Jeden Morgen, ganz früh, noch ehe das Haus wach wurde, fanden Erik und
Ruth sich im Studierzimmer zusammen. Sie standen beide ein paar Stunden
zeitiger auf als sonst, um es zu können, und jeden Morgen nahm er mit
ihr ihre Arbeit für den Tag durch, der er sie dann allein überließ.
Es war immer dasselbe Bild: Ruth war immer schon da, und stand, ihn
erwartend, ins offene Fenster gelehnt. Sie horchte auf die kleinen
Buchfinken draußen und zugleich, ob sein Schritt nicht über den Flur
käme. Gewöhnlich sah sie ein bißchen blaß und bange aus, denn so
übermütig froh sie auch tagsüber vor Erik sein konnte, -- als Lehrer
fürchtete sie ihn. Und auch jetzt noch, wenn sie seinen Schritt im Flur
vernahm, überfiel sie, wie am allerersten Abend, das Herzklopfen und
die alte Schüchternheit.
Es war immer dasselbe: ohne daß sie sich nach ihm umwandte, trat
Erik dicht an sie heran, bis ihr Rücken gegen ihn gelehnt war, dann
schloß er ihre beiden Hände in den seinen zusammen, so daß sie wie
eingefangen war zwischen seinen Armen. Es lag für sie darin nicht nur
eine Liebkosung, sondern auch etwas zugleich Beschwichtigendes und
Zwingendes, unter dem sie unwillkürlich stillhielt und sich sammelte.
Und dann, ohne Zeitverlust oder überleitende Gespräche, nahm er sie
sofort nüchtern und ernsthaft vor. So ging der Morgengruß unmerklich in
die Morgenarbeit über.
Als Erik heute morgen die Thür zu seinem Zimmer öffnete, blieb er einen
Augenblick überrascht stehen. Vor den Fenstern waren die weißlackierten
Innenläden geschlossen worden, so daß die graue Regenluft draußen nur
durch die Ritzen hereinschauen konnte; ein einzelnes Licht brannte mit
trübem Schein auf dem Schreibtisch. Vor demselben saß Ruth, umgeben von
Heften und Büchern, und schrieb, ohne auch nur aufzublicken.
Erik sagte nichts. Er schlug einen Laden zurück und öffnete das
Fenster, so daß Luft und Licht in breitem Strom eindrangen, dann kam
er an den Schreibtisch und blies das Licht aus, während Ruth verwirrt
emporfuhr.
Er beugte sich zu ihr nieder, nahm ihr Gesicht zwischen seine Hände und
blickte sie aufmerksam an.
»Du hast geweint. Worüber?«
Sie errötete und zauderte einen Augenblick.
»Ich mag nicht dumm sein!« rief sie dann außer sich mit sprühenden
Augen.
Er lachte.
»Du bist nicht dumm. Habe ich das gesagt? Wenigstens nicht
hoffnungslos. Solange ich dich nicht aufgebe, brauchst du es auch nicht
zu thun.«
Er rückte ihren Stuhl vom Tisch ab und nahm ihr die Feder aus der Hand.
»Aber du darfst nicht nachts aufstehen und arbeiten. Nie ohne mein
Wissen. Das ist Unfug. Wenn ich abends deine Arbeiten durchgesehen
habe, dann sollst du aufhören.«
»Die Sonne hörte auch nicht auf,« sagte Ruth, »sie schien hell fast die
ganze Nacht durch. Im Gehölz rief ein Kuckuck; die Drosseln vor meinem
Fenster unterhielten sich. Da kam ich leise her.«
Erik griff über ihre Schulter nach dem Heft, in dem sie geschrieben
hatte, aber Ruth hielt es zögernd und schüchtern fest. Man konnte ihr
ansehen, daß sie in ihrer Erregung beinahe litt.
»Ruhig!« sagte er eindringlich und entfernte ihre Hand vom Heft.
Schweigend las er darin eine Zeit lang, während Ruth mit gefurchter
Stirn dasaß, die Hände im Nacken verschränkt und ganz blaß.
Dann legte er ihre Arbeit vor sie hin.
»Das hast du gut gemacht,« bemerkte er, »hat es dir Mühe und
Ueberwindung gekostet?«
»Ja,« gestand sie ehrlich, ohne ihre Haltung zu verändern, »aber es
schadet nichts.«
»Nein. Es schadet nichts. Siehst du das nun selbst ein? Es konnte
nichts helfen, mit dir zu treiben, was dir lieb und leicht ist; durch
das, was deinen kleinen phantastischen Kopf am härtesten anmutet, durch
das, was ihm am schwersten fällt, gerade da muß er hindurch.«
Er löste ihre im Nacken verschlungenen Hände und behielt sie in den
seinen.
»Ich weiß, daß es manchmal ein harter Zwang war,« sagte er, »und du
dein eigenes Wesen unterdrücken mußtest; es that weh, nicht wahr? Aber
es mußte sein. Und nun, -- nun bekomme ich dich allmählich gerade so,
wie ich dich haben will, Mädel. Ist es nicht schön?«
»Wunderschön ist es!« rief sie, mit leuchtenden Augen sich nach ihm
zurückwendend, »das denke ich ja immer dabei, wenn es mir schwer fällt!
Ich such's zu vergessen und denke mich nur hinein: wie wunderschön muß
es sein, jemand, der ganz anders ist, gerade so zurecht zu kriegen, wie
man ihn haben will!«
Ein Schatten von Enttäuschung ging durch Eriks Augen.
»Nur daran denkst du dabei, Ruth? Und ich glaubte, dich selbst solle es
glücklich machen.«
»Das thut es ja eben!« erklärte sie erstaunt und stand auf.
»Was willst du nun heute morgen thun? Wir wollen in den Garten gehen.
Es regnet nicht mehr. Oder meinst du, daß du schlafen könntest?«
Sie schüttelte lachend den Kopf.
»Ich möchte nicht, daß du später allein bleibst, ohne Beschäftigung
und Morgenfrische,« sagte Erik; »arbeiten sollst du nicht. Vielleicht
solltest du mit mir zur Schule kommen. Noch immer warten die
Mädchen auf deinen versprochenen Besuch. Und in ein paar Tagen ist
Klassenschluß. Es wird dich ablenken und zerstreuen. Und wenn es dich
ermüdet, desto besser.« --
Gonne hatte auf der Terrasse den Frühstückstisch gedeckt, und Klare-Bel
lag schon neben demselben in ihrem Stuhl, als Erik, Ruth und Jonas,
erst auf wiederholte Rufe, aus dem Garten herankamen. Jonas sah ganz
erhitzt aus, und der Strohhut saß ihm im Nacken; in seiner rechten Hand
trug er einen hohen Eimer, den er von Gonne erbeutet hatte und jetzt
auf die Stufen, die zur Terrasse führten, niedersetzte. Eine wohl zwei
Fuß lange, stahlfarbene, bläulich glänzende Schlange wand sich darin.
»O pfui, Jonas!« rief Klare-Bel entsetzt, »wie magst du nur ein so
greuliches Tier herbringen! Könnte sie uns nicht alle totbeißen, Erik?«
»Das kann sie nicht. Es ist eine Ringelnatter,« versetzte er lächelnd.
»Aber eine prachtvolle, Mama! ich fand sie hinter dem Gehölz, da
wo der kleine Bach sich im Wiesengrund verläuft,« sagte Jonas voll
Stolz und Bewunderung; daß er einen solchen Fund that, war ihm ein
ganz unerwartetes Landvergnügen, er hatte eigentlich nur auf Raupen
gerechnet, und höchstens auf eine Blindschleiche.
Ruth beteiligte sich nicht an der Unterhaltung über die Schlange,
die Jonas gar nicht aufhören konnte zu bewundern, während sie Kaffee
tranken. Seitdem sie im Garten Jonas mit dem Eimer in der Hand begegnet
waren, verhielt Ruth sich ganz still. Sie hatte heimlich gehofft,
Klare-Bel würde gegen die Schlange protestieren, aber die erkundigte
sich ja nur danach, ob das Tier wohl jemand totbeißen könnte. Und das
war an einer solchen Schlange doch wohl das Geringste, fand Ruth.
Jetzt gelang es der Ringelnatter, nach mehreren vergeblichen Versuchen,
sich auf dem Boden des Eimers aufzurichten, sie wiegte rhythmisch ihren
Oberkörper und guckte mit ihren kleinen klugen schwarzen Augen die
Anwesenden an.
Klare-Bel blickte zufällig auf Ruth, deren Glieder ein Zittern
durchlief, und die die halbgefüllte Tasse niedersetzte und erblaßte.
»Wirf das Untier fort, aber schnell, Jonas,« sagte seine Mutter rasch,
»siehst du denn nicht, daß Ruth sich ängstigt?«
»Nein, lasse sie nur da,« fiel Erik ruhig ein, der Ruth die ganze
Zeit über beobachtet hatte, »darauf soll keinerlei Rücksicht genommen
werden.«
Dann wandte er sich in leichtem Ton an sie: »Liuba hat mir erzählt, daß
du einmal wegen einer ähnlichen Kleinigkeit umgefallen bist. Strafe sie
Lügen.«
»Hat Liuba gesagt: wegen einer Kleinigkeit?« fragte Ruth erstaunt.
»Es war keine Kleinigkeit. Es war etwas fürchterliches, -- kalt und
grausig, -- was so gewaltsam von außen kam, -- so, wie wenn man einen
umbringt.«
»Um Gottes willen!« bemerkte Klare-Bel, »was kann denn das nur gewesen
sein?«
»Eine kleine Raupe!« entgegnete Erik spottend.
Ruth wollte wahrheitsgemäß verbessern: »Eine große Raupe,« aber
sicherer erschien es ihr, nicht noch ausdrücklich zu bestätigen, daß es
nur eine Raupe gewesen war.
»Paß mal auf,« rief Jonas, »ich werde das Prachttier zähmen;
Ringelnattern sind zutraulich und verständig, man kann sie gern um den
Hals winden. Dann spielen wir ›Schlangenbändiger‹. Hast du je schon
etwas so Schönes gehört? Ich bin der Schlangenbändiger. Da brauchst
du dich gar nicht zu fürchten. Du siehst nur zu und -- und bewunderst
mich.«
Erik lachte und griff ihm ins kurzgeschorene Blondhaar.
»Stopf deiner Eitelkeit den losen Mund,« warnte er, »denn schon ist
die Zeit ganz nah, wo Ruth sich nicht mehr mit der Zuschauerrolle
begnügen wird. Wo sie selbst, freiwillig, aus eigenem Antriebe, an die
Schlange herantritt, sie in die Hand nimmt und sich auf den Körper
hinaufkriechen läßt.«
Ruth hatte vergeblich versucht, ihn zu unterbrechen.
»Ich! Wann wird das sein?« fragte sie, ganz außer sich vor Erstaunen.
»Wann? vermutlich schon bald.«
»Nein! Nie!« versicherte Ruth, noch ganz fassungslos über seinen
Irrtum, »ich würde mich ja immer fürchten.«
»Das würdest du wohl. Aber das ist noch kein Gegengrund. Es kommt vor,
daß man stärker ist als die eigene Furcht, und daß man sie totschlägt.«
»Nun, Erik, das ist ein starkes Stück,« sagte Klare-Bel halblaut.
Jonas sah verdutzt aus, daß sein Vater so etwas im voraus wissen
konnte, was doch Ruth selbst noch nicht wußte. Aber er begriff, daß
Erik ihr etwas Unangenehmes geweissagt hatte, denn sie schauderte
unwillkürlich zusammen.
»Weißt du was?« schrie Jonas ihr plötzlich zu, und der rettende Einfall
verklärte förmlich sein Gesicht. »Ich weiß einen Ausweg: -- thu's eben
nicht! Einfach! denke nur: du brauchst es ja einfach nicht zu thun!«
Er mußte sich von seinen Eltern auslachen lassen, und das Gespräch
wandte sich andern Dingen zu.
Ruth saß regungslos da und blickte scheu nach dem Eimer. Wie gebannt,
mußte sie den länglichen, schilderbedeckten, züngelnden Kopf ansehen,
der sich dort herüberreckte. Es war, als grüße er sie. Es war, als
schaue er nur gerade sie an. Nur sie ganz allein. Als sei sie ganz
allein mit der Schlange.
Die kleinen runden schwarzen Augen schienen sich mehr und mehr zu
erweitern, wie ein grausiger Höllenabgrund, in dem alles Unheimliche
sein Spiel trieb. Und hinter dem Kopf mit den Augen hing das ekle,
schlüpfrige Gewürm und wand sich ungeduldig. Es war ganz gewiß: die
Schlange lauerte schon auf sie.
Sie sah doch wirklich so aus, daß man das Schlimmste von ihr denken
konnte.
Ruth und die Ringelnatter maßen sich mit den Blicken.
Ruth errötete langsam, immer dunkler, ohne ein Wort zu sprechen.
Da, als Erik sich vom Frühstückstisch erhob, und Jonas wieder in den
Garten laufen wollte, sprang Ruth hastig auf und sagte wild. »Dann
lieber gleich!«
Die andern verstanden sie nicht recht, nur Erik, der sie unausgesetzt
im Auge behalten hatte, entschlüpfte ein Laut der Ueberraschung.
»Jetzt gleich?« wiederholte er, »nein, mein Kind, das ist weder gut
noch notwendig. Es wäre eine ebensolche Uebertreibung wie das mit dem
Nachtarbeiten. Und nach dieser Nacht bist du mir jetzt nicht fest genug
dazu.«
»Ich bin fest!« versicherte sie fast flehend, »aber warten kann ich
nicht auf etwas so Grausiges! Ich kann es nicht so heranschleichen
sehen, -- Tag für Tag, -- immer näher, -- immer gewisser; -- mit einer
Schlange zusammenwohnen, vor der ich mich fürchte, -- und die mit der
ganzen Familie immer intimer wird, -- -- und nur auf mich lauert, --
nein, das kann ich wirklich nicht!«
Erik lachte, sah aber dabei besorgt aus. Dies kam ihm ganz unerwünscht.
»Aber Ruth!« sagte er, »hat dich denn deine Phantasie mit Haut und
Haar aufgefressen? Eine solche Kleinkinderangst legt man am sichersten
in allmählicher Gewöhnung ab. Mir ist es lieber, wenn es allmählich
geschieht. Ueberlege es dir! Denn, wenn du darauf bestehst, gibt es
kein Zurückweichen mehr! Dann kein Spielen und Versuchen! Das würde ich
nicht dulden. Deiner selbst mußt du sicher sein.«
»Ja!« behauptete Ruth, und die Stirn wurde ihr feucht.
»Willst du es trotzdem? Gut. Dann komm her.«
Erik beobachtete sie mit gespannter Aufmerksamkeit und trat zugleich
von hinten an sie heran, damit sie sich mit dem Rücken gegen ihn lehnen
mußte, wenn sie etwa »umfiel«.
Sie stand mit herabhängenden Armen da und machte ein entschlossenes,
beinahe finsteres Gesicht. Als er sich aber nach dem Eimer bückte,
und sie, dicht vor sich, die Schlange in seiner Hand sich winden sah,
überfiel sie ein Schwindel.
Unwillkürlich schlossen und ballten sich krampfhaft ihre Hände, denen
sie befahl, sich nach dem glatten Wurm auszustrecken; sie machte
zuckend die Augen zu, und es fing an, ihr vor den Ohren zu sausen.