»Verstehen Sie mich, ich will sagen, ich war nichts und gebe nichts auf ...
Aber denken Sie an Shakespeare, der sich in Fülle der Kraft schaffens- und
ruhmesmüde nach seinem Stratford zurückgezogen hat und wieder Landmann und
Jäger geworden ist. Und ich armseliger Skribler sollte Sehnsucht empfinden
nach meiner jämmerlichen Frohnarbeit?«
Sie waren aus dem Bereich der kleinen Seen, die sich auf der Straße zu
bilden begannen, in den Schutz des Gartens gelangt. Ganz nahe dem Eingang
breitete ein blüthenbedeckter Tulpenbaum sein dichtes Gezweig über eine
Bank, die seinen Stamm umschloß. Bertram und Gertrud traten unter die grüne
Kuppel und standen eine Weile schweigend vor einander. Er versank in ihren
Anblick. Sie war herzbezwingend in ihrer ruhigen Anmuth, ihrer edlen
Gelassenheit.
»Krankenwärterin also,« sagte er auf einmal ganz unmotivirt. »Und Sie
wollen natürlich viele Patienten pflegen, mein gnädiges Fräulein ... Aber
entschuldigen Sie! ich sage immer 'mein Fräulein,' statt Ihnen den Titel zu
geben, der Ihnen gebührt.«
»Dafür habe ich Ihnen von Anfang an gedankt.«
»Um so besser. Ich weiß freilich keinen so hold und adelig wie die
Verkleinerung des schönsten deutschen Wortes: Frau, Herrin, Gebieterin.
Fraue mein! wer das sagen darf zu der Geliebten, was bleibt dem zu wünschen
übrig, was kann das Schicksal ihm anhaben? Und wenn ihm sein Haus über den
Kopf angezündet wird, und wenn ihn die Sozialisten um Hab und Gut bringen
und wenn er für einen Vivisector kleiner Kinder gehalten wird, er trägt's,
er bleibt aufrecht, was soll ihn beugen, so lange sie in Treuen zu ihm
steht? Fraue mein! ... ich will sagen, mein Fräulein, mein gnädiges ...«
Er hielt inne, er zitterte am ganzen Leibe: »Setzen wir uns,« sagte er. Und
sie setzten sich neben einander auf die Bank; er warf seinen Hut ins Gras
und lehnte den Kopf an den Stamm des Baumes.
»Viele Patienten, ja, ja. Einen einzigen zu pflegen, einen unerträglichen,
nervösen Menschen, der sein eigentliches Selbst verloren hat und erst
wiederfinden muß, zur Vernunft bringen, ihm helfen, seinen Frieden
wiedergewinnen, die Aufgabe wäre Ihnen zu gering?«
»Sie ist nicht gering. Es ist eine schöne Aufgabe.«
»O, wäre sie's! Dann wäre sie ja Ihrer würdig ... und Sie könnten sich
entschließen, sie zu übernehmen, es wenigstens zu versuchen?«
»Versuchen? ja -- vielleicht.«
Ein unaussprechliches, ein kindisches Entzücken erfaßte ihn: »Wissen Sie,
was Sie sagen? Wissen Sie, daß in dem Falle ein Versuch schon das Gelingen
und himmlische Gewißheit ist?... Antworten Sie mir ... oder nein, antworten
Sie nicht, erwägen Sie! Das Leben, das ich Ihnen zu bieten habe, ist ernst
und arbeitsvoll ...«
»Hab' ich je Anspruch auf ein anderes gemacht?« unterbrach sie ihn. »War
ich nicht darauf gefaßt, meinen Weg durch dieses ernste Leben allein zu
gehen?«
»Und wenn sich nun ein Gefährte findet, der Sie beschwört, lassen Sie uns
miteinander wandern, lassen Sie uns fest und treu zusammenhalten« -- er
machte eine jähe Bewegung, als ob er auf das Knie sinken wollte.
»Nicht knieen,« flüsterte sie, »nicht auf dem feuchten Boden knieen!«
Aber da lag er schon zu ihren Füßen: »Doch, doch! _so_ muß ich Ihnen in
Demuth gestehen, daß ich Sie liebe, Sie geliebt habe vom ersten Augenblick
an.«
»Und ich -- wenn ich denke -- ich habe Sie gefürchtet.«
»Gertrud!« Er nahm ihre Hände und preßte sie an seine Lippen: »Fraue mein,
darf ich Sie so nennen? O Gertrud, welche Wonne, welche Wohlthat!«
Sie beugte sich über ihn und drückte mit scheuer Zärtlichkeit die Wange auf
seinen Scheitel: »Sagen Sie doch nicht Wohlthat, ich habe Sie ja von Herzen
lieb.«
»Ist das möglich? wirklich möglich?«
»Es ist. Ich kenne Sie erst seit kurzer Zeit, und doch kommt mir vor, als
hätte ich Sie schon lang sehr lieb.«
»Wie lang?«
»Seitdem ich aufgehört habe, Sie zu fürchten ... oder vielleicht sogar
schon etwas früher ...«
»Früher? trotz der Furcht?«
»Trotz der Furcht, und wahrscheinlich _auch_ vom ersten Augenblick an.«
»Ihr Ernst? Gertrud, Sie Wunderbare, ich muß es glauben, wenn ich
weiterleben soll -- aber lehren Sie mich es glauben. Daß ich nur Vogel
heiße, macht Ihnen das nichts? ... Und,« er fuhr erschrocken mit der Hand
nach seinem Kopfe, »daß ich eine Glatze habe, macht Ihnen das auch nichts?«
»Gar nichts,« erwiderte sie und lächelte ihn an, freundlich, zutraulich,
liebreich.
Glückstrahlend sah er zu ihr empor, sprang auf, setzte sich wieder an ihre
Seite, schlang den Arm um sie und sprach, sprach sehr viel und nicht ein
gescheites Wort und gab sich davon gar keine Rechenschaft. Er hatte
vergessen, wonnig vergessen, daß es je sein Metier gewesen war, geistreich
zu sein.
Sie fand das nicht lächerlich, es rührte sie. Dann erzählten sie einander
ihre Lebensgeschichte, und das Schönste war, daß sie keine hatte, oder doch
nur eine, deren Inhalt sich in zwei Sätze fassen ließ: Ich habe kränkliche
Eltern gepflegt. Ich habe standesgemäß gedarbt von Jugend auf.
Und die seine?
So streng er sein Gewissen erforschte, so sehr ihm daran lag, der
Geliebten ein wahres und nicht ein geschmeicheltes Bild von sich zu
entwerfen, er mußte seiner milden Richterin zugeben, daß er im Leben mehr
Plage als Genuß gehabt und mehr gelitten als gesündigt hatte.
Sie hörte ihm teilnehmend zu und fand eine Entschuldigung für jede seiner
Selbstanklagen. Und er war ein stolzer, glückseliger Mann, küßte sie und
hielt sie in seinen Armen wie ein Heiligthum.
Der Regen hatte ein wenig nachgelassen; von den kleinen Zweigen, aus den
Tulpenkelchen fielen einzelne, helle Regentropfen schwer zu Boden. In dem
Wipfel des Baumes ließ ein sanftes, wohliges Rauschen sich vernehmen, als
wüßte der Alte, daß er zwei glückliche Menschen unter seinem mächtigen
Gezweige barg.
* * * * *
Bertram und Gertrud traten in das Zimmer Weißenbergs. Sie hatte sich Zeit
genommen, ihren Hut und ihren Mantel abzulegen, er brachte den Regen des
Himmels auf seinen Kleidern mit.
»Freund, o Freund, sie ist mein, ich hab' ihr Jawort!« rief er aus, stockte
aber plötzlich, denn sein Erscheinen hatte Verlegenheit hervorgerufen.
Hugo und seine Gattin, die neben ihm stand, schienen sehr ergriffen; die
Augen Weißenbergs waren feucht, die Baronin schwamm in Thränen und sah aus
wie eine ältliche Rose im frischen Morgenthau.
Auf einem Tische in der Nähe des Kamins lagen zwei Pakete. Das eine war
Bertram wohlbekannt; unter seinen Augen hatte der Freund es kürzlich erst
in stiller Ergebung so nett zusammengefaltet, wie es sich da wieder
präsentirte. Das andre war viel größer, eine gewaltige, verschnürte und
versiegelte Postsendung. Auf der Adresse las man außer dem Namen der
Baronin: »Hundert Gulden Nachnahme«.