Bertram dankte: »Ich rauche nicht.«

»Rauchst nicht?«

»Nicht mehr.«

»Trinkst nicht, rauchst nicht,« sprach Weißenberg betrübt, »was thust du

denn?«

»Ich spare, wie du weißt.«

Hagen, der schon eine schwere Cigarre angebrannt hatte, tippte mit dem

Finger auf die kahle Stelle auf Bertrams Scheitel: »Trinkst nicht, rauchst

nicht, eine Tonsur hast dir auch schon angeschafft, fehlt nur noch die

Kutte.«

Sein Vater schob ihn etwas unsanft weg und entschuldigte sich bei seinem

Gaste: »Wir gehen jetzt die Hunde füttern, sind gleich wieder da. Kommst

du, Sieglinderl?«

Das Töchterchen hatte die Arme um die Taille ihrer Mutter geschlungen und

fragte im Tone eines fünfjährigen Kindes: »Mama, darf ich Schifferl

fahren?«

»Nicht unmittelbar nach dem Essen, mein Herzchen. Begleite jetzt den guten

Papa und sieh zu, wie die Hündchen speisen. Dann kannst du Gertrud holen.

Ich lasse ihr sagen, daß sie mit dir zum Fischerhause gehen und achtgeben

soll, daß du nicht ins Wasser fällst. Du wirst ihr meinen Auftrag

bestellen, ich weiß, mein Herzchen ist gewissenhaft.«

Mutter und Tochter umarmten einander, nahmen Abschied, als ob ihnen eine

jahrelange Trennung bevorstände, und das Herzchen trampelte dem Vater nach.

Hagen hatte sein Mißfallen über die sentimentale Scene zwischen Mutter und

Tochter in gewohnter Art durch ein mürrisches Gemurmel kund gegeben:

»Kriegt man heute Kaffee oder nicht?« stieß er jetzt verdrießlich hervor.

Seine Mutter beeilte sich, ihm eine Tasse starken, aromatischen Mokkas

einzuschänken, und er titulirte das köstliche Getränk, das reichlich aus

der Kanne floß, mit dem beleidigenden Namen »Zwetschkenwasser.« Dann zog er

sich mit seinen Vorräthen an Kaffee, Liqueur und Cigarren in die Ecke des

Zimmers zurück, nahm dort Platz in einem großen Fauteuil und vertiefte sich

in einen Band der Fliegenden Blätter. Sein Gemurmel hörte auch jetzt noch

nicht auf: »Fliegende, sauberes Fliegen, sollten die kriechenden heißen. So

dumm, zu dumm!« Plötzlich schwieg er, die Cigarre war ausgegangen, das Buch

glitt von seinen Knieen zur Erde. Er schlief.

Seine Mutter hatte ihn voll Besorgniß beobachtet. Dieses »foudroyante

Einschlafen,« wie sie sich ausdrückte, machte ihr unbeschreiblich bange. Es

kam öfters über ihn, am Tage heißt das; bei Nacht hingegen, »floh der

Schlaf seine Augen.« »O, es ist schwer!« Die Baronin seufzte, und das

Kanapée, auf das sie sich setzte, seufzte auch.

Draußen erscholl lautes Hundegebell; die Thiere wurden nach der Abfütterung

in den Garten hinaus gelassen. Bewegt und leise sprach die Baronin: »Mein

guter Mann kommt zurück, und ich hätte Ihnen so gern ... ich muß Sie

sprechen.« Ihre mächtige Persönlichkeit bekam etwas gretchenhaft

Hinschmelzendes: »Ich muß Sie sprechen, lieber Vogelweid, im Vertrauen

sprechen.«

»Nun, gnädige Frau, ich bitte, thun Sie es doch.«

»Jetzt? nicht jetzt, später.«

»Warum erst später?«

Sie schwieg, aber ihre flehenden Augen fragten: Verstehst du mich denn gar

nicht? »Kein Wort davon, vor meinem guten Manne,« begann sie nach einer

peinlichen Pause wieder, »ich beschwöre Sie!«

Weißenberg trat ein, und Bertha bemühte sich ihn anzulächeln; der Versuch

mißlang kläglich, und die der Verstellung ungewohnte Frau war auf dem

Punkte, in Thränen auszubrechen. Ein Schatten überflog das runde,

freundliche Gesicht Hugos. Er trat voll Theilnahme heran und keilte sich

höchst liebreich, aber mit schwerer Mühe zwischen seine Gemahlin und die

Seitenlehne des Kanapées ein.

Placirt wären sie, dachte Bertram, wie sie aber wieder aufstehen sollen,

das weiß Gott.

»Mein Bertherl hat schon mit dir gesprochen, seh' ich von unserem Kummer;«

Hugo wies mit einer Kopfbewegung nach seinem laut schnarchenden Sohne hin.

»Ach, der giebt uns was aufzulösen, der!«

»Ja,« betätigte die Baronin, »und wir haben auf Sie gewartet und gehofft,

Sie werden uns rathen und helfen, ja, auch darin.«

»Du hast neulich,« sprach Weißenberg, »ein Buch über Erziehung total in den

Grund gebohrt und seinem Autor, einem großen Professor, famos

heimgeleuchtet. Meine Bertha und ich, wir haben gleich gesagt: Wer so

versteht, daß der andere nichts versteht, der versteht selbst sehr viel.«

Er ließ sich durch das betroffene: »O, Nemesis!« das Bertram ausstieß,

nicht beirren: »Ja, du verstehst's, hast recht, unsere Schulen taugen

nichts. Wie ausgetauscht ist mein Bub, seitdem er in die Schule geht. Du

mußt dich noch erinnern, was für ein lieber Kerl er vor vier Jahren war.«

»Gewiß. Etwas verzogen zwar schon damals, aber ein liebes Kind und voll

Talent.«

»Talent! was das betrifft« -- die Eltern überboten einander an

Versicherungen, wie talentvoll, phänomenal talentvoll ihr Sohn sei, das

wüßten sie wohl. »Aber,« meinte Weißenberg, »ein so starker Geist in einem

noch unentwickelten Körper, das stimmt nicht. Die Mißstimmung ruft

Nervosität hervor, und diese eine Menge kurioser Erscheinungen. Zum

Beispiel heute sein Benehmen bei Tische. Deine Anwesenheit hat ihn

aufgeregt, er wollte sich, wie Meisenmann ganz richtig sagte, vor dir

produziren; du dürftest ihn für lümmelhaft gehalten haben, er war aber nur

nervös.«

Die Baronin kam auf den Geist ihres Hagens zurück, den starken Geist, der

Glück und Unglück in sich schließt, und verglich ihren Sohn mit einer

Kerze, die einen Scheffel durchbrennt und dabei flackert und züngelt.

Bertram sagte, daß er den Scheffel nicht sehe, dem Gatten jedoch gefiel das

Bild, und er preßte seinen linken Arm, der auf der Lehne des Kanapées

ausgestreckt lag, sehr innig an den Rücken seiner Gemahlin. Ihr war

furchtbar heiß, und ihr ästhetisches Gefühl litt unter dem Bewußtsein des

unschönen Eindrucks, den die Einpferchung zweier dicker Personen in ein

Sitzmöbel, das höchstens für zwei Elfengestalten berechnet war,

hervorbringen mußte. So ließ sie denn die schüchterne Frage fallen, ob man

nicht in den Garten gehen solle.

Weißenberg war dagegen: »Wir müssen ihm, bei dem wir Rath und Hülfe suchen,

alles sagen, wir dürfen kein Geheimniß vor ihm haben, und so sollst du

wissen, Freund, daß wir's vor zwei Jahren in den Ferien mit Strenge

versucht haben bei dem Burschen. Das war schrecklich, da hat sich die

Nervosität bis zu Wuthanfällen gesteigert. Einmal lasse ich mich hinreißen

und hau' ihn, und er, auf mich losgegangen -- ja! mit Augen wie rauchende

Zündhölzeln, und dann plötzlich niedergestürzt, geschäumt und gezappelt.

Wir, nach allen Richtungen um Ärzte ausgeschickt. Drei kommen. Zuerst zwei

junge; die sehen ihn an und verordnen ein Gramm Bromnatrium drei Tage

nacheinander vor dem Schlafengehen. Zuletzt kommt der Alte, der

Kreisphysikus, schaut den Buben auch an und erklärt sich einverstanden mit

der Verordnung der Kollegen. Eine Krähe hackt der andern die Augen nicht

aus, denken wir, und wie die zwei jungen fort sind, sagen wir: 'Wirklich,

Herr Kreisphysikus, hätten Sie dem Patienten auch nichts anderes gegeben

als Brom?' Er -- so scheint es uns wenigstens -- verbeißt ein Lachen:

'Vielleicht doch,' sagt er, 'wenn ich statt in ein Schloß in eine Hütte

gerufen worden wäre. Aber hier würde das Medikament, das ich ordiniren

müßte, kaum verabreicht werden.' Mehr war aus ihm nicht herauszubringen.

Verstehst du den Orakelspruch?«

»Ich glaube fast.«

»Nun denn, leg' ihn aus und handle danach.«

»Ich?« fragte Bertram erschrocken, »das kommt mir nicht zu.«

»Wir geben dir unumschränkte Vollmacht. Nimm dich unseres Buben an, er ist

unser Glück, der Stolz des Hauses.«

»Seien Sie für ihn ein Arzt der Seele! Sie haben doch auch eine große

Vorliebe für dieses schöne Buch?« sagte die Baronin gepreßt, nicht nur im

bildlichen Sinne, denn ihr Gemahl rückte jetzt mit äußerster Anstrengung

auf seinem Sitze vor und legte die mühsam frei gemachte Rechte auf Bertrams

Kniee:

»Hilf uns, du kannst, du verstehst alles, man sieht's aus deinen Kritiken.

Welche Vielseitigkeit! sagen wir immer, meine Frau und ich.«

»Im Tadeln,« erwiderte Bertram. »Die Kunst, alles zu tadeln, erlernt man in

meinem Metier. Aber, die Kunst, es besser zu machen, natürlich nicht. So

habe ich denn auch von Kinderzucht keinen Dunst, ausgemacht ist mir nur,

daß die deine, lieber Alter, und die Ihre, gnädige Frau, nichts taugt.«

»Dieser Meinung sind wir selbst,« sprach Weißenberg kleinmüthig, »unsere

Kinderzucht hat Mängel. Gieb sie an, sag' etwas Positives.«

»Etwas Positives ... Nun, wenn ich aufrichtig sein darf -- diesen Mängeln

abzuhelfen, scheint mir Hagens Lehrer nicht der rechte Mann.«

»Dich genirt der Czech und der Antisemit. Ja, Verehrtester, finde du mir

heutzutage einen Lehrer, der nicht etwas ist, was er besser nicht wäre. Wir

haben traurige Erfahrungen gemacht. Meisenmann hat Unarten, aber doch auch

Qualitäten. Unterrichtet vorzüglich, ist famos in seinem Fache --

Geschichte. Im Herbst wird er Professor am Gymnasium, und mit der Zeit

ganz gewiß Direktor.«

»So? so!... Das ist das Holz aus dem ...« Ein neuer empörender Gedanke

durchkreuzte Bertrams Hirn, eh' noch der frühere ganz ausgesprochen war,

und machte sich Luft in den Worten: »Und in deine Nichte ist er verliebt,

der Mensch!«

Die Baronin lächelte sanft, Weißenberg massirte sein Kinn und war heiter.

»Ja, der 'Professor' ist tüchtig verbrannt. Ob hoffnungslos? Jetzt hat's

freilich den Anschein. Doch wer weiß, was noch geschieht, wenn er sich

nicht zu früh abschrecken läßt.«

»Und du würdest, und Sie, gnädige Baronin, würden zugeben, daß sie ihn

nimmt?«

»Warum nicht? vorausgesetzt, daß er sie anständig versorgen kann,« sagte

Hugo, und seine Gattin seufzte:

»Große Ansprüche darf sie nicht machen, die Arme.«

Schrecklich! Entsetzlich! Dieser Schwärmer sollte doch nur versuchen, sich

um Euer Trampelgrundchen zu bewerben; er käme schön an. O gute Menschen,

wo bleibt Eure Güte, wenn's abwägen gilt zwischen einer armen Verwandten

und Eurer Brut! dachte Bertram und rief: »Ich fasse dich, ich fasse Sie

nicht, Frau Baronin. Dieses Mädchen würden Sie wegwerfen an einen

bornirten, giftgeschwollenen Taboriten!«

»Gieb acht!« warnte Weißenberg mit einem besorgten Blick auf seinen Sohn.

Es war zu spät. Hagen regte sich.

»Unsinn. Ich habe nicht geschlafen, ich habe nur die Augen zugemacht, ich

habe jedes Wort gehört, das ihr geredet habt.«

»Was hast du gehört? sag' es, wenn du nicht als Großsprecher dastehen

willst,« sprach Bertram mit unterdrücktem Zorne.

»Du hast meinen Korrepetitor beschimpft, hast ihn einen giftgeschwollenen

Taboriten genannt.« Der Stolz des Hauses erhob sich: »Das sag' ich ihm!«

»Thu's, ich gönn' dir die Freude.«

»O, lieber Vogelweid, wohin denken Sie? Es fällt ihm nicht ein. Er liebt es

nur, sich selbst zu verleumden. Auch eine seiner Eigenheiten,« versicherte

die Baronin. »Aber,« fragte sie in plötzlich verändertem Tone: »Wollen wir

nicht jetzt in den Garten gehen?«

Ihr Gatte erklärte sich einverstanden, beide erhoben sich rasch und zu

gleicher Zeit, und das kleine Kanapée folgte demselben Impulse. Der kurzen

Verlegenheitspause, die dadurch entstand, machte Bertram ein Ende, indem er

hinzusprang, die Hände auf die Lehne des wanderlustig gewordenen Sitzmöbels

drückte und es zwang, seinen gewohnten Platz wieder einzunehmen.

Rittmeister Brand; Bertram Vogelweid Zwei Erzählungen · 第 42 / 68 题