Wenn das nicht ein Stelldichein war, dann hatte Bertram sein Lebtag keines
gehabt. Was sie nur von ihm wollte, diese Frau? Wie sie ihm die Nerven
angriff mit ihrem ewigen Gewisper: »Ich muß Sie sprechen, bleiben Sie bei
mir.« In welch ein Wespennest war er gerathen! Blind hätte er sein müssen,
um nicht zu sehen, daß die beiden jungen Damen, als er gegen die
Vielschreiberei wetterte, Butter auf dem Kopfe gehabt hatten. So trug denn
auch sie, der sein Herz zujauchzte, im Geheimen blaue Strümpfe .... Auch
sie, wie merkwürdig! An ihr kam die »Naturerscheinung« ihm nicht so widrig
vor wie an anderen, er -- konnte sich Gertrud mit der Feder in der Hand
denken, ohne daß der alte Raubvogel sich in ihm regte. O wie liebte er sie
schon! Liebte sie bis zum Verleugnen seines tiefst eingewurzelten
Vorurtheils!
In seinem Zimmer angelangt, setzte er sich an den Tisch. Zur Arbeit, zur
verpönten! Er riß die schneeweiße Umhüllung von dem Buche, das Sieglinde
ihm geschickt hatte. Ein prachtvoller Einband kam zum Vorschein, vergoldete
Beschläge, Monogramm, Freiherrnkrone.
Auf der ersten Seite begrüßte den Leser das in moderner Steilschrift
hingemalte Motto. Wo mochte Sieglinde die Verse aufgestöbert haben? Sie
kamen Bertram nicht ganz unbekannt vor:
Wenn einst durch ein centralisch Feuer
Dieser große Planet zerspringt,
Sitzt noch der Dichter mit der Leier
Auf dem letzten Stein und singt.
Mit ihm um die Wette sang die Dichterin von Obositz und besang ihren Gesang
und schrieb gewissenhaft unter jedes ihrer Lieder, wann und wo es gesungen
worden war. »Am Neujahrstage, in der Kaffeeküche,« »Am 10. März, im
Gemüsegarten,« »Am 9. April, um sechs Uhr früh, im Bette;« und an allen
diesen Orten hatte Sieglinde zur Harfe gesungen. Aber Bertram wollte
während seines Erdenwallens von Harfen nichts mehr hören; er blätterte
weiter in dem schönen Buche und stieß auf eine Leier (o je -- eine alte
Bekannte!), die gestimmt wurde. Auf Seite 7 zu einer hohen, himmlischen,
auf Seite 8 zu einer ordinären, häuslichen Feier. Da hatte er genug.
Ernstlich prüfen -- diese Lyrik? Anker werfen in einem Lavoir! Warum nicht
gar!
Er riß Hagens dickes und schmutziges Manuskript an sich. Die Schrift
fuselig und liederlich; Form und Inhalt genau so, wie Bertram sie erwartet
hatte. Mit Widerwillen las er eine Weile und fluchte dabei halblaut:
»Hysterischer Schweinigl!«
Auf einmal fuhr er zusammen. An der Thür hatte es geklopft. Wer ist's? Ein
Todesschrecken lief ihm durch die Glieder. Wär's denkbar? -- Er hielt den
Athem an, er hatte Lust, die Lampe auszulöschen. Es klopfte wieder, laut
und kräftig.
»Ich schlafe schon,« schrie er außer sich.
»Spaßvogel,« antwortete eine wohlbekannte, o Wonne, o Glück! eine männliche
Stimme. Er sprang auf, er öffnete die Thür vor dem Freunde.
»Warum sperrst du dich denn ein wie eine Komteß?« fragte der. »Hast du denn
kein Vertrauen zu unserm Burgfrieden?« Er hatte eine geheimnißvoll
sieghafte Miene und trug ein großes, viereckiges Paket unter dem Arme.
Damit schlug er auf den Tisch, daß es einen Knall gab, wie von einer
schnalzenden Kinderklatsche.
»Um Gottes willen,« sprach Bertram, »das ist Papier!«
»Ja,« sagte Hugo und setzte sich. »Ich bin nicht zu Ende mit den
Überraschungen, die größte stand dir noch ins Haus, da ist sie. Noch einmal
wurde das Paket mit beiden Händen ergriffen und damit auf den Tisch
geschlagen, daß es noch lauter knallte:
»Ich habe ein Lustspiel geschrieben.«
»Du?«
»Ich und kein anderer! Dir zu Lieb' und Ehr'. Du schreist ja beständig nach
einem Männerstück, einem Lustspiel nur für uns Männer. Da ist eins. Da hast
du's. Zum Kuckuck, das wird dir stark genug sein.«
Bertram brachte kein Wort hervor. Er saß da mit weit aufgerissenen Augen
und betrachtete den Freund, wie er den alten, bis zur Decke reichenden
Schrank dort an der Wand, mit seinen armdicken, gewundenen Säulen
betrachtet haben würde, wenn der sich plötzlich auf die Kanten seiner
plumpen Füße gestellt und angefangen hätte, zu tanzen und zu pirouettiren.
»Du staunst,« rief Weißenberg. »Das hättest du mir nicht zugetraut. Nun --
ich mir selbst nicht. Jetzt schau nur, daß sie mir's auch aufführen am
Burgtheater ... Um den Erfolg ist mir nicht bange. Ich weiß nur nicht« --
er fuhr mit der Hand etwas rathlos über seine Glatze, »ob ich mich
entschließen werde, herauszukommen, wenn sie mich rufen.«
»Wir haben jedenfalls noch Zeit, darüber nachzudenken.«
»Die haben wir. Jetzt heißt's vor allem andern: Schweigen, Schweigen wie
das Grab. Du schwörst? -- Gut. Begreifst ja, meine Frau, meine Kinder
dürfen keine Ahnung haben, daß ich etwas so Starkes ...« Er unterbrach sich
und streichelte liebevoll sein Manuskript.
»'Don Juan am Lande' heißt's.«
»_Am_ Lande. So?«
»König Lear, Hamlet, Romeo und Julia auf dem Dorfe haben wir. Jetzt kommt
ein Don Juan dazu. Das ist ein Kerl!« Weißenberg schmunzelte schon beim
Vorlesen des Personenverzeichnisses und schüttelte sich vor Lachen, als
sein Held im ersten Auftritt drei betrogene Ehemänner durchprügelte.
Bertram bemühte sich, wenigstens die Caricatur eines Lächelns
hervorzubringen und sagte: »Was du für lustige Einfälle hast -- es ist zum
Weinen.« Und als der erste Aufzug schloß, ermannte er sich zu dem
tiefsinnigen Ausspruch: »Das war also der erste Akt.«
Weißenberg hatte eine kleine Anwandlung von Verlegenheit: »Gieb acht, jetzt
kommt der zweite.«
Vogel bog sich zurück im Fauteuil, hielt die Lehne fest und hob die Augen
zur Decke, wie jemand, der entschlossen ist, eine Zahnoperation tapfer
auszuhalten. Der »zweite« ging vorüber, und der Zuhörer wußte wieder nichts
anderes zu sagen als:
»Das war also der zweite Akt.«