Die erste Stunde nach Sonnenuntergang war angebrochen. Mild und klar die
Luft, alle Farbentöne gedämpft und harmonisch, alle Schatten durchsichtig.
Aber schon vertiefen sie sich, wie heiterer Frieden in feierliche Wehmuth
übergeht, wenn sich in Erinnerung verwandelt, was seliges Genießen war.
Hochsommerabend. Kein jubelvolles Wachsen der Tage mehr, die Höhe ist
überschritten, nun kommt die Wende.
Die Freunde hatten während ihrer Heimfahrt lange schweigend nebeneinander
gesessen. Auf einmal sprachen beide fast zugleich, und sie mußten so
ziemlich denselben Gedanken verfolgt haben, denn Weißenberg sagte:
»Ich bin auch ein glücklicher Mensch,« und Bertram sagte:
»Es wäre höchste Zeit für mich, glücklich zu werden.«
»Meine Frau ist eine Frau allerersten Ranges,« begann Hugo von neuem, und
Bertram erwiderte mit plötzlicher Heftigkeit:
»Und wenn ich nicht auch eine Frau allerersten Ranges bekomme, wenn deine
Nichte mich verschmäht, bin ich ein ärmerer Teufel, als ich je war. 'Wer
die Schönheit hat gesehen mit Augen'« ..
Weißenberg verschränkte die Hände über dem Magen und sprach: »Ob ich's
nicht vorausgesehen habe! Ich hätte sie wegschicken sollen. Hab' mir noch
gedacht, schick' sie weg.«
»Das _konntest_ du dir denken? Du wußtest, er muß sie lieben und hättest
sie aus dem Wege räumen mögen? Du hättest mir das anthun können? Du, du!«
Er schüttelte den Kopf wie einer, der die bitterste, die schmerzlichste
Enttäuschung erlebt hat.
Weißenberg drückte sich in die Ecke des Wagens und sah ihn von der Seite
an: »Wenn du sie nicht gesehen hättest, würdest du sie schwerlich geliebt
haben, mein ich.« Und jetzt fiel er aus dem Ton des weichen Vorwurfs in den
der Anklage; »Du bist unrettbar verliebt. So unvernünftig redet ein sonst
Vernünftiger nur, wenn er unrettbar verliebt ist.«
»Und wenn ich's bin?«
»Und wenn sie's wird und dich nimmt -- du bist nicht reich, und sie bekommt
von uns nur ein ganz kleines Heirathgut -- dann hast du dich sehr geirrt,
wenn du auf ein sorgenfreies Leben in deinem Vogelhaus gehofft hast. Dann
geht die Müh' und Plag' erst recht an.«
»Frevle nicht! Sprich nicht von Müh' und Plage -- du kennst sie nicht.
Mensch, der immer hat, was man nicht zu schätzen weiß, wenn man's nicht hat
-- Zeit. Was schiert mich Müh' und Plage, wenn ich Zeit hab', mich zu mühen
und zu plagen? Es giebt nur _eine_ Qual: Mehr Arbeit als Fähigkeit sie zu
bewältigen, innerhalb einer unverrückbaren, eisernen Frist. Und was für
Arbeit -- nicht gebenedeite Feldarbeit unter Gottes freiem Himmel, bei der
die Brust weit, das Auge hell wird und die Kräfte wachsen -- wie ich sie
jetzt schon wachsen fühle in diesen meinen Armen!« Er hob sie hoch empor.
»Nein, Gedankenarbeit, ein Aufwerfen schillernder Blasen, in denen fremde
Gedanken sich spiegeln, mehr ist's nicht. Mein ganzes, sogenanntes Schaffen
Rauch und Dunst, aber auch der, lieber Freund, auch der kann nur einem
siedenden Gehirn entsteigen.«
»Na, na,« sagte Weißenberg. »Ich bitte dich, hör' auf. Du sprichst dich
sonst in einen Anfall von Nervosität hinein.«
»Er ist vorüber. Ich wollte dir nur erklären --«
»Brauchst nicht. Wenn man auch nur einen Don Juan u. s. w. vor der Ankunft
eines gewissen Jemand fertig bringen wollte, kann man sich schon einen
Begriff machen ... aber ich sag' dir doch ... es giebt Ärgeres.«
»Du sagst mir?« -- Mit Entrüstung hatte er's hervorgestoßen und -- schämte
sich ihrer sofort, denn der Freund sprach:
»Was wird aus meinem Hagen werden?« -- Plötzlich, mit einem schmerzlich
gepreßten Laut entrang es sich seiner Brust. Man sah es wohl, das war seine
Lebenspein. Wie selten er sie aussprach, sie quälte ihn immer.
»Ich will dir einen Vorschlag machen,« erwiderte Bertram. »Gieb mir den
Jüngling mit nach Wien.«
»Nach Wien? Dort geht er vielleicht ganz zu Grunde.«
»Hier aber gewiß, in seiner Ausnahmsstellung auf dem Gymnasium eurer
kleinen Stadt. Die einen hofiren ihm aus Interesse, die anderen feinden ihn
an aus Neid oder Vorurtheil -- lauter Gift. Schmeichelei oder Verfolgung --
seine Eitelkeit wird durch beide genährt.«
Nun sprach er von einem gemeinsamen Freunde aus früherer Zeit, einem
gewiegten Pädagogen, mit dem er in Verbindung geblieben: »Dem möcht' ich
Hagen anvertraut sehen, das ist der rechte Mann! Der würde ihn im Zügel
halten, ohne ihn je die Abhängigkeit unnöthig fühlen zu lassen.«
»Aber Wien ... die Versuchungen einer großen Stadt.«
»Versuchungen hat er in der kleinen auch. Sie rücken ihm da noch viel
näher.«
Halb und halb gab Hugo ihm recht, wollte die Sache erwägen, sich jedenfalls
mit seiner Frau darüber berathen.
»Thu' das,« versetzte Bertram, und sie versanken wieder in ihr früheres
Schweigen.