Morgen rede ich mit ihr, -- heute rede ich mit ihr, war Bertrams letzter
Gedanke beim Einschlafen und sein erster beim Erwachen gewesen. Er stand
zeitlich auf und ging in den Garten und hoffte sie dort zu finden, aber
umsonst. Das Wetter war freilich nicht einladend, der Himmel aschgrau, am
Horizont ballten sich schwer und drohend riesige Wolken und glichen einem
phantastischen Gebirgszuge.
Später erst traf Bertram die Ersehnte in Gesellschaft ihrer Cousine, auf
dem Wege nach der Nähschule im Dorfe, und von dort aus gedachte Gertrud
einen Krankenbesuch bei einer alten Pensionistin im Namen der Tante
abzustatten.
Das könnte die gute Baronin auch selbst thun, dachte Bertram, ging auf sein
Zimmer, legte seinen neuen Lodenanzug an, der ihn vom Kopf bis zu den Füßen
wetterfest machte und begab sich nach Vogelhaus.
Auf dem Felde nächst der Villa war eine Anzahl Tagelöhner und Fuhrleute in
voller Thätigkeit. Das Getreide sollte noch vor dem Ausbruch des Regens
unter Dach gebracht werden. Ein hochbeladener Erntewagen fuhr eben ins
breit gähnende Thor der Scheune ein, auf einen anderen wurden die letzten
Garben kunstvoll gehäuft. Waniek leitete die Arbeit, hatte die Augen
überall, gab gelassen seine Befehle, und ohne Einwand und ohne aufhaltsame
Hast wurden sie vollzogen.
Als Bertram erschien, änderte sich das Bild. Die Weiber legten die Rechen
weg, wischten den Schweiß vom Gesicht und jammerten über die Hitze. Die
Arme und Beine der Männer waren plötzlich wie mit Blei eingegossen. Die
aufgespießten Garben schwankten lange auf den Zinken der Gabel, ehe die
Lader die Kraft aufbrachten, sie zum Ordner emporzuheben, und den hatte
eine solche Müdigkeit überkommen, daß Waniek ihn vom Wagen herabsteigen
hieß und seine Stelle einnahm.
Ein paar heftige Windstöße erbrausten, Staubwolken wirbelten, dann fielen
die ersten, schweren Regentropfen. Männer und Frauen verlegten sich auf
Wetterbeobachtungen, und drangen alle zugleich auf Bertram ein; einige
bittend und klagend, andere mit brüsk heischenden Gebärden.
Er verstand sie nicht, wandte sich an Waniek und fragte:
»Was wollen sie?«
»Ganzen Tagelohn wollen's,« war die phlegmatisch und verächtlich ertheilte
Antwort.
»Sie sollen ihn haben, natürlich, was können denn sie dafür, daß es
regnet?« Bertram nickte gewährend und rief den Leuten eines der wenigen
Worte zu, die er erlernt hatte:
»Ano, ano!«
»Ano!« wiederholten sie und lachten den großmüthigen Arbeitgeber an, und er
konnte sich mit dem besten Willen nicht verhehlen, daß diese Lustigkeit
eine starke Zugabe von Geringschätzung hatte. So schweigsam man früher
gewesen war, jetzt wurde geplaudert, geschrien, aller Thätigkeitsdrang
schien sich in die Zungen geflüchtet zu haben. Nicht ruhig, wie die
früheren, fuhr der letzte Wagen in die Scheune. Die Pferde, übermäßig
angetrieben, wurden stutzig, mußten ausgespannt und andere vorgespannt
werden. Einzig und allein der Energie Wanieks war's zu danken, daß auch
diese Fuhre eingebracht wurde, ehe der Platzregen niederging.
Bertram begab sich ins Haus. Es kam ihm heute ganz besonders schmuck vor
und war in der That auf den Glanz hergerichtet. Auf der Stiege lag ein
Lauftuch aus Kokosstroh, eine Binsenmatte auf dem Gange, die Klinke der
Thür, die zum Wohnzimmer führte, blinkte freundlich einladend wie ein
Freundesauge. Komm nur, komm, tritt ein, schien sie zu sagen. Jetzt sah er
auch, daß ein Pergamentstreifen an dem Schlüssel hing und auf dem waren die
Worte zu lesen: Berthas Dank.
Nein, diese Baronin, diese allerletzte Romantikerin, welch einen
wunderbaren, guten, lieben Einfall hatte sie gehabt! Bertram fand seinen
Salon genau wie den Goethes in Weimar eingerichtet. Im Schlosse mußten sich
Möbel aus der Zeit der großen Klassiker vorgefunden haben, denn da standen
sie, altmodisch ehrwürdig und prächtig erhalten. An der Wand das
wohlbekannte Kanapee mit steifen Rücken- und Seitenlehnen und abgestumpftem
Aufsatz unter einer trefflichen Reproduktion der aldobrandinischen
Hochzeit und davor der runde, mit einem Teppich bedeckte Tisch. Auch ein
Klavier war da, dieses aber kein alterthümliches Juwel, sondern ein, wenn
auch nicht neues, doch vorzügliches Instrument. Hingegen stand im
Arbeitszimmer ein dem Goetheschen ähnlicher Bücherschrank. Das Stehpult ihm
gegenüber, der Tisch in der Mitte der Stube, die beiden Sessel, das Kissen
erinnerten gleichfalls deutlich an ihre Urbilder. In solcher Nutzanwendung
ließ sich Bertram die Litteratur gefallen und ging äußerst gerührt von
einem Einrichtungsstück zum anderen, ans Klavier aber setzte er sich und
schlug einige Akkorde an. Seit dem Tode seiner Mutter hatte er keine Taste
mehr berührt. Nun kam plötzlich die Begeisterung über ihn. Sein
musikalisches, sein kleines, aber sein wirkliches, armes, vernachlässigtes
Talent gab einige schwache Lebenszeichen. Er phantasirte, er begann zu
singen: »Hier gedachte still ein Liebender seiner Geliebten,« anfangs
leise, dann immer lauter, immer hingerissener, endlich brüllte er's hinaus:
»Hier gedachte still ...«
Ein Klopfen an der Thür unterbrach ihn, Waniek trat ein, und Bertram ward
bestürzt und entschuldigte sich:
»Lieber Waniek, ich glaube, ich habe gesungen, ich kenne mich nicht vor
Freude, müssen Sie wissen; welche Überraschung habt Ihr mir bereitet!«
Waniek sah ihn mit der freudigen Theilnahme eines gerührten Vaters an:
»Wirdé hochwohlgeborene Frau Baronin fraien, wenn héerte, daß gnädige Herr
Fraide haben.« Ein gutes Lächeln lagerte auf seinen breiten Lippen, er
wußte etwas von jedem Gegenstand zu erzählen, der aus dem Möbeldepot des
Schlosses nach Vogelhaus geschafft worden war. Das Schreibpult hatte dem
seligen Excellenzherrn gedient, auf dem Kanapee hatte Kaiser Joseph
gesessen, als er den Großvater des Herrn Barons in Obositz besucht hatte.
Bald aber ging Waniek vom Historischen zum Praktischen über. Er mußte
sagen, daß der gnädige Herr Vogel nicht weiter wirtschaften dürfe, wie er
angefangen hatte. Für einen halben Arbeitstag einen ganzen Taglohn
auszahlen, »isé nix.« Die Leute sollen nicht eben so viel Geld wie
gewöhnlich und noch einmal so viel Zeit haben, um es auszugeben. Dabei
kommen nur Räusche heraus, die statt um vier Uhr früh, wie sich's gehört,
erst um Mittag ausgeschlafen sind. Auch mit dem Arbeiten des gnädigen Herrn
Vogel auf dem Felde war Waniek nicht einverstanden. Wenn er sich durchaus
nützlich machen wolle, könne es höchstens als Aufseher geschehen, sonst
lachen die Leute den gnädigen Herrn aus.
»Aber, mein lieber Waniek, wie soll ich denn ein Aufseher sein, wenn ich
gar nichts verstehe?« wandte Bertram ein.
»Wer'n schon lernen.«
»Von Ihnen! Nehmen Sie mich in die Schule, ich habe Ihnen gut zugesehen.
Die Leute gehorchen Ihnen und haben Respekt vor Ihnen, weil Sie alles
hundertmal besser verstehen und machen können als jeder andere. Darum will
auch ich Ihnen gehorchen und so lange Unterricht bei Ihnen nehmen, bis aus
mir ein tüchtiger Ökonom geworden ist. Sie sind Soldat gewesen, richten Sie
mich ab, wie ein Wachtmeister den Rekruten, kommandiren Sie mich.«
Waniek hatte wieder sein prächtiges Lächeln: »Werd' schon kommandiren,
wenn befehlen,« sagte er und verabschiedete sich in seiner kraftvollen und
bescheidenen Ruhe; der Beneidenswerthe!
Bertram trat ans Fenster und sah ihm nach. Da stand er im Vorgärtchen und
schnitt aus bereitliegenden Rasenziegeln Streifen zurecht, die
wahrscheinlich zur Einfassung von Blumenbeeten bestimmt waren. Bei der
Arbeit könnte Bertram ihm helfen und würde es mit dem größten Vergnügen
thun; aber leider ging's nicht an. Leider gebot ihm die einfachste Pflicht
der Höflichkeit, augenblicklich nach Obositz zurückzueilen, um der Frau
Baronin zu danken, gleich im ersten Freudenausbruch. Hastig knöpfte er die
Lodenjoppe zu und griff nach seinem Hute. Ein dunkles Gefühl sagte ihm
freilich: Was dich jetzt wieder auf und davon jagt, ist ein ganz anderes
als reines, pures Dankbarkeitsbedürfniß, es ist die fieberhafte Unstätheit,
die dich seit Tagen in schwebender Pein, ein lebendes Pendel, hin und her
treibt zwischen Obositz und Vogelhaus. Ja, das war's und war ein
unabwendbares Schicksal, in das es hieß, sich fügen mit männlicher
Ergebung.
Nachdenklich ging er die Treppe hinab und mit etwas verlegenem Gruße an dem
fleißigen Waniek vorbei in den strömenden Regen hinaus. Gar bald besiegte
das Bewußtsein, daß jeder Schritt ihn der Vielgeliebten näher führte, alle
unbehaglichen Empfindungen. Herrlich erschien ihm sein Spaziergang unter
der Himmelstraufe. Welch ein Unterschied zwischen der Stadt und dem Lande!
Dort schütten die Wolken nassen Ruß auf unsere Häupter, hier weiches,
thauklares Wasser. Übermüthig schob Bertram den Hut ins Genick, warf den
Kopf zurück und bot sein Gesicht dem Regen dar. Wohlthuend kühl rann er ihm
über die Stirn und die Wangen. Der Sturm hatte sich gelegt, mit sanftem,
gleichmäßigem Rauschen fiel der Regen zur heißdürstenden Erde nieder, die
ihm alle ihre Poren öffnete und neu belebt den Duft ihrer urkräftigen,
zähen Schollen als urgesunden Athem ausströmte.
In der Nähe der Wegstelle, an der ein Fußsteig abzweigte und dem Dorfe
zulief, waren einige Linden im Dreiecke gepflanzt. Am Stamme der einen
lehnte eine weibliche Gestalt, in einem langen, grauen Mantel, und sie
schien etwas Rothes in den Armen zu tragen und nun etwas Weißes in Bewegung
zu setzen. Sollte das vielleicht ein Taschentuch sein, und gab sie ein
Nothsignal?
Er beschleunigte seine Schritte und hörte ganz deutlich seinen Namen rufen,
und nun überrieselte es ihn auch im bildlichen Sinne, denn o Zufall,
verhüllter, geheimnißvoller Gott! Die ihn rief, war sie, seine unbewußte
Quälerin, die geliebte Feindin seiner Seelenruhe.
Er rannte, er sprang mit beiden Füßen über einen Graben (was der Mensch
nicht alles kann, ohne zu ahnen, daß er's kann) und war bei ihr und fragte:
»Was befehlen Sie, mein Fräulein?«
»Sehen Sie nur diese Verzweiflung,« antwortete sie und wies auf ein
Knäblein von etwa fünf Jahren, das auf dem Boden lag, sich an ihren Mantel
anklammerte und jämmerlich schluchzte. Der rothe Gegenstand aber, den
Bertram von weitem gesehen hatte, war ein Federbett, und in dem steckte ein
Wickelkind, das zu Gertrud, die es sanft und liebkosend wiegte, mit
weitgeöffneten erschreckten Augen emporsah und jeden Augenblick bereit
schien, in ein Geheul auszubrechen.
O du dummes Kind! dachte Bertram.
Er hörte nun, daß der Junge, der sein kleines Schwesterchen trug -- sie
hatten es nach hiesiger Sitte mit einem Tuch an seinen Hals festgebunden --
vor Gertrud hergelaufen war, als sie von ihrer Pflegebefohlenen
zurückkehrte. Plötzlich glitt er aus und fiel und konnte nicht aufstehen,
ehe sie ihm zu Hülfe kam.
»Und nun muß man ihn nach Hause tragen,« sagte sie, »seine Eltern sind im
Meierhof bedienstet. Er hat sich weh gethan, kann nicht gehen, sehen Sie
nur, sein Knie blutet, bitte, heben Sie ihn auf.«
Bertram war betreten: »Ich habe noch nie ein Kind aufgehoben,« sagte er.
»So will ich's thun, übernehmen einstweilen Sie das Kleine.«
Ihn überfiel ein Grauen: »Da nehme ich doch lieber den Buben,« erwiderte
er, beugte sich nieder und hob ihn in die Höhe, und das Knäblein schrie wie
am Spieße und schlug mit den Füßen und Fäusten gegen ihn. »Gebrochen hat
er sich wenigstens nichts,« sprach Bertram beruhigend.
Plötzlich und mit merkwürdig kräftiger Stimme, fiel das Baby ins Gezeter
des Bruders ein. Unter schmetternder Vokalbegleitung zogen Herr Vogel und
Fräulein von Weißenberg in den Hof und erregten die Heiterkeit aller, denen
sie begegneten. Zwei junge Mägde standen vor dem Thor des Kuhstalles;
Gertrud richtete in gebrochenem Czechisch eine Bitte an sie und deutete
dabei nach der Wohnung der Meierknechte. Aber die Angeredeten schüttelten
die Köpfe und wiesen mit ausgestreckten Fingern auf ein dürres,
schiefgewachsenes Weib, das jetzt von der andern Seite des Hofes
herübergestoben kam.
»Das wird wohl die Mutter sein,« sagte Gertrud.
Megärenhaft drohend war die Frau der Gruppe am Stallthor zugeeilt und
übergoß das betroffene Menschenpaar, das ihre kreischenden Sprößlinge in
den Armen trug, mit einem Schwall von Verwünschungen. Sie schien
Rechenschaft von den beiden zu fordern, Antwort zu heischen. Eben so gut
wie mit ihr hätte man sich aber mit dem Rheinfall in eine Kontroverse
einlassen können. Sie befreite zuerst Bertram von seiner Bürde, indem sie
ihm den Buben entriß und ihn so jäh und heftig auf den Boden stellte, als
ob sie ihn hineinstoßen wollte, legte ihm eine Hand auf den Scheitel und
drehte ihn mit der andern an der Schulter einige Mal wie einen Kreisel um
seine eigne Achse.
Er war plötzlich verstummt und ließ sich das rauhe, mütterliche Verfahren
lautlos gefallen. Mit bedenklichem Kopfschütteln, aber sichtlich
enttäuscht, schob das Weib ihn hinweg, trat auf Gertrud zu und nahm ihr das
Kindlein vom Arm. Es hörte alsbald zu weinen auf und jauchzte und
strampelte seiner Mutter entgegen. Sie blickte mit boshaftem Triumph um
sich, lauter und lauter erscholl ihr Geschrei, und wenn ihre Worte für
Gertrud und Bertram auch unverständlich blieben, deutlich sprachen ihre
wild anklagenden Gebärden, ihr leidenschaftlicher Ton: Seht, seht, das Kind
athmet auf, ich hab's von seinen Peinigern erlöst. Die Mägde lehnten am
Thürpfosten, zwinkerten ihr zu und machten sich ein Vergnügen daraus, durch
eine Bemerkung, ein Auflachen, Öl ins Feuer ihres zu gießen.
»Ich bitte Sie,« sprach Gertrud, »schenken Sie ihr etwas, ich habe nichts
mehr bei mir. Sie führt diese ganze Szene nur auf, weil sie etwas geschenkt
haben will.«
»Entschuldigen Sie, gnädiges Fräulein,« erwiderte Bertram, »ein so
nichtsnutziges Vorgehen darf man nicht belohnen.« Stark wie ein Löwe kam er
sich vor, weil er vermochte, der Vielgeliebten eine Bitte abzuschlagen. Er
wendete sich und rief dem kreischenden Weibe mit Entschlossenheit das
zweite czechische Wort, das er wußte, zu: »Ne! Ne!«
Dann wurde der Rückzug angetreten, aber langsam, um ihm jeden Anschein von
Flucht zu nehmen. Gertrud hatte ihren Gleichmuth gewahrt, Bertram war tief
gebeugt:
»Diese fürchterliche Person scheint zu glauben,« sagte er, »daß wir ihre
Kinder überfallen und mißhandelt haben und sie ihr meuchlings hinlegen
wollten, wie der grimme Hagen den erschlagenen Siegfried.«
»Gott behüt's, sie glaubt nicht das geringste Böse, sie wollte uns nur
eine unangenehme Komödie vorspielen und Geld bekommen -- für's Aufhören.«
»Sie meinen?«
»Gewiß. Es macht mich oft staunen, wie wunderbar die Leute hier Komödie
spielen können.«