Als Bertram am nächsten Morgen erwachte, schlug die Schloßuhr acht, und
Simon trat zum zweitenmal ins Zimmer. Er war schon vor einer halben Stunde
dagewesen und hatte den Herrn Doktor noch fest und süß schlafend gefunden.
Hatte der Herr Doktor das »Schpektakel« gehört in der Nacht? das Horn des
Feuerwächters, das Gerassel der Spritzen und Wasserwagen, das Geschrei der
Leute? Mit der Überlegenheit eines Menschen, der etwas erlebt hat, während
der andere ruhig im Bette lag, erzählte Simon, daß ein großes Feuer gewesen
war. Der entlassene Ochsenknecht, der schlechte Kerl, hatte es gelegt. Ein
Meierhof war abgebrannt, die Mutter des Schaffers und sein kleinstes Kind
wären bei einem Haar mit verbrannt. Aber der Herr Baron hat sie mit eigener
Lebensgefahr gerettet.
Bertram war aufgesprungen, hatte hastig einige Kleidungsstücke angethan und
wollte auf und davon -- zum Freunde, zum Feuer.
»Der Herr Baron sind aber wieder da und schlafen jetzt, und Feuer ist
keins mehr,« sagte Simon innerlichst zufrieden mit dem Effekt, den er
hervorgebracht hatte. Er redete Bertram zu, Toilette zu machen und zu
frühstücken, und Bertram übergoß sich mit kaltem Wasser und rief:
»Mein Freund im Feuer, mein Freund in den Flammen, und ich lieg' da und
schnarche. O Simon, Simon! warum haben Sie mich nicht geweckt!«
Wecken? Jekerle, wo hätte Simon die Zeit dazu hergenommen? Er war ein
paarmal in der Nacht zur Brandstätte gelaufen, der Frau Baronin Nachricht
zu bringen, die bei ihrem Sohne wachte und in großer Angst gewesen ist um
Hagen, weil er fieberte, und um den Herrn Baron, weil sie schon weiß, wie
der ist, wenn's brennt.
»Tummeln sich, bitte,« schloß er, »die gnädige Frau Baronin haben grad
wieder nach Herrn Doktor gefragt und warten auf ihn im Garten.«
Das Stelldichein gab sie also nicht auf, die Unselige! Ein Verbrechen war
begangen, es war Feuer gelegt worden. Ihr Sohn hatte Fieber gehabt, ihr
Mann in Lebensgefahr geschwebt, ihres Stelldicheins vergaß sie über alledem
nicht!
O Weiber! Weiber! -- Mächtig ergriff ihn Schopenhauersche Indignation gegen
das treubrüchige, breithüftige, leichthirnige Geschlecht.
Sie wünschen ein Rendezvous, Madame? Sie sollen es haben!
Mit schroff ablehnender Miene erschien er eine Viertelstunde später unter
den Platanen. Baronin Weißenberg erwartete ihn. Sie trug ein Morgenkleid
aus Battist mit Spitzen und Stickereien und hellgrauen Schleifen. Auf ihren
etwas altmodisch, aber hübsch frisirten Haaren saß ein allerliebstes
Häubchen. Ihre Gesichtsfarbe war wie gewöhnlich frisch und rosig, aber ihre
Augen hatten etwas Verschleiertes, sie schien geweint zu haben.
Bertram begrüßte sie und fing sogleich an vom Feuer zu reden, in so
barschem Tone, als ob sie es gelegt hätte. Die arme Frau war ganz
eingeschüchtert, und ihr Mund verzog sich krampfhaft.
»Hugo hat keinen Schaden genommen, dem Himmel sei Dank. Er exponirt sich
bei solchen Gelegenheiten immer entsetzlich. Alles Lebendige ist gerettet,
und das Gebäude war versichert,« sagte sie und blickte hülflos und wie
suchend umher. »Man kann heutzutage nicht vorsichtig genug sein.«
»Da haben Sie wohl recht, assekurirt muß man sein, und ich leichtsinniger
Thor habe noch nicht gefragt, ob diese so nothwendige Maßregel in Vogelhaus
getroffen wurde,« rief Bertram. »Entschuldigen Sie, wenn ich keinen
Augenblick länger zögere, mir Gewißheit darüber zu verschaffen.« Er stand
auf.
»O Vogelweid, wie grausam Sie sind! Ja, ja, das ist Grausamkeit!«
wiederholte die Baronin und lehnte sich völlig gebrochen an die Gartenbank:
»Sie müssen doch ahnen -- ein Mann wie Sie!... Und statt mir mein schweres
Geständniß zu erleichtern -- ein Geständniß, das zu thun so beschämend« ...
»Wie wär's, wenn Sie sich's ersparten?« fragte Bertram kalt und spöttisch.
»_Gut_ wär's, wenn ich's könnte, aber ich kann nicht. Ich bin zu Ende mit
meiner moralischen Kraft ... In drei Nächten kein Auge geschlossen. Heute
die dritte Nacht, die schrecklichste von allen. Mein Sohn im Fieber, mein
Mann im Feuer, ich in Höllenqualen ... O Vogelweid, ich rufe Ihre Hülfe
an. Schwören Sie mir, daß Sie mein Vertrauen nicht mißbrauchen werden.«
»Wozu schwören, was sich von selbst versteht?« erwiderte er; aber sie gab
nicht nach.
»Ihre Hand darauf!« und sie reichte ihm ihre Rechte hin, ihre schöngeformte
weiße Rechte, die er drückte und bewundern mußte, obwohl ihm graute und er
sich vorkam wie ein Zolascher Held.
»Zuerst, was mich zum Theil wenigstens, entschuldigt,« sagte Bertha hastig
und beklommen. »Ich habe Phantasie --«
»Seit wann?«
»Ich werde sie wohl immer gehabt haben, ich bemerkte es nur nicht. Ich bin
jetzt so allein. Hagen ist auf dem Gymnasium, Lindchen lernt oder dichtet,
die Poesie ist eine einsame Kunst. Meinen Mann sehe ich oft wochenlang nur
bei den Mahlzeiten. Das giebt dem besten ehelichen Verhältniß einen
gewissen Anstrich, ich möchte ihn einen prosaischen Anstrich nennen. Ich
habe doch auch poetische Bedürfnisse.«
»Seit wann?«
»Seitdem ich mehr lese --«
»Da haben wir wieder die verfluchte Litteratur!« murmelte Bertram.
»Und wenn man viel liest und wenn man viel allein ist und wenn man
Phantasie hat, träumt man und bildet sich allmählich ein Ideal, ein Urbild
alles Schönen, alles Vollkommenen. -- Man giebt diesem Urbild einen Namen
und versetzt ihn in bestimmte Verhältnisse -- und sich an seine Seite --
und -- was dann vorgeht, malt man sich aus --«
»Aha!« Die Brauen Bertrams zogen sich dräuend zusammen, und er kreuzte die
Arme über der Brust.
Die Baronin zitterte: »O wie unerbittlich Sie aussehen, Vogelweid. Mitleid!
Mitleid! Ich habe es zu Papier gebracht. Erbarmen Sie sich, ich habe einen
Roman geschrieben.«
»Einen Roman haben Sie geschrieben?« Er athmete, er jubelte auf. Ihm war zu
Muthe wie dem treuen Heinrich, als die Eisenringe, die ihn umpanzert
hatten, sprangen. »Erlauben Sie mir, Ihnen die Hand zu küssen,« bat er und
that es stürmisch: »Sie Wunderbare! Nie hätte ich's für möglich gehalten,
daß ich in Entzücken gerathen könnte, weil eine Dame einen Roman
geschrieben hat!«
Bertha lächelte wehmüthig und blieb beklommen. »Entweder überschätzen Sie
meine Leistung, oder andere unterschätzen sie. (Als sie das sagte, dachte
sie selbst: Ich spreche gut.) Mein Manuskript erfuhr manche Zurückweisung.
Es gelangte zuerst an die Redaktion der 'Neuen Freien Presse.'«
»Es gelangte -- das heißt, daß Sie es hingeschickt haben.«
»Nun ja, mit einem sehr, sehr höflichen, ich darf sagen, einem demüthigen
Brief.«
»Wehe!« sprach Bertram.
»Nach einiger Zeit kam meine Sendung zurück. Die Herren schrieben, daß sie
für drei Jahre mit Romanen versorgt seien. Nun wandte ich mich an die 'Alte
Presse', an die Tageblätter -- dieselbe Antwort. Alle diese Zeitschriften
haben Romanvorrath für drei Jahre. Ach! es wird doch viel geschrieben!«
»Das wäre nicht so schlimm,« versetzte Vogel, »schlimmer ist, daß das
Geschriebene ein Gedrucktes werden will ... O, Frau Baronin, sehen Sie, ich
an Ihrer Stelle würde eine leuchtende Ausnahme machen; ich ließe nichts
drucken -- just nicht.«
»Wenn es noch in meiner Macht stände, Freund! Aber ich bin schändlich
hintergangen worden. Just Carolus ...«