X.

Am nächsten Morgen war Bertram fast so früh auf wie die Sonne und mit dem

Ankleiden fertig, als Simon kam, um ihm dabei behülflich zu sein.

»Sind schon lange wach, Herr Doktor, haben vielleicht nicht schlafen

können?« fragte der Alte und warf suchende Blicke umher, die den leicht

gereizten Bertram sofort ungeduldig machten.

»Sie suchen umsonst,« sagte er. »Das Gedicht liegt weder da noch da, noch

dort,« -- er deutete auf das Bett, den Nachttisch und die Badewanne. --

»Das Gedicht ist noch nicht gemacht. Sie müssen die Güte haben, zu warten,

bis ich nach Hause komme. Jetzt reit' ich fort.«

Simon erwiderte zugleich beschwichtigend und ermunternd: Eine ganze halbe

Stunde habe der Herr Doktor vor sich und müsse doch frühstücken;

aufgetragen sei schon. Wirklich hatte ein Diener den Tisch im Wohnzimmer

gedeckt und mit so guten Sachen besetzt, daß ihr bloßer Anblick jeden

gesunden Menschen erheitert hätte. Aber einer, der zum Dichten gepreßt

wird, den erheitert nichts, dem gefällt und schmeckt nichts. Bertram trank

eine Tasse vorzüglichen Thees und gedachte dabei recht mit Fleiß all des

Bösen, das »V. Vischer« diesem edlen Getränk nachgesagt hat. Es rächte

sich, wie's dem Edlen geziemt, es erfüllte seinen Ankläger mit wohligem

Behagen, klärte ihm den verträumten Geist und erweckte ihm die erlösende

Erinnerung an eine, ihrerzeit vielgerühmte Elegie auf den Tod eines

Professors, die er als Student gemacht hatte. Sie ließ sich für die jetzige

Gelegenheit adaptiren. Der Enthusiasmus, mit dem darin die Beliebtheit, die

Tugend und das Eheglück des Professors besungen wurden, sollte nun den

silbernen Hochzeitern zu Ehren noch einmal verwerthet werden. Man brauchte

nur jedes »deine« in ein »eure,« jedes »du warst« in ein »ihr seid« zu

verwandeln, den Kindersegen bedeutend zu vermindern und das ganze Opus aus

der wehmüthigen Moll- in eine freudige Cis-Durtonart zu transponiren.

Bertram wollte eben an die Arbeit gehen, als ihm gemeldet wurde, die Pferde

seien vorgeführt. Da nahm er seinen Hut und eilte so rasch hinab, als ob er

gefürchtet hätte, daß sie wieder davon laufen könnten.

Der Freund trat mit ihm zugleich vors Haus. Er kam aus dem Garten, wo er

seit einer Stunde schon Gebüsche ausgeschnitten und Gras geschoren hatte.

Sein Diener brachte eine Reitpeitsche, an der längst der Smiß fehlte, ein

paar große, uralte Handschuhe und Gamaschen, die aus der Haut eines

vorsintfluthlichen Thieres gemacht schienen. An den Füßen trug der Baron

ein paar starke, sehr abgenützte Schuhe, sein breiter Oberkörper war in

einen kurzen, grünen Rock eingepreßt, und auf dem Kopfe saß ihm ein

braunes, zerquetschtes Hütlein mit schmaler Krempe, unter dem rückwärts die

Glatze hervorguckte.

Im Nu war er im Sattel; für Bertram hatte das Aufsteigen einige

Schwierigkeit, und als die glücklich besiegt war und sein Pferd sich, ohne

eine Aufforderung dazu abzuwarten, in Trab setzte, befiel ihn ein

Schwindel, er wurde blaß und machte die kläglichste Figur.

»Was, Teufel, was hast?« fragte Hugo. »Sitz' grad', halt' dich nicht am

Zügel. Courage! Das Pferd ist ja gar kein Pferd, ist ja eine Kuh!«

Bertram hatte aber vier Jahre lang nicht einmal auf einer Kuh gesessen. Ihn

beseelten zwei heiße Wünsche: bald ankommen, und nicht vom Pferde fallen.

Die Freunde ritten im gemüthlichen Zotteltrab quer über die Wiese. Rechts

von ihnen lag schmuck und wohlgepflegt ein Musterwäldchen, links stieg der

Boden sachte auf, und die kleinen Anhöhen, hinter denen die Lepiden

blauten, waren von den schneeweiß getünchten Stationen eines

Kalvarienberges gekrönt. Vor den Reitern blinkte es manchmal wie Funken

auf, am hellen Horizonte. Die vergoldeten Kreuze auf den Kirchen und

Kirchthürmen der erzbischöflichen Stadt erglänzten im Morgensonnenschein.

Jenseits des Wassers erhoben sie sich, des klaren Gebirgsstromes, der seine

Umgebung verschönerte, befruchtete oder auch -- verheerte.

Bis zum Meierhof, dem der Freiherr und Bertram entgegenritten, war er aber

noch nie gedrungen. In respektvoller Entfernung von ihm aufgebaut, genoß

die stattliche Besitzung die Segnungen seiner Nachbarschaft, ohne von ihren

Gefahren bedroht zu werden.

Der Weg wurde schmaler, er führte jetzt durch eine Allee von Obstbäumen.

Hugo sah sich nach allen Seiten um, sah auch alles, kümmerte sich um alles,

nur nicht um sein Pferd. Mit dem war er wie verwachsen, der reine Centaur,

der dicke, alte Herr. Er ritt, wie ein anderer zu Fuß geht, lief mit vier

Beinen statt mit zweien, das war der Unterschied.

»Schau,« sagte er und deutete auf einen frischen, tiefen Hieb, der einem

jungen Apfelbaume offenbar mit der Axt beigebracht worden war. »Und schau,

da und da!« Eine ganze Reihe von Bäumen war so bis aufs Mark zerhauen.

»Dumme Verwüstung,« rief Bertram, »wer thut das? Und warum geschieht's?«

»Sagen wir aus Übermuth,« erwiderte Hugo achselzuckend, und der Freund

bewunderte seine Gelassenheit, sein geistiges, moralisches, und in diesem

Augenblick ganz besonders, und mit entschiedenem Neide, sein physisches

Gleichgewicht.

In der Nähe des Meierhofes befand sich eine kleine Ansiedlung. Eine Gruppe

von zehn Häusern. Jedes Haus hatte ein Gärtchen, und in jedem Gärtchen

standen Bäume, und alles war nett und sauber gehalten und machte den

Eindruck einer gewissen Wohlhabenheit.

Der Baron stellte sich auf in den Bügeln, richtete die Spitze seiner

Reitgerte auf ein graues Schieferdach, das zwischen dem Meierhofe und dem

letzten der kleinen Häuser sichtbar wurde, und sprach: »Da guckt's schon

heraus, dein Palais.«

Bertram riß den Hut vom Kopfe, schwenkte ihn in der Luft und jauchzte:

»Hoch Palais Vogelweid! Nein, nicht Palais, nicht Vogelweid, Haus.

Vogelhaus!«

»Gieb acht!« schrie Hugo. Hinter ihnen kam ein Reiter im Galopp

einhergesaust. Es war Hagen, der sie einholte, und vorüberjagte, ohne Notiz

von ihnen und dem Schrecken ihrer Pferde zu nehmen. Der Braune des

Freiherrn machte eine Lançade, die den Reiter aber kaum im Sattel hob. Mit

einer Mischung von Ärger und Stolz blickte er dem Sohne nach:

»Da reitet er wieder die Fohlenstute, was ihm streng verboten ist. Ich

hab's in meiner Jugend auch weit gebracht im Ungehorsam, aber so weit wie

der lange nicht. Und wie er oben sitzt, wie ein Schneider!« Bei diesen

Worten wendete er sich nach dem Freunde um, vermißte ihn aber auf seinem

früheren Platze. Der Sattel der Kuh war leer, sie begann eben gemüthlich zu

grasen, und jenseits von ihr auf der weichen Wiese, die beiden flachen

Hände auf den Boden gestemmt, saß Bertram und schien äußerst erstaunt.

Rittmeister Brand; Bertram Vogelweid Zwei Erzählungen · 第 45 / 68 题