Am nächsten Morgen war Bertram fast so früh auf wie die Sonne und mit dem
Ankleiden fertig, als Simon kam, um ihm dabei behülflich zu sein.
»Sind schon lange wach, Herr Doktor, haben vielleicht nicht schlafen
können?« fragte der Alte und warf suchende Blicke umher, die den leicht
gereizten Bertram sofort ungeduldig machten.
»Sie suchen umsonst,« sagte er. »Das Gedicht liegt weder da noch da, noch
dort,« -- er deutete auf das Bett, den Nachttisch und die Badewanne. --
»Das Gedicht ist noch nicht gemacht. Sie müssen die Güte haben, zu warten,
bis ich nach Hause komme. Jetzt reit' ich fort.«
Simon erwiderte zugleich beschwichtigend und ermunternd: Eine ganze halbe
Stunde habe der Herr Doktor vor sich und müsse doch frühstücken;
aufgetragen sei schon. Wirklich hatte ein Diener den Tisch im Wohnzimmer
gedeckt und mit so guten Sachen besetzt, daß ihr bloßer Anblick jeden
gesunden Menschen erheitert hätte. Aber einer, der zum Dichten gepreßt
wird, den erheitert nichts, dem gefällt und schmeckt nichts. Bertram trank
eine Tasse vorzüglichen Thees und gedachte dabei recht mit Fleiß all des
Bösen, das »V. Vischer« diesem edlen Getränk nachgesagt hat. Es rächte
sich, wie's dem Edlen geziemt, es erfüllte seinen Ankläger mit wohligem
Behagen, klärte ihm den verträumten Geist und erweckte ihm die erlösende
Erinnerung an eine, ihrerzeit vielgerühmte Elegie auf den Tod eines
Professors, die er als Student gemacht hatte. Sie ließ sich für die jetzige
Gelegenheit adaptiren. Der Enthusiasmus, mit dem darin die Beliebtheit, die
Tugend und das Eheglück des Professors besungen wurden, sollte nun den
silbernen Hochzeitern zu Ehren noch einmal verwerthet werden. Man brauchte
nur jedes »deine« in ein »eure,« jedes »du warst« in ein »ihr seid« zu
verwandeln, den Kindersegen bedeutend zu vermindern und das ganze Opus aus
der wehmüthigen Moll- in eine freudige Cis-Durtonart zu transponiren.
Bertram wollte eben an die Arbeit gehen, als ihm gemeldet wurde, die Pferde
seien vorgeführt. Da nahm er seinen Hut und eilte so rasch hinab, als ob er
gefürchtet hätte, daß sie wieder davon laufen könnten.
Der Freund trat mit ihm zugleich vors Haus. Er kam aus dem Garten, wo er
seit einer Stunde schon Gebüsche ausgeschnitten und Gras geschoren hatte.
Sein Diener brachte eine Reitpeitsche, an der längst der Smiß fehlte, ein
paar große, uralte Handschuhe und Gamaschen, die aus der Haut eines
vorsintfluthlichen Thieres gemacht schienen. An den Füßen trug der Baron
ein paar starke, sehr abgenützte Schuhe, sein breiter Oberkörper war in
einen kurzen, grünen Rock eingepreßt, und auf dem Kopfe saß ihm ein
braunes, zerquetschtes Hütlein mit schmaler Krempe, unter dem rückwärts die
Glatze hervorguckte.
Im Nu war er im Sattel; für Bertram hatte das Aufsteigen einige
Schwierigkeit, und als die glücklich besiegt war und sein Pferd sich, ohne
eine Aufforderung dazu abzuwarten, in Trab setzte, befiel ihn ein
Schwindel, er wurde blaß und machte die kläglichste Figur.
»Was, Teufel, was hast?« fragte Hugo. »Sitz' grad', halt' dich nicht am
Zügel. Courage! Das Pferd ist ja gar kein Pferd, ist ja eine Kuh!«
Bertram hatte aber vier Jahre lang nicht einmal auf einer Kuh gesessen. Ihn
beseelten zwei heiße Wünsche: bald ankommen, und nicht vom Pferde fallen.
Die Freunde ritten im gemüthlichen Zotteltrab quer über die Wiese. Rechts
von ihnen lag schmuck und wohlgepflegt ein Musterwäldchen, links stieg der
Boden sachte auf, und die kleinen Anhöhen, hinter denen die Lepiden
blauten, waren von den schneeweiß getünchten Stationen eines
Kalvarienberges gekrönt. Vor den Reitern blinkte es manchmal wie Funken
auf, am hellen Horizonte. Die vergoldeten Kreuze auf den Kirchen und
Kirchthürmen der erzbischöflichen Stadt erglänzten im Morgensonnenschein.
Jenseits des Wassers erhoben sie sich, des klaren Gebirgsstromes, der seine
Umgebung verschönerte, befruchtete oder auch -- verheerte.
Bis zum Meierhof, dem der Freiherr und Bertram entgegenritten, war er aber
noch nie gedrungen. In respektvoller Entfernung von ihm aufgebaut, genoß
die stattliche Besitzung die Segnungen seiner Nachbarschaft, ohne von ihren
Gefahren bedroht zu werden.
Der Weg wurde schmaler, er führte jetzt durch eine Allee von Obstbäumen.
Hugo sah sich nach allen Seiten um, sah auch alles, kümmerte sich um alles,
nur nicht um sein Pferd. Mit dem war er wie verwachsen, der reine Centaur,
der dicke, alte Herr. Er ritt, wie ein anderer zu Fuß geht, lief mit vier
Beinen statt mit zweien, das war der Unterschied.
»Schau,« sagte er und deutete auf einen frischen, tiefen Hieb, der einem
jungen Apfelbaume offenbar mit der Axt beigebracht worden war. »Und schau,
da und da!« Eine ganze Reihe von Bäumen war so bis aufs Mark zerhauen.
»Dumme Verwüstung,« rief Bertram, »wer thut das? Und warum geschieht's?«
»Sagen wir aus Übermuth,« erwiderte Hugo achselzuckend, und der Freund
bewunderte seine Gelassenheit, sein geistiges, moralisches, und in diesem
Augenblick ganz besonders, und mit entschiedenem Neide, sein physisches
Gleichgewicht.
In der Nähe des Meierhofes befand sich eine kleine Ansiedlung. Eine Gruppe
von zehn Häusern. Jedes Haus hatte ein Gärtchen, und in jedem Gärtchen
standen Bäume, und alles war nett und sauber gehalten und machte den
Eindruck einer gewissen Wohlhabenheit.
Der Baron stellte sich auf in den Bügeln, richtete die Spitze seiner
Reitgerte auf ein graues Schieferdach, das zwischen dem Meierhofe und dem
letzten der kleinen Häuser sichtbar wurde, und sprach: »Da guckt's schon
heraus, dein Palais.«
Bertram riß den Hut vom Kopfe, schwenkte ihn in der Luft und jauchzte:
»Hoch Palais Vogelweid! Nein, nicht Palais, nicht Vogelweid, Haus.
Vogelhaus!«
»Gieb acht!« schrie Hugo. Hinter ihnen kam ein Reiter im Galopp
einhergesaust. Es war Hagen, der sie einholte, und vorüberjagte, ohne Notiz
von ihnen und dem Schrecken ihrer Pferde zu nehmen. Der Braune des
Freiherrn machte eine Lançade, die den Reiter aber kaum im Sattel hob. Mit
einer Mischung von Ärger und Stolz blickte er dem Sohne nach:
»Da reitet er wieder die Fohlenstute, was ihm streng verboten ist. Ich
hab's in meiner Jugend auch weit gebracht im Ungehorsam, aber so weit wie
der lange nicht. Und wie er oben sitzt, wie ein Schneider!« Bei diesen
Worten wendete er sich nach dem Freunde um, vermißte ihn aber auf seinem
früheren Platze. Der Sattel der Kuh war leer, sie begann eben gemüthlich zu
grasen, und jenseits von ihr auf der weichen Wiese, die beiden flachen
Hände auf den Boden gestemmt, saß Bertram und schien äußerst erstaunt.