»Warum? -- weil ich kein Talent habe,« gab sie mit großer Gelassenheit zur
Antwort und zuckte ein wenig die Achseln.
»Kein Talent?... Eine Dame von heute ohne Talent zur Schriftstellerei?« Die
niedergesunkene Mauer richtete sich sogleich wieder auf, und die Geliebte
stand ihm wieder so hoch wie je, und er hätte das Knie vor ihr beugen mögen
und ausrufen: »Verzeih', Erhabene, daß ich dich anbete!«
Zum ersten Male während ihres Gespräches hatte sie die Augen zu ihm erhoben
und sah ihn mit einem Gemisch von Verlegenheit und Muthwillen flüchtig an:
»Ich wäre vielleicht so gut wie andere im Stande gewesen, mir poetisches
Talent zuzutrauen, wenn mich nicht eine Autorität bei Zeiten aus der Gefahr
gerettet hätte.«
»So sind Sie, mein gnädiges Fräulein« -- das kam mit einem Anflug von
Wehmuth heraus -- »doch auch in Gelegenheit gewesen, sich an eine Autorität
in dergleichen Dingen zu wenden?«
»Jawohl, wie ich in Gelegenheit gewesen bin, bei Blumenmacherinnen und
Stickerinnen anzufragen: Ist meine Arbeit etwas werth und könnt' ich Geld
dafür bekommen? Was versucht man nicht alles, wenn man jung ist und voll
Selbstvertrauen.«
Und arm, ergänzte er in Gedanken.
Nun kamen sie an dem Weg vorüber, der zur Straße nach Vogelhaus führte.
Bertram ließ ihn links liegen und schritt weiter, an der Seite seiner
holden Begleiterin. Sie sprachen von gleichgültigen Dingen, aber ihm ging
dabei das Herz auf; die Scheu, die Gertrud bei jeder neuen Begegnung mit
ihm zu überwinden hatte, war verschwunden bis auf die letzte Spur, da wagte
er's, da sprach er die Frage aus, die ihm schon so lang auf der Seele
brannte:
»Was haben Sie gegen mich gehabt, Furcht oder Abneigung? Eines dieser
beiden Gefühle war ich so unglücklich, Ihnen einzuflößen.«
»Das erste,« erwiderte sie ohne Zögern.
»Du lieber Gott, wer ist schuld? Wer hat mich verleumdet?«
»Niemand; bei uns wird nur Ihr Lob gesungen, ich habe aber meine
Privatempfindung.«
»Und die ist Furcht?«
»Ich staune, daß Sie darüber staunen. Wenn man grausam sein kann wie Sie,
wenn man arme, vielleicht feinfühlige Menschen an den Pranger stellen und
dazu lachen kann ... denn Sie lachen, wenn Sie Ihre Feuilletons
schreiben ...«
»Längst nicht mehr. Ich schwitze, schwitze Blut! Und was die armen,
feinfühligen Menschen betrifft -- die sich ohne Berechtigung an die
Öffentlichkeit drängen, die haben eine dicke, eine Rhinozeroshaut; denen
geschieht nichts, aber die Pfeile meines Witzes stumpfen sich ab an ihnen;
haben Sie noch nicht bemerkt, wie stumpf meine Pfeile geworden sind?«
Sie waren beim Teiche angelangt, sie standen im Schatten hoher Bäume und
dichter Gebüsche. Gertrud hatte ihren Sonnenschirm auf die Achsel fallen
lassen, er bildete einen lichten Hintergrund zu ihrem schönen Kopfe, mit
den reichen, braunen Haaren, die zusammengewunden einen schweren Knoten im
Nacken bildeten. Einzelne von ihnen, dem Zwang entschlüpft, kräuselten sich
auf dem Scheitel und an den Schläfen und schimmerten zart und goldig. Sie
trug ein schwarzes Morgenkleid, und aus der Tasche guckte grellroth mit
goldenem Schnitt ein Elzevirbändchen, auf das Bertram langsam und zagend
mit dem Zeigefinger wies:
»Mein gnädigstes Fräulein, ich besorge, Sie lesen meine letzte Novelle.«
»Ja, auf Empfehlung der Tante.«
»Hm! Wenn Sie eine Nichte hätten, würden Sie ihr die Novelle auch
empfehlen?«
»Ich weiß noch nicht, ich bin noch nicht sehr weit.«
»O, dann lesen Sie auch nicht weiter! Lernen Sie mich nicht von meiner
schlechtesten Seite kennen, von der schriftstellerischen. Ich habe bessere
Seiten, ich schwör's. Damit ist allerdings nicht viel gesagt, denn meine
Romane ...« Er blickte ihr fest ins Gesicht, »elend, nicht wahr?« Sie
erröthete und wendete sich ab, plötzlich aber wich die leichte
Verlegenheit, von der sie ergriffen worden war, einem heitern, fast
übermüthigen Ausdruck:
»Ich darf's nicht sagen,« sprach sie. »Sie könnten sonst glauben, daß ich
Repressalien gebrauche.«
»Ich verstehe Sie nicht,« sagte er.
»Erinnern Sie sich vielleicht einer gewissen Anna Mimona?«
»Ja, nicht ganz ohne Gewissensbisse. Anna Mimona --«
»Das war ich.«
Er prallte zurück bis an den Rand des Teiches.
»Geben Sie acht!« rief sie erschrocken, und er blieb stehen und starrte sie
an.
»Nähmaschine!« schrie er auf. »O, dann ist alles verloren, dann fürchten
Sie mich nicht nur, Sie hassen mich auch. Nähmaschine!... Das können Sie
mir nie und nimmer verzeihen!«
»Ich kann es freilich nicht mehr, weil ich es längst gethan habe. Ihr Rath
war ja gut, aber befolgen konnte ich ihn nicht. Um eine Nähmaschine zu
kaufen, braucht man Geld, und ich hatte keines.«
»Sie hatten keines. O ich roher, gedankenloser Dummkopf! Und ich habe die
Gedichte nicht einmal gelesen.«
»Mit welchem Pathos Sie das sagen! Wie Gräfin Orfina.«
»Jetzt aber will ich's thun und mit dem innigsten Interesse, mit Andacht!
Ich bitte um Ihr Manuskript, mein gnädiges Fräulein.«
»Das kann ich Ihnen nicht geben, es existirt nicht mehr.«
»Haben Sie's vernichtet? Ja? -- Ewig schade!«
»Doch nicht: das Manuskript ist fort, der Inhalt ist da. Sie können ihn in
Sieglindens Gedichten wiederfinden.«
»So? Schreibt sie ab?«
»Niemals -- es fällt ihr eben dasselbe ein: das alte Lied, das in jedem
jungen, aufknospenden Herzen erklingt.«
»Ich gäbe alles darum, es von Ihnen singen zu hören.«
»Unmöglich, ich bin keine Dichterin mehr.« Das hatte sie lachend gesagt,
wurde aber bald wieder ernst und vertraute ihm, daß sie das Haus ihrer
Verwandten zu verlassen gedenke.
»Wegen Hagens, diesem jungen Laster!« rief Bertram. Sie antwortete nicht,
er gerieth in Bestürzung, und Funken tanzten ihm vor den Augen.
»Oder -- verzeihen Sie einem ängstlichen, aufgeregten Menschen, den ein
Hirngespinnst um den Schlaf bringt, denken Sie vielleicht -- nein, Sie
denken nicht daran, Frau Meisenmann zu werden?«
»Gewiß nicht,« erwiderte sie, »es ist ja auch undenkbar. Sie finden mich
auf dem Wege zur Fischerhütte, da bin ich am frühem Morgen ruhig und
ungestört. Ich will an eine alte Frau schreiben, bei der wir gewohnt haben,
meine Mutter und ich, die nimmt mich gern wieder auf.«
»Nach Wien also wollen Sie? Und was dort?«
»Eine Stelle suchen oder -- mein guter Onkel giebt mir die Mittel dazu,« --
wieder flog ein Ausdruck von Heiterkeit wie ein Sonnenstrahl über ihre
Züge: »oder eine Nähmaschine kaufen.«
Helllodernde Liebe flammte in Bertram auf und funkelte ihm aus den Augen
-- eine andere Sprache fand er nicht; nach einer Pause erst wiederholte er
voll des innigsten Mitleids: »Eine Stelle wollen Sie suchen, mein gnädiges
Fräulein?«
»Schwer zu finden, ich weiß. Es giebt ja Bonnen, Gouvernanten und
Gesellschafterinnen in Hülle und Fülle. Aber ein Mangel herrscht, wie ich
höre, an guten Krankenwärterinnen. So gedenke ich mich denn zur
Krankenwärterin auszubilden.«
»Dann etablire ich mich im Spital!« rief er aus.
»Sie scherzen --?« fragte Gertrud befremdet: »Mir war mit allem ernst, was
ich Ihnen gesagt habe.«
Bertram wollte sich entschuldigen, sie ließ ihm dazu keine Zeit:
»Auf Wiedersehen,« sagte sie, neigte den Kopf und trat in die Fischerhütte.
Er war entlassen und ging und verwünschte sich einmal wieder. Was für eine
Taktlosigkeit hatte er begangen! Wenn er ihr mißfiel und sie es ihn fühlen
ließ, geschah ihm recht.
Unterwegs begegnete er Herrn Meisenmann und einigen Bauern, denen der
Agitator fleißig vordeklamirte. Sie hörten ihm aufmerksam zu und ließen den
Gruß Bertrams unerwidert.
In Vogelhaus war's schön und herrlich, und doch -- mitten in seinem lieben
Eigenthum, schon nah dem Ziele, dem er in leidenschaftlichem Bemühen
jahrelang entgegen gestrebt hatte, wußte der neue Herr: all das Errungene
ist werthlos, und nie werde ich seiner froh, wenn ich nicht auch _Die_
erringe, die mir so unsagbar lieb geworden ist.
Als er am Abend nach Obositz zurückkehren wollte, kamen von dort zwei
Phaetons einhergerollt. Den ersten kutschirte Hugo, und im Wagen saßen
Bertha und Sieglinde, den zweiten kutschirte der Retter, und im Wagen saßen
die liebenswürdige Reisegefährtin und Gertrud.
»Wir sind da, um dich abzuholen, Ausreißer!« rief Hugo.
»Und um Sie als Grundherrn willkommen zu heißen, 'bei uns zu Lande auf dem
Lande.' Annette von Droste, nicht wahr?« sprach die Baronin, indem sie sich
aus der Wagendecke wickelte.
»Ja -- ich glaube.« Sehr dankbar, wenn auch etwas zerstreut, empfing
Bertram alle seine Gäste im Vogelhaus, als aber Gertrud die Schwelle
überschritt, sprach er leise und glückstrahlend: »Segen meinem Hause!«