Mit dem Schlage zehn Uhr wünschte Hugo den Seinen eine gute Nacht und
forderte den Freund auf, auch zu Bette zu gehen: »Morgen in aller
Gottesfrüh reiten wir. Nimm dir Zeit, auszuschlafen.«
Bertram stand rasch auf. Sich Zeit nehmen können, ausschlafen können -- das
war ihm all die Tage als Inbegriff der Seligkeit erschienen. Er empfahl
sich und folgte dem Hausherrn nach, der ihn an der Thür erwartete. Sie
traten in den hell erleuchteten Gang hinaus:
»Du gehst rechts, ich gehe links,« sagte Weißenberg. »Begleite dich nicht,
will dir gestehen, ich dusele schon. Morgen also pünktlich ... Aber,«
unterbrach er sich, »was hast du denn? Bist roth geworden wie mein
Sieglinderl.«
»Gute Nacht, du Guter,« erwiderte Bertram, und der Freiherr gab sich mit
der Antwort zufrieden und segelte schlaftrunken seinen Gemächern zu.
Was hast du? hatte er den armen Bertram gefragt. Daß er sich reif fühlte,
aus dem Hause geworfen zu werden, oder sich selbst hinauswerfen zu müssen,
das hatte er. Als er eben auf die Baronin zugegangen, um ihr die Hand zu
küssen, war sie aufgestanden, ihm entgegengeschritten und hatte ihm
zugeraunt:
»Ich muß Sie sprechen, Sie wissen.«
Und sie war dabei unaussprechlich bewegt gewesen. Wie durfte sie sich
erlauben, bewegt zu sein? Donner und Doria! war's nicht genug, daß seine
elenden »Überblicke« ihr Interesse für Litteratur erweckt hatten, sollten
seine verdammten Romane einen noch viel ärgern Schaden angerichtet haben?
Schwärmereien für Künstler, für Schriftsteller, auf ein Bildwerk, ein Buch
hin, kommen vor bei den edelsten Frauen, ja sogar nur bei denen. Geburten
der Phantasie, nichts anderes; aber so eine sechsunddreißigjährige
Phantasie ist zäh, giebt ihre Geburten nicht leicht wieder her ... Wenn es
wäre, wenn er unschuldig schuldig, ahnungslos zum Verräther am Freunde
geworden wäre, dann bleibt ihm nichts übrig, als sein Ränzel packen und --
entfliehen. Dann ist ihm der Boden unter den Füßen weggerissen, sein eigner
Grund und Boden, bevor er ihn noch betreten hat.
Von den schmerzlichsten Gedanken gequält, ging er weiter. Sein Weg führte
an der Thür des Kammerjungferzimmers vorbei, sie war nur angelehnt, er
hörte dahinter kichern und wispern, fast schien es, als ob ihm dort
aufgelauert würde. Wenn er in Palermo wäre, könnte er an einige von Hugo
gemiethete Banditen denken. Plötzlich stürzte jemand aus dem Zimmer, aber
es war kein hagerer Bandit, sondern eine kleine, dicke Person (in diesem
Hause wurden die meisten dick), und wie mit tollkühnem Entschluß auf
Bertram zu. Ebenso plötzlich gurgelte sie ein seltsames Gemisch von
Angstgeschrei und Gelächter hervor und rannte wieder in das Zimmer zurück,
wo das Gekicher und Gewisper sich in verstärktem Maße erneuerte.
Die hat sicher gemeint, ihren Liebhaber kommen zu hören und ist jetzt
enttäuscht, nur mich getroffen zu haben, sagte sich Bertram, bog um die
Ecke des Ganges und betrat seine Wohnung.
O Behaglichkeit, was für eine schöne Sache bist du! Wie wohl ist einem da
zu Muthe, wo du herrschest! In diesen hohen, geräumigen Stuben genießt man
dich, man athmet dich ein. Beide Flügel der Schlafzimmerthür sind geöffnet,
das große, herrliche Bett ist zur Nachtruhe sorglich hergerichtet, die
schneeweißen Polster, die seidene Decke verbreiten einen zarten Lavendel-
und Veilchenduft und schimmern im matten Scheine zweier, von einem
Lichtschirme beschatteten Kerzen. Im Wohnzimmer aber, auf dem runden
Tische, brennt eine stolze Bronzelampe, so hell, wie Lampen nur in ganz
gut geführten Häusern brennen. Unter der Lampe liegt ein unheimliches Ding,
ein Manuskript in Folio, mit zahlreichen Tinten- und Fettflecken, mit
umgebogenen, abgestoßenen Ecken -- Hagens Novelle. Bertram gruselte es, er
wandte sich rasch um und stand vor Simon, der ihm auf dem Fuße gefolgt war.
Der Alte wollte sich dem Herrn Doktor durchaus nützlich machen beim
Auskleiden und war trotz alles Protestirens nicht wegzubringen. Bertram
täuschte sich nicht über den Grund dieses hartnäckigen Diensteifers.
»Sie wollen etwas von mir, ich weiß ja,« sagte er ärgerlich, »kommen Sie
nur heraus mit der Sprache.«
So aufgemuntert trug Simon sein Anliegen, das der sämmtlichen Dienerschaft
und auch der Beamten, vor. Die Sache war die. In acht Tagen feiert der Herr
Verwalter seine silberne Hochzeit. Der Herr Verwalter hat zwei Töchter, von
denen jede »etwas aufsagen« soll. Die eine etwas Böhmisches, und daran
lernt sie schon auswendig, der Herr Meisenmann hat's gemacht. Aber die
Bevölkerung von Obositz besteht auch aus deutschen Gemeinden, und der Herr
Baron und der Herr Verwalter sind für Gleichberechtigung der
Nationalitäten. So braucht man denn für die zweite Tochter eine deutsche
Ansprache. Herr Meisenmann hat auch die machen wollen, aber alle Leute
haben gesagt: Gott bewahre! Wenn der Herr Doktor da sind, wird man doch von
keinem anderen ein Gedicht machen lassen, das wäre ja eine Beleidigung.
»Beleidigung!« Bertram donnerte den Alten an, daß er vor ihm zurückwich.
»Glauben Sie, daß ich hierher gekommen bin, um Gedichte zu silbernen
Hochzeiten zu machen? Sie sind nicht gescheit, Simon.«
»Jekerle, bitte,« sprach Simon kleinlaut, »die Frauenzimmer haben mich
anstiftet, ich soll dem Herrn Doktor sagen. Die Frauenzimmer haben dem
Herrn Doktor selbst sagen wollen, aber nicht können, haben nicht
herausbracht. Die Köchin, die ist die Schwester der Frau Verwalterin, und
die Kammerjungfer, die eine Cousine der Köchin ist ...«
»Könnten Sie mir die Verwandtschaften nicht aufschreiben?« fragte Bertram
grimmig.
Simon, einmal im Zuge, ließ sich nicht irre machen. Die Köchin, die das
beste Mundstück hat, erzählte er weiter, hat dem Herrn Doktor aufgepaßt bei
der Kammerjungfer, und wie er vorübergeht, ist sie herausgeschossen und auf
ihn zu. Wie sie ihm aber in die Nähe kommt, verliert sie die Kourage und
ist wieder hineingeschossen, sie fürchtet sogar -- mit Geschrei. Und jetzt
schämt sie sich und hat schon geweint und schwört bei allen Heiligen, daß
sie sich lieber die Zunge abbeißen, als den Herrn Doktor je wieder
ansprechen wird.
Bertram erklärte schon sehr aufgeregt: »Einen gescheiteren Entschluß hätte
sie nicht fassen können.«
Das kränkte den Alten, und er fragte mit großer Bitterkeit, wie es jetzt
aussehen werde mit der Gleichberechtigung? Die Landsleute des Herrn Doktors
hätten ihm eine Ehre erweisen wollen und nicht erwartet, daß er sie zum
Dank dafür ganz und gar von der Gnade des Herrn Meisenmann abhängig machen
werde.
Bertram erwiderte: »Meine Landsleute sind die Mährer ebenso gut wie die
Deutschen. Ich bin ein Österreicher, ich habe ein Vater- und ein
Mutterland, und wenn Sie glauben, daß ich hierher gekommen bin, um Öl ins
Feuer der ehelichen Zwistigkeiten meiner Elternländer zu gießen, sind Sie
auf dem Holzwege.« Er wurde heftig, er verstieg sich derart ins Maßlose,
daß er sich vorkam wie eine Feuerwerksrakete, die mit lächerlichem
Spektakel in die Höhe fährt, um dort oben gar nichts auszurichten. Das sind
die Nerven, dachte er und war auch schon voll Reue, und Simon that ihm
leid, der, völlig geknickt, kein Wort von allen, die Bertram
hervorsprudelte, verstand, sich aber von jedem im Innersten und Heiligsten
beleidigt fühlte. Er nahm sich vor, es genau so zu machen, wie die Köchin
und den Herrn Doktor nie mehr um etwas anzusprechen. Mit diesem Entschlusse
wollte er das Zimmer verlassen.
Aber der stille Kampf Bertrams war ausgekämpft, und er holte Simon zurück:
»Sie unbarmherziger Mensch, verfallen Sie nicht in Stummheit, das ist mir
schrecklich. Ich gebe nach, ich will den Kelch leeren, den ihr Giftmischer
mir zum Willkommsgruß -- na! Ich mache euch das Gedicht. Schon gut,«
lehnte er die Dankesbezeugungen ab, in die Simon ausbrechen wollte. »Aber
Daten brauche ich,« rief er, »geben Sie mir ein paar Daten.«
»Wie meinen?«
»Ich meine, daß ich etwas wissen muß von Ihrem Herrn Verwalter, wenn ich
ihn ansingen soll. Also goldene Hochzeit, sagen Sie?«
»Silberne, bitte, Herr Doktor.«
»Ganz recht, ich habe mich nur versprochen. Und allgemein beliebt ist er?«
»O, und wie, bei alle braven Leut'! Schlechte giebt freilich auch.«
»Für die schlechten dichten wir nicht, Simon. Also« -- er gähnte. Wie ein
Gewappneter kam der Schlaf über ihn; er begann seine Kleider abzulegen und
ließ sich dabei Simons Dienste gefallen: »Und sagen Sie mir noch -- ist er
verheirathet?«
»Jekerle, Herr Doktor, wenn er silberne Hochzeit hat!«
»Und Kinder hat er auch?«
»Aber bitte, ja, die zwei Töchter, bitte, die aufsagen sollen.«
Sie waren während dieses Zwiegespräches aus dem Wohn- ins Schlafzimmer und
bis ans Bett gelangt. Simon betreute den Gast wie eine Mutter ihre Tochter,
die morgen debutiren soll, zog, als er sich auf dem köstlichen Lager
ausstreckte, die Decke über ihn und löschte die Lichter. Bertram sah ihn
noch die Lampe vom Tisch nehmen und hörte ihn die Thür schließen. Dann war
alles dunkel und still.
Nach einer Weile lag er aber nicht mehr im Bette, sondern stand auf der
Wiese, hatte grüne Arme, einen blauen Helm auf dem Kopf, einen Apfel in der
Hand und war ein Rittersporn und zugleich Paris und sollte den Preis der
Schönheit ertheilen. Eine Theerose, eine dicke Gretl in der Staude, und
eine Wunderblume, dergleichen er nie erschaut hatte, bewarben sich darum.
Er wußte wohl: die Theerose ist die Dame aus dem Coupé, und die Gretl in
der Staude seine zu gnädige Hausfrau. Wer aber ist die Wunderblume? Und ist
sie schön? _Das_ wußte er nicht, er konnte sie nicht einmal deutlich sehen,
so nahe sie ihm auch stand. Dennoch trat er auf sie zu und reichte ihr den
Preis. Der war aber kein Apfel mehr, sondern eine Goldfeder von Morton in
New-York und schrieb mit silbernen Lettern einen Hochzeitscarmen.