»Verzeihen Sie ihm, wie ich ihm verzeihe,« sprach Bertha mit vielem Gefühl,
»in meiner Seele ist heute kein Platz für eine herbe Empfindung; ich grolle
nicht.«
»Wie gut für uns, daß wir Sie in so milder Stimmung finden, theure,
verehrte Frau!... Hugo, mein Freund, segne uns, wir sind ein Brautpaar.
Gnädigste Baronin, segnen Sie uns.«
Die vortreffliche Baronin sandte einige gerührte: »Ah!« zum Himmel,
gratulirte ihrer Nichte, gratulirte Bertram und gratulirte sich selbst zu
ihrer Divinationsgabe. Sie hatte es ja gedacht, daß es so kommen müsse. Ein
seltener Geist, eine eben so seltene anmuthige Gediegenheit können nichts
Besseres thun, als sich vereinigen zum ewigen Bunde. Schön bewegt wollte
sie die Hände erheben, aber ihr Gatte sprach:
»Einen Augenblick; jetzt will auch ich eine Rede halten.« Er hatte diesen
Vorsatz etwas voreilig ausgesprochen, blickte nun hülflos umher, suchte
nach Worten und fand sie erst nach einer Weile: »Junges Paar, vor dir steht
ein altes, das zum ersten Mal nach zwanzigjähriger Ehe ein Geheimniß vor
einander gehabt hat. Der Vertraute beider, ein Ehrenmann, würde es ewig
bewahrt haben, aber sie hielten es nicht aus, die beiden, daß ein dritter
in irgend einer Sache von einem von ihnen mehr wußte, als einer der beiden
vom andern. Sie hielten es nicht aus ...« Seine Stimme gerieth ins
Schwanken. »Ihre alte, treue Liebe -- alte Liebe ... ich will sagen« ...
Jetzt kippte die Stimme völlig um.
Die Baronin hüllte ihren Gatten in einen Blick voll Zärtlichkeit und
sprach: »Du willst sagen, Hugo: das Geheimniß war begraben in der Brust des
Freundes, aber nicht einmal den Schatten eines todten Geheimnisses konnten
die beiden zwischen einander dulden.«
»So ist es, sie spricht gut, die Tante,« sagte der Baron etwas kleinmüthig
zu Gertrud, und diese ergriff seine Hand und küßte sie rascher, als er's
wehren konnte.
»Wir verstehen dich aber doch und lieben dich, Onkel Weißenberg.«
»Und auch mich?« fragte die Baronin und machte ihrerseits Anstalt, die Arme
auszubreiten -- aber gegen Bertram.
»O gnädigste Frau!«
»Sage Tante, mein Neffe Vogelweid.«
Und nun kam es zu mehreren Umarmungen.
»Rührstück, fünfter Aufzug, letzte Szene,« ließ eine schrille Stimme sich
vernehmen. Hagen, gefolgt von Sieglinde, war eingetreten. Er warf einen
kurzen Blick auf Bertram, der Gertrud an seine Brust gezogen hatte und
prallte zurück. In der nächsten Sekunde aber schon wurde er seiner Bewegung
Herr und sprach kalt und höhnisch: »Der reine Kotzebue, wir verschimmeln
hier.«
In einem Tone, so streng, wie er ihn dem Liebling gegenüber noch nie
angeschlagen hatte, versetzte Weißenberg:
»Du wenigstens nicht. Du kommst fort aus dem Elternhause, du kommst nach
Wien.«
»Nach Wien?« Die Wangen des Jünglings flammten in freudiger Röthe auf;
alsbald jedoch kam der Skeptiker wieder zum Vorschein: »Nach Wien, das
geschieht nicht, das wäre zu gescheit.«
»Mama!« rief Sieglinde weinerlich, »hörst du? er fährt nach Wien, und ich
kann hier sitzen bleiben, an mich denkt niemand.«
»Es bildet ein Talent sich in der Stille, junge Dichterin,« tröstete
Bertram. »Sie bleiben, um in Erwartung des eigenen Glückes das unsere zu
besingen.«
Sieglinde lächelte unter Thränen. Daß der strenge Kritiker sie Dichterin
nannte, war ein heilendes Pflaster auf die Wunde, die man ihr durch eine
vermeintliche Zurücksetzung geschlagen hatte.
Am Mittagstische fehlte Herr Meisenmann. Die Baronin deutete auf seinen
leeren Platz und sprach:
»Der Professor läßt sich entschuldigen, er ist zu Schiff -- nach Böhmen.«
Beim Dessert eine neue Überraschung, ein Telegramm für Herrn Vogel. Er
erbat von der Hausfrau die Erlaubniß, es zu lesen. Es lautete:
Artemis Wassiljewna Tschertschaptschikow, Gutsbesitzerin, Just Carolus,
Schriftsteller, empfehlen sich als Verlobte.
Bertram brach in Lachen aus: »Ist das eine unmoralische Geschichte! Einem
Spitzbuben wird die Bußfahrt, die er antreten soll, zur Brautfahrt.«
Für Bertram und Gertrud folgten wunderschöne Tage. Der unbarmherzige
Vogelweid war weich wie ein Kind in der Reconvalenscenz. Das Glück hatte
alle Bitterkeit in ihm aufgezehrt. Längst entschlummerte Tugenden:
Nachsicht, Geduld, erwachten wieder in seiner Brust und regten schneeweiße
Engelsflügelchen. Ohne den leisesten Spott berichtigte er die nicht ganz
zutreffenden Schlagworte der Baronin, und lächelte sanftmüthig, wenn sie
sich gedrungen fand, ihm die Honneurs der Litteratur zu machen.
Ganz selig und geläutert und über alle irdische Mühsal erhaben, fühlte er
sich, wenn Gertrud in einem solchen Augenblicke aufstand, zu ihm trat,
seinen vielgeplagten Kopf zwischen ihre Hände nahm, ihn auf die Stirn küßte
und sprach:
»Mein Freund, mein geliebter.« Einmal sagte sie auch: »Vielgefürchteter, du
bist das Höchste, das es giebt, du bist die Güte selbst.«
Viel, viel zu rasch kam die Stunde der Trennung herbei. Nicht allein, wie
er gekommen war, trat Bertram die Rückreise an. Der Herr und der Sohn des
Hauses begleiteten ihn; die sämmtliche Dienerschaft folgte und nahm
Aufstellung unter dem Thor.
Weißenberg umarmte seine Frau und seine Tochter: »In acht Tagen, sobald der
Junge installirt ist, bin ich wieder da.«
»Und ich im Juli,« rief Hagen, und schwang sich flatternd vor Ungeduld
neben den Kutscher auf den Bock: »Adieu, adieu.« Ein unterdrücktes
Schluchzen der Baronin, Sieglindens, einiger Diener und Dienerinnen machte
sich Luft. Gertrud und Bertram standen Hand in Hand. Sie war sehr blaß;
über sein Gesicht blitzte das fatale Zucken, das die ganze Zeit hindurch
nicht mehr zum Vorschein gekommen war. Traumverloren stieg er in den Wagen,
schrie aber, sobald sich der in Bewegung gesetzt hatte:
»Halt! halt! um Gotteswillen halt! ich habe ja vergessen, mich zu
empfehlen.« Der Kutscher riß die Pferde zusammen, Bertram sprang zur Erde,
eilte auf die Baronin zu und küßte ihre Hand: »Dank für alle Ihre Güte und
Gnade. Dank dafür, daß sie mich zu den Ihren zählen. Gnädigste Baronin,
verehrte Tante, bewahren, behüten Sie mir mein Glück!«
Die Baronin wollte sprechen, konnte aber nicht, sie war zu bewegt.
Bertram wendete sich zu Sieglinde: »Baronesse« ...
»Cousine,« verbesserte sie erröthend.
»Liebe, theure Cousine, leben Sie wohl: außerordentlich wohl! Ich bitte um
Ihre Photographie. Und Sie -- und du Gertrud, mein Trost, mein
Hoffnungsstern, mein Alles, bleib mir treu und gut ... übers Jahr, meine,
meine Gertrud.« Er breitete die Arme aus, er schloß die Geliebte noch
einmal vor der langen Trennung an sein Herz.
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Druck von _Martin Oldenbourg_, Berlin C., Adlerstraße 5.
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Anmerkungen zur Transkription:
Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der
Formatierung wurden prinzipiell beibehalten. Nur offensichtliche
Druckfehler im Text wurden korrigiert.
Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Textauszeichnungen wurden
folgendermaßen gekennzeichnet:
Sperrung: _gesperrter Text_
Antiquaschrift: #Antiquatext#
[oe] in den Wörtern 'boeuf' und 'coeur' wird im Originaltext durch die
lateinische kleine Ligatur oe dargestellt. In der Transkription
erscheint [oe] als 'oe'.
Groß geschriebene Umlaute erscheinen im Originaltext als Ae, Oe und
Ue. Diese wurden zur Leseerleichterung in Ä, Ö und Ü konvertiert.
Auflistung der gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen:
Seite 11: »Du brauchst Dich um nichts kümmern, die Übersiedlung
ist meine Sache.« --> schließendes Anführungszeichen ergänzt
Seite 22: Als Wildenstein zur bestimmten Frist zurückehrte -->
Komma nach 'zurückkehrte' ergänzt
Seite 28: »Aber auf einem Auge blind,« sprach Dietrich mit größter
Ruhe. --> Komma nach 'blind' ergänzt
Seite 25: Am folgenden Tage erhielt er einen langen Brief von der
Gräfin. --> Punkt nach 'Gräfin' ergänzt
Seite 42: zum Souper für den Herrn Rittmeister die kalte Küche hole.«
--> « ergänzt