Er ging zu Bette, konnte aber nicht einschlafen. Die Sorge um Hagen hielt
ihn wach. Nach einer Stunde stand er auf und begab sich zu ihm hinüber, um
nach seinem Befinden zu fragen. Es war gut; der Ungerechte schlief den
Schlaf des Gerechten, und dieser ängstigte sich um das saubere Früchtchen,
das ihn sicherlich auslachen würde, wenn es davon wüßte. Bereuen konnte er
seine nächtliche Wanderung aber nicht, denn er brachte Seelenruhe von ihr
heim.
In aller Gottesfrühe, nach einigen Stunden kurzer, köstlicher Rast, war er
auf dem Wege nach Vogelhaus. Unaufhaltsam hatte er vorwärts eilen wollen,
aber die Schönheit des Gartens hielt ihn fest. Eine wahrhaft vollendete
Schönheit.
Auf einer Brücke, die über das klare und wasserreiche Bächlein führte, das
den Garten durchschlängelte, blieb Bertram stehen. Er legte die
verschränkten Arme auf das Geländer und versank in die Wonne still
bewundernden Schauens. Zwischen den Bäumen und Baumgruppen auf den welligen
Wiesen eröffnete sich ein weiter Ausblick auf die Berge und Wälder. Ein
Blick voll Frieden. Wohnt er auch wirklich dort? Er wohnt, wohin du ihn
träumst, und das ist in der Natur ewig und immer -- die Ferne. Tritt näher,
du siehst den Kampf.
Ein Knistern des Kieses, das Geräusch nahender Schritte, weckte ihn aus
seinen Betrachtungen. Er wendete den Kopf und erblickte Gertrud, die
langsam auf ihn zukam. Sie sah ihn nicht, sie wandelte unter dem Schutze
eines großen Sonnenschirms, dessen breiter Spitzenrand ihr Gesicht
verdeckte, und fuhr zusammen bei dem freudigen Gruße, den Bertram ihr
zurief. Sie wäre ihm offenbar gern ausgewichen, konnte es aber nicht mehr
thun, ohne geradezu die Flucht zu ergreifen. So entschloß sie sich denn,
ihren Weg -- noch langsamer als vorhin -- fortzusetzen.
Sie scheint nicht angenehm überrascht durch meine Anwesenheit, sagte sich
Bertram -- ich störe sie -- worin nur? Warum steht sie so früh auf? Sie
dichtet! Ohne Zweifel, sie dichtet. Man kann nicht anders in diesem Milieu.
Sie geht vielleicht ins Fischerhaus, um dort zu dichten.
Merkwürdig! Als ihm der Einfall kam, da war's, als ob eine Mauer
niedergefallen wäre, die zwischen ihm und ihr gestanden hatte. Sie
Dichterin, er Journalist: er fühlte sich beinahe auf dem gleichen Fuße mit
ihr. Beinahe, nicht ganz. Sie war ihm doch noch zu fremd und -- »eine
Würde, eine Höhe« ...
Er setzte den Hut, den er feierlich abgenommen hatte, wieder auf, ging ihr
entgegen und wand dabei, wie man beim Waschen thut, eine seiner Hände um
die andere, was immer etwas sehr Verbindliches hat. Vor ihr angelangt,
neigte er sich mit einer gewissen freundlich erwartungsvollen Spannung und
sagte: »Nun, mein gnädiges Fräulein ... und was schreiben denn Sie?«