XXI.

Morgen rede ich mit ihr, -- heute rede ich mit ihr, war Bertrams letzter

Gedanke beim Einschlafen und sein erster beim Erwachen gewesen. Er stand

zeitlich auf und ging in den Garten und hoffte sie dort zu finden, aber

umsonst. Das Wetter war freilich nicht einladend, der Himmel aschgrau, am

Horizont ballten sich schwer und drohend riesige Wolken und glichen einem

phantastischen Gebirgszuge.

Später erst traf Bertram die Ersehnte in Gesellschaft ihrer Cousine, auf

dem Wege nach der Nähschule im Dorfe, und von dort aus gedachte Gertrud

einen Krankenbesuch bei einer alten Pensionistin im Namen der Tante

abzustatten.

Das könnte die gute Baronin auch selbst thun, dachte Bertram, ging auf sein

Zimmer, legte seinen neuen Lodenanzug an, der ihn vom Kopf bis zu den Füßen

wetterfest machte und begab sich nach Vogelhaus.

Auf dem Felde nächst der Villa war eine Anzahl Tagelöhner und Fuhrleute in

voller Thätigkeit. Das Getreide sollte noch vor dem Ausbruch des Regens

unter Dach gebracht werden. Ein hochbeladener Erntewagen fuhr eben ins

breit gähnende Thor der Scheune ein, auf einen anderen wurden die letzten

Garben kunstvoll gehäuft. Waniek leitete die Arbeit, hatte die Augen

überall, gab gelassen seine Befehle, und ohne Einwand und ohne aufhaltsame

Hast wurden sie vollzogen.

Als Bertram erschien, änderte sich das Bild. Die Weiber legten die Rechen

weg, wischten den Schweiß vom Gesicht und jammerten über die Hitze. Die

Arme und Beine der Männer waren plötzlich wie mit Blei eingegossen. Die

aufgespießten Garben schwankten lange auf den Zinken der Gabel, ehe die

Lader die Kraft aufbrachten, sie zum Ordner emporzuheben, und den hatte

eine solche Müdigkeit überkommen, daß Waniek ihn vom Wagen herabsteigen

hieß und seine Stelle einnahm.

Ein paar heftige Windstöße erbrausten, Staubwolken wirbelten, dann fielen

die ersten, schweren Regentropfen. Männer und Frauen verlegten sich auf

Wetterbeobachtungen, und drangen alle zugleich auf Bertram ein; einige

bittend und klagend, andere mit brüsk heischenden Gebärden.

Er verstand sie nicht, wandte sich an Waniek und fragte:

»Was wollen sie?«

»Ganzen Tagelohn wollen's,« war die phlegmatisch und verächtlich ertheilte

Antwort.

»Sie sollen ihn haben, natürlich, was können denn sie dafür, daß es

regnet?« Bertram nickte gewährend und rief den Leuten eines der wenigen

Worte zu, die er erlernt hatte:

»Ano, ano!«

»Ano!« wiederholten sie und lachten den großmüthigen Arbeitgeber an, und er

konnte sich mit dem besten Willen nicht verhehlen, daß diese Lustigkeit

eine starke Zugabe von Geringschätzung hatte. So schweigsam man früher

gewesen war, jetzt wurde geplaudert, geschrien, aller Thätigkeitsdrang

schien sich in die Zungen geflüchtet zu haben. Nicht ruhig, wie die

früheren, fuhr der letzte Wagen in die Scheune. Die Pferde, übermäßig

angetrieben, wurden stutzig, mußten ausgespannt und andere vorgespannt

werden. Einzig und allein der Energie Wanieks war's zu danken, daß auch

diese Fuhre eingebracht wurde, ehe der Platzregen niederging.

Bertram begab sich ins Haus. Es kam ihm heute ganz besonders schmuck vor

und war in der That auf den Glanz hergerichtet. Auf der Stiege lag ein

Lauftuch aus Kokosstroh, eine Binsenmatte auf dem Gange, die Klinke der

Thür, die zum Wohnzimmer führte, blinkte freundlich einladend wie ein

Freundesauge. Komm nur, komm, tritt ein, schien sie zu sagen. Jetzt sah er

auch, daß ein Pergamentstreifen an dem Schlüssel hing und auf dem waren die

Worte zu lesen: Berthas Dank.

Nein, diese Baronin, diese allerletzte Romantikerin, welch einen

wunderbaren, guten, lieben Einfall hatte sie gehabt! Bertram fand seinen

Salon genau wie den Goethes in Weimar eingerichtet. Im Schlosse mußten sich

Möbel aus der Zeit der großen Klassiker vorgefunden haben, denn da standen

sie, altmodisch ehrwürdig und prächtig erhalten. An der Wand das

wohlbekannte Kanapee mit steifen Rücken- und Seitenlehnen und abgestumpftem

Aufsatz unter einer trefflichen Reproduktion der aldobrandinischen

Hochzeit und davor der runde, mit einem Teppich bedeckte Tisch. Auch ein

Klavier war da, dieses aber kein alterthümliches Juwel, sondern ein, wenn

auch nicht neues, doch vorzügliches Instrument. Hingegen stand im

Arbeitszimmer ein dem Goetheschen ähnlicher Bücherschrank. Das Stehpult ihm

gegenüber, der Tisch in der Mitte der Stube, die beiden Sessel, das Kissen

erinnerten gleichfalls deutlich an ihre Urbilder. In solcher Nutzanwendung

ließ sich Bertram die Litteratur gefallen und ging äußerst gerührt von

einem Einrichtungsstück zum anderen, ans Klavier aber setzte er sich und

schlug einige Akkorde an. Seit dem Tode seiner Mutter hatte er keine Taste

mehr berührt. Nun kam plötzlich die Begeisterung über ihn. Sein

musikalisches, sein kleines, aber sein wirkliches, armes, vernachlässigtes

Talent gab einige schwache Lebenszeichen. Er phantasirte, er begann zu

singen: »Hier gedachte still ein Liebender seiner Geliebten,« anfangs

leise, dann immer lauter, immer hingerissener, endlich brüllte er's hinaus:

»Hier gedachte still ...«

Ein Klopfen an der Thür unterbrach ihn, Waniek trat ein, und Bertram ward

bestürzt und entschuldigte sich:

»Lieber Waniek, ich glaube, ich habe gesungen, ich kenne mich nicht vor

Freude, müssen Sie wissen; welche Überraschung habt Ihr mir bereitet!«

Waniek sah ihn mit der freudigen Theilnahme eines gerührten Vaters an:

»Wirdé hochwohlgeborene Frau Baronin fraien, wenn héerte, daß gnädige Herr

Fraide haben.« Ein gutes Lächeln lagerte auf seinen breiten Lippen, er

wußte etwas von jedem Gegenstand zu erzählen, der aus dem Möbeldepot des

Schlosses nach Vogelhaus geschafft worden war. Das Schreibpult hatte dem

seligen Excellenzherrn gedient, auf dem Kanapee hatte Kaiser Joseph

gesessen, als er den Großvater des Herrn Barons in Obositz besucht hatte.

Bald aber ging Waniek vom Historischen zum Praktischen über. Er mußte

sagen, daß der gnädige Herr Vogel nicht weiter wirtschaften dürfe, wie er

angefangen hatte. Für einen halben Arbeitstag einen ganzen Taglohn

auszahlen, »isé nix.« Die Leute sollen nicht eben so viel Geld wie

gewöhnlich und noch einmal so viel Zeit haben, um es auszugeben. Dabei

kommen nur Räusche heraus, die statt um vier Uhr früh, wie sich's gehört,

erst um Mittag ausgeschlafen sind. Auch mit dem Arbeiten des gnädigen Herrn

Vogel auf dem Felde war Waniek nicht einverstanden. Wenn er sich durchaus

nützlich machen wolle, könne es höchstens als Aufseher geschehen, sonst

lachen die Leute den gnädigen Herrn aus.

»Aber, mein lieber Waniek, wie soll ich denn ein Aufseher sein, wenn ich

gar nichts verstehe?« wandte Bertram ein.

»Wer'n schon lernen.«

»Von Ihnen! Nehmen Sie mich in die Schule, ich habe Ihnen gut zugesehen.

Die Leute gehorchen Ihnen und haben Respekt vor Ihnen, weil Sie alles

hundertmal besser verstehen und machen können als jeder andere. Darum will

auch ich Ihnen gehorchen und so lange Unterricht bei Ihnen nehmen, bis aus

mir ein tüchtiger Ökonom geworden ist. Sie sind Soldat gewesen, richten Sie

mich ab, wie ein Wachtmeister den Rekruten, kommandiren Sie mich.«

Waniek hatte wieder sein prächtiges Lächeln: »Werd' schon kommandiren,

wenn befehlen,« sagte er und verabschiedete sich in seiner kraftvollen und

bescheidenen Ruhe; der Beneidenswerthe!

Bertram trat ans Fenster und sah ihm nach. Da stand er im Vorgärtchen und

schnitt aus bereitliegenden Rasenziegeln Streifen zurecht, die

wahrscheinlich zur Einfassung von Blumenbeeten bestimmt waren. Bei der

Arbeit könnte Bertram ihm helfen und würde es mit dem größten Vergnügen

thun; aber leider ging's nicht an. Leider gebot ihm die einfachste Pflicht

der Höflichkeit, augenblicklich nach Obositz zurückzueilen, um der Frau

Baronin zu danken, gleich im ersten Freudenausbruch. Hastig knöpfte er die

Lodenjoppe zu und griff nach seinem Hute. Ein dunkles Gefühl sagte ihm

freilich: Was dich jetzt wieder auf und davon jagt, ist ein ganz anderes

als reines, pures Dankbarkeitsbedürfniß, es ist die fieberhafte Unstätheit,

die dich seit Tagen in schwebender Pein, ein lebendes Pendel, hin und her

treibt zwischen Obositz und Vogelhaus. Ja, das war's und war ein

unabwendbares Schicksal, in das es hieß, sich fügen mit männlicher

Ergebung.

Nachdenklich ging er die Treppe hinab und mit etwas verlegenem Gruße an dem

fleißigen Waniek vorbei in den strömenden Regen hinaus. Gar bald besiegte

das Bewußtsein, daß jeder Schritt ihn der Vielgeliebten näher führte, alle

unbehaglichen Empfindungen. Herrlich erschien ihm sein Spaziergang unter

der Himmelstraufe. Welch ein Unterschied zwischen der Stadt und dem Lande!

Dort schütten die Wolken nassen Ruß auf unsere Häupter, hier weiches,

thauklares Wasser. Übermüthig schob Bertram den Hut ins Genick, warf den

Kopf zurück und bot sein Gesicht dem Regen dar. Wohlthuend kühl rann er ihm

über die Stirn und die Wangen. Der Sturm hatte sich gelegt, mit sanftem,

gleichmäßigem Rauschen fiel der Regen zur heißdürstenden Erde nieder, die

ihm alle ihre Poren öffnete und neu belebt den Duft ihrer urkräftigen,

zähen Schollen als urgesunden Athem ausströmte.

In der Nähe der Wegstelle, an der ein Fußsteig abzweigte und dem Dorfe

zulief, waren einige Linden im Dreiecke gepflanzt. Am Stamme der einen

lehnte eine weibliche Gestalt, in einem langen, grauen Mantel, und sie

schien etwas Rothes in den Armen zu tragen und nun etwas Weißes in Bewegung

zu setzen. Sollte das vielleicht ein Taschentuch sein, und gab sie ein

Nothsignal?

Er beschleunigte seine Schritte und hörte ganz deutlich seinen Namen rufen,

und nun überrieselte es ihn auch im bildlichen Sinne, denn o Zufall,

verhüllter, geheimnißvoller Gott! Die ihn rief, war sie, seine unbewußte

Quälerin, die geliebte Feindin seiner Seelenruhe.

Er rannte, er sprang mit beiden Füßen über einen Graben (was der Mensch

nicht alles kann, ohne zu ahnen, daß er's kann) und war bei ihr und fragte:

»Was befehlen Sie, mein Fräulein?«

»Sehen Sie nur diese Verzweiflung,« antwortete sie und wies auf ein

Knäblein von etwa fünf Jahren, das auf dem Boden lag, sich an ihren Mantel

anklammerte und jämmerlich schluchzte. Der rothe Gegenstand aber, den

Bertram von weitem gesehen hatte, war ein Federbett, und in dem steckte ein

Wickelkind, das zu Gertrud, die es sanft und liebkosend wiegte, mit

weitgeöffneten erschreckten Augen emporsah und jeden Augenblick bereit

schien, in ein Geheul auszubrechen.

O du dummes Kind! dachte Bertram.

Er hörte nun, daß der Junge, der sein kleines Schwesterchen trug -- sie

hatten es nach hiesiger Sitte mit einem Tuch an seinen Hals festgebunden --

vor Gertrud hergelaufen war, als sie von ihrer Pflegebefohlenen

zurückkehrte. Plötzlich glitt er aus und fiel und konnte nicht aufstehen,

ehe sie ihm zu Hülfe kam.

»Und nun muß man ihn nach Hause tragen,« sagte sie, »seine Eltern sind im

Meierhof bedienstet. Er hat sich weh gethan, kann nicht gehen, sehen Sie

nur, sein Knie blutet, bitte, heben Sie ihn auf.«

Bertram war betreten: »Ich habe noch nie ein Kind aufgehoben,« sagte er.

»So will ich's thun, übernehmen einstweilen Sie das Kleine.«

Ihn überfiel ein Grauen: »Da nehme ich doch lieber den Buben,« erwiderte

er, beugte sich nieder und hob ihn in die Höhe, und das Knäblein schrie wie

am Spieße und schlug mit den Füßen und Fäusten gegen ihn. »Gebrochen hat

er sich wenigstens nichts,« sprach Bertram beruhigend.

Plötzlich und mit merkwürdig kräftiger Stimme, fiel das Baby ins Gezeter

des Bruders ein. Unter schmetternder Vokalbegleitung zogen Herr Vogel und

Fräulein von Weißenberg in den Hof und erregten die Heiterkeit aller, denen

sie begegneten. Zwei junge Mägde standen vor dem Thor des Kuhstalles;

Gertrud richtete in gebrochenem Czechisch eine Bitte an sie und deutete

dabei nach der Wohnung der Meierknechte. Aber die Angeredeten schüttelten

die Köpfe und wiesen mit ausgestreckten Fingern auf ein dürres,

schiefgewachsenes Weib, das jetzt von der andern Seite des Hofes

herübergestoben kam.

»Das wird wohl die Mutter sein,« sagte Gertrud.

Megärenhaft drohend war die Frau der Gruppe am Stallthor zugeeilt und

übergoß das betroffene Menschenpaar, das ihre kreischenden Sprößlinge in

den Armen trug, mit einem Schwall von Verwünschungen. Sie schien

Rechenschaft von den beiden zu fordern, Antwort zu heischen. Eben so gut

wie mit ihr hätte man sich aber mit dem Rheinfall in eine Kontroverse

einlassen können. Sie befreite zuerst Bertram von seiner Bürde, indem sie

ihm den Buben entriß und ihn so jäh und heftig auf den Boden stellte, als

ob sie ihn hineinstoßen wollte, legte ihm eine Hand auf den Scheitel und

drehte ihn mit der andern an der Schulter einige Mal wie einen Kreisel um

seine eigne Achse.

Er war plötzlich verstummt und ließ sich das rauhe, mütterliche Verfahren

lautlos gefallen. Mit bedenklichem Kopfschütteln, aber sichtlich

enttäuscht, schob das Weib ihn hinweg, trat auf Gertrud zu und nahm ihr das

Kindlein vom Arm. Es hörte alsbald zu weinen auf und jauchzte und

strampelte seiner Mutter entgegen. Sie blickte mit boshaftem Triumph um

sich, lauter und lauter erscholl ihr Geschrei, und wenn ihre Worte für

Gertrud und Bertram auch unverständlich blieben, deutlich sprachen ihre

wild anklagenden Gebärden, ihr leidenschaftlicher Ton: Seht, seht, das Kind

athmet auf, ich hab's von seinen Peinigern erlöst. Die Mägde lehnten am

Thürpfosten, zwinkerten ihr zu und machten sich ein Vergnügen daraus, durch

eine Bemerkung, ein Auflachen, Öl ins Feuer ihres zu gießen.

»Ich bitte Sie,« sprach Gertrud, »schenken Sie ihr etwas, ich habe nichts

mehr bei mir. Sie führt diese ganze Szene nur auf, weil sie etwas geschenkt

haben will.«

»Entschuldigen Sie, gnädiges Fräulein,« erwiderte Bertram, »ein so

nichtsnutziges Vorgehen darf man nicht belohnen.« Stark wie ein Löwe kam er

sich vor, weil er vermochte, der Vielgeliebten eine Bitte abzuschlagen. Er

wendete sich und rief dem kreischenden Weibe mit Entschlossenheit das

zweite czechische Wort, das er wußte, zu: »Ne! Ne!«

Dann wurde der Rückzug angetreten, aber langsam, um ihm jeden Anschein von

Flucht zu nehmen. Gertrud hatte ihren Gleichmuth gewahrt, Bertram war tief

gebeugt:

»Diese fürchterliche Person scheint zu glauben,« sagte er, »daß wir ihre

Kinder überfallen und mißhandelt haben und sie ihr meuchlings hinlegen

wollten, wie der grimme Hagen den erschlagenen Siegfried.«

»Gott behüt's, sie glaubt nicht das geringste Böse, sie wollte uns nur

eine unangenehme Komödie vorspielen und Geld bekommen -- für's Aufhören.«

»Sie meinen?«

»Gewiß. Es macht mich oft staunen, wie wunderbar die Leute hier Komödie

spielen können.«

Rittmeister Brand; Bertram Vogelweid Zwei Erzählungen · 第 61 / 68 题