I.

In der Morgenstille war nichts vernehmbar als das helle, langgezogene

Trillern der kleinen Buchfinken im jungen Birkenlaub. Die breite,

ungepflasterte Straße, die sich, nicht weit von der russischen

Hauptstadt, in der Richtung der finnländischen Bahnlinie ins flache

Land erstreckte, lag einsam im Frühnebel da. Dann holperte ein

Leiterwagen, mit einigen Möbelstücken bepackt, schwerfällig des Weges;

der Fuhrmann kletterte von seinem Sitz, warf den kurzen Schafspelz von

den Schultern, und, im roten Hemde neben seinen beiden magern Gäulen

hergehend, stimmte er eine Volksweise an, die schwermütig in den

Vogelgesang hineinklang.

Hinter den Birken tauchte hie und da ein Landhaus auf, meist ein

Holzbau, mit geflossenen Fensterläden und bretterverschlagener

Balkonthür; oder es schimmerte ein Garten hervor, in dem man eifrig

beschäftigt war, das Winterlaub zusammenzukehren und die Beete für

den Sommer in stand zu setzen. Aber erst nach Beginn der städtischen

Schulferien wurde es in dieser Gegend lebendig.

Der Möbelwagen hielt vor einem Hause, das ganz abseits, weit entfernt

von jeder Nachbarschaft, zwischen niedrigem Weidengebüsch und etwas

feuchtem Wiesengrund lag. Es war nicht sonderlich groß, besaß aber

den schönsten Garten von allen. Die Frühlingsbäume, die es umstanden,

breiteten einen zarten, bräunlichen Schleier darüber, und rings über

den verwitterten Lattenzaun drängte sich der Flieder in hellgrünen

Blattknospen.

»Die Pforte von außen aufstoßen!« schrie eine vergnügte Stimme in

gebrochenem Russisch dem Fuhrmann entgegen, und gleich darauf kam ein

halbwüchsiger Knabe durch den Garten gelaufen. Langsam bewegte der

Wagen sich über den Kiesweg bis hinter das Haus, wo einige Stufen zur

offenen Terrasse mit der Eingangsthür emporführten.

Eine ältliche Magd, mit einer sonderbaren Friesenhaube auf dem Kopf,

wartete schon unten, griff kräftig mit an und ließ die abgeladenen

Möbelstücke in dem Wohnzimmer niedersetzen, das mit seinem breiten

Fenster auf die Terrasse hinaussah. Im Wohnzimmer stand die Thür zu

einem kleinem Nebengemach auf, das bereits vollständig eingerichtet zu

sein schien. Von den Sachen, die man, beim Auszug aus der Stadtwohnung,

im gemieteten Landhause vorrätig gefunden hatte, war offenbar alles

Beste und Bequemste hier zusammengetragen worden, um Ordnung und

Gemütlichkeit zu schaffen.

An der Thür, auf einem deckenumhangenen Ruhebett, lag eine bleiche,

nicht mehr junge Frau, deren feine Gesichtszüge jedoch Spuren

ungewöhnlicher einstiger Schönheit zeigten. Unter halbgesenkten

Augenlidern folgte sie aufmerksam jeder Bewegung der Kommenden und

Gehenden.

Da vernahm sie von der Terrasse her eine Stimme, bei der ein Lächeln

durch die großen blauen Augen ging.

»Erik!« rief sie bittend, »komm doch her zu mir. Komm doch her.«

Er stand vor dem Terrassenfenster, in dunkler Morgenjoppe, die Hände in

deren Seitentaschen versenkt, zwischen den Zähnen eine Zigarette. Auf

den Zuruf seiner Frau wandte er sich um und ging über den Flur in das

Zimmer.

Ihr schien immer: ein Strom von Leben käme mit ihm, wenn er so zu ihr

trat.

»Nun, Bel,« sagte er heiter, »du sollst sehen, jetzt bricht die

Sonne durch den Nebel, und dann trage ich dich in den Garten hinaus.

Deinen großen Liegestuhl haben wir schon dort hinten am Springbrunnen

aufgestellt.«

Sie schüttelte den Kopf.

»Ich habe keine Ruhe draußen, solange hier alles noch in solcher

Verwirrung ist. Wie mag es nur in deinen Zimmern aussehen, Erik?

Seitdem wir gestern herkamen, habt ihr nur für mich gesorgt. Ach, weißt

du, das ist das Schlimmste: im ganzen Leben wird nichts mehr recht

ordentlich werden. Alles wird herumliegen.«

»Aber, Bel!« versetzte er spottend, »welchen Sinn hätte es auch sonst,

aufzuräumen? Was sind das für Sorgen und Schmerzen!«

Doch Klare-Bel stimmte in den scherzenden Ton nicht mit ein, sondern

sah betrübt vor sich hin. Da fügte er ungeduldig hinzu: »Damit mußt du

dich ernstlich abfinden. Nicht immer wieder davon anfangen. Sicherlich

bist du dazu geschaffen, als die peinlichste aller Hausfrauen hinter

der blitzendsten aller Theemaschinen zu sitzen, und mußt nun statt

dessen, jahraus, jahrein, daliegen und es unthätig mit ansehen, wie

deine beiden männlichen Hausfrauen, Jonas und ich, es sorglos treiben.

Das ist schwer, ich weiß. Es ist schwer, sein Talent zu unterdrücken.

Aber es kann dir nicht erspart werden, du mußt es endlich überwinden.«

»Jonas könnte mir darin fast wie eine Tochter sein, Erik, wenn du nur

wolltest.«

»Daß er wie eine Tochter ist? Nein, natürlich will ich das nicht. Wie

kannst du nur solchen Unsinn sagen, Bel.«

»Es ist kein Unsinn, Erik. Du bist so streng gegen ihn, und daher ist

er gegen dich oft schüchtern, geht nicht recht aus sich heraus. Aber

mir zu dienen macht ihm Freude, -- auch in den häuslichen Dingen.

Kannst du mir diese Freude nicht lassen?«

»Nein,« sagte er kurz, »nicht so, wie du es meinst. Ich wünsche nicht,

daß er verweiblicht wird. An mir ist es, dir zu dienen --«

Er brach ab, weil die Magd hereintrat; sie wollte den Fuhrmann

ablohnen.

Erik legte Geld auf den Tisch, der, noch staubig, in die Mitte der

Stube gesetzt worden war.

»Dies ist das Trinkgeld, Gonne. Nein, es ist nichts darauf

herauszugeben. Wenig genug für viel Arbeit.«

Als sie hinausgegangen war, blickte er mit einem unterdrückten Lächeln

in den Geldbeutel und dann zu seiner Frau hinüber.

»Wir haben entsetzlich viel Geld, Bel. Natürlich. Wer sollte es uns

auch in diesem Winkel abnehmen. Nicht wahr?«

»Ach, Erik, das kann doch gar nicht sein. In diesem ›Winkel‹ haben

wir uns eins der teuersten Landhäuser ausgesucht. Ich habe ja nichts

dagegen zu sagen gewagt. Aber wenn du wüßtest, wie es mich im stillen

drückt. Denn du bist es ja, der seine ganze Kraft aufwenden muß, um das

viele Geld zu verdienen.«

»Meine ganze Kraft aufwenden!« wiederholte er langsam, »wie schade

ist es doch, Bel, daß es nicht wahr ist. Ich glaube fast, das wäre so

schön, daß ich's sogar umsonst thäte! Es dürfte dann freilich nicht

bei den paar armseligen Schulstunden bleiben. -- Nein, du, in diesem

heiligen Lande vergesse ich bald, daß ich überhaupt Kraft anzuwenden

~habe~. Und da wollen wir uns doch wenigstens des Lebens freuen, wenn

-- ich Geld habe. Sind wir nicht ganz eigens dazu vor einem halben Jahr

hierher gepilgert?«

Sie hörte nicht die Ironie aus seinem Ton heraus.

»Nun ja, Erik, es ist nur gut, daß dir immer alles zu leicht und zu

wenig scheint,« sagte sie, »du hast eine solche merkwürdige Frische.

Aber ich wüßte doch wahrhaftig nicht, wo du beim besten Willen noch

mehr Schulstunden hineinstopfen könntest?«

Ein Zug von Pein ging über sein Gesicht. Er antwortete nicht, sondern

kehrte sich ab und lehnte sich in das breite Fenster des Wohnzimmers.

Jonas war aus dem Garten hereingekommen, blieb neben dem Vater stehen

und blickte hinaus.

Draußen kämpfte der letzte Nebel gegen die Maisonne; man konnte in der

Tiefe des Gartens einzelne Obstbaumgruppen unterscheiden, in deren

Mitte ein zusammengebrochener Springbrunnen stand. Im Hintergrunde

schloß ein kleines Gehölz von Birken, Pappeln und Weiden, an denen noch

die Kätzchen niederhingen, die Aussicht ab. Näher zum Hause streckten

ein paar mächtige Ulmen ihre Zweige bis über das Dach.

Süß und laut schlug den beiden am Fenster die erste Nachtigall des

Jahres entgegen. Einen Augenblick lauschten sie stumm.

Wie die Gesichter von Vater und Sohn einander so nahe gerückt waren,

fiel die Aehnlichkeit zwischen ihnen auf; sie trat noch stärker

dadurch hervor, daß Erik sich bartlos trug. Derselbe blonde Kopf,

breit ausgebaut in Stirn und Schädelform, dieselbe ein wenig stumpf

abschließende Nase und derselbe große, im Sprechen und Lachen sehr

ausdrucksfähige Mund. Aber diese ein wenig groben Züge bedurften

sichtlich mancher Jahrzehnte, um durchgeistigt und fesselnd zu wirken.

Eriks Züge waren beredt geworden in all jenen feinen Linien und

Schatten, die ihnen erst seelischen Reiz verliehen, als die Jugend

von ihm ging. Jonas dagegen besaß noch ein frisches Apfelgesicht, das

in seiner vollendeten Harmlosigkeit ihn oft minder geweckt erscheinen

ließ, als er wirklich war. Schön konnte man an ihm nur die großen

Blauaugen der Mutter finden, und deren blendende Haut, die nur das

Krankenlager an ihr entfärbt hatte.

Klare-Bel lag still und blickte auf ihre beiden liebsten Menschen. In

ihren Gedanken sah sie Jonas schon herangereift zu der hochgewachsenen

Gestalt ihres Mannes; sie glaubte im Knaben ihn wiederzuerkennen, so

wie er damals war, als sie ihn kennen lernte und er um sie warb. Es

war ja auch gar keine so bedeutende Anzahl von Jahren, die ihn damals

von Jonas' Alter unterschied -- einundzwanzig Jahre zählte Erik erst,

als sein Knabe ihm geboren wurde. Sie fühlte jedesmal eine kleine

Regung von Stolz, wenn sie daran dachte. Hatte er sich doch toll

genug in sie verliebt, um sie, mitten in seiner leichtlebigen Pariser

Studentenzeit, frischweg vom Fleck zu heiraten! Er, der begabte,

ehrgeizige, früh weltmännisch geschulte Mann band sich an sie, das

einfache Kinderfräulein, das nur der Glücksfall einer günstigen

Stellung aus ihrer kleinen holländischen Vaterstadt Haarlem in die

vornehmen Gesellschaftskreise von Paris geführt hatte. Die fremden

Kinder an der Hand, hatte sie bewundernd in den Salon gelugt, in dem

er verkehrte. Später gingen sie von Paris nach Deutschland und nach

England und lebten ein paar Jahre von dem ganz geringen Vermögen, das

schnell verbraucht war. Eriks Studien waren breit angelegt gewesen,

sie sollten Geistes- und Naturwissenschaften gleichmäßig umfassen,

aber als Jonas zwei Jahre alt wurde, da galt es, sich mit eisernem

Fleiß zu konzentrieren und abzuschließen, um Brot zu erwerben. Eine

kleine Lehrstelle bot sich ihm, ganz aus der Welt, weit draußen im

Meer, auf einer friesischen Insel. Klare-Bel freute sich im Grunde,

daß ihre verrückte, glückliche Studentenehe in so stille, geordnete

Verhältnisse mündete, aber für Erik that es ihr leid. Denn erstens

war er sicherlich zu viel Größerem berufen, als zu diesem abhängigen

Stillleben für Weib und Kind, und dann konnte sie ihn sich auch gar

nicht anders vorstellen, als im ungeheuren Rahmen einer Weltstadt und

im vollen Verkehr mit einer gebildeten, raffinierten Gesellschaft, die

ihn fortriß, und die er fortriß. Wie sie ihn zuerst unter den einfachen

Menschen des Volkes dastehen sah, kam er ihr vor wie ein verzauberter

Prinz. Aber sie kannte ihn und zweifelte nicht: irgendwie werde er auch

schon die Leute verzaubern, bis sie seinen prinzlichen Ansprüchen

besser entsprächen.

Zu ihrer Verwunderung kam es jedoch ganz anders. Erik lehrte niemand

seine Art, wohl aber nahm er die der Leute an. Bald sah man ihn

ebenso oft im Schifferwams und in Lederhosen, wie in seiner frühern

Kleidung. Seine Umgebung färbte so stark auf ihn ab, daß er geradezu

echt in der Farbe erschien. Aber die Folge war, daß er seine Umgebung

beherrschte. Er gab sich nicht, wie Bel gefürchtet, Grübeleien über

seine weitausschauenden, ehrgeizigen Wünsche hin, vielleicht war er

eine zu aktive Natur dazu.

Was es nur gab, raffte er zusammen, um sich in der Gegenwart voll zu

bethätigen, und an die Zukunft, -- an die glaubte er so fest, wie ein

Kind an Gott.

Klare-Bel richtete sich ein wenig höher auf in ihren Kissen und stützte

den Kopf in die Hand. Weiter als bis hierher dachte sie niemals.

Ein Glanz froher Erinnerung lag auf ihrem Gesicht, der es verjüngte.

Die kunstvoll geordneten Locken, die, statt jeder festen Frisur,

dies Gesicht umrahmten, trugen noch dieselbe wunderhübsche Goldfarbe

wie damals. Nur am Hinterkopf waren sie durch das lange Liegen dünn

geworden, ja, dort hatte sich sogar eine ganz kleine, verheimlichte

Glatze gebildet.

»Jetzt müssen wir in die Schule wandern, Jonas,« bemerkte Erik und

wandte sich vom Fenster.

»Gehst du heute zu den Mädchen, Papa?« fragte der interessiert.

»Ja. Aber deshalb brauchst du mich nicht wieder am Thorweg der

Mädchenschule abzuwarten und dort herumzulungern,« versetzte Erik

mit einem Seitenblick, der Jonas verlegen machte. Ohne ein Wort zu

erwidern, trollte dieser sich aus der Stube.

»Jonas fängt früh an! Er artet dir nach, Erik!« sagte Klare-Bel

lächelnd, und als stände es mit ihren Worten in irgend einer

Gedankenverbindung, griff sie zwischen allerlei Sachen, die auf einem

niedrigen Tischchen neben ihrem Ruhebett standen, einen geöffneten

Brief heraus. »Hier liegt noch die Einladung. Wenn du wirklich absagen

willst, vergiß es nicht heute in der Stadt, oder gehst du persönlich

vor?«

Er streckte die Hand nach dem Brief aus und überflog ihn flüchtig. Es

war eine kurze Einladung, unterschrieben: Warwara Michailowna. Erik

kniff das Papier zerstreut in kleine Falten und warf es auf den Tisch.

»Ich möchte dich wohl was fragen, Erik.«

»Ja, Bel?«

»Sage mir: gehst du vielleicht nur deshalb nicht mehr in diesen ganzen

Kreis, weil sie dir gefährlich geworden ist?«

Er fing an zu lachen.

»Nein, Bel, darüber kannst du ruhig sein.«

»Aber hat sie dich nicht doch einen Augenblick recht stark gefesselt?«

»Das hat sie wohl. Das gelingt doch wohl jeder so reizenden koketten

Frau.«

»Junge Witwen hält man immer für kokett. Von Warwara würde ich es nicht

denken. Glaubst du das von ihr?«

Er sah seine Frau verwundert an.

»Ja, natürlich. Alle schönen Frauen sind es. Auch ist ihr nicht der

geringste Vorwurf daraus zu machen. Das gehört zu ihnen, wie die

Schönheit. Das Gegenteil wäre fast stilwidrig. -- Und es ist gut,

-- vielleicht ein Grund, warum die Schönheit keinen tiefern Schaden

anstiftet. Adieu, Bel: es ist Zeit für uns zum Bahnhof.«

Sie hielt ihm das Gesicht zum Kusse hin. Wie er sich aber zu ihr

niederbeugte, umfing sie seinen Hals mit beiden Händen und hielt ihn

einen Augenblick, zu ihm aufschauend, fest.

Er hielt geduldig still.

»Du!« sagte sie lachenden Mundes, ließ sich küssen, und ließ ihn los.

Erik und Jonas waren schon fortgegangen, und Gonne räumte eifrig und

geräuschvoll in den Stuben auf, als Klare-Bel noch über das letzte

Gespräch nachsann. Sie war wahrhaftig nicht grüblerisch und versonnen

angelegt; alles andre eher. Aber wenn man ewig so stillliegen mußte,

immer auf dem Rücken, und die Augen an der geweißten Zimmerdecke, so

geriet man zuletzt auf alles mögliche, und auch auf das Nachdenken. An

sich selbst dachte nun Klare-Bel eigentlich nie, stets nur indirekt.

Sie kannte im Grunde nur drei ernstliche, sozusagen hauptsächliche

Gedanken, die Sammlung heischten: Erik, Jonas, und die gefürchtete

Unordnung im Haushalt. Aber es war merkwürdig, wie viel man aus den

dreien machen konnte, wenn man sie geschickt kombinierte. Man hätte

meinen können, es seien tausend.

Erik hatte vorhin also gesagt: die Schönheit stifte keinen tiefern

Schaden an. Ja, das war gewiß ein rechtes Glück. Denn Erik war sehr

empfänglich für die Schönheit. Schon, als sie noch gesund herumging,

beunruhigte es sie. Sie selbst war glücklicherweise sehr schön, aber

sie war blond, und ihr schien es, als ob die Braunen ihn ebenfalls

interessierten. Gewiß hatte er sich ungezähltemal etwas verliebt. Aber

nur ein einziges Mal erschrak sie, -- schrak förmlich auf aus aller

bisherigen Freude. Während des zweiten Jahres auf der Insel. Da fing er

an, sie so viel allein zu lassen; manchmal war es ihr, als ob sie ihm

nicht mehr wie sonst genüge. Er wurde auch wortkarger. Und endlich --

ja endlich that sie dann, was er nie im Leben erfahren durfte: sie ging

ihm heimlich nach.

An einem weichen, dunkeln Aprilabend war's. Das Meer lag regungslos,

und am Himmel stand das erste Frühlingsgewitter. Sie sah ihn aus einem

kleinen Hause, hart an der Düne, heraustreten und an ihr vorbei, in

Gedanken verloren, heimgehen. In dem Häuschen wohnte die merkwürdigste

Frau auf der ganzen Insel. Bei allen stand sie in hohem Ansehen, wegen

ihres Verstandes, wegen ihrer Haltung in schweren und wechselvollen

Schicksalen, wegen eines seltenen Schatzes von Weisheit und Erfahrung,

aus dessen Fülle sie schöpfte, wenn ein feiner, liebevoller

Menschenkenner sie zum Sprechen brachte.

Es war Frau Larsen, eine lahme, sechzigjährige Frau.

Seit diesem Abend hegte Klare-Bel ein unbegrenztes Vertrauen zu ihrem

Mann. --

Erik verbrachte die ersten Morgenstunden mit Jonas in dessen Gymnasium;

gegen Mittag begab er sich in die große Hauptschule für Mädchen, die

ziemlich entfernt lag.

Er war in eine vorüberfahrende Pferdebahn eingestiegen, und an einer

der letzten Haltestellen sprang ein Kollege zu ihm ein. Dieser sah

erhitzt aus, behielt nach der Begrüßung den Hut in den Händen und

fächelte sich mit dem Taschentuch.

»Wie geht es, Herr Matthieux?« fragte er Erik, hastig atmend, »hier in

der Stadt ist der Mai schon unerträglich, -- wirklich, -- wenigstens im

Gehen. Und dabei wagt man nicht, den Sommerüberzieher abzulegen; jeden

Augenblick erwartet man wieder von der Newa her einen eisigen Windstoß.

Ohne Uebergänge, ohne Normaltemperatur. Ein möderisches Klima.«

Er begleitete seine Worte mit so vielen Gestikulationen, daß man den

Eindruck empfing, er werde sich nie im Leben wieder abkühlen. Erik

betrachtete mit raschem Blick den ihm gegenübersitzenden, ungefähr

gleichaltrigen Mann, auf dessen entblößtes, bereits stark gelichtetes

Haupthaar die grelle Maisonne wie spöttisch von draußen hereinsah.

»Ob das meine Zukunft hier ist? -- der Mai unerträglich!« dachte er,

und sagte laut: »Ich muß gestehen, ich habe eine Schwäche für diesen

russischen Frühling. Er mag unartig sein, vielleicht launischer und

gefährlicher wie jeder andre, aber dafür ist er ein Wunder. Er zögert

so lange und kommt dann so unerwartet und so unwahrscheinlich schön,

daß man seinen Augen nicht traut.«

»Ja, ja. Wenn man Augen dafür behalten kann. Ich reise nach Schulschluß

immer nach Deutschland zurück und erhole mich von den russischen

Windstößen und Verhältnissen. Ich schreibe an einem Werk, -- immer in

den Ferien in Deutschland. ~Das~ ist meine Erholung. Da bleibt für den

Sommer wenig übrig. So geht es uns eben allen -- allen, die wir uns

geistig überarbeiten müssen.«

Erik schwieg einen Moment, dann erwiderte er, wie wenn er einen stummen

Gedanken beende, ruhig: »Ich weiß mich freilich nur sehr zum Teil als

›Geistesarbeiter‹.«

»Ach, Sie meinen doch nicht, weil Sie da drüben, -- weil Sie etwas

lange in ländlichen Verhältnissen --? aber ich bitte Sie, bei Ihrem

Wissen und Ihrer Begabung! Warum sollten Sie nicht auch noch ein Werk

schreiben?«

Erik lachte.

»Nein, so meinte ich es nicht. Nicht daß ich drüben vielleicht ein

wenig verbauert sein könnte. Nicht den Mangel an Büchern. Denn

wir -- der Lehrer vor allen Dingen, arbeitet doch vorwiegend mit

Menschenmaterial. Wir gehören schon einigermaßen außerhalb der

Gelehrtenstube, scheint mir. Mitten in das Leben hinein.«

»Hm!« machte der Kollege, »ich finde, an die Menschen kommt man

doch nur sehr oberflächlich heran. Es bleibt wirklich nur die

Schreibtischarbeit. Aber sagen Sie doch mal: man sprach davon, daß Sie

vor ein paar Monaten eine Reihe von Vorträgen haben eröffnen wollen?

Was war es damit?«

Eriks Augen verdunkelten sich.

»Nichts war es damit!« sagte er kurz, »man hat mir den Saal

verweigert.«

»Sehen Sie, -- sehen Sie! das kommt von Ihrer unbequemen Auffassung

des Lehrerberufs außerhalb der Arbeitsstube. Man fürchtet, daß Sie

ein wenig lebhaft werden könnten. Wir gehen hier ja eben alle mit

gebundenen Händen, -- Sie wissen's doch! Aber mit Einem sollten Sie

sich wirklich trösten: es ~gibt~ hier ja gar keine Menschen, unter

denen irgend etwas zünden und wirken kann. Es gibt nur das Volk, zu

dem wir weder sprechen dürfen noch können, -- und ein Publikum, das

sich amüsieren will.«

Er hatte sich in Eifer gesprochen. Erik antwortete nicht. Die

Pferdebahn hielt und beide stiegen aus.

»Nun haben Sie noch neue Stunden an der Mädchenschule übernommen!«

nahm sein Begleiter das Gespräch wieder auf, und wie er jetzt langsam

einherschritt und das Straßenpflaster durch seine Brille fixierte,

sah er ebenso schwerfällig und versonnen aus, wie vorhin hastig und

zerfahren, »ja, da möchte man Sie am liebsten für alles ausnutzen! Sie

hatten diese Klasse ja erst im Herbst anzutreten.«

»Es war aber Not am Mann. Auch wollte ich die Mädchen kennen lernen,

Fühlung gewinnen, ehe ich sie im Herbst ganz übernehme.«

»Nun, Sie werden es satt kriegen. Wissen Sie, dieses Geschlecht ist

entsetzlich! Und nicht das geringste Talent für Mathematik unter ihnen.

Auch nicht das geringste. Rechnen können sie alle nicht.«

»Gott sei Dank!« sagte Erik.

»Nein, nehmen Sie es nicht humoristisch. Als Mädchenlehrer verlernt man

das Lachen. Unmöglich gefallen Ihnen die Backfische in Ihrer Klasse?«

»Hübsche Mädels!« entfuhr es Erik beinahe; als er aber die fast

bekümmerte Miene seines Begleiters gewahrte, verschluckte er es noch

rechtzeitig und erwiderte nur: »Sie bringen doch Anregung, Abwechslung.

Sehen Sie, hier in meiner Lederrolle: ein ganzer Stoß Aufsatzhefte.

Das kurioseste Zeug. Sie gehen noch auf meinen Vorgänger zurück; ich

ließ sie mir nur geben, um mich zu orientieren. Auch habe ich eine

wirkliche Merkwürdigkeit darunter gefunden.«

»Da bin ich nicht neugierig!« versicherte der Kollege von der

Mathematik und kniff die Augen zu, »wahrhaftig nicht. Aber Sie sind ein

beneidenswerter Mensch. Von Ihrem Vorgänger weiß ich, daß diese blauen

Aufsatzhefte ihm bisweilen noch des Nachts Alpdrücken verursachten.«

»Das war nur gerechte Strafe!« meinte Erik lachend, während sie einen

hohen Thorbogen durchschritten und in das Schulgebäude eintraten,

»warum gab er auch Aufsatzthemata, wie zum Beispiel das letzte hier:

›Ueber das Glück‹. Arme Mädels, die da in schönem Deutsch beschreiben

sollen, was sie doch noch gar nicht genossen haben.«

Sie blieben vor dem breiten steinernen Treppenhaus stehen, das von der

Flurhalle zu den Klassen emporführte.

»Deutsch schreiben lernen könnten sie doch jedenfalls daran, und das

ist ja wohl der Zweck,« bemerkte der Kollege steif, denn die letzte

Bemerkung hatte ihm höchlich mißfallen, »Ihr Vorgänger hat gewiß an

kein Glück gedacht, zu dem man die Schule verlassen haben muß. -- Aber

hier trennen sich wohl unsre Wege. Ich meine: wörtlich.«

»Also auf Wiedersehen!«

»Wünsche beste ›Anregung‹.«

Erik stieg hinauf und ging durch den hohen Hallengang, an welchem

die Klassenzimmer lagen. Er öffnete eines derselben und blickte auf

seine Uhr. Noch war die Frühstückspause nicht vorüber. Die meisten

Mädchen hatte der Maisonnenschein in den großen Schulhof gelockt;

man konnte sie durch das offene Fenster unten paarweise herumgehen

und spielen sehen. Dicht unter dem Fenster, an das er sich setzte,

stand der Brunnen mit einer Holzbank; dort machte es sich eine Gruppe

halberwachsener Mädchen bequem, -- das Kichern und Schwatzen drang

deutlich bis zu Erik herauf.

In den umliegenden Klassen und auf dem Gang war es ganz still; selten

nur klappte eine Thür oder wurde ein Ruf laut. Aus den zur Hälfte

niedergelassenen Fensterrouleaux brütete die Sonne und einzelne

Brummfliegen surrten um ein paar Brotkrumen aus den staubigen Pulten.

Erik hatte die blauen Hefte hervorgezogen und blätterte darin, wobei

er jedoch von Zeit zu Zeit einen Seufzer ausstieß. Im Grunde waren

dies wirklich recht langweilige Schulhefte. Solch ein Backfisch ist

interessant, ohne Zweifel, er ist als Mensch, als Weib, als Backfisch

interessant, und eine Welt für sich; aber von alledem kommt in den

Schulaufsatz nichts hinein. Kein Wunder! Ist es nicht schließlich

ebenso mit allen geschriebenen Büchern der Welt? Ist nicht der kleinste

Ausschnitt des wirklichen Lebens tausendmal reicher, aufschlußgebender?

Er stand auf und warf einen Blick auf die lachende, schwatzende

Mädchengruppe am Brunnen. Diejenigen, welche er von seinem Standort

sehen konnte, gehörten sicher seiner neuen Klasse an, hatten also

die langweiligen Aufsätze auf dem Gewissen. Er verzieh sie ihnen,

während er sie so anblickte, -- diese frischen Geschöpfe, die noch das

Vorrecht besaßen, ohne Schönheit schön zu sein. Es waren ganz bestimmte

Typen unter ihnen leicht zu unterscheiden, obgleich sie verschiedenen

Nationalitäten angehörten. Drei Sprachen schwirrten durcheinander.

Er unterschied am deutlichsten den mehr hausfraulichen und den mehr

weltlichen Typus. Beide besaßen etwas Anziehendes, -- sowohl dieser

schelmische Blick, der so weiblich ahnungsvoll unter den sorgfältig

gekrausten Stirnlöckchen hervorlugte, als auch der sanfte, sittsam

stille Augenaufschlag unter dem Madonnenscheitel. Das eigentlich

kindliche Genre war unter diesen Backfischen fast gar nicht mehr

vertreten. Und vielleicht deshalb auch so wenig Urtypisches im ganzen,

wenig Individuelles, -- man konnte sie schon klassifizieren, sie waren

schon fest geprägt durch ihre Umgebung, in der sie erzogen wurden, in

der es aber keine geborenen Erzieher und Menschenfischer nach Eriks

Ideal gab, sondern nur gewöhnliche Amts- und Standespersonen.

Unwillkürlich suchte seine Hand zwischen den Heften, als wünsche er

sich selbst Lügen zu strafen. Ja, hier stand die »Merkwürdigkeit« unter

den Aufsätzen, -- etwas höchst Individuelles jedenfalls.

Anstatt des vorgeschriebenen Titels »Ueber das Glück« trug er die

Ueberschrift »Seligkeit!« -- und wie ein Sehnen und Jauchzen klang dem

Lesenden etwas von dieser Ueberschrift aus jeder Zeile entgegen. Er

war nicht in vernünftiger, oder doch wenigstens korrigierbarer Prosa

geschrieben, sondern in Versen, -- in gänzlich unkorrigierbaren und

wilden Versen, in denen die Sprache Reißaus genommen hatte. Trotzdem

wirkten diese Verse, so fehlerhaft sie hingeschrieben waren. Oder

vielmehr: hingeträumt. Denn im Grunde glich dieses einem unklaren

Traum, einem bloßen Gedankenstammeln, einem Sichauflehnen gegen Wort

und Logik, aber es steckte eine mit sich fortreißende Gefühlsmacht

darin. Man wurde im höchsten Grade ungeduldig bei der Lektüre, aber

man wurde auch vom ungeduldig drängenden Wunsche überfallen, dem,

der hier träumte und stammelte, mit Gewalt die Zunge zu lösen, daß

er Aufschluß gäbe über seine Seele. Solche Verse mochte die heilige

Therese als Kind gedichtet haben, ehe sie ihre Visionen aus Gott bezog,

dachte Erik. Welche von denen im Hof mochte das sein?

Einzelne Worte tönten laut und erregt zu ihm herauf und rissen ihn aus

dem Lesen auf. Er hörte eine von den Mädchenstimmen mit größter Energie

sagen: »Er ~muß~ unglücklich sein. Ich will es so. So unglücklich wie

nur möglich. Sonst thue ich es nicht.«

»Nein, nein, dagegen bin ich ganz!« rief eine andre in mitleidigem Ton.

»O, ich wäre schon dafür,« suchte eine dritte zu vermitteln, »wenn es

nur für eine Weile ist. Denn später, da heiratet sie ihn ja dafür.«

»Heiratet?« fragte die erste Stimme erstaunt, »nein, ich denke nicht

daran! Er ist und bleibt unglücklich, sage ich euch. Ein für allemal.

Aber heiraten werde ich ihn nicht.«

Erik fiel das Heft aus der Hand. Er stützte sich auf das Fensterbrett

und sah vorsichtig hinab. Er hätte gern gewußt, wie das grausame

Geschöpf aussah, das den Unglücklichen lebenslang gemartert wissen

wollte und ihn nicht einmal heiratete.

Aber sie saß offenbar dicht an der Hausmauer und war von den andern

so umstellt, daß Erik sich nicht tiefer hinabbeugen konnte, ohne von

unten her gesehen zu werden. Er erblickte nur zwei schmale, weit

vorgestreckte Füße in ausgeschnittenen Schuhen und dunkeln Strümpfen.

Jetzt zwitscherten alle so durcheinander, daß man nichts verstand.

Dann sagte ein bildhübscher, dunkelhaariger Backfisch, während er

herzhaft in einen Apfel hineinbiß: »Ich finde es wirklich komisch

von dir. Denn wozu haben wir ihn sonst mit so vielen und besondern

Eigenschaften ausgestopft, wenn du ihn doch nicht nimmst? Er hat doch

das Allerbeste abbekommen. Wenn er nur edel und unglücklich sein soll,

so hätte er auch gewöhnlicher bleiben können, -- meint ihr nicht?«

»Laß sie doch, Wjera, du sollst sehen, sie hat im stillen schon wieder

etwas Neues vor, -- vielleicht was viel Schöneres,« meinte ein kleines,

blondes Mädchen in zierlich gestickter Latzschürze, »und wenn ihr sie

nicht in Ruhe laßt, so sagt sie es uns am Ende nicht.«

»Hast du was? Hast du was? Ist es schön?« schrieen sie erwartungsvoll.

»Es ist nichts für euch! Aber von allen die allerschönste

Märchengeschichte!« erklärte die Angeredete an der Hausmauer, »kennt

ihr die Verse von Uhland?« Und sie begann mit einer weichen Stimme zu

deklamieren:

»In Liebesarmen ruht ihr trunken,

Des Lebens Früchte winken euch;

Ein Blick nur ist auf mich gesunken,

Doch bin ich vor euch allen reich.

Das Glück der Erbe miss' ich gerne,

Und blick', ein Märtyrer, hinan,

Denn über mir, in goldner Ferne,

Hat sich der Himmel aufgethan.«

Sie lauschten mit ganz feierlichen Gesichtern, bis die letzten Worte,

gedämpft, in einer Art von schwärmerischer Andacht, verklangen.

»Huh!« sagte die hübsche dunkle Wjera, ordentlich ergriffen, und eine

zweite fügte besiegt hinzu: »Ja, dann freilich --«

Aber die, welche deklamiert hatte, lachte nur. Sie lachte so von innen

heraus, so frisch und mit so überzeugenden Trillern in der Kehle, daß

Erik oben an seinem Fenster beinahe angefangen hätte, mitzulachen,

und sich plötzlich mit ihr wie im Bunde fühlte. Auch von den Mädchen

begannen einige zu kichern. Aber die meisten verstimmte es.

»Du hast gar keinen Lebensernst!« sagte die Erste der Klasse strafend,

eine andre aber behauptete sogar: »Sie hat kein Herz. Sie verlacht ihre

eigene Sache, und uns mit.«

Nur das blonde niedliche Mädchen schien sich zärtlich an die Lachende

zu schmiegen und erinnerte sie: »Du hast doch versprochen, uns den

›Unglücklichen‹ endlich zu zeigen. Willst du es heute auf dem Heimweg

thun?«

»Ja, das will ich. Denn ich will ihn euch überlassen. Macht ihn so

glücklich, als ihr wollt.«

»Also denkst du an einen andern?«

Die Glocke, die zum Klassenbeginn läutete, unterbrach das Geplauder in

diesem kritischen Augenblick. Arm in Arm schlenderten sie gemächlich

ins Schulgebäude hinein. Die schmalen Füße aber lagen noch ausgestreckt

in der Sonne.

»Jetzt muß ich sie sehen können,« dachte Erik und beugte sich mit

ernstem Gesicht vor. Das Gespräch der Mädchen hatte ihn ganz betroffen

gemacht.

Und er sah sie.

Gegen die grau getünchte Hausmauer nachlässig zurückgelehnt, die

Arme hoch über dem Kopf verschränkt, saß sie auf einem umgestülpten

Regenfaß, das, in diesem beliebten Brunnenwinkel, gelegentlich als

Sitzbank benutzt wurde. Sie trug das entschieden aschblonde, glanzlose

Haar offen, so daß es, weich und lockig, in einiger Verwirrung, ihr

über Brust und Schultern fiel. Das tiefrote Bändchen, welches es

wohl am Hinterkopf zusammenhalten sollte, war hinabgeglitten und

bewegte sich leise im Luftzug. Es war der einzige bunte Punkt und

Schmuck am Bilde. Denn die ganze schmächtige Gestalt steckte in einem

losen, graublauen Gewande, das keinerlei Aehnlichkeit mit den hübsch

gearbeiteten Kleidern, Miedern, Schleifen und Schürzen der andern

aufwies. Ueber den schmalen Hüften durch einen einfachen Ledergürtel

kittelartig geschlossen, ließ es zwischen den weichen Falten kaum

den zarten Ansatz der Brust erkennen und verlieh dem Mädchen etwas

sonderbar Knabenhaftes. Aber darüber erhob sich ein unregelmäßiges

Gesichtchen, das geradezu ansteckend in seinem ausgelassenen Uebermut

wirkte. Wie sie so dasaß, den Oberkörper zurückgezogen, die ziemlich

dunkeln Augen leuchtend erhoben, die Lippen, wie in beginnendem

Gelächter oder wie in verlangendem Durst, halb geöffnet, so daß unter

der zu kurzen und stark geschweiften Oberlippe die weißen Zähne

hervorschauten, -- da machte sie den Eindruck, als bäume sie sich auf

in überschäumender Lebenslust, bereit, jeden Augenblick jauchzend über

alle Stränge zu schlagen, -- fast unwillkürlich dachte man sich einen

Thyrsusstab in die hinaufgestreckten verschlungenen Hände, -- und der

Bacchusknabe war fertig.

Als sie sich rasch und unvermittelt aufrichtete und ins Haus sprang,

erhob sich Erik aus seiner vorgebeugten Stellung am Fenster und raffte

hastig seine Hefte zusammen. Während er den Weg in seine Klasse antrat,

kam ihm ein Lachen über seine eigene Verdutztheit. Zwei Lämmer in

seiner Herde gehörten jedenfalls nicht dem langweiligen Durchschnitt

an: die heilige Therese, und dann dieser arge Schlingel und

Taugenichts.

Im Hallengang war es inzwischen von allen Seiten, in allen Ecken

lebendig geworden, und einige Minuten lang schwirrte es dort

durcheinander gleich einem Mückenschwarm in der Maisonne. Dann

schwächte der Lärm sich ab, die Klassenthüren fielen ins Schloß;

hie und da eilte noch ein Nachzügler an seinen Platz; einzelne

Lehrer, sämtlich in ihrem dunkelblauen Frack, der an diesen Schulen

vorgeschriebenen Uniform, schritten grüßend aneinander vorüber oder

blieben, ein paar Worte wechselnd, im Gange stehen. In Eriks Klasse

war alles schon mäuschenstill und in schönster Ordnung beisammen,

als er mit belebtem Gesichtsausdruck hereintrat. Einen Augenblick

lang ließ er, auf dem Katheder stehend, seinen Blick über die blonden

und braunen Mädchenköpfe schweifen, die fast alle mit lebhaften und

aufmerksamen Augen zu ihm ausschauten. Obgleich er erst zum zweitenmal

aus diesem Platz und seinem jungen Auditorium gegenüberstand,

fühlte er doch schon sehr deutlich die Stimmung der Sympathie, die

ihm aus allen diesen Augen entgegenleuchtete. Er verdankte sie

seinem eigenen Entgegenkommen. Denn die da merkten recht wohl das

thatsächliche Interesse, das er ihnen als Lehrer zubrachte, -- den

Blonden wie den Braunen, den Klugen wie den Dummen, den Willigen

wie den Widerspenstigen. Welche Fehler er auch besitzen mochte,

einen wenigstens besaß er nicht: seinen Unterricht als eine leblose

Pflichtmaschine zu absolvieren.

Erik schob die blauen Hefte an den Rand des Kathederpultes und sagte,

sich niedersetzend: »Die Hefte können wieder verteilt werden. Sie sind

zum größern Teil recht bedauerlichen Inhalts. Hoffentlich lautet die

Fortsetzung viel besser. In Bezug auf einen Aufsatz darin möchte ich

aber eine Erkundigung einziehen.«

Er schlug den Deckel des obersten Heftes zurück und fragte, den Namen

ablesend: »Wer ist Ruth Delorme?«

Die Aufgerufene schien diese Frage erwartet zu haben; sie hatte sich

bereits erhoben, ehe ihr Name von seinen Lippen fiel.

Er richtete einen bestürtzten Blick auf sie. Es war der Bacchusknabe

aus dem Schulhof.

Jetzt freilich machte sie den kuriosen Eindruck nicht mehr so ganz.

Das ordentlich zusammengenommene Haar und der »Klassenernst« aus

ihrem Gesicht störte ihn, -- vielleicht auch, daß sie die Augen

niedergeschlagen hatte. Am liebsten wäre Erik ihr mit der Hand über das

Gesicht gefahren, wie um eine Maske abzustreifen, damit er darunter

die wirkliche Ruth zu sehen bekäme. Aber das wäre dann der mutwillige,

lachende Junge von vorhin gewesen, -- und das deckte sich so wenig

mit der Vorstellung, die der Aufsatz von ihr weckte. Das wunderliche

Geschwätz der Mädchen am Brunnen fiel ihm ein.

»Unmöglich!« entfuhr es ihm.

Sie sah verwundert auf.

»Doch!« sagte sie.

»Das kann sie! sie kann Verse machen!« riefen einige Stimmen. Man

konnte es ihnen anhören, wie stolz sie auf diese Schwarzkunst waren,

und wie interessant sie das unerwartete Intermezzo fanden.

»Verse, -- das ist ja möglich,« gab Erik zurück, »auch sind sie

keineswegs schön. Ganz im Gegenteil. Aber ein Schulmädchen --«

Er brach etwas verlegen ab und ärgerte sich. Die Bemerkung war auch

gar zu einfältig. Schulmädchen waren sie ja alle, und ~eine~ von ihnen

mußte es doch gewesen sein. Mußte? Da kam ihm ein Gedanke: vielleicht

ist es gar kein selbständiger Aufsatz?

Er blätterte im Heft zurück. »Es ist noch ein früherer Aufsatz darin.

Etwas Literarhistorisches. Der fällt stark dagegen ab. Lauter mühsam

nachgezogene Linien -- und falsche Linien. Es geht die Sage, daß bei

den Aufsätzen nicht immer fremde Hilfe verschmäht wird. Sollte das

nicht die Lösung des Rätsels sein?«

Während er aber noch sprach, war er schon überzeugt, daß er sich irrte,

und daß sie sogleich auftrotzen und mit beleidigtem Stolz behaupten

werde, ihr habe niemand geholfen.

Jetzt schüttelte sie auch wirklich den Kopf und sagte: »Mir hilft

niemand.«

Aber wieder schaute er betroffen auf. Wie klang das! Gerade so, als

habe sie unter Thränen gesagt: »Ich bin ja so mutterseelenallein!«

Ein stiller Ton war darin, der ihn rührte, -- etwas so ganz Neues,

Unerwartetes, das er wieder mit dem übrigen nicht zusammenreimen

konnte.

Es litt ihn plötzlich nicht mehr auf dem Katheder, in der ruhigen

Haltung des Lehrers. Ein zwingendes Gefühl von Interesse fand gleichsam

seinen Ausdruck darin, daß er herabstieg und zu ihr hintrat an die

Bank, in die Mitte der übrigen.

Als er dicht vor ihr stand, ward er sich einer Uebereilung bewußt und

kehrte, wenn nicht zum Platz, so doch zur Rolle des Lehrers zurück.

»In der Aenderung des Titels und der Anwendung von Versen liegt eine

auffallende Abweichung vom Vorgeschriebenen; hier galt wohl eine

Ausnahme, die mein Vorgänger machte?« fragte er.

»Er zog sie vor! sie durfte thun, was sie wollte!« schrieen einige.

»Sie gehört nicht mehr zur Schule! Sie kommt nur zu einigen Stunden!«

riefen andre.

»Ich gehe bald fort,« sagte Ruth.

»Fort? Vom Ort?« fragte er, und ein brennendes Bedauern überfiel ihn.

Sie hob die Augen.

»Nein. Nur aus den Stunden.«

Wie beider Blicke sich trafen, sah er ihr Gesicht aufleuchten. Nicht

nur die Augen thaten's, das Leuchten ging über Stirn und Augen, wie ein

Lächeln, obschon sie ernst blieb. Der »Klassenausdruck« fiel von ihren

Zügen wie ein vorgehaltener Schleier.

Er gab ihr einen Wink, daß sie sich setzen möge.

»Das ist sehr schade,« meinte er dann, ein paarmal auf und ab gehend,

und es war ihm selbst nicht klar, für wen es eigentlich schade sei, ob

für den Lehrer, oder für die Schülerin, oder für beide. Doch setzte er

rasch hinzu: »Es ist zu früh. Ein Zeichen von Reife ist der Aufsatz

nicht.«

Dann richtete er, mit dem Aufnehmen des Unterrichts, keine Bemerkung

mehr an sie, vermied es auch während der Stunde ihren Namen aufzurufen,

obgleich es ihn beschäftigte, daß sie fortgehen wollte. Aber er

begriff, daß dieses lebhafte Interesse an einem merkwürdigen Kinde,

wenn es auch ausschließlich den Erzieher in ihm reizte, von ihm selbst

erst völlig beherrscht werden und in ihm selbst sich erst völlig

geklärt haben mußte, ehe daran zu denken war, ihr vor einigen Dutzend

neugieriger Mädchenaugen nachzugeben. Er kannte sehr wohl die üblichen

Schwärmereien für den Lehrer, zweifelte auch nicht daran, daß auch

er bereits Gegenstand solcher Schwärmereien sei, hielt aber doch

möglichst daran fest, daß sein eigenes Benehmen ihn nicht verriete,

wenn einmal eine kleine Schülerin Eindruck auf ihn machte, -- was doch

unvermeidlich geschah unter Menschen von Fleisch und Blut.

Ruth saß still auf ihrem Platz und folgte seinen Worten und Bemerkungen

mit verträumten Augen. Sie war eine ziemlich zerstreute Schülerin,

und so nahm sie auch jetzt im Grunde nichts von dem auf, was er

vortrug, sondern merkte sich nur die Art, ~wie~ er vortrug, und die ihm

eigentümliche Gebärde der Hand dabei. Daß er schmale, nervige Hände

von edler Form besaß, daß sie aber leicht gebräunt waren, wie bei

einem, der sich viel der Luft und Sonne ausgesetzt hat, merkte sie,

-- und es kam ihr wie ein Widerspruch vor, der sie beschäftigte. Die

breite, etwas steile Linie seiner Schultern prägte sich ihr ein, wie

ein Bild, und dann, daß ihm das Haar beim Sprechen in einem straffen,

kleinen Büschel in die Stirn fiel, und er es stets mit einem kurzen

Ruck zurückwarf, wobei der Kopf ein wenig hochmütig oben blieb. Es

war kurzgehaltenes, schlichtes, dichtes Haar, und es ärgerte sie

förmlich, daß es sich nirgends ein klein bißchen locken wollte, -- nur

ein bißchen; in Gedanken ließ sie ihm lange Locken wachsen; die sahen

aber drollig aus, und so schnitt sie sie ihm wieder ab. Darüber mußte

sie lachen; sie hätte fast laut aufgelacht, und der Sicherheit halber

stützte sie den Mund auf die Hände.

Aber bei alledem sah sie nicht aus, als ob sie sich in losem Mutwillen

mit solchen Aeußerlichkeiten beschäftige, sondern als sinne sie

angestrengt und ganz in sich vertieft einem schwierigen Problem nach.

So hatte sie schon neulich, in seiner ersten Stunde, dagesessen, von

ihm unbemerkt.

Ruth machte noch immer dasselbe verträumte, nachdenkliche Gesicht, als

nach Beendigung des Unterrichts ein ganzer Schwarm von Mädchen sich zum

Heimgehen um sie drängte. Sie hatte diesen Augenblick kaum erwarten

können, denn nun sollte Ruth ihnen ja den »Unglücklichen« zeigen, der

aller Phantasie beherrschte. Arm in Arm, hintereinander, und mit den

Ranzen schlenkernd, gingen sie lachend und schwatzend die Straße hinab

und bogen in den Newsky Prospekt ein, Ruth voraus und ohne auf sie zu

achten. Einige sahen sich vorsichtig um, ob ihnen auch niemand folge,

auf den Wegen, die Ruth sie führen sollte; aber die Straße war ziemlich

menschenleer, nur ein paar Dienstmädchen, die den Verwöhntesten den

Schulsack trugen, folgten in bescheidener Entfernung, und hinter diesen

sah man Erik herankommen.

»Eigentlich ist die Ruth doch eine Glückliche!« sagte die hübsche Wjera

zu ihrer Nachbarin, »daß sie solche Geschichten treiben kann. Ich

glaube, ihre Verwandten kümmern sich gar nicht darum. Ja, es ist ganz

anders, wenn man noch Eltern hat.«

»Pfui, schäme dich!« empörte sich das Mädchen, das neben ihr ging,

und stieß sie mit der Frühstücksbüchse in die Seite, »es ist doch ein

schreckliches Unglück, seine Eltern so früh zu verlieren. Die arme

Ruth! Denke nur, wo sie von ganz klein auf schon alles gewesen ist, --

in Belgien und Deutschland, und immer unter fast Fremden.«

»Ja, da kommt man eben auch weit herum,« beharrte der gemütlose

Backfisch, »sogar in einer Schweizer Pension ist sie gewesen. Und

gerade da möchte ich so gern hin.«

»Sogar in einem Glaspalast hat sie einmal gewohnt,« behauptete eine von

ihnen etwas unsicher.

Ein schallendes Gelächter erhob sich.

»Ja, im Traum! Das ist doch nur ein Märchen, das sie erzählt hat. Höre

nur, Ruth, das hält sie für Wirklichkeit.«

»Da kommt er!« sagte Ruth mit einemmal.

Das Wort fiel wie ein Schrotkorn in einen Haufen lärmender Spatzen. Im

ersten Augenblick stoben sie fast auseinander, aber dann sammelten sie

sich wieder, räusperten sich, zupften an ihren Kleidern, reckten die

Hälse, und die meisten von ihnen wurden rot.

»Hier, der Blonde.«

»Nein! Der Herr im Cylinderhut.«

Es war keiner von beiden. Ruth blickte ernsthaft geradeaus, und einem

Herrn ins Gesicht, der auf sie zuschritt. Ein junger, brünetter Mann,

im hellen Sommerüberzieher, mit etwas verlebten Zügen, einem kleinen

Schnurrbart und mandelförmigen Augen.

Er schien wie geschaffen zum Helden der Tragödie, -- darüber waren

alle einig. Aber während sie ihn noch anstarrten, wie ein Meerwunder,

passierte vor ihren Augen das Ungeheuerliche, woran sie eigentlich doch

nicht im Ernst geglaubt hatten: Ruth grüßte ihn; ganz ernsthaft grüßte

sie ihn, ohne eine Miene zu verziehen, aber doch so wie einen alten

Bekannten.

Ein halbes Lächeln glitt über sein Gesicht; er hatte sie fest fixiert,

jetzt griff er eilig an den kleinen runden Filzhut und grüßte wieder.

Ziemlich vertraulich that er das.

Die hübsche Wjera schrie fast aus vor Ueberraschung und Vergnügen; sie

war feuerrot geworden, und um ihrer Herzensbewegung Herr zu werden,

mußte sie ihre Begleiterin unwillkürlich in den Arm kneifen. Ein

paar von den andern aber hielten sich von der Gruppe etwas getrennt,

sie genierten sich sichtlich, gingen verlegen neben dem Trottoir auf

dem Straßendamm einher und schlugen die Augen nieder. Doch fand der

heldenhafte Unbekannte noch eine beträchtliche Anzahl unter ihnen,

die mit Augen und Mienen das Spiel fortsetzten. Während er mit ganz

verlangsamten Schritten an ihnen vorüberging, flogen Blicke und Lächeln

zu ihm hinüber, empfingen deutliche Antwort und wurden wiederholt. Ein

paar Köpfe drehten sich auch noch nach ihm um, und auch er wurde nicht

müde, zurückzusehen.

»Nein! Das ist aber zu arg!« brach eine von den Sittsamen auf dem

Straßendamm los, »es ist geradezu sündhaft!«

»Ach, du liebe Tugend! Wir sind es ja gar nicht gewesen, die angefangen

haben. Ruth hat es gethan. ~Sie~ hat ihn gegrüßt. Wenn sie jetzt auch

so gleichgültig drauf los geht, als ginge es ~sie~ nichts an.«

»Ja, was schadet es denn auch?« verteidigten mehrere ihr Benehmen etwas

betreten.

»Gewiß schadet es, -- abgesehen davon, daß es sündhaft ist,« behauptete

die Sittsame, »hast du nie gehört, daß man nicht geheiratet wird, wenn

man ein Verhältnis gehabt hat?«

»Ja, sie hat ganz recht; es bringt uns in Verruf,« half ihr eine

zweite, »und der da würde euch gewiß nicht heiraten, bildet euch das ja

nicht ein. Er kann euch ja auch gar nicht alle heiraten!« setzte sie

schlagend hinzu.

Einzelne suchten zwischen den Streitenden zu vermitteln.

»Es ist doch alles nur Unsinn. Eine bloße Phantasiegeschichte. Also laß

doch! Morgen in der Frühstückspause spielen wir mit verteilten Rollen

weiter, dann ist wieder eine von uns der edle Unglückliche, und alle

Gefahr ist vorbei.«

»Nein, nun ist es keine bloße Phantasiegeschichte mehr. Du hättest ihn

uns nicht zeigen sollen, Ruth.«

Diese zuckte ungeduldig die Achseln.

»Das kann ich nicht ~so~ trennen. Wenn wir's spielen, leben wir's ja

auch. Aber macht es doch, wie ihr wollt,« sagte sie zerstreut.

»Nein, erst mußt du es weiter ausdenken. Eigentlich ist es auch sehr

lustig. Gerade als ob man zweimal lebt: einmal zu Hause und in der

Schule -- und dann noch einmal ganz wo anders, wo alles gerade so ist,

wie man es sich ausdenkt. -- Aber diesen Weg wollen wir lieber nicht

wieder gehen.«

»Ach, seid ihr Feiglinge!« rief Wjera dazwischen, die sich bis

jetzt am Streit nicht beteiligt hatte, weil sie sich noch mit dem

»Unglücklichen« zu thun gemacht, der irgendwo an einer Straßenecke

stehen geblieben war, »ich finde diese Geschichte tausendmal

interessanter, als all die Phantastereien drum herum. Was hat man denn

von denen? Sie amüsieren uns nur, weil man uns eingesperrt hält!«

Ueber ihrem Hin- und Herreden beachteten sie es gar nicht, daß sie

an Ruths Wohnung am Isaaksplatz angelangt waren, das heißt, daß die

meisten von ihnen sich recht beträchtlich von ihrem eigenen Heim

entfernt hatten. Sie liefen gewohnheitsmäßig mit, wie eine Hammelherde,

Ruth selbst aber war geradeswegs nach Hause gegangen. Jetzt blieb sie

zaudernd stehen und kämpfte zwischen der Lust, nach einer Seitenstraße

umzubiegen, und der Nötigung, zur gewöhnlichen Stunde bei ihren

Verwandten einzutreten. Bis zu Tisch blieb noch viel Zeit, einen

Vorwurf zog sie sich nicht zu, und was ihr jetzt vorschwebte, war süß

und lockend gleich einem Frühlingsmärchen.

Aber es gab da etwas andres, das sie zurückhielt: wenn sie jetzt

hineinging, so blieb sie, wie immer, gänzlich unbemerkt und unbeachtet

im ganzen Hauswesen; wenn sie dagegen bis zum späten Mittagessen

fortblieb, so wurde sie vielleicht bemerkt, befragt, belästigt. Und das

entschied.

Wie eines jener kleinen Insekten, welche zum Schutz vor feindlichen

Mächten die Farbe des Holzes oder des Laubes annehmen, auf dem sie

sitzen, so verhielt sich, halb unbewußt, auch Ruth gegenüber ihrer

Umgebung. Es war ihre Art sich zu wehren.

Ruth löste sich aus der schwatzenden Mädchengruppe und verschwand

hinter den hohen Thürflügeln eines umfangreichen steinernen Gebäudes,

vor dem ein Soldat Wache stand. Eine Abteilung des Kriegsministeriums

lag darin, nebst mehreren großen Kronswohnungen, von denen Ruths Onkel,

der Staatsrat war, eine inne hatte.

Ihr Verschwinden gab das Signal zum allgemeinen Aufbruch. Jetzt erst

erschraken manche über die lange Versäumnis und suchten laufend

eine Pferdebahnlinie zu erreichen oder unterhandelten mit den

Droschkenkutschern, welche sofort, laut schreiend und sich gegenseitig

nach Möglichkeit unterbietend, sie umringten.

Bis morgen vermißten sie Ruth nicht mehr; sie hatten sich ausgezeichnet

unterhalten, sich ordentlich echauffiert! Morgen, wenn sie nach neuer

Nahrung begierig wurden, kam sie wieder.

* * * * *

Erik war den Mädchen nur einen kleinen Teil des Weges gefolgt, denn er

hatte noch in einem Knabengymnasium und in einer Privatschule Stunden

zu geben. Dann ging er in seine Stadtwohnung hinauf, die geräumig

und freundlich, aber vier Treppen hoch lag: dafür konnte man aus den

Fenstern die Newa überschauen, durch deren blaue, mächtige Wogen

noch der Ladogasee seine letzten Eisschollen trieb. Sie schimmerten

durchsichtig im blendenden Maisonnenschein. Ueber seine Aussicht freute

Erik sich täglich von neuem.

Nach Schulschluß pflegte er hier vorzusprechen, allerlei zu erledigen

und eingelaufene Briefe mitzunehmen, denn die Landpost galt als

unzuverlässig. Heute war er kaum eingetreten, als es klingelte.

Er öffnete die Thüre und blieb mit einem Lächeln neben derselben

stehen.

»Warwara Michailowna!« sagte er.

»Was ist denn das?« fragte sie, rasch um sich blickend, »schon auf dem

Lande? umgezogen? allein hier? Ich wußte es nicht! Dann haben Sie also

meinen Brief -- --?«

»Ich habe ihn gestern hier vorgefunden,« versetzte er, sie in die

angrenzende Wohnstube führend, wo die Polstermöbel schon ihre

Sommertoilette empfangen hatten und in ihren weißen Leinwandhülsen

gleich Gespenstern herumstanden. Unter dem runden Sofatisch war der

Teppich entfernt worden, und ein leichter Geruch von Kampfer schwebte

in der Luft.

»Ich wollte mir Ihre Antwort lieber selbst bei Ihnen holen -- oder

bei Ihrer Frau!« sagte Warwara Michailowna und ließ sich in einen der

weißbezogenen Sessel sinken, »trotz Staub und Sonne bin ich also da.

Ich muß wissen, weshalb Sie nicht kommen wollen.«

Sie sah wunderhübsch aus in der gewählten Einfachheit ihrer

Frühjahrskleidung, mit ihrem reizenden Mund und mit der Melancholie

in den tiefdunkeln Augen, die einen so pikanten Gegensatz zu ihrem

munteren Wesen bildete.

»Ich danke Ihnen!« erwiderte Erik und blickte sie an, »aber Sie nehmen

mir in der That die Antwort schon von den Lippen: ich wollte wirklich

nicht kommen. Mich eine Zeit lang ganz auf dem Lande vergraben. --

Dort können wir ja, wenn Sie erst hinausgezogen sind, so poetisch

Fangball spielen und Croquet. -- Ich bin diesen Winter gar zu stark ins

Gesellschaftstreiben geraten.«

»Und was schadet das? Fragen Sie nur Klare-Bel, ob sie Sie nicht auch

im Gesellschaftsrock am liebsten sieht? Der Salon ist Ihr natürliches

+milieu+. Sie sind nun einmal kein solcher deutscher Bär und Philister,

wie sie mitunter mit goldenen Brillen und blonden Vollbärten zu uns

kommen! Erst seit einigen Generationen hat sich Ihre Familie dort

niedergelassen -- an der friesischen Grenze irgendwo, -- französische

Emigranten, -- weiß ich's nicht gut?«

»So weit wollen Sie den Beweis herholen, daß ich in Gesellschaft gehen

soll?«

Sie lachte und stieß belustigt den Elfenbeingriff ihres Sonnenschirms

gegen die Tischplatte.

»Sie sind ein Spötter. Ich wollte nur sagen: bilden Sie sich nicht ein,

daß Sie zum Schulmeister geboren sind. Trotz der blauen Uniform da, die

Sie noch anbehalten haben, -- die Ihnen übrigens gut steht, weil es ein

Frack ist. Sie sind zum Weltmann geboren. Wenn Sie uns -- +mondains+ --

meiden, thun Sie sich selbst weh. -- -- Ich weiß es. Lachen Sie nicht.«

»Ich lache ja nicht. Sie sind sehr scharfsichtig, Warwara Michailowna.

-- Vielleicht zu sehr.«

Sie schüttelte den Kopf.

»Sie würden unsrer verwöhnten Gesellschaft nicht so gut gefallen, wenn

Sie nicht selbst ein wenig von ihr berauscht würden. Habe ich nicht

recht?«

»Nun, nehmen wir also an, ich will nicht berauscht werden,« sagte Erik

und kreuzte die Arme; »daß gerade Sie als Versucherin kommen, ist

freilich schlimm für mich. Ein Glück, daß die Saison zu Ende geht.«

Sie machte einen schmollenden Mund.

»Ich weiß schon. Mich halten Sie für die Inkarnation weltlicher

Oberflächlichkeit.«

Er widersprach nicht.

Einige Augenblicke lang schwiegen sie beide, und zwischen ihnen lag,

unmöglich zu überhören, Warwaras stumme Frage: »Bin ich es, die dich

berauscht?«

»Sie sind ein Egoist,« sagte sie dann aufblickend, »sonst hätten

Sie bemerken müssen, daß Sie sich irren. Wissen Sie nicht, weshalb

ich Sie so gern da habe, mitten unter den Menschen? Weil ich gerade

ebensogut fühle wie Sie, daß dieses Treiben im Grunde eitel und hohl

ist, -- inhaltsleer, -- und es mich dennoch berauscht -- wie Sie. Ihre

Anwesenheit war also die eines Leidensgenossen für mich. Hand aufs

Herz! sind wir nicht so etwas wie Leidensgenossen? Wir haben eine

gemeinsame Versuchung.«

Er blickte sie fest an. Sie sprach rasch, ein wenig erregt, mit dem

weichen, klingenden Tonfall, den er an den Slaven so einschmeichelnd

fand. Ihr selbst war es in diesem Augenblick nicht ganz klar, ob sie

mit ihm kokettierte, oder ob sie nicht vielleicht ehrlicher mit ihm

sprach, als je mit sich allein. Es schien ihr wirklich manchmal -- und

besonders in den seltenen Stunden des Alleinseins, -- als triebe ein

verwandter Zug sie zu einander. Und dann war ihr Erik interessant: als

Mensch. So, wie unter lauter Satten ein Hungriger interessant ist.

Unter den Gesellschaftsmenschen ihrer Umgebung kam er ihr vor wie

einer, der ungeduldig auf Beute ausgeht, und, weil er die ihm gemäße

dort nicht findet, seinen Hunger mit Naschwerk zu betäuben sucht.

»Also: Kameradschaft in einer gemeinsamen Versuchung!« sagte Erik

wegblickend -- »vielleicht ein Wettkampf, wer ihr besser erliegt?«

Sie erhob sich, um zu gehen.

»Sie haben vielleicht recht zu spotten, und es würde nur sentimental

klingen, wenn ich antworten wollte: nein! mehr als das, -- eine

gemeinsame Sehnsucht,« entgegnete sie, dicht neben ihm, der ebenfalls

aufgestanden war, »Sie haben tausendmal recht. Wir haben ja nie ein

ernstes Wort miteinander gesprochen. Und ein Mann braucht keinen

Bundesgenossen. Er kann's allein.«

Sie sprach ganz ernst, es klang beinahe echt, und was sie sprach,

stimmte so eigentümlich zu der Schwermut der dunkeln Augen. Eine

Minute, -- eine verschwindende Minute lang, fühlte Erik, wie seine

Phantasie ihm etwas vorgaukelte. Eine Sehnsucht brach heiß in ihm auf,

über die der Verstand lachte, -- und ein wilder, herrischer Wunsch,

den lachenden Verstand unter die Füße zu treten und einen schönen

Selbstbetrug wahr zu machen.

Ohne genau zu wissen, was er that, hatte er die Hand ausgestreut; es

war eine fast befehlende Bewegung, wie ein: »Bleib!« Er sah nichts mehr

deutlich, er empfand nur die Nähe dieser schmiegsamen Gestalt, dieser

Augen, von denen Sehnsucht ausging.

Und plötzlich küßte er sie mit geschlossenen Augen auf den Hals und die

Wange. Nicht tändelnd, versuchend. Rasch, heftig, fast gewaltthätig.

Er murmelte halb unverständlich: »Mach es wahr! mach es wahr! laß mich

nicht aufwachen! Suchtest du mich?«

Bei seinen bewußtlosen Küssen überfiel Warwara ein plötzlicher Schreck.

Sie war selbst berauscht gewesen, einen Augenblick lang, aber die

Wucht, mit welcher er darauf einging, ernüchterte sie ebenso rasch.

Durch die momentane Erregung seiner Sinne hindurch spürte sie etwas

von dem tiefinnersten Hunger und der Sehnsucht in ihm, an die sie

unvorsichtig gerührt hatte. Nicht wie eine Dreistigkeit die erstaunt

oder verletzt, empfand sie seinen Kuß, sondern wie eine lähmende Gefahr

für Leib und Seele, die zu verschlingen droht, was ihr zu nahe gekommen

ist.

Mit einer heftigen Bewegung hatte sie sich freigemacht.

Ihr Blick lief über ihn hin. Eigentlich sollte er ihr wie ein Kind

vorkommen, das so erfüllt ist von Lebensverlangen und ungeduldiger

Erwartung, daß es nicht mehr zu spielen vermag. Es zerbricht gewaltsam

das dargebotene Spielzeug, um zu sehen, was dahinter ist, und bleibt

mit enttäuschtem Gesicht stehen.

Das wollte sie nicht. Lieber noch gespielt haben, als zu ernst genommen

werden, -- so ernst, daß ihr Inneres bloßgelegt und an unmöglichen

Illusionen gemessen würde. Sie fürchtete sich vor dem enttäuschten

Gesicht.

Erik mißverstand die Heftigkeit ihrer Bewegung. Aber sie weckte auch

ihn. Er hatte ja nur einen Augenblick vergessen, daß sie spielte. --

Seine Erregung verflog sofort. Nur etwas Spott blieb in den Augen und

um den Mund zurück. Spott über sich selbst.

Die Luft im Zimmer war zum Ersticken schwül. Fast ungehindert schien

die Sonne durch die dünnen, weißen Fenstervorhänge, und mißtönend

klang von der Straße der Lärm der Droschken und Pferdebahnen herauf.

Warwara war langsam in den Vorflur gegangen, und Erik geleitete sie an

die Hausthür. Sie wechselten kein Wort miteinander.

Erst an der Thür wandte sie sich um zu ihm und maß ihn mit einem

sonderbaren Blick, den er nicht verstand. Bedauern lag darin, aber auch

Ablehnung, eine kleine Ueberlegenheit über ihn, den Mann, und dann noch

etwas, wie ein ganz leises Eingeständnis: »Ich möchte wohl die sein,

die du brauchst, und die dich sättigen könnte, du Wilder. Aber ich

bin's nicht.«

»Ich nehme an: Sie kommen nicht,« bemerkte sie dabei zerstreut.

»Mit Ihrer Erlaubnis: nein!« entgegnete er, und sann dem Blick nach.

Ruth(#75251) · 第 3 / 19 题