XVI.

Bertram ging auf der Landstraße den selben Weg zurück, den er eben mit der

Eisenbahn vorwärts gebraust war. Eine echt mährische Gegend. Der

Gebirgszug, der in der Ferne blaute, mit stumpfen Höhen gekrönt, goldig

schimmernde Felder und üppige Wiesen, soweit das Auge reichte,

Pflaumenbäume mit Früchten überladen, kräftiges Weideland, auf dem schöne

Rinder grasten und in der Nähe jeder menschlichen Ansiedlung helle, laute

Scharen des mährischen Schwans, des Hausthiers ohne Furcht und Tadel, der

glorreichen Gans. Auf einen Tiger würde sie losfahren, mit aggressiv

vorgestrecktem Halse, mit zornig wackelndem Schwanze. Das härteste

Schicksal trifft sie, beugt sie aber nicht. Jahr für Jahr erbarmungslos

gerupft, ihres zarten Flaums beraubt, erhebt sie sich aus den Händen ihrer

Peiniger und flattert mit blutendem Flügel und hinkt mit verstauchtem Fuß

wund und nackt ebenso stolz, wie ehedem in blühender Gesundheit und

prangendem Gefieder.

Und die Dorfleute, die nicht nur gegen dieses, sondern gegen jedes Thier

die naivste Grausamkeit ausüben, sind beinahe durchwegs gutmüthig und haben

eine freundliche Würde und eine angeborene Höflichkeit in ihrem Benehmen.

Fast alle, denen Bertram begegnete, grüßten ihn, er dankte aufs

freundlichste, nahm sich vor, die Landessprache eifrig zu studieren und

träumte von künftiger Popularität. Dann dachte er an das Duett, das jetzt

im Waggon, den er verlassen hatte, gesungen werden dürfte, klopfte lachend

auf das in seiner Brusttasche untergebrachte Päckchen, und sang nach der

ins Heitere übersetzten Melodie von: Der gute Kamerad:

»Was immer auch daraus entsteh',

Ich hab' eine That gethan, Juchhe!

Eine bessere find'st du nit, Juchhe!«

So lustig ging's eine Weile fort, dann begann ihm sehr heiß zu werden. Die

Sonne brannte -- wie glühende Liebe! rief er laut. Ich liebe dich, o

Mädchen -- du Königliche! Ich kenne dich kaum und kenne dich doch. Du

imponierst mir, und ich fühle mich doch zu deinem Beschützer berufen.

Die Hitze wurde drückend, einige Müdigkeit stellte sich ein, aber seltsam

-- ging's nicht zu wie im Märchen? im Augenblick, in dem er sich das zum

Bewußtsein brachte, wurde er von einem raschen Gefährt ereilt, das

plötzlich neben ihm anhielt:

»Wohin, Herr Vogelweid?« ertönte vom Kutschbock herunter die Stimme Gerhart

des Retters.

»Zur Station, Herr Graf.«

»Da bringe ich Sie hin. Kommen Sie.«

So las er ihn zum zweitenmal von der Straße auf: »Sie machen aber sehr

weite Spaziergänge,« sagte er. »Mir scheint, daß Sie es schon nöthig haben,

sich von der durchaus nicht litteraturfreien Atmosphäre in Obositz zu

erholen. Ja, der Zug der Zeit. Uns hat er noch nicht ergriffen.«

»Sie sind ihm entronnen. Sie gehören gewiß zu den wahrhaft, den vom Buche

zum Leben Vorgeschrittenen.«

»O, ich bitte, wir haben uns vom Buche durchaus nicht ganz emancipiert.

Meine Frau liest sogar recht viel und auch ernste Sachen.«

Wenn er sagte: »Meine Frau,« nahm seine Stimme einen ganz eigen lieben

Ausdruck an, und ein schönes Leuchten brach aus seinen dunkeln Augen.

»Meine Frau,« Zärtlichkeit und Ehrfurcht, freudige und stolze Liebe

verkündete sich dabei unwillkürlich und unbewußt in seinem Blicke. Heil

dir, dachte Bertram, du braver Mensch bist auch ein glücklicher Mensch:

»Das Fräulein Gertrud von Weißenberg,« sprach er plötzlich, »hat große

Ähnlichkeit mit Ihrer Frau Gemahlin.«

»Das wäre mir nie aufgefallen.«

»Groß, wenn auch nicht so groß, schlank, wenn auch nicht so schlank ... und

das Gesicht« ..

»Nun ja, ein Gesicht hat jede. Was aber die Ähnlichkeit betrifft« ...

»Sie liegt in dem Eindruck, den die ganze Erscheinung hervorbringt. Edelste

Anspruchlosigkeit, die schönste Ruhe, die vollkommenste Natürlichkeit ist

beiden Damen eigen.« Er schwieg eine Weile und sagte dann nachdenklich:

»Wie sich wohl die Zukunft des Fräuleins gestalten wird?«

»Nicht besonders heiter.«

»Warum? warum sollte sich das Fräulein nicht glücklich verheirathen?«

»Weil wir vor lauter Geldgier dumm geworden sind, wir Männer; wer heirathet

heutzutage ein armes Mädchen?«

»Ich wüßt' wohl einen, der sich selig preisen würde« ... platzte Bertram

heraus. Hätt' er doch geschwiegen! Der Graf sah ihn von der Seite

unangenehm fragend in einer Weise an, die ihn verwirrte, er bereute

gesprochen zu haben und -- redete weiter: »Sie glauben also nicht, daß sie

ihn nehmen würde?«

»Ich glaube nicht.«

»Also nicht.« -- Er war so bestürzt, daß der Graf ihn besorgt fragte:

»Was ist Ihnen?«

Die Antwort blieb aus, und im nächsten Augenblick wurde die Aufmerksamkeit

beider durch ein wildes Schreien und Fluchen, das sich in der Ferne hören

ließ, in Anspruch genommen. Gerhart gab den Pferden die Zügel und fuhr die

jetzt ziemlich steil ansteigende Straße rasch hinauf. Inmitten der Anhöhe

sah man ein mit Brettern beladenes Fuhrwerk halten, dem zwei armselige,

alte Mähren vorgespannt waren. Unfähig, ihre schwere Last weiter zu

schleppen, hatten sie ihr nachgegeben und den Wagen in ein Rinnsal gleiten

lassen, in dem er nun quer über dem Wege stand. Der Lenker des

unglücklichen Gespanns schlug drein in sinnloser Wuth mit dem

Peitschenstiel, den Fäusten, den Stiefelabsätzen, und die Gäule senkten

ihre Köpfe zur Erde, rührten sich nicht mehr, ließen die Mißhandlungen

ihres Peinigers in stumpfer Verzweiflung über sich ergehen.

Gerhart hielt knapp bei ihnen an. Er war dunkelroth und biß die Zähne

zusammen: »Entschuldigen Sie einen Moment, Herr Vogel,« sagte er und winkte

seinem Kutscher, der sofort absprang. Er schien zu wissen, um was es sich

handelte, und schob einen Stein hinter eines der Wagenräder. Auch Gerhart

sprang ab, ging mit drohenden Worten auf den Fuhrmann zu, entriß ihm die

Peitsche und schleuderte sie zur Erde. Einen Augenblick war's, als wolle

der Mensch sich zur Wehre setzen; als er aber sah, daß der Graf und der

Diener die Stränge ihrer Pferde zu lösen begannen, und errieth, daß man ihm

zu Hülfe kommen wollte, zog er den Hut und brach in jämmerliche Klagen aus.

Nach wenigen Minuten waren die kräftigen Pferde den erschöpften vorgespannt

und zogen das Gefährt den Berg hinauf.

Bertram blieb sitzen und sah ihnen nach.

Ein gutmüthiger Mensch, der Graf. Da half er gequältem Gethier aus der

Noth, ihm aber hatte er ganz gelassen einen Stachel ins Herz gebohrt, mit

seinem zweifelnden Blick und mit seinem grausamen: Ich glaube nicht.

Als Gerhart nach einer Weile zurück kam und die unterbrochene Fahrt

fortsetzte, sagte er: »Sehen Sie, dieser Fuhrmann ist ein armer Teufel; ich

weiß nicht, was mit ihm geschieht, wenn seine Pferde umstehen, und dennoch

schindet er sie zu Tod. Die Armuth ist eben nicht sparsam.«

Es war spät am Nachmittag, als Bertram heimkehrte; die Schatten wuchsen

und die Sonne sank, und das Vesperbrot war, wie Simon Befehl hatte Herrn

Vogel zu melden, auf der Terrasse serviert.

Dort fand Bertram die Baronin in peinlicher Erwartung, ruhelos auf und ab

wandelnd. Sie empfing ihn mit einem unterdrückten Aufschrei.

»Ach Sie! Endlich, Vogelweid! Was bringen Sie? Erlösung? Befreiung ... Bin

ich gerettet?«

Als er alles bejahte, kannte ihr Dank keine Grenzen. Eine Sechzehnjährige

hätte ihn nicht heißer empfinden, und kindlicher ausdrücken können, als

Bertram die verfänglichen Briefe an Carolus und die Photographie mit der

Widmung hervorzog und ihr überreichte.

Wie hatte diese Frau sich und ihre Gefühle konserviert. So etwas wäre

unmöglich in der Stadt.

»Ich will nicht ungestraft gefehlt, geirrt haben,« sagte sie. »Ich werde

ehrlich Buße thun; ich habe das Bedürfniß, zu sühnen, Vogelweid.«

Über die Art, in der das geschehen sollte, konnte sie ihm im Augenblick

keine Aufklärung geben, denn Hugo kam eben in Begleitung Meisenmanns

herbei. Der Freund und die Gattin bereiteten dem Herrn des Hauses einen

Empfang, auf den er nicht gefaßt gewesen war.

»Hugo! Hugo! mein Alter! Ich hab' dich noch nicht gesehen, seitdem du im

Feuer gewesen bist und Menschenleben gerettet hast. O, ich weiß -- ich

weiß, du Braver!« rief Bertram ihm begeistert entgegen, und die Gattin

schwebte im wuchtigen Fluge auf ihn zu und lag an seiner Brust und weinte

auf seine lichtblaue Piquéweste »Thränen der Wiedergeburt.«

Ihr Mann fand das schön gesagt und gut gegeben, ersuchte sie aber Maß zu

halten: »Du warst am Vormittag schon gerührt, Bertherl, das ist

hinreichend, auch für eine so liebe und treue Frau wie du.«

»Treu?« -- die Baronin zuckte zusammen wie eine verwundete Taube.

»Nun, vielleicht nicht? Ich bitte dich, Bertherl, mache dich nicht

interessant. Wir wollen jausen ohne Interessantmacherei und ohne Rührung.

Solche Sachen verderben einem nur den Appetit.«

»Vor meiner Rührung brauchen Herr Baron sich nicht zu fürchten,« sprach

Meisenmann mit forciertem Humor. »Haben unter anderen einen deutschen Juden

aus dem Feuer gezerrt. Ich an Ihrer Stelle hätte ihn tiefer

hineingeworfen.«

»Sie Meisenmann? Wie macht das ein Theoretiker? Ich bin neugierig. Sie

müssen es mir zeigen bei nächster Gelegenheit.«

Der Professor rutschte unruhig auf seinem Sessel hin und her. »Nächste

Gelegenheit? Was für eine Gelegenheit meinen?«

»Wir werden ja sehen, sie kommt.«

»Wenn man sie herbeiführen will, kommt sie freilich.«

»Ohne Sorge! Ich werde nicht extra Feuer legen, damit Sie Juden

hineinwerfen können.«

Sieglinde und Gertrud kamen, die erstere aufgelöst in Verlegenheit, im

scheuen Blick die Frage: Was sagen Sie zu meinen Gedichten? die zweite sehr

ernst und noch stiller als gewöhnlich. Bertram glaubte zu bemerken, daß

Meisenmann sie schon einigemale triumphirend angesehen habe, und war voll

Indignation und hätte ihm gar zu gern zugerufen: Sie nimmt dich nicht;

mich nicht und dich ebensowenig.

Etwas freier athmete er, als Hugo und Meisenmann sich zu Hagen verfügten

und er allein blieb mit den Damen. Die Baronin und Sieglinde fingen an zu

flüstern und einander gegenseitig aufzumuntern: »_Du_, Lindchen, _du_!« »Um

Gotteswillen, nein, _du_, Mama!« Die liebende Mutter gab nach. Sie

räusperte sich, sie hielt eine kleine Rede, in der sie ihren sehnlichen und

den nicht minder sehnlichen Wunsch ihrer Tochter ausdrückte, Bertrams

Urtheil über die Gedichte Lindchens in Erfahrung zu bringen.

»Gedichte?« Er mußte sich besinnen. »Gedichte -- ja so!«

»Mama, Mama, Herr Vogelweid hat ganz vergessen ...« klagte Lindchen tief

gekränkt.

»Nein, Baronesse, ich habe nicht vergessen, ich habe ge--geblättert, sagen

wir, in den Gedichten, die Sie mir geschickt haben ...« Erbarmungslose, die

einen Überfütterten noch stopft, wollte er hinzusetzen, aber die ängstlich

gespannten Mienen der Mutter und der Tochter, die demüthig sehnsüchtige

Erwartung, mit der beide Damen zu ihm empor schmachteten, entwaffnete ihn.

Diese Dilettanten! sie haben alle Aspirationen, machen alle Leiden des

echten Künstlers durch -- nur was dabei herauskommt, ist anders. »Vor

allem, Baronesse,« wendete er sich an Sieglinde, »was haben Sie vor mit

Ihren Gedichten?«

»Drucken lassen« -- sie stöhnte es fast, und er seufzte, wurde aber nicht

grimmig, sondern sprach in weichem, zuredendem Tone:

»Sehen Sie sich um in der Welt. Wohin Sie blicken, überall begegnen Sie den

allgemeinen, unaufhaltsamen Fortschritten ...«

»Unserer Litteratur!« fiel Bertha begeistert ein.

»-- Der Socialdemokratie, Frau Baronin.«

»Ach ja,« versetzte sie und lächelte ihn höchst unsicher an.

»Wir gehen einer neuen gesellschaftlichen Ordnung entgegen. Lösung der

wirtschaftlichen Fragen heißt der nächste Schritt zum Ziele, und er liegt,

wie man sagt, in der allgemeinen Verstaatlichung. Meine unmaßgebliche

Meinung ist nun, daß der Übergang zu dieser breiten Straße des Heiles uns

wieder auf jetzt ganz verlassene Fußpfade führen wird, zum Beispiel -- zur

Hausindustrie.«

»Ach ja,« wiederholte die Baronin und gab ein heuchlerisches: »Ganz recht!«

dazu, um zu verbergen, daß sie ihn durchaus nicht begriff.

»Eilen Sie uns voran, Baronesse! Streben Sie keine fabriksmäßige

Vervielfältigung Ihrer Dichtungen an, verschmähen Sie die kapitalistische

Bücherproduktion durch den Verleger -- singen Sie, ein liebliches

Vögelchen, Ihre zarten Lieder den Eingeborenen von Obositz, zirpen Sie, ein

trautes Heimchen, am häuslichen Herde.«

Rittmeister Brand; Bertram Vogelweid Zwei Erzählungen · 第 54 / 68 题