XVIII.

Er ging zu Bette, konnte aber nicht einschlafen. Die Sorge um Hagen hielt

ihn wach. Nach einer Stunde stand er auf und begab sich zu ihm hinüber, um

nach seinem Befinden zu fragen. Es war gut; der Ungerechte schlief den

Schlaf des Gerechten, und dieser ängstigte sich um das saubere Früchtchen,

das ihn sicherlich auslachen würde, wenn es davon wüßte. Bereuen konnte er

seine nächtliche Wanderung aber nicht, denn er brachte Seelenruhe von ihr

heim.

In aller Gottesfrühe, nach einigen Stunden kurzer, köstlicher Rast, war er

auf dem Wege nach Vogelhaus. Unaufhaltsam hatte er vorwärts eilen wollen,

aber die Schönheit des Gartens hielt ihn fest. Eine wahrhaft vollendete

Schönheit.

Auf einer Brücke, die über das klare und wasserreiche Bächlein führte, das

den Garten durchschlängelte, blieb Bertram stehen. Er legte die

verschränkten Arme auf das Geländer und versank in die Wonne still

bewundernden Schauens. Zwischen den Bäumen und Baumgruppen auf den welligen

Wiesen eröffnete sich ein weiter Ausblick auf die Berge und Wälder. Ein

Blick voll Frieden. Wohnt er auch wirklich dort? Er wohnt, wohin du ihn

träumst, und das ist in der Natur ewig und immer -- die Ferne. Tritt näher,

du siehst den Kampf.

Ein Knistern des Kieses, das Geräusch nahender Schritte, weckte ihn aus

seinen Betrachtungen. Er wendete den Kopf und erblickte Gertrud, die

langsam auf ihn zukam. Sie sah ihn nicht, sie wandelte unter dem Schutze

eines großen Sonnenschirms, dessen breiter Spitzenrand ihr Gesicht

verdeckte, und fuhr zusammen bei dem freudigen Gruße, den Bertram ihr

zurief. Sie wäre ihm offenbar gern ausgewichen, konnte es aber nicht mehr

thun, ohne geradezu die Flucht zu ergreifen. So entschloß sie sich denn,

ihren Weg -- noch langsamer als vorhin -- fortzusetzen.

Sie scheint nicht angenehm überrascht durch meine Anwesenheit, sagte sich

Bertram -- ich störe sie -- worin nur? Warum steht sie so früh auf? Sie

dichtet! Ohne Zweifel, sie dichtet. Man kann nicht anders in diesem Milieu.

Sie geht vielleicht ins Fischerhaus, um dort zu dichten.

Merkwürdig! Als ihm der Einfall kam, da war's, als ob eine Mauer

niedergefallen wäre, die zwischen ihm und ihr gestanden hatte. Sie

Dichterin, er Journalist: er fühlte sich beinahe auf dem gleichen Fuße mit

ihr. Beinahe, nicht ganz. Sie war ihm doch noch zu fremd und -- »eine

Würde, eine Höhe« ...

Er setzte den Hut, den er feierlich abgenommen hatte, wieder auf, ging ihr

entgegen und wand dabei, wie man beim Waschen thut, eine seiner Hände um

die andere, was immer etwas sehr Verbindliches hat. Vor ihr angelangt,

neigte er sich mit einer gewissen freundlich erwartungsvollen Spannung und

sagte: »Nun, mein gnädiges Fräulein ... und was schreiben denn Sie?«

Rittmeister Brand; Bertram Vogelweid Zwei Erzählungen · 第 56 / 68 题