III.

Jeden Morgen, ganz früh, noch ehe das Haus wach wurde, fanden Erik und

Ruth sich im Studierzimmer zusammen. Sie standen beide ein paar Stunden

zeitiger auf als sonst, um es zu können, und jeden Morgen nahm er mit

ihr ihre Arbeit für den Tag durch, der er sie dann allein überließ.

Es war immer dasselbe Bild: Ruth war immer schon da, und stand, ihn

erwartend, ins offene Fenster gelehnt. Sie horchte auf die kleinen

Buchfinken draußen und zugleich, ob sein Schritt nicht über den Flur

käme. Gewöhnlich sah sie ein bißchen blaß und bange aus, denn so

übermütig froh sie auch tagsüber vor Erik sein konnte, -- als Lehrer

fürchtete sie ihn. Und auch jetzt noch, wenn sie seinen Schritt im Flur

vernahm, überfiel sie, wie am allerersten Abend, das Herzklopfen und

die alte Schüchternheit.

Es war immer dasselbe: ohne daß sie sich nach ihm umwandte, trat

Erik dicht an sie heran, bis ihr Rücken gegen ihn gelehnt war, dann

schloß er ihre beiden Hände in den seinen zusammen, so daß sie wie

eingefangen war zwischen seinen Armen. Es lag für sie darin nicht nur

eine Liebkosung, sondern auch etwas zugleich Beschwichtigendes und

Zwingendes, unter dem sie unwillkürlich stillhielt und sich sammelte.

Und dann, ohne Zeitverlust oder überleitende Gespräche, nahm er sie

sofort nüchtern und ernsthaft vor. So ging der Morgengruß unmerklich in

die Morgenarbeit über.

Als Erik heute morgen die Thür zu seinem Zimmer öffnete, blieb er einen

Augenblick überrascht stehen. Vor den Fenstern waren die weißlackierten

Innenläden geschlossen worden, so daß die graue Regenluft draußen nur

durch die Ritzen hereinschauen konnte; ein einzelnes Licht brannte mit

trübem Schein auf dem Schreibtisch. Vor demselben saß Ruth, umgeben von

Heften und Büchern, und schrieb, ohne auch nur aufzublicken.

Erik sagte nichts. Er schlug einen Laden zurück und öffnete das

Fenster, so daß Luft und Licht in breitem Strom eindrangen, dann kam

er an den Schreibtisch und blies das Licht aus, während Ruth verwirrt

emporfuhr.

Er beugte sich zu ihr nieder, nahm ihr Gesicht zwischen seine Hände und

blickte sie aufmerksam an.

»Du hast geweint. Worüber?«

Sie errötete und zauderte einen Augenblick.

»Ich mag nicht dumm sein!« rief sie dann außer sich mit sprühenden

Augen.

Er lachte.

»Du bist nicht dumm. Habe ich das gesagt? Wenigstens nicht

hoffnungslos. Solange ich dich nicht aufgebe, brauchst du es auch nicht

zu thun.«

Er rückte ihren Stuhl vom Tisch ab und nahm ihr die Feder aus der Hand.

»Aber du darfst nicht nachts aufstehen und arbeiten. Nie ohne mein

Wissen. Das ist Unfug. Wenn ich abends deine Arbeiten durchgesehen

habe, dann sollst du aufhören.«

»Die Sonne hörte auch nicht auf,« sagte Ruth, »sie schien hell fast die

ganze Nacht durch. Im Gehölz rief ein Kuckuck; die Drosseln vor meinem

Fenster unterhielten sich. Da kam ich leise her.«

Erik griff über ihre Schulter nach dem Heft, in dem sie geschrieben

hatte, aber Ruth hielt es zögernd und schüchtern fest. Man konnte ihr

ansehen, daß sie in ihrer Erregung beinahe litt.

»Ruhig!« sagte er eindringlich und entfernte ihre Hand vom Heft.

Schweigend las er darin eine Zeit lang, während Ruth mit gefurchter

Stirn dasaß, die Hände im Nacken verschränkt und ganz blaß.

Dann legte er ihre Arbeit vor sie hin.

»Das hast du gut gemacht,« bemerkte er, »hat es dir Mühe und

Ueberwindung gekostet?«

»Ja,« gestand sie ehrlich, ohne ihre Haltung zu verändern, »aber es

schadet nichts.«

»Nein. Es schadet nichts. Siehst du das nun selbst ein? Es konnte

nichts helfen, mit dir zu treiben, was dir lieb und leicht ist; durch

das, was deinen kleinen phantastischen Kopf am härtesten anmutet, durch

das, was ihm am schwersten fällt, gerade da muß er hindurch.«

Er löste ihre im Nacken verschlungenen Hände und behielt sie in den

seinen.

»Ich weiß, daß es manchmal ein harter Zwang war,« sagte er, »und du

dein eigenes Wesen unterdrücken mußtest; es that weh, nicht wahr? Aber

es mußte sein. Und nun, -- nun bekomme ich dich allmählich gerade so,

wie ich dich haben will, Mädel. Ist es nicht schön?«

»Wunderschön ist es!« rief sie, mit leuchtenden Augen sich nach ihm

zurückwendend, »das denke ich ja immer dabei, wenn es mir schwer fällt!

Ich such's zu vergessen und denke mich nur hinein: wie wunderschön muß

es sein, jemand, der ganz anders ist, gerade so zurecht zu kriegen, wie

man ihn haben will!«

Ein Schatten von Enttäuschung ging durch Eriks Augen.

»Nur daran denkst du dabei, Ruth? Und ich glaubte, dich selbst solle es

glücklich machen.«

»Das thut es ja eben!« erklärte sie erstaunt und stand auf.

»Was willst du nun heute morgen thun? Wir wollen in den Garten gehen.

Es regnet nicht mehr. Oder meinst du, daß du schlafen könntest?«

Sie schüttelte lachend den Kopf.

»Ich möchte nicht, daß du später allein bleibst, ohne Beschäftigung

und Morgenfrische,« sagte Erik; »arbeiten sollst du nicht. Vielleicht

solltest du mit mir zur Schule kommen. Noch immer warten die

Mädchen auf deinen versprochenen Besuch. Und in ein paar Tagen ist

Klassenschluß. Es wird dich ablenken und zerstreuen. Und wenn es dich

ermüdet, desto besser.« --

Gonne hatte auf der Terrasse den Frühstückstisch gedeckt, und Klare-Bel

lag schon neben demselben in ihrem Stuhl, als Erik, Ruth und Jonas,

erst auf wiederholte Rufe, aus dem Garten herankamen. Jonas sah ganz

erhitzt aus, und der Strohhut saß ihm im Nacken; in seiner rechten Hand

trug er einen hohen Eimer, den er von Gonne erbeutet hatte und jetzt

auf die Stufen, die zur Terrasse führten, niedersetzte. Eine wohl zwei

Fuß lange, stahlfarbene, bläulich glänzende Schlange wand sich darin.

»O pfui, Jonas!« rief Klare-Bel entsetzt, »wie magst du nur ein so

greuliches Tier herbringen! Könnte sie uns nicht alle totbeißen, Erik?«

»Das kann sie nicht. Es ist eine Ringelnatter,« versetzte er lächelnd.

»Aber eine prachtvolle, Mama! ich fand sie hinter dem Gehölz, da

wo der kleine Bach sich im Wiesengrund verläuft,« sagte Jonas voll

Stolz und Bewunderung; daß er einen solchen Fund that, war ihm ein

ganz unerwartetes Landvergnügen, er hatte eigentlich nur auf Raupen

gerechnet, und höchstens auf eine Blindschleiche.

Ruth beteiligte sich nicht an der Unterhaltung über die Schlange,

die Jonas gar nicht aufhören konnte zu bewundern, während sie Kaffee

tranken. Seitdem sie im Garten Jonas mit dem Eimer in der Hand begegnet

waren, verhielt Ruth sich ganz still. Sie hatte heimlich gehofft,

Klare-Bel würde gegen die Schlange protestieren, aber die erkundigte

sich ja nur danach, ob das Tier wohl jemand totbeißen könnte. Und das

war an einer solchen Schlange doch wohl das Geringste, fand Ruth.

Jetzt gelang es der Ringelnatter, nach mehreren vergeblichen Versuchen,

sich auf dem Boden des Eimers aufzurichten, sie wiegte rhythmisch ihren

Oberkörper und guckte mit ihren kleinen klugen schwarzen Augen die

Anwesenden an.

Klare-Bel blickte zufällig auf Ruth, deren Glieder ein Zittern

durchlief, und die die halbgefüllte Tasse niedersetzte und erblaßte.

»Wirf das Untier fort, aber schnell, Jonas,« sagte seine Mutter rasch,

»siehst du denn nicht, daß Ruth sich ängstigt?«

»Nein, lasse sie nur da,« fiel Erik ruhig ein, der Ruth die ganze

Zeit über beobachtet hatte, »darauf soll keinerlei Rücksicht genommen

werden.«

Dann wandte er sich in leichtem Ton an sie: »Liuba hat mir erzählt, daß

du einmal wegen einer ähnlichen Kleinigkeit umgefallen bist. Strafe sie

Lügen.«

»Hat Liuba gesagt: wegen einer Kleinigkeit?« fragte Ruth erstaunt.

»Es war keine Kleinigkeit. Es war etwas fürchterliches, -- kalt und

grausig, -- was so gewaltsam von außen kam, -- so, wie wenn man einen

umbringt.«

»Um Gottes willen!« bemerkte Klare-Bel, »was kann denn das nur gewesen

sein?«

»Eine kleine Raupe!« entgegnete Erik spottend.

Ruth wollte wahrheitsgemäß verbessern: »Eine große Raupe,« aber

sicherer erschien es ihr, nicht noch ausdrücklich zu bestätigen, daß es

nur eine Raupe gewesen war.

»Paß mal auf,« rief Jonas, »ich werde das Prachttier zähmen;

Ringelnattern sind zutraulich und verständig, man kann sie gern um den

Hals winden. Dann spielen wir ›Schlangenbändiger‹. Hast du je schon

etwas so Schönes gehört? Ich bin der Schlangenbändiger. Da brauchst

du dich gar nicht zu fürchten. Du siehst nur zu und -- und bewunderst

mich.«

Erik lachte und griff ihm ins kurzgeschorene Blondhaar.

»Stopf deiner Eitelkeit den losen Mund,« warnte er, »denn schon ist

die Zeit ganz nah, wo Ruth sich nicht mehr mit der Zuschauerrolle

begnügen wird. Wo sie selbst, freiwillig, aus eigenem Antriebe, an die

Schlange herantritt, sie in die Hand nimmt und sich auf den Körper

hinaufkriechen läßt.«

Ruth hatte vergeblich versucht, ihn zu unterbrechen.

»Ich! Wann wird das sein?« fragte sie, ganz außer sich vor Erstaunen.

»Wann? vermutlich schon bald.«

»Nein! Nie!« versicherte Ruth, noch ganz fassungslos über seinen

Irrtum, »ich würde mich ja immer fürchten.«

»Das würdest du wohl. Aber das ist noch kein Gegengrund. Es kommt vor,

daß man stärker ist als die eigene Furcht, und daß man sie totschlägt.«

»Nun, Erik, das ist ein starkes Stück,« sagte Klare-Bel halblaut.

Jonas sah verdutzt aus, daß sein Vater so etwas im voraus wissen

konnte, was doch Ruth selbst noch nicht wußte. Aber er begriff, daß

Erik ihr etwas Unangenehmes geweissagt hatte, denn sie schauderte

unwillkürlich zusammen.

»Weißt du was?« schrie Jonas ihr plötzlich zu, und der rettende Einfall

verklärte förmlich sein Gesicht. »Ich weiß einen Ausweg: -- thu's eben

nicht! Einfach! denke nur: du brauchst es ja einfach nicht zu thun!«

Er mußte sich von seinen Eltern auslachen lassen, und das Gespräch

wandte sich andern Dingen zu.

Ruth saß regungslos da und blickte scheu nach dem Eimer. Wie gebannt,

mußte sie den länglichen, schilderbedeckten, züngelnden Kopf ansehen,

der sich dort herüberreckte. Es war, als grüße er sie. Es war, als

schaue er nur gerade sie an. Nur sie ganz allein. Als sei sie ganz

allein mit der Schlange.

Die kleinen runden schwarzen Augen schienen sich mehr und mehr zu

erweitern, wie ein grausiger Höllenabgrund, in dem alles Unheimliche

sein Spiel trieb. Und hinter dem Kopf mit den Augen hing das ekle,

schlüpfrige Gewürm und wand sich ungeduldig. Es war ganz gewiß: die

Schlange lauerte schon auf sie.

Sie sah doch wirklich so aus, daß man das Schlimmste von ihr denken

konnte.

Ruth und die Ringelnatter maßen sich mit den Blicken.

Ruth errötete langsam, immer dunkler, ohne ein Wort zu sprechen.

Da, als Erik sich vom Frühstückstisch erhob, und Jonas wieder in den

Garten laufen wollte, sprang Ruth hastig auf und sagte wild. »Dann

lieber gleich!«

Die andern verstanden sie nicht recht, nur Erik, der sie unausgesetzt

im Auge behalten hatte, entschlüpfte ein Laut der Ueberraschung.

»Jetzt gleich?« wiederholte er, »nein, mein Kind, das ist weder gut

noch notwendig. Es wäre eine ebensolche Uebertreibung wie das mit dem

Nachtarbeiten. Und nach dieser Nacht bist du mir jetzt nicht fest genug

dazu.«

»Ich bin fest!« versicherte sie fast flehend, »aber warten kann ich

nicht auf etwas so Grausiges! Ich kann es nicht so heranschleichen

sehen, -- Tag für Tag, -- immer näher, -- immer gewisser; -- mit einer

Schlange zusammenwohnen, vor der ich mich fürchte, -- und die mit der

ganzen Familie immer intimer wird, -- -- und nur auf mich lauert, --

nein, das kann ich wirklich nicht!«

Erik lachte, sah aber dabei besorgt aus. Dies kam ihm ganz unerwünscht.

»Aber Ruth!« sagte er, »hat dich denn deine Phantasie mit Haut und

Haar aufgefressen? Eine solche Kleinkinderangst legt man am sichersten

in allmählicher Gewöhnung ab. Mir ist es lieber, wenn es allmählich

geschieht. Ueberlege es dir! Denn, wenn du darauf bestehst, gibt es

kein Zurückweichen mehr! Dann kein Spielen und Versuchen! Das würde ich

nicht dulden. Deiner selbst mußt du sicher sein.«

»Ja!« behauptete Ruth, und die Stirn wurde ihr feucht.

»Willst du es trotzdem? Gut. Dann komm her.«

Erik beobachtete sie mit gespannter Aufmerksamkeit und trat zugleich

von hinten an sie heran, damit sie sich mit dem Rücken gegen ihn lehnen

mußte, wenn sie etwa »umfiel«.

Sie stand mit herabhängenden Armen da und machte ein entschlossenes,

beinahe finsteres Gesicht. Als er sich aber nach dem Eimer bückte,

und sie, dicht vor sich, die Schlange in seiner Hand sich winden sah,

überfiel sie ein Schwindel.

Unwillkürlich schlossen und ballten sich krampfhaft ihre Hände, denen

sie befahl, sich nach dem glatten Wurm auszustrecken; sie machte

zuckend die Augen zu, und es fing an, ihr vor den Ohren zu sausen.

Ruth(#75251) · 第 7 / 19 题