XIX.

Der Besuch der Nachbarn wurde von Weißenberg und seinem Gast am folgenden

Nachmittag erwidert. Als ihr Wagen über die Grenze fuhr, begann der

Freiherr Vergleiche zwischen Obositz und Luchov anzustellen, die alle zu

Gunsten Luchovs ausfielen:

»Obwohl die Bevölkerung ärmer ist als bei uns, hat sie fast keine

Steuerrückstände und hat ein hinreichend dotirtes Armenhaus und Spital und

eine gut organisirte Feuerwehr und einen Veteranenverein, der nicht wie der

unsere drei Viertel seiner Einnahmen auf Landpartien verjubelt. Das Beste

von allem aber ist: Gerhart hat Einfluß auf die Leute, während meine

Obositzer lieber zu Grunde gehen, als einen Rath von mir befolgen würden.

Und doch ist nie etwas geschehen, wodurch ihr Mißtrauen sich rechtfertigen

ließe. Meine Eltern und Großeltern waren gute und hülfreiche Herren. Das

Gut Luchov geht seit Generationen von einer Hand in die andere; warum ist

gerade hier die Bevölkerung rechtschaffen, fleißig, nüchtern, warum erhält

und entwickelt sich gerade hier die Kultur, während ringsum alles

verwildert? Ja, warum? Wie kommt das Goldkorn in den Kies, in die

Quarzgänge? Naturerscheinung, und die Kulturgeschichte ist

Naturgeschichte.«

Am Ende des Dorfes bog ein breiter Weg, der zum Schloßgarten führte, von

der Straße ab. Das Thor stand offen, und an einem der Pfeiler war eine

Tafel mit einer böhmischen Inschrift angebracht.

»Schau,« nahm Weißenberg wieder das Wort. »Da steht: Hier wohnt der

Vorsteher des Ortes Luchov. Gerhart ist zum Bürgermeister gewählt worden,

nachdem er kaum einige Jahre hier zugebracht hatte. Einstimmig gewählt. Ich

kann meine Wahl nicht durchsetzen, mich wollen sie nicht. Und sie könnten

doch wissen, daß ich es ehrlich mit ihnen meine. Beweise dafür haben sie

genug.«

Die zwei Kinder, die Bertram schon auf der Eisenbahn gesehen hatte, kamen

mit offenen Armen auf Hugo zugelaufen, als er aus dem Wagen stieg: »Der

Vater und die Mutter sind im Dorf, werden aber bald kommen,« sagte das

Knäblein und schwenkte den breiten Strohhut vor Hugo, vor Bertram, vor dem

Kutscher, begrüßte auch die Pferde, die er beim Namen anrief und erkundigte

sich nach dem Befinden der Hunde in Obositz.

Indessen hatte Bertram einen Handschlag mit dem kleinen Mädchen gewechselt,

das auf die Frage, ob es ihn noch kenne, antwortete: »O ja, du bist ein

Vogel und ich,« sie warf sich in die Brust, »bin die Tochter des

Bürgermeisters. Da kommt er schon und die Mutter auch.«

»Lauft ihnen entgegen, Kinder,« sagte Hugo. Aber der kleine Junge stellte

sich der Schwester, die schon davonstürmen wollte, mit ausgespreizten

Beinen in den Weg und redete eifrig mit einer wahren Richtermiene auf sie

ein:

»Du darfst nicht, du weißt recht gut. Du siehst doch, daß der Vater mit dem

Leschka spricht. Wir dürfen nicht zu ihm, wenn er mit einem großen

Menschen spricht,« wandte er sich erklärend an Weißenberg.

»Das nenn' ich Kinderzucht,« meinte der. »Ja, ja, da könnt' ich was lernen.

Mein Junge war seinerzeit auch ein lieber Kerl. Weiß Gott, wie's kommt, daß

er sich so kurios herausgewachsen hat.«

Der Graf und die Gräfin wurden von einem bäuerlichen Ehepaar, einem

stattlichen Greise und einem hochgewachsenen, spindeldürren Weibe,

begleitet. In dem Mann erkannte Bertram einen der Bauern, die er gestern

auf dem Wege nach Vogelhaus in Gesellschaft Meisenmanns getroffen hatte;

die Frau war eine unheimliche Erscheinung, mit ihrem wie aus Citronenholz

geschnittenen Gesichte und dem stechenden Blick ihrer dunkeln Augen.

Gerhart grüßte seine Gäste, blieb aber am Thor stehen und ließ sich nicht

stören in seiner Verhandlung mit dem Bauern. Die Gräfin eilte auf

Weißenberg und Bertram zu, und das Weib folgte ihr, unaufhörlich sprechend

in gleichmäßig klapperndem Tone. Plötzlich vertrat die Alte ihr den Weg,

streckte die Rechte aus, streichelte ihr die Wange, sagte dabei etwas, das

sich offenbar auf die Kinder bezog, und hastete davon.

Die Gräfin hatte die unerwünschte Liebkosung ruhig erduldet, deutete mit

einer Bewegung des Kopfes nach der Forteilenden und sprach zu Weißenberg:

»Antisemitischer Wahnsinn, importirt aus Obositz. Die Leschkova hat mir

eben empfohlen, auf meine Kinder acht zu geben, damit sie nicht einem

Ritualmorde zum Opfer fallen und er, Leschka, will, daß alles daran gesetzt

werde, den einzigen Juden, den wir im Dorfe haben, den kleinen Handelsjuden

Moschko, der seit zehn Jahren unangefochten hier haust, um sein

Wohnungsrecht zu bringen. Gerhart hat zu thun, dem Herrn Gemeinderath,

hinter dem schon eine Partei steht, den Kopf zurecht zu rücken.«

»Schad' um die Müh. Sie ist verschwendet. Einen Bauern kriegt unsereins

nicht herum.«

»Mein Mann hat schon so manchen herumgekriegt,« erwiderte die Gräfin mit

ruhiger Sicherheit, und Bertram sah sie bewundernd an. »Mein Mann,« das

hatte sie mit demselben beglückten Stolze, mit eben solcher Zärtlichkeit

gesagt, mit denen _er_ sagte: »Meine Frau.«

Nach zehn Ehejahren war die Zuneigung dieser beiden Menschen noch warm und

begeistert wie junge Liebe und durch die Zeit vertieft, durch Treue

geheiligt worden.

»Dein Meisenmann säet Drachenzähne,« sprach Gerhart, der nun auch

herbeikam, zu Weißenberg. »Er predigt Deutschenhaß und Antisemitismus. Wann

kriegen wir ihn endlich einmal fort aus unserer Gegend, wann zieht er als

Professor in das goldene Prag?«

»Im Herbst, denk' ich.«

»Erst?« Die Gräfin zuckte die Achseln. »Nein, lieber Freund, daß Sie den

nicht hinausgeworfen haben, als er sich bei Ihnen um unsere Gertrud bewarb,

verzeih' ich Ihnen nie.«

»Je nun, sie könnt's schlechter treffen. Er hat sie sehr gern und ist ein

guter Mensch.«

»Ein guter Mensch, der Böses thut.«

»Ach was! Deklamirt gegen die Deutschen und gegen die Juden und würde doch

keinem ein Haar krümmen.«

»Werden die Leute, die er verhetzt, ebenso platonisch hassen?« fragte

Gerhart. »Ich glaube, daß sie sehr aufgelegt sind, zu Knütteln und Beilen

zu greifen. Das bedenkt er nicht, der Maulheld, oder macht sich kein

Gewissen draus. Ein roher Kerl, der aus eigenster Überzeugung selbst

dreinschlägt, ist mir lieber.«

»Mit einem solchen kann ich dir auch aufwarten; hab' erst neulich meinen

Heger vor ihm retten müssen, der ein paar Holzdiebe arretirt hatte und den

er dafür zur Rechenschaft zog. Er ist ein ehemaliger Schlossergeselle,

zieht hier herum und verbreitet die sozialistischen Lehren auf dem Lande.

Ich kenn' ihn seit Jahren; er war ein tüchtiger Arbeiter, bis er ein

Rednertalent in sich entdeckte. Das ist das einzige, das er jetzt ausübt,

und wo seine Zunge nicht ausreicht, hilft er mit den Fäusten nach.«

Der Graf führte seine Gäste in den Garten, der hübsch angelegt war, sich

aber an Größe und Schönheit mit dem Obositzer nicht vergleichen konnte. Vor

zwei Jahren hatte ein Wirbelsturm hier gehaust und die schönsten Bäume

ihrer Kronen, viele auch der Hauptäste beraubt.

Bertram wurde immer schweigsamer. Schadenfeuer, Deutschenhaß,

sozialistische Agitation, Wirbelsturm -- das waren freilich Dinge, an die

er nicht gedacht hatte, als er noch in seiner Bratröhre saß und den

Aufenthalt auf dem Lande für die reine Idylle hielt.

Aus dem Garten ging man in den Meierhof und in die Stallungen; die

Fütterung war vorbei, den Rindern die Streu zum Nachtlager zurecht gemacht,

der Boden wurde gekehrt, die Barren wurden gereinigt. Beaufsichtigt oder

nicht, verrichteten die Leute emsig und ruhig ihre Arbeit, und Bertram

bewunderte die Sauberkeit und Ordnung, die nach vollendetem Tagewerk

allenthalben herrschte.

»Es bleibt noch manches zu wünschen übrig,« erwiderte der Graf, »und,

glauben Sie mir, lernen können Sie bei uns nichts. Wir sind selbst Schüler,

wir richten uns, so viel wir können, nach der Wirthschaft in Obositz. Da

steht unser Vorbild.« Er klopfte Weißenberg liebreich und respektvoll auf

die Schulter.

Der lehnte ab: »Den Mechanismus hab' ich in leidlichen Stand gesetzt, aber

mein Werk ist todt, weil ich die Menschen nicht gefunden habe, die auf

meine Absichten eingehen; im Gegentheil, mit wenigen Ausnahmen lauter

Gegner, offene und geheime. Abgetrotzt muß ihnen werden, was sie mir

leisten sollen. Dir thun deine Leute was zu lieb, mir zu leid, was sie

können!« Er kam wieder auf seine Naturerscheinung zurück, und man sah wohl,

daß Gerhart ihm nicht recht gab, sich aber schwer entschloß, dem verehrten

Manne zu widersprechen.

»Daß deine Obositzer nicht viel taugen, ist ausgemacht,« sagte er.

»Vielleicht hat gerade die Großmuth ihrer früheren Herren, die ihnen

materiell nützte, ihnen moralisch geschadet. Du, Lieber, Bester, bist in

vielem zu gut und nachgiebig.«

»Aha, ich verstehe, das heißt schwach.«

»Verzeih, ja, in vielem -- in anderem wieder -- wie soll ich sagen? -- zu

empfindlich. Bist halt vom alten Schlag, hast noch Erinnerungen an eine

Zeit, in der der Grundbesitzer der Herr gewesen ist. Das merken diese

Menschen, die sich nicht mehr beugen und unterordnen wollen. Bei mir ist's

anders, ich bin hier von allem Anfang an ein Gleicher unter Gleichen

gewesen. Manches, das dir rücksichtslos erscheint, kommt mir

selbstverständlich vor. Sie haben mich zum Bürgermeister gewählt, ja, aber

wer weiß, ob sie mich wieder wählen, wenn meine Zeit um ist? Ihre

Interessen liegen mir am Herzen wie die meinen, sie _sind_ die meinen, wie

die meinen die ihren sind -- trotzdem: der Klassenhaß, der Argwohn wurzeln

schon zu tief in den Gemüthern. Meine Treuesten wissen nicht, was sie

antworten sollen, wenn ein Sozialist -- ich achte jeden uneigennützigen! --

sie fragt: Warum wählt ihr einen Grafen?«

Die Gräfin hatte sich mit den Kindern ins Haus begeben und ließ nach einer

kleinen Weile die Herren zur Jause rufen. Aber Gerhart, der eben angefangen

hatte, eine nöthig gewordene Grenzregulirung mit Weißenberg zu besprechen,

ersuchte Bertram, einstweilen allein voraus zu gehen.

Der Salon, in dem die Hausfrau ihn empfing, war behaglich eingerichtet,

spiegelhell und geräumig. Die bunten, doch geschmackvollen Cretonnetapeten

und Draperien erinnerten Bertram an Turgenjews Schilderung des Gastzimmers

Frau Shipjagins, und zugleich fiel ihm ein, daß er hier das Widerspiel der

Gattin des russischen Staatsmannes vor sich habe. Einen größern Kontrast

zwischen ihrem gemachten Wesen und dem der lieben Frau, die ihn jetzt

einlud, am Tische Platz zu nehmen, konnte es nicht geben.

»Die Herren sprechen von Grenzregulirung. Da finden sie kein Ende, und wir

wollen nicht auf sie warten. Nehmen sie eine Tasse Thee?« fragte sie.

Aber er wünschte ihrem Beispiel und dem der Kinder zu folgen und bat um ein

Glas Milch. »Ich muß wenigstens im kleinen alles Nervenaufregende

vermeiden.«

»Wenn Sie das nur auch im großen könnten.«

»Freilich, wenn! Aber Sie wissen, Frau Gräfin, ein Jahr lang muß noch

gesündigt werden auf meine Nerven, ein Jahr lang muß ich noch frohnen,

widerstrebend, verzweifelnd, aber ich muß!«

»Durchaus?«

»Durchaus. Ich darf meine Zeitung, meine alte Nährmutter, nicht sitzen

lassen. Es wäre eine Treulosigkeit.«

»Dann thun Sie's nicht,« versetzte die Gräfin rasch. »Wie schwer es Ihnen

auch falle, thun Sie's nicht.«

Er hob den Kopf, den er hatte sinken lassen, und blickte ihr in die Augen.

Einen andern Rath, als den, treu zu sein, kann nicht geben, wer so ehrliche

Augen hat. Alles echt an der Frau und klar wie der Tag. Wieder kam die

Ähnlichkeit zwischen ihr und Gertrud ihm in den Sinn, eine rein geistige

Ähnlichkeit. Er konnte nicht umhin, der Gräfin diese überraschende

Beobachtung mitzutheilen und ihm schien, als ob ein Lächeln voll

gutmüthigen Spottes ihre Lippen umspiele, als sie sprach:

»Mein Mann hat mir schon gesagt, daß Sie das finden.« Dabei blickte sie ihm

fest und freundlich ins Gesicht, und schon war er im Begriff sein Herz vor

ihr auszuschütten, als Weißenberg und Gerhart eintraten.

Die beiden Kinder hatten wie auf Verabredung ihre Sessel immer näher an

Bertram herangerückt. Auf einmal legte sich ein kleiner Arm um seinen

Hals, und Gretl flüsterte ihm zu:

»Du sollst später zu uns kommen.«

»Komm' nur,« ergänzte Hans, »wir haben einen Rutschberg, da kannst du mit

dem Dackerl fahren, er fährt auch gern.«

»Ich komme gewiß,« erwiderte Bertram und drückte den kleinen Arm an seinen

Mund und hatte antizipirte Vatergefühle. In der Nähe dieser Frau, dieser

Kinder, im Frieden dieses Hauses wehte eine Atmosphäre der Lauterkeit, der

Gesundheit, die einzuathmen Heilung und Segen war.

Beim Abschied küßte er der Gräfin die Hand, schüttelte die Gerharts viele-

und vielemale und erschöpfte alle Beredsamkeit, über die er zu verfügen

hatte, mit den Worten:

»O Herr Graf, o Frau Gräfin, o Seelencurort Luchov!«

Rittmeister Brand; Bertram Vogelweid Zwei Erzählungen · 第 59 / 68 题