Die Thür fiel ins Schloß. --

* * * * *

Ruth war pünktlich um vier Uhr, zur festgesetzten Mittagsstunde, im

Speisesaal erschienen, der, hoch und groß, mit dunkeln Mahagonimöbeln

ausgestattet, in der Mitte einer Flucht von Gemächern lag. Sie hatte

ihren äußern Menschen so glatt gebürstet und gestriegelt, wie der

Onkel, die Tante und die Cousine sich zu tragen pflegten, und saß

schweigsam auf ihrem Platz am Tisch, den ein Diener in weißbaumwollenen

Handschuhen geräuschlos bediente. Während des Essens, das die

Beteiligten in ausgiebigster Weise beschäftigte, blieb die Unterhaltung

recht einsilbig. Der Onkel liebte keine langen Tischgespräche, und

seine Frau hatte genug damit zu thun, ihn mit den richtigen Stücken zu

versorgen.

Erst als die Mundspüler von grünem Glas, die kein Mensch benutzte, vor

jeden einzelnen niedergesetzt waren, und vor der Tante die silberne

Kaffeemaschine stand, auf der sie den Kaffee immer eigenhändig

bereitete, wurde es ein wenig lebhafter bei Tisch. Darauf schien Ruth

nur gewartet zu haben. Sie erhob sich leise von ihrem Sitz und wollte

verschwinden.

»Gehst du schon auf dein Zimmer, mein Kind?« fragte die Tante, »dann

sieh dich mal darin um. So unordentlich, so wenig zierlich sollte es

bei keinem jungen Mädchen im Zimmer aussehen.«

Ruth machte eine Armesündermiene. »Ich will wunderschön aufräumen,«

sagte sie eilig; »darf ich dann bis zum Thee noch einmal fortgehn?«

»Bis zum Thee? Ist es denn etwas so Dringendes?«

»Es ist etwas Dringendes,« sagte Ruth. Der Onkel sah auf.

»Zu wem willst du denn gehn? Es ist wohl jemand aus der Schule?«

»Ja,« erklärte Ruth und rieb ungeduldig den Thürgriff, den sie schon in

der Hand hielt.

»Sage dem Diener, daß er dich begleitet und dort auf dich wartet.«

Der Onkel blickte ihr nach, wie sie leise die Thür hinter sich schloß.

»Ein merkwürdig bequemes Ding ist sie doch,« meinte er dann, seine

Cigarette anzündend, »ich kenne niemand, der weniger verlangt und sich

weniger bemerkbar macht als sie.«

»Weil man ihr alles gewährt,« ergänzte die Tante mit ihrer etwas hohen

Stimme, die den baltischen Accent noch unangenehmer hervortreten ließ.

Sie war eine Baronesse aus Livland.

»Alles? nun weißt du, ein andres Kind würde nicht so zurückhaltend

sein. Sie weiß zum Beispiel: dies ist die Stunde des intimsten,

ungestörtesten Beisammenseins, -- und immer geht sie fort. Aber mit

knapp sechzehn Jahren handelt man doch nicht aus Takt.«

»Nein, das thut sie auch nicht. Du idealisierst Ruth immer. Sie liebt

uns einfach nicht genug, um sich enger an uns zu schließen. Manchmal

denke ich: sie ist vielleicht herzlos.«

»Aber Mathilde! wie kannst du dem kleinen Ding etwas so Böses

nachsagen! Lies mal den letzten Brief aus Belgien, wie sie sie da in

der Pension loben und zurückverlangen.«

»Ja, das kennt man, mein Lieber. Sie war ein einträglicher Pensionär.

Und dann sind sie dort katholisch. Wie kann man ihnen trauen? Ich bin

es gerade, die deswegen für Ruths Uebersiedlung zu uns gewesen ist. Wir

sind doch schließlich verantwortlich für sie. Dafür, daß sie in Zucht

und Ordnung aufwächst. Was hat man davon, daß ihre Verwandten dort von

vlämischem Adel sind? Die Ansichten sind doch die Hauptsache. Und die

Leute dort kennt man nach der Richtung gar nicht.«

Der Onkel schwieg mit verdrießlichem Gesicht. Er wußte, daß für

seine Frau alle Menschen außerhalb der kleinen baltischen Provinzen

»diese Leute« waren, -- während für ihn, gerade umgekehrt, die

Welt erst jenseits der russischen Grenze anfing. Ihm kam nicht nur

die beschränkte provinzielle Exklusivität seiner Frau lächerlich

vor, sondern sogar auch ihr baltisches Heimatsgefühl. Mit seinem

französischen Namen und den sowohl deutschen wie slavischen Elementen

in seiner Familie fühlte er sich dermaßen als Kosmopolit, daß er nie

eine Gemütsbeziehung zu irgend einem Lande und Volke besessen hatte.

Er schalt und klagte nur deshalb nicht über Rußland, wie die meisten

seinesgleichen, weil er dies für unvornehm hielt.

»Ruth würde jetzt gewiß nicht von hier fortgehen mögen, Mama,« bemerkte

die Tochter, »jetzt, wo sie so gut wie erwachsen ist. Nirgends kann man

doch so gut in die Welt geführt werden wie hier.«

»Aber mir scheint, das will sie gar nicht,« versetzte der Onkel

lächelnd, der seine hübsche Tochter sehr gern in Gesellschaften

begleitete, »sie hat ja ohnehin so viel Welt und Menschen gesehn und

macht sich nichts daraus. Gott sei Dank also, daß wir mit ihr nicht

noch einmal dieselben Umstände haben werden, wie seit einem Jahre mit

dir, Liuba.«

»Nun bist du wahrhaftig im stande und setzest dein eigenes Kind

für Ruth herab,« sagte seine Frau nervös, die kein Gehör für einen

scherzenden Ton besaß, »laß sie doch nur in Gottes Namen nach Belgien

reisen!«

»Nein!« entgegnete er ärgerlich, drehte seinen Stuhl vom Tisch

ab, ergriff eine Zeitung und vergrub sich hinein. Als eine der

unangenehmsten Eigenschaften an seiner Frau war ihm stets ihre

unleugbare Vortrefflichkeit erschienen, gegen die es niemals einen

Appell gab, aber beinahe noch unangenehmer erschien ihm dieser

gänzliche Mangel an Humor.

Die Stunde des »intimsten, ungestörtesten Beisammenseins« war gründlich

verdorben. --

Ruth freilich ahnte nicht, daß sie von ihrem leeren Platz am Tisch

den unschuldigen Störenfried spielte, ja, sie hatte im Augenblick

vielleicht fast vergessen, in welchem Lande der Erde, ob in Belgien

oder Rußland oder Deutschland oder sonstwo sie sich befinde. Die

Hände auf dem Rücken verschränkt, den Kopf ein wenig gesenkt, ging

sie rastlos in ihrer Stube auf und ab, und dabei trug ihr Gesicht den

Ausdruck angestrengtesten Nachdenkens, wie vorhin auf der Schulbank

während des Unterrichts. Ihre Wangen waren heiß und lebhaft gerötet,

und von Zeit zu Zeit schüttelte sie den Kopf, als könne sie mir ihren

Gedanken nicht recht ins reine kommen.

Nach einer Weile blieb sie stehen, strich sich das Haar aus der Stirn

und entsann sich ihres Versprechens, »wunderschön aufzuräumen«. Damit

ging es außerordentlich rasch. Jedes einzelne Ding, das herumlag,

wurde in die ihm zunächstgelegene Schublade befördert, und als dies

gewissenhaft geschehen war, zeigte es sich, daß im Zimmer verblüffend

wenig Gegenstände übrig geblieben waren, die man nach der Vorschrift

der Tante »zierlich« hätte ordnen können. Es war ein ganz wohnliches

kleines Zimmer, mit hübschen Möbeln, einem rotsamtenen Ecksofa und

sogar einer Nippesetagère, auf der ein gläserner Mops stand. Aber

es trug nicht das Gepräge seiner Besitzerin, sondern das einer gut

eingerichteten Hotelstube. Weder Arbeiten noch Liebhabereien plauderten

etwas über das Wesen derjenigen aus, die hier schlief und lernte und

träumte. Es hatte den Anschein, als sage Ruth täglich auch zu dieser

Umgebung, wie vorhin in der Schule: »Ich gehe doch bald fort.«

Als Ruth fertig war, griff sie hastig nach einem weichen englischen

Wollbarett von leichter grauer Strickerei, setzte es wie eine

Knabenmütze auf den Kopf und rief den Diener aus der Dienerstube

neben der Küche. Dieser saß in seinem geblümten Zitzhemde, die Messer

putzend, rittlings auf einer Bank und sang dazu, so daß die Messer

im Takte flogen. Es war ein junger Tatar, sehr gewandt und, als

Mohammedaner, musterhaft nüchtern. Beten, singen und schlafen waren

seine liebsten Beschäftigungen. Wie er Ruth rufen hörte, schlüpfte er

eilig in seine dunkle Livree und öffnete ihr die Hausthür.

Sie ließ sich von ihm bis zum finnländischen Bahnhof begleiten; dort

entließ sie ihn.

»Jetzt kannst du zu deinen Bekannten gehn, Basil,« sagte sie zu ihm,

als er mit gezogenem Hut an der Waggonthür stand, »aber um neun Uhr

mußt du mich hier wieder erwarten.«

Er nickte verständnisvoll mit dem kurzgeschorenen Kopf, der oben eine

kreisrunde, glatt ausrasierte Stelle zeigte, sah aber dabei seine

kleine Herrin etwas besorgt an. Er wollte gern zu »seinen Bekannten«

gehn, aber unerhört kam es ihm vor, sie so schutzlos in die weite

Welt hinauffahren zu lassen, namentlich gegen Abend, wo es so viele

Betrunkene auf den Straßen gab.

»Dürfte ich nicht um die Erlaubnis bitten, mitzufahren?« fragte er und

kämpfte mit dem heroischen Entschluß, freiwillig aus sein Vergnügen zu

verzichten.

Ruth lachte über sein pfiffiges Tatarengesicht, das eben jetzt fast

treuherzig aussah, und schüttelte den Kopf.

»Wo ich jetzt hingehe, darf niemand mitgehen!« sagte sie feierlich.

Während der Fahrt blickte sie ungeduldig hinaus, wie eine, die froh

ist, alles hinter sich zu lassen; die kurze Strecke kam ihr lang

vor, als führe sie wirklich weit -- weit, in eine ganz andre Welt.

Aber als sie dann am kleinen Stationsgebäude ausstieg und sich nach

dem richtigen Wege durchfragen mußte, da wurde ihr bänglich zu Mut.

Was ihr vorgeschwebt hatte, -- zwingend, unwiderstehlich, -- war

ein ganz bestimmtes Traumbild, und solange nur ihre Phantasie daran

herummalte, schien alles sich ihr von selbst zu verwirklichen. Das

Wirklichkeitsbild aber, das ihr jetzt fremd entgegentrat und in den

Traum eingriff, verschüchterte sie; es wäre eigentlich schöner gewesen,

wenn alles sich auch noch weiter so von innen heraus geformt hätte, wie

man es sich eben träumen läßt.

Die bange Empfindung nahm nicht ab, sondern zu, wie sie endlich dem

Hause nahe kam, das sie suchte. Es war ihr, als erwache sie plötzlich

und befinde sich todesallein in wildfremder Gegend. Eine förmliche

Angst überfiel sie vor lauter Schüchternheit und wie gelähmt blieb sie

am Gartengitter stehen.

Da lag das Haus vor ihr; eine Magd fegte auf dem breiten Kiesweg vorn

die Strohhalme zusammen, die bis auf die Straße verstreut waren, und

daneben stand ein Knabe, den Hut im Nacken, und sah zu. Der mußte sie

sicher gleich bemerken. Am liebsten wäre sie wieder umgekehrt.

»Die Augen zumachen -- fortlaufen!« dachte sie sehnsüchtig. Aber das

durfte sie nicht. Ihren eigenen Willen durfte sie ganz gewiß nicht

hinterdrein im Stich lassen.

Da sang eine Nachtigall im Fliedergebüsch am Zaun.

Und leise -- leise, mit werbendem Klang, lockte aus der Tiefe des

Gartens die zweite.

Ruths Augen schweiften am Hause vorbei über den Garten und blieben

entzückt darauf haften.

»Der Frühling!« sagte sie jauchzend, ganz laut.

Sie hatte ihn noch gar nicht gesehen in diesem Jahr. Nun erst ward sie

sich dessen bewußt, daß sie doch soeben, auf dem Wege vom Bahnhof,

unter grünenden Birken gegangen war, und daß im Grase am Wegrand weiße

Anemonen standen. Jetzt kam es ihr vor, als sei das nur so ein wenig

Frühling gewesen, der von den Menschen, die aus diesem Garten traten,

unterwegs verstreut wurde. Aber hier war der Frühling zu Haus, von hier

mußte er kommen; und nun stand sie dicht am Gitter, hinter welchem er

blühte. In dem rotgoldenen Duft, den die Sonne darum wob, schaute er

mit der eben aufbrechenden Obstblüte und dem zarten Laub der Bäume wie

ein Märchen hinter dem alten Hause hervor. Da einzutreten, das war

fast, als ob man aus einem Traum gar nicht herauskam.

Jonas hatte sich neugierig der Gartenpforte genähert, an der jemand

stand, von dem er nicht recht wußte, ob es ein Mädchen sei.

»Ich möchte hier herein!« sagte Ruth bittend. --

Erik und Klare-Bel saßen an dem noch nicht abgedeckten Mittagstisch im

Wohnzimmer an der Terrasse, und wie immer erzählte Erik seiner Frau

lebhaft und mitteilsam von den kleinen Begebenheiten des Tages. Voll

Humor schilderte er ihr die Mädchenschule und Ruth. Warwaras Besuch in

der Stadtwohnung erwähnte er nur flüchtig.

Da kam Jonas atemlos ins Zimmer gestürzt. »Papa! da ist jemand, der

dich sprechen will. Ruth heißt sie. Ich habe sie in dein Arbeitszimmer

geführt.«

»Aber Jonas!« rief seine Mutter, »wie konntest du das nur thun! Da drin

muß es ja noch schauderhaft aussehen! Bringe sie doch herüber, Erik!

bitte, bringe sie lieber herüber! Wenn Gonne nur abräumen möchte!«

Erik hörte es nicht mehr. Er war schon fort.

Als er raschen Schrittes über den Flur in sein Zimmer trat, stand Ruth

mitten in demselben, etwas vornübergeneigt und die Hände fest gegen die

Brust gedrückt. Der erste Eindruck, den er empfing, war wieder der des

Scheuen, Vereinsamten, wie in dem Augenblick, wo sie so still gesagt

hatte: »Mir hilft niemand!« Wie er sie so dastehen sah und sie ihm mit

großen, bangen Augen entgegenblickte, erinnerte sie in keinem Zuge mehr

an den ausgelassenen Jungen im Schulhof.

Erik kam nur undeutlich die Vorstellung davon, daß man im Fall eines

unerwarteten Besuches zunächst einen Stuhl anbietet und irgend etwas

Freundliches sagt. All dies Gethue kam ihm wie zu einer andern

Welt gehörig vor, -- jedes konventionelle Wort vergaß er dieser

schüchternen, kindlichen, sichtlich aufs tiefste ergriffenen Gestalt

gegenüber. Es war, als stände sie auf einer einsamen Insel, am weiten

Meeresstrande, ganz allein vor ihm -- ein Kind aus dem Volke -- und

ringsum nichts als ein paar schwebende Möwen über ihren Köpfen.

Ganz unwillkürlich, aus diesem Eindruck heraus, fand er nur das Wort

der Freude: »Kommst du zu mir?«

Das »Du« wirkte wie eine Erlösung auf sie. Es schien ihr in dieser

Einfachheit ein Zauberwort, das die fremde, herzbeklemmende

Wirklichkeit mit einem Schlage verwandelte, -- sie umwandelte zur

traumhaften Verwirklichung dessen, was Ruth ersehnt und ersonnen hatte.

Sie machte einen Schritt auf Erik zu, ein heller Ausdruck flog über ihr

ganzes Gesicht, und die Hände fester gegen die Brust pressend, deren

Herzklopfen ihr den Atem benahm, sagte sie kindlich: »Danke!«

Er hatte sich auf einen der umherstehenden Stühle gesetzt und faßte

ihre Hände in den seinen zusammen. Die Hände zitterten, und es fiel

ihm auf, wie blaß und schmächtig sie aussah, wenn nicht der Ausdruck

übermütiger Lebenslust, den er an ihr gesehen, darüber wegtäuschte.

»Fürchtest du dich?« fragte er, und sein Blick ruhte aus dem schmalen

Gesichtchen.

Sie nickte ganz leise mit dem Kopfe, und noch immer zitterte sie, wie

ein Vogel, auf den eine fremde Hand sich legt.

»Du fürchtest dich doch nicht vor mir, zu dem du kamst? Sage mir,

weshalb du kamst.«

Sie nahm ihre Mütze vom Kopf und besann sich. In Gedanken durchlief

sie die ganze Entstehungsgeschichte ihres Entschlusses, vom ersten

Schuleindruck an, -- aber die ließ sich ja, so weitläufig und verworren

wie sie war, ganz gewiß nicht wiedererzählen. Sie versuchte, die

Hauptsache herauszuholen. Aber nun vergaß sie alles. Es war rein

unmöglich.

Und plötzlich brach Ruth in Thränen aus.

»Mein liebes Kind!« sagte er sanft, und strich ihr das lose, lockige

Haar aus der Stirn, das über das gesenkte Gesicht gefallen war. Dann

nahm er ihre Hände wieder in die seinen.

»Hast du Vertrauen zu mir?« fragte er.

»Ja!« sagte sie leise.

»Unbedingtes?«

»Ja!« sagte sie wieder.

»Dann darfst du weder zittern noch dich fürchten. Versuche jetzt einmal

ganz fest, es zu bezwingen. Ganz fest, hörst du? Es wird schon gehn.«

Sie machte eine Anstrengung, das nervöse Beben, das durch ihren Körper

ging, zu unterdrücken. Er wartete ruhig einige Augenblicke, bis es ihr

gelungen war. Dann beharrte er auf seiner ersten Frage: »So. Und nun

sage mir, weshalb du kamst. Sage es, so gut du kannst. Versuche es nur.

Ich werde dir helfen.«

Sie seufzte und begann unsicher. »Ich komme nun bald nicht mehr in die

Schule --«

»Nein. Ich weiß. Und --?«

»Und da mußte ich hierher.«

Sie brach ab, wie um ihre Gedanken zu ordnen, dann fügte sie schüchtern

hinzu, mit einem rührenden Ausdruck: »Ich bin ja allein!«

Erik wurde es warm bis ins innerste Herz. Nie noch meinte er eine so

tiefe, so heilige Zärtlichkeit empfunden zu haben, wie diesem Kinde

gegenüber. Der Wunsch, sich ihr zu widmen, die Hand auf sie zu legen,

wie auf etwas, das ihm zugehörte, ward plötzlich so stark in ihm, daß

er ihn unwillkürlich als bereits erfüllt nahm und kein Hindernis gelten

ließ.

»Möchtest du hierher gehören, Ruth?« fragte er.

»Ach ja!« rief sie lebhaft, und dann sagte sie mit Inbrunst: »Immer!«

Ihr Gesicht hatte sich verändert, die Augen sahen jetzt ganz dunkel aus

und lachten aus den nassen Wimpern. Sie hätte so gern wieder gesagte

»Danke!« Denn es lag der Inbegriff all ihres Denkens und Fühlens in dem

Worte ausgesprochen. Aber sie scheute sich, es zu wiederholen.

Erik sah ernsthaft vor sich nieder, als erwäge er nachdenklich einen

Plan.

»Nach dem Verlassen der Schule würdest du wohl noch mancherlei

Unterricht erhalten,« bemerkte er, sie zur Wirklichkeit zurückführend,

»wenigstens wäre das in hohem Grade wünschenswert. Möchtest du ihn bei

mir nehmen?«

Sie nickte eifrig.

»Gut. Wir würden also miteinander arbeiten,« -- und in leichtem Tone

setzte er hinzu: »sehr viel arbeiten, Ruth! Wirst du das auch wollen?

In dem Aufsatz da, -- der hat uns ja zu einander geführt, nicht wahr?

-- nun, da steht fast ebensoviel zum Erschrecken wie zum Freuen. Einen

so ungeordneten kleinen Kopf, mit so krausen, wilden, unfertigen

Einfällen und Vorstellungen habe ich noch gar nicht gesehen. Glaubst du

das wohl?«

Sie lächelte nur und sah ihn vertrauensvoll an, als ob sie dächte: »Du

wirst es schon ordnen und entwirren!«

Er blickte schweigend auf sie hin, und wieder erschien sie ihm wie ein

scheuer, kleiner, mattgeflogener Vogel, der sich hilflos verflattert

hat, und sich mit einemmal in einemn weichen Neste findet.

Draußen zögerte die Maisonne am Himmel, und durch den feinen Nebel

hindurch, der von den feuchten Wiesen jenseits des Gartens aufstieg,

fielen ihre Strahlen beinahe rot, wie flüssiger Purpur. Die beiden noch

vorhanglosen Fenster gingen direkt auf den Hintergarten hinaus.

Ein herber, frischer Duft nach Birkenknospen wehte mit dem lauen

Abendwind ins Zimmer, und unermüdlich tönte das inbrünstige Locken der

Nachtigallen.

Während Erik auf Ruth schaute, kam ihm eine störende Erinnerung.

»Erzähle mir doch,« sagte er unerwartet, »was denn das für ein Mann

war, den du auf der Straße grüßtest?«

Sie errötete etwas und wurde verlegen, aber um ihre Mundwinkel zuckte

es dabei, wie von verhaltenem Mutwillen. Auf den Wangen erschienen

verräterisch zwei Schelmengrübchen.

»Ich -- -- -- ach, der! Den kenne ich ja gar nicht.«

»Aber er sah dich doch so an, als ob ihr euch recht gut kenntet. Wie

kam denn das?«

»Ja, das kam so,« begann sie mit einem Seufzer, und überlegte, »-- es

ist wirklich nicht leicht zu erzählen. Ich habe ihn mir ausgesucht,

aber er weiß ja nichts davon.«

»Ausgesucht? Aber, liebes Kind, das kann doch kein Mensch verstehen,«

sagte er ungeduldig, »nimm dich besser zusammen, Ruth! sprich

deutlicher. -- Nun?«

»Ich will ja!« rief sie eingeschüchtert, »es ist bloß so schwer! Es

war eine bloße Geschichte, -- die wir untereinander spielten, -- im

Schulhof, in der Frühstückspause, -- und da mußte jemand vorkommen, der

ungefähr so aussah. Und da -- habe ich mir diesen ausgesucht, weil es

schöner geht, wenn man dabei an einen lebendigen Menschen denkt.«

»Aber was sollte er denn davon denken? Zum Beispiel schon davon, daß du

ihn zuerst grüßtest?«

»Das mußte ich ja thun! Wie sollte er sonst wissen, was er zu thun

hatte? Ob er grüßen durfte?«

»Und wenn er nun auf der Straße mit dir angebunden hätte? Hast du denn

das nicht überlegt?«

Sie sah erstaunt auf.

»Das durfte er ja gar nicht. Das hätte gar nicht in seine Rolle gepaßt.

Er mußte edel und unglücklich sein.«

Erik entfuhr ein kurzer Laut. Seine Augen blickten ernst, fast besorgt

auf sie.

»In eurem kindischen Spiel -- ja. Aber in der Wirklichkeit?« fragte er

langsam. »Kannst du deine Gedanken nicht besser in Zucht nehmen? Kannst

du das nicht auseinander halten? Das mußt du können, Ruth! Und nun

sage mir, was du gethan hättest, wenn er aus der eingebildeten Rolle

gefallen wäre?«

Sie dachte nach.

»Dann hätte ich die Augen zugemacht und wäre fortgelaufen.«

»Wärst du denn dadurch unsichtbar geworden, daß du die Augen zumachst?«

»Ich? Nein! aber doch er. Denn dann hätte ich ja einen andern suchen

müssen.«

»Einen andern?!«

Sie nickte.

»Es gibt ihrer viele!« versicherte sie treuherzig.

»Und das hättest du wirklich gethan? Besinne dich mal! Wäre es dir

wirklich auch dann noch nicht klar geworden, wie kindisch und dreist

dein Benehmen war?«

Ruth sah unglücklich aus. Offenbar machte er ihr einen Vorwurf.

Sie dachte nach, was er nur damit meinen könnte? Sie konnte nicht

begreifen, was dieser fremde Mann, außerhalb seiner Rolle, sie kümmern

sollte?

»Ich brauchte ihn, und da nahm ich ihn mir!« rief sie mit kläglichem

Gesicht.

Erik stand auf und ging ein paarmal durchs Zimmer. Dann blieb er vor

Ruth stehen, die sich auf die Kante seines Stuhles gesetzt hatte.

»Sage mir, gibt es mehr solcher fremder Menschen, die du auf der Straße

grüßest?«

»Ja. Alle Straßen sind voll davon.«

»-- Männer --?« fragte er zögernd.

»Auch Männer. Ich brauche immer frische für die Schule. Auch Frauen,

Kinder, alte Leute.«

»Was meinst du damit, daß du Männer ›für die Schule‹ brauchst?«

»In den Geschichten für die Mädchen muß immer einer vorkommen. Am

liebsten einer mit einem kleinen Schnurrbart. Aber ich habe auch andre

Geschichten, -- viel, viel schönere, -- wunderschöne,« fügte sie

lebhaft hinzu, -- »und die mit Kindern sind nur die liebsten.«

»Erzählst du die den Mädchen in der Schule nicht?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Sie finden sie nicht schön!« sagte Ruth traurig.

Er setzte sich zu ihr auf einen Ledersessel, der am Fenster stand, und

neigte sich ein wenig vor.

»Willst du sie künftig mir erzählen?« fragte er ernst, »aber

alle, ohne eine Ausnahme. Und ohne einen Winkel, in den ich nicht

hineinsehen könnte. Ich muß alles wissen und hören, was durch diesen

phantastischen, unnützen Kopf geht. Wir wollen einen ordentlichen

Vertrag machen: du sollst sie auch niemand sonst mehr erzählen. Nur

mir. Immer, mit allem hierher kommen. Du wolltest ja hierher gehören.

-- Wirst du es bedingungslos und gehorsam thun?«

Ihre Augen waren groß und dankerfüllt auf ihn gerichtet; er konnte

es an ihrem Gesicht sehen, wie die Gedanken in ihr vergebens nach

Ausdruck rangen, aber er hatte dennoch keine Ahnung davon, mit welch

einem innern Jubel ein neues Glück ihr aufging. Sie wollte es ihm

so gern sagen, aber in ihrem wortarmen Gefühl verstummte sie statt

dessen gänzlich, und plötzlich, als müßte sie sich anstatt des Wortes

wenigstens durch die Gebärde helfen, glitt sie nieder vom Stuhl und

kniete bei Erik hin, -- wie auf einen ihr nun zugewiesenen Platz,

erwartungsvoll, mit einem Blick wie ein Kind um Weihnachten.

Sie fühlte sich so glücklich. Zu Hause. Geborgen. Von hier aus mußte

alles Gute kommen.

Er strich ihr leise über das Haar. »Also höre unsern Vertrag zu Ende,«

sagte er in dem ruhigen Tone, unter dem sie ganz still wurde und

lauschte, »wenn du mir deine Geschichten schenkst, dann schenke ich dir

auch etwas. Du sollst, soweit es an mir liegt, nicht in deiner eigenen

Phantasie stecken bleiben, sondern mit klarem Blick so weit schweifen

lernen, wie das Leben -- das wirkliche, herrliche Leben -- reicht. Und,

wenn es auch anfangs Anstrengung von dir verlangen sollte, meinst du

nicht, daß ich dich damit etwas Schöneres lehren werde, als du bisher

dir geträumt und zusammengedichtet hast?«

»Ach ja!« rief sie sehnsüchtig, als strebe sie verlangend beide

Hände nach etwas Erwartetem aus, -- »das ist sie ja: von allen die

allerschönste Märchengeschichte!«

Ihm fiel der Ausdruck auf, weil sie ihn schon im Schulhof den Mädchen

gegenüber gebraucht hatte.

»Gerade das sagtest du ja, als du heute morgen den Mädchen erklärtest,

daß du etwas Neues vorhabest. Was war es denn?«

Zu seinem Erstaunen fuhr Ruth zusammen, und senkte den Kopf.

Erik sah betroffen aus.

»Was war es?« fragte er streng.

»Ich kann es nicht sagen,« versicherte sie scheu, »bitte, bitte nicht.«

Er faßte ihre Hand hart im Gelenk, so daß es sie schmerzte.

»Wenn es etwas ist, was dir so schwer fällt, auszusprechen, dann ist es

um so notwendiger, daß du es sagst. Ich muß es wissen, -- jetzt gleich,

Ruth.«

Sie versuchte, die schmerzende Hand aus der seinen zu ziehen, und als

es ihr nicht gelang, senkte sie das Gesicht noch tiefer, so daß es sich

an seinem Rockärmel fast versteckte.

Er bog ihren Kopf zurück und sah ihr in das Gesicht. Es war über und

über in Glut getaucht.

»Es hilft nichts, sich zu verstecken,« sagte er unerwartet sanft, »du

wirst mir immer nachgeben müssen, mein Kind. Mach es kurz!«

Ihre Hände schlangen sich nervös auf seinen Knieen ineinander, dann hob

sie sie mit einer bittenden Gebärde zu ihm auf.

»Es war nur, -- ich hatte alle diese Geschichten auf einmal so satt;

alles stockte auf einmal, -- nichts mochte ich mir weiter ausdenken. So

schön ich es mir auch ausdachte, mit so vielen Menschen drin ich es nur

auch ausdachte, -- ich blieb immer allein. Die Menschen grüßten, und

gingen vorüber. Und da -- da kam eine solche Sehnsucht, -- seit vier

Tagen solche Sehnsucht. Ich konnte nicht mehr spielen. Nie mehr.«

»Sehnsucht -- wohin?« fragte er halblaut.

»Hierher!« sagte sie mit leiser Stimme und wandte den Kopf hinweg.

Er ließ ihn frei, ließ zu, daß sie ihn wieder an seinem Rockärmel

versteckte.

Beide Arme hatte er um sie geschlungen.

Ruth(#75251) · 第 4 / 19 题