Kurz und glühend, wie immer, war der russische Hochsommer
vorübergeflogen, und früh, mitten im August, nistete sich leise der
Herbst im Garten ein und verlöschte mit seinen langen dunkeln Abenden
die Sonne. Der Rasen sah fahl und versengt aus, und längs den Kieswegen
sammelten sich die ersten dürren Blätter.
Gerade da, wo Klare-Bel in ihrem Stuhl am Rande des kleinen Gehölzes
lag, konnte sie an den Birkenzweigen über sich in einen breiten
goldgelben Fleck hineinschauen, der täglich ein wenig zunahm. Und von
Zeit zu Zeit sank eines der entfärbten Blätter, drehte sich in der Luft
ein paarmal herum und flatterte zu ihr nieder.
Gleich daneben stand ein Tisch, roh aus ungeschälten Baumästen
gezimmert, und zwei Bänke mit Rückenlehnen aus einem groben Flechtwerk
von Weidenzweigen. Da saßen Erik und Ruth schon den halben Tag und
arbeiteten.
Klare-Bel konnte nicht begreifen, wie sie das nur so ununterbrochen
aushielten; manchmal schienen es ihr allerdings nur Unterhaltungen
und Gespräche zu sein, die sie führten, aber sie wußte, wie ernst sie
es damit nahmen, und daß Erik mitunter die Nacht aufblieb, um seinen
Unterricht vorzubereiten.
Gern lag sie so und lauschte darauf; nicht auf die Worte, aber auf die
Stimmen. Denn darüber täuschte sie sich nicht: nur in solchen Stunden
noch klang Eriks Stimme gerade so froh wie früher. Und da war es
wirklich gut, daß er sein Zimmer jetzt förmlich mied und mit Ruth immer
in ihrer Nähe saß, wo sie ihn hören konnte.
Oft dachte sie dabei mit heimlichen Sorgen und Zweifeln an den ersten
Tag im Juni zurück, den Erik mit Bernhard Römer und dessen Frau in
der Stadt verbracht hatte. Seit dem darauffolgenden Morgen blieb er
verändert. Und mit diesem Tage mußte es zusammenhängen. Aber den wahren
Grund suchte sie in der fernsten Vergangenheit: namentlich seitdem sie
den gemeinsamen Jugendfreund selbst wiedergesehen.
Denn seitdem begriff sie ganz gut, daß Erik vielleicht noch im
stillen den alten Erinnerungen nachgehen mochte. Kehrten doch sogar
ihre eigenen Gedanken häufiger als je dorthin zurück, wohin es keine
Rückkehr gibt.
Die Jugend ersteht nicht wieder auf.
Wenn es doch eine Freude gäbe, -- dachte sie ganz heimlich bei sich, --
eine große, gewaltige Freude, die sie einmal über Eriks Leben bringen
könnte, so daß er alles darüber vergäße! Aber sie besaß nichts, -- sie
hatte immer nur so dagelegen, mit leeren Händen, und Opfer gekostet.
Vor wenigen Tagen brachte Erik unerwartet den Professor heraus, den er
manchmal bei ihrer Behandlung hinzuzog. Sie war auf ihr Bett gelegt
worden, und dann hatte Erik die in Angst und Schmerz Zitternde ganz
fest in seinen Armen gehalten, bis qualvolle Minuten überstanden
waren. Er selbst war ganz blaß. Aber der Professor wollte wiederkommen.
»Muß es sein, Erik?« fragte sie zagend.
»Es muß sein. Eine Aenderung ist da,« antwortete er ausweichend.
Aenderung! vielleicht Genesung!
Ja, nur ~eine~ große, gewaltige Freude konnte es noch geben: wenn sie
selbst auferstand von ihrem Lager und zu ihm trat aus eigenen Füßen, --
da mußte er wohl wieder froh werden.
Und sehnsüchtig schaute Klare-Bel in die durchsonnten goldgrünen
Zweige, von denen sich langsam die Blätter lösten. Und ihre Gedanken
verträumten sich.
Als die Strahlen der Nachmittagssonne schräger fielen, und die Schatten
der Bäume anfingen, sich zu dehnen und zu strecken, verstummten die
beiden am Tisch, und Ruth stand auf.
Da erschien Klare-Bel jedesmal von neuem ganz eigentümlich bei diesem
Unterricht, daß immer Ruth es war, die seinen Schluß angeben sollte.
Erik wollte es so; nur diese selbst konnte genau wissen, wann ihre
volle Frische und Empfänglichkeit nachließ. Er seinerseits konnte nur
seine ganze und ungeteilte Kraft in das hineinlegen, was er ihr gab, --
und das that er. Er sammelte alle Kräfte des Willens und des Geistes
und konzentrierte sie auf einen einzigen Punkt: er hielt Ruth wie ein
Fürstenkind, das man nur mit dem Auserlesensten beschenkt.
Er blickte sie an, wie sie, sonnengebräunt und mit vornübergewehtem
Haar, neben ihm stand, in einer richtigen russischen Bauernbluse von
grobem, ungebleichtem Leinen, mit roter Stickerei auf den Achselstücken
und Oberärmeln, -- fast wie ein Kind aus dem Volk. Aber sein
Fürstenkind war sie doch.
Er hatte ein Heft herangezogen, ohne Absicht es durchzusehen; nur
mechanisch glitten seine Augen über die Zeilen hin. Doch Ruth blieb
neben ihm stehen, und nun beugte sie sich über ihn, um hineinzublicken.
Von Sekunde zu Sekunde wurde Erik nervöser. Und plötzlich, wegen eines
geringfügigen Versehens, das er fand, herrschte er sie so heftig an,
daß Klare-Bel erschrocken aufsah.
Ruth zog Schultern und Augbrauen hoch und schüttelte entrüstet den
Kopf.
»Es ist nicht zu glauben. Wie kann man nur so kopflos sein, -- nicht
wahr? Geradezu verdummt muß man schon dazu sein!« setzte sie mit
unverhohlener Selbstverachtung seine Vorwürfe fort.
Erik war verblüfft und mußte über sie lachen.
Aber es berührte ihn wunderlich. Noch vor ein paar Monaten hätte
etwas derartiges sie scheu gemacht, -- sie ~ver~scheucht. Jetzt
weinte sie nicht mehr darüber, daß er sie ein dummes Kind nannte. Sie
lachte. Lachte sich aus. -- Ihre Augen sahen ihn so spottend an. Wen
verspottete sie eigentlich? Sich selbst, -- daran war kein Zweifel.
Sich selbst nahm sie als einen fremden Gegenstand, den sie nur noch von
Erik aus beurteilte; sie empfand, dachte und handelte nur noch wie aus
seinem Wesen heraus.
Was war diese Selbstentrückung, dieses Uebermaß von Selbstvergessen
im Grunde? war das Liebe? war es das, worauf er, halbbewußt und wider
seinen Willen, -- wartete?
Klare-Bel hatte mitgelacht.
»Es wird dir noch sonderbar vorkommen,« sagte sie, »wenn du mit dem
Herbst so viele Lerngenossen bei Erik bekommst. Wenn du mit ihnen alles
teilen mußt. Wirst du nicht eifersüchtig sein, wenn nun eines von den
Mädchen mehr kann als du?«
»Warum nicht?« fragte Ruth, und der Schalk ging durch ihre Augen, »dann
wollen wir die eine lieber haben als mich. Wir haben Raum für viele da.
Je mehr es sind, desto besser.«
Erik blickte auf. Am Ende würde sie wirklich eine dritte im Bunde mit
Begeisterung empfangen? Aber wenn sie so spitzbübisch aussah, konnte
niemand wissen, was sie bei sich dachte.
Er erhob sich und schob den Stuhl seiner Frau dem Hause zu, um sie
vor Sonnenuntergang hereinzutragen. Jonas kam ihnen entgegen; den
ganzen Nachmittag hatte er sich draußen auf den gemähten Wiesen
herumgetrieben, aber immer paßte er den Augenblick richtig ab, wo er
Ruth in Beschlag nehmen konnte.
Als Erik wieder aus dem Hause trat, sah er Ruth mit Jonas unter den
Birken auf und ab gehen. Sie hielten sich lose umschlungen und stießen
sich gegenseitig an den grasbewachsenen Wegrand, wo der Frühherbst
das welke Laub angehäuft hatte. Es machte ihnen offenbar lebhaftes
Vergnügen, mit den Füßen durch die Blätter hindurchzurascheln.
Jonas hatte Ruths Hand gefaßt, die auf seiner Schulter lag, und von
Zeit zu Zeit neigte er den Kopf seitwärts und fuhr mit ihrer Hand
liebkosend über seine eigene Wange.
»Jonas!« rief Erik den Knaben laut an.
Der schrak auf bei dem Ton.
»Was soll ich?« fragte er und kam betreten näher.
»An deine Ferienarbeiten sollst du!« sagte Erik, und schämte sich vor
sich selbst.
Ruth folgte Jonas ins Haus.
Erik war im Garten stehen geblieben und sah den beiden nach.
Da war es wieder, -- dies Kindhafte, Kindische, dieses Unausgewachsene
und sonderbar Unreife, über das er in Ruths Wesen nicht hinwegkam. Es
nahm nicht ab, es nahm zu, -- es steckte ganz tief irgendwo, im Kerne
ihrer Natur. Geistig hatte sie sich rasch und stark entwickelt, wie
junges Laub in warmem Mairegen. Aber es war, als ob nun erst auch alle
kindlichen Elemente sich entwickelten und zu immer vollerer Auslebung
drängten, -- und daneben andere, beinahe männliche, die er in
ihr bis dahin nur geahnt. So schnell gewöhnte sie sich daran, ihre
Gedanken zu logischer Schärfe zu formen und ihnen eine energische
Richtung auf das Erkennen zu geben, als habe sie nie in der Phantastik
der Träume gelebt. Sichtlich hatte das Unentwirrbare, Unklare und
Wildschweifende ihres Denkens nur mit den phantastischen Stoffen selbst
zusammengehangen und fiel mit diesen von ihr ab.
Erik ging langsam in das Haus zurück, wo Jonas im Wohnzimmer mit
resignierter Miene über seinen Büchern saß und zu lernen schien; aber
im stillen grübelte er darüber nach, wie er Ruth dem Vater am besten
abspenstig machen könnte, um sie mehr für sich zu haben. Morgen war
ein Sonntag, da konnte man viel unternehmen; in diesen Ferienmonaten
wurde schon früh gegessen, und so bekam man einen reichlich langen
Nachmittag und Abend heraus. Aber Jonas fand es ungerecht, daß auf
sechs Wochentage nur ein Sonntag fiel, und daß der Vater sich gerade
die Wochentage genommen hatte.
Ruth saß nicht mit im Wohnzimmer. Sie mußte in ihre kleine Giebelstube
hinauf gegangen sein.
Erik trat wieder in den Flur zurück und horchte, ob sich oben nichts
rege.
Und dann stand er auch schon gleich darauf am Fuß der schmalen
Holztreppe.
Wie ein Dieb erschien er sich selbst, als er da, in der Halbdämmerung,
auf dem untersten Treppenabsatz zögerte.
Nur langsam nahm er die ersten Stufen, dann rasch die nächsten.
Wie lange, lange war er nicht mit Ruth allein gewesen, -- ganz allein.
-- --
Oben klopfte er kurz und laut an. Ruth antwortete mit heller Stimme.
Sie stand vor dem geöffneten Wandschrank, in dem sich ihre Sachen
befanden, und kramte darin.
Außer einem Tisch und Stuhl am Fenster enthielt das kleine Gemach nicht
viel mehr als am ersten Tage. Aber das Fensterbrett war mit Blumen
gefüllt, mit gewöhnlichen Sommerblumen, wie die Straßenhändler sie
auf einem Kopfbrett vorübertrugen, und darunter standen, am Boden,
Töpfe mit Ablegern aus dem Garten. Und die Tapetenwand war bedeckt mit
Bleistiftzeichnungen, die einen breiten Tintenrand als Rahmen empfangen
hatten. Sie rührten alle von Jonas Hand her und stellten alle irgend
einen Winkel des Gartens oder des Hauses dar.
Erik sah auf den Tisch nieder, auf dem Nähzeug und Papiere unordentlich
durcheinander lagen.
Es fiel Ruth nicht ein, zu fragen, weshalb er heraufgekommen sei, aber
in der leichten Verlegenheit, die er selbst empfand, suchte er nach
einem Wort und zog eines der Papiere unter dem Nähzeug hervor.
»Schreibst du hier Verse?« fragte er überrascht.
Sie wurde dunkelrot.
»Nicht mehr so oft,« antwortete sie fast bestürzt, »und ich will ja
auch gar nicht! Aber manchmal, wenn -- manchmal muß ich es noch thun.«
»So Verborgenes thun. Verborgen vor mir. Und ich habe geglaubt, daß
kein Gedanke unausgesprochen, den ich nicht kenne, durch deinen Kopf
geht.«
Sie machte ein so schüchternes Gesicht wie in alten Zeiten.
»Nicht verborgen,« sagte sie leise, »es sind nur eben keine Gedanken.
Und aussprechen kann man sie auch nicht. Und die kommen nun und drängen
sich, und dann muß man Verse schreiben.«
Erik lachte.
»O weh, die armen Verse!« bemerkte er, »also einen solchen stillen
Winkel hast du dir noch in deinem Kopf referiert, während es aussieht,
als ob du die schönste Ordnung gemacht hättest. Die ist wohl nur in den
Staatsstuben, auf der Oberfläche. Dahinter liegt eine wunderschöne,
unergründliche Rumpelkammer. Was sollen wir mit der machen?«
Sie sah ihn ganz ernsthaft an.
»Was Sie wollen,« versetzte sie treuherzig.
»Würdest du denn fraglos thun, was ich will? Auch im geheimsten, was
du für dich treibst? Auch im Verborgensten deiner Rumpelkammer? Immer?«
»Immer.«
Er nahm ihren Kopf zwischen seine Hände.
»Und wenn ich sie dir nun ausräumen wollte? und wenn es zufällig
gerade dein liebster Winkel wäre? und wenn es nun, irgend wann einmal,
vielleicht keine bloße Rumpelkammer mehr wäre, sondern dein glückliches
geistiges Zu Hause? würdest du dann auch noch ebenso antworten: ›Was
Sie wollen‹?«
»Ja!« sagte sie einfach.
Erik machte eine Gebärde, wie wenn er sie in seine Arme ziehen wollte,
dann aber ließ er sie frei, trat zurück und ans Fenster, neben welchem,
an der Seitenwand, ein kleiner Bücherbort hing.
Ein paar Minuten vergingen.
Ruth sah ihm zu, wie er anscheinend die Titel der Bücher studierte, die
sich in der langsam zunehmenden Dämmerung nicht mehr erkennen ließen.
Aber Erik wußte ungefähr, was alles sich hier auf das sonderbarste
einträchtig zusammengefunden hatte. Eine lateinische Grammatik aus
Jonas' Nachlaß und die Märchenwelt von Tausend und eine Nacht,
eine Auswahl aus Platos Werken in deutscher Uebersetzung und ein
zerrissener Band alter russischem Volkserzählungen, Ueberwegs »System
der Logik« und die französische Uebersetzung des Don Quixote mit den
Illustrationen von Doré, und so fort.
»Warum haben Sie nie ein Buch geschrieben?« fragte Ruth plötzlich vom
Fenster her.
»Weil ich es nie gekonnt habe. Bücher zu schreiben verstehe ich nicht,
Ruth. Und mir schien wohl auch immer: Bücher sind tot, nur das
gesprochene Wort lebt. Und ich fürchte, du wirst es auch nie können,
nie verstehen, mein armes Mädel.«
»Ich? Ich will auch nicht. Ich möchte etwas andres.«
»Was möchtest du denn?«
»Ein Märchen erzählen. Ein einziges. Eines, in dem alles drin ist. Aber
nicht mit Worten.«
»Das würdest du ja auch schreiben oder sprechen, malen oder meißeln
müssen, wenn du es mitteilen willst.«
»Es muß noch auf bessere Weise gehen,« meinte Ruth.
»Nicht, wenn es für alle sein soll. Sonst kann man es auch wohl einem
lieben Menschen an den Augen ablesen.«
»Das ist schon besser,« sagte sie und lehnte ihren Kopf gegen das
Fensterkreuz zurück.
Kurze Zeit schwiegen beide.
Die Dämmerung sank tiefer. Ueber den Steinfliesen der Terrasse unter
ihnen blinkte es hell auf, im Wohnzimmer wurde die Lampe angezündet.
Um den Wipfel der alten Ulme vor dem Fenster spielten die Fledermäuse.
Lautlos huschten sie unter dem Dachfirst hervor und flatterten hinter
Ruths Rücken hin und her im Zickzack.
Erik stand mit einemmal im Halbdunkel dicht neben ihr. Er hob die Hände
und strich leise über ihr Haar hin, so daß sie sich in den weichen,
lockigen Wellen verloren, und dann blieben sie auf ihren Schultern
liegen, und er beugte sich tief über Ruth.
»Sage mir das nicht mehr, -- was du vorhin sagtest: daß du immer und
fraglos thun würdest, was ich will,« bemerkte er mit gesenkter Stimme,
»du sollst mir nicht in jedem Fall und blind folgen. -- Ich könnte ja
auch ein Unrecht von dir wollen. -- Hast du daran nicht gedacht?«
Sie legte sich weit in seinen Arm zurück und schüttelte den Kopf.
Er umfaßte sie fester.
»Und wenn es doch so wäre?« fragte er fast heftig, »was würdest du
thun?«
Nun erst blickte Ruth auf und sah ihn lange und ruhig an. Sie schien
sich den Fall ernsthaft zu überlegen.
»Unrecht thun!« sagte sie dann laut.
Erik fuhr zusammen. Er murmelte etwas, was sie nicht verstand. Sie
lachte aber über das ganze Gesicht.
»Für mich ist immer ~das~ das Rechte, was Sie wollen, -- niemals ein
Unrechtes. Besser weiß ich es nicht. Ich brauche es aber auch nicht
besser zu wissen.«
»Mein armes Kind,« sagte er leise.
Sie richtete sich in seinem Arm hoch. Ein lauschender Ausdruck kam in
ihr Gesicht.
»Wer? ich? Warum sagen Sie das?« fragte sie mit veränderter Stimme und
machte sich langsam frei. »Was ist das? Warum sagen Sie mir das alles?
Ich bin kein armes Kind. Ich bin ja ~Ihr~ Kind!«
Und als er nicht gleich antwortete, faßte sie ihn plötzlich an beiden
Armen und schüttelte dieselben mit leidenschaftlicher Kraft. »Bin ich
es denn nicht?« fragte sie wild. »Worum soll ich nicht mehr thun, was
Sie wollen? Bin ich denn nicht Ihr Kind? Nicht mehr?! Dann wäre es
besser, tot zu sein.«
»Ruth!« rief er erschüttert.
Sie suchte sich zu fassen. Ihre Hände sanken von seinen Armen und
schlangen sich ineinander. Dann hob sie den Kopf.
»Ich will alles thun, -- alles! Recht oder Unrecht, Gutes und Böses, --
alles! Ich will gehorsam sein bis in den Tod. Stellen Sie mich auf die
Probe. Aber gehorchen muß ich Ihnen dürfen, -- Ihr Kind sein dürfen, --
zu Ihnen sagen dürfen: ich will thun, was Sie wollen. Immer! Immer! Das
muß ich -- muß ich dürfen. -- -- Darf ich?«
Unwillkürlich hob sie ein wenig die gefalteten Hände. Eine Gebärde
unsäglicher Demut. Aber ihr Gesicht sah dabei fast finster aus, und
ihre Stimme klang wie Metall. Und nun ein ganz weicher, kindlicher Ton:
»-- Darf ich?«
Erik wurde zu Mute, als schaue er plötzlich, erst in diesen
vorüberblitzenden Sekunden, mit weitem Blick hinein in die verhüllte
Tiefe, aus der allein Ruths Liebe geboren werden konnte. Zum
erstenmal hinein in das Geheimnis ihres Wesens, -- hinein in die
stumme Einsamkeit und Sehnsucht vieler, vieler Jahre, aus der mit
rückhaltloser Gewalt die langgehemmte, lang aufgestaute Inbrunst
hervorgebrochen war, als er in ihr Leben trat. Ihn lieben dürfen, das
hieß: endlich -- endlich ~Kind sein dürfen~, gehorchen, sich hingeben,
sich weggeben, auf den Knieen noch. Es hieß sammeln und ausstürzen
dürfen die ganze leidenschaftliche Zärtlichkeit des Kindes, das noch
keine Kindheit gehabt. Und das doch gerade dessen -- nur dessen
bedurfte.
Ruths Augen blitzten ihn durch die Dämmerung an.
»Bin ich noch immer arm, -- ein armes Kind?« schienen sie ihn
unverwandt zu fragen.
»Du bist nicht arm, -- mein Kind bist du, -- und darfst gehorchen, --
mir folgen, -- du sollst es immer dürfen,« sagte er heiser.
Und er öffnete die Thür nach der Treppe, über der hell das Lampenlicht
aus dem Flurraum heraufschien. --
Diesen Abend zog sich Erik schon gleich nach dem Thee in sein
Arbeitszimmer zurück. Klare-Bel merkte recht wohl, daß er wieder die
halbe Nacht aufblieb. Obgleich doch am andern Tag der Unterricht
ausfiel.
Den nächsten Morgen fragte Erik am Frühstückstisch, ob Briefe in die
Stadt mitzunehmen seien.
»Willst du zur Stadt fahren? gerade heute? am Sonntag?« fragte seine
Frau erstaunt.
»Ja. Ich muß selbst zwei Briefe, die dringend sind, besorgen und einen
notwendigen Besuch machen,« versetzte er.
Die beiden Briefe sah Klare-Bel auf dem Nebentisch liegen. Der eine an
Römer nach Heidelberg, der andere an dessen Frau nach Moskau. Beide
doppelt frankiert.
Sie wagte nicht, ihn zu fragen, was er denn an Frau Römer so viel zu
schreiben habe? Er machte ein so ablehnendes, verschlossenes Gesicht.
Aber als er fortgegangen war, sann Klare-Bel den ganzen Vormittag
traurig und besorgt diesem Gesicht nach.
Dies Wortkarge, Verschlossene kannte sie als ein schlimmes Zeichen.
Erik war offen und mitteilsam, wenn er froh war; wenn er schwieg, so
litt er. Und gerade dann hätte Klare-Bel am liebsten alles mit ihm
geteilt. Dem Glücklichen, Frohen gegenüber fühlte sie sich leicht
ein wenig gedrückt, ein wenig überflüssig. Dagegen erschienen ihr
immer Leiden und Kummer als die geeignetsten Zugänge, die wohl auch
sie zu Eriks Innerem hätte finden müssen, -- um ihm nahe zu kommen,
um ihm notwendig zu werden. Aber gerade wenn er litt, wurde er am
unzugänglichsten, -- wurde er stets abweisend, bis zur Schroffheit. Nur
in seinen frohen Stunden erschloß er sich ihr.
So war es also wohl nichts für sie: weder mit der Freude, die sie ihm
so gern bringen wollte, -- noch auch mit dem Kummer, den sie mit ihm
getragen hätte. --
Inzwischen befand sich Erik in der Stadt bei Ruths Verwandten. Ganz
gegen seine Vermutung fand er auch die Tante vor, die soeben von
Wiesbaden zurückgekehrt war, um, nach kurzem Aufenthalt, zu den Ihrigen
nach Livland zu reisen, wohin ihr Mann sie begleiten sollte.
»Vor Anbruch des Winters kommen wir von dort nicht mehr heim,« sagte
der Onkel zu Erik, den er auf das herzlichste wieder begrüßt und erst
nach längeren, zwanglosem Gespräch zu zweien in das Empfangszimmer zu
seiner Frau geführt hatte. »Aber alles, was Sie mir da erzählt haben,
eilt ja auch nicht von heute auf morgen, denke ich mir. Wenn Sie Ihre
Absicht ausführen, Ruth ins Ausland zu senden, so ließe sich dabei der
Zeitpunkt unsrer Rückkehr ein wenig mit berücksichtigen, nicht wahr?«
»Nein!« entgegnete Erik, »das, was ich von Ihnen erbitten wollte, war
eben dies: mir auch hierin vollständig freie Hand zu lassen. Und für
Ruth an dem Reiseanschluß festzuhalten, den ich im Auge habe. Auch wenn
das ihre Abreise unberechenbar beeilen sollte. Ich weiß, daß ich Ihnen
damit viel zumute. Aber wenn Sie Vertrauen zu mir haben, dann lassen
Sie mich noch einmal über Ruth entscheiden, so unbedingt wie damals,
als ich sie Ihnen fortnahm.«
»Ich weiß keinen Menschen aus der weiten Welt, zu dem ich mehr
Vertrauen fassen könnte, als zu Ihnen,« versetzte Ruths Onkel, dem bei
Eriks sonderbar bestimmtem Ton die Gemütlichkeit schwand, »und was
Ruth betrifft, so habe ich von allem Anfang an das Gefühl gehabt, als
ob selbst so nahe Verwandte wie wir, Ihnen ein Recht auf die Kleine
abtreten müßten. Wenn Sie also so fest glauben, daß es gut an ihr
gehandelt ist, handeln Sie so! Ich meinerseits will, -- wenn ich sie
nicht wiedersehe, -- ich will Weihnachten einen kurzen Urlaub nehmen
und unsre kleine Studentin in Heidelberg besuchen.«
»Aber ich bitte dich! nenne es doch wenigstens nicht gleich beim
ärgsten Namen!« fiel die Tante ein, der die Nachgiebigkeit ihres Mannes
unverantwortlich vorkam. »Ruth soll doch nicht wirklich studieren?
Ich meine, mit einem Studentenplaid und kurzen Haaren, wie es hier
geschieht? Bei uns in den Ostseeprovinzen wäre so etwas rein
undenkbar.«
»Einstweilen soll sie lernen,« antwortete Erik etwas ablehnend, »das
Weitere wollen wir ruhig ihr selbst und der Zeit überlassen.«
Sie sah ihn prüfend und mißbilligend an. Wie konnte man so etwas der
»Zeit« überlassen? Hätte er noch gesagt »der Vorsehung«. Wenn er
für das Frauenstudium eintrat, dann war er auch ganz sicherlich ein
Atheist. Und solchen Leuten war doch wohl alles zuzutrauen.
»Ich sehe mit Verwunderung, daß mein Mann sehr sorglos darüber denkt,«
bemerkte sie, als Erik schon aufstand, um sich zu verabschieden, »aber
um so mehr muß ich ein Wort hinzufügen. Du sprichst so ruhig von
Recht abtreten, Louis! Aber ~ein~ Recht kannst du doch nie und nimmer
abtreten. Ich meine das Recht der moralischen Verantwortlichkeit. Das
mag ja eine altmodische Ansicht sein. Aber ich möchte doch wissen, wie
Herr Matthieux darüber denkt.«
Erik sah ihr ernst und ruhig in die kampflustig auf ihn gerichteten
Augen. Zum erstenmal gefiel sie ihm. Eben die Kampflust gefiel ihm.
Obwohl der Onkel Ruth lieb hatte, war sie doch ein besserer Wächter als
er.
»Wenn ich Sie recht verstehe,« sagte er, »so fürchten Sie, daß ich mit
meinem Recht an Ruth nicht zugleich auch alle Pflichten ihr gegenüber
übernehmen würde. Wenn es etwas gibt, was Sie von dieser Furcht
befreien kann, so nennen Sie es nur.«
Der Onkel sah fast verlegen aus, aber sie beachtete es nicht.
»Ich antworte Ihnen als gläubige Frau,« entgegnete sie, die stolz
war auf baltische Ueberzeugungstreue, »mir bedeutet moralische
Verantwortlichkeit: schuld sein wollen an einem Menschen, -- schuld
an dem, was an seinem innern Menschen geschieht. Nicht zulassen, daß
er Schaden daran nimmt. Wie sollte man das ohne Gott, ohne religiösen
Glauben auf sich nehmen können? Wenn Sie nun Ruth fortgeben, -- können
Sie eine solche Pflicht in diesem Sinne übernehmen?«
Ueber Eriks Züge ging ein Ausdruck, den sie nicht zu deuten wußte, der
sie aber wider ihren Willen ergriff.
»Nun verstehen wir uns,« sagte er mit unterdrückter Bewegung, »denn
eben das soll mein Recht sein: ich will schuld sein an diesem Kinde!«
Sie fand, es klang arroganter als je. Es war nichts, das ihre
religiösen Bedenken beruhigen konnte. Aber ihr war dennoch, als habe er
»Gott« gesagt. --
Erik ging dem Bahnhof zu. Fast kein Mensch außer ihm in den leeren
Straßen; auch die letzten, die den Sommer in der heißen, ungesunden
Sumpfluft der Stadt zubringen mußten, entrannen ihr am Sonntag. Nur
hier und da taumelte ein Betrunkener aus der offenstehenden Thür einer
Kellerschenke, oder rasselte eine vereinzelte Droschke holpernd über
das schadhafte Holzpflaster, das stellenweise noch weit aufgerissen
dalag und darauf wartete, daß seine alljährlichen Löcher in schöner
Mosaikarbeit zugestopft würden.
Verlorene Glockenklänge, die letzten von einer der zahllosen Kirchen,
zitterten über die ausgestorbenen Straßen hin, wie Grabgeläute über
einer Totenstadt.
Erik ging langsam, müden Schrittes heimwärts.
»Nicht zulassen, daß sie Schaden nimmt,« wiederholte er die eben
gehörten Worte. Ja, genau das wollte er doch. Noch war die Umpflanzung
in einen neuen Boden möglich, wenn er seinen kleinen Baum behutsam,
mit allen feinsten Würzelchen, dort eingrub. Nur so konnte er jetzt
seine Gärtnerdienste an ihm thun, damit derselbe nicht Schaden nehme an
seiner Entwickelung, die noch in hart und fest geschlossenen Knospen
vor sich ging, -- undurchsichtig von allen Seiten.
Denn manchmal, da wachte etwas Gewaltthätiges in ihm auf, -- im
pflegenden Gärtner die verbrecherische Ungeduld des Knaben, der sich am
Frühling vergreift und die Knospen zerstören möchte, um zu sehen, ob
eine rote oder eine weiße Blüte in ihnen schläft.
Aber er fiel sich selbst in die gewaltthätige Hand; er selbst riß Ruth
sich aus der Hand.
Verdirbt denn ein Vater sein Kind, ein Mann sein Weib, ein Künstler
sein Werk?
Und ihm schien: seine Liebe zu Ruth sei alles dieses.
Zu Hause hatten sie mit dem Essen auf ihn gewartet; als er kam, wurde
es einsilbig eingenommen. Klare-Bels Hoffnung, Erik werde erzählen, bei
wem er den Besuch gemacht, erfüllte sich nicht.
Er wußte wohl, daß er nun davon sprechen mußte. Mit ihr und mit Ruth.
Es war ihm das Schwerste.
Das dachte er, als er dann endlich am Fenster seines Arbeitszimmers
stand und wartend in den Hintergarten hinausblickte, wo Ruth sich mit
Jonas erging: »Nur nicht sprechen, -- nur nicht grübeln, -- handeln!
Sie aus den Arm setzen und forttragen. Handeln! Wer es wortlos dürfte!«
Und nun ging Jonas ins Haus.
Erik stieg zu Ruth in den Garten hinunter.
Sie saß auf ihrem Lieblingsplatz, dem Steinrand des Springbrunnens.
Dort saß sie mit gebücktem Kopf und stocherte mit einem trockenen Ast
im Grase.
Wie sie ihn kommen sah, warf sie ihren Zweig fort und lief ihm
entgegen. Er hatte sie kaum begrüßt bei Tisch, zum verspäteten Essen,
und nun schlich sich ihre Hand in die seine.
Ohne recht zu bemerken, was er that, steckte er sie mitsamt der seinen
in die Seitentasche seiner Joppe.
Ruth lachte darüber und blickte zu ihm auf, aber als sie den ernsten,
beinahe strengen Ausdruck seines Gesichtes sah, verstummte sie ebenso
plötzlich.
Sie gingen einige Schritte dem kleinen Gehölz zu.
»Heute war ich bei deinen Verwandten, Ruth,« sagte Erik, »sie waren
beide da. Ich wollte sie einmal etwas auf das hin ausfragen, was wir in
den letzten Monaten schon öfters miteinander besprochen haben. Weißt
du nicht? Ich meine daraufhin, ob du nicht einmal im Auslande tüchtig
weiterlernen könntest.«
Sie sah ihn erwartungsvoll an. Dies da interessierte sie sehr und ein
wenig beunruhigte es sie auch. Denn es handelte sich doch eigentlich
erst um ein ganz allgemein gehaltenes, unbestimmtes Zukunftsbild, --
nicht um etwas, was schon erwogen und besprochen werden mußte.
»Nun? und was meinten sie darauf?« fragte Ruth gespannt, als er
schwieg.
»Sie haben nichts dagegen einzuwenden, Ruth. Nichts Ernstliches. Da ist
es denn Bernhard Römer gewesen, an den wir dabei gedacht haben. Dort
wüßte ich dich im richtigen Hause geborgen. Es wäre fast so, als wenn
ich selbst bei dir bleiben konnte.«
Ihre Hand, die er noch umfaßt hielt, erkaltete in der seinen.
»Ja, -- aber -- das ist ja noch so lange hin!« meinte Ruth ganz
langsam, und dann immer schneller, in wachsender Unruhe: »Es ist doch
noch lange hin? Sehr lange? Ich soll doch nicht -- bald fortgehen? ~Von
hier~ -- -- fortgehen!«
Er umschloß ihre Hand fester und ging auf die Bänke zu, die unter den
Birkenbäumen standen.
»Komm zu mir,« sagte er sanft, »setze dich zu mir her, mein Liebling,
und laß uns ruhig darüber sprechen. Ganz ruhig, -- hörst du?«
Sie folgte ihm schweigend, aber ihre Augen hingen unverwandt, mit
tausend aufgestörten bangen Fragen, an seinem ernsten Gesicht.
»Sieh, Kind,« fuhr Erik fort, »wenn wir hier, während unsrer
gemeinsamen Arbeit, an deine Zukunft dachten, dann schwebte sie dir wie
ein erwünschtes, lockendes Bild vor. Ich wollte, daß du dich später
weiter entwickelst, und du wolltest es auch. Ich dachte oft bei mir,
wenn ich dir zusah: manches von dem, was ich selbst einst erstrebt,
könntest, in andrer Form, du einst verwirklichen. Aber was so, als
Zukunftsmöglichkeit, in der Ferne stand, wird doch näher rücken müssen,
bis es unwiderrufliche Wirklichkeit und Gegenwart geworden ist. Und ich
wünsche, daß du diesem Gedanken jetzt nahe trittst, mein Kind.«
»-- -- Wie nahe -- -- ist es denn?« fragte Ruth mißtrauisch, aber kaum
war es ihr entschlüpft, als sie ihre Hand aus der seinen riß und ihre
beiden Hände flach gegen die Ohren preßte.
»Nicht!« murmelte sie undeutlich, »ich will es nicht wissen! bitte,
nicht! bitte, bitte, nicht weitersprechen.«
Einen Augenblick schloß er die Augen.
Dann faßte er sanft nach ihren Händen und zwang dieselben zu sich
nieder.
»Es hilft nichts, mein Kind,« sagte er fest, »es hilft nichts, sich
vor etwas Unwiderruflichem zu verschließen. Gerade hiervon werden
wir weitersprechen. Denn, je mehr du noch davor zurückscheust, desto
dringender, desto eher muß es geschehen.«
Ruth war sehr blaß geworden.
Ein unbestimmtes Grauen stieg dunkel in ihr auf. Vor etwas, was sie
noch nicht fassen, nicht deutlich begreifen konnte, was aber vor
ihr empordämmerte, -- unerwartet, unversehens, aus dem Nichts, --
schattenhaft, gleich einem Riesengespenst.
»Ich kann nicht!« stieß sie hervor. »Es kann ja so nicht sein! Ich will
nicht, daß es so ist. Ich kann nicht!«
Er beugte sich zu ihr und suchte ihren Blick.
»Wirklich nicht?« fragte er ruhig; »auch nicht, wenn du weißt: ich will
es? Auch nicht, wenn ich selbst es bin, der dich bei der Hand nimmt,
dich vor etwas hinstellt, das dir schwer fällt, damit du lernst, es
herankommen zu sehen, ohne davor fortzulaufen?«
Sie schmiegte sich an ihn und versteckte den Kopf an seiner Schulter.
»Ich fürchte mich,« sagte sie, wie ein Kind im Dunkeln, »-- irgend
etwas Schreckliches ist da, -- seit gestern ist es da, -- und
kommt heran, immer näher, -- ganz dicht heran, -- ganz nahe. Wie
ein Ungeheuer, das sich um mich ringelt. -- Ist es etwas
Schreckliches -- --?«
»Nicht das, was du gestern fürchtetest,« sagte er leise, »-- nur das,
was du gestern selbst wolltest, selbst fordertest. Weißt du nicht, was
du mir versprachst? die Probe stellen. Wenn ich es nun thue, Ruth, --
ziehst du dein Versprechen zurück?«
»Nein!« entgegnete sie rasch und richtete sich auf. Dagegen gab es
keine Auflehnung. Nur Gehorsam.
»Worin besteht die Probe?« fragte sie entschlossen, »was soll ich
thun?«
Er antwortete nicht gleich. Er hatte die Brauen zusammengezogen, und
seine Zähne gruben sich in die Lippe, als litte er körperlichen
Schmerz.
Ein paar Augenblicke verharrten sie schweigend bei einander.
Ein kühler Luftzug strich durch die Bäume und warf ein rundliches
gelbes Birkenblatt nach dem andern ihnen in den Schoß. Mühsam schien
die Sonne durch breite weiße Wolkenmassen in den Garten, und aus den
Vogelnestern ringsum unterbrach hin und wieder ein kleiner, satter Ton
die Stille um sie.
Da antwortete Erik mit einer Stimme, die fast rauh klang: »Du sollst
dich in einer großen Sache ebenso tapfer erweisen, wie du dich einmal
in einer kleinen erwiesen hast. Du sollst thun, was du schon einmal
thatest, als dir das langsame Herankommen, -- Näherkommen von etwas
Gefürchtetem bevorstand. Es war damals, als Jonas uns die Schlange ins
Haus brachte. Sie flößte dir solchen Schrecken ein. Weißt du nicht
mehr, was für ein Mittel deine eigene Tapferkeit dagegen fand?«
»Nein!« sagte sie stutzend und blickte auf, »was war das für ein
Mittel?«
»Du sagtest: ›Dann lieber -- gleich!‹«
Ruth sprang jäh von der Bank auf und machte eine wilde Bewegung gegen
ihn hin, als ob sie ihn noch rechtzeitig an etwas hindern wollte.
Dann, ohne einen Laut der Erwiderung, brach sie vor ihm in die Kniee,
in das welke Augustlaub, das zu seinen Füßen lag.
»Ruth!« murmelte er angstvoll und breitete seine Arme um sie, »mein
Kind! mein Liebling! hörst du mich?«
Aber sie hörte nicht mehr. Ihr Kopf fiel zurück. Sie hatte das
Bewußtsein verloren.
Inzwischen kam Jonas in den Garten gelaufen, der vom Fenster aus
beobachtet hatte, wie der Vater mit Ruth in das kleine Gehölz
hineingegangen war.
Wie versteinert stand er still, als er jetzt Erik zwischen den Bäumen
hervortreten sah und Ruth mit geschlossenen Augen regungslos in seinen
Armen. Ihre rechte Hand hatte der Vater um seinen Nacken gelegt, die
linke hing schlaff herunter.
»Geh voraus!« gebot Erik dem Knaben, »ohne Lärm. Halte mir die Thüren
offen. Ich muß Ruth auf ihr Bett tragen.«
Jonas blieb jegliche Frage in der Kehle stecken; er rannte voraus,
nicht ohne sich fortwährend nach dem Vater umzuschauen, und ins Haus
hinein. Dort lief er, ohne die Mutter oder Gonne zu alarmieren, die
Holztreppe zu Ruths Giebelstube hinauf. Als Erik mit Ruth in den Armen
oben ankam, stand Jonas wartend an der weitgeöffneten Thür, durch
welche man das schmale weiße Bett mit den zurückgeschlagenen Decken
sehen konnte.
Jonas blickte dem Vater ängstlich bittend ins Gesicht; er wäre so gern
mit hineingegangen, um bei Ruth zu bleiben. Aber Erik ging schweigend
an ihm vorbei und zog die Thür hinter sich zu.
Dieser Augenblick prägte sich ihm mit merkwürdiger Gewalt ein: wie der
Vater, Ruth an der Brust, so stumm an ihm vorüberschritt, während ~er~
zurückbleiben mußte.
Im Blick und Ausdruck des Vaters empfand er etwas Außerordentliches,
einen starren, wortlosen Ernst, -- so, wie wenn Ruth schon so gut wie
tot sei.
Jonas überlief es kalt.
Er klammerte sich an den Thürgriff und lauschte mit zurückgehaltenem
Atem. Anfangs unterschied er nichts. Dann hörte er Eriks Stimme,
halblaut, kurz, sehr bestimmt im Ton. Sie wiederholte sich. Darauf eine
Pause, -- und plötzlich ein Klagelaut drinnen, ein einziger Laut, aber
so schmerzlich, daß den Knaben Entsetzen faßte.
Was that man mit Ruth, mit seiner lieben Ruth? Was that der Vater ihr
an? Etwas Furchtbares mußte es sein. Etwas Furchtbares mußte heute im
kleinen Gehölz vor sich gegangen sein.
Und er durfte die Thür nicht aufstoßen, er wagte es nicht. Aber eine
rasche, wilde Empfindung, wie plötzlicher Haß, loderte unverstanden in
ihm auf: daß er ein Knabe war, und der Vater ein Mann! Daß er nicht
eindringen durfte mit gleichem Recht, -- mit Gewalt!
Aber ebenso rasch erlosch sie wieder. Ruth konnte nichts geschehen,
wenn sie bei seinem Vater war.
Jonas schlich sich hinunter, in das kleine Zimmer von Klare-Bel neben
der Wohnstube. Er konnte nicht allein sein.
Dort setzte er sich am Eingang auf die äußerste Kante eines Stuhles und
brach in Thränen aus.
»Ruth ist halbtot, Mama!« sagte er außer sich, »ach Mama, sie stirbt!
Die Augen hat sie schon zugemacht. Und Papa, -- ich weiß nicht, was
Papa thut, aber ganz bestimmt thut er ihr weh. Sie darf aber nicht
sterben! Vorhin war sie ja noch so vergnügt und raschelte mit mir durch
die Blätter im Garten!«
Klare-Bel war nach diesem Bericht nicht weniger erschrocken als er
selbst, und mit ängstlicher Spannung warteten sie darauf, ob Erik nicht
bald herunterkäme. Aber es dauerte noch geraume Zeit, bis er kam.
»Um Gottes willen, was ist denn mit Ruth geschehen?« rief sie ihm in
großer Unruhe entgegen.
»Sei nur ruhig; es war eine Ohnmacht,« versetzte Erik und gab Jonas
einen Wink, hinauszugehen. Dann trat er an seine Frau heran und sagte:
»Ich mußte Ruth eine Mitteilung machen, auf die sie nicht genügend
vorbereitet war. Jetzt mußt auch du es erfahren: Ruth geht schon in
diesen Tagen fort. Nach Heidelberg, zu Römer ins Haus.«
Klare-Bel erhob sich ein wenig auf ihren Kissen und sah ihn voll tiefen
Staunens an.
»Ist das dein Ernst? Du gibst Ruth aus der Hand? Aber was willst du
denn ohne Ruth machen? Kannst du sie denn entbehren?«
»Das muß ich doch können, Bel.«
Im beginnenden Zwielicht vermochte sie nicht seine Züge genau zu
erforschen. Aber dieselben kamen ihr vor wie aus Stein gehauen. Und
diesen Ausdruck kannte sie.
»Erik!« sagte sie ängstlich, »thu nur nichts so gewaltsam. Du siehst
ja, daß es sie krank macht. -- Warum siehst du so hart aus, Erik?«
»Hart?« Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn; »für mein Aussehen
kann ich nicht. Aber ängstige dich um nichts. Ruth wird morgen gesund
sein, und auch gefaßt. Für ihre Haltung stehe ich ein. Aber sei gut und
freundlich zu ihr. Ich muß auf ein bis zwei Tage verreisen.«
»Verreisen? Du reisest fort, Erik? Wohin?«
»Nach Moskau.«
»Zu Frau Römer?« fragte sie lebhaft.
»Ja. Ihr soll Ruth sich anschließen. Und sie wird sich wahrscheinlich
hier nicht mehr aufhalten. Ich muß daher alles mit ihr verabreden und
besprechen. Mündlich.«
Klare-Bel schwieg. Es wurde dämmerig im Zimmer, und draußen im Flurraum
hörte man Jonas unruhig auf und ab gehen.
Da, ganz leise, fühlte Erik seine Hand von Klare-Bel erfaßt.
»Erik!« flüsterte sie, »-- laß mich dich bitten: lasse sie noch ein
Weilchen bei uns. -- -- -- Auch ich werde sie ja vermissen, Erik!«
»Du -- -- -- Bel?«
»Ja. Denn sie hat dich so glücklich gemacht.«
Er zog ihre Hand an sich, und an den Mund und küßte sie voll Scham und
Ehrfurcht.
»Ich danke dir für diese Bitte. Ich danke dir, Bel. Aber es kann nicht
sein.« --
Er zog sich zurück, um Ruths Onkel die definitive Entscheidung
mitzuteilen. Dann packte er eine Handtasche, und eine Stunde später war
er fort. Er reiste noch mit dem Nachtzuge nach Moskau ab.
In dieser Nacht lag Klare-Bel viel wach und dachte an Ruth und an Erik.
Sie hatte bestimmt geglaubt, Ruth werde bis zum Spätherbst bei ihnen
im Haus und dann, vom Hause ihres Onkels aus, nach wie vor in engster
Verbindung mit ihnen bleiben. Wie oft hatten sie darüber gescherzt, ob
sie dann, später, mit Jonas zusammen auf die Universität abgehen solle?
Erik hatte kein Wort davon gesagt, daß seine Absichten wohl von Anfang
an andre waren. Ganz plötzlich kam er jetzt mit ihnen heraus.
Aber Klare-Bel fiel es gewiß nicht ein, Kritik an dieser Handlungsweise
zu üben. Da er es so wollte, mußte es so wohl gut sein. Gut für Ruth.
Er liebte sie so sehr, er konnte nur ihr Bestes dabei im Auge haben.
Auch dabei, daß es so unerwartet über sie kam.
Aber gern wäre sie jetzt zu Ruth hinaufgegangen und hatte sie
geliebkost und getröstet. Sie nahm sich vor, es den nächsten Tag zu
thun. Zum erstenmal fühlte sie eine echt mütterliche Zärtlichkeit für
Ruth, -- nicht nur das indirekte Interesse, das durch Erik hindurchging
und alles auf ihn bezog. --
Der Morgen war herbstlich und grau, die Terrasse noch feucht von
den kalten Nebeln der Nacht. Man mußte das Frühstück im Wohnzimmer
einnehmen. Ruth fand sich zur gewöhnlichen Zeit dort ein; sie war blaß
und ernst, aber gesund, wie Erik es gesagt hatte, und ganz gefaßt und
still.
Als sie, noch vor Jonas, hereinkam, streckte Klare-Bel ihr die Arme
entgegen: »Komm zu mir,« sagte sie liebevoll, »sei nicht traurig, denke
nicht an die Abreise. Noch bist du hier!«
Ruth sah auf, ohne daß sich eine Miene in ihrem stillen Gesicht
verändert hätte, und schüttelte den Kopf.
»Ich bin schon fort!« entgegnete sie.
Diese Antwort ergriff Klare-Bel sehr. Ihr schien, es lag etwas
Schmerzlicheres darin, als in Klagen und Thränen, -- etwas, das die
bloße Ankündigung der Trennung schon mit ganzer Wucht als Trennung
empfand und nicht mehr davon los konnte.
Sie fühlte heißes Mitleid in sich aufsteigen. Und jetzt kam Erik ihr
doch hart vor. Wie konnte er nur wollen, daß Ruth so von Haus zu Haus,
von Hand zu Hand ging. Unwillkürlich suchte sie nach Worten, die
wahrhaft trösten könnten. Gab es keine solchen? In ihrer Ratlosigkeit
griff sie nach dem Höchsten, das sie gekannt hatte.
»Wir wissen alle nicht, wo wir bleiben, und was mit uns geschieht,«
sagte sie zögernd, »wir wissen es nie. Es steht in Gottes Hand.
Aber wir sind auch nie allein, wo wir auch hingehen. Gott ist
allgegenwärtig.«
Ruth lächelte flüchtig.
»Ja,« versetzte sie traurig, »was kann es helfen, daß Gott
allgegenwärtig ist, wenn die Menschen es doch nicht sind? die Menschen,
von denen wir fortgehen.«
Klare-Bel schwieg peinlich berührt. Sie gab es auf, Ruth trösten zu
wollen. Wenn diese so etwas sagte, klang es kindisch und vermessen
zugleich. Wer mochte darauf antworten?
Ueber Eriks Abwesenheit äußerte Ruth kein Wort; obgleich er ihr nicht
davon gesprochen hatte, wunderte sie sich doch nicht darüber, ihn nicht
zu sehen. Es mußte wohl so sein: war doch alles in Auflösung begriffen.
Jonas erfuhr nichts von der bevorstehenden Trennung. Niemand teilte es
ihm mit. Er hörte nur, daß Ruth wieder gesund sei, aber das glaubte er
nicht. Wie konnte sie gesund sein, wenn sie doch so ganz verwandelt war
seit gestern. Und nicht nur Ruth, alles schien ihm wie verwandelt.
Gern hätte er sie gebeten, ihm zu sagen, was gestern geschehen sei,
aber sie ging den ganzen Tag mit so in sich gekehrtem, fremdem Blick an
ihm vorbei, daß er es nicht herausbrachte. So begnügte er sich damit,
so oft er nur konnte, neben ihr zu sitzen, den Arm um ihre Stuhllehne
gelegt, und von Zeit zu Zeit behutsam und zärtlich ihre Hand zu
streicheln. Manchmal duckte er sich auch und küßte ihre Hand, ohne daß
Ruth es beachtete.
Daß Erik nicht zu Hause war, verstärkte in Jonas noch die Empfindung,
daß er über Ruth zu wachen habe, wie ein getreuer Wächter. Am liebsten
hätte er sie mit Leib und Leben verteidigt, aus Todesgefahr errettet,
-- wenn er nur gewußt hätte, wovor und vor wem.
Spät abends, als sie längst in ihre kleine Stube hinaufgestiegen war,
patrouillierte Jonas noch unermüdlich im Garten vor ihrem Fenster auf
und ab, und es that ihm leid, daß so absolut nichts passieren wollte.
Endlich verfügte er sich mit einem krampfhaften Gähnen in sein Bett,
aber er schlief unruhig und erwachte bald wieder.
Da sah er deutlich im Garten vor der Terrasse Ruths Fensterkreuz auf
einem hellen Lichtfleck abgezeichnet: bei ihr mußte jetzt, gegen
Morgengrauen, noch Licht brennen.
War sie krank? unglücklich?
Er hielt es im Bett nicht aus. Im Nu war er in seinen Kleidern und
kletterte geräuschlos aus dem Fenster. Vor der Terrasse stand die alte
Ulme; sie besaß einen bequemen Sattel, von dem aus zwei mächtige Aeste
sich gabelten. Wie eine Katze glitt Jonas am bemoosten, von den starken
Niederschlägen der Nacht schlüpfrig gewordenen Stamm hinauf.
Verlangend blickte er in den gelblichen Kerzenschein, der aus der
Giebelstube fiel.
Ruth saß auf dem Bett. Vollständig angekleidet, so wie sie
hinaufgestiegen war, saß sie noch da; die Arme vor sich hingestreckt,
die Hände auf den Knieen gefaltet, kehrte sie Jonas fast voll ihr
Gesicht zu. Den Kopf ein wenig erhoben, schaute sie weit hinweg über
die dunkeln Wipfel des Gartens.
Sie schaute so geheimnisvoll, wie in eine unendliche, verklärte Ferne.
Und um die festgeschlossenen Lippen lag ein stiller Ausdruck, -- lag
Ergebung.
Jonas starrte auf sie hin mit weitgeöffneten Augen. Er war so im Bann
des ~einen~ Bildes, daß er gar nicht mit Bewußtsein wahrnahm, was das
flackernde Licht auf dem Tisch sonst noch beleuchtete. Er sah nicht,
daß der Tisch selbst abgeräumt war, die Stühle zusammengeschoben, --
nicht, daß auf ihnen ein offener, halbgefüllter Koffer stand, und daß
die Wände, ohne den Schmuck seiner Bleistiftsskizzen, kahl und leer auf
Ruth niederblickten.
Er sah nur sie, seine lustige Ruth, wie in dem Bilde einer betenden
Heiligen, und alles, was in dem gestrigen Erlebnis seine schwerfällige
Knabenphantasie in mächtige Schwingungen versetzt hatte, gewann erneute
Gewalt über ihn. Ruth selbst wurde zu etwas Geheimnisvollem und
Leidendem für ihn; aus der fröhlichen Spielgefährtin zu einem Wesen,
das seine Schwärmerei wachrief.
In Gedanken hörte er wieder den leisen Klagelaut von gestern; er sah
sie auf dem Bett daliegen, den Vater über sie gebeugt, -- und sein Herz
schlug beklommen. Er vermochte die Augen nicht vom Fenster abzuwenden.
Die Nacht war kalt; vom Rasen unter ihm stieg der Nebel auf. Schmal und
blaß hing die kleine Mondsichel am östlichen Himmel, und aus dem Gehölz
klang verschlafen ein Rabenkrächzen.
Jonas fror; er schob die Hände unter seine dünne Sommerjacke und
drückte sich dichter gegen die breiten Aeste, deren Feuchtigkeit ihn
allmählich durchdrang. Dabei fiel ihm der eine seiner roten Pantoffeln
klatschend aus die Terrasse nieder.
Er zog den nackten Fuß unter sich und überlegte ärgerlich, ob er
hinuntersteigen solle, den verlorenen Schuh zu holen. Da bewegte Ruth
sich. Das Geräusch draußen hatte sie aus ihrer Traumversunkenheit
geweckt.
Sie stand langsam auf und löste ihre Bluse von den Schultern.
Ein Arm hob sich heraus und, unter dem von keinem Schnürleib bedeckten
Hemde, die zarte Wölbung der Brust.
Einen Augenblick stand sie mit gesenktem Kopfe still. Dann hob sie die
entblößten Arme hoch über sich, stürzte vor ihrem Bett auf die Kniee
und warf sich mit ausgebreiteten Armen darüber hin, den Oberkörper
langgestreckt, in den Kissen vergraben. So blieb sie regungslos liegen.
Jonas verharrte unbeweglich und hielt den Atem an. Er hatte den Schuh,
er hatte die Kälte vergessen.
Vor seinen Augen flimmerte es.
Weit vorgebeugt, die Finger hineingekrallt in die belaubten Zweige, um
nicht zu fallen, starrte er mit klopfenden Schläfen nach dem Bett.