IX.

Mit dem Schlage zehn Uhr wünschte Hugo den Seinen eine gute Nacht und

forderte den Freund auf, auch zu Bette zu gehen: »Morgen in aller

Gottesfrüh reiten wir. Nimm dir Zeit, auszuschlafen.«

Bertram stand rasch auf. Sich Zeit nehmen können, ausschlafen können -- das

war ihm all die Tage als Inbegriff der Seligkeit erschienen. Er empfahl

sich und folgte dem Hausherrn nach, der ihn an der Thür erwartete. Sie

traten in den hell erleuchteten Gang hinaus:

»Du gehst rechts, ich gehe links,« sagte Weißenberg. »Begleite dich nicht,

will dir gestehen, ich dusele schon. Morgen also pünktlich ... Aber,«

unterbrach er sich, »was hast du denn? Bist roth geworden wie mein

Sieglinderl.«

»Gute Nacht, du Guter,« erwiderte Bertram, und der Freiherr gab sich mit

der Antwort zufrieden und segelte schlaftrunken seinen Gemächern zu.

Was hast du? hatte er den armen Bertram gefragt. Daß er sich reif fühlte,

aus dem Hause geworfen zu werden, oder sich selbst hinauswerfen zu müssen,

das hatte er. Als er eben auf die Baronin zugegangen, um ihr die Hand zu

küssen, war sie aufgestanden, ihm entgegengeschritten und hatte ihm

zugeraunt:

»Ich muß Sie sprechen, Sie wissen.«

Und sie war dabei unaussprechlich bewegt gewesen. Wie durfte sie sich

erlauben, bewegt zu sein? Donner und Doria! war's nicht genug, daß seine

elenden »Überblicke« ihr Interesse für Litteratur erweckt hatten, sollten

seine verdammten Romane einen noch viel ärgern Schaden angerichtet haben?

Schwärmereien für Künstler, für Schriftsteller, auf ein Bildwerk, ein Buch

hin, kommen vor bei den edelsten Frauen, ja sogar nur bei denen. Geburten

der Phantasie, nichts anderes; aber so eine sechsunddreißigjährige

Phantasie ist zäh, giebt ihre Geburten nicht leicht wieder her ... Wenn es

wäre, wenn er unschuldig schuldig, ahnungslos zum Verräther am Freunde

geworden wäre, dann bleibt ihm nichts übrig, als sein Ränzel packen und --

entfliehen. Dann ist ihm der Boden unter den Füßen weggerissen, sein eigner

Grund und Boden, bevor er ihn noch betreten hat.

Von den schmerzlichsten Gedanken gequält, ging er weiter. Sein Weg führte

an der Thür des Kammerjungferzimmers vorbei, sie war nur angelehnt, er

hörte dahinter kichern und wispern, fast schien es, als ob ihm dort

aufgelauert würde. Wenn er in Palermo wäre, könnte er an einige von Hugo

gemiethete Banditen denken. Plötzlich stürzte jemand aus dem Zimmer, aber

es war kein hagerer Bandit, sondern eine kleine, dicke Person (in diesem

Hause wurden die meisten dick), und wie mit tollkühnem Entschluß auf

Bertram zu. Ebenso plötzlich gurgelte sie ein seltsames Gemisch von

Angstgeschrei und Gelächter hervor und rannte wieder in das Zimmer zurück,

wo das Gekicher und Gewisper sich in verstärktem Maße erneuerte.

Die hat sicher gemeint, ihren Liebhaber kommen zu hören und ist jetzt

enttäuscht, nur mich getroffen zu haben, sagte sich Bertram, bog um die

Ecke des Ganges und betrat seine Wohnung.

O Behaglichkeit, was für eine schöne Sache bist du! Wie wohl ist einem da

zu Muthe, wo du herrschest! In diesen hohen, geräumigen Stuben genießt man

dich, man athmet dich ein. Beide Flügel der Schlafzimmerthür sind geöffnet,

das große, herrliche Bett ist zur Nachtruhe sorglich hergerichtet, die

schneeweißen Polster, die seidene Decke verbreiten einen zarten Lavendel-

und Veilchenduft und schimmern im matten Scheine zweier, von einem

Lichtschirme beschatteten Kerzen. Im Wohnzimmer aber, auf dem runden

Tische, brennt eine stolze Bronzelampe, so hell, wie Lampen nur in ganz

gut geführten Häusern brennen. Unter der Lampe liegt ein unheimliches Ding,

ein Manuskript in Folio, mit zahlreichen Tinten- und Fettflecken, mit

umgebogenen, abgestoßenen Ecken -- Hagens Novelle. Bertram gruselte es, er

wandte sich rasch um und stand vor Simon, der ihm auf dem Fuße gefolgt war.

Der Alte wollte sich dem Herrn Doktor durchaus nützlich machen beim

Auskleiden und war trotz alles Protestirens nicht wegzubringen. Bertram

täuschte sich nicht über den Grund dieses hartnäckigen Diensteifers.

»Sie wollen etwas von mir, ich weiß ja,« sagte er ärgerlich, »kommen Sie

nur heraus mit der Sprache.«

So aufgemuntert trug Simon sein Anliegen, das der sämmtlichen Dienerschaft

und auch der Beamten, vor. Die Sache war die. In acht Tagen feiert der Herr

Verwalter seine silberne Hochzeit. Der Herr Verwalter hat zwei Töchter, von

denen jede »etwas aufsagen« soll. Die eine etwas Böhmisches, und daran

lernt sie schon auswendig, der Herr Meisenmann hat's gemacht. Aber die

Bevölkerung von Obositz besteht auch aus deutschen Gemeinden, und der Herr

Baron und der Herr Verwalter sind für Gleichberechtigung der

Nationalitäten. So braucht man denn für die zweite Tochter eine deutsche

Ansprache. Herr Meisenmann hat auch die machen wollen, aber alle Leute

haben gesagt: Gott bewahre! Wenn der Herr Doktor da sind, wird man doch von

keinem anderen ein Gedicht machen lassen, das wäre ja eine Beleidigung.

»Beleidigung!« Bertram donnerte den Alten an, daß er vor ihm zurückwich.

»Glauben Sie, daß ich hierher gekommen bin, um Gedichte zu silbernen

Hochzeiten zu machen? Sie sind nicht gescheit, Simon.«

»Jekerle, bitte,« sprach Simon kleinlaut, »die Frauenzimmer haben mich

anstiftet, ich soll dem Herrn Doktor sagen. Die Frauenzimmer haben dem

Herrn Doktor selbst sagen wollen, aber nicht können, haben nicht

herausbracht. Die Köchin, die ist die Schwester der Frau Verwalterin, und

die Kammerjungfer, die eine Cousine der Köchin ist ...«

»Könnten Sie mir die Verwandtschaften nicht aufschreiben?« fragte Bertram

grimmig.

Simon, einmal im Zuge, ließ sich nicht irre machen. Die Köchin, die das

beste Mundstück hat, erzählte er weiter, hat dem Herrn Doktor aufgepaßt bei

der Kammerjungfer, und wie er vorübergeht, ist sie herausgeschossen und auf

ihn zu. Wie sie ihm aber in die Nähe kommt, verliert sie die Kourage und

ist wieder hineingeschossen, sie fürchtet sogar -- mit Geschrei. Und jetzt

schämt sie sich und hat schon geweint und schwört bei allen Heiligen, daß

sie sich lieber die Zunge abbeißen, als den Herrn Doktor je wieder

ansprechen wird.

Bertram erklärte schon sehr aufgeregt: »Einen gescheiteren Entschluß hätte

sie nicht fassen können.«

Das kränkte den Alten, und er fragte mit großer Bitterkeit, wie es jetzt

aussehen werde mit der Gleichberechtigung? Die Landsleute des Herrn Doktors

hätten ihm eine Ehre erweisen wollen und nicht erwartet, daß er sie zum

Dank dafür ganz und gar von der Gnade des Herrn Meisenmann abhängig machen

werde.

Bertram erwiderte: »Meine Landsleute sind die Mährer ebenso gut wie die

Deutschen. Ich bin ein Österreicher, ich habe ein Vater- und ein

Mutterland, und wenn Sie glauben, daß ich hierher gekommen bin, um Öl ins

Feuer der ehelichen Zwistigkeiten meiner Elternländer zu gießen, sind Sie

auf dem Holzwege.« Er wurde heftig, er verstieg sich derart ins Maßlose,

daß er sich vorkam wie eine Feuerwerksrakete, die mit lächerlichem

Spektakel in die Höhe fährt, um dort oben gar nichts auszurichten. Das sind

die Nerven, dachte er und war auch schon voll Reue, und Simon that ihm

leid, der, völlig geknickt, kein Wort von allen, die Bertram

hervorsprudelte, verstand, sich aber von jedem im Innersten und Heiligsten

beleidigt fühlte. Er nahm sich vor, es genau so zu machen, wie die Köchin

und den Herrn Doktor nie mehr um etwas anzusprechen. Mit diesem Entschlusse

wollte er das Zimmer verlassen.

Aber der stille Kampf Bertrams war ausgekämpft, und er holte Simon zurück:

»Sie unbarmherziger Mensch, verfallen Sie nicht in Stummheit, das ist mir

schrecklich. Ich gebe nach, ich will den Kelch leeren, den ihr Giftmischer

mir zum Willkommsgruß -- na! Ich mache euch das Gedicht. Schon gut,«

lehnte er die Dankesbezeugungen ab, in die Simon ausbrechen wollte. »Aber

Daten brauche ich,« rief er, »geben Sie mir ein paar Daten.«

»Wie meinen?«

»Ich meine, daß ich etwas wissen muß von Ihrem Herrn Verwalter, wenn ich

ihn ansingen soll. Also goldene Hochzeit, sagen Sie?«

»Silberne, bitte, Herr Doktor.«

»Ganz recht, ich habe mich nur versprochen. Und allgemein beliebt ist er?«

»O, und wie, bei alle braven Leut'! Schlechte giebt freilich auch.«

»Für die schlechten dichten wir nicht, Simon. Also« -- er gähnte. Wie ein

Gewappneter kam der Schlaf über ihn; er begann seine Kleider abzulegen und

ließ sich dabei Simons Dienste gefallen: »Und sagen Sie mir noch -- ist er

verheirathet?«

»Jekerle, Herr Doktor, wenn er silberne Hochzeit hat!«

»Und Kinder hat er auch?«

»Aber bitte, ja, die zwei Töchter, bitte, die aufsagen sollen.«

Sie waren während dieses Zwiegespräches aus dem Wohn- ins Schlafzimmer und

bis ans Bett gelangt. Simon betreute den Gast wie eine Mutter ihre Tochter,

die morgen debutiren soll, zog, als er sich auf dem köstlichen Lager

ausstreckte, die Decke über ihn und löschte die Lichter. Bertram sah ihn

noch die Lampe vom Tisch nehmen und hörte ihn die Thür schließen. Dann war

alles dunkel und still.

Nach einer Weile lag er aber nicht mehr im Bette, sondern stand auf der

Wiese, hatte grüne Arme, einen blauen Helm auf dem Kopf, einen Apfel in der

Hand und war ein Rittersporn und zugleich Paris und sollte den Preis der

Schönheit ertheilen. Eine Theerose, eine dicke Gretl in der Staude, und

eine Wunderblume, dergleichen er nie erschaut hatte, bewarben sich darum.

Er wußte wohl: die Theerose ist die Dame aus dem Coupé, und die Gretl in

der Staude seine zu gnädige Hausfrau. Wer aber ist die Wunderblume? Und ist

sie schön? _Das_ wußte er nicht, er konnte sie nicht einmal deutlich sehen,

so nahe sie ihm auch stand. Dennoch trat er auf sie zu und reichte ihr den

Preis. Der war aber kein Apfel mehr, sondern eine Goldfeder von Morton in

New-York und schrieb mit silbernen Lettern einen Hochzeitscarmen.

Rittmeister Brand; Bertram Vogelweid Zwei Erzählungen · 第 44 / 68 题