Weißenberg hielt sein Pferd an und sagte: »O jeh!«

»Ja wohl,« erwiderte Bertram. »Wie Hagen so vorbeigewettert ist, da muß sie

erschrocken sein, die Kuh, und da hat sie sich geschüttelt.«

»Und da hat sie dich hinuntergeschüttelt. Macht nichts, steig' nur wieder

auf.«

»Um keinen Preis. Zu Fuß will ich mein zukünftiges Daheim betreten,

ehrerbietig wie Washington auf der Rückkehr von seinen Siegen sein

Mutterhaus betreten hat.« Er hing die Zügel seines Rosses über den Arm und

ging wohlgemuth neben Weißenberg, der sein Pferd in Schritt gesetzt hatte,

einher. »Das Glück trägt mich, was soll ich mich von einem Pferde tragen

lassen!«

Der kleine Besitz, den der Freiherr für Bertram gekauft hatte, bestand aus

sechzig Hektaren fast durchwegs besten Bodens und zwar aus vier Hektaren

Wald, zehn Wiesen, vier Weideland, der Rest Felder. Das Haus, von Grund auf

neu gebaut, hatte fünf Fenster Front im ersten Geschoß, und vier im

erhöhten Halbstock, je zwei neben dem Hausthor. Das war aus massivem

Eichenholz, fest und kunstvoll gefügt und mit einem so gediegenen Schlosse

und Klopfer und so schön gezeichneten Beschlägen aus blankem Schmiedeeisen

versehen, daß sein Anblick ein Genuß gewesen wäre, auch wenn es nicht den

Eingang zum Vogelhaus gebildet hätte. Steinerne Stufen führten zu ihm

hinauf, die kanellirten Säulchen, die den Abschluß des Geländers bildeten,

trugen Blumenvasen aus Thon, in denen großblätteriger Epheu wuchs und

gedieh. Das Haus stand dicht vor dem Wäldchen und mitten in dem kleinen

Garten, in dem schon allerlei Nutzpflanzen grünten, aber auch Blumen

blühten und dufteten. Hinter dem Drahtgitter, das den Garten umfriedete,

hoben junge Fichtenbäumchen die frischen, hellgrünen Köpfe aus der Erde und

waren bestimmt, in einigen Jahren einen üppigen lebenden Zaun zu bilden.

Je mehr die Freunde sich dem Vogelhause näherten, desto stiller war Bertram

geworden. Am Gitterpförtchen trat ihnen ein ältlicher, hagerer Mann in

abgetragener Kleidung entgegen. Sein echt slavisches Gesicht hatte einen

ernsten Ausdruck, seine breiten Hände schienen eben eine Tüncherarbeit

verrichtet zu haben, denn sie waren inwendig ganz weiß.

Der Freiherr stellte ihn vor: »Joseph Waniek, ein Prachtmensch. Man darf

das vor ihm sagen, es ist keine Schmeichelei, er weiß, was er werth ist. Er

wird deine Wirthschaft führen, solange du willst: er ist alles: Ökonom,

Gärtner, Maurer, Schlosser, Zimmermann.«

»Ich werde zu Ihnen in die Schule gehen, Herr Waniek,« sagte Bertram und

reichte ihm die Hand.

Waniek verbeugte sich höflich deprecirend, ergriff die Zügel der Pferde und

führte sie fort:

»Wohin? wohin geht er mit ihnen?«

»Nun -- in den Stall.«

Der neue Grundbesitzer brach in Entzücken aus: »Ich hab' einen Stall.«

schrie er. »Wo?« Er wollte davonstürzen, besann sich aber, wandte sich und

stürzte dem Freund an die Brust: »Wie soll ich dir danken?«

Der Baron wurde auf einmal kalt und ablehnend:

»Keinen Unsinn. Wofür? Daß ich dein Geld zweckmäßig (so hoff' ich

wenigstens) verwendet habe? Es hat mir Spaß gemacht. Du aber besinn' dich,

was du einst für mich gethan hast. Auf deinen Schultern durch die Schulen

getragen hast du mich, du, der viel Jüngere, mich, den ewigen Repetenten.

Himmel, Himmel, waren das Zeiten! Mein guter, alter Vater, der selbst

nichts gelernt hatte und das Lernen deshalb für eine so leichte Sache

hielt. 'Ich kränk' mich zu Tod', wenn du nicht lernst.' Und ich, der ihn

liebte, es ihm beweisen wollte und nicht konnte mit meinem Dickschädel,

der so empfänglich war für Gelehrsamkeit, wie eine Rübe für Magnetismus.«

»Thu' dir nicht Unrecht, Hugo,« versetzte Bertram und brach plötzlich in

Schluchzen aus. Bei dem Anblick kamen auch dem Baron die Thränen in die

Augen, er zog sein Taschentuch hervor und schneuzte sich kräftig: »So,

fertig,« sprach er. »Jetzt wollen wir deinen Grundbesitz in Augenschein

nehmen.« Sie traten ins Haus, durchwanderten seine wohnlichen, aber noch

spärlich eingerichteten Räume, begaben sich dann in den Stall, in dem vier

stattliche Kühe und zwei tüchtige Gäule standen. In einem kleineren Stalle

waren einige Schafe untergebracht, und im Schweinekoben hörte man's

vergnüglich grunzen.

»Borstenvieh hab' ich auch!« jubelte Bertram. Dem Freiherrn wurde bange um

ihn. Während er sein Grundeigenthum beschritt, wechselten seine Stimmungen

mit unheimlicher Schnelligkeit. Aus überwallender Freude verfiel er in

tiefste Muthlosigkeit und rief händeringend:

»Ich bin Moses! Ich sehe das Land der Verheißung, aber in Besitz nehmen

werde ich es nicht, erleb's nicht. Ein solches Glück erlebt man nicht. Des

Lebens ungemischte Freude ...«

»Nur vor der keine Angst,« unterbrach ihn Hugo. »Die Mischung findet sich.

Für die Sorgen des Landwirths ist gesorgt.«

Sie kamen zu einem Weizenfelde, wo eben geschnitten wurde; sechs Schnitter

waren dabei beschäftigt, das heißt, zwei mähten, zwei schliffen ihre Sensen

und schnupften dazwischen mit großer Umständlichkeit, zwei tranken

Branntwein.

»Schau dir den Weizen gut an,« sagte der Freiherr. »Für den rechne ich auf

den ersten Preis bei der landwirtschaftlichen Ausstellung.«

Er nahm eine Hand voll Ähren, zerrieb sie in den Händen, blies die Spreu

hinweg, und hielt Bertram die schweren, goldgelben Körnlein hin: »Das ist

eine Pracht.«

»Wenn ich nur davon etwas verstände! Ich verstehe aber nichts, ich sehe

auch nichts, mit mir dreht sich alles im Kreise. Ich kann nicht mit dir

fort, kann mich von Vogelhaus noch nicht trennen. Gehe du deinen Geschäften

nach und laß mich da. Ich will arbeiten, mich physisch ermüden, meinen

Grund und Boden mit meinem Schweiße düngen. Sage diesen guten Leuten, einer

von ihnen möge mir seine Sense überlassen. Sage ihnen, daß ich Mühe und

Plage und auch ihr Mittagessen mit ihnen theilen werde, gegen Bezahlung

natürlich.«

»Da kriegst du in Branntwein aufgeweichtes Brot und Hutzeln mit Gries

gekocht. Und was die Bezahlung betrifft -- bei Sacher ist's billiger. Aber

wie du willst.«

Er trat an die Schnitter heran und theilte ihnen, selbstverständlich in

slavischer Sprache, mit, daß Herr Vogel, ihr Arbeitgeber, beabsichtige,

beim Mähen mitzuhelfen. Einige lachten, die anderen trugen eine hochmüthige

Theilnahmslosigkeit zur Schau. Ein einziger, ein alter, großer, schöner

Mann nahm den Hut ab, und begrüßte Bertram mit einem deutschen: »Küß' die

Hand.«

»Ihr zwei könnt euch zur Noth verständigen,« sprach Weißenberg, ermahnte

den Freund, ja nicht zu spät zum Souper zu kommen, und verabschiedete sich.

Bertram hatte den Rock abgelegt, die Sense ergriffen und war bald in voller

Thätigkeit. Er wollte den Leuten, die ihre Arbeit mit erstaunlicher

Schläfrigkeit verrichteten, zeigen, wie ganz anders ein gebildeter Mensch

die Sache angreift. Aber nur zu bald mußte er in seinem Eifer nachlassen

und sah ein, in dem Tempo, das er angeschlagen hatte, könne es nicht lange

weitergehen.

Seine Sense war stumpf geworden, er ersuchte in der Zeichensprache seinen

Nebenmann um den Schleifstein, wetzte und wetzte, die Sense wollte nicht

scharf werden. Schleifen konnte er nicht. Bisher hatten die Arbeiter ihn

ganz unbeachtet gelassen, jetzt wurden sie alle auf einmal auf ihn

aufmerksam und hatten ihre helle Freude an seiner Ungeschicklichkeit. Der

Nachbar nahm Bertram endlich das Werkzeug aus der Hand, war mit dem

Schärfen gleich fertig, streckte aber auch sofort die Rechte aus und sprach

höflich: »Trinkgeld.« Dieses deutsche Wort schien ihm geläufig. Großes

Gelächter erhob sich, Bertram stimmte ein und spendete dem Taglöhner für

den geringen Dienst einen blanken Silbergulden. Der Beschenkte steckte ihn

hastig in eine Tasche seines zerrissenen Rockes und zog aus der andern ein

Fläschchen hervor. Es war in ein schmutziges Tuch gewickelt und mit einer

trüben, dicklichen Flüssigkeit gefüllt. Der Arbeiter entkorkte es und hielt

es Bertram hin. Dem graute, aber um keinen Preis hätte er das

kameradschaftliche Anerbieten zurückgewiesen. Er dachte an Neshdanow in

Turgeniews Neuland und wollte stärker sein als der russische Held. Heroisch

setzte er die Flasche an und that einen kräftigen Schluck. Es war gräßlich.

Der Hals brannte, ein fast unüberwindlicher Ekel ergriff ihn. Er machte

sich rasch wieder an die Arbeit und kehrte den Leuten den Rücken zu. Sie

sollten sein Gesicht nicht sehen, oder vielmehr die Gesichter, die er

unwillkürlich schnitt. Aber bald drohte die Müdigkeit ihn zu überwältigen,

seine Arme schmerzten, in kleinen Bächen floß der Schweiß ihm über den

Leib, und jetzt mußte er wieder an Tolstois Ljoisin denken und ärgerte

sich, daß er sogar beim Taglöhnern nicht herauskam aus der Litteratur. Nur

noch ehrenhalber führte er die Sense und nahm sich vor, das nächste Mal die

Arbeit mit geringerem Feuereifer zu beginnen, um länger bei ihr aushalten

zu können. Gemächlich muß arbeiten, wer den ganzen Tag arbeiten soll.

Bertram war zufrieden, als der alte Schnitter auf ihn zuschritt, und ihm

lächelnd seine Sense aus der Hand nahm. Nun sah er zu, und es war ein

völlig grandioser Anblick, wie der Greis im gleichmäßigen, weitausholenden

Schwung, einen großen Halbkreis mit seinem Werkzeug beschrieb und jedesmal

einen Arm voll Halme vom Boden wegrasirte, daß sie hinsanken, so

bereitwillig, als ob es ihnen ein wahres Vergnügen wäre. Ihre goldenen,

bärtigen Köpfchen, die eben noch zum strahlenden Blau des Himmels

hinausgeschaut hatten, ruhten jetzt wohlig und sanft an der Brust der alten

Mutter Erde.

Rittmeister Brand; Bertram Vogelweid Zwei Erzählungen · 第 46 / 68 题