Als man sich am Abend trennte, nahm Bertram Abschied von seinen Wirthen für
den ganzen morgigen Tag, den er in Vogelhaus zubringen wollte. Lieber auch
räumlich von der Unerreichbaren getrennt sein, als in ihrer Nähe
schmerzvoll hangen und bangen. Er ging allein seinen Zimmern zu; der
Freund, der ihn sonst geleitete, die Dienerschaft, die heute bis zum Morgen
gewacht, hatten sich früher als gewöhnlich zur Ruhe begeben. Die Lampen
waren gelöscht, vor der Mondesscheibe lagerte eine langgestreckte Wolke,
ein träumerisches Halbdunkel herrschte, eine schöne Stille, Balsam für den
geräuschesmüden Stadtbewohner. Jeder Blick durch die hohen Fenster des
Ganges in den Garten bot Erhebung, wirkte sanft und beschwichtigend. Leise
wie ein angefachtes Fünkchen begann die erloschene Hoffnung wieder zu
glimmen. Quälst du dich nicht mit Hirngespinnsten, du Narr? fragte er sich.
Waren die Worte, die dich unglücklich machen, auf dich gemünzt, oder
beziehst du sie nur auf dich, krankhaft empfindlicher Thor? Muß der Graf an
mich gedacht haben, als er sagte: Ich glaube nicht? Er dachte vielleicht
an:
»Meisenmann!« rief Bertram wonnig mit wahrem Entdeckerjubel aus. Zu seinem
Schrecken antwortete eine Stimme aus der Tiefe des Querganges:
»Ich bin's, bitte.« Simon trat hervor. Der junge Herr Baron schickte ihn,
er ließ den Herrn Doktor bitten, zu ihm zu kommen.
»Jetzt? jetzt gehe ich schlafen, und Hagen soll auch schlafen gehen. Sagen
Sie ihm das von mir.«
»Er schläft aber nicht, er schreibt und liest die ganze Nacht.«
»In dem Zustand, mit dem Auge?«
»Ach Gott ja! 's is schaudriös. Gehen Sie zu ihm, bitte, auf den Herrn
Doktor wird er hören, auf uns hört er nicht, auf mich und den Meisenmann.«
»Ein schrecklicher Kerl, ein Tyrann,« murmelte Bertram, folgte dem Alten
widerwillig und trat verdrießlich bei Hagen ein, der ihn verdrießlich
empfing und anbrummte:
»Ist dir's endlich gefällig?«
Er saß mit verbundenem Kopfe in einem großen Lehnstuhl unter der grell
leuchtenden Hängelampe und sah elend aus. Auf einem Tische neben ihm waren
die neuesten Werke der modernsten nordländischen, französischen und
deutschen Unsittenschilderer recht zur Schau ausgelegt. In einer Hand hielt
der Jüngling Juvenals Satiren, in der andern einen Rothstift.
Das Zimmer befand sich in greulicher, in gewollter Unordnung. Die Möbel und
einen Theil des Fußbodens bedeckten Bücher, Schriften, Cigarrenkistchen,
Waffen, Fecht- und Turngeräthe; an den Wänden hingen, mit Nägeln befestigt,
schamlose Photographien. Auf einem Schranke neben der Thür lag eine
Pistole; der Hahn war gespannt, das Zündhütchen aufgesetzt.
Komödiant! dachte Bertram und sprach mit eisigem Spotte: »Ich muß dir doch
den Gefallen thun, dir zu betätigen, daß ich dich gefunden habe, im Juvenal
lesend. Das Grellste hast du wohl mit Strichen versehen, damit niemand
zweifeln könne, daß du's verstanden hast. Mir freilich wäre nie ein Zweifel
gekommen, bei den Erfahrungen, die du schon gemacht haben mußt, im
Kaffeehaus oder in der Zuckerbäckerei.«
Bei dem letzten Worte fuhr Hagen zusammen, Zorn und Schrecken verzerrten
sein Gesicht.
»Verzeih', wenn ich dich ärgere, ich sollte dir dankbar sein, weil du dir
so viele Mühe gegeben hast, mir zu Ehren dein Zimmer zu dekorieren.«
»Dir zu Ehren, ja just, was der sich einbildet!«
Bertram deutete auf die Bilder an der Wand: »Die wirst du doch nicht da
lassen, wenn du deine Mutter erwartest, oder ...«
Hagen hielt sich mit beiden Händen die Ohren zu: »Gieb deiner Beredsamkeit
Urlaub, ich frage nicht nach deinen Moraltrotteleien, ich frage ...«
»Hast du meine Novelle gelesen?« unterbrach ihn nun Bertram seinerseits.
»Ja, denn, ich habe sie gelesen, leider.« Er rückte einen Sessel an den
Tisch und setzte sich.
Hagen spielte den Gleichgültigen und den Höhnischen, aber die Kniee
zitterten ihm. »Hast du wirklich die Gnade gehabt?«
»Die Gnade, ganz richtig. Wie du weißt, bin ich nicht hierher gekommen, um
mich mit dem Lesen dilettantischen Pfuschwerkes zu beschäftigen, sondern um
mich vom Lesen zu erholen und von der Litteratur überhaupt. -- Saubere
Erholung ..« Er hielt inne, er würgte tapfer die Klagen hinunter, die sich
ihm auf die Zunge drängten. »Genug davon. Trotzdem hab' ich, wie gesagt,
deine Novelle gelesen.«
»Großartig! Nicht zu glauben! Und was meint der patentierte Kritiker? Hab'
ich Talent?«
»Vielleicht ja, möglicherweise hast du Talent.«
Ein häßliches, rechthaberisches Lächeln verzog die blutlosen Lippen Hagens.
»Wie mühsam er das herausquetscht! Einen Jungen loben, thut ihnen gar zu
weh, den Alten. Kann dir nicht helfen ... Ich hab' Talent, und weiß es, und
wollte dich nur zwingen, es zuzugeben.«
»Und dann? was weiter? Talente laufen zu Hunderten auf der Gasse herum.
Pferde, Hunde, Ferkel haben Talent. Talent, mein Lieber, ist viel und --
nichts. Was du daraus machst, und was dieses 'Du' für ein Ding ist, darauf
kommt's an! Zuerst mache du _dich_, dann wirst du vielleicht etwas machen
aus deinem Talent.«
»Ist mir zu hoch, die Weisheit.«
»Streck' dich! am Ende langt's.«
»Wenn man eine gute Novelle geschrieben hat.«
»Wer spricht von einer guten Novelle? Die deine ist elend, als Vorwurf, als
Komposition, Charakterzeichnung, Stilprobe. Man muß scharf hinsehen, um
eine Spur von Talent darin zu entdecken. Kein anderes als ein Ferkeltalent
natürlich. Nun, auf ein Adlertalent machst du ja keinen Anspruch.«
»Du bist beleidigend.«
»Wenn die Wahrheit beleidigt.«
»Richtig! die hast du gepachtet ... Moraltrottel!« das eine Wort murmelte
er nur, dann schrie er wieder: »Bleib' bei der Stange! Mag die Novelle
sein, wie sie will, Talent verräth sie. Empfiehl mir einen Verleger.«
»Da steht er,« erwiderte Bertram und deutete auf den Ofen.
»Das würde dir in den Kram passen. Wir kennen euch, ihr doktrinären Zöpfe.
Aus dem Weg die Werke der Neuen! Du irrst, wenn du glaubst, daß ich dir
aufsitze. Geh zum Teufel. Ich werde meinen Weg allein machen. Ich werde mir
selbst einen Verleger suchen.«
»Wirst ihn auch finden, wenn du Unglück hast. Brauchst dich nur an den
Rechten zu wenden, der besorgt alles, den Widerspruch provozierenden Tadel,
das aller Würde hohnsprechende Lob. Irgend eine Zeitung sagt dann wohl:
Dergleichen wurde noch nie gewagt -- und der Erfolg ist da. Freilich giebt
es nur eine Entschuldigung für das Jagen nach solchem Erfolg -- den
Hunger.«
Während er sprach, verfolgte er aufmerksam in den bewegten Zügen des
Jünglings den Eindruck, den seine Worte hervorbrachten. Es ging viel vor in
diesem Werdenden, und so viel Sensationen, so viele Zügel, an denen ein
Mensch gefaßt werden kann.
»Hagen,« begann Bertram von neuem und jetzt in versöhnlichem Tone, »ich
habe diese Entschuldigungen gehabt. Nicht etwa, daß ich schnöden Erfolgen
nachgejagt wäre, aber dafür, daß ich einen Beruf ergriff, zu dem ich nicht
berufen war. Die Zwangslage, in der ich mich befand, kann allein
verzeihlich machen ...«
»Und weißt du, Alleswisser, ob ich nicht auch in einer Zwangslage bin?«
»Oho, hast du etwas versprochen, dein Wort verpfändet? Gesteh! hab' in
Kuckucksnamen Vertrauen zu mir.«
»Ich hab' nur zu viel.« Seine Stimme versagte, die Spannung, in der er sich
künstlich erhalten hatte, ließ plötzlich nach. Er weinte, er schluchzte
heftig, leidenschaftlich. Sein schmächtiges Körperchen wand sich in Schmerz
und in ohnmächtiger Wuth über den weibischen Ausbruch, den er verachtete
und dem er nicht Einhalt thun konnte.
Bertram hätte gern Mitleid mit ihm gehabt und brachte es nicht zuwege. Ach,
wenn einem jemand unsympathisch ist, wo bleibt da die Güte, die
vielgerühmte, die allumfassend, unendlich, ewig gegenwärtig sein soll?
Bertram war angst und bang um den Jungen, aber ein warmes Gefühl für ihn
konnte er sich nicht abringen. Guter, starker Mensch, schlag' an dein Herz,
nicht einen Funken Erbarmen schlägst du heraus, wenn es ihn nicht
freiwillig giebt.
»Ich bin der ärmste Teufel,« rief Hagen, »ich stehe ganz allein in der
Welt. Gertrud verabscheut mich, der Vater versteht mich nicht, die Mutter
zieht mir diese Gans von einer Sieglinde vor. Auf dem Gymnasium bin ich
verhaßt ... Das freilich ist mir Wurst. Ich kann ohnehin ins Gymnasium
nicht mehr zurück. Hier kann ich auch nicht bleiben; wohin soll ich? Aus
der Welt!«
»Warum kannst du denn nicht aufs Gymnasium zurück?«
»Weil ich Schulden hab', zum Teufel. Beim Zuckerbäcker.«
Bertram brach in Lachen aus: »Beim Zuckerbäcker? Der blasierte Decadent
sitzt beim Zuckerbäcker und stopft sich mit Kuchen, der Übermensch ist eine
Naschkatz! Einen Lutschbeutel hast du doch auch, der liegt vielleicht als
Merkzeichen im Juvenal?«
»Lache du ... Elende Possen zu reißen, wenn dein Freund ins Unglück
gerathen ist, paßt für dich.«
»Es wird nicht groß sein, das Unglück.« --
»Woher vermuthest du das? Meinen Alten darf ich's nicht klagen, sie haben
ohnehin schon Schulden für mich gezahlt. Sie hinter seinem, und er hinter
ihrem Rücken, und ihm habe ich mein Ehrenwort geben müssen, nichts mehr auf
Rechnung zu nehmen. Und jetzt schreibt mir dieser verfluchte Zuckerbäcker
Brief auf Brief ... Hilf du mir,« er faltete die Hände, »ich werde dir ewig
dankbar sein.«
Bertram blickte finster vor sich hin: »Wieviel bist du schuldig? Antworte!
Zehn Gulden? Zwanzig Gulden?«
»Zwanzig! Ein solcher Bettel brächte mich doch nicht in Verlegenheit.«
»Einen Bettel nennst du das? Ich habe in meinem ganzen Leben nicht zwanzig
Gulden für Backwerk ausgegeben.«
»Andere Verhältnisse, mein Lieber,« versetzte Hagen hochmüthig.
»Bilde dir noch etwas ein auf deine ekelhafte Genäschigkeit. Also nochmals:
wieviel bist du schuldig?«
»Zweihundert Gulden.«
»O du Entsetzlicher! Um zweihundert Gulden hat dieser Mensch Backwerk
gegessen und Likör getrunken.«
»Ich habe auch traktirt,« sagte Hagen kleinlaut.
Abermals bestand Bertram einen schweren Kampf mit sich selbst und abermals
ging er siegreich aus ihm hervor. Es hatte große Selbstüberwindung
gekostet.
Aber durfte er zögern? Er durfte nicht. Er besann sich, wie mächtig es ihn
ergriffen hatte beim Anblick von Vogelhaus: Was könnte ich für dich thun,
du Treuer? Wie würd' ich die Stunde segnen, die mir eine Antwort brächte
auf diese Frage. Nun war die Stunde unerwartet schnell gekommen, nun konnte
er etwas thun für seinen Freund.
Er stand auf: »Gieb mir die Rechnung. Ich werde zahlen, nicht deinetwegen,
deines Vaters wegen. Es thät' ihm zu weh, wenn er erführe, daß er einen
Sohn hat, der sein Ehrenwort bricht. Wenn du aber glaubst, daß ich mein
Geld umsonst gebe, irrst du. Ich geb' und nehme.«
»Was nimmst du?«
»Dein Manuskript --«
»So hättest du doch Verwendung dafür?« rief Hagen mißtrauisch.
»Jawohl. Und diese Photographien.«
»Das ist Erpressung.«
»Jawohl, Erpressung und Gewalttätigkeit.« Er nahm die Bilder von der Wand
und riß sie in Stücke. Er that's ganz ruhig, und Hagen ließ es ohne
Einsprache geschehen, lehnte den Kopf zurück, streckte die Beine weit aus
und lag da wie ein Todter.
Der Arzt kam, nach seinem Patienten zu sehen, fand ihn erschöpft und etwas
fieberhaft, und wollte bei ihm wachen.
Bertram verließ das Zimmer. Beim Weggehen hatte er aber einen Diebstahl
begangen. Er hatte die Pistole abgespannt und sie mit sich genommen.