Und im Klang seiner Stimme lagen alle die Liebkosungen, nach denen sie

den ganzen Tag, die ganze Nacht gehungert hatte.

»Verzeih mir! Liebling,« sagte er reuig vor sich hin, während er ihr

langsam folgte. Allein gelassen hatte er sie, allein stehen lassen in

dem Augenblick, wo sie seine ganze Kraft und Liebe erwartete und ihrer

bedurfte. Weil er sich selbst nicht traute, nicht vertraute, -- aus

Furcht vor seinen Sinnen, -- und vor diesem unwissenden Kindersinn, der

ihm mit einem Lächeln entgegenkam.

Das war feige gewesen. Nicht durfte er aus solchen feigen Gründen in

letzter Stunde seine Hand zurückziehen, nach der sie sehnsüchtig und

gläubig griff, als nach der Hand des einzigen Menschen, den für sie

die Erde trug. Nicht überlegen, nicht geizen, nicht einschränken das,

was er ihr gab, und wonach es sie mit einer Inbrunst verlangte, -- mit

einer Zärtlichkeit, wie sie auf der ganzen Welt nur das einsame, das

nie geliebkoste Kind kennt.

Aus einer unendlichen Fülle heraus sollte noch einmal seine Liebe sie

umhüllen, sie umgeben, weich und schützend wie Mutterliebe, -- aus

einer so reichen, so kraftsichern Fülle heraus, daß er sich aller

Bedenken entschlagen konnte, -- daß er sein Liebstes nur noch wie auf

starken Armen hob und trug, -- es einem schlummernden Kinde gleich in

einem letzten Traum hinübertrug in die fremde, die kältere Welt. --

Der Hausflur war schwach erhellt von dem Licht, das an der offenen Thür

zu Eriks Zimmer stand. Ruth hing die Joppe über den Thürgriff, und ohne

sich nach Erik umzusehen stieg sie hinauf.

Er löschte das im Luftzuge flackernde, tropfende Licht und warf sich

ausgestreckt auf den Lederdiwan in seinem Arbeitszimmer, froh des

Dunkels, der Einsamkeit.

Seit der Stunde seiner Rückkunft gestern verlangte ihn unbewußt nach

dieser Stille und Einsamkeit.

In dem Augenblick, wo er gestern aus dem Flur zu seiner Frau

hineintrat, in dem Augenblick, wo Ruth an seiner Brust lag, und Bels

Stimme ihn rief, war etwas Sonderbares in ihm vorgegangen. Sie rief:

»Erik, bist du wieder da?« -- Aber ihn durchgellte es wie: »Erik, gehst

du fort von mir?«

Und als er sie wiedersah, sie daliegen sah in dem Zimmer, das er so gut

kannte, genau so wie zwei Tage vorher, da kam es ihm vor, als läge eine

lange, lange -- jahrelange Reise dazwischen, während der er seine Frau

nicht gesehen, nicht mit sich genommen, -- ja, vergessen hatte. Es war

fast wie ein Moment der Geistesstörung gewesen.

Und die Erregung, in der alle seine Nerven noch zitterten, ließ keine

Selbstbesinnung zu.

Aber jetzt -- jetzt stellte er sich wieder dahin, auf die nämliche

Stelle, Bel gegenüber und ihrer fragenden Stimme, und jetzt antwortete

er ihr: »Es ist eine lange, lange Reise gewesen. Ich ~habe~ dich nicht

wiedergesehen all diese Zeit hindurch, -- dahin nicht mehr gesehen, wo

du bist: dich vergessen.

Nicht zufällig, nicht unabsichtlich, nicht im Rausch des Augenblicks.

Nein, bewußt und gewollt. Mit allen Sinnen und Gedanken wollte ich nur

~einen~ Punkt vor Augen haben, ihn durchschauen, durchdringen, -- in

eine verhüllte Zukunft schauen und dringen. Unbeirrt von allem, was

hindert und bindet. Frei, wie einer, der alles hinter sich geworfen

hat, und dasteht wie ein Bettler oder wie ein König, wollte ich meine

Hände aufheben zu meinem Glück.

Dann -- einst -- ist es an der Zeit, zurückzukehren zu den Fragen und

Forderungen, den Pflichten und Fesseln des täglichen Lebens, um sich

mit ihnen auseinanderzusetzen. Zu dir zurückzukehren. Zum Kampf. Zum

Kampf um mein Glück.«

Erik hatte die letzten Worte fast laut gemurmelt: »Kampf -- -- --

Glück.«

Er öffnete, wie erwachend, die Augen.

Es war hell um ihn. Die Nacht vorbei. Glutrot stand der Himmel, wie in

Flammen.

Hinter dem Gehölz ging die Sonne auf. Purpurn, strahlenlos wie ein

ungeheurer Mond leuchtete sie durch den Morgennebel. Und purpurner

Glanz auf den Fenstern, auf dem Fußboden.

Noch war im Hause niemand zu hören. Nur die Schwarzdrosseln schwatzten

vor dem nahegelegenen Küchenfenster und unterhielten sich darüber, ob

Gonne ihnen wohl bald, beim Zubereiten des ersten Frühstücks, ein paar

Krumen zuwerfen werde?

Erik stand auf, stand still angesichts der Morgenherrlichkeit.

Er hatte Bel geliebt, -- so sehr, wie, nach seiner Meinung, der Mann

bisher das Weib überhaupt lieben kann: nicht nur mit der Habgier der

Sinne, nicht nur zu einem flüchtigen Liebesbündnis, das zufällig »Ehe«

hieß, sondern zu einem wirklichen Lebensbündnis, das kein Staat, kein

Priester, das nur der eigene, bewußte Wille besiegelt. Es war gewesen,

wie er damals, im scherzenden Gespräche über die Ehe, zu Warwara

gesagt: kein Pflichtbewußtsein, sondern das dauernde Glücksbewußtsein,

seinem Weibe, auch nach dem Schwinden der Sinnenliebe, alles in

allem zu sein. Daran hatten weder Krankenlager noch Altern, weder

Lebensenttäuschungen noch Liebesversuchungen jemals das Geringste zu

ändern vermocht.

Wenn er ihr je untreu geworden in einer heißen Aufwallung des

begehrlichen Blutes, -- oder auch in einem bittern Rückblick auf die

zerstörten, für sie hingegebenen Hoffnungen seiner Jugend, dann lehnte

er sich gegen sich selbst auf mit Kraft und Härte. Niemals hätte er es

doch zugegeben, daß irgend eine Gewalt stärker über ihn werden könne

als sein Wille, seine Bürgschaft.

Und nun, wenn er alles sammelte, was er an Scham und Selbstvertrauen,

an Stolz und Herzensgüte besaß, -- wenn er das alles sammelte und

zusammenraffte, war es nicht genug, um Bel, die Wehrlose, gegen einen

Kampf mit ihm zu schützen? Oder, wenn es denn in der Zukunft zu einem

solchen Kampfe kam, gab es in seinem vergangenen Leben nichts, was

stark genug, heilig genug, barmherzig genug war, um für Bel einzutreten

und gegen ihn selbst zu siegen?

Erik schaute geradeaus, hinein in das rote Flammenmeer am Himmel. Er

wollte, -- er mußte ehrlich sein.

Ruth(#75251) · 第 11 / 19 题