Die Baronin hatte ein aristokratisches Bedenken: »Uralt?«

»Gewiß. Ich ahne zwar nicht, aus welcher Schöpfungsperiode die Meisen und

die Männer stammen, aber sicherlich aus einer älteren, als die ältesten

Adelsgeschlechter.«

»Du sprichst #pro domo#, Vogel, weil dann auch du einen uralten Namen

hast.« Hagen lachte, und es war betrübend, ihn lachen zu hören und zu

sehen. Er lachte wie er sprach, stoßweise, bellend, und schien dabei eine

unangenehme Empfindung zu haben, seine Züge erheiterten sich nicht, sie

verzerrten sich.

Sollte der nervöse Bertram unter Menschen gerathen sein, noch nervöser als

er? An dem jungen Sohn des Hauses mit dem alten Gesichte war alles

krankhaft, auch die Hast, mit der er aß, und der prahlerische Übermuth, mit

dem er ein Glas Wein nach dem anderen hinunterstürzte.

Sein Vater richtete eine schüchterne Ermahnung an ihn, sie blieb

wirkungslos und wurde nicht wiederholt; augenscheinlich fürchtete

Weißenberg des Sohnes offenen Widerstand heraufzubeschwören.

Auch Sieglindchen verrieth eine #Boa constrictor#-Natur beim Verschlingen

der thurmhohen Portionen, die sie sich vorlegte. Das Mittagessen war

allerdings ausgezeichnet, und Bertram bedauerte, ihm nicht so viel Ehre

erweisen zu können, als seine gastfreien Wirthe gewünscht hätten.

Was war's, das ihm den Appetit raubte? Der Anblick der beiden jungen

Fresser am Tische, die beängstigende Liebenswürdigkeit der Hausfrau, oder

vielleicht die Nähe des Fräuleins von Weißenberg? Sie wirkte mächtig auf

ihn, beschäftigte seine Gedanken, zwang ihn zu fortwährender

Selbstüberwindung, um nicht der Versuchung zu unterliegen, sie gar zu oft

anzusehen.

Eine eigentliche Schönheit konnte man sie nicht nennen, aber es war so

vieles an ihr schön! Die Form des Kopfes, ihre Art ihn zu tragen, der

wundervolle Ansatz des schlanken Halses, die reichen dunkelbraunen Haare,

die Nase, der Mund, der hartnäckig schwieg und der, das glaubte Bertram zu

errathen, doch so gern gelacht und gescherzt hätte. Und die streng

blickenden Augen, dunkel wie die Flügel des Trauermantels, wie mußten die

leuchten können, wenn ein Glücksgefühl sich in ihnen widerspiegelte!

»Es ist schrecklich, Sie essen nicht,« sagte die Baronin, und ihr Gast

entschuldigte sich:

»O, bitte, warten Sie nur, in Kurzem wird sich Heißhunger bei mir

einstellen, wenn ich nur erst zu taglöhnern anfange.«

»Wie meinen Sie das, zu taglöhnern?«

»Ich meine, daß ich arbeiten will wie ein Taglöhner.«

Alle lachten, sogar die Bedienten lachten verstohlen.

»Wie ein Taglöhner? mit Ihrer Bildung!« sprach die Hausfrau, und Bertram

steigerte sich:

»Wie zehn Taglöhner, _aus Bildung_.«

»Mit diesen Händen?« Bertha sah bewundernd und Bertram sah verächtlich und

grollend auf seine schmalen, wohlgepflegten Hände nieder.

»Die werden bald anders aussehen, die werden bald Schwielen haben, wie die

deinen, Hugo. Wer keine Schwielen hat, kommt nicht in den Himmel, sagt

Tolstoi.«

»Ach, Tolstoi,« flötete die Baronin, »der große Tolstoi, glauben Sie an

ihn?«

Bertram war betroffen. Jetzt wußte sie auch von dem? Sollte sie ihre

litterarische Unschuld verloren haben? Er scheute sich, Gewißheit zu

erlangen über den heiklen Punkt und fuhr eifrig fort: »Ich will alles

lernen, mähen, Garben binden, aufladen, pflügen, säen. Wonne und Erholung

wird für mich sein, was Ihr schwere Arbeit nennt, weil Ihr die wirklich

schwere nicht kennt.«

»Ein Vers,« rief Sieglindchen und verlor einen Augenblick alle

Schüchternheit, »Das war ein Vers, Mama!«

»Ja wohl, mein Engel. O, sie hat ein Ohr!«

Sie hat sogar zwei Ohren und hübsch große, dachte Bertram und betrachtete

sie mißtrauisch. Der Teufel soll mich holen, wenn die nicht dichtet.

»Wann bereisen wir meine Besitzungen, lieber Hugo?« fragte er.

»Morgen mit dem frühesten, natürlich.«

»Warum nicht gar schon nachts, wenn die Hähne krähen?« »Was halten Sie von

Möricke?« interpellirte Frau von Weißenberg.

»Ich habe den größten Respekt vor ihm.«

Da fiel Hagen ein: »Respekt! Du wirst just Respekt haben vor so einem

verschimmelten Pater. Überlasse die Heuchelei den Frauen, denen sie

unabgeleistete Natur ist.«

»Unabgeleistete Natur?« wiederholte Bertram. »Oho! Du studirst Nietzsche?«

»Ich bet' ihn an. Ich habe einen Gott gesucht und ihn in Nietzsche

gefunden.«

»Hast Du? Wenn ich nur wüßte, der wievielte Du bist, von dem ich das höre.«

»Und wenn ich der zweite oder tausendste bin -- seine Jünger sind wir alle.

Das ist euch unheimlich, ihr Alten; das treibt euch alle Haare, die ihr

noch habt, zu Berge.«

»Aber Hagen! aber Hagen!« hatte Weißenberg einmal ums andere, beängstigt

und flehend gesagt und sich dabei nicht an den Sohn, sondern an den

Instruktor gewendet. Der zuckte die Achseln:

»Es ist heute nichts mit ihm anzufangen, man muß ihn gehen lassen. Er

produzirt sich, nicht bloß wie gewöhnlich vor dem Fräulein von Weißenberg,

sondern auch vor Herrn Vogel.«

»Daneben geschossen, mein Lieber!« erwiderte sein Zögling. »Sich

produziren! vor dir, Cousine! Als ob man das dürfte in seiner Gegenwart!

Der girrende Ziska -- eine neue Ziskaspecies, die girrende -- brennt vor

Eifersucht wie eine Pechfackel. Nicht wahr, Cousine?«

Gertrud hatte während dieses Intermezzos nicht mit einer Wimper gezuckt,

nicht das geringste Zeichen von Ungeduld über das Jüngelchen gegeben, die

mordbrennerischen Blicke, die Meisenmann ihr verstohlen zuwarf, ruhig

ausgehalten. Und bei dem ehrfurchtsvoll auf sie gerichteten Blicke Bertrams

wechselte sie wieder die Farbe und gerieth in Bestürzung. Wie sollte er

sich das erklären? Was machte sie so verlegen vor ihm, sie, die den andern

gegenüber wie eingefroren blieb in majestätische Gelassenheit?

Rittmeister Brand; Bertram Vogelweid Zwei Erzählungen · 第 40 / 68 题