XIII.

Wenn das nicht ein Stelldichein war, dann hatte Bertram sein Lebtag keines

gehabt. Was sie nur von ihm wollte, diese Frau? Wie sie ihm die Nerven

angriff mit ihrem ewigen Gewisper: »Ich muß Sie sprechen, bleiben Sie bei

mir.« In welch ein Wespennest war er gerathen! Blind hätte er sein müssen,

um nicht zu sehen, daß die beiden jungen Damen, als er gegen die

Vielschreiberei wetterte, Butter auf dem Kopfe gehabt hatten. So trug denn

auch sie, der sein Herz zujauchzte, im Geheimen blaue Strümpfe .... Auch

sie, wie merkwürdig! An ihr kam die »Naturerscheinung« ihm nicht so widrig

vor wie an anderen, er -- konnte sich Gertrud mit der Feder in der Hand

denken, ohne daß der alte Raubvogel sich in ihm regte. O wie liebte er sie

schon! Liebte sie bis zum Verleugnen seines tiefst eingewurzelten

Vorurtheils!

In seinem Zimmer angelangt, setzte er sich an den Tisch. Zur Arbeit, zur

verpönten! Er riß die schneeweiße Umhüllung von dem Buche, das Sieglinde

ihm geschickt hatte. Ein prachtvoller Einband kam zum Vorschein, vergoldete

Beschläge, Monogramm, Freiherrnkrone.

Auf der ersten Seite begrüßte den Leser das in moderner Steilschrift

hingemalte Motto. Wo mochte Sieglinde die Verse aufgestöbert haben? Sie

kamen Bertram nicht ganz unbekannt vor:

Wenn einst durch ein centralisch Feuer

Dieser große Planet zerspringt,

Sitzt noch der Dichter mit der Leier

Auf dem letzten Stein und singt.

Mit ihm um die Wette sang die Dichterin von Obositz und besang ihren Gesang

und schrieb gewissenhaft unter jedes ihrer Lieder, wann und wo es gesungen

worden war. »Am Neujahrstage, in der Kaffeeküche,« »Am 10. März, im

Gemüsegarten,« »Am 9. April, um sechs Uhr früh, im Bette;« und an allen

diesen Orten hatte Sieglinde zur Harfe gesungen. Aber Bertram wollte

während seines Erdenwallens von Harfen nichts mehr hören; er blätterte

weiter in dem schönen Buche und stieß auf eine Leier (o je -- eine alte

Bekannte!), die gestimmt wurde. Auf Seite 7 zu einer hohen, himmlischen,

auf Seite 8 zu einer ordinären, häuslichen Feier. Da hatte er genug.

Ernstlich prüfen -- diese Lyrik? Anker werfen in einem Lavoir! Warum nicht

gar!

Er riß Hagens dickes und schmutziges Manuskript an sich. Die Schrift

fuselig und liederlich; Form und Inhalt genau so, wie Bertram sie erwartet

hatte. Mit Widerwillen las er eine Weile und fluchte dabei halblaut:

»Hysterischer Schweinigl!«

Auf einmal fuhr er zusammen. An der Thür hatte es geklopft. Wer ist's? Ein

Todesschrecken lief ihm durch die Glieder. Wär's denkbar? -- Er hielt den

Athem an, er hatte Lust, die Lampe auszulöschen. Es klopfte wieder, laut

und kräftig.

»Ich schlafe schon,« schrie er außer sich.

»Spaßvogel,« antwortete eine wohlbekannte, o Wonne, o Glück! eine männliche

Stimme. Er sprang auf, er öffnete die Thür vor dem Freunde.

»Warum sperrst du dich denn ein wie eine Komteß?« fragte der. »Hast du denn

kein Vertrauen zu unserm Burgfrieden?« Er hatte eine geheimnißvoll

sieghafte Miene und trug ein großes, viereckiges Paket unter dem Arme.

Damit schlug er auf den Tisch, daß es einen Knall gab, wie von einer

schnalzenden Kinderklatsche.

»Um Gottes willen,« sprach Bertram, »das ist Papier!«

»Ja,« sagte Hugo und setzte sich. »Ich bin nicht zu Ende mit den

Überraschungen, die größte stand dir noch ins Haus, da ist sie. Noch einmal

wurde das Paket mit beiden Händen ergriffen und damit auf den Tisch

geschlagen, daß es noch lauter knallte:

»Ich habe ein Lustspiel geschrieben.«

»Du?«

»Ich und kein anderer! Dir zu Lieb' und Ehr'. Du schreist ja beständig nach

einem Männerstück, einem Lustspiel nur für uns Männer. Da ist eins. Da hast

du's. Zum Kuckuck, das wird dir stark genug sein.«

Bertram brachte kein Wort hervor. Er saß da mit weit aufgerissenen Augen

und betrachtete den Freund, wie er den alten, bis zur Decke reichenden

Schrank dort an der Wand, mit seinen armdicken, gewundenen Säulen

betrachtet haben würde, wenn der sich plötzlich auf die Kanten seiner

plumpen Füße gestellt und angefangen hätte, zu tanzen und zu pirouettiren.

»Du staunst,« rief Weißenberg. »Das hättest du mir nicht zugetraut. Nun --

ich mir selbst nicht. Jetzt schau nur, daß sie mir's auch aufführen am

Burgtheater ... Um den Erfolg ist mir nicht bange. Ich weiß nur nicht« --

er fuhr mit der Hand etwas rathlos über seine Glatze, »ob ich mich

entschließen werde, herauszukommen, wenn sie mich rufen.«

»Wir haben jedenfalls noch Zeit, darüber nachzudenken.«

»Die haben wir. Jetzt heißt's vor allem andern: Schweigen, Schweigen wie

das Grab. Du schwörst? -- Gut. Begreifst ja, meine Frau, meine Kinder

dürfen keine Ahnung haben, daß ich etwas so Starkes ...« Er unterbrach sich

und streichelte liebevoll sein Manuskript.

»'Don Juan am Lande' heißt's.«

»_Am_ Lande. So?«

»König Lear, Hamlet, Romeo und Julia auf dem Dorfe haben wir. Jetzt kommt

ein Don Juan dazu. Das ist ein Kerl!« Weißenberg schmunzelte schon beim

Vorlesen des Personenverzeichnisses und schüttelte sich vor Lachen, als

sein Held im ersten Auftritt drei betrogene Ehemänner durchprügelte.

Bertram bemühte sich, wenigstens die Caricatur eines Lächelns

hervorzubringen und sagte: »Was du für lustige Einfälle hast -- es ist zum

Weinen.« Und als der erste Aufzug schloß, ermannte er sich zu dem

tiefsinnigen Ausspruch: »Das war also der erste Akt.«

Weißenberg hatte eine kleine Anwandlung von Verlegenheit: »Gieb acht, jetzt

kommt der zweite.«

Vogel bog sich zurück im Fauteuil, hielt die Lehne fest und hob die Augen

zur Decke, wie jemand, der entschlossen ist, eine Zahnoperation tapfer

auszuhalten. Der »zweite« ging vorüber, und der Zuhörer wußte wieder nichts

anderes zu sagen als:

»Das war also der zweite Akt.«

Rittmeister Brand; Bertram Vogelweid Zwei Erzählungen · 第 49 / 68 题