II.

Erik saß bei Ruths Onkel und Tante im Empfangssalon, hielt Hut und

Handschuhe auf den Knieen und blickte nachdenklich darauf nieder,

während er dem Gespräch der beiden zuhörte.

»Ich finde, mit deiner Reise stimmt es gut zusammen, Mathilde,« sagte

der Onkel jetzt, »denn während du mit Liuba in Wiesbaden bist, ist

Ruth gerade so ganz unbeaufsichtigt hier. Ich weiß ohnedies nicht, was

die Kleine mit den langen Ferien anfangen soll, da in diesem Jahr die

meisten Bekannten nicht aufs Land, sondern ins Ausland gehen.«

Erik besaß ein scharfes Auge für die Außenseite von Menschen und wurde

stark durch dieselbe beeinflußt. Der Onkel, mit seinem aschblonden,

schon etwas graugemischten Haar und Bart, mit den schmächtigen

Schultern seiner elegant gebauten Gestalt und mit seinen frauenhaft

feinen Händen, gefiel ihm recht gut. In Ton und Haltung erinnerte

er ein wenig an Ruth. Dagegen empfand Erik gegen die Tante eine

ausgesprochene Antipathie.

»Solche Besuche bei allerlei Bekannten auf dem Lande wären jetzt

auch durchaus keine geeignete Beschäftigung für Ruth,« bemerkte

er aufblickend; »sie muß zu thun haben, -- wirkliche Arbeit

und Anstrengung muß sie haben. Selbst körperliche oder geistige

Ueberanstrengung wäre noch besser als Mangel an Beschäftigung. In

diesen Jahren braucht man starke Nahrung, und Ruth braucht sie am

meisten.«

»Siehst du; was sage ich immer?« fiel die Tante ein, und nickte ihrem

Mann bedeutsam zu; »ich sage immer: man läßt sie viel zu viel gewähren.

Aber du hast das immer am bequemsten gefunden.«

»Lieber Gott! was wolltest du denn auch mit solchem kleinen

Frauenzimmer anfangen,« versetzte der Onkel begütigend, »man konnte sie

doch nicht etwa anstellen, Stuben zu scheuern?«

»Nein, weißt du, lieber Louis! das brauchst du mir wirklich nicht

vorzuhalten, -- es ist ja gerade, als ob ich Ruth Dinge verrichten

ließe, die sich nur für den niedersten Dienstboten schicken!« sagte

seine Frau, die scherzende Uebertreibung unerbittlich ernst nehmend,

»aber ein wenig sich im Häuslichen umsehen, -- das hätte Ruth ganz wohl

können. Liuba wird ja auch dazu angehalten. Es ist doch nun einmal der

Beruf der Frau.«

Erik betrachtete mit schlecht verhehltem Spott in den Augen die große,

stattliche Erscheinung der Tante, an der es ihm charakteristisch für

ihr ganzes Wesen vorkam, daß die ihr gewohnten guten Formen des äußeren

Benehmens einen gewissen Mangel an natürlicher Grazie nicht verdecken

konnten.

»Was das anbetrifft,« unterbrach er sie ungeduldig, »so brauchen Sie

sich dieser Versäumnis wegen nicht weiter anzuklagen. In einem so von

allen Seiten bedienten Hause bleibt die sogenannte ›häusliche Hilfe‹,

bestehe sie nun im Blumenbegießen oder Kaffeekochen, im besten Fall

eine gleichgültige Spielerei, -- im schlimmern Fall weckt sie die

Einbildung, man habe etwas geleistet. Dagegen hätte ich gegen das

Stubenscheuern nicht viel einzuwenden.«

Der Onkel lachte erfreut auf. »Jetzt haben Sie es aber mit meiner Frau

gründlich verdorben!« drohte er scherzend, »aber ich muß bekennen,

daß ich gar nicht begreife, warum sie alle beide so versessen darauf

sind, Ruth ins Joch zu spannen. Natürlich habe ich nicht das Geringste

gegen den Unterricht, den Sie vorhin als wünschenswert vorschlugen,

-- im Gegenteil, es freut mich für die Kleine. Aber ich möchte Sie

doch bitten, das mit dem Stubenscheuern auch nicht einmal symbolisch

auszuführen. Nicht ins Geistige zu übertragen. Machen Sie es nur nicht

zu ernsthaft. Ruth ist es so gewohnt, umherzulaufen und in ihrer

Faulheit vergnügt zu sein.«

»Ich glaube, Sie täuschen sich,« entgegnete Erik in bestimmtem Ton,

»Ruth ist weder faul noch vergnügt. Sie ist es gewohnt, sich in einem

selbstgemachten Traumdasein vollständig zu erschöpfen. Sie ist dadurch

zum Teil ihrem Alter vorausgeeilt, zum Teil aber auch hinter ihrem

Alter zurückgeblieben. Ich habe noch nie eine so ungleiche Entwicklung

gesehen. Wenn dieselbe nicht rechtzeitig aufgehalten wird, so läuft

Ruth Gefahr, an ihrer Phantasie geistig zu erkranken.«

Der Onkel schüttelte verwundert den Kopf.

»Das ist doch kurios,« sagte er, »ich habe Ruth stets für ein höchst

praktisches kleines Frauenzimmer gehalten. Von Phantasie war doch nie

eine Spur an ihr zu bemerken. Alles was sie sagt, ist ja so direkt

und nüchtern. Und am liebsten sagt sie gar nichts. Sie sollten nur

wissen, wie nüchtern sie in allem ist, wo die jungen Mädchen sonst

ihre Phantasie sitzen haben! Das hat mir stets so gut gefallen. Da kann

Liuba gar nicht mitkommen.«

Seine Frau sah ihn verletzt an.

»Glücklicherweise nicht!« bestätigte sie etwas erregt, »Liuba würde

nicht umhergehen, wie in einen grauen Sack gekleidet, bloß weil es

so am bequemsten ist. Und überhaupt, -- denken Sie nur, neulich höre

ich, wie meine Tochter zu Ruth sagt: ›paß nur auf; wenn du ein Jahr

älter bist, dann wirst du schon wissen, was schön und häßlich ist, und

wirst am Spiegel fragen: Wie gefall' ich ihm?‹ -- -- Mein Gott, Sie

wissen ja, wie junge Mädchen so untereinander reden! Aber was antwortet

Ruth darauf? Sie lacht nur, und dann fragt sie erstaunt: ›Warum nicht

lieber: wie gefällt er mir?‹«

In diesem Augenblick ging die Thür auf, und Ruth trat ein.

Sie kam aus ihrem Zimmer, ohne eine Ahnung, daß sie Besuch vorfinden

würde. Als sie so unerwartet Erik erblickte, fuhr sie zurück und wurde

glühend rot. Diese plötzliche Anwesenheit seiner Person inmitten der

Ihrigen, die ihr so fern standen, -- die unerwünschte Vermischung

eines sie ganz erfüllenden Bildes mit der Umgebung, die sie mied und

floh, machte einen ganz seltsamen Eindruck auf sie. Etwa so, wie

wenn eine Traumgestalt aus herrlichen Phantasien ins wirkliche Leben

niedersteigt, um ein banales Gespräch zu führen; -- etwa so, wie wenn

man das Intimste, was nicht einmal Worte besitzt, in die Sprache des

Pöbels übersetzt findet.

Daß Erik herkommen, daß er sich überhaupt mit ihren Verwandten

auseinandersetzen mußte, das fiel ihr nicht im geringsten ein. Er

hätte das schon so einrichten müssen, daß es eine Angelegenheit aus

einer andern Welt -- aus ~ihrer~ Welt blieb. Lieber noch wäre sie dann

des Nachts, heimlich, und auf bloßen Füßen bis zu ihm hingelaufen.

Entsetzlich rot und linkisch sah sie aus, wie sie sich da, verlegen und

mit scheuem Gesicht, in die Thürspalte drückte. Aber nicht Verlegenheit

empfand sie, sondern eine unentwirrbare Mischung von Zorn und Scham,

-- Scham darüber, daß etwas Zartes, ihr Zugehöriges, vor fremden Augen

herumgezeigt und besprochen wurde.

»Nun, Ruth, benimmt man sich so?« bemerkte die Tante verweisend,

»kannst du nicht näher kommen?«

Da that sie etwas Wunderliches. Sie hob beide Hände vor die Augen, und

so, mit scheuklappenartig verdecktem Gesicht, ging sie, wie ein Kind,

das sich vor fremden Gästen fürchtet, durch das Zimmer bis vor den

geschnitzten, runden Sofatisch, um den sie saßen.

Der Onkel lachte, seine Frau schüttelte mißbilligend den Kopf und sagte

strafend: »Ein so großes Mädchen!«

Erik, der bei Ruths Eintreten den Kopf nach ihr gewandt hatte, blickte

sie schweigend und aufmerksam an. Als sie dicht neben ihm stand, hob er

die Hand und zog ihr die Hände vom Gesicht fort. »Warum willst du mich

heute nicht ansehen, Ruth?« fragte er sie.

Sie antwortete nicht. Noch war sie sehr rot und hielt die Augen zu

Boden gesenkt. Dieses »Du«, das er zu ihr sagte, und das sie gestern so

dankbar hingerissen hatte, verletzte sie heute beinahe. Es klang ganz

anders -- hier, an dieser Stelle, -- es klang wie die Anrede, die man

einem Kinde gegenüber wählt, das unter lauter Erwachsenen dasteht.

Ja, sie stand ihm und den andern ~gegenüber~, und sie verhandelten da

über sie, als wäre sie verraten und verkauft, -- als handle es sich gar

nicht um ihre -- ~ihre~ eigene, ~eigenste~ Angelegenheit.

Durch Erik fühlte sie sich verraten und verkauft.

»Sie lernen ja Ruth von einer liebenswürdigen Seite kennen,« meinte

der Onkel, noch immer lächelnd, »aber sie ist nicht so schlimm, wie es

aussieht. Was ist dir nur in die Krone gefahren, Kleine? Verlegen hab'

ich dich noch nie gesehen.«

Erik, der sie unverwandt ansah, suchte jetzt die Aufmerksamkeit von ihr

abzulenken.

»Wir wollen schon mit einander zurechtkommen,« sagte er mit warmer

Stimme und wandte sich an den Onkel mit einer Frage wegen Tag und

Stunde des geplanten Unterrichts.

Ruth stand teilnahmlos daneben, ohne die Wechselreden der andern zu

beachten. Nur die Röte wich allmählich von ihrem Gesicht und machte

einem Ausdruck verhaltener Traurigkeit und Enttäuschung Platz. Sie

blickte nicht auf, sondern studierte eingehend das glänzende Muster

des Parkettfußbodens.

Da, als Erik schon Miene machte, sich zu verabschieden, hörte sie

ihren Onkel sagen: »Also, wenn es Ihnen wirklich kein zu großes Opfer

ist, erwarten wir Sie jedesmal hier, am Nachmittag, nach Ihren

Schulstunden!«

»Nein!« warf Ruth plötzlich laut dazwischen. Es war, als ob sie

aufwachte. Erstaunt und blitzend gingen ihre Augen vom einen zum

andern; »~hierher?~ das ist ja ein Irrtum. Ich werde hinauskommen.«

Alle sahen sie verwundert an, als sie das so kategorisch, ohne eine

Spur von Befangenheit erklärte. Erik aber erhob sich rasch.

»Das ist am Ende wirklich das Bessere,« stimmte er ihr unwillkürlich

bei, »und wenn Ruth den Weg nicht scheut und den Abend dann bei uns

verbringen will, so wäre es in der That während dieser Sommertage

vorzuziehen.«

Er sprach nicht mehr mit ganz der gleichen, überlegenen Sicherheit wie

vorhin, sondern etwas hastig. Ein schwacher Reflex von dem, was Ruth so

peinigend und störend an der Situation berührt hatte, schien jetzt auch

auf ihn überzugehen, als ahne oder begriffe er plötzlich ihre zornige

Scheu. Als er ihre Augen so vorwurfsvoll und mit einem unkindlichen,

fast strengen Blick auf sich gerichtet sah, da kam es ihm selbst mit

einemmal sonderbar vor, daß er sie anderswo um sich hatte haben wollen,

als in seinem eigenen, stillen Zimmer, -- dort, wo sie zu ihm gekommen

war. Beinahe hätte der Zufall es so gefügt. Aber sie ließ keinen Zufall

zu. Klar und zwingend wie eine Vision stand vor ihren Augen, was sie

sich ersehnt und erträumt hatte.

Während Erik mit ihrem Onkel das Zimmer verließ, und die Tante

hinausging, blieb Ruth regungslos stehen, die Hände auf dem Rücken,

den Kopf gebückt, wie immer, wenn etwas sie sehr beschäftigte. Im

Flur hörte sie die Hausthür gehen, dann einen raschen Schritt auf der

steinernen Treppe. Darauf wurde es ganz still.

Sie sah das Zimmer wie durch einen Schleier, überschüttet von

blendendem Sonnenlicht, das durch die hohen Blattgewächse und

Palmengruppen in beiden Fensterecken hindurchschimmerte und an den

vergoldeten Rahmen der Gemälde aufblitzte, die schon einen dünnen

Tüllbezug gegen Staub und Licht erhalten hatten.

Ruth ging langsam auf den Stuhl zu, auf dem Erik vorhin gesessen hatte.

Sie setzte sich hin, legte beide Arme auf den Tisch und den Kopf

darauf.

Ruth(#75251) · 第 5 / 19 题