Bei Tisch, zu Mittag, beobachtete der Onkel Ruth nachdenklich. Es hatte
ihm so sehr imponiert, daß Erik alles zu ergründen schien, was in
ihr vorging. Da saß sie nun so schweigsam. Freilich konnte man nicht
wissen, woran sie dachte. Aber das konnte dieser Lehrer doch auch
nicht. Er war doch kein Hellseher.
»Woran denkst du eigentlich den ganzen Tag?« fragte Onkel Louis
plötzlich ärgerlich.
»Ich? An gar nichts!« versicherte sie mit einem verwunderten Blick.
»Aber an irgend etwas mußt du doch denken. Das thut ja jeder Mensch.
Woran dachtest du zum Beispiel jetzt eben?«
»Jetzt eben dachte ich an Großpapa,« sagte Ruth.
Darüber freute sich ihr Onkel und sah sie freundlich an. Er hatte
seinen Vater unendlich lieb gehabt.
»Du warst erst fünf Jahre, als deine Eltern starben, und du damals
hierher kamst; erinnerst du dich denn seiner noch?«
Sie nickte, und vor ihrem Blick tauchte die erste ganz bewußte und
deutliche Erinnerung aus ihrer Kindheit auf: eine Generalsuniform, ein
schneeweißer, großer Schnurrbart, und darüber zwei gütige blaue Augen
-- Kinderaugen eigentlich.
»Einmal hob er mich aus dem Bett -- er sah so schön aus, mit Bändern
und Sternen, und blitzte über und über, -- und da kam seine brennende
Cigarette an meinen bloßen Arm. Ich schrie sehr. Und da kamen ihm
Thränen in die Augen -- aber wirkliche, große Thränen, so daß die
Augen ganz voll davon standen. Und dann drückte er mich an sich und
küßte mich, -- auf den Arm und den bloßen Hals und das Gesicht und den
ganzen Körper. -- So war Großpapa. -- Jetzt würde ich mir gern den Arm
abbrennen lassen, wenn er mich nur noch einmal so küssen wollte!« fügte
sie wild hinzu.
Man sah, wie es in ihr gärte. Großpapas Zärtlichkeit hatte sie nie
vergessen können.
»Hast du Bilder und Andenken von ihm?« fragte der Onkel und dachte
darüber nach, was er ihr schenken könnte.
Sie schüttelte den Kopf.
»Keine Bilder. Nur ein Knallbonbon. Das brachte er mir einmal vom
Kaiser mit. Von einem Galadiner. Ich glaubte so bestimmt, es müßten
goldene Kleider drin sein. Aber Großpapa meinte, es wären nur Kleider
von dünnem Seidenpapier mit einem kleinen Rand von Flittergold. Da habe
ich das Bonbon lieber nicht knallen lassen. Ich habe es noch. -- Und so
sind eigentlich noch immer goldene Kleider drin.«
Dem Onkel kam ein Lächeln. Erik imponierte ihm lange nicht mehr so
sehr. Großpapas Küsse, Knallbonbons, goldene Kleider und Kleider
aus Seidenpapier -- das waren doch sicherlich normale und harmlose
Phantasien eines Kinderkopfes. --
Als Ruth am nächsten Nachmittag zu ihrer ersten Unterrichtsstunde
fortging, zupfte Onkel Louis sie tröstend am Ohrläppchen und raunte ihr
zu: »Du! wenn du ihm weglaufen solltest, so nehme ich dich in Schutz!«
--
Aber als Ruth diesmal am Gartenzaun des Landhauses stand, kam ihr
nicht, wie neulich, der Gedanke an Weglaufen. Sie zauderte auch nicht
mehr so lange einzutreten, sondern stieß die Pforte auf und ging
geradeaus -- nicht hinten die Terrasse hinauf und in das Haus, sondern
weiter, in die Tiefe des Gartens, der sie das erste Mal so gelockt
hatte.
Dort stand Jonas bei den Obstbaumgruppen, emsig beschäftigt, Raupen
zwischen den kleinen Blättern herauszusuchen. Eigentlich waren noch gar
keine Raupen da. Aber er konnte es nicht erwarten, sie abzulesen.
Als er Ruth herankommen sah, riß er den breitrandigen Strohhut vom Kopf
und machte ein verlegenes Gesicht, denn der Sonnenwärme wegen hatte er
die Jacke abgeworfen.
»Papa ist im Hause!« bemerkte er diensteifrig und bückte sich nach
seiner Jacke, die auf dem Rasen lag.
»Ja! Er stand am Fenster,« bestätigte Ruth, und lehnte sich gegen den
dicken Stamm einer alten Ulme.
Daraus wußte er nichts zu entgegnen, und so schwiegen sie beide einige
Augenblicke.
»Wie wunderschön!« sagte Ruth dann, ganz in ihren Frühling versunken,
und breitete beide Arme nach den mächtigen, leise schwankenden Aesten
empor, die über ihr rauschten.
Jonas sah angestrengt in die Höhe, gewahrte aber nichts.
»Wo ist das schöne?« fragte er verwundert.
»Diese kleinen, drolligen Ulmenblätter! Die andern Bäume haben schon
viel größere Blätter. Aber diese sitzen noch so zusammengedrückt in den
Knospen -- und alle miteinander an den Zweigspitzen, -- als getrauten
sie sich nicht. Oder als guckten sie frierend nach den braunen,
klebrigen Hülsen, die sie schon heruntergeworfen haben. Sieht es nicht
aus, als wären sie in lauter kleinen Sträußchen auf dem Baum verstreut?
Es sieht aus, als wären sie ihm nur so angeflogen. Und als könnten sie
wieder wegfliegen.«
»Sie fliegen aber nicht weg,« versicherte Jonas und wandte sich wieder
seinen vermeintlichen Raupen zu.
»Nein. Nur diese hier thun es,« bemerkte Ruth und streckte ihre Hand
gegen den Kirschbaum aus, von dem unter Jonas' unvorsichtiger Berührung
die zarten Blütenblätter auf ihren Arm niederschwebten.
»Dies hier sind gute Kirschen. Hoffentlich von den roten,
durchsichtigen,« meinte Jonas, »denn die esse ich am liebsten. Sonst
haben wir fast nur Apfelbäume und gewöhnliche Holzbirnen.«
»Sie sehen ebenso schön aus,« entgegnete Ruth; »wenn man am Gitter
steht, sieht es aus wie ein Märchen. Aber später werden sie so grün und
natürlich wie die andern Bäume. Nur kleiner.«
»Das muß so sein,« erklärte Jonas gleichmütig, »sonst würde der
Rasenplatz ja niemals rechten Schatten kriegen. Und der ist das Beste
vom Sommer. Denn gerade hier, am Springbrunnen unter den Obstbäumen,
liegt meine Mutter im Ruhestuhl. Und sie kann die viele Sonne nicht
vertragen.«
Ruth sah ihn mit Interesse an. Es kam ihr als etwas Besonderes vor, daß
er sich seiner kranken Mutter wegen über die Bäume und den Schatten
freute und die grünen Blätter besser fand, als all die wunderschönen
weißen Blüten. Die Schulmädchen, die sie kannte, besaßen zwar
meistenteils auch Mütter, aber die pflegten gesund zu sein, und nie
hatte sie gehört, daß sie sich derentwegen auf den Sommer freuten,
sondern immer nur wegen der Ferien. Und dann waren es Mädchen. Dies
hier aber war ein Junge.
Sie betrachtete Jonas genauer, und er gefiel ihr sehr gut. Und auch er
sah jeden Augenblick zu ihr hinüber, und auch sie gefiel ihm über die
Maßen.
»Ist sie sehr krank?« fragte sie nach einer Weile zaghaft.
»Nicht sehr. Sie kann nur nicht aufstehen, -- schon viele Jahre nicht;«
belehrte er sie, »wenn sie das thun will, dann nimmt Papa sie in die
Arme und trägt sie. Das kann er so prachtvoll. Manchmal hat sie auch
Schmerzen, und weint. Und dann muß Papa immer bei ihr sein, und das
hilft ihr.«
Ruth wandte unwillkürlich den Kopf dem Hause zu, wo die kranke Frau
lag, und wo er war, der sie trug, und der ihr half, wenn sie Schmerzen
hatte.
»Hinter diesem Fenster,« sagte Jonas und wies mit der Hand über die
Terrasse nach dem Wohnzimmer; »da ist eben ihr Stuhl der Sonne wegen
hineingetragen worden.«
Aber im breiten Rahmen des geöffneten Fensters war nur Eriks Gestalt zu
sehen, der ihnen den Rücken zukehrte. Und nun wandte er sich langsam
um.
Ruth löste sich ein wenig hastig vom Stamm, an dem sie lehnte. »Jetzt
will ich hineingehen,« sagte sie.
Nachdem Erik von der Straßenseite her Ruth in den Garten hatte treten
sehen, war er wirklich an das Fenster des Wohnzimmers gegangen und
hatte von Zeit zu Zeit nach der Obstbaumgruppe hinübergeblickt, wo sie
mit Jonas stand und plauderte.
Klare-Bel lag neben dem Fenster, mit einer mühsamen und kunstvollen
Handarbeit beschäftigt, die darin bestand, an einer schadhaft
gewordenen Damastserviette das Muster nachzuziehen. Man nannte diese
Arbeit in Holland »Maazen«. Und wer es ernst damit nahm, der wollte das
»Maazen« bis auf das Ausbessern der Strümpfe und Unterjacken erstreckt
wissen.
»Kommt Ruth noch immer nicht herein?« fragte sie nach einer langen
Pause.
Er zog die Uhr.
»Nein. Noch fehlen einige Minuten an der Zeit,« bemerkte er einsilbig.
»Das ist doch eigentlich kein Grund, nicht hereinzukommen, wenn sie
einmal da ist. Aber vielleicht steht sie viel lieber im Garten und
plaudert mit Jonas, als daß sie im Zimmer sitzt und lernt, Erik. Das
ist am Ende auch ganz natürlich.«
Er schwieg und blickte mit einem Ausdruck von Ungeduld auf ihre
Handarbeit nieder. Erik konnte das »Maazen« nicht leiden. Er
behauptete, es verdürbe die Augen, und sogar den Charakter.
»Bitte, hör' jetzt einen Augenblick mit dem Sticheln auf,« sagte er und
nahm ihr einfach die Nadel aus der Hand, »ich weiß nicht, -- das Zeug
macht nervös.«
Dann sah er aber doch wieder auf die Uhr.
Ihm war die Ahnung gekommen, daß es doch nicht so ganz von selbst
gelingen werde, bestimmende Macht über Ruth zu gewinnen, wie er
es sich an jenem wundersamen Maiabend gedacht. Sie wollte durch
keine unerwartete oder unerwünschte Bewegung seinerseits in ihrem
selbständigen Traumleben gestört werden, und erhob sie ihn auch zum
Helden ihrer »allerschönsten Märchengeschichte«, so mußte er sich dabei
doch ganz still verhalten und auf alle ihre Intentionen eingehen, --
sonst entglitt sie ihm leise wieder, so leise und traumhaft, wie sie in
sein Leben gekommen war.
Das durfte nicht sein; der Erzieher in ihm litt es nicht, daß ihm
mißlinge, was er sich mit Ruth vorgenommen hatte. Er wußte: er würde
nicht eher ruhen, als bis er ihren Willen ganz in der Hand hielte. Aber
welch eine zarte Hand wollte er dann für sie haben!
Neben diesen pädagogischen Erwägungen erfüllte ihn eine ungeduldige
Freude. Freude über den Kampf, der ihm mit Ruth bevorstand. Erik,
der andre weit besser zu erforschen verstand, als sich selbst, ahnte
gar nicht, wie stark sich unter dem Deckmantel des Pädagogen ein
jugendliches, herrschsüchtiges Verlangen in ihm regte.
Er wandte sich dem Garten zu.
»Jetzt kommt sie!« sagte er, und wirklich, es klang wie ein Seufzer der
Erleichterung.
Seine Frau unterdrückte ein Lächeln und nahm ihre Arbeit wieder auf.
»Nun, viel Erfolg, Erik! Vergiß nur nicht, daß wir um neun Uhr den Thee
nehmen. Du wirst sie hungrig und durstig machen, denke ich mir.«
Er war über den Flur in seine Arbeitsstube gegangen und öffnete schon
von innen her die Thür, als Ruth kam und anklopfen wollte.
»Endlich!« bemerkte er, während sie eintrat, »weißt du, Ruth, was meine
Frau soeben meinte? Sie meinte, du seiest gewiß viel lieber mit Jonas
draußen im Garten, als bei mir hier in der Stube. Was sagst du dazu?«
Sie blickte ihn unsicher an und setzte sich auf seinen Wink in
den Ledersessel, der am Fenster stand. Dann erwiderte sie mit
niedergeschlagenen Augen: »Ich bin doch gekommen, weil ich wollte, --
nur weil ich's wollte. Daß Jonas auch hier ist, wußte ich doch gar
nicht. Das ist ja nur Zufall. Den fand ich hier.«
Er wußte nicht gleich, was ihn an der Antwort, die keine war,
überraschte. Sie betonte ausschließlich, daß sie ganz aus freien
Stücken hier sei. Auf einen Vergleich ließ sie sich vorsichtshalber gar
nicht ein.
»Wenn es in der Folge nur nicht umgekehrt kommt, mein liebes Kind,«
sagte er, an seinen Schreibtisch tretend, und legte einige Hefte und
Bücher zurecht, »denn mit Jonas plaudern oder im Garten umhergehen
wirst du ja in der Folge nur, wenn du ›willst‹, das heißt, wenn
Stimmung und Laune dir zufällig danach stehen. Hier hingegen, wo du
freiwillig hergekommen bist, kann es doch nicht ganz so bleiben. Hier
wird dich notwendigerweise etwas fest Bestimmtes erwarten, das vom
Augenblick und seinen Stimmungen unabhängig ist. Also auch etwas, wovon
du manchmal denken wirst: ›ganz so möchte ich's nicht, -- ganz so
meinte ich's nicht, -- dies da soll anders sein, -- das da soll heute
nicht da sein‹. Ist es nicht so?«
Sie schwieg hartnäckig und machte ein verschlossenes Gesicht. Es war
ihr wirklich ungefähr das durch den Kopf gegangen, was er da sagte.
Aber daß er das wissen konnte, kam ihr sehr unangenehm vor.
Er blieb bei ihr stehen und nahm ihr die Wollmütze, die sie aufbehalten
hatte, vom Haar.
»Nun, Ruth, gestern hast du mich nicht ansehen wollen, und heute willst
du mich nicht anreden. Hältst du so unsern Vertrag? Und ich hoffte
bestimmt, daß du mir viel erzählen würdest. Viel -- alles. Alle deine
schönsten Geschichten.«
»Nein,« erklärte Ruth, »nie und nimmer. Ich will nichts erzählen. Ich
will alles für mich allein behalten.«
»Du Geizhals!« sagte er und lachte, »das ist sehr schlimm. Ist es nicht
schlimm, wenn man einen zu Gaste geladen hat und dann die Hausthüre
vor ihm zuschlägt? Aber zum Glück kannst du das gar nicht mehr, Ruth.
Hast du mir nicht deine Geschichten geschenkt? Hast du das vergessen?
Nun sind sie mein Eigentum. Ich kann mit ihnen machen, was ich will.
Ich kann sie dir aus dem Kopf herausnehmen und für mich ganz allein
behalten.«
»Ach nein!« fiel sie etwas lebhafter ein und griff unwillkürlich nach
ihrem Kopf, »das geht ja gar nicht. Es geht nicht, wenn ich nicht
will.«
»Du spricht so viel von deinem Willen, Ruth. Und daß du nur hier bist,
weil du gerade willst. Aber weißt du denn eigentlich auch, ~wozu~ du es
willst?«
Sie stutzte und blickte auf. Als sie nicht gleich eine Antwort fand,
fügte er hinzu: »Ich weiß es für dich: du wolltest eben diesen Willen
klären und erziehen lassen von jemand, der dich lieb genug dazu hat.
Alles Lernen ist nur ein Mittel dazu.«
Ruth legte ihre Hände an die Seitenlehnen des Sessels, und ihr Gesicht
wurde noch ablehnender. »Wie wenn sie ein Visier vorgelegt hätte!«
dachte Erik, sie betrachtend. Aber hinter diesem Visier arbeitete eine
steigende Erregung in ihr. Die passive Stimmung, in der sie heute
hergekommen war, hielt unter Eriks Andrängen nicht stand, aber noch
weniger vermochte sie den Traum und das seltsame Glück des ersten
Abends wieder zu erhaschen. Sie verschloß und verbarg sich daher
instinktiv vor ihm, wie vor einer Macht, die man sich erst genau
ansehen muß, ehe man sich mit ihr einläßt.
»Alles ist heute anders!« murmelte sie.
»Es wird immer anders sein, als du es dir willkürlich ausmalst,«
entgegnete er in ruhigem Ton, »und das soll es auch, Ruth! Es soll zu
ernst sein für ein bloßes Spiel der Phantasie. Siehst du, auch ich habe
mir etwas Schönes ersonnen und geträumt, das ich in dir verwirklicht
sehen möchte. Ich versprach dir doch: für die Geschichten, die du
mir ~erzählen~ wolltest, solltest du eine durch mich ~erleben~. Die
Allerschönste -- sagtest du nicht so? Mit dem Erzählen mußt du es nun
halten, wie du willst, aber mit dem Erleben wirst du es halten, wie
ich will. Es war mein Geschenk für dich. Und wenn du heute auch nichts
davon wissen willst, so wirst du es doch trotzdem annehmen müssen.«
Ruth wurde unruhig. Sie kannte nur zwei Sorten Menschen, und daß sie
Erik in keiner von beiden unterbringen konnte, ängstigte sie. Die eine
Sorte bestand aus ihrer jeweiligen täglichen Umgebung, die ihr meistens
störend oder gleichgültig war und wirkungslos an ihr abglitt; die
andre bestand aus den fremden Menschen, die sie, wie Schattenbilder,
aus der Ferne betrachtete, und denen sie die äußere Anregung zu ihren
Phantastereien entnahm. Zu denen konnte Erik nicht gehören, denn die
thaten nur, was sie wollte, -- sie ~waren~ ja nur, was sie wollte. Er
hingegen war eine Wirklichkeit, die auf sie eindrang. Sie konnte ihn
aber auch nicht abwehren, wie sie die Ihrigen von sich abwehrte, denn
es war etwas da, was sie mächtiger reizte und anregte, als es alle
Schattenbilder zusammen gethan.
Sie sah ihn scheu an.
»Ich will lieber ein andres Mal kommen,« bat sie leise, »ich kann heute
nicht lernen. Ich kann's nicht.«
»Doch! doch!« entgegnete er beschwichtigend, »du kannst es. Und im
Grunde willst du es auch. Aber wir können nicht in jedem Augenblick den
Kampf darum von neuem aufnehmen. Der muß ein für allemal entschieden
werden. Du oder ich, Ruth! Einer von uns beiden muß gehorchen.«
Da sprang Ruth plötzlich auf und sagte undeutlich: »Dann kann ich auch
fortbleiben.«
Es war ihr ganz spontan, wider alle Ueberlegung, entfahren. Aber nun
half es nichts. Nun war es heraus.
Erik sah, wie sie ganz blaß und über sich selbst erschrocken dastand,
und ein heftiges Mitleid mit ihr erfaßte ihn. Ihm kam es vor, als habe
er sie mißhandelt, und sein Blick wurde sehr weich.
Aber er dachte nicht daran, dieser weichen Regung nachzugeben. Er
wünschte, die entscheidende Situation so scharf als möglich zum Austrag
zu bringen. Am Gelingen zweifelte er nicht. Und voll Freude fühlte er:
war es erst überstanden, so konnte er alle Strenge in die Rumpelkammer
werfen. Dann war er Ruths für alle -- alle Zeit sicher.
»Gewiß kannst du fortbleiben,« bestätigte er ruhig, »wenn es sich
für dich wirklich nicht um mehr gehandelt hat, als um einen solchen
Zeitvertreib, wie ihr ihn unter euch im Schulhof treibt. Weißt du
noch, was du von dem Fremden sagtest, den ihr in euer kindisches Spiel
hereingezogen habt? ›Wenn er mir nicht gepaßt hätte, wenn er aus der
Rolle gefallen wäre, die ich ihm zugewiesen, dann hätte ich mir einfach
einen andern suchen müssen, -- ich hätte die Augen zugemacht und wäre
fortgelaufen.‹ Ist es hiermit ebenso oder auch nur annähernd so, -- --
dann laufe nur fort.«
Während er sprach, fühlte er beständig das große Mitleid. Sie sah nur
ein einziges Mal auf, und wie sie seinem weichen Blick begegnete, da
war es, als ginge ihre passive Abwehr in eine Art von Angriff über, --
als suche sie nach einer Waffe, nach irgend etwas, was sie von ihrem
Leiden befreien, ihm weh thun und ihr Macht geben könne. Ihm fielen die
Worte ein, die sie vom Fremden gebraucht hatte: »Ich brauchte ihn eben,
und da nahm ich ihn mir!«
Ruth langte nach ihrer Wollmütze, die auf dem Schreibtisch lag, und
drückte sie zwecklos in den Händen zusammen.
»Ich will nach Hause gehen!« wiederholte sie, und zitterte am ganzen
Leibe.
»Wie du willst.«
»Also adieu,« sagte sie, und ging langsam, wie gelähmt, der Thüre zu.
»Adieu, mein Kind.«
Sie hatte Mühe, den Thürgriff zu finden und niederzudrücken, ihre Hände
waren kalt und gehorchten ihr nicht. Als aber die Thür offen stand, und
sie in den Flur hinaustrat, da blickte sie beim Schließen der Thür mit
brennenden Augen ins Zimmer zurück.
Erik saß auf dem von ihr verlassenen Ledersessel am Fenster. Er hatte
den rechten Arm auf die Lehne desselben gestützt und die Hand über die
Augen gelegt.
Und plötzlich überfiel Ruth das Bewußtsein: daß all sein
Herrschenwollen im Grunde doch nur ein Dienenwollen sei. Plötzlich
überfiel es sie: daß er eben jetzt leide, -- um sie leide, die ihn
verletzt hatte.
Es traf sie mit einem Schmerzgefühl, aber dieses Gefühl war seltsam und
berauschend; es lag Triumph darin. Es war ein Schmerz, der sich wie ein
Glück anfühlte.
Noch immer zitterte sie am ganzen Körper, aber nicht mehr in der Angst
der Flucht. Sie hatte mitten in der Angst ihrer Flucht Halt gemacht,
sich gegen den Feind gekehrt und ihn besiegt gesehen.
Wer Ruth über den Flur gehen sah, der konnte meinen, sie sei
trunken. --
Um neun Uhr -- Gonne hatte bereits den Thee und die gerösteten
Brotschnittchen auf den Tisch gebracht -- kam Erik endlich in das
Wohnzimmer herüber.
»Es ist doch nichts vorgefallen?« fragte seine Frau mit einem Blick in
sein Gesicht, »Ruth ist ja schon so bald fortgegangen. Und ich dachte
doch, daß sie mit uns bleiben sollte?«
»Für heute war es besser so,« versetzte er, und Klare-Bel fragte nicht
weiter.
Aber Jonas that es statt ihrer.
»Ruth habe ich ganz ungeheuer gern,« versicherte er, »kommt sie bald
wieder her, Papa?«
»Bald!« sagte dieser.
»Denke dir nur, sie wollte es mir nicht sagen,« plauderte Jonas weiter,
»ich habe sie nämlich noch im Garten gesprochen, wie sie fortging. Da
sah sie so kurios aus, Papa, ihre Augen waren so groß und glänzten so,
-- sie sah aus, als ob sie gerade was geschenkt bekommen hätte.«
»Was geschenkt?« wiederholte Erik, und setzte das Theeglas, das er zum
Munde führen wollte, hart auf das Tischtuch nieder.
»Ja, ganz gewiß, gerade so sah sie aus. Aber sie antwortete mir nicht,
und dann, am Gitter, da bat sie mich um ein Glas Wasser.«
»Es ist ihr doch nicht unwohl geworden?« fragte Klare-Bel besorgt.
»Nein, aber sie zitterte ordentlich. Das Wasser habe ich ihr vom
Brunnen geholt. Und dann ist sie fortgegangen. -- Ich habe ihr aber
noch lange nachgesehen,« fügte Jonas hinzu.
»Gewiß warst du zu streng mit ihr, Erik,« sagte Klare-Bel, »ich konnte
es dir schon ansehen, wie du hinübergingst.«
»Zu streng? Aber, Bel, dann sieht man doch nicht aus, als ob man etwas
geschenkt bekommen hätte.«
Er sprach in leichtem Ton, doch beschämte ihn, was Jonas erzählt
hatte. Es war etwas Neues, Unerwartetes, worin er sich nicht gleich
zurechtfinden konnte. Daß sie trotzte und selbst, daß sie weglief,
begriff er ganz gut und rechnete damit. Aber dies hier begriff er
nicht. War es denn möglich, daß sie gern, -- mit Freude, fortging? --
-- Und daß sie nicht wiederkam? -- --
Während sie noch beim Thee saßen, zog draußen ein schweres Gewitter
heraus. Klare-Bel blickte ängstlich nach dem Fenster, durch das man die
dunkle, schwarzgelbe Wolkenbank am Himmel stehen sah. Ein Sturmwind
fuhr durch die Baumkronen, schüttelte und beugte sie; der Tagesschein,
den die lange Maihelle noch über den Garten gebreitet hatte, verschwand
unvermittelt. Und gleich darauf prasselte, unter grellzuckenden Blitzen
und gewaltigen Donnerschlägen, ein heftiger Platzregen nieder.
»Bitte, laßt doch die Fenster schließen! bitte, Jonas, iß nicht mehr!
Ach, Erik, der Donner!« sagte Klare-Bel, die vor jedem Blitz die Augen
schloß.
Erik stand auf, blieb einen Augenblick am Fenster stehen und schaute in
den Aufruhr hinaus, dann schloß er es und kehrte zu seiner Frau zurück.
Die Gewitterangst war etwas, das sie überkommen hatte, seitdem sie
hilflos dalag. Als junge Frau kannte sie dergleichen nicht, und Erik
würde es an ihr auch wohl nicht geduldet haben. Jetzt hatte er Geduld
damit.
»Wenn man eine Lampe anzünden könnte! Es ist so dunkel geworden auf
einmal. Und dann ist der Blitz so furchtbar hell, Erik!«
»Gonne braucht keine Lampe hereinzubringen,« erwiderte er lächelnd und
legte seine Hand über ihre Augen; »bist du nun nicht geborgen, Bel?«
Sie nickte dankbar und drückte ihr Gesicht gegen seine Hände.
Es war ein arges Gewitter. Unaufhörlich folgten sich Blitz und Schlag.
Auf Augenblicke sah der Garten aus wie unter bengalischer Beleuchtung,
und im bläulichen Scheine konnte man die vom Sturm losgerissenen
Blätter und Blüten in tollem Wirbel durcheinander fliegen sehen.
Wenn der Donner besonders gellend krachte, fuhr Klare-Bel jedesmal
zusammen.
»Ob Ruth wohl schon zu Hause war, ehe es losging?« fragte sie.
»Längst. Sie muß zu Hause gewesen sein, ehe wir uns zu Tisch setzten,«
beruhigte er sie, »und der Diener wird sich freuen, daß er sie bei
diesem Unwetter nicht zu holen braucht.«
Es währte noch eine ganze Weile, ehe Blitz und Sturm auch nur ein wenig
nachließen, und der grobkörnige Regen mit schwächerem Ton auf das Dach
niedertrommelte.
»Nun, Bel, jetzt wird es besser,« sagte Erik und nahm seine Hand von
ihrem Gesicht. Er öffnete wieder das Fenster, durch das die abgekühlte
Abendluft jetzt frisch und gewürzig hereinströmte.
Jonas stand vor dem Fenster auf der regenumsprühten Terrasse und
blickte, über deren Brüstung gebeugt, in den verwüsteten Garten hinaus.
Ein großer Ulmenast war quer über den Kiesweg gestürzt, die Obstblüte
hatte den Aufruhr in der Natur mit dem Leben bezahlen müssen.
»Nun sind sie wahrhaftig davongeflogen, alle mit einemmal, die weißen
Blüten,« rief Jonas bedauernd, »so wie Ruth es gesagt hat! wie leid
wird es ihr thun. Sie fand sie so schön. Aber dort oben wird es schon
wieder blau, Papa.«
»Gott sei Dank!« meinte Klare-Bel, »solche Aufregung und Verwirrung
draußen ist schrecklich. Man wird förmlich mit hingerissen.«
»Ja, das ist nichts mehr für dich, meine Arme,« sagte Erik, »es gab
aber Zeiten, wo du solche Gewitterstürme und dazu das Brüllen des
Meeren aushalten mußtest, ohne daß ich bei dir war.«
»Das war auch entsetzlich, Erik, ganz entsetzlich war es,« versicherte
sie zusammenschaudernd, »damals, als du mit den Leuten hinausfuhrst,
wenn ein Schiff in Gefahr war. Und das eine Mal, weißt du, wo du ganz
allein es warst, der den Niels und die andern dazu beredete. Denn die
hatten ja auch Frau und Kind. Aber das hast du immer so gut gekonnt:
die Leute bereden. ›Es wird gehen!‹ sagtest du ihnen, und da glaubten
sie dir.«
»Du glaubtest mir ja auch, Bel, wenn du allein Zurückbleiben mußtest,
und wenn es dir schien, als ginge das nicht.«
»Ja, Erik. Manchmal dachte ich, der Schreck würde mich töten. Aber dann
sagtest du so zuversichtlich: ›Wenn ich nach Hause komme, naß und müde,
Bel, dann muß ich da doch meine Frau finden und den kleinen Jungen, und
beide vergnügt und gesund.‹ Nun, und da mußte es wohl so sein.«
Er schwieg. Vor seinem Blick stand eine Sturmnacht, in welcher er, aus
wirklicher Lebensgefahr heimkehrend, seine Frau gefunden hatte, wie
sie, das Kind neben sich, mitten in der kleinen Stube auf den Knieen
lag und laut betete.
Einen Augenblick lang war er fast bestürzt auf der Schwelle stehen
geblieben, denn noch nie hatte er sie beten sehen. Als sie heirateten,
waren ihm unter ihren Sachen ein paar Andachtsbücher in die Hände
gefallen, und wie sie ihn darin blättern sah, fragte sie ihn: »Glaubst
du an das, was darin steht?« Er hatte mit ernsten Augen aufgeblickt
und geantwortet: »Nein, Bel.« Seitdem war dieser Gegenstand nur noch
ein einziges Mal, nach Jahren, im Gespräche wieder berührt worden,
und da war es ihm mit innerem Staunen aufgegangen, daß seine Frau,
ohne es auch nur selbst recht zu merken, ihren Glauben gar nicht mehr
besaß. Auf seine Frage, wie denn das geschehen sei, hatte sie mit ihrem
freundlichen Gleichmut verwundert erwidert: »Ja, Erik, wenn es doch gar
nicht so ~ist~, -- was kann es dann noch nützen, daran zu glauben?«
Und als er nun in jener Sturmnacht in seinen hohen Schifferstiefeln
und seinem nassen Wollwams hereintrat, da hörte sie auf zu beten und
streckte ihm mit einem Freudenschrei beide Arme entgegen. Er hob sie
von den Knieen auf und küßte sie. »Thust du ~das~, Bel, wenn ich nicht
bei dir bin?« fragte er sie leise.
»Wenn du nicht bei mir bist, Erik!« sagte sie weinend, »denn dann,
scheint mir immer, muß ich es thun!«
Damals trug sie sich mit dem zweiten Kinde. Kurz darauf that sie den
gefährlichen Sturz, der ihr die Gesundheit kostete, und das Kindchen
wurde tot geboren.
Als Gonne mit einer brennenden Lampe hereinkam, fuhr Erik aus seinen
Gedanken auf.
»Ich möchte jetzt zu mir hinübergehen,« bemerkte er und küßte seine
Frau auf die Stirn, »ich habe noch Schularbeiten für morgen. Sobald du
müde wirst, mußt du mich rufen lassen.«
Bei Erik im Zimmer war es schon fast dunkel. Nur von ein paar
rosenroten Wölkchen, die sich von der großen Wolkenmasse losgewunden
hatten und nun mit heiterm Leuchten selbständig auf einem breiten
Stück Himmelsblau herumschwammen, fiel ein schwacher Schein durch die
Fenster. Man konnte in ihm den Schreibtisch, den Bücherschrank, das
alte lederbezogene Sofa an der Längswand ziemlich deutlich erkennen.
Erik stutzte und blieb auf der Schwelle stehen.
Er hatte einen Augenblick klar zu sehen geglaubt, daß auf dem
Ledersessel am Fenster Ruth säße. An Halluzinationen konnte er doch
nicht leiden.
Mit einem Gefühl des Aergers über sich selbst schloß er hinter sich
die Thür und ergriff von einem Nebentisch einen Leuchter, um Licht zu
machen.
Da fuhr er zusammen und setzte den Leuchter wieder hin. Auf dem Sessel
saß wirklich jemand.
»Ich bin es!« sagte eine klägliche Stimme.
»Ruth!« rief er laut.
Sie war es. Durchnäßt bis auf die Haut, in Kleidern, von denen das
Wasser schwer auf den Fußboden herabtropfte, und die an einer Seite
zerrissen niederhingen. Ihre Zähne schlugen hörbar aneinander.
Erik hatte sie in seine Arme gerissen und betastete sie besorgt und
erregt, mit liebkosenden Händen, -- Brust und Arme und das verworrene
Haar, das so eng und feucht um ihr kaltes Gesichtchen klebte.
»Wann -- wann, -- von wo bist du gekommen? Warst du denn nicht zu
Hause?«
»Ich war nicht zu Hause,« sagte sie zaghaft und schmiegte sich
frostbebend an ihn; »ich bin vom Stadtbahnhof wieder zurückgefahren.
Und hergelaufen. Gerade als es losging. Ich will nicht nach Hause,«
fügte sie flehend hinzu, »mich friert so!«
»Mein Liebling, du sollst nicht nach Hause! Du sollst hier bleiben!
Aber wie lange mußt du hier schon sitzen? Wie konntest du das nur thun?
Und es hat dich doch niemand an der Thür auf der Terrasse läuten
hören?«
»Ich habe nicht geläutet. Ich schämte mich. Ich bin hier in das Fenster
geklettert. Aber es ging schwer,« gestand sie, und Mund und Augen
lachten übermütig zu ihm auf.
»Und dann? Wenn ich nun gar nicht mehr hier hereingetreten wäre?«
»Dann hätte ich die ganze Nacht hier sitzen müssen!« erklärte sie
schaudernd und rieb den Kopf an seinem Arm wie eine naß gewordene
Katze. Und dann sagte sie ganz leise: »Denn vor den andern konnte ich
es nicht sagen. Und doch mußte ich es sagen. Deshalb kam ich ja zurück!
Ich mußte sagen: Ich will alles thun, was ich soll.«
Eine Viertelstunde später war Jonas nach dem Bahnhof geschickt worden,
um ein Telegramm an Ruths Onkel aufzugeben, daß sie draußen übernachten
müsse. Ruth selbst wurde wohlverpackt in Jonas' Bett gelegt, welches
Gonne eilig für sie hergerichtet hatte. Dann bekam sie heißen Thee zu
trinken und fiel in einen unruhigen Schlummer.
Jonas fühlte sich sehr stolz, als er bei seiner Rückkehr hörte, daß
er Ruth das wichtigste Möbel, das der Mensch besitzt, sein Bett,
abgetreten habe. Und voll Begeisterung streckte er sich an diesem Abend
in Eriks Arbeitsstube auf dem alten Lederdiwan aus, dessen Polsterwerk
an Härte und unbegreiflichen Beulen nichts zu wünschen übrig ließ. Auch
war Jonas zu aufgeregt, um bald einzuschlafen, und alle Augenblicke
guckte er durch die Thürritze und fragte, was denn Ruth jetzt wohl
mache.
Sie fieberte heftig und sprach im Halbtraum wild und wirr
durcheinander.
»Der Sandkuchen,« hörte Erik sie mehrmals ängstlich sagen, »er drückt
mich so. Er ist immer größer und größer geworden. Ich fürchte mich.
Er verschlingt mich. Und anfangs war er so weich und klein und so
wunderschön zum Kneten!«
Erik wachte bei ihr, bis der Morgen aufstieg.
Sie warf sich ruhelos in den Kissen umher, und immer wieder sprach sie
mit sich selbst in abgerissenen Sätzen. Aber wie ihm schien, waren es
keine eigentlichen Fieber-Phantasien, sondern sie enthielten einen
deutlichen Zusammenhang. Es kam ihm der Gedanke, daß sie vielleicht
oft so mit sich selbst spräche, ohne daß ein Mensch es hörte, und daß
jetzt das Fieber vielleicht nur den gewaltsamen Anstoß gegeben habe, es
unbewußt vor Menschenohren zu thun.
Er konnte ihren Worten entnehmen, daß sie sich fortwährend noch mit dem
Gewittergang beschäftigte. Manchmal erwähnte sie diesen in einer Weise,
als habe sie ihn gar nicht selbst gemacht, sondern als sei sie gegen
ihren Willen des Weges geschoben worden, -- mit Gewalt hinausgetrieben
in Sturm und Blitz und Donnerschläge. Sie sah sich auf dem einsamen,
dunkeln Weg dahingehen, während Hagel und Wind ihr entgegentosten, und
ihre Füße im tiefen, durchweichten Lehmboden stecken blieben.
Und damit vermischte sich dann ein andres Fieberbild: der Versuch vor
etwas fortzulaufen, ohne es zu können, wie es wohl im Traume geschieht.
»Ich laufe und laufe, und bleibe immer am Fleck!« klagte sie unruhig,
und das Fieber nahm zu, wenn sie daran dachte.
Am nächsten Morgen war Ruth fieberfrei. Als Erik, zu seinem Schulgang
fertig angekleidet, zu ihr hereintrat, saß sie aufrecht im Bett, in
einem Nachtjäckchen von Klare-Bel, das ihr zu kurz und zu weit war, und
blickte ihm mit schüchternen Augen entgegen.
Auf der Bettdecke lagen Blumen verstreut, die Jonas in aller Frühe
hereingeschickt hatte. Sogar ein paar fast unversehrte Zweige von
seinem Kirschbaum waren dabei. Er hatte sie mit Todesverachtung
abgerissen.
»Muß ich nun nach Hause?« fragte Ruth ängstlich.
»Nein, mein Liebling. Du sollst hier doch nicht nur krank liegen,
sondern auch gesund umherspringen. Meine Stube wartet ja noch auf dich.
Wollten wir nicht zusammen arbeiten?«
»Ja!« sagte sie eifrig und machte eine Anstrengung, wie um aufzustehen,
so daß die Blumen von der Decke glitten.
»Aber, mein liebes Kind, doch nicht jetzt im Augenblick. Später!«
»Später!« wiederholte sie gehorsam, indem sie sich zurücklehnte und die
Augen schloß.
Erik faßte nach ihrem Handgelenk und prüfte den Puls.
»Wenn ich heute von der Stadt nach Hause komme,« bemerkte er
dazwischen, »dann finde ich dich im Garten, im Sonnenschein, und ganz
gesund. Nicht wahr?«
»Ja,« sagte sie folgsam, ohne die Augen zu öffnen. Aber auf ihrem
Gesicht war ein Ausdruck von Leiden oder Kummer, der ihn beunruhigte.
Er beugte sich zu ihr nieder und strich sanft das Haar aus ihrer Stirn.
»Aber nicht nur gesund, Ruth,« fügte er hinzu, »sondern auch froh!
Nicht diesen in sich gekehrten, verschlossenen Ausdruck! Du darfst dich
nicht wieder so scheu vor mir zuschließen, mein Kind. Bist du denn
nicht mehr gern bei mir? Thut es dir nicht wohl, hierher zu gehören?«
Sie schlug die Augen auf und blickte ihn voll an.
»Es ist, als ob ich ins Meer gestürzt wäre,« sagte sie. --
Erik ging früher als sonst fort, um noch vor Beginn seiner Schulstunden
bei Ruths Verwandten vorsprechen zu können. Er traf sie beim ersten
Frühstück. Basil ließ ihn erst auf seinen ausdrücklichen Wunsch,
etwas zaudernd, in den Speisesaal eintreten, wo die Tante, im
Morgenhäubchen, sich noch hinter dem Samowar befand. Sie zeigte sich
ein wenig befremdet über den allzu frühen Besuch. Der Onkel, schon im
Begriff, wie allmorgendlich, ins Ministerium hinunterzugehen, saß in
Militärbeinkleidern und eleganter geschlossener Joppe beim letzten
Glase Thee. Er sprang auf und kam Erik mit lebhaften besorgten Fragen
nach Ruth entgegen. Erik erzählte, wie sie auf dem Heimweg umgekehrt,
ins Gewitter geraten und vor Aufregung krank geworden sei.
»Das kleine Ding!« äußerte der Onkel in zärtlich besorgtem Ton; er warf
sich im stillen vor, daß er Ruth eigentlich dazu aufgemuntert habe,
»wegzulaufen«. »Wie schlimm muß das für sie gewesen sein! Schon wenn
Ruth einmal unerwartet vom Warmen ins Kalte gerät, da schaudert ihr
die ganze Haut und sie zittert. Und dann kann sie sich auch so ganz
entsetzlich fürchten.«
Liuba kam herein, begrüßte Erik und schenkte sich mit schlafgeröteten
Augen Thee ein; sie war in Gesellschaft gewesen und spät aufgeblieben.
»Ja, Courage hat Ruth mal nicht,« bestätigte sie, »als wir ihr einmal
eine Raupe auf den Hals setzten, fiel sie in Krämpfe.«
Erik blickte mit bestürztem Gesicht auf.
»Hat sie ~dazu~ Anlage gezeigt?« fragte er langsam.
»Aber nein, sonst niemals!« erwiderte der Onkel ärgerlich, »es ist
schon Jahre her. Dreizehn Jahre war sie wohl alt. Es war irgendwo in
der Schweiz. Ruth trug ein dünnes Sommerkleid mit bloßem Halse. Es
war sehr schlecht von euch, sie so zu erschrecken, Liuba. Du solltest
lieber davon still sein.«
»Wir haben uns doch nichts Böses dabei gedacht,« sagte Liuba, »warum
saß sie auch immer so ganz versonnen und vertieft herum, so ganz wie
ein Stein, der weder sieht noch hört. Es störte das Spiel der andern.
Und da, wie nichts sie aufwecken wollte, setzten wir eine Ligusterraupe
auf ihre Halskrause. Aber die Raupe kroch in den Halsausschnitt hinein.
Ruth schrie nicht einmal auf. Sie fiel um.«
»Die Hauptsache habt ihr vergessen,« bemerkte die Tante, -- »das, was
die unartigen Mädchen entschuldigt und Ruths Schreck erklärt. Ruth war
nämlich als Kind fest überzeugt davon, daß in den Raupen, Schlangen und
allem Gewürm der leibhaftige Böse sitze. Sie steckte überhaupt immer
voll von gottlosen Ammengeschichten. Weiß Gott, wo sie die auflas. In
solchen Dingen ist Ruth immer so merkwürdig kindisch gewesen, und auch
geblieben. Sie hat dasselbe Grauen unvermindert noch heute.«
»Aber es ist ihr seitdem alles aus den Augen geräumt worden, was sie
daran erinnern könnte,« sagte der Onkel zu Erik.
»Das hätte es nicht dürfen,« entgegnete dieser bestimmt, aber sein
Gesicht war sehr nachdenklich geworden. »Man kann mit Ruth nicht
behutsam genug, aber gleichzeitig auch nicht fest genug umgehen, wenn
man ihr nützen will.«
Er erhob sich, um Abschied zu nehmen.
Der Onkel schwieg einen Augenblick, zerdrückte stehend seinen
Cigarettenrest auf dem Aschenbecher und sagte dann plötzlich herzlich
zu Erik: »Wissen Sie, -- ich bin froh, ordentlich froh bin ich, daß die
Ruth bei Ihnen ist.«
»Ich wünsche nichts lieber, als daß sie mir bleibt!« entgegnete Erik
einfach.
»Ja, sehen Sie,« fuhr der Onkel fort, indem er dicht an ihn herantrat,
»ich glaube, gerade bei Ihnen ist das kleine Ding endlich einmal vor
die rechte Schmiede gekommen. Nach all ihren Irrfahrten. Und vor die
rechte Schmiede, das heißt fast so viel wie: ~nach Hause~.«
»Aber, ich bitte dich,« fiel die Tante, unangenehm berührt, ein, »nach
deinen Worten muß jeder denken, Ruth sei hier mißhandelt worden.«
»Ach, wieso denn mißhandelt,« sagte er verdrießlich. »Nein, gut
behandelt, natürlich, wie sollte es denn anders sein? Aber wozu sollen
wir's leugnen: Sie wissen sich besser um sie zu kümmern, als wir es
verstehen. Neulich fühlte ich's schon, heute weiß ich's ganz deutlich.
Ich ~freu'~ mich ja auch an ihr, -- ja, das thu' ich, weiß Gott, --
aber im übrigen: das Kind ~hat~ nichts davon. Das ist es nur, was ich
meine.«
»Nun ja,« lenkte die Tante ein, »sicherlich müssen wir Ihnen dankbar
sein. Aber sprich nur nicht so sündhaft. Es klingt ja geradezu so, als
ob du Ruth los sein wolltest. Grüßen Sie das liebe Kind von mir. Und
wenn sie erkranken sollte, komme ich ganz bestimmt hinaus und pflege
sie.«
Erik versprach, das »liebe Kind« zu grüßen, das er ihr am liebsten nie
wiedergegeben hätte. Er ging mit dem Onkel fort und erwog einen Plan,
für den er ihn zu gewinnen hoffte. Sie waren beinahe Freunde geworden.
--
Als Ruth im Laufe des Vormittags aufstand, sah sie Klare-Bels langen
Stuhl schon am steinernen Springbrunnen aufgestellt. Ein Stück
gestreiftes Segeltuch, das man zwischen den Obstbäumen angebracht
hatte, schützte sie vor der Morgensonne.
Nach dem Gewitter schien sich das Laub ringsum wie durch einen Zauber
entfaltet zu haben. Der Garten stand ordentlich grün da, und die
letzten Blätter drängten sich aus der Knospe. Ruth ging langsam durch
den Garten hin, und mit Entzücken hefteten sich ihre Augen auf die
frische, sonnenwarme Schönheit um sie her und auf die kranke Frau, die
inmitten derselben ruhte.
»Guten Morgen, Ruth!« rief Klare-Bel ihr entgegen und streckte
liebreich die Hand nach ihr aus, »willkommen, mein liebes Kind! Du
weißt wohl, wer ich bin? Ich konnte nicht zu dir kommen, als du die
Nacht krank dalagst. Ich bin froh, daß du wieder gesund bist, und daß
du nun zu mir kommen kannst.«
Ruth ergriff die kleine, weiche Hand, der man es ansehen konnte, wie
rund und rosig, mit Grübchen über den Knöcheln, sie gewesen sein
mochte. Und, einem raschen Gefühle folgend, beugte sie sich nieder und
küßte die Hand. Sie blickte Klare-Bel mit einer Art von Ehrfurcht an,
wie den kostbarsten Gegenstand hier im Hause.
»Erik und Jonas sind in der Stadt,« sagte Klare-Bel, »ich liege jetzt
ganz allein hier. Willst du mir ein wenig Gesellschaft leisten, Ruth?«
Ruth nickte, noch immer ohne zu sprechen; sie war wie berauscht vom
Frühling und von dem starken, frischen Duft, den alles um sie herum
ausströmte. Am liebsten hätte sie aufgejauchzt.
»Ich werde hier sitzen bleiben,« erklärte sie und kauerte sich mit
emporgezogenen Knieen auf den bemoosten Steinrand des Springbrunnens,
aus dessen geborstener Wasserurne über ihr ein langes, dünnes
Schlinggewächs sich schlangengleich herunterrankte; »denn hier ist es
am allerschönsten in der ganzen Welt!«
»Sie übertreibt alles!« dachte Klare-Bel, sie heimlich betrachtend,
fühlte sich aber in diesem Augenblick doch angenehm berührt. »Am Meer
ist es jetzt noch viel schöner, Ruth,« sagte sie, »da, wo wir früher
gewohnt haben, -- auf der kleinen Insel weit draußen. Bist du schon
einmal am Meer gewesen?«
»Ja, mehreremale,« versetzte Ruth, »aber viel lieber wäre ich gerade da
gewesen, wo Sie gewohnt haben, -- auf der kleinen Insel. Aber ich wußte
damals nichts davon. Nein, ich wußte es nicht.«
Es kam ihr sichtlich ganz wunderbar und eigentlich unbegreiflich vor,
daß sie jemals nichts davon gewußt haben sollte. Klare-Bel fand, sie
spräche ganz wie ein Kind: etwas so Selbstverständliches mit einem so
ernsten und bewegten Gesicht.
»Und Sie wissen alles darüber!« setzte Ruth mit demselben Ausdruck
hinzu, »alles, ganz so wie es war. War es wunderschön?«
Klare-Bel war nicht redseliger Natur; sie sprach ebenso wenig, wie Erik
viel sprach. Aber sie bekam große Lust, sich mit Ruth zu unterhalten.
»Soll ich dir davon erzählen?« fragte sie und sah sie lächelnd an.
»Ja!« sagte Ruth dringend, und ein Gefühl, mächtiger als nur Neugier,
trat in ihren Blick, »aber alles! wie die Menschen waren, und das
Leben, und das Haus, und das Meer, und auch die Schulkinder.«
Klare-Bel fand, daß man mit dem Hause anfangen müsse. Und nachdem
sie beschrieben, wie dörflich-klein und doch wie wunderbehaglich es
gewesen sei, trotz seiner niedrigen Balkendecke und der schmalen
Fensterscheiben, die von der Salzluft immer beschlagen waren, --
kam sie auf die Menschen zu sprechen, die dort aus- und eingingen.
Viele Menschen waren das, -- ein ganzes Volk schien es Ruth, -- und
immer scharte Klare-Bels Erzählung sie um den einen, den sie in den
Mittelpunkt stellte, um den einen, der mit ihnen alles teilte und alles
that, und den das jüngste Kind und das älteste Weib mit dem gleichen
Lächeln grüßten.
Ruths Augen blitzten. Was Klare-Bel erzählte, das glaubte sie
wahrzunehmen, zu schauen, mitzuerleben; sie ergänzte unbewußt das Bild
bis zur greifbarsten Deutlichkeit, indem sie es mit den Goldfarben
übermalte, die Klare-Bel selbst ihr auf die Palette rieb. Und um dieses
ganze Bild hörte sie unablässig das gewaltige Meer donnern und
schäumen.
Sie roch die Salzluft und fühlte den feinen Meersand unter den Füßen
knirschen; mit nachdichtender Schnelligkeit folgte ihre Phantasie
den Andeutungen der Frau, die gar nicht wußte, wie liebevoll sie
idealisierte, was sie Ruth beschrieb.
Als Klare-Bel geendet hatte, atmete Ruth tief auf mit lebhaft geröteten
Wangen.
»O wie herrlich Sie erzählen,« rief sie dankbar; »ich möchte nichts
andres thun, als Ihnen den ganzen Tag zuhören. Den ganzen Tag. Ach, das
möchte ich auch erleben! Wie schön muß es gewesen sein!«
»Das war es auch,« bestätigte Klare-Bel zufrieden, der es selbst noch
nie so schön erschienen war, wie heute während ihrer eigenen Erzählung.
Von sich selbst hatte sie bisher noch gar nicht gesprochen, nur von
Erik. Aber auf Ruths Ausruf fügte sie mit dem Stolz der Frau, die
sich ihr Glück liebend verdient hat, hinzu: »Schön und auch schwer,
Ruth. Denn es ist schwer, mit so vielen teilen zu müssen, die alle
von demselben Rat und Beistand und Teilnahme wollen und ihn immer in
Anspruch nehmen, -- ihn immer fortnehmen. Es ist nicht leicht, man muß
bescheiden werden. Das würdest du erst lernen müssen.«
»~Das?~« sagte Ruth verdutzt, »nein, das möchte ich lieber nicht. Das
hatte ich mir dabei gar nicht ausgewählt. Aber so unter den Menschen
stehen und alles können, als ob man ein Hexenmeister wär' -- das muß
herrlich sein. Es muß sein, als ob man plötzlich viele Menschen auf
einmal wäre -- und dann auch noch mehr, als sie alle zusammen.«
Klare-Bel schwieg betroffen. Sie fühlte recht wohl die enthusiastische
Bewunderung in Ruths Ton heraus, aber sie konnte nicht begreifen, wie
dieser Enthusiasmus, weit davon entfernt, dem Bewunderten dienen zu
wollen, sich einfach egoistisch an dessen Stelle wünschte.
Ruth vertiefte sich inzwischen ganz in das Bild, das sie sich
ausgemalt. Nach einer kurzen Pause hob sie wieder an: »Und das war doch
nur ein Dorf. Eine ganz gewöhnliche Insel. Ringsherum Wasser, so daß
da alles aufhörte. Es hätte aber etwas noch viel Größeres sein können,
nicht wahr? Vielleicht mit noch viel mehr Menschen darauf. Ich weiß
nicht recht, wie. Aber ich denke mir: so stark sein, -- und dann etwas
Gewaltiges thun dürfen. Es braucht nicht beim Dorf zu bleiben.«
Klare-Bel berührten diese Worte wunderlich. Sie dachte im stillen, das
sei es vielleicht so ungefähr gewesen, was ihr Mann einst gewünscht und
erhofft habe. Damals, als alles um sie her noch Zukunft und Hoffnung
war.
»Es wäre am Ende auch nicht beim Dorf geblieben,« meinte sie und sah
Ruth an, »daran waren nur die Verhältnisse schuld. Er hatte früher
so große Pläne. Ach, was hatte er alles für Pläne! Aber dann kam das
Unglück, daß ich liegen mußte. Und es kamen die Aerzte, die Reisen, die
Operationen. Zuletzt kamen die Schulden. Da war es mit den Plänen aus.
Das hat alles schrecklich viel Geld gekostet, Ruth. Und ganz umsonst.«
Ruth blickte aus weitgeöffneten Augen auf die Frau, die das so ruhig
sagen konnte.
»Ich könnt's nicht überleben!« stieß sie entsetzt wider Willen hervor.
»Ach, mein liebes Kind! Das denkt man, wenn man noch so jung ist wie
du. Dann aber lernt man, sich in das Schicksal und seinen Willen fügen.
Sogar in das Schwerste: stillzuliegen und nicht mehr mit eigenen Händen
sorgen zu dürfen für das Behagen derjenigen, die man liebt. Denn das
ist das Allerschwerste, Ruth.«
Es klang so sanft und liebevoll, wie sie das auf Ruths unbesonnenes
Wort sagte. Keine einzige Klage hatte sie für sich selbst. Sie beklagte
es nur, den andern nicht mehr dienen zu können.
Aber Ruth fand, es sei beinahe gleichgültig, ob man in einem solchen
Fall den andern noch dienen konnte. Was sie so entsetzte, war die
Vorstellung, durch ein derartiges Unglück die Ursache zu werden, daß
ein Andrer, Starker, Gesunder aufhören mußte, ~seiner~ Sache zu dienen.
Es verwirrte sie ganz, daß die sanfte kranke Frau ihr gar nicht leid
that. Sie hatte das Gefühl: diese würde ihr schon leid thun, wenn sie
nur erst Zeit hätte, an sie zu denken. Aber sie mußte immer an Erik
denken. Und sie empfand Mitleid mit ihm, stürmisches Mitleid bis zum
Weinen.
Klare-Bel lag gerade ausgestreckt und blickte mit ihren ruhigen blauen
Augen in den klaren blauen Himmel hinauf. Sie dachte an das Glück, wie
sie es hätte behalten mögen, -- so klar und blau und ruhig, wie der.
»Das wünschte ich dir,« sagte sie zu Ruth, die ganz verstummt war,
»einmal so von ganzem Herzen jemand dienen zu dürfen, den du lieb
hast. ~Dazu~ gesund zu sein, und schön und gut und klug obendrein!
Gleichviel, ob er dann Großes oder Kleines in der Welt vollbringt, --
daran liegt's nicht! Das Lieben und das Dienen ist doch das Schönere.
Namentlich für uns Frauen. Es ist viel schöner, als derjenige zu sein,
dem es gilt. Das brauchen wir nicht zu beneiden.«
»Ach nein!« rief Ruth lebhaft, »es kann ja gar nicht möglich sein, daß
es das Schönere ist. Der, dem's gilt, hat es besser. Sonst hätte Gott
es ja schlechter als die Menschen!«
Klare-Bel warf ihr einen erstaunten Blick aus den blauen Augen zu, --
einen tadelnden Blick. Aber sie wußte nicht, was sie darauf erwidern
sollte. Man mußte wirklich ziemlich viel Nachsicht haben mit Ruth.
Klare-Bel fühlte sich nur sicher, so lange Ruth zuhörte. Sie hörte
so hübsch zu. Aber sobald sie sprach, mußte man sich verwundern und
eigentlich auch ärgern. Die war sicher mehr für Erik geschaffen als
für sie. Er würde wohl aus ihr klug werden. Denn das war ja seine
Spezialität.
Inzwischen war Jonas, lustig pfeifend, von der Straßenseite her in
den Garten getreten, und man sah ihn, den Schulranzen auf dem Rücken,
zwischen den Bäumen im Hause verschwinden. Als er wieder zum Vorschein
kam, war der Ranzen abgeworfen, und in der Hand hielt er ein mächtiges
Butterbrot, in das er hineinbiß.
Er lief auf seine Mutter zu, küßte sie, streckte Ruth die Hand hin und
sagte: »Du, -- Sie -- haben --,« stockte und wurde rot.
»Du!« entschied Ruth ernsthaft und betrachtete ihn.
»Ja, nicht wahr?« meinte er fröhlich und nahm neben ihr aus dem Rande
des Springbrunnens Platz, »denn jetzt sind wir ja Hausgenossen.
Eigentlich Geschwister. Nicht wahr, Mama? Und Altersgenossen auch. Wie
alt bist du denn?«
»In elf Monaten siebzehn,« sagte Ruth.
»Ich bin erst sechzehn,« gestand er betreten, aber dann klärte sich
sein Gesicht auf, -- »das heißt jetzt. Aber in elf Monaten längst nicht
mehr. Sogar schon eher. Jetzt solltest du ein Stück Butterbrot mit mir
essen, denn es ist noch eine gute Stunde, bis wir Mittag bekommen,«
fügte er hinzu und brach, im lebhaften Drang sein Brot mit ihr zu
teilen, es in zwei Hälften.
»Ich mag nicht essen,« sagte Ruth und lachte über seinen Eifer.
»Dann bist du gewiß noch krank!« behauptete er, »aber das war auch
ein rechtes Glück, weißt du, denn sonst wärst du ja gar nicht bei uns
geblieben. Es war eine gute Idee von dir, so im Gewitter herumzulaufen.
Denk nur! wo du so bequem gleich bei Papa hättest sitzen bleiben
können.«
»Ja. Wenn ich sitzen geblieben wäre, wäre ich auch fortgegangen,«
bemerkte Ruth tiefsinnig.
Jonas konnte sich diesen Fall nicht ganz klar machen, und so sagte
er schnell. »Komm mit mir in das Gehölz, Ruth. Du kennst es noch gar
nicht. Da sind so viele Nester. Und mitten hindurch fließt ein kleiner
Bach nach dem Wiesengrund zu. Wir können leicht hinüberklettern; der
Zaun ist nur niedrig.«
»Nein,« erwiderte sie, »gehe nur hinter das Gehölz. Ich muß jetzt hier
bleiben.«
»Was willst du denn hier thun?«
»Ich muß nachdenken.«
»Nachdenken?«
Jonas sah sie etwas verdutzt an; es schien ihm jedoch eine
Beschäftigung zu sein, die Respekt verlangte. So stand er seufzend auf
und trollte sich ins Haus, denn er wußte nicht recht, wie er sich daran
beteiligen könnte.
Ruth merkte nicht, daß er ging. Sie blieb mit emporgezogenen Knieen
sitzen, die Arme auf die Kniee, und das runde Kinn auf die geballten
Hände gestützt, wie auf zwei Säulen. So blickte sie angestrengt vor
sich auf einen einzigen Fleck im Grase, wo eine weiße Gänseblume stand,
und dachte mit Hingebung nach, gleich einem indischen Derwisch. Sie
wußte ganz genau, wo sie stehen geblieben war, als Jonas kam und sie
aufhören mußte.
Klare-Bel lag still und hatte die Augen geschlossen. Die Mittagssonne
strahlte warm über den Bäumen, kein Lüftchen bewegte das duftende
Laub. Ein paar gelbe Schmetterlinge flatterten naschend um die
Frühlingsbeete, und zu Ruths Füßen zirpten die Heimchen laut und eifrig
ihr Lied.
Ruth versank tiefer und tiefer in ihren Mittagssonnentraum. Wie in
goldenen Lichtwellen wob er sich um die Gestalt, die Klare-Bels
Erzählungen vor ihr heraufbeschworen hatten. Ein unklares Verlangen,
halb Demut, halb Forderung, bemächtigte sich ihrer, diese Gestalt so
lichtvoll, so schattenlos als möglich zu sehen, -- in einem warmen
Glanze, der sie unter allen andern Wesen hervorhob. Warum? das wußte
Ruth nicht.
Aber das wußte sie: in diesem Licht sahen die wirklichen Menschen, die
sie sonst kannte, noch viel störender und sinnloser aus als bisher,
-- fast als ob es nur lauter Leiber wären, in denen so gut wie nichts
drinsteckte. Und die phantastischen Schattenbilder, die sie sich
nach eingebildeten und fremden Menschen so schön entwarf, wie sie
wollte, und wieder wegwischte, wann sie wollte, -- die sahen viel
schattenhafter aus als bisher, ordentlich dünn waren sie geworden, und
so durchsichtig, daß man meinen konnte, es seien nur Irrwische von
Gedanken.
Ruth durchwanderte ihre ganze Welt wie der Schöpfer am sechsten Tage,
fand aber nur das Chaos wieder. Und mitten darin den einzigen, wenn
er wollte, alles beseelenden Menschen, den zu gestalten Phantasie und
Wirklichkeit zusammenschmolzen. Es war, als stände er ihr ganz allein
gegenüber in dieser einsamen, phantastischen Welt ihrer Träume, --
der ~erste Mensch~ am sechsten Schöpfungstage, unerkannt noch, und
ein Wunder. Mit innerm Staunen stand sie still vor ihm, als müsse
sie fragen. »Wer bist du? Wie kommst du hierher? Wie darfst du hier
herrschen?« Er beschädigte ihre Gedanken so stark, er setzte sie so
stark in Erstaunen, daß sie darüber sich selbst aus ihren Gedanken
verlor und nur ihn anschaute. Es schien ihr notwendig, daß er etwas
Besonderes, Merkwürdiges, ganz außer allem Vergleich Stehendes sei,
wenn sie ihn da dulden sollte.
Und wieder erhob sich das unruhige Verlangen in ihr, Glanz auf Glanz,
Licht auf Licht auf ihn zu häufen.
Nachdem Ruth lange Zeit stumm dagesessen hatte, richtete sie sich
aus ihrer zusammengekauerten Stellung auf und ging langsam an die
Gartenpforte. Die Arme über dem Zaun verschränkt, schaute sie die
Straße hinab, die Erik entlang kommen mußte. Er kam bald. Sein erster
Blick fiel auf ihr Gesicht und blieb aufmerksam und forschend darauf
haften. Sie sah ziemlich blaß und schmal aus nach der Fiebernacht, aber
der leidende Ausdruck von heute morgen war völlig aus ihren Kinderzügen
verschwunden. Ein neuer Ausdruck, offen und verlangend, der Erik
wohlgefiel, lag in ihren Augen.
Er nickte ihr mit einem Lächeln zu. Sie sprachen nicht miteinander, nur
Ruths Hand schlich sich leise in die seine. Hand in Hand sah Klare-Bel
sie auf sich zukommen.
»Wie lange hast du heute in der argen Sonne auf mich warten müssen,
meine Arme!« sagte er zu seiner Frau, »nun sollst du auch keinen
Augenblick länger daliegen.«
Damit schob er ihren Stuhl in die Nähe der Terrasse, hob sie heraus und
nahm die kleingewachsene Gestalt so behutsam in die Arme, wie man ein
Kind an der Brust bettet.
»Du allzuleichte Last!« scherzte er und sah heiter und belebt aus.
Klare-Bel lachte vor lauter Vergnügen und hatte die Arme um seinen
Nacken geschlungen.
Ruth griff nach einem herabgeglittenen Kissen und folgte ihnen die
Stufen hinauf. Am liebsten hätte sie ihnen den ganzen Stuhl nebst
Zubehör nachgetragen, um dasselbe zu thun, was Erik that. Das Mitleid,
das sie während Klare-Bels Erzählungen mit ihm empfunden hatte, war in
nichts verflogen, -- und an dessen Stelle blieb die Bewunderung stehen.
Es kam ihr jetzt ganz natürlich vor, daß die kranke Frau sich nicht als
Last und Hindernis auf dem Wege des gesunden Mannes fühlte, sondern daß
sie lachte und ihre Hände um seinen Nacken schlang.
Als Ruth ihren Platz bei Tisch einnahm, vergaß sie ganz, daß es heute
zum erstenmal geschah, und daß sie erst gestern hatte weglaufen wollen.
Sie fühlte sich als ein längst hierher gehöriger Hausgenosse, --
zufrieden und ohne weiteres eingereiht unter die übrigen.
»Von deinem Onkel bring' ich dir was mit,« sagte Erik, der sie zu
Mittag neben sich gesetzt hatte, »nämlich die Erlaubnis, so lange hier
zu bleiben, als du willst. Ich denke, wir antworten ihn vorläufig: den
ganzen Sommer. Was meinst du?«
Sie nickte nur und sah glücklich aus. Wenn er aber nicht unablässig auf
sie geachtet und ihr selbst vorgelegt hätte, so würde sie lieber keinen
Bissen gegessen haben.
Als sie beim Kaffee waren, und die Kinder hinausliefen, blickte Erik
seine Frau an und fragte: »Und nun, Bel, wie gefällt sie dir?«
»O Erik! mir gefällt sie gut für dich! Denn sie hat etwas so
Unverständliches, finde ich. Das ist gerade was für dich. Was zum
Raten.«
»Sie ist ein scheuer Vogel,« sagte er mit einem Lächeln, »und es ist
noch nicht gewiß, ob ich sie eingefangen habe. Eine falsche Bewegung,
-- und sie fliegt mir fort.«
»Ja, Erik, das denke ich mir nun wieder ungeheuer angreifend. Es macht
doch unsicher. Förmlich schwindlich würde es mich machen. Wie ein
konfuses Stickmuster.«
»Unsicher? Nein, Bel, im Gegenteil. Man wird sich wieder dessen bewußt,
was man vermag -- ~ob~ man's vermag. Man sammelt die Kraft, -- die
vergessene, eingerostete. Und so kommt man endlich wieder zur großen
Sicherheit des Lebens und zum alten Glauben an sich selbst.«
»Ja, ja, Erik. Wenn nur alles gut geht.«
Er stand auf und legte herzlich seinen Arm um ihre Schultern:
»Sorgenmütterchen! nur ein einziges Mal: laß die Sorgen, die grauen!
Mir ist froh. Du sollst es noch sehen: an dem Mädel wächst mir mein
Meisterstück!«
Sie seufzte und gab ihm im stillen ganz recht. Daß er Ruth zu
sich nahm, das war ungefähr so, wie wenn ein Gelehrter eine recht
unentzifferbare Handschrift irgendwo ausgräbt, -- meinte sie; an der
liest er dann lieber und eifriger herum als am bestgeschriebenen Buch.
Es war nun einmal nicht anders: darin steckte sein Talent und sein
Beruf.
Erik ging fort; er wollte noch nach dem Bahnhof, um zu veranlassen, daß
Ruths Gepäckstücke durch einen Bauernwagen herübergeschafft würden; der
Onkel hatte sie bereits herausgeschickt.
Klare-Bel lag und dachte nach. Sie zwang sich dazu, an die Zeit zu
denken, die sie sonst immer in ihrer Erinnerung zurückschob. Es war
doch schön, daß Erik wieder so froh sein konnte und so voll von
sanguinischen Hoffnungen. Das war doch besser und natürlicher für ihn,
als diese langen, langen Leidensjahre, in denen nur der ~eine~ Gedanke
ihn erfüllte: wie seine Frau wieder gesund zu machen sei.
Ein einziger jahrelanger Kampf, -- ein schmerzensreicher, gräßlicher.
Namenloses hatte Klare-Bel aushalten müssen um seiner
Hoffnungszähigkeit willen, die nicht nachließ, nichts unversucht ließ,
die noch ans Unmögliche anrannte, und mit unermüdlichem Trotz den alten
Kampf immer wieder aufnahm. Es war nicht leicht, denn wegen einer
geringen Herzschwäche durfte bei Klare-Bel die Narkose nicht angewendet
werden. Aber immer wieder wußte er sie zu neuem Wagnis, neuer Qual zu
überreden und mit seinem unbegrenzten Einfluß zu zwingen. Er war in
diesem Kampfe zum Arzt geworden; was er früher aus Lust und natürlicher
Begabung nebenher betrieben, wurde ihm Beruf. Seine ganze, ungeteilte
Kraft warf er hinein: er wollte es nicht glauben, nicht dulden, daß ein
einziger blöder und blinder Zufall auf Lebenszeit das Glück verschütten
könne.
Und nun, da er's glauben und dulden mußte, war es doch hart, alles das
umsonst geopfert zu haben, woran noch seine Hoffnungen gehangen hatten.
Und wenn Ruth ihm nur eine davon zurückgab, wollte Klare-Bel sie
lieben. Es war ja nicht mehr als eine kleine, späte und unscheinbare
Blume für einen ganzen Strauß, den das Leben ihm schuldig geblieben.
Noch nie war das Klare-Bel so klar geworden, wie heute, seit dem
Gespräch mit Ruth am Springbrunnen im Garten.
Jonas kam herein und setzte sich an das Fußende ihres Ruhebetts. Er
griff nach einem Bund Garn, das Klare-Bel abzuwickeln begonnen hatte,
und hielt es ihr auf den Fingern.
»Wird Ruth nun bei uns bleiben, Mama?« fragte er.
»Jawohl. Du hörtest es doch. Freut es dich nicht?«
»Ueber alles freut es mich. Nur werde ich mich jetzt so ganz umsonst
anstrengen.«
»Wie meinst du das, mein Kind?«
»Ich meine: Papa wird Ruth ganz gewiß viel lieber haben als mich. Ganz
gewiß. Sie ist sehr klug, -- meinst du nicht?«
»Das kann ich unmöglich wissen. Aber was ist das für ein Unsinn, Jonas.
Weil Papa dich lieb hat, will er ja, daß du dich mehr anstrengst und
besser vorwärts kommst.«
»Ach, Mama, ich strenge mich schon an so sehr, wie ich kann. Ich komme
ja auch vorwärts. Aber Papa ist so schwer zufrieden zu stellen. Er
ist der strengste Lehrer bei uns. Sie fürchten ihn alle. Aber ich am
meisten. Von mir verlangt er am meisten.«
»Darüber solltest du froh sein. -- Mach nur jetzt keine
Eifersüchteleien, Jonas; hörst du?«
Da lachte er über das ganze Gesicht, scheinbar völlig unmotiviert, so
daß er wirklich einfältig aussah.
»Nein, Mama, das thue ich gewiß nicht. Wenigstens nicht so, wie du es
meinst. Aber wenn es Ruth einfallen sollte, -- Papa lieber zu haben als
mich -- --«
»Aber Jonas!«
Er ließ das Garn vom Finger gleiten, so daß es fast in Verwirrung
geriet.
»Verzeih, Mama. Ich bringe es gleich wieder in Ordnung. -- Weißt du, du
hattest eben ganz recht, als du sagtest, ich solle nur froh sein, daß
Papa so viel verlangt. Das denkt sich nämlich Ruth angenehmer, als es
ist. Sie wird das noch merken. Und ich werde nie etwas Unangenehmes von
ihr verlangen.«
»Du bist wirklich ein recht dummer und unnützer Junge!« sagte Klare-Bel
ärgerlich und sah sich ihren Sprößling genauer an. Er machte ein ganz
treuherziges Gesicht. Das Lachen hatte sich in die Winkel der Augen
verkrochen. »Wenn Papa so was hörte. Und da wunderst du dich noch, wenn
Papa Ruth dir vorziehen sollte.«
»Ich wundere mich ja gar nicht, Mama. Das kann ich ihm doch nie im
Leben übelnehmen. Wie sollte Ruth ihm denn nicht besser gefallen als
ich?«
»Wo steckt Ruth nur eigentlich?«
»Sie ist oben in die Giebelstube gelaufen, wo Gonne noch
herumwirtschaftet. Um sich ihre Wohnung selbst herzurichten, sagt sie.«
Als Erik vom Bahnhof zurückkam, und Ruths Kopf oben aus dem offenen
Fenster herausschaute, stieg er zu ihr hinauf. Das kleine, nach
hinten zu abgeschrägte Gemach war schon in Ordnung. Außer dem heute
beschafften Bett und einer großen Holzkiste, die durch zierlich
gekrauste und gefaltete Mullvorhänge beinahe das Aussehen einer
wirklichen Waschtoilette bekommen hatte, gab es jedoch hier noch
nicht viel zu sehen. Ein Geruch von Seife und frisch aufgenommenem
Oelanstrich machte sich bemerklich.
Ruth saß auf dem schmalen Fensterbrett, zu dessen Seiten schon
kleine weiße Gardinen niederhingen; die Leiter lehnte noch daneben.
Ein leichter Wind bewegte die Zweige der großen alten Ulme vor der
Terrasse, so daß sie am Fenster auf und nieder schwankten und fast
Ruths Gesicht berührten. Man sah von hier oben nur in die Wipfel der
Bäume, und das, fand Ruth, sah lustig aus: wie ein grünes rauschendes
Gewoge, von dem man sich einbilden konnte, es schwebe in der Luft, ohne
Stamm und Wurzel. Wie viele Vögel mochten im Sommer darin nisten! Und
unter dem vorspringenden Dach, gleich über dem Fenster, klebten zwei
vorjährige Schwalbennester.
Als Erik auf die Schwelle trat und die Einrichtung des Zimmers
bemerkte, fing er an zu lachen.
»Es ist wahrhaftig ein richtiger Karzer, wie gemacht für böse Kinder,
die eine Strafe abbüßen sollen,« sagte er und blieb im Rahmen der Thür
stehen, »oder für Durchgänger, die man mit Gewalt einsperren muß.
Meinst du nicht, Ruth?«
»Nein. Es ist sehr schön!« versetzte sie mit Nachdruck und nahm es fast
übel, daß er ihre Wohnung verspotten konnte; »es ist nur noch nicht
fertig, und das ist das schönste. Wenn ich drin bin, wird es von selbst
fertig. Es ist sehr schön. Ganz so, wie ich es haben will.«
»Das ist freilich die Hauptsache, meine kleine Königin,« gab er
lächelnd zu und kam zu ihr ans Fenster; »als wir zuerst aus dem
Auslande angereist kamen, da sahen die Stuben in unsrer Stadtwohnung
auch nicht viel besser aus. Und es gefiel mir auch ganz gut. Man konnte
so ganz von vorn und nach eigenem Ermessen anfangen.«
Sie wandte sich halb nach ihm um und sah ihn mit Interesse an.
»Ach ja!« sagte sie, »aber außerdem muß es doch schrecklich schwer
gewesen sein, -- da von der kleinen Insel weg -- und hierher; weg vom
Meer und von all den vielen Leuten?«
Er hatte seine Hände auf ihre schmächtigen Schultern gelegt und zwang
sie mit sanftem Druck nach dem Rücken zu, denn es machte ihm heimlich
Sorge, daß sie sich so gern vornüberneigten.
»Warum schwer?« fragte er dabei mit seiner ruhigen Stimme, »hier gibt
es ja auch Buben und Mädchen genug zu unterrichten, -- schlimme kleine
Mädchen mit ganz schlimmen Aufsätzen, wie du weißt.«
»Ach, -- die!« sagte sie im Tone tiefer Verachtung und zuckte mit den
Achseln, »die sind's nicht wert.«
»Auch du?« fragte er zweifelnd und sah sie aufmerksam von der Seite an.
»Ja, auch ich,« meinte sie treuherzig.
»Du bist ja ungeheuer demütig heute,« bemerkte er, »allzu demütig,
Ruth. Das ist nicht gut.«
»Warum ist nun das auch wieder nicht gut?« fragte sie zerstreut.
»Weil es nicht aus dir selbst herauskommt, Mädel. Nicht aus deiner
Natur. Es ist, wie wenn jemand eine Stellung festhalten wollte, für die
er sich verrenken muß. Das sollst du nicht thun.«
Sie erwiderte nichts darauf, vielleicht hörte sie kaum hin. Ihre
Gedanken waren auf etwas andres gerichtet, das sie nicht anzubringen
wußte. Nach einer kleinen Pause sagte sie leiser: »Sie sehen so froh
aus. In den Augen -- und überhaupt. Warum?«
»Weil ich dich wieder habe, mein Kind,« entgegnete er ernst.
»Mich! aber all die andern?«
»Wen denn, Ruth?«
Nun hielt sie es nicht länger aus.
»Ich meine: bloß Buben und Mädchen zu unterrichten, die es gar nicht
wert sind, und sonst nichts! Anstatt etwas ganz andres thun zu dürfen,
etwas viel, viel Größeres, -- so groß wie ein Meer mit allen Schiffen
darauf,« versuchte sie es auseinanderzusetzen und nestelte dabei, ohne
es zu merken, erregt an seiner Uhrkette.
Er sah erstaunt auf sie nieder.
»Phantasierst du, Kind? Du sollst dem nicht so nachgeben,« sagte er
eindringlich, »was hast du eigentlich zusammengedichtet? Du mußt es
klar sagen können. Nun?«
»Es ist ja etwas Wirkliches!« rief sie schüchtern, »es ist gar keine
Phantasie. Wir sprachen im Garten darüber, -- am Vormittag.«
»Mit meiner Frau?«
Ruth nickte.
»Sie hat mir erzählt. Von früher und von jetzt. Sie erzählt so
wunderschön! Ganz wunderschön erzählt sie.«
»So. Thut sie das? Ader was hat sie dir denn erzählt?« fragte er, und
sein Blick war forschend und gespannt.
»Alles. Und da, -- ja, da schien es mir so ganz entsetzlich, -- so
ganz unmöglich schien es mir, daß nichts daraus geworden ist. Aus all
den großen Plänen nichts geworden,« sagte sie leidenschaftlich, und
ihre Finger umklammerten die Uhrkette, als müßte sie irgend etwas
zerbrechen, »nichts als eine Schulstube. Und daß es immer so bleiben
soll. Es kann ja nicht so bleiben.«
Sie sprach beinahe zornig, und in ihren Augen standen große Thränen.
Erik antwortete nicht gleich. Seine Hand hob sich und strich sanft
hin über ihr loses weiches Haar, und als Ruth aufblicken wollte, da
glitt die Hand tiefer und legte sich leise über die fragenden Augen.
Er schaute über sie weg, hinein in die grünen rauschenden Baumwipfel,
und kämpfte eine Erregung nieder. Ihm war seltsam zu Mute. Er wußte,
daß das, was Ruth empfand, nicht von seiner Frau kam; weder die
leidenschaftliche Auffassung, noch die phantastische Unklarheit des
Bedauerten war seiner Frau möglich. Noch nie, seit er sich verheiratet,
hatte er zu einem Menschen, hatte ein Mensch zu ihm von den
Enttäuschungen seines Lebens gesprochen. Und da stand sie nun, die ihn
seit vier Tagen kannte, in Zorn und Gram und Thränen und härmte sich um
diese Enttäuschungen, als seien es ihre eigenen.
Als mehrere Minuten in Schweigen verstrichen, bückte Ruth den Kopf
tiefer, und ihre Hand sank von seiner Uhrkette.
»Ich will es gewiß nie wieder sagen!« sagte sie leise, abbittend.
Er griff heftig nach ihrer Hand und preßte sie in der seinen zusammen.
»Du sollst mir immer alles sagen, alles, was dich beschäftigt,«
versetzte er ruhig, aber seine Stimme klang verändert und gedämpft,
»niemals sollst du Gedanken, die dich aufregen, vor mir verbergen,
-- und nun gar Kümmernisse, mein Kind, -- solche kindischen und
phantastischen Kümmernisse.«
Dann lehnte er sich gegen das Fensterbrett, vom Licht abgekehrt, das
Gesicht im Schatten.
»Ich will dir eine Geschichte erzählen, Ruth; soll ich?«
Sie nickte gehorsam, ohne den gesenkten Kopf zu heben; man konnte
sehen, daß ihr an dieser Geschichte nicht allzuviel lag, und daß sie
sich als Kind behandelt fühlte.
»Es war einmal ein Mann,« begann er, »den gelüstete es sehr, ein
großes, weites Feld zu bebauen, -- ein Feld, wohl so groß wie ein
Meer. Denn er wußte, der Boden war gut, und nur der Arbeiter gab es
noch wenige, -- viel zu wenige. Aber es kam anders, als er es sich
gewünscht hatte, und an dem großen Felde durfte er so gut wie gar nicht
mitarbeiten. Nur ganz fern, in einem äußersten Winkel desselben, wies
man ihm ein kleines Stückchen Erde an, wo er Kohl pflanzen konnte und
Kartoffeln. Nur eben genug, um zu leben.«
Sie hatte längst die Augen mit aufblitzendem Verständnis zu ihm
aufgeschlagen. Groß, ungeduldig hingen sie an seinen Lippen. Ihre ganze
Seele war in diesen Augen.
»Und da --?« fragte sie atemlos.
»Und da,« fuhr er fort, »fand er eines Tages unter seinen Kohl- und
Kartoffelstauden eine fremdartige kleine Pflanze. Von irgendwoher
mochte ihr Samenkörnchen in diesen Boden gefallen sein. Es war nur
ein unscheinbarer, zarter Trieb, dem man noch nicht ansehen konnte,
was darin steckte. Aber vielleicht konnte er sich einmal zum Bäumchen
auswachsen. Und wenn das gelang, -- wenn ein guter Gärtner an diesem
Bäumchen unablässig seine Dienste that, und wenn das Bäumchen sich
willig behandeln und biegen, pfropfen und beschneiden ließ, -- dann, --
ja, dann konnte es am Ende seltnere Früchte tragen, als irgend etwas,
was sonst auf dem Feldwinkel wuchs.«
»Bin ich das Bäumchen?« fragte sie naiv und glitt leise vom
Fensterbrett.
Er antwortete nicht, aber er zog sie näher an sich, so daß ihr Haar
seine Schultern berührte. Auf ihrem Gesicht lag ein Ausdruck, der kein
Lächeln war und kein Ernst, und doch wie ein gesteigerter Abglanz von
beiden, der einer Ekstase glich. Er erinnerte Erik plötzlich an jenen
Aufsatz mit der Ueberschrift: »Seligkeit!« Zum erstenmal erinnerte
ihn dieses schmale Kindergesicht mit den beredten Augen und den
geschweiften Lippen an die Verse im Schulheft.
»Möchtest du ein solches Bäumchen für den Gärtner werden, Ruth?« fragte
er sie mit gesenkter Stimme.
Sie atmete tief auf.
»Noch lieber möchte ich der Gärtner werden,« sagte sie unerwartet,
»aber es ist vielleicht fast dasselbe.«