Bertram ging auf der Landstraße den selben Weg zurück, den er eben mit der
Eisenbahn vorwärts gebraust war. Eine echt mährische Gegend. Der
Gebirgszug, der in der Ferne blaute, mit stumpfen Höhen gekrönt, goldig
schimmernde Felder und üppige Wiesen, soweit das Auge reichte,
Pflaumenbäume mit Früchten überladen, kräftiges Weideland, auf dem schöne
Rinder grasten und in der Nähe jeder menschlichen Ansiedlung helle, laute
Scharen des mährischen Schwans, des Hausthiers ohne Furcht und Tadel, der
glorreichen Gans. Auf einen Tiger würde sie losfahren, mit aggressiv
vorgestrecktem Halse, mit zornig wackelndem Schwanze. Das härteste
Schicksal trifft sie, beugt sie aber nicht. Jahr für Jahr erbarmungslos
gerupft, ihres zarten Flaums beraubt, erhebt sie sich aus den Händen ihrer
Peiniger und flattert mit blutendem Flügel und hinkt mit verstauchtem Fuß
wund und nackt ebenso stolz, wie ehedem in blühender Gesundheit und
prangendem Gefieder.
Und die Dorfleute, die nicht nur gegen dieses, sondern gegen jedes Thier
die naivste Grausamkeit ausüben, sind beinahe durchwegs gutmüthig und haben
eine freundliche Würde und eine angeborene Höflichkeit in ihrem Benehmen.
Fast alle, denen Bertram begegnete, grüßten ihn, er dankte aufs
freundlichste, nahm sich vor, die Landessprache eifrig zu studieren und
träumte von künftiger Popularität. Dann dachte er an das Duett, das jetzt
im Waggon, den er verlassen hatte, gesungen werden dürfte, klopfte lachend
auf das in seiner Brusttasche untergebrachte Päckchen, und sang nach der
ins Heitere übersetzten Melodie von: Der gute Kamerad:
»Was immer auch daraus entsteh',
Ich hab' eine That gethan, Juchhe!
Eine bessere find'st du nit, Juchhe!«
So lustig ging's eine Weile fort, dann begann ihm sehr heiß zu werden. Die
Sonne brannte -- wie glühende Liebe! rief er laut. Ich liebe dich, o
Mädchen -- du Königliche! Ich kenne dich kaum und kenne dich doch. Du
imponierst mir, und ich fühle mich doch zu deinem Beschützer berufen.
Die Hitze wurde drückend, einige Müdigkeit stellte sich ein, aber seltsam
-- ging's nicht zu wie im Märchen? im Augenblick, in dem er sich das zum
Bewußtsein brachte, wurde er von einem raschen Gefährt ereilt, das
plötzlich neben ihm anhielt:
»Wohin, Herr Vogelweid?« ertönte vom Kutschbock herunter die Stimme Gerhart
des Retters.
»Zur Station, Herr Graf.«
»Da bringe ich Sie hin. Kommen Sie.«
So las er ihn zum zweitenmal von der Straße auf: »Sie machen aber sehr
weite Spaziergänge,« sagte er. »Mir scheint, daß Sie es schon nöthig haben,
sich von der durchaus nicht litteraturfreien Atmosphäre in Obositz zu
erholen. Ja, der Zug der Zeit. Uns hat er noch nicht ergriffen.«
»Sie sind ihm entronnen. Sie gehören gewiß zu den wahrhaft, den vom Buche
zum Leben Vorgeschrittenen.«
»O, ich bitte, wir haben uns vom Buche durchaus nicht ganz emancipiert.
Meine Frau liest sogar recht viel und auch ernste Sachen.«
Wenn er sagte: »Meine Frau,« nahm seine Stimme einen ganz eigen lieben
Ausdruck an, und ein schönes Leuchten brach aus seinen dunkeln Augen.
»Meine Frau,« Zärtlichkeit und Ehrfurcht, freudige und stolze Liebe
verkündete sich dabei unwillkürlich und unbewußt in seinem Blicke. Heil
dir, dachte Bertram, du braver Mensch bist auch ein glücklicher Mensch:
»Das Fräulein Gertrud von Weißenberg,« sprach er plötzlich, »hat große
Ähnlichkeit mit Ihrer Frau Gemahlin.«
»Das wäre mir nie aufgefallen.«
»Groß, wenn auch nicht so groß, schlank, wenn auch nicht so schlank ... und
das Gesicht« ..
»Nun ja, ein Gesicht hat jede. Was aber die Ähnlichkeit betrifft« ...
»Sie liegt in dem Eindruck, den die ganze Erscheinung hervorbringt. Edelste
Anspruchlosigkeit, die schönste Ruhe, die vollkommenste Natürlichkeit ist
beiden Damen eigen.« Er schwieg eine Weile und sagte dann nachdenklich:
»Wie sich wohl die Zukunft des Fräuleins gestalten wird?«
»Nicht besonders heiter.«
»Warum? warum sollte sich das Fräulein nicht glücklich verheirathen?«
»Weil wir vor lauter Geldgier dumm geworden sind, wir Männer; wer heirathet
heutzutage ein armes Mädchen?«
»Ich wüßt' wohl einen, der sich selig preisen würde« ... platzte Bertram
heraus. Hätt' er doch geschwiegen! Der Graf sah ihn von der Seite
unangenehm fragend in einer Weise an, die ihn verwirrte, er bereute
gesprochen zu haben und -- redete weiter: »Sie glauben also nicht, daß sie
ihn nehmen würde?«
»Ich glaube nicht.«
»Also nicht.« -- Er war so bestürzt, daß der Graf ihn besorgt fragte:
»Was ist Ihnen?«
Die Antwort blieb aus, und im nächsten Augenblick wurde die Aufmerksamkeit
beider durch ein wildes Schreien und Fluchen, das sich in der Ferne hören
ließ, in Anspruch genommen. Gerhart gab den Pferden die Zügel und fuhr die
jetzt ziemlich steil ansteigende Straße rasch hinauf. Inmitten der Anhöhe
sah man ein mit Brettern beladenes Fuhrwerk halten, dem zwei armselige,
alte Mähren vorgespannt waren. Unfähig, ihre schwere Last weiter zu
schleppen, hatten sie ihr nachgegeben und den Wagen in ein Rinnsal gleiten
lassen, in dem er nun quer über dem Wege stand. Der Lenker des
unglücklichen Gespanns schlug drein in sinnloser Wuth mit dem
Peitschenstiel, den Fäusten, den Stiefelabsätzen, und die Gäule senkten
ihre Köpfe zur Erde, rührten sich nicht mehr, ließen die Mißhandlungen
ihres Peinigers in stumpfer Verzweiflung über sich ergehen.
Gerhart hielt knapp bei ihnen an. Er war dunkelroth und biß die Zähne
zusammen: »Entschuldigen Sie einen Moment, Herr Vogel,« sagte er und winkte
seinem Kutscher, der sofort absprang. Er schien zu wissen, um was es sich
handelte, und schob einen Stein hinter eines der Wagenräder. Auch Gerhart
sprang ab, ging mit drohenden Worten auf den Fuhrmann zu, entriß ihm die
Peitsche und schleuderte sie zur Erde. Einen Augenblick war's, als wolle
der Mensch sich zur Wehre setzen; als er aber sah, daß der Graf und der
Diener die Stränge ihrer Pferde zu lösen begannen, und errieth, daß man ihm
zu Hülfe kommen wollte, zog er den Hut und brach in jämmerliche Klagen aus.
Nach wenigen Minuten waren die kräftigen Pferde den erschöpften vorgespannt
und zogen das Gefährt den Berg hinauf.
Bertram blieb sitzen und sah ihnen nach.
Ein gutmüthiger Mensch, der Graf. Da half er gequältem Gethier aus der
Noth, ihm aber hatte er ganz gelassen einen Stachel ins Herz gebohrt, mit
seinem zweifelnden Blick und mit seinem grausamen: Ich glaube nicht.
Als Gerhart nach einer Weile zurück kam und die unterbrochene Fahrt
fortsetzte, sagte er: »Sehen Sie, dieser Fuhrmann ist ein armer Teufel; ich
weiß nicht, was mit ihm geschieht, wenn seine Pferde umstehen, und dennoch
schindet er sie zu Tod. Die Armuth ist eben nicht sparsam.«
Es war spät am Nachmittag, als Bertram heimkehrte; die Schatten wuchsen
und die Sonne sank, und das Vesperbrot war, wie Simon Befehl hatte Herrn
Vogel zu melden, auf der Terrasse serviert.
Dort fand Bertram die Baronin in peinlicher Erwartung, ruhelos auf und ab
wandelnd. Sie empfing ihn mit einem unterdrückten Aufschrei.
»Ach Sie! Endlich, Vogelweid! Was bringen Sie? Erlösung? Befreiung ... Bin
ich gerettet?«
Als er alles bejahte, kannte ihr Dank keine Grenzen. Eine Sechzehnjährige
hätte ihn nicht heißer empfinden, und kindlicher ausdrücken können, als
Bertram die verfänglichen Briefe an Carolus und die Photographie mit der
Widmung hervorzog und ihr überreichte.
Wie hatte diese Frau sich und ihre Gefühle konserviert. So etwas wäre
unmöglich in der Stadt.
»Ich will nicht ungestraft gefehlt, geirrt haben,« sagte sie. »Ich werde
ehrlich Buße thun; ich habe das Bedürfniß, zu sühnen, Vogelweid.«
Über die Art, in der das geschehen sollte, konnte sie ihm im Augenblick
keine Aufklärung geben, denn Hugo kam eben in Begleitung Meisenmanns
herbei. Der Freund und die Gattin bereiteten dem Herrn des Hauses einen
Empfang, auf den er nicht gefaßt gewesen war.
»Hugo! Hugo! mein Alter! Ich hab' dich noch nicht gesehen, seitdem du im
Feuer gewesen bist und Menschenleben gerettet hast. O, ich weiß -- ich
weiß, du Braver!« rief Bertram ihm begeistert entgegen, und die Gattin
schwebte im wuchtigen Fluge auf ihn zu und lag an seiner Brust und weinte
auf seine lichtblaue Piquéweste »Thränen der Wiedergeburt.«
Ihr Mann fand das schön gesagt und gut gegeben, ersuchte sie aber Maß zu
halten: »Du warst am Vormittag schon gerührt, Bertherl, das ist
hinreichend, auch für eine so liebe und treue Frau wie du.«
»Treu?« -- die Baronin zuckte zusammen wie eine verwundete Taube.
»Nun, vielleicht nicht? Ich bitte dich, Bertherl, mache dich nicht
interessant. Wir wollen jausen ohne Interessantmacherei und ohne Rührung.
Solche Sachen verderben einem nur den Appetit.«
»Vor meiner Rührung brauchen Herr Baron sich nicht zu fürchten,« sprach
Meisenmann mit forciertem Humor. »Haben unter anderen einen deutschen Juden
aus dem Feuer gezerrt. Ich an Ihrer Stelle hätte ihn tiefer
hineingeworfen.«
»Sie Meisenmann? Wie macht das ein Theoretiker? Ich bin neugierig. Sie
müssen es mir zeigen bei nächster Gelegenheit.«
Der Professor rutschte unruhig auf seinem Sessel hin und her. »Nächste
Gelegenheit? Was für eine Gelegenheit meinen?«
»Wir werden ja sehen, sie kommt.«
»Wenn man sie herbeiführen will, kommt sie freilich.«
»Ohne Sorge! Ich werde nicht extra Feuer legen, damit Sie Juden
hineinwerfen können.«
Sieglinde und Gertrud kamen, die erstere aufgelöst in Verlegenheit, im
scheuen Blick die Frage: Was sagen Sie zu meinen Gedichten? die zweite sehr
ernst und noch stiller als gewöhnlich. Bertram glaubte zu bemerken, daß
Meisenmann sie schon einigemale triumphirend angesehen habe, und war voll
Indignation und hätte ihm gar zu gern zugerufen: Sie nimmt dich nicht;
mich nicht und dich ebensowenig.
Etwas freier athmete er, als Hugo und Meisenmann sich zu Hagen verfügten
und er allein blieb mit den Damen. Die Baronin und Sieglinde fingen an zu
flüstern und einander gegenseitig aufzumuntern: »_Du_, Lindchen, _du_!« »Um
Gotteswillen, nein, _du_, Mama!« Die liebende Mutter gab nach. Sie
räusperte sich, sie hielt eine kleine Rede, in der sie ihren sehnlichen und
den nicht minder sehnlichen Wunsch ihrer Tochter ausdrückte, Bertrams
Urtheil über die Gedichte Lindchens in Erfahrung zu bringen.
»Gedichte?« Er mußte sich besinnen. »Gedichte -- ja so!«
»Mama, Mama, Herr Vogelweid hat ganz vergessen ...« klagte Lindchen tief
gekränkt.
»Nein, Baronesse, ich habe nicht vergessen, ich habe ge--geblättert, sagen
wir, in den Gedichten, die Sie mir geschickt haben ...« Erbarmungslose, die
einen Überfütterten noch stopft, wollte er hinzusetzen, aber die ängstlich
gespannten Mienen der Mutter und der Tochter, die demüthig sehnsüchtige
Erwartung, mit der beide Damen zu ihm empor schmachteten, entwaffnete ihn.
Diese Dilettanten! sie haben alle Aspirationen, machen alle Leiden des
echten Künstlers durch -- nur was dabei herauskommt, ist anders. »Vor
allem, Baronesse,« wendete er sich an Sieglinde, »was haben Sie vor mit
Ihren Gedichten?«
»Drucken lassen« -- sie stöhnte es fast, und er seufzte, wurde aber nicht
grimmig, sondern sprach in weichem, zuredendem Tone:
»Sehen Sie sich um in der Welt. Wohin Sie blicken, überall begegnen Sie den
allgemeinen, unaufhaltsamen Fortschritten ...«
»Unserer Litteratur!« fiel Bertha begeistert ein.
»-- Der Socialdemokratie, Frau Baronin.«
»Ach ja,« versetzte sie und lächelte ihn höchst unsicher an.
»Wir gehen einer neuen gesellschaftlichen Ordnung entgegen. Lösung der
wirtschaftlichen Fragen heißt der nächste Schritt zum Ziele, und er liegt,
wie man sagt, in der allgemeinen Verstaatlichung. Meine unmaßgebliche
Meinung ist nun, daß der Übergang zu dieser breiten Straße des Heiles uns
wieder auf jetzt ganz verlassene Fußpfade führen wird, zum Beispiel -- zur
Hausindustrie.«
»Ach ja,« wiederholte die Baronin und gab ein heuchlerisches: »Ganz recht!«
dazu, um zu verbergen, daß sie ihn durchaus nicht begriff.
»Eilen Sie uns voran, Baronesse! Streben Sie keine fabriksmäßige
Vervielfältigung Ihrer Dichtungen an, verschmähen Sie die kapitalistische
Bücherproduktion durch den Verleger -- singen Sie, ein liebliches
Vögelchen, Ihre zarten Lieder den Eingeborenen von Obositz, zirpen Sie, ein
trautes Heimchen, am häuslichen Herde.«