Plötzlich war das alles anders geworden. --

Auf der Terrasse saßen sie schon lange und warteten am Frühstückstisch

auf Erik, als er endlich zu ihnen heraustrat. Klare-Bel bemerkte

augenblicklich etwas Verändertes, Verschlossenes in seinem Gesicht,

und sie bewies es, indem sie keine Frage an ihn richtete und von

Gleichgültigem zu reden begann.

Erik jedoch erzählte unaufgefordert manches vom Zusammensein mit

dem Freunde. Die Frau war wirklich auch dabei gewesen; sie war eine

Deutschrussin und besaß Verwandte bei Moskau.

Sie hatte Erik außerordentlich gut gefallen. Heiter, gütig, praktisch,

-- ein kluger und reifer Mensch, sagte er von ihr.

Klare-Bel hörte nur mit halbem Ohre zu. Sie fühlte sich sonderbar

beunruhigt und fand im stillen, daß Erik nach der gestrigen Zerstreuung

reichlich überwacht und angegriffen aussähe.

Um so frischer und heller sah Ruth aus. »Wie angesteckt von der

Morgensonne,« dachte Erik, während sein Seitenblick sie streifte.

Dabei konnte er ihr ansehen, wie sie nur mit Mühe einen Witz darüber

unterdrückte, daß er verschlafen habe. Sie hatte nicht verschlafen. Sie

hatte den ganzen Frühmorgen im Garten umhergetollt.

Mit der gemeinsamen Arbeit wurde es heute nun nichts. Hastiger als

sonst stand Erik auf, um zu gehen. Die Zeit drängte, und Jonas war

schon fort.

Erik konnte es kaum erwarten, daß das Haus weit hinter ihm lag, und er

wieder mit sich selbst allein blieb. Aber dennoch war ihm weder zum

Träumen noch zum Grübeln zu Mute. Nur nach ~einem~ verlangte es ihn

dringend und ungeduldig, als hinge das Leben davon ab: voll und klar

ins Auge zu fassen, was seit wenigen Stunden wie sein Schicksal vor

ihm stand. Nur nach ~einem~ verlangte ihn: davor stillzustehen und

den Blick darauf ruhen zu lassen, fest und forschend, wie auf einem

fremden Antlitz.

Darüber entschwand alles andre, was ihn hätte beschäftigen und

beunruhigen können, völlig aus seinem Gesichtsfeld. An allem, was

bisher sein Schicksal ausgemacht und zwingend sein Leben bestimmt

hatte, an allen innern und äußern Verhältnissen, in denen er lebte, sah

er vorbei, -- ganz gerade, ganz unverwandt auf den ~einen~ Punkt, ohne

nach rechts oder links zu schauen. Für etwas andres blieb kein Blick,

kein Raum, es blieb nur eine dunkle, trotzige Nebenempfindung: über

~Hindernisse~, und wären es Menschen, geht's hinweg. --

Ehe Erik sich mit Klare-Bel verlobte, hatte sie ihm einmal eine

Photographie geschenkt, auf der sie sich im Kreise ihrer ganzen

Familie befand. Er steckte das Bild in einen Rahmen und legte zwischen

Rahmen und Glas ein Blatt Papier, in das er eine nur Bels Gestalt

entsprechende Oeffnung ausgeschnitten hatte: so war er mit ihr allein.

Ihre Sippe deckte er zu, weil sie ihm nicht gefiel.

Erik war es sich nur halb bewußt, daß er es jetzt ebenso machte: mit

feiner eigenen Familie, mit den Menschen und Pflichten seiner täglichen

Umgebung, ja, mit der gesamten Welt, die er in seinen Gedanken

weglöschte, bis nichts übrig blieb als eine unermeßliche leere Weite,

eine Welteinsamkeit, in der nur Ruths Bild vor ihm stand.

Sie und er, allein miteinander, und Auge in Auge.

Aber je länger er auf sie hinschaute, desto stiller wurde sein Blick.

Was alle Hindernisse und Schranken in ihm wie außer ihm nicht an

sein Bewußtsein heranbringen konnten, das ging von dem fröhlichen

Kinderbilde selbst aus. Alles harte und leidenschaftliche Fordern in

ihm wurde still.

Was liebte er denn an ihr, wenn nicht eben dieses Kindhafte, in

dem noch, geheimnisvoll und verheißungsvoll, die ganze Fülle der

Möglichkeiten ruhte, -- dieses Keimende, Werdende, Zukünftige, das

noch auf lange hinaus der schützenden Hülle bedurfte, -- den zarten,

kostbaren Stoff, nach dem seine Hand sich nur herrisch ausgestreckt,

weil sie allein ihm die edelste Form geben wollte?

Ihm fiel das Gleichnis vom Gärtner und seinem Bäumchen ein, das er

Ruth einmal erzählt hatte. Es enthielt eine Wahrheit, es enthielt

seine Liebe. Unsäglich liebte er in ihr seine Gärtnerkunst und seine

Gärtnerhoffnungen.

Je länger Erik sich aber so in das ihm vorschwebende Bild vertiefte,

um so weniger klärte sich ihm sein eigenes Gefühl. Er sprach zu sich

selbst nur noch mit geringer Ehrlichkeit. Unwiderstehlich erhob

sich aus dem leidenschaftlichen Begehren der Hang zu idealisieren.

Allmählich büßten in seiner Phantasie er wie Ruth viel von ihrer

Wirklichkeitsfarbe ein, und immer höher ging der Schwung der Gedanken.

Während Erik glaubte, es sei der Erzieher und Menschengestalter in ihm,

der in reiner Hingebung an einem Frauenbildnis meißele und dichte,

damit es einst Wirklichkeit werde, schwelgte und berauschte sich der

Liebende an Ruths unähnlichem Idealporträt. --

Ruth hatte inzwischen den Vormittag in einer Weise verbracht, die

diesen hochfliegenden Vorstellungen nur wenig entsprach.

Anfangs überlegte sie ein Weilchen, ob sie die Absicht hege, ganz für

sich allein fleißig zu sein. Nein, die hegte sie entschieden nicht.

Am besten hätte es ihr gepaßt, jetzt Jonas da zu haben, aber der saß

in der Schule und lernte, der Aermste. So entschloß sie sich denn, zu

Gonne in die Küche hinunterzugehen. Denn lieber noch wollte sie mit

den Händen thätig sein als mit den Gedanken, meinte sie, und irgendwie

lebhaft sich bethätigen mußte sie durchaus. War ihr doch froh, so

vogelfroh, so gar nicht zum Stillsitzen und zum »Nachdenken«. Und

dann war es auch ganz unterhaltend, mit Gonnes Eimern am Brunnen zu

plantschen.

Gonne litt es glücklicherweise gut, wenn Ruth ihr so unerbeten mitten

in die Arbeit sprang. Da sie nichts von der hierzulande üblichen

Devotion besaß, so betrachtete sie es als eine Auszeichnung für Ruth,

daß sie sich deren Hilfe gefallen ließ. Und Ruth nahm es auch nicht

anders, und zum entsprechenden Dank sang sie ihr mit ihrer weichen

ungeschulten Stimme russische Volkslieder zur Arbeit, und Gonne hörte

tiefernst zu.

Erik fand bei seiner Heimkehr Ruth mit aufgeschürztem Rock und

zurückgestreiften Aermeln singend und seelenvergnügt am Brunnen.

Bei diesem unerwarteten Anblick zerflatterte plötzlich das meiste

von dem, was er sich zusammengesonnen und zurechtgelegt hatte; die

verklärte Gestalt seiner Phantasie, um derentwillen er die wirkliche

Ruth am tiefsten zu lieben glaubte, war wie versunken. Eine stürmische

Zärtlichkeit erfüllte ihn, ein heißes Verlangen, sie an sich zu ziehen,

die schlanken wasserübersprühten Arme unter seiner Hand zu fühlen, die

lachenden Lippen zu küssen und das stets verwirrte Haar und den feinen

von der Sonne schwach gebräunten Hals.

Im Begriff an der Terrasse vorüber zum Brunnen zu gehen, machte Erik

plötzlich Halt, kehrte um und ging in sein Zimmer.

Dort, auf dem Schreibtisch, lagen noch, unordentlich, Ruths Hefte und

Bücher umher, die heute morgen umsonst auf ihn gewartet hatten. Erik

setzte sich davor nieder und beugte den Kopf auf seine Hände. Das Blut

hämmerte ihm in den Schläfen, und er drückte die Zähne gegeneinander.

-- -- --

Mußte Ruth fort?

Er zwang sich, den Gedanken zu Ende zu denken. Ihn überschlich

eine Ermattung, eine bleischwere Müdigkeit, die alles klare Denken

umschleierte.

Halb mechanisch blickte er über die Hefte hin, die aufgeschlagen

dalagen; ohne zu lesen, folgte er den einzelnen Buchstaben, als

enthielten sie eine erlösende Antwort. Es war eine rasche, in den

Grundstrichen harte Schrift, deren Züge alle fest zusammenhingen.

Noch keine ausgeschriebenen Rundungen, aber auch kein überflüssiger

Schnörkel.

Ihm fiel wie von ungefähr auf: in Ruths Handschrift lag im Grunde eine

fremde Ruth. Nichts von ihrer Phantasie, -- ihrem Ueberströmen. Etwas

merkwürdig Logisches.

Seine Blicke und Gedanken blieben darauf haften.

Lag nicht vielleicht auch in ihr selbst noch eine ihm fremde Ruth? Die

noch nicht erwacht war, die er noch nicht kannte?

Da lachten ihre Augen durch das Fenster. Ruths Kopf erschien zwischen

den krausen Ranken und Blättern des wilden Hopfens, der am Fensterkreuz

emporkletterte.

»Soll ich arbeiten?« fragte sie.

»Nein. Wir wollen auch Ferien machen. Wenigstens für heute,« sagte er

und stand auf, »weißt du, was es für eine Ueberraschung gab, -- in der

letzten Stunde vor den Ferien, in der Mädchenschule? Sie erhoben sich

alle und trugen feierlich eine Bitte vor. Was es war, ließ sich nicht

leicht herausbringen. Sie wußten es selbst nicht genau. Sie wollten

dasselbe, was du gewollt hast, sagten sie. Sie wüßten es nur nicht zu

bewerkstelligen.«

Von Ruth kam nur ein Gelächter. Er hatte es schon in der Schule um

sich zu hören geglaubt. Ganz deutlich empfand er aus dem unerwarteten

»Massenerfolg« den übermütigen Einfluß einer einzelnen heraus. Aber

gerade dies hatte ihn heute aus seiner zerstreuten Gleichgültigkeit

gerissen, ihn mit Wärme und Freude erfüllt. Aus dem Bilde der ganzen

Klasse, aus der Gesamtphysiognomie all dieser braunen und blonden

Mädchenköpfe, schaute ihm, wie aus einem Vexierspiegel, Ruths

Gesicht entgegen: mit einem Schalkslächeln um den Mund, aber auch

mit unbegrenzter Hingebung in den Augen. Ganz so, wie sie jetzt eben

zwischen den Hopfenranken dastand.

»Aber nun wird Ernst damit gemacht,« bemerkte er und lehnte sich ans

Fenster; »im Herbst, wenn alle wieder zusammenkommen. Vielleicht

in Form von allgemeinen Kursen bei mir zu Hause. Vielleicht bei

Beteiligung Erwachsener. Ich weiß noch nicht, wie.«

Sie sah ihn voll Interesse an.

»Das ist gut!« sagte sie eifrig und nickte, »je mehr, desto besser.

Aber alle werden nicht kommen dürfen, und manche werden bald wieder

fortbleiben. Daß die Braut da ist, nimmt vielen die Lust zu so etwas

fort.«

»Die Braut?«

»Ja. Denn da denken sie nun, so schön könnten sie es jetzt bald alle

kriegen. Und dann hat ja all das andre keinen rechten Zweck mehr,

meinen sie. Denn sie finden: Braut sein, das sei doch das Allerhöchste.

Darüber haben wir uns vorgestern im Schulhof unterhalten.«

Er blickte auf sie.

»So. Und was hast denn du dazu gemeint? Hast du auch gefunden, daß es

das Allerhöchste sei, und daß dann all das andre keinen rechten Zweck

mehr hat?«

»Ich? Das kann ich ja gar nicht wissen. Wie soll ich wissen, wie es

dann ist? Aber ich brauche es doch auch gar nicht zu wissen. Denn ich

kann niemals Braut werden,« sagte Ruth.

Das Wort erschütterte ihn in seiner nervösen Erregung. Er war so

betroffen, daß er nicht gleich antworten konnte. Dann entgegnete er:

»Wie kommst du auf diesen wunderlichen Gedanken? Wo hast du diesen

Einfall her? Du bist ein Kind, das nichts davon voraussehen kann, wie

sein zukünftiges Leben sich gestalten mag. Und deine Phantasie soll

nicht damit spielen. Du sollst nicht damit spielen!« wiederholte er

mit plötzlichem, unmotiviertem Zorn. »Sage mir, wie du darauf gekommen

bist.«

»Es ist von selbst gekommen,« sagte sie einfach, »ich habe nicht damit

gespielt. Es ist gekommen, weil ich wußte: um Braut zu werden, muß man

einen lieb haben. Und das kann ich ja nicht mehr. So lieb kann ich in

der ganzen Welt nie mehr jemand haben.«

»~Wie~ lieb, Ruth?«

Seine Stimme klang gedämpft und heiser.

Sie sah ihn an mit ihrem offenen naiven Kinderblick. Nie noch, meinte

er, eine solche Unschuld und Treuherzigkeit in einem Menschenblick

gesehen zu haben.

»So lieb wie Sie,« sagte Ruth.

Erik machte eine kurze Bewegung und, niederblickend, schob er die

Hopfenranken zur Seite, die sich überall festnestelten und anklebten.

Die linke Hand, die in der Seitentasche seiner Joppe lag, ballte sich

zur Faust.

Ruth betrachtete ihn unverwandt, aber sie verstand nicht den Ausdruck,

der über sein Gesicht ging.

Da, wie Erik, fast furchtsam, aufschaute und die fragenden Augen vor

sich sah, durchzitterte es ihn. Ihm kam es vor, wie wenn dieser eine

Blick und Augenblick über ihn entscheide.

Er beugte sich etwas vor, ergriff Ruths Hände und bedeckte damit seine

Augen.

»Weißt du, Mädel,« sagte er halblaut, »wenn du groß bist, -- denn jetzt

bist du doch nur erst ein kleines Mädel, -- aber wenn du längst eigene

und reife Vorstellungen gewonnen hast über alle diese Dinge, und viele

andre noch, -- dann -- ~dann~ sollst du noch einmal zu mir kommen und

mir sagen können: daß du mich lieb behalten hast. Und daß du von mir

-- ~von mir~ dein Bestes hast. Dein Eigenleben und deine Entwickelung.

Deinen Glauben an deinen Selbstwert und den Glauben an den Wert der

Menschen. Wer du dann bist, Ruth, das wissen wir beide nicht; wer

ich dann bin, das weiß ich ja wohl: ein alter Mann. Aber ein alter

Mann, der dafür gelebt hat, daß du, Mädel, ihm bleiben darfst, was du

ihm heute bist: sein Stolz, sein Werk, sein Kind und seine höchste

Hoffnung.«

Und er ließ ihre Hände los und verließ das Zimmer.

Ruth stand noch draußen am Fenster. Sie hatte die Arme aufgestützt und

blickte ihm regungslos mit ernstem Gesichte nach.

An einem der nächsten Tage, um die Mittagsstunde, füllte eine bunte

Menschenmenge den großen Mädchenschulsaal. Eltern und Angehörige der

Kinder, eine Flut von Neugierigen aus den obern Gesellschaftsschichten

und viele, die Erik reden hören wollten, von dem die Mädchen zu Hause

so viel erzählten.

Er stand auf der Tribüne im Hintergrunde des Saales und sprach zu ihnen

und ihren Kindern; er erwähnte den Vorschlag, den seine Klasse ihm

gemacht, die Gemeinsamkeit des Lebens und Arbeitens über die Schule

hinaus zu erstrecken, und knüpfte daran seinen Lieblingsgedanken

von der Notwendigkeit einer reichern Weiterentwickelung für die

Frau, als die Gegenwart sie ihr außerhalb der Schuljahre gewähre.

Ueber die Möglichkeit, eine lebensvollere, geisteskräftigere Zukunft

heraufzuführen, sprach er ihnen, und über die Zukunft der Frau, die,

erst geahnt und nur halbenthüllt, noch vor ihr liege, von der sie aber

Besitz ergreifen könne in allem, was ihr Wesen der innern Entfaltung

und Vollendung näher bringe.

Und während er sprach, dachte er an Ruth, der er nicht erlaubt hatte,

mitzukommen; denn im Grunde war sie es ja, von der er redete, zu der

er redete. Sie war es ja, die in ihm die Lust wiedererweckt hatte,

zu den Menschen zu reden, und die Menschen für ihn suchte, wie man

für einen Armen Brot sucht, damit er seinen Hunger stille. Und was er

seinen Menschen gab, entnahm er ihr: denn das Höchste, was er von ihr

erhoffte, das Schönste, was er sich in ihr träumte, legte er seinem

Zukunftsbild unter, und dann erhob und verklärte er es zu allgemeinen

Formen.

Es war, wie wenn er eine überlebensgroße Gestalt vor den gebannten

Menschenaugen aufrichtete, in der durch diese Größe die individuellen

Züge unerkennbar wurden. Zu groß sicherlich, für das wirkliche Leben,

aber von einer Fülle und Wärme der Farben, die unwillkürlich mit

fortriß und sich dem weiblichen Teil unter den Zuhörern gewaltig

einprägte.

So stand Erik und hielt eine Art von Selbstverteidigung seiner Liebe,

und die tiefe Bewegung, die in ihm war, verlieh einem jeden seiner

Worte eine eigentümliche Wucht.

Unter der Menge im Zuschauerraum befand sich auch Warwara, wie sie es

ihm vorhergesagt. Sie blickte voll Interesse auf ihn. Ihr schien, als

sähe sie vor ihren Augen entfesselt und entfaltet, was sie, mit ihrem

feinen Instinkt, immer schon dunkel und undeutlich geahnt, wenn sie mit

Erik zusammen gewesen: daß er Gewalt über Menschenleben besaß, und daß

er in Hunger und Sehnsucht nach ihnen lebte. Es war also das, was sie

zu gleicher Zeit so seltsam an ihm anzog und von ihm abstieß, -- das,

was sie koketter erscheinen ließ, als sie war. Ihr fiel die Scene in

seiner Stadtwohnung ein. Ja, ein Heiliger war Erik wohl sicher nicht.

Aber selbst damals hatte sie mit Schrecken empfunden, wie suchend und

sehnend und ungeduldig er aus das Innerste ging. Auf das, worin sie ihn

enttäuscht hätte. Und das ließ ihre Eitelkeit nicht zu.

Als sie damals aus seiner Stadtwohnung nach Hause fuhr, hatte sich ihr

fortwährend ein ganz abscheulicher Vergleich aufgedrängt. Sie konnte

denselben nicht verscheuchen. Immer sah sie ein Weib vor sich, das

falsche Brüste angelegt hat und sich deshalb vor der Berührung des

Mannes, den ihre Gestalt fesselt, hüten muß. Hatte ihre Koketterie

nicht ganz ähnliche Gründe? Sie fürchtete die geistige und seelische

Entblößung. Und die Arbeit an sich selbst.

Es war aber wirklich ein abscheulicher Vergleich. Und zum größten

Erstaunen ihrer Nachbarin errötete Warwara mitten im Vortrag.

Nach dem Schluß desselben, im Treppenhause, wo Warwara beiseite trat,

um nicht in die hinausdrängende Menge zu geraten, bemerkte Erik sie und

kam auf sie zu. Seine Augen leuchteten so. Warwara war blaß.

»Nun?« fragte er lächelnd und ganz in seinem alten, leichten Ton ihr

gegenüber, »fand der ›Toast‹ Gnade vor ihren Augen? Vielleicht war es

wirklich einer.«

»Wenn es einer war, so könnte ich wohl auf ~die~ eifersüchtig -- nein,

aber neidisch sein, deren Wohl Sie da ausgebracht haben,« versetzte

sie, ebenfalls in ihrem gewöhnlichen Scherzton, aber ihr Gesicht

blieb ernst; »~unser~ Wohl ist's nicht. Ich begreife jetzt, daß Sie

anderswohin gehören wollen, als unter uns Gesellschaftsgelichter.«

»Aber, Warwara Michailowna!« sagte er, von ihrem Ausdruck frappiert,

»warum nehmen Sie sich nicht aus?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Aus Selbsterkenntnis. Ich hab' Sie heut verloren,« entgegnete sie und

gab ihm die Hand, »also adieu, -- nicht nur für heute. Ich verzichte

auf Sie. Ich entlasse Sie. -- Aber nun hören Sie: es ist doch der

Schulrock, und nicht der Gesellschaftsrock, der Ihnen am besten steht.«

Er sah ihr nach, wie sie langsam die breite Treppe hinunterstieg. Aber

als sie seinen Augen entschwunden war, vergaß er auch schon wieder, was

ihm, durch den Scherz hindurch, heute an ihrem Wesen so aufgefallen

war.

Und sein Blick glitt von ihr fort über die andern hin, die ihr folgten,

über jung und alt, und vertiefte sich in die Mienen der einzelnen

mit dem Interesse, das der wechselnde Ausdruck in den verschiedenen

Menschengesichtern stets in ihm hervorrief.

Ja, nun begannen die Ferien, und die langen, nicht enden wollenden

Sonnentage. Da würden seine Gedanken erst recht hierher wandern, in

die Schule. Einen andern Wirkungskreis gab es wohl nie mehr für ihn,

-- einen breitern. Er wollte auch keinen in diesem Augenblick. Sein

Ehrgeiz schwieg still. Zu Kindern reden lernen wollte er, und die

Großen zu Kindern machen, bis auch sie empfänglich wurden, gleich

denen, die da noch wachsen.

Mit diesen Gedanken verließ Erik das Schulgebäude.

Er war ungeduldig, heimzukommen: er sah eine Bank im Garten, hinten am

kleinen Gehölz, unter den überhängenden Birkenzweigen, und Ruth saß

darauf, und lauschte, während er ihr von allem erzählte, was »er sich

ausgedacht«. Zusammen wollten sie's sich ja ausdenken, hatte er ihr

versprochen.

Daheim sein bedeutete jetzt nicht mehr bloß die Stille und das Behagen,

aus denen seine unbefriedigte Thatkraft ruhelos und vergeblich in die

Weite gestrebt hatte. Daheim umfing ihn gerade seine liebste Arbeit

und Aufgabe, -- daheim fiel jetzt Innen und Außen, Ruhen und Wirken,

Träumen und Schaffen in ~eins~ zusammen. In Ruth war etwas, das machte

sein ganzes Wesen produktiv, erregte und vertiefte alle seine Kräfte,

so daß leise von ihnen abglitt, was dem äußern Ehrgeiz angehört.

Als Erik die Gartenpforte öffnete, sah er auf dem Rasen, zwischen den

Bäumen, ums Gehölz herum, eine wilde Jagd. Er sah Ruth, Jonas -- und

noch einen. Einen mittelgroßen, etwas untersetzten Mann mit kurzem

dunkeln Vollbart und Brille. Der jagte sich mit Ruth, und haschte

vergeblich nach ihr. Seine Stimme klang scherzend und lachend herüber.

Es war Bernhard Römer.

Nun wurde er Eriks ansichtig und kam heran.

»Auf einen Tag und eine Nacht, wenn's recht ist!« rief er, ein wenig

außer Atem, und fuhr sich mit dem Taschentuch über das kurzgeschorene

dichte braune Haar; »-- und die Ruth nehme ich gleich mit fort, --

das heißt, wenn ich sie hasche. Dann soll ich sie kriegen, haben wir

ausgemacht,« fügte er hinzu, während sie sich die Hände schüttelten,

»das ist ja ein reizendes Ding. Sieht aber noch aus wie ein Kind.

Vierzehnjährig.«

»Sie ist zart,« sagte Erik und stieg mit ihm die Terrasse hinauf.

»Zart? Muskulatur wie eine stählerne Feder. -- Es ist ungerecht, daß

du sie hast. Wir brauchen ein Hauskind. Ihr habt ja den Jungen.«

»Bist du schon so schnell zurückgereist? Und deine Frau?« fragte Erik,

ihn unterbrechend, und bot ihm einen Stuhl neben Klare-Bel, die auf der

Terrasse lag und lächelnd dem lustigen Treiben zugesehen hatte.

»Ich mußte zurück. Und meine Frau? Ja, die wollte noch nicht zurück.

Die Frauen sind heutzutage entsetzlich selbständig. Sei froh, daß Bel

dir nicht fortlaufen kann. -- Meine Frau, die reist also herum und

besichtigt Suppenanstalten.«

»Suppenanstalten?«

»Na ja. Und besucht auch noch den verrückten Grafen in Jasnaja Poljana.

Für so etwas interessiert sie sich nun einmal. Von Rechts wegen sollte

ich wohl meine hochwohllöbliche Professur aufgeben und ein russischer

Bauer werden, der das Feld pflügt. Aber ein so edler Mann und Ehemann

bin ich nun doch nicht.«

»Ich finde: sehr,« bemerkte Klare-Bel staunend, »da Sie Ihrer Frau

alles das erlauben.«

»Erlauben?« Bernhard Römer lachte herzlich und setzte sich zu ihr.

»Meine liebe gnädige Frau, ich will es Ihnen nur gestehen: ich habe

gar nichts zu erlauben. Wissen Sie warum? Ich bewundere nämlich ein

wenig meine unartige Frau. Bei uns zu Hause hat sie auch so etwas wie

Suppenanstalten eingerichtet. Natürlich nur sehr im kleinen, -- sagen

wir lieber: im winzigen. -- Aber nun will ich dir etwas sagen, mein

lieber Erik: wir haben einst so im größten, im allergrößten, herrliche

Pläne gemacht von Vervollkommnung des Lebens und der Menschen, -- aber

meine Frau, die führt sie im kleinwinzigen aus. Nur sie. Das ist die

Art, wie sie sich meine Pläne zu Herzen genommen hat, nachdem ich

wohlbestallter und -- wohlbeengter Professor geworden bin. Daß sie nur

so wenig kann, hält sie von nichts zurück. Das Leben ist Frauenhand und

Frauenarbeit -- mutige. Wir sind Stümper dagegen.«

»Deine Frau ist sehr außergewöhnlich,« bemerkte Erik, »ich bin froh,

sie kennen gelernt zu haben. Aber entbehrst du sie denn nicht jetzt zu

sehr im Hause? Wie lange bleibt sie noch fort?«

»Bis zu den Ferien. Den deutschen Universitätsferien. Entbehren?

Ja, -- doch in der Arbeitszeit, da behelfe ich mich schon mit der

Wirtschafterin und schlecht bereitetem Kaffee. Denke mir halt dabei:

's ist Arbeitzeit, Wochentag. Aber in den Ferien, -- ~meinen Ferien~,

-- da muß ich Sonntag haben. Da muß ich -- muß ich meine Frau um mich

haben.«

Klare-Bel sah ihn erfreut an. Sie freute sich über seine herzlichen

Worte. Freute sich, ihn wiederzusehen. Kaum konnte sie's glauben, daß

er selbst es war: der bartlose Jüngling mit dem braunen Lockenkopf,

-- sanfter als Erik, stiller, ein schwärmerischer Utopist mit einem

kleinen Stich ins Phlegma und in den deutschen Michel.

Und während Erik ins Haus ging, vertieften sie sich von neuem in die

alten Erinnerungen, wie sie es schon heute morgen miteinander gethan.

Und beide wurden warm beim Heraufbeschwören der Jugend und empfanden

beide mit uneingestandener Wehmut, daß die Jugend Vergangenheit war.

Erik störte sie nicht. Er stand in seinem Zimmer. In erregter Stimmung.

Ruth mit Römer, -- nicht mit ihm: er konnte das Bild nicht loswerden.

Des Freundes Leben daheim stand ihm klar vor Augen. Ein seltenes

Heim, -- das seltenste: eine vollglückliche Ehe. Neben dem Mann die

gleichaltrige Frau, in der, wie ein Stückchen seiner Jugend, das nicht

sterben wollte, die Frische weiterlebte, die ihn vor dem Vertrocknen

in Professorenweisheit und zufriedener Sattheit bewahrte. Daher seine

ewigfrische Liebe zu ihr, daher für alles, was sie plante, das offene

Herz und die offene Hand.

Dort würde Ruth haben, was ihr not that: in körperlicher, geistiger,

praktischer Beziehung. Und indem sie ~ihn~ verlor, eine mütterliche

Freundin gewinnen, der er sie blind anvertrauen konnte.

Irgend etwas raunte Erik zu: »Gib sie hin. Dort wäre die selbstlosere

Liebe. Schütze sie vor dir selbst.«

Seine Augen verfinsterten sich, und um seinen Mund erschien eine harte

Linie.

Nun ja, er gestand es sich ein: daß er selbstlos Ruth dienen wollte,

das war nur, um sie zu behalten. Er hatte außer ihr nichts zu

verlieren, was ihn ganz erfüllte. Er kämpfte um das Schönste und um das

Letzte, -- das fühlte er. Und um das Höchste: um sich selbst.

Man sagt oft: erst der Zusammenbruch des ganzen persönlichen Glückes

führe manchen zur wahren, menschlichen Größe, lehre ihn erst, wahrhaft

thatkräftig den andern zu dienen, auf andre zu wirken.

Gewiß gab es solche milden Menschen in der Welt. Aber galt es von ihm?

Konnte er je zu ihnen gehören? Laut schrie es in ihm: Nein! Nein!

Seine Kraft und sein Glücksverlangen wollten sich nicht trennen.

Miteinander verwachsen waren sie von der Wurzel an. Glück brauchte er,

um Mensch zu bleiben. Viel Glück, um gut zu bleiben. Er mußte es zu

sich zwingen in irgend einer Form, -- und um jeden Preis.

Um jeden? Gab es nichts, was ihn veranlassen konnte, einst selbst die

Axt an die Wurzel zu legen?

Bels Glück? Nein! Aber Ruths Glück.

Er versuchte, gewaltsam, den Gedanken fortzustoßen. Er setzte sich an

den Schreibtisch und versuchte, ein paar Aufzeichnungen auszuführen,

die er sich unterwegs für seine Winterpläne entworfen. Er versuchte,

sich dabei die Mienen einzelner zu vergegenwärtigen, die er an der

Treppe, im Vorbeigehen, studiert, und in denen er den Ausdruck der

Freude und der Anregung gelesen hatte.

Aber die Gedanken verschwammen, und die Gesichter verblaßten. Er sah

nur noch ein Chaos fremder, gleichgültiger Physiognomien, -- ohne

Ausdruck, ohne Freude, ohne Blick.

Unschöne, an denen sein Auge vorüberglitt, -- hübsche, aus denen es

teilnahmslos haften blieb.

Ruth(#75251) · 第 9 / 19 题