Der Kritiker kämpfte einen schweren Kampf. Sein feines, blasses Gesicht
hatte einen schmerzlichen Ausdruck. Das nervöse Zucken, das seit der
Abreise von Wien verschwunden war, stellte sich wieder ein.
»Wie findest du's?« fragte Weißenberg abermals und Bertram ergriff beide
Hände des Freundes, drückte sie unendlich liebevoll und sprach aus der
Fülle der Überzeugung:
»Niederträchtig!«
Die großen Hände, die er mit den seinen vergeblich zu umklammern suchte,
entzogen sich ihm. Das war alles. Von den Lippen des Freundes kam kein
Laut. Nach einer Weile erst wagte Bertram ihn anzusehen und wandte die
Augen sogleich wieder ab, der Anblick that ihm zu weh. Sein Recensentenamt
mußte aber dennoch gewissenhaft ausgeübt werden.
»Dein Stück ist roh und unsittlich,« sprach er, »das Gegentheil von allem,
was du selbst bist. Einen besseren Beweis dafür, daß du gar kein Talent
hast, giebt es nicht. Unser Talent ist der Ausfluß unseres ureigensten
Wesens, ist sein tiefster und höchster Ausdruck.«
»Talent? Lieber Gott,« murmelte Hugo eingeschüchtert. »Ich mache ja gar
keinen Anspruch auf so was.«
»O, wenn du mir weniger lieb wärst, wenn ich dich weniger schätzte und
verehrte, ich würde mich nicht verpflichtet fühlen, dir die Wahrheit zu
sagen und damit dir und mir weh zu thun!«
Das war keine Phrase. Mit Schmerz sah der Delinquent, daß sein Richter
mehr litt als er: »Weh thun, was dir einfällt!«
»Flunkere nicht. Es thut immer weh, wenn einem eine Hoffnung zerstört
wird.«
»Lächerlich -- einem Ökonomen. Dem werden ganz andere Hoffnungen zerstört,
und er muß sich's gefallen lassen.«
Bertram rückte ganz nahe zu ihm heran und sprach im Tone einer Mutter, die
ihr Kind ermahnt, es zugleich aber zu trösten sucht über die Ermahnung:
»Das Stück ist nicht einmal ganz von dir. Du hast -- Ehrlichster der
Ehrlichen -- du hast gestohlen -- was für ein gottverfluchtes Ding ist doch
die Litteratur, wozu verleitet sie! Du hast für dein Lustspiel (es paßt
hinein wie ein junger Tiger in eine Bocksfamilie), eine ganze Scene aus der
Macht der Finsterniß von Tolstoi gestohlen.«
Hugos mächtige Adlernase erglühte viel tiefer, als die Wangen seiner
Tochter je erglühen konnten: »Merkt man das?« fragte er beschämt.
»Leider, oder sagen wir -- zum Glücke! Ich freue mich, daß sich diese
Sachen nicht in dir gestaltet haben; das ist kein Vergnügen, so gräßliches
zu ...« Er hielt inne und blickte dem Freunde tief in die Augen: »Du nimmst
mir meine Aufrichtigkeit gewiß nicht übel?«
»Im Gegentheil, ich bin dir dankbar,« erwiderte Weißenberg ohne eine Spur
von Groll, aber recht bekümmert. Er stand auf und packte mit der
mechanischen Sorgfalt eines ordnungsliebenden Mannes sein Manuskript wieder
in den Umschlagbogen. -- Dem ist jetzt, als ob er einen lieben Todten ins
Bahrtuch hüllen würde, dachte Bertram und wurde schwach:
»Laß es da,« sagte er, »vielleicht macht sich's gegen das Ende besser.«
»Nein, da gerad' nicht. Das Ende geht mir nicht recht zusammen. Ich habe
mich aufs Vorlesen verlassen und gemeint, dabei fällt mir noch allerlei
ein. Statt dessen ist mir aber allerlei herausgefallen. Merkwürdige Sache
das, mit dem Vorlesen. Die eigne Stimme schon übt Kritik. Na,« seufzte er
voll Resignation, »ich hab' mich halt blamiert. Versprich mir noch einmal:
kein Wort davon gegen irgendwen. Es ist eine Dummheit, aber ich bitte dich
-- versprich mir's.«
»Wie kannst du glauben?« rief Bertram mit zärtlichem Vorwurf.
»Versprich's doch --«
»Ich versprech's.«
»Du wirst nicht einmal dran denken, es vergessen.«
»O wie gern!«
»Dank' dir. Gute Nacht.«
»Gute Nacht.«
Er ging, und Bertram wischte sich die Stirn, auf der die hellen
Schweißtropfen perlten. Das war ein Stück Arbeit, das er da vollbracht,
indem er dem Freund, dem Wohlthäter erbarmungslos seine Meinung gesagt
hatte.
An der Thür hielt Weißenberg an, kehrte um und blieb zwei Schritte vor
Bertram stehen: »Noch einmal ehrlich,« sprach er, »Mann gegen Mann, bin ich
in deinen Augen gesunken?«
»Gesunken? Du? Nie höher gestanden, Mensch ohne Eitelkeit, guter, lieber
Alter!«