Beim Souper auf der Veranda war's schön und gemüthlich, trotz einiger
kleiner Zwischenfälle, die das gute Einvernehmen vorübergehend störten.
Der Baron kam wehmüthig ergriffen von einem Besuche bei seinem Sohne
zurück, verrieth aber seine Gemüthsbewegung nicht. Er setzte sich mit
Nachdruck nieder, steckte die Hände in die Hosentaschen und sprach mit
rauher Stimme: »Recht ist ihm gescheh'n! ganz recht.«
Seine Gattin entsetzte sich: »O, wie grausam du bist!« und er erwiderte
kurz:
»So ist es und nicht anders.« Er war stolz auf die Brutusgefühle, die er an
den Tag gelegt hatte, und wenn er einmal in der Toga steckte, kam er nicht
so bald wieder heraus.
»Der Meisenmann ist bei ihm geblieben,« fuhr er fort. »Guter Kerl der
Meisenmann.«
»So?« fragte Bertram -- »der Fanatiker?«
»Weich wie Watte. Willst du ihn weinen sehen?«
»Trage gar kein Verlangen danach.«
»Nun, ich meine nur. Wenn du vielleicht wolltest, dann sprich ihm nur von
seinem alten Vater. -- Ein sehr guter Mensch, der Meisenmann!« (diese
letzten Worte richtete der Baron direkt an Gertrud). »Und was seinen
Fanatismus betrifft -- Naturerscheinung. Das kommt so über die Menschen,
wie die Nonne über die Bäume und die Reblaus über die Weinstöcke. Der
Weinstock ahnt auch nicht, daß die Reblaus ihn hat und aufspeist, er
glaubt, _er_ hat die Reblaus und soll sie verbreiten zum Wohl des
Weinbergs. Und deshalb,« schloß Weißenberg mit scharfer Logik und warf
einen nicht minder scharfen Blick auf seine Nichte, ist Meisenmann »ein
grundguter Mensch, der auch eine gesicherte Zukunft hat und jede Frau
glücklich machen würde. Und du,« wandte er sich an seine Tochter, die
sofort vor Bestürzung in Atemnoth gerieth. »Was treibst du? ich muß mich
wundern. Bin grad' auf dem Gang deiner Dobka begegnet. Sie hat etwas
Versiegeltes aufs Zimmer unseres Freundes getragen. Was war das? Sie wollte
ich nicht fragen, um dich nicht vielleicht zu beschämen vor deinem
Stubenmädchen; ich frage dich selbst. Hast du sie und was hast du
geschickt?«
Sieglinde rang die Hände unterm Tisch, sie litt Qualen, und die treue
Mutter litt mit ihr, und Gertrud sah die beiden theilnehmend und dann
Bertram an, und ihm schien, als spräche sich in ihrem Blick die Bitte aus:
Kommen Sie ihnen zu Hülfe.
Da konnte er nicht widerstehen und sagte mit bittersüßem Lächeln: »Die
Baronesse sammelt ohne Zweifel Autographen und hat mir ihr Album
geschickt.«
»Ja -- ich werde auch -- aber« ... Sie kam nicht weiter, Thränen erstickten
ihre Stimme. Sie stand auf und warf sich weinend in die Arme ihrer Mutter,
die ebenfalls aufgestanden und ihr entgegengegangen war. Leise und
unverständlich flüsterten sie miteinander. Weißenberg führte seine große
Theetasse an den Mund und setzte sie erst wieder ab, als die Baronin und
Sieglinde auf ihre Plätze zurückgekehrt waren.
»Lieber Vogelweid,« nahm die Hausfrau das Wort, »meine Tochter wird Ihnen
selbstverständlich ihr Album schicken, verzeihen Sie, daß es noch nicht
geschah.«
»Verzeihen?«
Gertrud erhob den Kopf. Bertram hatte diese Frage mit so bösartiger Ironie
gestellt, daß einem bange werden konnte vor ihm. Die Baronin schwebte
wieder ein paar Meter hoch über den Parketten und merkte nichts.
»Sie sollten vorher wissen, lieber Freund,« fuhr sie fort, »daß es eine
kleine Kollegin ist, die um einige Zeilen von ihrer berühmten Hand bitten
kommt. Sieglindchen dichtet.«
»Ob ich mir nicht so was gedacht hab',« rief Weißenberg verdrießlich aus.
»Sie spielt ja schon seit einiger Zeit alle Farben, wenn jemand sagt:
'Poet' oder: 'lyrisches Gedicht'.«
»Bisher,« setzte die Baronin hinzu, »haben nur die Augen der Mutter auf den
jungen Geistes- und Gemüthsblüthen des Kindes geruht.«
»So? die eigenen hat das Kind dabei zugemacht, es wird ihr im Schlaf
gekommen sein,« brummte Hugo, sagte sich aber im stillen: sie spricht gut,
meine Frau.
»Sieglindchen ist so bescheiden, so ängstlich. 'O Mutter, wenn ich nur
Talent habe', klagt sie oft gar rührend. 'Ich weiß nicht, ob ich weiter
dichten soll'. Nach schweren Kämpfen hat sie sich entschlossen, Ihnen die
Entscheidung zu überlassen. Lesen Sie, prüfen Sie ernst und gewissenhaft,
rathen Sie, soll sie weiter dichten oder nicht?«
»Wenn sie nicht ein Riesentalent hat, nein!« erklärte Weißenberg. »Dichten
ist heutzutage Männersache. Wund're dich nicht, daß ich das weiß,« rief er
Bertram triumphirend zu. »Kein Geringerer als du hat es mich gelehrt. Die
Bücher, die du lobst in deinen 'Überblicken', darf eine anständige Frau
nicht lesen.« Er nahm keine Notiz von dem lauten Widerspruch aller: »Nicht
lesen! Die Litteratur ist in einer großartigen Reform -- der Rückkehr zur
Männlichkeit aus weibischer Versumpfung, begriffen -- sagt Vogelweid. Und
ich sag': Bravo! Jetzt ist die Männerlitteratur dran. Will meine Tochter
mitthun? will sie Bücher schreiben, die ihre Mutter nicht lesen darf?« fuhr
er Sieglinde an.
Die und die Baronin blieben stumm vor Verwirrung über diesen heftigen
Ausfall, nur Gertrud entgegnete:
»Aber, lieber Onkel!«
Bertram horchte hoch auf, verneigte sich gegen sie und sprach: »O, wie
recht haben Sie, mein verehrtes Fräulein!«
Da wurde sie gleich wieder verlegen: »Warum denn? ich habe ja nichts
gesagt.«
»Doch! Sie haben gesagt: Aber, lieber Onkel! Ich wiederhole: Aber, lieber
Hugo!«
»Kann nicht helfen, #Mulier taceat in ecclesia#! Daß nach diesem Worte
gethan wird, das erhält die Kirche groß. Wären die Frauen auch in der
Litteratur nicht zu Wort gekommen, wäre auch die Litteratur groß
geblieben.«
»O lieber Freund, es ginge der Kirche schlecht, wenn sie auf die
Frömmigkeit der Männer allein angewiesen wäre, und der Litteratur ging's
schlecht, wenn ihr die Frauen ihr Interesse entziehen würden.«
»Das sollen sie auch nicht. Nachbeten sollen sie, aber nicht vorbeten,
nicht #in ecclesia#, nicht #in litteris#.«
»Einige Vorbeterinnen möchte ich doch nicht missen,« versetzte Bertram. Ihm
schwoll die Galle, weil er nun doch in ein litterarisches Gespräch
hineingerathen war, und als der Freund schlagfertig entgegnete:
»Ausnahmen betätigen die Regel,« sprach er gereizt:
»Stehende Redensart. Unsere Rede soll nicht stehen, sie soll wenigstens
fließen, wenn sie nicht sprudeln kann.« Er zwirbelte an seinem Schnurrbart:
»Sie schreiben also, Baronesse?«
»Ich schreibe nicht, ich dichte,« verbesserte sie weinerlich.
»Sie dichten und wollen gedruckt werden. 'Hat er es einmal aufgeschrieben,
will er, die ganze Welt soll's lieben,' sagt Goethe. Das ist ein Unglück,
wissen Sie; eine unselige, weitverbreitete Krankheit. Die Vielschreiberei
ist epidemisch geworden. Das Skelett im Hause ist heutzutage -- das
Manuskript. Es fehlt nirgends, nicht in den Schreibtischen der Erlauchten,
nicht in der Lade des Krämers, nicht im Pult des Studenten und des
Schulmädchens, nicht im Arbeitskorb der Näherin. Alles schreibt, jeder
Mann, jede Frau, jedes Kind!«
»Das wußten wir in unserer unschuldigen Abgeschiedenheit freilich nicht.
Sie setzen mich in schmerzliches Erstaunen, Vogelweid,« sagte die Baronin
offenbar verletzt. Sieglinde glühte wie eine Feuerlilie, und Gertrud, fast
so roth wie sie, senkte den Kopf und beschäftigte sich eifrig mit einer
Häkelarbeit, die sie aus ihrer Tasche gezogen hatte.
Bertram stieß einen schweren Seufzer aus: »Naturerscheinung, alles
Naturerscheinung. Du hast recht, Hugo. Das schreibt und schreibt und will
berühmt werden. Es ist die Zeit, in der jedes Individuum sich selbst
vergöttert, nach Vergötterung lechzt. Es ist aber auch die Zeit, in der der
Socialismus in breiten Kolonnen anrückt, sein ungeheures Prokrustesbett
hinstellt und den Genius und den Trottel, den rastlosen Arbeiter und den
Faulenzer, den Asketen und den Lüstling, nebeneinander einpfercht als
Genossen und als gleichwerthige Knechte der unumschränkten, unfehlbaren
Tyrannin -- der Gesellschaft. Dann wieder eine andere Strömung: Keine
Gesellschaft! kein Staat! keine Gesetze. Jeder sein eigener Lykurg.
Egoismus das einzige Menschenrecht, Nächstenliebe fluchwürdige Schwäche.
Und wie viele andere Strömungen noch! Und jede in den Augen ihrer Vertreter
der alleinig zur Überschwemmung der Welt berufene, die Zukunft befruchtende
Nil! Mit täglich wachsender Furie platzen sie aufeinander -- bäumen sich zu
Gischtsäulen empor ... Wartet nur, wartet, bis die rasenden Naturgewalten
verheerend losbrechen. Die Stunde kommt. Wie es jetzt in der Welt aussieht,
so hat es immer ausgesehen vor dem Untergange einer Civilisation!«
Während er diese Rede hielt, starrte er unverwandt vor sich hin in den
Garten. Weil aber Sieglinde ihm gegenüber saß, schien sein Blick auf ihr zu
ruhen. Der Ärmsten war, als ob sie mit glühenden Nägeln an die Pfeiler der
Veranda genagelt würde.
Weißenberg hatte dem Freunde fortwährend seine Zustimmung zu erkennen
gegeben, jetzt sagte er, wie einer, der seiner Sache zwar nicht sicher ist,
den Kampf aber um keinen Preis aufgeben will, zu seiner Tochter:
»Siehst du, siehst du, das alles kommt von der Dichterei.«
»Oder die Dichterei von alledem, und sie ist krank und faul, wie wir
selbst,« versetzte Bertram.
Gertrud erhob den Kopf und lachte: »Sie scheinen zur Übertreibung geneigt,
Herr Vogel.«
Sie hatte ihn angesprochen. Endlich! Er verneigte sich so freudig, als ob
sie ihm die größte Schmeichelei gesagt hätte: »Ja, ganz gewiß! Ich
übertreibe, ich bin übertrieben, im Treibhaus wird man übertrieben.«
Er wurde auf einmal ungeheuer vergnügt, faßte himmelhohe Hoffnungen und
entwarf traumhaft schöne Zukunftspläne. Sein hitziger Ausfall von vorhin
erschien ihm jetzt wie ein Bombenattentat auf die armen Damen. Er wollte
ihn vergessen machen, wollte unterhalten, liebenswürdig sein, gefallen mit
einem Wort. Es gelang ihm, er hatte davon eine bestimmte Empfindung und
wurde immer heiterer und sprühte Geistesfunken, denen eine so zündende
Kraft innewohnte, daß selbst Sieglinde, die seit dem heißen Guß, der über
sie ergangen war, mehr einer gebadeten Maus als einer begeisterten
Dichterin und stolzen Baronesse gleich gesehen hatte, sich zu einigen
Witzchen und Späßchen aufraffte, die belacht wurden. Ihre Eltern waren
selig. Einen solchen Abend hatte man in Obositz nie erlebt.
Beim Gutenachtwünschen war Bertram noch voll Begeisterung. Er drückte beide
Hände Weißenbergs, nannte ihn zum hundertsten Male seinen Wohlthäter und
dankte ihm mit überströmendem Gefühl, er küßte die Hand der Baronin und die
Sieglindens und hätte gar zu gern auch die Gertruds geküßt; er ging auf sie
zu. Aber sie errieth seine Absicht und wich ihm aus, und so küßte er denn
noch einmal die Hand der Baronin.
»Sie sind groß, Vogelweid,« sprach die edle Frau. »Nein, nein, depreziren
Sie nicht, Sie _sind_ groß... Morgen um neun Uhr unter den Platanen. Dort
erwarte ich Sie, Vogelweid,« setzte sie rasch und mit leisem Flehen hinzu.