Die Pflege seines Gartens, das war die Erholung Weißenbergs, seine
Liebhaberei. Er betrieb sie mit Kunst, mit Wissenschaft und mit
Berücksichtigung der Mode, wenn sie nicht gegen ein Schönheitsgesetz
verstieß: »Denn das giebt's! ich glaube dran,« sagte er. »Ich lasse mich
auslachen von meinem Buben und glaube an ewige Schönheitsgesetze.«
Er machte Bertram auf jede der Neuerungen aufmerksam, die er in den letzten
Jahren vorgenommen hatte. Keine flachen Wiesen mehr, alle künstlich
gewellt, wie sie vielleicht von Natur aus gewesen waren, bevor man sie, um
den Garten anzulegen, »planirt« hatte. Anmuthige Hebungen und Senkungen,
Hügel und Mulden, bewachsen mit dichtem, feinem Grase. Die Baumgruppen,
nach den verschiedenen Farben des Laubes mit gutem Bedacht gepflanzt, sahen
aus wie malerisch angeordnete Riesenbouquets.
»Erinnerst du dich des Perrückenstrauches, der bei den Pyramideneichen
gestanden hat? Das war fad. Wir haben Blutbuchen hingestellt, kommen
prächtig, machen sich besser -- was meinst du?« Weißenberg mußte sich
umwenden, wenn er mit Bertram sprechen wollte, und der mußte ihm die
Antwort zuschreien, denn Hagen hielt ihn fortwährend zurück und brummte:
»Laß die Alten vorausgehen. Ich hab' Dir etwas zu sagen.«
Auch du mein Sohn? Nun, wenn der Bursche mir sein Vertrauen schenkt, ist
die Gelegenheit da, auf ihn einzuwirken, wie seine Eltern wünschen, dachte
Bertram, und als Hugo sich wieder umsah, machte er ihm ein Zeichen. Der
Freund verstand ihn sogleich, winkte freudig zustimmend und rief:
»Schau dir den Garten nur recht gemächlich an. Wir treffen uns dann bei der
Fischerhütte.«
Der Vater und die Mutter schlugen einen Sturmschritt ein, um den Liebling
so geschwind als möglich von ihrer unerwünschten Gegenwart zu befreien.
»Was die schlau sind, wie fein sie alles machen!« spöttelte Hagen. »Davon
merk' ich nichts, meinen sie, daß du auf mich dressirt worden bist und
jetzt losgehen und mir ins Gewissen reden sollst. Für einen solchen Esel
halten sie mich. Ich sag' dir aber gleich: Spar' deine Mühe. Ich bin kein
Moraltrottel, ich bin ein überzeugter Nietzscheaner, stehe jenseits von Gut
und Böse, und wer mir ins Gewissen spricht, spricht zu etwas, das nicht
existirt.«
Bertram lachte: »O Nietzsche! großer Krankheitserreger! Welch ein
Bacillengezücht hast du in diesem Jünglingsgemüthe ins Leben gerufen!«
Er sah den Burschen von der Seite an, der neben ihm dahinschritt, mit
verdrießlich aufgeworfenen Lippen, die Nase in die Höhe gehoben, die
Augenbrauen zusammengezogen, die Hände in den Taschen seiner Jacke
vergraben. Ein Jüngling ohne Jugend, mürrischer Hochmuth die Krankheit, die
an ihm zehrte, und den beständig Verletzten in beständiger Aufregung
erhielt.
»Auf dem Gewissen kannst Du also nichts haben,« sagte Bertram, »aber du
hast etwas auf dem Herzen. Sprich dich aus, ich höre.«
»Auf dem Herzen ist auch wieder zu viel,« erwiderte Hagen nachlässig. »Ich
will dir einfach anzeigen, daß ich eine Novelle geschrieben habe.«
»Novelle? Geschrieben?« Bertrams Ton wurde plötzlich dräuend.
»Du wirst das Manuskript auf deinem Zimmer finden. Du kannst es lesen. Du
kannst es drucken lassen.«
Bertram schnaubte ihn an: »Ich werde von deiner Erlaubniß keinen Gebrauch
machen; ich bin nicht hierher gekommen um zu lesen, sondern um vom Lesen
auszuruhen. Wie oft werde ich das noch wiederholen müssen! -- Daß du
schreibst,« er maß den Jüngling von oben bis unten, »hätte ich mir denken
können. In Eurem Städtlein erscheint ein Blättchen, war einmal ehrsam, ist
jetzt ein Schandblättchen, das von frechen Bübchen herausgegeben wird. Da
mußt du ja Mitarbeiter sein.«
Beide waren stehen geblieben. Auf Hagens wuthverzerrtem Gesicht bildeten
sich grünliche Schatten; seine Augen schwammen in unheimlich
phosphorescirendem Lichte: »Bübchen! Bübchen ... Satisfaktion!« keuchte er,
seine Glieder zuckten konvulsivisch, er wankte und schien im Begriffe
niederzustürzen. Bertram sah schon eine Wiederholung des Auftritts voraus,
den Weißenberg ihm eben geschildert hatte; er empfand einen großen Ekel vor
dieser Ohnmacht, die es nicht einmal zu einem tüchtigen Zornesausbruche
bringen konnte, und zugleich bereute er, den Rangen so schwer gereizt zu
haben.
»Beruhige dich, Hagen,« sagte er. »Ich bin ein nervöser Mensch, den gewisse
Worte, zum Beispiel: 'Novelle,' 'Manuskript,' 'drucken lassen,' außer Rand
und Band bringen. Nun hab' ich mich wieder im Zaume. Mache mir's nach,
Selbstbeherrschung, mein Lieber! Wenn ich dir sage, ich bedauere, dich
geärgert zu haben, ist dir das Satisfaktion genug?«
Hagen hatte sich leidlich gesammelt. Ohne den Kopf nach Bertram zu wenden,
hartnäckig und steif in die Ferne blickend, brummte er: »Lies meine
Novelle, dann reden wir weiter. Die Katz im Sack brauchst du nicht zu
kaufen. Aber schweige, das bitte ich mir aus. Für meine Alten schreibe ich
nicht. Wirst du meine Novelle lesen?«
Ein schreckliches Wesen, der Junge, aber der Sohn des Mannes, dem Bertram
so viel verdankt -- es sei!
»Ich werde sie lesen -- in Gottes Namen. 'In Gottes Namen, sprach sie dann,
und weinend hielt er sie umfangen,'« deklamirte er und setzte bärbeißig
hinzu: »Das hast du von mir nicht zu befürchten, Miseräbelchen!«
»Miseräbelchen?«
»Ich citire! Ich citire! Kennst du das schöne Gedicht vom Miseräbelchen
nicht?«
»Nein,« erwiderte Hagen wegwerfend. »Ich lese keine Gedichte.«
»Ich aber soll deine Novelle lesen? Na, ich hab's gesagt -- und 'wenn was
auf Erden heilig ist'« ... Er schüttelte sich.
Wäre er jetzt zu Hause gewesen in seiner Bratröhre, am Schreibtisch unter
der Gasflamme, die trübseligste Entmuthigung würde ihn ergriffen haben als
Rückschlag seines Entschlusses. Aber er war auf dem Lande, in einem
reizenden, von Wiesen, Hainen und Wäldern umgebenen Garten. In der Ferne
vor ihm bauten sich schön bekuppte Bergketten auf, im Westen, wo das grüne
Land mit dem Horizont zu verschwimmen schien, war die Sonne untergegangen
und sandte der Erde ihre leuchtenden Abschiedsgrüße zu, lohende
Lichtstrahlen, die ein »Auge Gottes« bildend, fächerartig ausgebreitet,
hoch hinaufstiegen bis ans Himmelsgewölbe.
»Athmen ist Glück!« rief Bertram plötzlich aus und jauchzte in jähem
Stimmungswechsel:
»Herrlicher Sonnenuntergang, dem bald, o Wonne, eine göttliche Sternennacht
folgen wird, und morgen wieder ein freier Tag im Freien!«
Er lief mehr als er ging der Fischerhütte zu, bewunderte überströmenden
Herzens den Teich, der vergrößert worden war, und eine unregelmäßige Form
bekommen hatte, gerieth in Entzücken über den Springbrunnen, den
»musikalisch niederplätschernden,« wie die Baronin sagte, und war höchlich
einverstanden, als die Hausfrau vorschlug nach dem Schlosse zurückzukehren
und den Thee auf der Terrasse »einzunehmen.«
Nur gegen das letzte Wort erlaubte er sich zu protestiren: »Trinken,
Hochverehrte! nicht einnehmen. Einnehmen mahnt an die Apotheke, und wir
sind frisch und gesund.«
Seine Fröhlichkeit weckte in jedem einzelnen der Gesellschaft ein mehr oder
minder lautes Echo. Die Baronin führte munter eine so lange Reihe von
Büchertiteln und Autoren an, daß in Bertram der Verdacht aufstieg, sie
habe, um ihm ein Fest zu bereiten, einen Leihbibliothekskatalog auswendig
gelernt. Er machte unwillkürlich eine abwehrende Bewegung, als alle die
Namen ihn umtanzten wie ein unsichtbarer Fliegenschwarm, und sagte mit
forcirter Höflichkeit:
»Ein neuer Vorzug, gnädige Baronin, Ihr Interesse für Litteratur. Ich bin
erstaunt ...«
»Sie haben keine Ursache! Sie nicht!... Sie, der Urheber dieses Interesses.
O, lieber Vogelweid, Ihre Romane und Ihre 'Überblicke!' Stumpf müßte man
sein, um nicht von ihnen gepackt und hingerissen zu werden; mitten hinein
in den Strom des geistigen Lebens unserer Zeit ...«
Sie spricht gut, meine Frau, dachte Weißenberg einmal wieder, und rieb sich
vergnügt die Kniee.
»Meine 'Überblicke',« sagte Bertram schmerzlich, »das Seichteste, das es
giebt. -- Ist's möglich?... Über die selbstgeflochtenen Ruthen!«
Die Baronin wußte nicht recht, was er damit meinte und bat ihn dann aufs
Gerathewohl, nicht so bescheiden zu sein.
Ihr Gatte wurde immer heiterer, fing an, Jugenderinnerungen aufzuwärmen,
und sang ein lustiges Studentenlied: »#Ipse fecit!# Und der Text ist von
dir, Mann des Tages. Das waren Zeiten! Einige Neidhammel behaupteten
freilich Ähnlichkeiten zwischen unserm Meisterwerk und schon Dagewesenem zu
entdecken ...«
»Ein czechischer Kollege machte sogar Vaterrechte auf das Kind unserer
Talente geltend. Halb und halbe Rechte, die wir ihm ganz zugestanden. Hören
Sie, Herr Meisenmann, so nachgiebig sind wir von jeher gewesen.«
Die röthlichen Bärte des Angeredeten schimmerten siegreich, er zuckte
wieder mit den Achseln: »Ja, selbst die Deutschen geben nach, wenn sie
nicht anders können,« erwiderte er.
Zwischen der Baronin und Sieglinde fand eine leise, aber eifrige Debatte
statt: »Mir zu Liebe, Lindchen,« -- »Ach, Mama, nein -- ich bitte dich!«
wurde hin und her geflüstert. Endlich durfte Mama der Versammlung
ankündigen, daß Lindchen ein Gedicht vortragen werde. »Es ist nur, um ihr
das Verlegensein abzugewöhnen,« hauchte sie Bertram im Vertrauen zu.
Sieglinde sprach unter schweren Athembeklemmungen den Wanderer von
Friederike Kempner und bereitete damit dem Auditorium ein wahres Vergnügen.
Sogar Hagen ließ sich zu einem gnädigen: »Nicht übel!« herbei.
Die Kirchenmaus blieb zwar stumm, aber etwas weniger bedrückt, um einen
Schein zuversichtlicher als am Nachmittage war sie doch. Es kam sogar
einmal vor, daß sie Bertram, der eben sehr lebhaft sprach, ansah, _sie ihn_
-- o des lieblichen Wunders! -- ganz kurz, aber recht aufmerksam. Und er
studirte -- o des wonnigen Studiums! -- jeden Zug ihres holden Gesichtes,
jedes kaum merkliche Stirnrunzeln, jedes Lächeln, das um ihren jungen,
klugen, ausdrucksvollen Mund erschimmerte. Es zeigte sich in dem
Augenblick, in dem sie ihn ansah und verrieth eine angenehme Überraschung:
Schau, schau, du bist nicht so arg, wie ich mir eingebildet hatte, sprach's
ganz deutlich für den, der sich auf solche Sprache versteht.