XV.

Bertram lief ins Schloß, um seine Morgenschuhe mit Reitstiefeln zu

vertauschen, bei einem Haar hätte er Sporen angeschnallt. In den Sattel

_stieg_ er nicht, sondern _schwang_ er sich und ergriff die Zügel mit

solcher Entschlossenheit, daß die Kuh die Ohren spitzte. Aber das

imponierte ihm mit nichten. Spitze du, dachte er, ich sitz' das aus. Hier

bin ich Mann und nicht Schreiber. Munter und kühn trabte er vorwärts und

traf eine Viertelstunde vor dem Zuge auf der Station ein. Die Kuh war dort

eine bekannte Persönlichkeit. Sie wurde bei besonderen Anlässen, dem

Aufgeben und in Empfang nehmen von Geldbriefen und dergleichen vom

Postboten herübergeritten, und während der seine Gänge besorgte, in den

Schuppen eingestellt.

Das geschah auch heute auf die freundliche Einladung des Herrn Expeditors,

sie erhielt Gastfreundschaft für den Nachmittag, und Bertram ließ ihr zur

Unterhaltung ein Bündel Heu vorsetzen. Dann trat er an den Schalter mit

großartiger Ruhe -- er war freilich der einzige Passagier -- und löste zwei

Billete erster Klasse, eines zur nächsten Station, eines nach Trzebinia,

begab sich auf den Perron und erwartete den Zug. Ein paar Träger

schlotterten daher, vorahnend, daß es keine Beschäftigung für sie geben

werde. Ein kleines Mädchen barfüßig und zerlumpt, mit verwilderten,

staubigen Haaren, brachte auf einem angebrochenen Teller schöne, schwarze

Kirschen herbei. Jeder der Träger machte sich das Vergnügen ihr einige

davon zu entreißen, und Bertram, der Landessprache unkundig, mußte zu

dieser Brutalität schweigen. Aber auch schweigend vollbringt der

Hochgemuthe eine rettende That. Er ging auf die Kleine zu, steckte ihr

einen Gulden in die Hand, eine Kirsche zwischen die Zähne und wies mehrmals

nacheinander von dem Inhalt des Tellers auf ihren Mund, und von dem Fleck,

auf dem sie stand, nach dem Ausgang. Sie lachte, sie begriff, stopfte

gleich ein halbes Dutzend der saftigen Früchte in den Mund und rannte

davon.

Das Glockenzeichen wurde gegeben, majestätisch fuhr der Zug ein. Aus dem

Fenster eines Coupés dritter Klasse neigte sich ein schwarzes Lockenhaupt,

das ein riesiger Rembrandthut malerisch beschattete.

»Hierher, Schaffner! hierher!« rief eine dünne Stimme, und im nächsten

Augenblick erglänzten auf den Stufen des Waggons ein Paar Lackstiefeletten,

zwei kurze Beinchen hüpften zur Erde, blieben aber plötzlich steif und

regungslos stehen:

»Willkommen, Just Carolus!« sprach Bertram und lüftete den Hut. Der

Rembrandt wurde einen halben Meter hoch über das Lockenhaupt gehoben.

»Sie, Herr Vogel, welche Überraschung.«

»Wir haben nur eine Minute Aufenthalt! steigen Sie wieder ein und wundern

Sie sich später. Die Frau Baronin schickt mich Ihnen entgegen. Infolge

eines Mißverständnisses wurde der Wagen aus Obositz nicht hierher, sondern

zur nächsten Station dirigiert. Steigen Sie ein. In dieses, das nächste

Coupée!«

»Erste Klasse, so? ach ja, das ist ja sehr aufmerksam von der Frau

Baronin.«

»Sie haben Gepäck bei sich?«

»Diese Tasche.«

»Es ist doch alles drin, was Sie der Frau Baronin mitbringen wollten, ihre

Briefe, ihre Photographie?«

»Woher wissen Sie ...«

»Fragen Sie nicht, steigen Sie ein!« befahl Bertram so kühl und

gebieterisch, als ob er auf der Nordbahn zu Hause wäre und zu ihren

Machthabern gehörte.

In dem Coupé, in das er Carolus vorantreten hieß, hatte eine ältliche, sehr

dicke Dame mit türkischem Gesichtstypus sich häuslich eingerichtet. Ihre

Füße ruhten auf dem Sitze ihr gegenüber, der außerdem von einem

wundervollen, grauen Affenpintscher eingenommen wurde. Neben ihr stand eine

geöffnete Reisetoilette mit kostbarer Einrichtung, die verschiedensten

Effekten, seidene Decken, Kissen, ein Vermeillebesteck, eine goldene

Cigarettentasche, lagen auf den Wagenpolstern umher. Die Luft war etwas

dumpf und mit Peau d'Espagne-Düften und denen des feinsten ägyptischen

Rauchtabaks erfüllt.

Die Fremde warf den beiden Herren, die sich bescheiden in die Ecken neben

dem Eingang gesetzt hatten, einen feindseligen Blick zu, der aber milder

wurde, nachdem er Justs Lockenkopf gestreift, auf den er auch öfters und

immer freundlicher wiederkehrte, bis er endlich wie gebannt auf ihm ruhen

blieb.

Sollte das der berühmte französische #coup de foudre# sein? fragte sich

Bertram.

Carolus aber war zu verwirrt, um den guten Eindruck, den er hervorbrachte,

zu bemerken. Ihm wurde bang und bänger in Vogels Nähe. Er war ihm draußen

schon furchtbar gewesen, als er mit natürlicher Stimme zu ihm gesprochen

hatte, jetzt fand er ihn doppelt furchtbar, als er sich zu ihm neigte und

ihm leise zuflüsterte:

»Sie werden mir die Photographie und die Briefe, die Sie bei sich haben,

sofort ausliefern, und dann werden Sie eine Vergnügungsfahrt unternehmen

nach Trzebinia.«

»Warum nach Trzebinia?«

»Diese Gegend ist ohne Reize,« sprach die Dame, und statt Justs, an den sie

sich gewendet hatte, erwiderte Bertram kurz abbrechend:

»Gänzlich.« Er setzte seinen Fuß mit Wucht auf das Füßchen des zierlichen

Männleins, neigte sich vor und begann wieder im früheren Tone.

»Sie übergeben mir die Sachen, die ich verlange, auf der Stelle und

schicken mir das Manuskript der Frau Baronin morgen nach Obositz oder« ...

»Oder was? Keine Drohung ... Ich bitte mir aus« -- Carolus hauchte es nur;

er hatte sich zurückgelehnt, seine Zähne klapperten. Die Mitreisende

betrachtete ihn voll Erbarmen. Sie fand ihn gar zu herzig in seinem

sammtenen hellbraunen Künstlerflaus, in seinen taubengrauen Höschen, und

unbeschreiblich rührend war ihr der Ausdruck der Qual in seinem

interessanten Gesichtchen.

»Ihr Freund befindet sich schlecht,« sagte sie und reichte Bertram ein

Riechfläschchen: »Bitte, lassen Sie ihn dieses athmen.«

»Athmen Sie,« rief Bertram, hielt dem bleichen Carolus mit einer Hand das

Flacon unter die Nase und nahm mit der andern ein Päckchen in Empfang, das

der Bedrängte aus der Brusttasche gezogen hatte. Die Herren führten ein

kurzes Gespräch, das der Lärm des über eine Brücke hinrasselnden Zuges für

ihre Gefährtin im Coupé unhörbar machte.

»Sie überfallen mich wie ein Straßenräuber.«

»Wie ein Straßenräuber, der über alle Errungenschaften der Kultur verfügt,

ja. Wenn Sie mir das,« er spielte mit dem Päckchen, ließ es kreisen

zwischen seinen Fingern, »nicht gutwillig anvertraut hätten, würde Ihrer

irgendwo unterweges eine bescheidene Empfangsfeierlichkeit gewartet

haben.«

»In Trzebinia, meinen Sie. Als ob es mir nicht freistände, auszusteigen, wo

ich will.«

»Unbemerkt nicht. Dafür wäre leicht gesorgt. Ein Passagier erster Klasse,

mit Ihrem Äußern, so auffallend hübsch gekleidet, wie Sie immer sind. Ich

bin Ihrer sicher, verlassen Sie den Train, wo es Ihnen beliebt; seien Sie

nur gewiß morgen nachmittags wieder in Wien. Mein Advokat, den Sie ja

kennen, wird den Auftrag haben, abends bei Ihnen anzufragen, ob das Paket

abgeschickt ist.«

»Es wird abgeschickt sein,« knirschte Carolus. »Aber bei nächster

Gelegenheit -- machen Sie sich gefaßt.«

»Auf einen Vipernstich in die Ferse ist unsereins immer gefaßt -- Sie

fahren also bis Trzebinia, geehrter Freund,« sagte er laut, »und so

benützen Sie wohl den nächsten Zug, der morgen um 7 Uhr 55 Minuten von dort

abgeht, zur Rückkehr nach Wien?«

»Nach Wien?« mischte die Dame sich ins Gespräch. »Ich komme von dort, eine

charmante, kleine Stadt, dieses Wien.«

»Und, gnädige Frau,« fragte Bertram, »sind auf dem Wege nach?« --

»Nach Hotin.«

»In Bessarabien?«

»Meine Güter sind in der Nähe.«

»Güter in Bessarabien?« Carolus machte eine rasche Schwenkung auf seinem

Sitze und sandte einen Blick voll heißer Sympathie zu der Reisenden

hinüber. Sie hatte die Zeit der Reife längst überschritten, und sie hatte

sehr schwellende Formen, aber sie hatte eine goldene Cigarettentasche und

Ringe von unermeßlichem Werthe und eine mit Diamanten besetzte Uhr, und sie

kam, wie er bald erfuhr, aus England, wo sie eine Saloneinrichtung für ihr

Schloß gekauft hatte, und auch den schönen Affenpintscher. Für fünfzig

Pfund -- ein Bettel; hundert waren ihr schon für das Prachtthierchen

geboten worden.

Das Gespräch zwischen Carolus und der Bessarabierin belebte sich immer

mehr. Sie nannten einander ihre Namen. Der ihre war ihm unaussprechbar, der

seine entzückte sie. Just Carolus. Wie das klang! wie mild und fest, wie

edel und gelehrt. Er war gewiß ein Gelehrter. Ihr verstorbener Gatte, der

Bojar, wäre auch gern ein Gelehrter gewesen, aber die Verwaltung seiner

Besitzungen gab ihm viel zu thun, er konnte sich seiner Liebhaberei nicht

widmen.

Verstorben der Gatte! O seliger Bojar, Wohlthäter! Carolus pries sein

Andenken. Er bezeigte der Dame tiefste Theilnahme und hoffte nur, daß ihr

daheim, zu ihrem Troste, liebliche Kinder blühten ...

Aber nein, sie war kinderlos und stand einsam und trotz einiger

Glücksgüter, mit denen der Himmel sie gesegnet hatte, doch recht arm in der

Welt.

Die langen Wimpern Justs, seine größte Schönheit, senkten sich und

verschleierten seine habgierigen Augen. Er seufzte tief, und auch die

Wittwe seufzte.

Der Schaffner kam, war mürrisch, entschuldigte sich bei der gnädigen Frau.

Er hatte die Herren nicht einsteigen gesehen, er würde ihnen sonst andere

Plätze angewiesen haben.

Auch Bertram entschuldigte sich und nahm zugleich Abschied. Er stellte der

Reisegefährtin ihr Flacon zurück und reichte Just sein Fahrbillet. Mit

Mißvergnügen entdeckte dieser, als er es in die Brusttasche steckte, daß er

nur große Banknoten bei sich habe. Am Schalter wechselt man so ungern.

»Sie können mir,« sagte er nachlässig, »dreißig Gulden zur Rückreise

vorstrecken, Vogel.«

»Verdammter Kerl,« fluchte Bertram im Stillen und suchte in seinem

Geldtäschchen: »Kann ich? Da sind fünfzehn. Sie werden gegen Ihre

Gewohnheit zweiter Klasse fahren müssen.«

Die Bojarin erschrak. Zweiter Klasse durfte nicht einmal ihre Kammerjungfer

mehr fahren. Ein deutscher Baron hatte ihr dort einen Heirathsantrag

gemacht. In die Gefahr, meinte Bertram, werde Carolus nicht kommen, aber

die liebenswürdige Wittwe bestand darauf, ihm für alle Fälle aus der

Verlegenheit zu helfen.

»Mein Diener kommt auf jeder Station meine Befehle holen,« sagte sie. »Er

führt die Kasse, er wird die Banknote Herrn Justs Carolus wechseln.«

Der Zug hielt. Bertram betrat die Plattform im Augenblick, in dem ein

großer, bärtiger Russe im Nationalkostüm die Stufen heraufstieg. Er hatte

eine wohlgefüllte Geldkatze umhängen und trat mit der Mütze in der Hand an

die Thür des Coupés.

Nun gilt's dein Meisterstück, Just Carolus, dachte Vogel, finde Mittel, die

kleinen Banknoten einzustecken und die Abwesenheit der großen zu erklären.

Rittmeister Brand; Bertram Vogelweid Zwei Erzählungen · 第 53 / 68 题