XII.

Beim Souper auf der Veranda war's schön und gemüthlich, trotz einiger

kleiner Zwischenfälle, die das gute Einvernehmen vorübergehend störten.

Der Baron kam wehmüthig ergriffen von einem Besuche bei seinem Sohne

zurück, verrieth aber seine Gemüthsbewegung nicht. Er setzte sich mit

Nachdruck nieder, steckte die Hände in die Hosentaschen und sprach mit

rauher Stimme: »Recht ist ihm gescheh'n! ganz recht.«

Seine Gattin entsetzte sich: »O, wie grausam du bist!« und er erwiderte

kurz:

»So ist es und nicht anders.« Er war stolz auf die Brutusgefühle, die er an

den Tag gelegt hatte, und wenn er einmal in der Toga steckte, kam er nicht

so bald wieder heraus.

»Der Meisenmann ist bei ihm geblieben,« fuhr er fort. »Guter Kerl der

Meisenmann.«

»So?« fragte Bertram -- »der Fanatiker?«

»Weich wie Watte. Willst du ihn weinen sehen?«

»Trage gar kein Verlangen danach.«

»Nun, ich meine nur. Wenn du vielleicht wolltest, dann sprich ihm nur von

seinem alten Vater. -- Ein sehr guter Mensch, der Meisenmann!« (diese

letzten Worte richtete der Baron direkt an Gertrud). »Und was seinen

Fanatismus betrifft -- Naturerscheinung. Das kommt so über die Menschen,

wie die Nonne über die Bäume und die Reblaus über die Weinstöcke. Der

Weinstock ahnt auch nicht, daß die Reblaus ihn hat und aufspeist, er

glaubt, _er_ hat die Reblaus und soll sie verbreiten zum Wohl des

Weinbergs. Und deshalb,« schloß Weißenberg mit scharfer Logik und warf

einen nicht minder scharfen Blick auf seine Nichte, ist Meisenmann »ein

grundguter Mensch, der auch eine gesicherte Zukunft hat und jede Frau

glücklich machen würde. Und du,« wandte er sich an seine Tochter, die

sofort vor Bestürzung in Atemnoth gerieth. »Was treibst du? ich muß mich

wundern. Bin grad' auf dem Gang deiner Dobka begegnet. Sie hat etwas

Versiegeltes aufs Zimmer unseres Freundes getragen. Was war das? Sie wollte

ich nicht fragen, um dich nicht vielleicht zu beschämen vor deinem

Stubenmädchen; ich frage dich selbst. Hast du sie und was hast du

geschickt?«

Sieglinde rang die Hände unterm Tisch, sie litt Qualen, und die treue

Mutter litt mit ihr, und Gertrud sah die beiden theilnehmend und dann

Bertram an, und ihm schien, als spräche sich in ihrem Blick die Bitte aus:

Kommen Sie ihnen zu Hülfe.

Da konnte er nicht widerstehen und sagte mit bittersüßem Lächeln: »Die

Baronesse sammelt ohne Zweifel Autographen und hat mir ihr Album

geschickt.«

»Ja -- ich werde auch -- aber« ... Sie kam nicht weiter, Thränen erstickten

ihre Stimme. Sie stand auf und warf sich weinend in die Arme ihrer Mutter,

die ebenfalls aufgestanden und ihr entgegengegangen war. Leise und

unverständlich flüsterten sie miteinander. Weißenberg führte seine große

Theetasse an den Mund und setzte sie erst wieder ab, als die Baronin und

Sieglinde auf ihre Plätze zurückgekehrt waren.

»Lieber Vogelweid,« nahm die Hausfrau das Wort, »meine Tochter wird Ihnen

selbstverständlich ihr Album schicken, verzeihen Sie, daß es noch nicht

geschah.«

»Verzeihen?«

Gertrud erhob den Kopf. Bertram hatte diese Frage mit so bösartiger Ironie

gestellt, daß einem bange werden konnte vor ihm. Die Baronin schwebte

wieder ein paar Meter hoch über den Parketten und merkte nichts.

»Sie sollten vorher wissen, lieber Freund,« fuhr sie fort, »daß es eine

kleine Kollegin ist, die um einige Zeilen von ihrer berühmten Hand bitten

kommt. Sieglindchen dichtet.«

»Ob ich mir nicht so was gedacht hab',« rief Weißenberg verdrießlich aus.

»Sie spielt ja schon seit einiger Zeit alle Farben, wenn jemand sagt:

'Poet' oder: 'lyrisches Gedicht'.«

»Bisher,« setzte die Baronin hinzu, »haben nur die Augen der Mutter auf den

jungen Geistes- und Gemüthsblüthen des Kindes geruht.«

»So? die eigenen hat das Kind dabei zugemacht, es wird ihr im Schlaf

gekommen sein,« brummte Hugo, sagte sich aber im stillen: sie spricht gut,

meine Frau.

»Sieglindchen ist so bescheiden, so ängstlich. 'O Mutter, wenn ich nur

Talent habe', klagt sie oft gar rührend. 'Ich weiß nicht, ob ich weiter

dichten soll'. Nach schweren Kämpfen hat sie sich entschlossen, Ihnen die

Entscheidung zu überlassen. Lesen Sie, prüfen Sie ernst und gewissenhaft,

rathen Sie, soll sie weiter dichten oder nicht?«

»Wenn sie nicht ein Riesentalent hat, nein!« erklärte Weißenberg. »Dichten

ist heutzutage Männersache. Wund're dich nicht, daß ich das weiß,« rief er

Bertram triumphirend zu. »Kein Geringerer als du hat es mich gelehrt. Die

Bücher, die du lobst in deinen 'Überblicken', darf eine anständige Frau

nicht lesen.« Er nahm keine Notiz von dem lauten Widerspruch aller: »Nicht

lesen! Die Litteratur ist in einer großartigen Reform -- der Rückkehr zur

Männlichkeit aus weibischer Versumpfung, begriffen -- sagt Vogelweid. Und

ich sag': Bravo! Jetzt ist die Männerlitteratur dran. Will meine Tochter

mitthun? will sie Bücher schreiben, die ihre Mutter nicht lesen darf?« fuhr

er Sieglinde an.

Die und die Baronin blieben stumm vor Verwirrung über diesen heftigen

Ausfall, nur Gertrud entgegnete:

»Aber, lieber Onkel!«

Bertram horchte hoch auf, verneigte sich gegen sie und sprach: »O, wie

recht haben Sie, mein verehrtes Fräulein!«

Da wurde sie gleich wieder verlegen: »Warum denn? ich habe ja nichts

gesagt.«

»Doch! Sie haben gesagt: Aber, lieber Onkel! Ich wiederhole: Aber, lieber

Hugo!«

»Kann nicht helfen, #Mulier taceat in ecclesia#! Daß nach diesem Worte

gethan wird, das erhält die Kirche groß. Wären die Frauen auch in der

Litteratur nicht zu Wort gekommen, wäre auch die Litteratur groß

geblieben.«

»O lieber Freund, es ginge der Kirche schlecht, wenn sie auf die

Frömmigkeit der Männer allein angewiesen wäre, und der Litteratur ging's

schlecht, wenn ihr die Frauen ihr Interesse entziehen würden.«

»Das sollen sie auch nicht. Nachbeten sollen sie, aber nicht vorbeten,

nicht #in ecclesia#, nicht #in litteris#.«

»Einige Vorbeterinnen möchte ich doch nicht missen,« versetzte Bertram. Ihm

schwoll die Galle, weil er nun doch in ein litterarisches Gespräch

hineingerathen war, und als der Freund schlagfertig entgegnete:

»Ausnahmen betätigen die Regel,« sprach er gereizt:

»Stehende Redensart. Unsere Rede soll nicht stehen, sie soll wenigstens

fließen, wenn sie nicht sprudeln kann.« Er zwirbelte an seinem Schnurrbart:

»Sie schreiben also, Baronesse?«

»Ich schreibe nicht, ich dichte,« verbesserte sie weinerlich.

»Sie dichten und wollen gedruckt werden. 'Hat er es einmal aufgeschrieben,

will er, die ganze Welt soll's lieben,' sagt Goethe. Das ist ein Unglück,

wissen Sie; eine unselige, weitverbreitete Krankheit. Die Vielschreiberei

ist epidemisch geworden. Das Skelett im Hause ist heutzutage -- das

Manuskript. Es fehlt nirgends, nicht in den Schreibtischen der Erlauchten,

nicht in der Lade des Krämers, nicht im Pult des Studenten und des

Schulmädchens, nicht im Arbeitskorb der Näherin. Alles schreibt, jeder

Mann, jede Frau, jedes Kind!«

»Das wußten wir in unserer unschuldigen Abgeschiedenheit freilich nicht.

Sie setzen mich in schmerzliches Erstaunen, Vogelweid,« sagte die Baronin

offenbar verletzt. Sieglinde glühte wie eine Feuerlilie, und Gertrud, fast

so roth wie sie, senkte den Kopf und beschäftigte sich eifrig mit einer

Häkelarbeit, die sie aus ihrer Tasche gezogen hatte.

Bertram stieß einen schweren Seufzer aus: »Naturerscheinung, alles

Naturerscheinung. Du hast recht, Hugo. Das schreibt und schreibt und will

berühmt werden. Es ist die Zeit, in der jedes Individuum sich selbst

vergöttert, nach Vergötterung lechzt. Es ist aber auch die Zeit, in der der

Socialismus in breiten Kolonnen anrückt, sein ungeheures Prokrustesbett

hinstellt und den Genius und den Trottel, den rastlosen Arbeiter und den

Faulenzer, den Asketen und den Lüstling, nebeneinander einpfercht als

Genossen und als gleichwerthige Knechte der unumschränkten, unfehlbaren

Tyrannin -- der Gesellschaft. Dann wieder eine andere Strömung: Keine

Gesellschaft! kein Staat! keine Gesetze. Jeder sein eigener Lykurg.

Egoismus das einzige Menschenrecht, Nächstenliebe fluchwürdige Schwäche.

Und wie viele andere Strömungen noch! Und jede in den Augen ihrer Vertreter

der alleinig zur Überschwemmung der Welt berufene, die Zukunft befruchtende

Nil! Mit täglich wachsender Furie platzen sie aufeinander -- bäumen sich zu

Gischtsäulen empor ... Wartet nur, wartet, bis die rasenden Naturgewalten

verheerend losbrechen. Die Stunde kommt. Wie es jetzt in der Welt aussieht,

so hat es immer ausgesehen vor dem Untergange einer Civilisation!«

Während er diese Rede hielt, starrte er unverwandt vor sich hin in den

Garten. Weil aber Sieglinde ihm gegenüber saß, schien sein Blick auf ihr zu

ruhen. Der Ärmsten war, als ob sie mit glühenden Nägeln an die Pfeiler der

Veranda genagelt würde.

Weißenberg hatte dem Freunde fortwährend seine Zustimmung zu erkennen

gegeben, jetzt sagte er, wie einer, der seiner Sache zwar nicht sicher ist,

den Kampf aber um keinen Preis aufgeben will, zu seiner Tochter:

»Siehst du, siehst du, das alles kommt von der Dichterei.«

»Oder die Dichterei von alledem, und sie ist krank und faul, wie wir

selbst,« versetzte Bertram.

Gertrud erhob den Kopf und lachte: »Sie scheinen zur Übertreibung geneigt,

Herr Vogel.«

Sie hatte ihn angesprochen. Endlich! Er verneigte sich so freudig, als ob

sie ihm die größte Schmeichelei gesagt hätte: »Ja, ganz gewiß! Ich

übertreibe, ich bin übertrieben, im Treibhaus wird man übertrieben.«

Er wurde auf einmal ungeheuer vergnügt, faßte himmelhohe Hoffnungen und

entwarf traumhaft schöne Zukunftspläne. Sein hitziger Ausfall von vorhin

erschien ihm jetzt wie ein Bombenattentat auf die armen Damen. Er wollte

ihn vergessen machen, wollte unterhalten, liebenswürdig sein, gefallen mit

einem Wort. Es gelang ihm, er hatte davon eine bestimmte Empfindung und

wurde immer heiterer und sprühte Geistesfunken, denen eine so zündende

Kraft innewohnte, daß selbst Sieglinde, die seit dem heißen Guß, der über

sie ergangen war, mehr einer gebadeten Maus als einer begeisterten

Dichterin und stolzen Baronesse gleich gesehen hatte, sich zu einigen

Witzchen und Späßchen aufraffte, die belacht wurden. Ihre Eltern waren

selig. Einen solchen Abend hatte man in Obositz nie erlebt.

Beim Gutenachtwünschen war Bertram noch voll Begeisterung. Er drückte beide

Hände Weißenbergs, nannte ihn zum hundertsten Male seinen Wohlthäter und

dankte ihm mit überströmendem Gefühl, er küßte die Hand der Baronin und die

Sieglindens und hätte gar zu gern auch die Gertruds geküßt; er ging auf sie

zu. Aber sie errieth seine Absicht und wich ihm aus, und so küßte er denn

noch einmal die Hand der Baronin.

»Sie sind groß, Vogelweid,« sprach die edle Frau. »Nein, nein, depreziren

Sie nicht, Sie _sind_ groß... Morgen um neun Uhr unter den Platanen. Dort

erwarte ich Sie, Vogelweid,« setzte sie rasch und mit leisem Flehen hinzu.

Rittmeister Brand; Bertram Vogelweid Zwei Erzählungen · 第 48 / 68 题