Bertram lief ins Schloß, um seine Morgenschuhe mit Reitstiefeln zu
vertauschen, bei einem Haar hätte er Sporen angeschnallt. In den Sattel
_stieg_ er nicht, sondern _schwang_ er sich und ergriff die Zügel mit
solcher Entschlossenheit, daß die Kuh die Ohren spitzte. Aber das
imponierte ihm mit nichten. Spitze du, dachte er, ich sitz' das aus. Hier
bin ich Mann und nicht Schreiber. Munter und kühn trabte er vorwärts und
traf eine Viertelstunde vor dem Zuge auf der Station ein. Die Kuh war dort
eine bekannte Persönlichkeit. Sie wurde bei besonderen Anlässen, dem
Aufgeben und in Empfang nehmen von Geldbriefen und dergleichen vom
Postboten herübergeritten, und während der seine Gänge besorgte, in den
Schuppen eingestellt.
Das geschah auch heute auf die freundliche Einladung des Herrn Expeditors,
sie erhielt Gastfreundschaft für den Nachmittag, und Bertram ließ ihr zur
Unterhaltung ein Bündel Heu vorsetzen. Dann trat er an den Schalter mit
großartiger Ruhe -- er war freilich der einzige Passagier -- und löste zwei
Billete erster Klasse, eines zur nächsten Station, eines nach Trzebinia,
begab sich auf den Perron und erwartete den Zug. Ein paar Träger
schlotterten daher, vorahnend, daß es keine Beschäftigung für sie geben
werde. Ein kleines Mädchen barfüßig und zerlumpt, mit verwilderten,
staubigen Haaren, brachte auf einem angebrochenen Teller schöne, schwarze
Kirschen herbei. Jeder der Träger machte sich das Vergnügen ihr einige
davon zu entreißen, und Bertram, der Landessprache unkundig, mußte zu
dieser Brutalität schweigen. Aber auch schweigend vollbringt der
Hochgemuthe eine rettende That. Er ging auf die Kleine zu, steckte ihr
einen Gulden in die Hand, eine Kirsche zwischen die Zähne und wies mehrmals
nacheinander von dem Inhalt des Tellers auf ihren Mund, und von dem Fleck,
auf dem sie stand, nach dem Ausgang. Sie lachte, sie begriff, stopfte
gleich ein halbes Dutzend der saftigen Früchte in den Mund und rannte
davon.
Das Glockenzeichen wurde gegeben, majestätisch fuhr der Zug ein. Aus dem
Fenster eines Coupés dritter Klasse neigte sich ein schwarzes Lockenhaupt,
das ein riesiger Rembrandthut malerisch beschattete.
»Hierher, Schaffner! hierher!« rief eine dünne Stimme, und im nächsten
Augenblick erglänzten auf den Stufen des Waggons ein Paar Lackstiefeletten,
zwei kurze Beinchen hüpften zur Erde, blieben aber plötzlich steif und
regungslos stehen:
»Willkommen, Just Carolus!« sprach Bertram und lüftete den Hut. Der
Rembrandt wurde einen halben Meter hoch über das Lockenhaupt gehoben.
»Sie, Herr Vogel, welche Überraschung.«
»Wir haben nur eine Minute Aufenthalt! steigen Sie wieder ein und wundern
Sie sich später. Die Frau Baronin schickt mich Ihnen entgegen. Infolge
eines Mißverständnisses wurde der Wagen aus Obositz nicht hierher, sondern
zur nächsten Station dirigiert. Steigen Sie ein. In dieses, das nächste
Coupée!«
»Erste Klasse, so? ach ja, das ist ja sehr aufmerksam von der Frau
Baronin.«
»Sie haben Gepäck bei sich?«
»Diese Tasche.«
»Es ist doch alles drin, was Sie der Frau Baronin mitbringen wollten, ihre
Briefe, ihre Photographie?«
»Woher wissen Sie ...«
»Fragen Sie nicht, steigen Sie ein!« befahl Bertram so kühl und
gebieterisch, als ob er auf der Nordbahn zu Hause wäre und zu ihren
Machthabern gehörte.
In dem Coupé, in das er Carolus vorantreten hieß, hatte eine ältliche, sehr
dicke Dame mit türkischem Gesichtstypus sich häuslich eingerichtet. Ihre
Füße ruhten auf dem Sitze ihr gegenüber, der außerdem von einem
wundervollen, grauen Affenpintscher eingenommen wurde. Neben ihr stand eine
geöffnete Reisetoilette mit kostbarer Einrichtung, die verschiedensten
Effekten, seidene Decken, Kissen, ein Vermeillebesteck, eine goldene
Cigarettentasche, lagen auf den Wagenpolstern umher. Die Luft war etwas
dumpf und mit Peau d'Espagne-Düften und denen des feinsten ägyptischen
Rauchtabaks erfüllt.
Die Fremde warf den beiden Herren, die sich bescheiden in die Ecken neben
dem Eingang gesetzt hatten, einen feindseligen Blick zu, der aber milder
wurde, nachdem er Justs Lockenkopf gestreift, auf den er auch öfters und
immer freundlicher wiederkehrte, bis er endlich wie gebannt auf ihm ruhen
blieb.
Sollte das der berühmte französische #coup de foudre# sein? fragte sich
Bertram.
Carolus aber war zu verwirrt, um den guten Eindruck, den er hervorbrachte,
zu bemerken. Ihm wurde bang und bänger in Vogels Nähe. Er war ihm draußen
schon furchtbar gewesen, als er mit natürlicher Stimme zu ihm gesprochen
hatte, jetzt fand er ihn doppelt furchtbar, als er sich zu ihm neigte und
ihm leise zuflüsterte:
»Sie werden mir die Photographie und die Briefe, die Sie bei sich haben,
sofort ausliefern, und dann werden Sie eine Vergnügungsfahrt unternehmen
nach Trzebinia.«
»Warum nach Trzebinia?«
»Diese Gegend ist ohne Reize,« sprach die Dame, und statt Justs, an den sie
sich gewendet hatte, erwiderte Bertram kurz abbrechend:
»Gänzlich.« Er setzte seinen Fuß mit Wucht auf das Füßchen des zierlichen
Männleins, neigte sich vor und begann wieder im früheren Tone.
»Sie übergeben mir die Sachen, die ich verlange, auf der Stelle und
schicken mir das Manuskript der Frau Baronin morgen nach Obositz oder« ...
»Oder was? Keine Drohung ... Ich bitte mir aus« -- Carolus hauchte es nur;
er hatte sich zurückgelehnt, seine Zähne klapperten. Die Mitreisende
betrachtete ihn voll Erbarmen. Sie fand ihn gar zu herzig in seinem
sammtenen hellbraunen Künstlerflaus, in seinen taubengrauen Höschen, und
unbeschreiblich rührend war ihr der Ausdruck der Qual in seinem
interessanten Gesichtchen.
»Ihr Freund befindet sich schlecht,« sagte sie und reichte Bertram ein
Riechfläschchen: »Bitte, lassen Sie ihn dieses athmen.«
»Athmen Sie,« rief Bertram, hielt dem bleichen Carolus mit einer Hand das
Flacon unter die Nase und nahm mit der andern ein Päckchen in Empfang, das
der Bedrängte aus der Brusttasche gezogen hatte. Die Herren führten ein
kurzes Gespräch, das der Lärm des über eine Brücke hinrasselnden Zuges für
ihre Gefährtin im Coupé unhörbar machte.
»Sie überfallen mich wie ein Straßenräuber.«
»Wie ein Straßenräuber, der über alle Errungenschaften der Kultur verfügt,
ja. Wenn Sie mir das,« er spielte mit dem Päckchen, ließ es kreisen
zwischen seinen Fingern, »nicht gutwillig anvertraut hätten, würde Ihrer
irgendwo unterweges eine bescheidene Empfangsfeierlichkeit gewartet
haben.«
»In Trzebinia, meinen Sie. Als ob es mir nicht freistände, auszusteigen, wo
ich will.«
»Unbemerkt nicht. Dafür wäre leicht gesorgt. Ein Passagier erster Klasse,
mit Ihrem Äußern, so auffallend hübsch gekleidet, wie Sie immer sind. Ich
bin Ihrer sicher, verlassen Sie den Train, wo es Ihnen beliebt; seien Sie
nur gewiß morgen nachmittags wieder in Wien. Mein Advokat, den Sie ja
kennen, wird den Auftrag haben, abends bei Ihnen anzufragen, ob das Paket
abgeschickt ist.«
»Es wird abgeschickt sein,« knirschte Carolus. »Aber bei nächster
Gelegenheit -- machen Sie sich gefaßt.«
»Auf einen Vipernstich in die Ferse ist unsereins immer gefaßt -- Sie
fahren also bis Trzebinia, geehrter Freund,« sagte er laut, »und so
benützen Sie wohl den nächsten Zug, der morgen um 7 Uhr 55 Minuten von dort
abgeht, zur Rückkehr nach Wien?«
»Nach Wien?« mischte die Dame sich ins Gespräch. »Ich komme von dort, eine
charmante, kleine Stadt, dieses Wien.«
»Und, gnädige Frau,« fragte Bertram, »sind auf dem Wege nach?« --
»Nach Hotin.«
»In Bessarabien?«
»Meine Güter sind in der Nähe.«
»Güter in Bessarabien?« Carolus machte eine rasche Schwenkung auf seinem
Sitze und sandte einen Blick voll heißer Sympathie zu der Reisenden
hinüber. Sie hatte die Zeit der Reife längst überschritten, und sie hatte
sehr schwellende Formen, aber sie hatte eine goldene Cigarettentasche und
Ringe von unermeßlichem Werthe und eine mit Diamanten besetzte Uhr, und sie
kam, wie er bald erfuhr, aus England, wo sie eine Saloneinrichtung für ihr
Schloß gekauft hatte, und auch den schönen Affenpintscher. Für fünfzig
Pfund -- ein Bettel; hundert waren ihr schon für das Prachtthierchen
geboten worden.
Das Gespräch zwischen Carolus und der Bessarabierin belebte sich immer
mehr. Sie nannten einander ihre Namen. Der ihre war ihm unaussprechbar, der
seine entzückte sie. Just Carolus. Wie das klang! wie mild und fest, wie
edel und gelehrt. Er war gewiß ein Gelehrter. Ihr verstorbener Gatte, der
Bojar, wäre auch gern ein Gelehrter gewesen, aber die Verwaltung seiner
Besitzungen gab ihm viel zu thun, er konnte sich seiner Liebhaberei nicht
widmen.
Verstorben der Gatte! O seliger Bojar, Wohlthäter! Carolus pries sein
Andenken. Er bezeigte der Dame tiefste Theilnahme und hoffte nur, daß ihr
daheim, zu ihrem Troste, liebliche Kinder blühten ...
Aber nein, sie war kinderlos und stand einsam und trotz einiger
Glücksgüter, mit denen der Himmel sie gesegnet hatte, doch recht arm in der
Welt.
Die langen Wimpern Justs, seine größte Schönheit, senkten sich und
verschleierten seine habgierigen Augen. Er seufzte tief, und auch die
Wittwe seufzte.
Der Schaffner kam, war mürrisch, entschuldigte sich bei der gnädigen Frau.
Er hatte die Herren nicht einsteigen gesehen, er würde ihnen sonst andere
Plätze angewiesen haben.
Auch Bertram entschuldigte sich und nahm zugleich Abschied. Er stellte der
Reisegefährtin ihr Flacon zurück und reichte Just sein Fahrbillet. Mit
Mißvergnügen entdeckte dieser, als er es in die Brusttasche steckte, daß er
nur große Banknoten bei sich habe. Am Schalter wechselt man so ungern.
»Sie können mir,« sagte er nachlässig, »dreißig Gulden zur Rückreise
vorstrecken, Vogel.«
»Verdammter Kerl,« fluchte Bertram im Stillen und suchte in seinem
Geldtäschchen: »Kann ich? Da sind fünfzehn. Sie werden gegen Ihre
Gewohnheit zweiter Klasse fahren müssen.«
Die Bojarin erschrak. Zweiter Klasse durfte nicht einmal ihre Kammerjungfer
mehr fahren. Ein deutscher Baron hatte ihr dort einen Heirathsantrag
gemacht. In die Gefahr, meinte Bertram, werde Carolus nicht kommen, aber
die liebenswürdige Wittwe bestand darauf, ihm für alle Fälle aus der
Verlegenheit zu helfen.
»Mein Diener kommt auf jeder Station meine Befehle holen,« sagte sie. »Er
führt die Kasse, er wird die Banknote Herrn Justs Carolus wechseln.«
Der Zug hielt. Bertram betrat die Plattform im Augenblick, in dem ein
großer, bärtiger Russe im Nationalkostüm die Stufen heraufstieg. Er hatte
eine wohlgefüllte Geldkatze umhängen und trat mit der Mütze in der Hand an
die Thür des Coupés.
Nun gilt's dein Meisterstück, Just Carolus, dachte Vogel, finde Mittel, die
kleinen Banknoten einzustecken und die Abwesenheit der großen zu erklären.