Da hörte sie Eriks ruhige Stimme: »Fürchtest du dich sehr?«

Sie nickte fast unmerklich.

»Dann wollen wir es lassen, mein Kind.«

Ruth öffnete erwartungsvoll und groß die Augen.

»Für immer?« fragte sie schnell.

Er mußte lächeln.

»Nein. Nicht für immer,« sagte er ruhig und freundlich, »aber es eilt

nicht.«

Sie nahm sich zusammen.

»Dann jetzt gleich!« murmelte sie.

Und sie streckte den Arm aus und nahm ihm die Schlange aus der Hand.

Bei der ersten Berührung erschütterte es ihren ganzen Körper wie

ein elektrischer Schlag, sie warf den Kopf zurück und drängte sich

hilfesuchend enger an Erik. Aber ihre Finger hielten dabei den langen,

glatten Schlangenleib fest umspannt, und ohne einen Laut über die

erblaßten Lippen zu bringen, sah sie mit weitgeöffneten Augen zu, wie

die Ringelnatter sich an ihrem Arm hochstreckte, sich um denselben

herumschob und den Kopf mit der feinen gespaltenen Zunge wiegend zur

Seite niederhängen ließ.

Der Arm blieb ausgestreckt, als wäre er erstarrt. Und Ruth machte ein

Gesicht dazu, als ob sie hingerichtet würde.

»Bravo!« sagte Erik, der seine Hände schützend und ermutigend um sie

gelegt hatte, »auch das hast du gut gemacht, Mädel.«

Als er sie aber losließ und mit raschem Griff die Schlange wieder in

den Eimer schüttelte, da taumelte Ruth.

»Nein, nein!« rief er heiter, »du mußt nicht denken, daß du jetzt noch

›umfallen‹ darfst. Damit ist es nun nichts mehr.« Und er schob ihr

einen Stuhl zu.

Aber Ruth beachtete den Stuhl nicht, sondern ging, ohne aufzusehen, mit

unsicheren Schritten an Erik vorbei, quer über die Terrasse und in den

Flur hinein. Dort, so weit von ihm entfernt wie möglich, setzte sie

sich in eine Ecke, hinter den Mantelständer, versteckte ihr Gesicht in

den Mänteln, die dort hingen, und fing an zu weinen.

Erik sah ihr verwundert zu.

»Aber Ruth, du Narr!« rief er, und mußte doch lachen, »nun solltest du

froh sein, und sogar stolz. Was kann es nützen, hinterdrein zu weinen?«

Sie guckte hinter dem Mantelständer hervor und blickte ihn vorwurfsvoll

an.

»Ich thue mir so leid!« sagte sie und weinte weiter.

Jonas, der die ganze Zeit mit offenem Munde dagestanden, aber auf einen

Wink seiner Mutter seine steigende Verwunderung für sich behalten

hatte, sah auf diese Worte hin den Vater ebenfalls sehr vorwurfsvoll

an. Er lief in den Flur, um Ruth zu trösten.

Eine Stunde später fuhr Ruth aber dennoch mit ihm und Erik zur Stadt.

Die Mädchen in der Schule warteten schon lange auf ihren Besuch.

Es interessierte sie außerordentlich, daß Ruth jetzt bei Erik im

Hause lebte, und in jeder Stunde erkundigten sie sich nach ihr bei

Erik. Sie fanden, alles sei plötzlich so nüchtern geworden. Nur eine

kleine Partei, freilich die beste, vermißte Ruth nicht. Das waren die

Musterschülerinnen, die sich jetzt vor ihren Ausgelassenheiten sicher

fühlten und durch keine argen Einfälle mehr in Versuchung geführt

wurden. Aber die Stimmung blieb flau, und als es nun, so kurz vor den

Ferien, zu regnen anfing, da verdüsterten sich die Gesichter auch der

Fleißigsten.

So gab es doch eine gewaltige Freude, als heute, in der Freistunde,

Ruth wieder auf dem Schulhof erschien, mit einem großen Regenschirm,

unter dem ihr Gesicht vergnügt hervorschaute. Alle umringten sie,

und der Lärm wurde so schlimm, daß im Hinterhause die Leute aus den

Fenstern herabschauten, um zu sehen, was es gäbe, und warum die

Schulvögel noch lauter zwitscherten als sonst.

Ruth war von ihnen die einzige Stille. Als sie so mitten unter ihnen

stand, von allen bedrängt, da kam es ihr vor, wie wenn sie aus einer

Weltferne zu ihnen zurückgekehrt sei, und sie wurde fast schüchtern.

All das Viele, was sie zu erzählen hatte, all das Viele, worauf jene

begierig waren, schmolz zu einem bloßen Blick und Lächeln zusammen, und

es blieb nichts, als auf ihrem Gesicht der Ausdruck von Kinderglück,

der an ihrer Statt erzählte.

Die Schülerinnen schoben sich an der Hauswand aneinander, wo das

überragende Dach sie vor dem schwachen Sommerregen schützte, und wie

damals, als Erik aus dem Klassenfenster auf sie niederblickte, fand

Ruth ihren Platz wieder auf dem umgestülpten Wasserfaß.

Sie erschien den Mädchen verändert, ohne daß diese sagen konnten,

wodurch. Denn wie ein Junge im Blusenkittel sah sie noch immer unter

ihnen aus, und einen Zopf hatte sie ja auch noch nicht bekommen. Daß

sie nicht sprach, entging ihnen vollständig; der in ihnen selbst

aufgespeicherte Mitteilungsstoff brannte auf den Zungen, und, anstatt

dessen, was sie von ihr erfahren wollten, erfuhr Ruth binnen weniger

Minuten das Schicksal einer jeden einzelnen, von damals bis heute,

nebst dem ganzen Gang der »öffentlichen« Angelegenheiten.

Das größte Ereignis stellten sie ihr in Person vor. Das war eine Braut.

Eine wirkliche Braut aus ihrer Klasse. Ein großes, blondes Mädchen von

frauenhafter Gestalt, mit ruhigen, freundlichen Gesichtszügen. Als

Legitimation wurde ihr ein Ring von der linken Hand gestreift und seine

Inschrift triumphierend vorgezeigt, -- der glatte goldene Traureif fiel

Ruth in den Schoß.

Die Braut wehrte sich nur schwach dagegen, so als Gemeingut behandelt

zu werden. Sie war begreiflicherweise mit ihren Gedanken längst aus der

Schule heraus und fühlte sich mit deren Insassen nur noch durch das

unendliche Interesse verbunden, welches ihr, ihrem Liebsten, und ihrem

Glück wahrhaft glühend entgegengetragen wurde. Denn mit ihr betrachtete

sich sozusagen die ganze Klasse als mitverlobt und an den Mann

gebracht.

»Er ist dunkelhaarig!« erklärte das kleine blonde Gretchen, die

besonders zärtlich an Ruth hing, »ach, Ruth, ein solcher, wirklicher

Bräutigam bleibt doch das Allerhöchste. Denke dir nur, was man als

Braut alles zu erzählen hat! Wenn wir so zusammensitzen, und sie

spricht von ~ihm~ und dem Leben und der Ehe und der Zukunft, dann meint

man, daß man in einer Stunde mehr erfährt als in all den Schuljahren

mit ihrem Kram.«

»Wieso?« sagte Ruth, »sie weiß ja selbst noch nichts davon.«

Gretchen schwieg etwas betroffen.

»Nun, du bist auch nicht wenig prosaisch geworden!« fiel eine andre

ein und lachte, »sie lieben sich ja doch! Findest du denn das nicht

wunderschön?«

»Doch!« sagte Ruth und betrachtete nachdenklich den schmalen Goldreif

in ihrer Hand; »vielleicht ist es wunderschön.« Dann gab sie ihn

der Braut mit einem vollen Blick zurück und fügte hinzu: »Aber das

Wunderschöne daran läßt sich ja doch nicht erzählen. Nicht wahr?«

Die Angeredete errötete etwas und sah Ruth erfreut an. Sie fühlte sich

zum erstenmal zu dem beglückwünscht, was sie ganz für sich allein

besaß, als Braut, -- was sie mit den andern nicht gemein haben konnte.

»Es wäre eigentlich schöner gewesen, nicht so viel und so ausführlich

mit allen darüber zu sprechen,« dachte sie plötzlich, mit Scham und

Stolz. Und während sie den Ring überstreifte und Ruth anblickte, konnte

sie dem Gedanken nicht wehren: »Diese hier ist gewiß die nächste

Braut.«

»Ja, Ruth, du hast recht: zum Erleben mag es schmecken, zum Erzählen

ist es fade!« rief die hübsche dunkle Wjera dazwischen, die schon immer

zu den Kecken gehört hatte und sich jetzt aus allen Kräften gegen das

Uebergewicht der »Brautschaft« in der Klasse sträubte, »was hattest du

immer für herrliche Geschichten und Abenteuer für uns auf Lager! Und

jetzt: der reine Hausfrauenzettel! Ich bin die einzige, die noch dem

›Edlen, Unglücklichen‹ nachsteigt.«

»Ist der noch da?« fragte Ruth.

»Ja, stell dir nur vor,« klatschte eine an Ruths Ohr, »sie macht

förmliche Straßenbekanntschaften. Es hat schon einen Verweis gegeben.«

»Laß dir nichts in die Ohren blasen, Ruth,« unterbrach die Geschmähte

sie, »es ist ja alles deine Schuld und dein Vermächtnis! Warum bist du

auch fortgeblieben mit deinen schönen Freistundengeschichten?«

Ruth hatte ihren Kopf gegen die Hausmauer gelehnt und sah schweigend in

den verregneten Hof. Gerade vor ihr erhob sich ein hoher Schornstein,

dessen Rauchsäulen jahraus, jahrein die Mauern schwärzten und ihren Ruß

auf den Schulhof niederstäubten. Gegenüber sperrte die mächtige gelbe

Wand des Hinterhauses jede Aussicht ab. Die Luft war schwül; sie hatte

es draußen im blühenden Juni gar nicht bemerkt.

»Wie ein Gefängnis!« dachte Ruth und sagte laut: »Das mit den

Geschichten war ja nur ein Notbehelf. Phantastereien.«

»Wieso ein Notbehelf?«

»Würdest du uns keine mehr erzählen?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Nein. Keine Phantasiegeschichten mehr. Nie mehr. Aber wenn man vor

einer großen Mauer sitzt, dann malt man sich natürlich aus, was es

hinter der Mauer gibt. Und wir wußten nichts, als daß es dahinter

Männer gibt. Und da malten wir sie uns mit lauter Männern aus. Ihr

wolltet es ja so.«

»Nun, und was? Was gibt es sonst noch dahinter?«

»Weißt du jetzt etwas davon, was es da gibt?«

»O!« sagte Ruth nur, aber ihre Augen öffneten sich groß und strahlten

alle an, wie zwei unergründlich verheißungsvolle Glücksgeheimnisse,

»dahinter gibt es das Leben.«

In ihrem Blick und Ausdruck lag etwas dermaßen Aufstachelndes, die

Neugier und das Verlangen Aufreizendes, daß in diesem Augenblick den

meisten selbst der »Bräutigam« schon etwas schal und abgestanden

erschien. In den Gesichtern prägte es sich deutlich aus, daß ein neuer

Hunger sich geltend machte.

»Wie kommt man denn über die Mauer?« fragte die unternehmende Wjera.

Ruth lachte.

»Man klettert eben hinüber,« sagte sie und lachte noch immer, »und dann

geht man geradeaus, und noch rechts und nach links, ringsherum und nach

allen Seiten. Bis man alt ist.«

»Nehmt euch in acht!« rief eine von den Musterschülerinnen warnend,

»seht ihr denn nicht, wie sie euch foppt? Gerade so machte sie es immer

mit euch. Sie spielt und phantasiert, und dann lacht sie uns aus, weil

wir's ernst nehmen.«

»Nehmt's nur für Ernst!« sagte Ruth und gab sich vergebliche Mühe, den

Schalk zu zügeln, der ihr im Nacken saß.

»Da sollen wir wohl zu Herrn Matthieux gehen und ihn bitten, uns auch

über die Mauer zu helfen?«

»Das könnt ihr ja thun.«

»Der hätte wohl gerade Lust und Zeit dazu!«

»Die hat er gewiß,« versicherte Ruth; »und Lust hat er auch. Er hat

alles, außer den Menschen, die dazu gehören.«

Sie sahen sich mit unsicheren und lächelnden Blicken untereinander an.

Und dann auf Ruth, die gleichmütig dasaß, wie das verkörperte Behagen.

Die Spannung wuchs. Dies hier schien ihnen ihre schönste Geschichte zu

sein.

»Sage mal: ist es auch gewiß, daß es dahinter angenehm ist? Hast du da

auch gewiß nie etwas Unangenehmes vorgefunden?« fragte eine von ihnen

vorsichtig.

»Nie!« behauptete Ruth, und es blitzte über ihr Gesicht, als ihr

beiläufig einfiel, daß ihre Augen seit gestern noch nicht trocken

geworden waren.

Die dünnstimmige Klassenglocke fing an zu bimmeln, und die Mädchen

verließen den Platz am Brunnen.

»Du könntest Herrn Matthieux ja mal für uns fragen,« meinte die hübsche

Wjera, »das kostet nichts.«

»Warum?« entgegnete Ruth; »es ist eure Sache. Laßt es euch nur was

kosten.«

In aufgeregtem Meinungsaustausch drängten sie dem Hause zu. Darüber

blieb es unbeachtet, daß Ruth ihnen nicht folgte. Ueber der Spannung,

die sie hervorgerufen, war sie selbst vergessen worden. Als die Mädchen

sich dann nach ihr umsahen, um einen gemeinsamen Heimweg zu verabreden,

war Ruth verschwunden. Das letzte, was sie noch von ihr vernahmen, war

ein Gelächter.

Erik brauchte an diesem Vormittag nicht ganz so viele Stunden zu geben

wie sonst, denn mehrere Privatschulen hatten schon Ferien gemacht. So

kam er bereits früh in seine Stadtwohnung hinauf, wo Ruth ihn erwarten

sollte. Noch war nichts von ihr zu erblicken. Erik erledigte, was es

hier noch zu thun gab, und kleidete sich um, froh, der heißen Uniform

zu entrinnen. Als Ruth sich dann immer noch nicht melden wollte,

öffnete er etwas beunruhigt die Thür zum Wohnzimmer und schaute hinein.

Da lag sie und schlief.

Sie hatte ihre kleinen Schuhe ausgezogen und unter einen Stuhl

gestellt. Dann hatte sie sich, mit emporgezogenen Füßen, auf dem

weißen Leinwandbezug des Sofas zusammengekauert. Den Kopf gegen das

Seitenpolster gedrückt, schlummerte sie, mit ernstem Gesicht und

schlafgeröteten Wangen, fest und eifrig, wie ein Kind.

Die Müdigkeit mußte sie beim Warten überfallen haben.

Aus dem grauen Regenhimmel stahlen sich durch die niedergelassenen

Fenstervorhänge einzelne Strahlenbündel, in denen der Staub in breiten

Wellen flimmerte und zitterte, und huschten über Ruths Gesicht. Ein

leises Lächeln glitt mit den Sonnenstrahlen über dasselbe hin und blieb

auf den Lippen stehen, wie im Traum. Dann, als die Sonne zudringlicher

wurde, zog sie ein paarmal Stirn und Nase kraus, und endlich mußte sie

heftig niesen.

Das Lachen breitete sich über ihr ganzes Gesicht. Lachend wachte sie

auf und hörte Erik lachen.

»Ist es Morgen?« fragte sie verwundert und setzte sich auf.

»Nein. Es ist Mittag. Warum bist du denn den Mädchen so rasch

weggelaufen? Sie fragten noch nach dir,« sagte er.

Ruth rieb sich die Augen.

»Ach so, die Mädchen. Jetzt weiß ich schon,« versicherte sie; »ja, mit

den Mädchen ist es nichts. Glaub's nicht. Aber mir ist eingefallen:

wenn man keine lebendigen Menschen aufbringen kann, -- dann gäb's am

Ende auch noch ein andres Mittel.«

»Mädel! Schüttle den Schlaf ab. Träumst du denn noch?«

»Nein, nein. Kein Traum,« sagte sie eifrig, glitt mit den Füßen vom

Sofa herunter, stützte die Arme auf den staubigen Tisch davor und

drückte das Kinn auf die geballten Hände; »ich habe es mir nämlich

so gedacht: wenn man zu den Menschen sprechen will, -- in sie

hineinwirken, -- an ihnen was Großes schaffen, -- und man findet nicht

recht die richtigen Menschen, die gut dazu passen würden, dann muß

man es ~so~ machen: man muß sich etwas ausdenken, was man ihnen vor

Augen stellt, -- so recht überzeugend und gewaltig vor Augen, bis sie

Lust kriegen. Kann man das nicht? Warum nicht? Zu den Menschen vom

Allerschönsten reden und nicht müde werden, -- bis sie Lust kriegen.«

Sie sprach rasch und belebt, mit wachen, glänzenden Augen, sichtlich

bemüht, ihm etwas deutlich zu machen, das sie da, wie einen Traum,

mitten aus ihrem Schlaf hervorgeholt zu haben schien.

»Wer soll das thun?« fragte er langsam, von ihrem Gesichtsausdruck wie

gebannt, und trat heran an den Tisch.

»~Sie~ sollen es!« rief sie hell, »wer denn sonst? Sie haben mir

immer gesagt: mit den Phantastereien ist es nichts, aber das Leben

ist schön und weit. Ich glaub's ja! Ader nun weiß ich, wozu die

Phantasiegeschichten gut sind, -- denn zu etwas sind die auch gut.

Dazu, daß man sich ausdenken kann, was noch am Leben fehlt, und es

hinzuthun. Am Leben und an den Menschen. Nicht wahr?«

Während sie sprach, ging Erik im Zimmer auf und ab. Ihm schien, als

lausche er auf den kindlichen Ausdruck dessen, was er nur künstlich

in sich selbst zurückgedrängt hatte. Es kam wieder und redete mit

Kinderstimme zu ihm. Eine Reihe noch unklarer Pläne blitzte ihm durch

den Kopf. Alte und neue durcheinander. Sie hatten immer nach Gestaltung

verlangt. Und er, durch die Verhältnisse enttäuscht, hatte versucht,

sie von sich abzuschieben, -- zu vergessen. Im vergangenen Winter hatte

er sich in einen förmlichen Gesellschaftsrausch gestürzt, um sie zu

vergessen.

Ruth saß und folgte ihm mit den Augen.

»Jetzt denkt er sich gewiß was aus!« dachte sie.

Mehrere Minuten vergingen in Schweigen. Beide merkten nichts davon,

daß die Luft im Zimmer dick und staubig war, und ungezählte Mücken

umherschwirrten.

Dann blieb Erik stehen, nickte zu ihr hinüber und sagte heiter: »Danke

dir, Mädel. Erinnerst du dich, daß du mir etwas schenken wolltest,

was ich eigentlich nie bekommen habe? Nun hast du mir aus deinen

Phantasiegeschichten heraus doch etwas geschenkt. Zur guten Stunde.«

Sie sprang vom Sofa und kam auf ihren Strümpfen lautlos zu ihm.

»Ja!« sagte sie froh, »Sie wollten sie mir aus dem Kopf herausnehmen

und alle für sich behalten. In den Kopf sollte nur lauter Vernünftiges

hinein. Sie sagten damals: ›Nun sind alle deine Geschichten mein

Eigentum, und ich kann mit ihnen machen, was ich will.‹ Und nun werden

Sie etwas Schöneres damit machen, als ich's gekonnt habe.«

Sie hob den Kopf mit einem Ausdruck ungeduldiger Spannung und

Erwartung, und dann fügte sie bittend hinzu: »Aber ich muß zuhören

dürfen, wenn Sie sich was ausdenken! Darf ich zuhören? Werden Sie es

mir erzählen?«

Erik blickte auf sie nieder. So kindhaft kam sie ihm vor, als sie so

in Strümpfen neben ihm stand. Da reichte sie ihm noch nicht bis zur

Schulter.

Wie heute morgen am Schreibtisch beugte er sich zu ihr, nahm ihr

Gesicht in seine Hände und sah hinein in zwei strahlende, glückliche,

bittende Kinderaugen.

»Wir werden es uns zusammen ausdenken!« sagte er. --

Klare-Bel hatte inzwischen Besuch gehabt. Als Erik und Ruth nach Hause

kamen, stand eine Equipage vor der Gartenpforte. Der Kutscher wendete

den leichten Wagen mit englischem Gespann und ließ die Pferde sich

langsam, im Schritt, abkühlen.

Warwara Michailowna saß bei Klare-Bel in deren kleinem, behaglichem

Gemach neben der Wohnstube. Sie war von ihrem erst kürzlich bezogenen

Landhause, das etwa eine Stunde entfernt lag, herübergekommen.

Es waren meistens nicht nur konventionelle Besuche, die sie der kranken

Frau machte. Sie kam gern, wie sie auch gern empfangen wurde: Sie

empfand es wohlthuend an Klare-Bel, daß man deutlich fühlte: hier lag

eine, der es wirkliches Vergnügen machte, einmal im Plauderton wieder

etwas von der Welt draußen, von den Menschen und der Gesellschaft

zu hören. Konnte sie auch nie wieder in das gesellige Treiben

zurückgelangen, so kannte sie dergleichen doch recht wohl aus den

ersten, beglückenden Jahren ihrer Ehe und sah es noch immer ein wenig

im Glanze dieser Zeit. Und da war es nun eigentümlich: wenn man zu so

einer sprach, dann ließ man unwillkürlich den schlechtesten Klatsch zu

Hause.

Klare-Bel selbst erzählte zwar niemals viel. Aber Warwara wußte, daß es

auch andern Bekannten gegenüber nicht geschah. Sie wußte: dies hier

war wirklich eine Frau, die mit niemand intim zu sein vermochte, als

mit ihrem Mann.

Was Warwara über Ruth und deren Anwesenheit im Hause erfuhr, fesselte

sie im höchsten Grade und erregte sie beinahe. Als aber nun Ruth ins

Zimmer trat, war sie enttäuscht.

Sie hatte unwillkürlich etwas Auffallendes erwartet.

Vielleicht einen wilden, interessanten Jungen in Mädchenkostüm,

vielleicht auch umgekehrt ein rührendes, liebliches Kind, das sich

schüchtern zurückzog, -- jedenfalls etwas ganz Eigenartiges. Nicht

ein blasses, wohlerzogenes Ding, das sich für Warwaras im Salon

geübten Blick von andern so jungen Mädchen durch nichts unterschied,

als höchstens durch das geradezu Abgeschliffene, Formsichere und

Unbefangene ihres Wesens einer Fremden gegenüber.

Nicht minder schnell war Ruth mit Warwara fertig: sie nahm diese ganz

als eine von vielen und gab auch sich selbst so, wie eine unter den

vielen, aus denen die Gesellschaft besteht.

Warwara zog sie ein wenig ins Gespräch und fragte, wo sie erzogen

worden sei.

»Ich war an verschiedenen Orten,« sagte Ruth, »aber erzogen bin ich

noch nicht.«

Man wußte nicht, war es bescheiden oder übermütig gemeint?

»Wenn die nicht durchtrieben ist!« dachte Warwara bei sich und musterte

sie schärfer.

Bald trat Erik dazu, eine heitere Unterhaltung in Gang bringend.

Warwara erzählte vom Rückgang einer Verlobung, deren Anzeige erst

kürzlich auch hier eingelaufen war. Ein sensationeller Rückgang, denn

die Braut hatte sich während der kurzen Verlobungszeit ganz eilig in

einen andern verliebt.

Erik, der es nicht über sich vermochte, die humoristische Seite dieser

Sachlage unbeachtet zu lassen, lachte laut.

Warwara sah sich nach Ruth um. Diese war hinausgegangen.

»Zufällig? oder ein Kunstgriff, um bei diesem Gespräch nicht

hinausgeschickt zu werden?« fragte sie sich, »oder ist sie wirklich so

kindlich, daß sie das gar nicht interessiert?«

Nachdem Erik über den betrübten Mienen der beiden Frauen wieder ernst

geworden war, sagte er: »Ja, die armen Frauen! Wenn sie sich binden,

haben sie allen Grund zu beten: Lieber Gott, hilf, daß ich eine gute

Frau werde. Denn ihr einziger Schutz gegen sich selbst liegt in

der That im rein gefühlsmäßigen Fortdauern ihrer Liebe, -- in der

eigentlichen Gefühlstreue. Sie können natürlich auch aus Pflichtstrenge

festhalten, aber das ist dann ein verkümmertes Leben.«

»Sie meinen, der Mann bedarf eines solchen Gebetes nicht,« bemerkte

Warwara, ohne ihre Ironie zu verbergen.

Er sah sie ganz unbefangen an. »Nein,« sagte er; »ich glaube, der Mann

ist in diesem Punkt, wie in so vielen andern auch, durch seine Natur

besser geschützt. Nicht gegen die Untreue der Sinne. Nicht gegen den

Wechsel des Liebesgefühls. Aber gegen das bewußte innere Loslassen

desjenigen Wesens, an das er sich gebunden, -- nein: ~das er an sich

gebunden~ hat. Das ist's!«

»Das ist originell. Sie vindizieren da dem Manne eine Kraft des

Pflichtbewußtseins, einen Edelmut des Mitleids, den ~wir~, -- die

Frauen, -- nicht --«

»Ach nein, empören Sie sich nur nicht. Kein Pflichtbewußtsein: nur ein

Glücksbewußtsein mehr, als ihr es habt. Keinen mitleidigen Edelmut:

nur einen begehrlichen Hochmut, den ihr nicht besitzt. Der Mann, der

für immer ein Weib an sich und auf sich nimmt, genießt neben dem

Liebesglück noch ein andres, spezifisch männliches Glück: er legt seine

Hand bewußt auf dieses ganze ihm zugehörige Dasein und sagt dazu:

›Mein‹. Ihm bedeutet sein Glück durch das Weib dreierlei: lieben mögen,

-- verantworten wollen, -- herrschen dürfen.«

Warwara schüttelte sich.

»Gott erhalte Ihnen Ihre Arroganz!« sagte sie; »mir jedoch ist wahrlich

die Vorstellung lieber, nach welcher die Frau des Mannes Königin ist.«

»Sie sehen, -- ich sage noch mehr: sein Königreich,« versetzte er

lächelnd, »daher gibt sie ihn eher preis, als er sie. Für sie gibt es

eben ihm gegenüber Aufstand, Empörung, Revolution, -- was alles ganz

heroisch aussehen und sehr verführerisch wirken kann. Für den Mann

hingegen wäre untreues Preisgeben seines eigensten Reiches etwas, was

ihm wider die Scham geht.«

Warwara lachte ihm ins Gesicht.

»Und das sind Sie, der für alle möglichen modernen Entwickelungskämpfe,

und auch für die der Frauen, so gern eintritt!« rief sie; »es ist eine

schauderhafte Inkonsequenz und ein Selbstbetrug obendrein! Denn wenn

Sie sich nun in eine solche entwickelte Zukunftsfrau verliebten, die

nicht mehr so mittelalterlich denkt, und sie ~nicht unterkriegten~?«

»Das würde ich doch!« sagte Erik. »Sonst würde ich mich vielleicht

für sie begeistern, sie bewundern, fördern, als meinen Kampfgenossen

achten, -- aber lieben, -- wie sollte ich das? So wenig, als wenn

ich ein Weib, oder sie ein geschlechtsloses Wesen wäre. Ich kann mir

vorstellen, daß der Mann jede Herrschsucht vollständig ablegt um einer

Sache willen, die er über sich stellt. In der Liebe -- nie! Und ein

Weib, das diesem Instinkt nicht entgegenkommt, -- wirkt nicht als

Weib.«

»Und dieser Widerspruch sollte in der Natur selbst liegen? Nein, nur

in eurem jahrhundertelang großgenährten Dünkel,« versetzte Warwara

entrüstet und wandte sich zu Klare-Bel: »Was sagen Sie nur zu einem

solchen Mann? Wir sollten uns für alle Zukunft unter den Mann stellen,

wenn wir lieben?«

Klare-Bel antwortete etwas unsicher: »Ich glaube, das thun wir, nicht

weil wir unter ihm stehen. Sondern weil wir glücklich sein wollen.«

Alle drei fingen an zu lachen. Warwara erhob sich, um nach Hause zu

fahren.

»Nun sollt' ich hiervon eigentlich genug haben,« bemerkte sie gut

gelaunt zu Erik, »aber von meiner kleinen Nichte in der Mädchenschule

erfuhr ich, daß diesmal Sie bei dem feierlichen Schulschluß die übliche

große Rede halten werden. Da komme ich hin. Damit Sie doch wissen: Eine

sitzt da und verspottet Sie. Und hübsch klingen wird es sicher. Ich

habe nämlich schon immer Ihre Toaste in Gesellschaften so gern gehabt.«

Erik mußte lachen.

»Sie sollten mich nicht so gewaltsam daran erinnern, daß unsre

schönsten Reden für Toaste genommen werden,« versetzte er, »und

daß fast die einzigen aufmerksamen Zuhörer, die wir außer den

Schulkindern auftreiben können, die gelangweilten schönen Frauen unsrer

oberflächlichen Gesellschaft sind.«

»Liebste, jetzt sind Sie Zeugin, daß ich mich zu rächen habe,« sagte

Warwara gekränkt zu Klare-Bel; »ich möchte nur wissen, ob's ihm nicht

weh thäte, wenn die schönen Frauen alle wegblieben. Ich glaube, dieser

Barbar würde dann ~Sie~ auf den Rücken nehmen und zur Zuhörerschaft

unter seine Schulkinder setzen, die ihn alle fürchten wie das Feuer.«

»Das wird wohl nie geschehen,« meinte Klare-Bel etwas betrübt.

»Doch! doch! Kein Mensch kann in die Zukunft sehen. Wir werden jetzt,

auf Grund einer Konsultation mit dem Professor, eine Behandlung meiner

Frau durchführen, die Wunder verspricht,« sagte Erik zu Warwara und

geleitete sie an ihren Wagen.

Jonas war später nach Hause gekommen, als Erik mit Ruth, und kam

seltsamerweise erst zum Vorschein, als der Besuch fortgefahren war, und

man sich schon zu Tisch setzte.

Die Zwischenzeit hatte er im hintersten Winkel des Gartens unter den

tropfenden Bäumen verbracht, im Kampf mit einem großen Entschluß. Seine

Ringelnatter war mit ihm, sie hing ihm melancholisch um den Hals, als

wisse sie schon, daß ihr etwas sehr Unangenehmes bevorstehe. Noch

einmal hatte er sie liebkosend in die Arme genommen, sie gestreichelt

und zärtlich an sich gedrückt, noch einmal in ihrem kostbaren Besitze

geschwelgt. Dann hatte er sie totgeschlagen.

Um es zu thun, mußte er sich Mut einsprechen und sein Herz verhärten.

Er mußte sich vorstellen, daß er wie ein neuer Herkules sei, der die

Hesione von einem Meerungeheuer erlöst, oder noch lieber wie Perseus,

der sich seine Andromeda erobert. Aber diese Vorstellung verfing nicht

recht. Seine arme Ringelnatter sah gar nicht aus wie ein Meerungeheuer;

Ruth verkannte sie nur. Das Tier blickte ihn mit seinen schwarzen

Aeuglein so beweglich an, und er hatte es so lieb.

Da ging ihm ein altes Märchen tröstend durch den Sinn, von einer

Schlange mit einem Goldkrönlein auf dem Kopf; wer die totschlug, dem

verwandelte sie sich in eine liebreizende Prinzessin. Er wußte nicht

mehr, ob es sich genau so verhielt, aber es gefiel ihm. Und seine

Prinzessin saß und wartete gewiß schon darauf.

Nachdem Jonas den Mord vollbracht hatte, wandte er sich mit rotem

Gesicht ins Haus. Es war ein ganz ungeheures Opfer, fand er, was sie da

beide Ruth gebracht hatten, er und die Ringelnatter. Denn die Schlange

blieb nun tot, und er hatte sich über sie fast ebenso gefreut, wie über

ein Reitpferd.

Und nun sprach Ruth bei Tisch immer von den albernen Schulmädchen,

die er nicht leiden konnte. Es ärgerte ihn, daß sie heute in die

Freistunde gelaufen war, denn bisher besaß sie an ihm ihren einzigen

Spielgefährten, und in diesem Punkte verstand Jonas keinen Spaß.

Noch saßen sie beim Mittag, als ein Eilbote kam und ein Telegramm für

Erik überbrachte.

Erik erbrach es und überflog den Inhalt, dann schob er seinen Teller

zurück und trat mit dem Papier ans Fenster. Man sah ihm an, daß es eine

freudige und ihn bewegende Nachricht war, die er erhalten.

»Fast ein ganzer Brief! An der Grenze aufgegeben,« sagte er; »denke

dir, Bel, mein alter Freund Bernhard Römer ist hierher unterwegs.

Siebzehn Jahre haben wir uns nicht gesehen. Oder noch länger? Damals

waren wir beide noch Studenten! Erinnerst du dich seiner?«

»O ja, Erik! Wie sollte ich den vergessen! Denn mit ihm war es ja, daß

du immer noch so große Zukunftspläne machtest. Ihr wolltet alles am

liebsten auf den Kopf stellen. Ja, so jung wart ihr damals. Was ist

Römer denn eigentlich geworden?«

»Er ist Professor der Medizin an der Heidelberger Universität. Schrieb

mir noch manchmal in frühern Jahren.«

Ruth hatte aufgehört zu essen und sah mit großen Augen zu Erik hinüber.

Bei dem Wechsel in seinem Mienenspiel und bei Klare-Bels Worten war es

Ruth, als stiege plötzlich eine ganze, fremde und ferne Vergangenheit

zwischen ihnen auf. Eine Vergangenheit, bei der sie nicht zugegen

gewesen war. Ueberhaupt noch nicht auf der Welt! Es schien ihr ganz

unmöglich.

»Wird er hier herauskommen?« fragte sie leise.

»Das wird er leider nicht. Er reist nur durch. Sein Ziel ist Moskau.

Dort ist irgend eine Aerzteversammlung. Morgen früh am Bahnhof werde

ich Näheres erfahren. Ob er seine Frau wohl mitgebracht hat?«

»Zu einer Aerzteversammlung?« bezweifelte Klare-Bel.

»Warum nicht? Ich glaube, sie sind in ihrem geistigen Leben eng

verwachsen. Römer heiratete sehr jung, die Frau machte seine ganze

Sturm- und Drangperiode noch mit durch. Das gab ihrer ganzen Ehe den

Charakter.«

»Haben sie keine Kinder?« fragte Klare-Bel, die dieser Punkt besonders

zu interessieren pflegte.

»Ich glaube nicht.«

»Keine Kinder?« wiederholte Klare-Bel im Tone des Bedauerns. Nichts war

ihr an ihrem Leiden so hart erschienen, wie der Umstand, daß sie nicht

wieder Mutter werden konnte; »das ist doch eine traurige Ehe, so zu

zweien.«

»Soviel ich mich erinnere, haben sie nicht immer zu zweien gelebt. Sie

hatten wiederholt ein junges Mädchen bei sich, das an der Universität

studierte.«

»An der Universität studierte? Können junge Mädchen das?« erkundigte

sich Ruth erstaunt.

Erik blickte sie mit einem Lächeln an.

»Jawohl. Solche junge Mädchen wie du,« sagte er; »es steht dem ja

nichts im Wege, daß du eines der nächsten Hauskinder bei Römers wirst.

Hast du Lust dazu?«

Er sagte es scherzend, aber der Blick, mit dem sie ihm antwortete, war

so ernst, daß er ihm im Gedächtnis blieb.

Erik setzte sich an den Tisch zurück und plauderte mit seiner Frau von

alten Zeiten. Jonas fand, nun könnte Ruth mit ihm hinausgehen, aber sie

blieb sitzen und hörte zu.

Draußen hatte es angefangen, stärker zu regnen; Jonas lehnte in der

Hausthür an der Terrasse und schaute prüfend hinaus. Als Ruth endlich

vom Mittagstisch aufstand und in den Flur trat, bemerkte er: »Wenn wir

doch wenigstens bei Regenwetter ›Mann und Frau‹ spielen wollten. Das

paßt so gut fürs Haus. Denn wenn die Sonne scheint, thust du es doch

nicht. Und dann ist es auch etwas, was du bei deinen albernen Mädchen

nun einmal nicht haben kannst.«

»O doch!« versicherte Ruth und schwang sich auf das Geländer der

schmalen Holztreppe, die nach ihrem Giebelstübchen hinaufführte, »das

haben wir im Schulhof oft genug miteinander gespielt.«

»Das muß aber eine schöne Wirtschaft gewesen sein, ohne einen

wirklichen Jungen!« meinte Jonas verächtlich. »Und ich möchte doch so

viel lieber dein Mann sein, als der Mann in all den Räubergeschichten,

bei denen ich mich immer so anstrengen muß.«

»Aber ich möchte nicht deine Frau sein,« sagte sie kaltherzig und

saß und schaukelte mit den Füßen, »und dann wäre das auch noch viel

anstrengender für dich. Sei doch froh, daß du bei alledem jedesmal die

Hauptperson und der Held bist.«

»Nein, das bist du eben immer!« warf er ihr mißmutig vor.

»Nein, Jonas, das ist bestimmt nicht wahr. Du bist es ganz allein.

Warst du nicht erst gestern der Egmont? Und neulich --«

»Ja, im Anfang!« unterbrach er sie gereizt; »aber wenn du mir alles

immer erst vorsagst und womöglich auch noch vormachst, dann bin ich es

ja gar nicht in Wirklichkeit, sondern nur du.«

»Ich kann doch nichts dafür, wenn du dumm bist.«

Jonas schwieg gekränkt. Wenn sie wüßte, wem sie das sagte; -- wenn

sie wüßte, daß er freiwillig darauf verzichtet hatte, ihr seine

Ueberlegenheit zu zeigen, sie in Furcht zu versetzen, sie zum Bitten

und Schmeicheln zu bewegen! Denn, hätten sie »Schlangenbändiger«

gespielt, da wäre er doch wohl der Herr gewesen. Und sie war so dumm,

ihm zu glauben, die Schlange sei wirklich entschlüpft.

Jonas brannte die Zunge, Ruth von seinem Opfer zu erzählen. Aber er

fand, das verbiete ihm sein Mannesstolz. Lieber noch wollte er sich die

Zunge abbeißen, wenn die Schwatzlust zu groß wurde.

»War ich Egmont, so hättest du mein Klärchen sein müssen,« sagte er;

»warst du es etwa?«

»Nein, natürlich nicht. Dazu kam ich ja gar nicht. Denn allein hättest

du ihn doch nie herausgebracht. Und er ist doch das Wichtigste, wie du

dir denken kannst. Das Klärchen kann man streichen.«

»Ich habe aber keine Lust, mich zu deinem Hampelmann herzugeben! Sei

meine Frau!« schrie er ärgerlich und stampfte mit dem Fuß auf.

Ruth war vom Geländer herabgeglitten. Sie stellte sich ans niedrige

Flurfenster, an dem der Regen herunter rieselte, und drückte ihr

Gesicht platt gegen das Scheibenglas, so daß es sich satyrhaft verzog.

Wenn Jonas wütend wurde, dann überschlug sich jedesmal seine Stimme:

sie schwankte immer zwischen zu hoch und zu tief. Das brachte Ruth

immer zum Lachen.

Da riß Jonas seine Mütze vom Mantelständer und stürzte hinaus.

»Lauf nur zu deinen albernen Mädchen!« rief er grimmig, »ich bin ein

Junge!«

Am Ende war Ruth gar nicht das Ideal einer Frau, wie er sie brauchte.

Andromeda hatte sich bereit erklärt, ihrem Erretter als Sklavin durch

alle Länder zu folgen. Ruth würde so etwas nie thun, es würde ihr gar

nicht einfallen, -- davon war er fest überzeugt.

Von der Terrasse aus steckte Jonas seinen Kopf durch das offene Fenster

des Wohnzimmers und fragte, ob er noch bis zum Abendthee einen

Kameraden aufsuchen dürfe.

Klare-Bel, die neben dem abgeräumten Tisch lag und in Lenneps Novellen

las, blickte bei seinen Worten verwundert aus.

»Es ist nur gut, daß er noch an so was denkt,« bemerkte sie, als sein

Kopf vom Fenster verschwunden war, »denn jetzt denkt er Tag und Nacht

nur noch an das Mädchen, Erik.«

»Strohfeuer!« versetzte dieser.

Er stand und schaute verträumt hinaus. Seine Gedanken weilten noch

in der Vergangenheit. Seine Frau nahm den morgenden Tag nur als eine

willkommene Zerstreuung, und darüber freute sie sich für ihn. Ihm war

es mehr als das.

»Findest du, es schadet nichts?« fragte Klare-Bel besorgt: »aber du

meintest doch selbst, Jonas sei flüchtig und zerstreut im Lernen

geworden.«

»Das ist er wohl ein wenig, aber was ihm an Schulweisheit vielleicht

dadurch abgeht, erhält er tausendfach wieder in glücklicher Anregung,

die seine geistigen Kräfte belebt und aufschüttelt. Das ersetzt ihm

keine Schule.«

»Er ist freilich noch wie ein Kind. Aber Jonas ist anhänglich. Wenn er

nun sein Herz so ganz an sie hängt --?«

»Dann laß ihm diese Erinnerung, Ruth begegnet zu sein. Er kann es an

nichts Besseres hängen, Bel.«

Sie schwieg darauf. Das holländische Novellenbuch entglitt ihren

Händen. Sie faltete sie im Schoß.

»Wie hoch er sie stellt!« dachte sie im geheimen erschrocken.

Es war ein stiller Tag, der nächste. Weil Erik nicht nach Hause kam.

Wie ausgestorben schien das Haus, weil man seinen Schritt und seine

Stimme darin nicht hörte.

Er würde wohl erst mit dem letzten Nachtzug heimkommen, meinte Bel.

Nachts ließ er sie gewiß nicht gern auf dem Lande allein.

Jonas schlich übler Laune im Hause umher. Nach dem gestrigen Streit

fühlte er einen heftigen Drang nach einer ausgiebigen Versöhnung nebst

darauf folgendem unzertrennlichen Beisammensein. Aber dafür war Ruth

heute nicht zu haben. Den Streit hatte sie rein vergessen. Und auf alle

seine Vorschläge, etwas Gemeinsames zu unternehmen, entgegnete sie nur

ihr wohlbekanntes stereotypes: »Ich muß nachdenken.«

Und Jonas wußte schon, daß sie dann für ihn so gut wie verloren war.

Ruth dachte immerfort, unablässig über ein und dasselbe nach. Sie

folgte in Gedanken Erik in die Stadt, an den Eisenbahnzug, der ihm

den Freund bringen mußte, und versuchte, sich in das Wiedersehen

hineinzuversetzen.

Als Klare-Bel ihm am Morgen beim Weggehen zurief: »Adieu, Erik,

amüsiere dich gut!« da hatte Ruth beinahe betroffen aufgeblickt. Es kam

ihr vor, als habe Erik etwas so Ernstes und Herzbewegendes vor. Selbst

sein Gesicht schien ihr seit gestern verändert. Unter allem, hinter

allem, was er in gewohnter Weise sprach oder that, fühlte Ruth es

heraus, wie eine ganze Welt von aufgestörten Erinnerungen unaufhörlich

in ihm raunte und redete. Keine Erinnerungen aber, die ~amüsieren~, --

sondern solche, die gewaltsam zurückzerren in eine Vergangenheit, von

der die Gegenwart verdunkelt wird.

Auf dem Garten lag heute freundlicher Sonnenschein. Klare-Bels Stuhl

war auf die Terrasse geschoben worden; unten konnte sie nicht bleiben,

weil Erik fehlte, um sie wieder heraufzutragen. Ein warmer Sommerduft

stieg von draußen auf; Flieder und Goldregen waren am Verblühen, und

auf den Beeten öffneten sich die roten Rosen. Baumwipfel und Büsche

drängten sich jetzt so dicht ineinander, daß es fast schon zu viel Laub

und Schatten ums Haus gab. Der Sommer barg es ganz in seinem warmen

Dunkel, und von der Straße gesehen nahm sich der Garten jetzt aus wie

ein großer grüner Farbenklecks.

Als der Abendthee auf der Terrasse getrunken wurde, fiel es Klare-Bel

doch auf, daß Ruth wie geistesabwesend dabei saß.

»Es ist doch, als könnte sie es gar nicht mehr ertragen, daß Erik sich

mit andern Menschen beschäftigt als mit ihr; am liebsten würde sie ihm

keine Zerstreuung mehr gönnen, diese arge kleine Egoistin,« dachte sie

und fragte laut: »Aber, Kind, fehlt dir etwas? was machst du nur für

wunderliche Augen? Ich glaube gar, am liebsten wärst du mit Erik dort?«

Ruth fing mit feinem Ohr den nicht ganz liebreichen Ton auf und sah sie

schüchtern an.

»Ich versuche es, dort zu sein!« sagte sie zum unaussprechlichen

Erstaunen Klare-Bels.

Diese zog sich nach dem Abendthee bald in ihr kleines Gemach zurück,

um sich zeitig zur Ruhe zu begeben, denn sie fühlte sich ein wenig

leidend. Vielleicht griff die neue Behandlung sie an, die Erik seit

kurzer Zeit mit ihr vornahm, und die er ihr auf viele Monate hinaus

in Aussicht gestellt hatte. Er fing wirklich schon an, wieder neue

Hoffnung zu schöpfen.

Gonne entfernte sich, nachdem sie ihre Frau sorgsam gebettet, und

Klare-Bel lag in ihrem stillen Zimmer allein, umgeben von all den

zierlichen und saubern Sächelchen, die sie bei sich aufzustellen

liebte.

Sie lag und lächelte über sich selbst. War es nicht seit kurzem, als ob

auch sie, ganz leise -- leise, heimlich, die neue Hoffnung hätschele?

Ein klein wenig nur. Die Hoffnung, doch noch einmal wieder gesund zu

werden, Erik entgegengehen zu können auf ihren zwei gesunden Füßen.

Es war ja gewiß nichts damit. Ein bloßer Wahn. Aber wenn er trog, dann

würde Erik sie schon darüber hinwegtragen, wie über die vielen, vielen

frühern Enttäuschungen auch. Denn das hatte er gethan, -- nicht gerade

mit übermäßigem Bemitleiden und Schonen, aber mit seiner unaufhörlichen

Gegenwart, mit seiner beständigen energischen Einwirkung auf sie. Und

manchmal, da überkam sie ganz deutlich das Gefühl: es war gut so,

denn er brauchte das; nur in diesem Bemühen überwand er seine eigenen

Enttäuschungen. Seine starke Beeinflussung andrer schien es zu sein,

durch die er immer wieder selbst zur alten Sicherheit zurückkehrte. So

oft konnte sie es mit Verwunderung beobachten im täglichen Leben unter

den Menschen seiner frühern Umgebung, wie belebend es auf ihn wirkte,

daß sie von ihm Kraft und Belebung erwarteten. Das Alleinsein vertrug

Erik wirklich schlecht.

Die Zeit rückte vor, und immer noch lag Klare-Bel wach und träumte mit

offenen Augen. Durch das geöffnete Fenster strich weich und feucht die

Luft, ganze Schwärme von kleinen Mücken mit sich tragend; von fernher

verklang leise das Lied der letzten Landarbeiter, die von nächtlicher

Arbeit heimkehrten. Mit hellen Sonnenaugen schaute die Nacht ins Zimmer

herein.

Klare-Bel kamen ketzerische und sogar übermütige Gedanken, so daß sie

über sich selbst erstaunen mußte. »Wer ist nun stark,« dachte sie,

»wenn der Starke wieder der Schwachen bedarf?« Sie war sicherlich ein

schwaches Wesen, froh, wenn Erik sie bei der Hand nehmen und führen

wollte. Er aber, brauchte er denn nicht jemand um sich, den er führen

konnte, um selber froh und des Weges sicher zu bleiben? Brauchte Erik

also nicht sie, wie sie ihn?

Klare-Bel lächelte in der Einsamkeit der hellen Nacht, und inbrünstig

streckte ihre Sehnsucht sich ihm entgegen. --

Wie sie es vorausgesehen, befand sich Erik erst Stunden später auf dem

Heimweg. Er hatte mit vielen andern dem Freunde das Geleit bis zum

Moskauer Bahnhof gegeben, und dann blieb man noch eine Weile zusammen,

-- ein ganzer Haufen von Menschen, von Fremden und Bekannten, mit denen

der Abend in angeregter Geselligkeit verbracht wurde. Erik ließ sich

nicht mehr die Zeit, zu Hause vorzufahren, um sich umzukleiden; er

erreichte eben noch den letzten Nachtzug und fuhr aufs Land hinaus.

Der lange Gang von der Station aus that ihm nach den verflossenen

Stunden und Eindrücken wohl; die freie Nachtluft erfrischte ihn. Kein

Lufthauch bewegte sich; am fast taglichten Himmel stand blaß und

glanzlos der Vollmond; einzelne Wolken ballten sich aufeinander, und

von Zeit zu Zeit sprühte ein feiner Regen nieder.

Als er am Hause ankam, das unter den regungslosen Bäumen in der

Nachthelle dalag, wich langsam die noch erregte Stimmung einem Gefühl

ruhiger Freude, wieder daheim und bei den Seinen zu sein. Bei ~den~

Seinen! Auch Ruth gehörte jetzt dazu. Gehörte ihm zu.

Er stieg leise die Stufen zur Terrasse hinauf und warf einen Blick auf

die Giebelstube, wo sie jetzt schlief und träumte. Da, als er fast

geräuschlos die Hausthür aufgeschlossen hatte, knarrte die schmale

Holztreppe, die vom Flur nach oben führte, unter einem leichten Fuß.

Völlig angekleidet, nur das Haar ein wenig wirr um den Kopf, erschien

Ruth auf dem untersten Treppenabsatz.

»Aber, Ruth, was fällt dir ein? Wie konntest du aufbleiben? Schnell ins

Bett!« sagte er.

Er schalt, doch klang es sehr herzlich. Empfand er doch ihr liebes

Gesicht wie einen Willkommgruß.

»War es schön?« fragte sie entgegen und blickte ihn mit großen

überwachen Augen an, »sollte ich denn dabei schlafen? Nein, das konnte

ich nicht! denn ich war auch da, -- immer mit da. War es schön?«

Er faßte nach der sich ihm entgegenstreckenden Hand und hielt sie fest.

Alle Eindrücke des Tages, alle Erinnerungen, die von ihnen aufgewühlt

worden, verflogen; er hatte den ganzen Menschenstrom hinter sich

gelassen und war nur noch ganz allein mit ihr.

Was bedeutete ihm alle Anregung, ja, was aller so ersehnte Beifall oder

Erfolg, nach dem er im Leben gegeizt und gerungen, gegenüber dem zarten

Lob, wie es aus Ruths kindlicher, gläubiger Hingebung an ihn redete?

Wie schal und brutal erschien ihm daneben alles, was von einer Menge

ausging und sich laut äußerte. Nur wessen Sinne zu stumpf geworden für

so feinen Duft, der mochte nach schärfern Würzen suchen.

Dieser Gedanke flog Erik durch den Kopf und darüber vergaß er zu

antworten.

Er sah gut aus im Gesellschaftsanzug, den weiten Mantel lose

umgeworfen, regenbesprüht, und darüber das belebte Gesicht. Wie sie so

einander gegenüberstanden in der schweigenden Nacht, während die ganze

Welt um sie her im Schlummer lag, erschienen sie beide wie gesättigt

mit Leben; und etwas Verwandtes schien aus beider Ausdruck zu sprechen,

-- verwandt über Alter und Geschlecht hinaus, -- ein Lebenverlangendes,

Lebenforderndes. Es war dasselbe, was Erik so verwandt berührt und

ergriffen hatte, als er Ruth zuerst im Schulhof sah, mit dem Uebermut

in den Augen und den erhobenen Armen.

Sie standen und schwiegen, und um sie her träumte die magische Helle,

in der Abend und Morgen unmerklich ineinanderschmolzen.

»Hätte ich nicht fortgehen sollen, Ruth?« fragte er unwillkürlich und

blickte sie mit einem Lächeln an.

»Doch! aber mich mitnehmen!« entgegnete sie, und im Klang ihrer Stimme

verriet sich die ganze Sehnsucht und Selbstentrückung, in der sie den

Tag über umhergegangen war. Erik verstand sie nicht ganz, er nahm die

nachträgliche Bitte kindischer und tatsächlicher, als Ruth sie meinte,

aber Blick, Ton und Haltung drückten es so kindlich aus, daß sie sich

in seiner Abwesenheit wie verloren gefühlt hatte, daß eine tiefe

Rührung über ihn kam.

Ihm schien, Ruth sah wie verzaubert aus, -- anders, lieblicher als

sonst.

Im Hause blieb es ganz still, und beide sprachen mit gesenkter Stimme.

Nur durch die offen gebliebene Hausthür zog es ganz leise wie ein

geheimnisvolles Raunen und Rauschen, -- ein Flüstern, das draußen durch

das niedrige Gebüsch ging, -- die erste Ankündigung des neuen Tages.

»Es ist Zeit!« sagte Erik aufschreckend, »lege dich schlafen. Gute

Nacht! Guten Morgen. Liebling!«

Und mit einer raschen Bewegung zog er sie an sich, -- fest, so daß sie

an seiner Brust lag, und küßte sie auf den Mund.

Als er sie ebenso rasch wieder losließ, hatte Ruth seine Hand ergriffen

und drückte ihre warmen Lippen darauf.

Dann flog sie geschwind die schmalen Stufen zu ihrer Giebelstube

hinauf.

Erik öffnete die Mittelthür im Flur, die in das Zimmer von Jonas

führte. Er mußte hindurchgehen, um sein dahinter gelegenes Schlafzimmer

zu erreichen. Dabei wachte Jonas auf.

»Na, Papa, war es schön?« fragte auch der und drehte sich schlaftrunken

auf die andre Seite; »hat es denn auch Champagner gegeben?«

Damit schlief er weiter.

Erik stieß ein Fenster auf und blickte in die lichte Ferne hinaus. Ein

farbloses, blasses, gleichmäßiges Grau breitete sich in der Stube aus,

und der dämmernde Morgen fing an, sie mit herber Kälte zu erfüllen.

Das leise Raunen und Rauschen schlich nicht mehr flüsternd am

Boden hin, es hatte sich höher erhoben. Es bewegte die Zweige der

wilden Akazien, die dicht vor dem Fenster standen, und dann schwoll

es machtvoll an, bis es in majestätischem Brausen die alten Wipfel

durchklang, die vorhin lautlos gegen den hellen Nachthimmel starrten.

Wie ein Morgenchoral klang es, und -- ganz leise, -- versuchend, wie im

Halbschlafe noch, fiel hie und da ein kleiner froher Vogellaut ein. Und

bald darauf, gleich einem Aufjauchzen, ein lang gezogener unermüdlicher

Buchfinkentriller.

Erik hatte sich zur Ruhe gelegt, aber mit wachen, lauschenden

Sinnen nahm er das Nahen des Tages auf, und es kam ihm vor wie eine

geeignete Begleitung zu seinen Gedanken, die noch an Ruth hingen.

Denn auch über ihnen lag eine zarte und halbverhüllte Stimmung, eine

Morgentraumstimmung, so schien ihm.

Noch nie hatte ihn die Empfindung so gepackt wie heute, daß sie ja

unwiderruflich zu einander gehörten, daß sie im Grunde gleichgeartet,

gleichen Wesens seien. Und nun erst meinte er ihre Bitte zu verstehen:

»Mich mitnehmen!« Was er war, das wollte auch sie sein, denn nur in ihm

erfaßte und ahnte sie sich selbst. Der gleiche Lebensdrang schlummerte

stark und freudig in ihnen beiden. Nur daß in ihr aus unbewußtem,

unberührtem Naturgrunde hervorbrach, was in ihm bewußter Entschluß,

Verstand und Wille gewesen. Und daß in ihr mit reiner Flamme brannte,

was in ihm die Berührung mit dem Leben mit Schlacken und Asche vermengt

hatte.

Und über diesen unklaren Gedanken fing Erik an zu schwärmen.

Der erste Jubel der Vögel draußen legte sich, und der Morgenwind

schwieg still. Wieder ragten die alten Bäume regungslos gegen den

Himmel, durch dessen Blau zerrissene weiße Wolken schwammen. In einem

breiten Goldstrom flutete das Sonnenlicht durch das Gemach.

Hinter Eriks geschlossenen Augenlidern malte es lächelnd rosige Farben.

Im Sonnenschein war er eingeschlafen.

Er erwachte viel später als sonst und besann sich nicht gleich, weder

auf den gestrigen Tag, noch auf die Nachtstunde. Irgend ein Traum, ein

wunderbarer, von dessen Vorgängen er aber nichts mehr wußte, hielt

ihn noch fest in Bann. Und offenbar aus diesem Traum heraus kam ihm

zwingend die seltsame Frage: »Ist sie schön? Ich weiß es nicht; ich

glaube eher: nein. Aber sie sieht aus wie -- Ruth. Es ist ja Ruth.«

Und ihm schien, es könne nur ~eine~ solche geben.

Er fühlte eine Mischung von Glück und schmerzlicher Beklommenheit.

Und blitzähnlich wurde er vollständig wach.

Wie ein Schicksal, groß und schwer, stand vor ihm die Erkenntnis seiner

Liebe.

Noch nie hatte er über sein Gefühl für Ruth nachgedacht. Vielleicht,

weil es überhaupt wenig seiner Natur entsprach, über sich nachzudenken.

Vielleicht aber auch, weil dieses Gefühl einem leidenschaftlichen

Interesse am Menschen, nicht am Weibe, entsprungen war.

Ruth(#75251) · 第 8 / 19 题