Erik saß bei Ruths Onkel und Tante im Empfangssalon, hielt Hut und
Handschuhe auf den Knieen und blickte nachdenklich darauf nieder,
während er dem Gespräch der beiden zuhörte.
»Ich finde, mit deiner Reise stimmt es gut zusammen, Mathilde,« sagte
der Onkel jetzt, »denn während du mit Liuba in Wiesbaden bist, ist
Ruth gerade so ganz unbeaufsichtigt hier. Ich weiß ohnedies nicht, was
die Kleine mit den langen Ferien anfangen soll, da in diesem Jahr die
meisten Bekannten nicht aufs Land, sondern ins Ausland gehen.«
Erik besaß ein scharfes Auge für die Außenseite von Menschen und wurde
stark durch dieselbe beeinflußt. Der Onkel, mit seinem aschblonden,
schon etwas graugemischten Haar und Bart, mit den schmächtigen
Schultern seiner elegant gebauten Gestalt und mit seinen frauenhaft
feinen Händen, gefiel ihm recht gut. In Ton und Haltung erinnerte
er ein wenig an Ruth. Dagegen empfand Erik gegen die Tante eine
ausgesprochene Antipathie.
»Solche Besuche bei allerlei Bekannten auf dem Lande wären jetzt
auch durchaus keine geeignete Beschäftigung für Ruth,« bemerkte
er aufblickend; »sie muß zu thun haben, -- wirkliche Arbeit
und Anstrengung muß sie haben. Selbst körperliche oder geistige
Ueberanstrengung wäre noch besser als Mangel an Beschäftigung. In
diesen Jahren braucht man starke Nahrung, und Ruth braucht sie am
meisten.«
»Siehst du; was sage ich immer?« fiel die Tante ein, und nickte ihrem
Mann bedeutsam zu; »ich sage immer: man läßt sie viel zu viel gewähren.
Aber du hast das immer am bequemsten gefunden.«
»Lieber Gott! was wolltest du denn auch mit solchem kleinen
Frauenzimmer anfangen,« versetzte der Onkel begütigend, »man konnte sie
doch nicht etwa anstellen, Stuben zu scheuern?«
»Nein, weißt du, lieber Louis! das brauchst du mir wirklich nicht
vorzuhalten, -- es ist ja gerade, als ob ich Ruth Dinge verrichten
ließe, die sich nur für den niedersten Dienstboten schicken!« sagte
seine Frau, die scherzende Uebertreibung unerbittlich ernst nehmend,
»aber ein wenig sich im Häuslichen umsehen, -- das hätte Ruth ganz wohl
können. Liuba wird ja auch dazu angehalten. Es ist doch nun einmal der
Beruf der Frau.«
Erik betrachtete mit schlecht verhehltem Spott in den Augen die große,
stattliche Erscheinung der Tante, an der es ihm charakteristisch für
ihr ganzes Wesen vorkam, daß die ihr gewohnten guten Formen des äußeren
Benehmens einen gewissen Mangel an natürlicher Grazie nicht verdecken
konnten.
»Was das anbetrifft,« unterbrach er sie ungeduldig, »so brauchen Sie
sich dieser Versäumnis wegen nicht weiter anzuklagen. In einem so von
allen Seiten bedienten Hause bleibt die sogenannte ›häusliche Hilfe‹,
bestehe sie nun im Blumenbegießen oder Kaffeekochen, im besten Fall
eine gleichgültige Spielerei, -- im schlimmern Fall weckt sie die
Einbildung, man habe etwas geleistet. Dagegen hätte ich gegen das
Stubenscheuern nicht viel einzuwenden.«
Der Onkel lachte erfreut auf. »Jetzt haben Sie es aber mit meiner Frau
gründlich verdorben!« drohte er scherzend, »aber ich muß bekennen,
daß ich gar nicht begreife, warum sie alle beide so versessen darauf
sind, Ruth ins Joch zu spannen. Natürlich habe ich nicht das Geringste
gegen den Unterricht, den Sie vorhin als wünschenswert vorschlugen,
-- im Gegenteil, es freut mich für die Kleine. Aber ich möchte Sie
doch bitten, das mit dem Stubenscheuern auch nicht einmal symbolisch
auszuführen. Nicht ins Geistige zu übertragen. Machen Sie es nur nicht
zu ernsthaft. Ruth ist es so gewohnt, umherzulaufen und in ihrer
Faulheit vergnügt zu sein.«
»Ich glaube, Sie täuschen sich,« entgegnete Erik in bestimmtem Ton,
»Ruth ist weder faul noch vergnügt. Sie ist es gewohnt, sich in einem
selbstgemachten Traumdasein vollständig zu erschöpfen. Sie ist dadurch
zum Teil ihrem Alter vorausgeeilt, zum Teil aber auch hinter ihrem
Alter zurückgeblieben. Ich habe noch nie eine so ungleiche Entwicklung
gesehen. Wenn dieselbe nicht rechtzeitig aufgehalten wird, so läuft
Ruth Gefahr, an ihrer Phantasie geistig zu erkranken.«
Der Onkel schüttelte verwundert den Kopf.
»Das ist doch kurios,« sagte er, »ich habe Ruth stets für ein höchst
praktisches kleines Frauenzimmer gehalten. Von Phantasie war doch nie
eine Spur an ihr zu bemerken. Alles was sie sagt, ist ja so direkt
und nüchtern. Und am liebsten sagt sie gar nichts. Sie sollten nur
wissen, wie nüchtern sie in allem ist, wo die jungen Mädchen sonst
ihre Phantasie sitzen haben! Das hat mir stets so gut gefallen. Da kann
Liuba gar nicht mitkommen.«
Seine Frau sah ihn verletzt an.
»Glücklicherweise nicht!« bestätigte sie etwas erregt, »Liuba würde
nicht umhergehen, wie in einen grauen Sack gekleidet, bloß weil es
so am bequemsten ist. Und überhaupt, -- denken Sie nur, neulich höre
ich, wie meine Tochter zu Ruth sagt: ›paß nur auf; wenn du ein Jahr
älter bist, dann wirst du schon wissen, was schön und häßlich ist, und
wirst am Spiegel fragen: Wie gefall' ich ihm?‹ -- -- Mein Gott, Sie
wissen ja, wie junge Mädchen so untereinander reden! Aber was antwortet
Ruth darauf? Sie lacht nur, und dann fragt sie erstaunt: ›Warum nicht
lieber: wie gefällt er mir?‹«
In diesem Augenblick ging die Thür auf, und Ruth trat ein.
Sie kam aus ihrem Zimmer, ohne eine Ahnung, daß sie Besuch vorfinden
würde. Als sie so unerwartet Erik erblickte, fuhr sie zurück und wurde
glühend rot. Diese plötzliche Anwesenheit seiner Person inmitten der
Ihrigen, die ihr so fern standen, -- die unerwünschte Vermischung
eines sie ganz erfüllenden Bildes mit der Umgebung, die sie mied und
floh, machte einen ganz seltsamen Eindruck auf sie. Etwa so, wie
wenn eine Traumgestalt aus herrlichen Phantasien ins wirkliche Leben
niedersteigt, um ein banales Gespräch zu führen; -- etwa so, wie wenn
man das Intimste, was nicht einmal Worte besitzt, in die Sprache des
Pöbels übersetzt findet.
Daß Erik herkommen, daß er sich überhaupt mit ihren Verwandten
auseinandersetzen mußte, das fiel ihr nicht im geringsten ein. Er
hätte das schon so einrichten müssen, daß es eine Angelegenheit aus
einer andern Welt -- aus ~ihrer~ Welt blieb. Lieber noch wäre sie dann
des Nachts, heimlich, und auf bloßen Füßen bis zu ihm hingelaufen.
Entsetzlich rot und linkisch sah sie aus, wie sie sich da, verlegen und
mit scheuem Gesicht, in die Thürspalte drückte. Aber nicht Verlegenheit
empfand sie, sondern eine unentwirrbare Mischung von Zorn und Scham,
-- Scham darüber, daß etwas Zartes, ihr Zugehöriges, vor fremden Augen
herumgezeigt und besprochen wurde.
»Nun, Ruth, benimmt man sich so?« bemerkte die Tante verweisend,
»kannst du nicht näher kommen?«
Da that sie etwas Wunderliches. Sie hob beide Hände vor die Augen, und
so, mit scheuklappenartig verdecktem Gesicht, ging sie, wie ein Kind,
das sich vor fremden Gästen fürchtet, durch das Zimmer bis vor den
geschnitzten, runden Sofatisch, um den sie saßen.
Der Onkel lachte, seine Frau schüttelte mißbilligend den Kopf und sagte
strafend: »Ein so großes Mädchen!«
Erik, der bei Ruths Eintreten den Kopf nach ihr gewandt hatte, blickte
sie schweigend und aufmerksam an. Als sie dicht neben ihm stand, hob er
die Hand und zog ihr die Hände vom Gesicht fort. »Warum willst du mich
heute nicht ansehen, Ruth?« fragte er sie.
Sie antwortete nicht. Noch war sie sehr rot und hielt die Augen zu
Boden gesenkt. Dieses »Du«, das er zu ihr sagte, und das sie gestern so
dankbar hingerissen hatte, verletzte sie heute beinahe. Es klang ganz
anders -- hier, an dieser Stelle, -- es klang wie die Anrede, die man
einem Kinde gegenüber wählt, das unter lauter Erwachsenen dasteht.
Ja, sie stand ihm und den andern ~gegenüber~, und sie verhandelten da
über sie, als wäre sie verraten und verkauft, -- als handle es sich gar
nicht um ihre -- ~ihre~ eigene, ~eigenste~ Angelegenheit.
Durch Erik fühlte sie sich verraten und verkauft.
»Sie lernen ja Ruth von einer liebenswürdigen Seite kennen,« meinte
der Onkel, noch immer lächelnd, »aber sie ist nicht so schlimm, wie es
aussieht. Was ist dir nur in die Krone gefahren, Kleine? Verlegen hab'
ich dich noch nie gesehen.«
Erik, der sie unverwandt ansah, suchte jetzt die Aufmerksamkeit von ihr
abzulenken.
»Wir wollen schon mit einander zurechtkommen,« sagte er mit warmer
Stimme und wandte sich an den Onkel mit einer Frage wegen Tag und
Stunde des geplanten Unterrichts.
Ruth stand teilnahmlos daneben, ohne die Wechselreden der andern zu
beachten. Nur die Röte wich allmählich von ihrem Gesicht und machte
einem Ausdruck verhaltener Traurigkeit und Enttäuschung Platz. Sie
blickte nicht auf, sondern studierte eingehend das glänzende Muster
des Parkettfußbodens.
Da, als Erik schon Miene machte, sich zu verabschieden, hörte sie
ihren Onkel sagen: »Also, wenn es Ihnen wirklich kein zu großes Opfer
ist, erwarten wir Sie jedesmal hier, am Nachmittag, nach Ihren
Schulstunden!«
»Nein!« warf Ruth plötzlich laut dazwischen. Es war, als ob sie
aufwachte. Erstaunt und blitzend gingen ihre Augen vom einen zum
andern; »~hierher?~ das ist ja ein Irrtum. Ich werde hinauskommen.«
Alle sahen sie verwundert an, als sie das so kategorisch, ohne eine
Spur von Befangenheit erklärte. Erik aber erhob sich rasch.
»Das ist am Ende wirklich das Bessere,« stimmte er ihr unwillkürlich
bei, »und wenn Ruth den Weg nicht scheut und den Abend dann bei uns
verbringen will, so wäre es in der That während dieser Sommertage
vorzuziehen.«
Er sprach nicht mehr mit ganz der gleichen, überlegenen Sicherheit wie
vorhin, sondern etwas hastig. Ein schwacher Reflex von dem, was Ruth so
peinigend und störend an der Situation berührt hatte, schien jetzt auch
auf ihn überzugehen, als ahne oder begriffe er plötzlich ihre zornige
Scheu. Als er ihre Augen so vorwurfsvoll und mit einem unkindlichen,
fast strengen Blick auf sich gerichtet sah, da kam es ihm selbst mit
einemmal sonderbar vor, daß er sie anderswo um sich hatte haben wollen,
als in seinem eigenen, stillen Zimmer, -- dort, wo sie zu ihm gekommen
war. Beinahe hätte der Zufall es so gefügt. Aber sie ließ keinen Zufall
zu. Klar und zwingend wie eine Vision stand vor ihren Augen, was sie
sich ersehnt und erträumt hatte.
Während Erik mit ihrem Onkel das Zimmer verließ, und die Tante
hinausging, blieb Ruth regungslos stehen, die Hände auf dem Rücken,
den Kopf gebückt, wie immer, wenn etwas sie sehr beschäftigte. Im
Flur hörte sie die Hausthür gehen, dann einen raschen Schritt auf der
steinernen Treppe. Darauf wurde es ganz still.
Sie sah das Zimmer wie durch einen Schleier, überschüttet von
blendendem Sonnenlicht, das durch die hohen Blattgewächse und
Palmengruppen in beiden Fensterecken hindurchschimmerte und an den
vergoldeten Rahmen der Gemälde aufblitzte, die schon einen dünnen
Tüllbezug gegen Staub und Licht erhalten hatten.
Ruth ging langsam auf den Stuhl zu, auf dem Erik vorhin gesessen hatte.
Sie setzte sich hin, legte beide Arme auf den Tisch und den Kopf
darauf.