VI.

Die Familie war vollzählig im kleinen Salon versammelt, als Bertram, sauber

gewaschen und elegant angethan, eintrat. Im selben Augenblick wurden beide

Flügel der Thür, die in den Speisesaal führte, geöffnet, der Gast bot der

Hausfrau seinen Arm und erhielt am zierlich gedeckten Tisch den Platz zu

ihrer Rechten und zur Linken des Hausherrn. Neben diesem saß der

»Professor« und zwischen ihm und Hagen die ernste »Kirchenmaus«. Dann kam

Sieglinde, die ihren Sessel so nahe als möglich an den der Mutter gerückt

hatte.

»Schau dir das Obst an,« sagte Hugo, »die selben Sorten haben wir in deinem

Garten gepflanzt.«

Bertram sah den Freund glückverklärt an. »Wann werd' ich ihn sehen, meinen

Garten? Und solches Obst hab' auch ich?«

Entzückt betrachtete er die goldigen Aprikosen, Himbeeren, die dem

Rothkäppchen als Kopfbedeckung hätten dienen können, purpurne Kirschen,

durchsichtige Weichseln, Erdbeeren von märchenhafter Größe und Gestalt.

»Nehmen Sie die Melone nach der Suppe oder zum Dessert?« fragte die

Hausfrau und zeigte ihrem lieben Gaste freundlich die blanken Zähne. Sie

war wirklich noch eine schöne Frau, trotz ihrer fünfunddreißig Jahre und

ihrer überreich entfalteten Spätsommerblüthe.

»Verehrte Frau,« erwiderte Bertram, »ich esse Melone, wann Sie erlauben und

befehlen.«

»Nach der Suppe ist sie gesünder,« bemerkte Weißenberg.

»Beirre ihn doch nicht. Bitte, entscheiden Sie.«

»Es ist mir wirklich gleich.«

Der Gymnasiast, der während dieses Austausches von Höflichkeiten höhnisch

gelacht hatte, brach jetzt aus: »Macht keine solchen Geschichten. Ihm ist's

gleich, hat er schon gesagt, wenn er nur überhaupt Melone kriegt.«

Bertram sah einen Purpurschein sich verbreiten, er ging vom Gesicht

Sieglindens aus, er vernahm ein Gekicher, es hatte sich der Brust

Meisenmanns entrungen. Weißenberg zeichnete mit dem Messer die Umrisse

einer Scheune auf das Tischtuch, die Hausmutter that unbefangen und winkte

plötzlich entschlossen den immer noch auf eine Entscheidung wartenden

Bedienten, die Melone zu serviren.

»Ich lese jetzt 'Die Kronenwächter' von Achim von Arnim«, wandte sie sich

von Neuem an Bertram.

»Sie lesen, so? die Kronenwächter?« versetzte er und dachte: Sind

wahrscheinlich auch vom Boden heruntergeschleppt worden.

»Ein merkwürdiges Buch, aber doch mehr merkwürdig als spannend.«

»Wie meinst du das?« rief Hagen seine Mutter herausfordernd an. Weißenberg

aber sagte rasch:

»Sie ist gut, die, was? eine gestrickte. Hast die selbe Sorte in deinen

Mistbeeten.«

Sieglinde erröthete, und Mutter Bertha berichtigte in rücksichtsvoll

gedämpftem Tone: »Frühbeeten.«

Der Hausherr begann nun freudig und ausführlich zu erzählen, wie er den

Kauf des Bauerngutes -- einer ehemaligen Erbrichterei -- für Bertram

geschlossen, wie er alles in leidlicher Ordnung übernommen habe und in

musterhafter zu übergeben gedenke. Dann aber kam er auf sein altes Lied vom

Betriebskapital zurück, und Bertram erklärte:

»Ich will kein Kapital, ich brauche keins; was würden die Sozialisten

sagen, wenn ich ein Kapital aufhäufte.«

»In die Gefahr wirst du schwerlich kommen. Nicht ums Aufhäufen handelt

sich's, sondern ums Zustopfen, wenn irgendwo eine gefährliche Lücke

entsteht; die Maschine, die zu stocken droht, muß in Gang erhalten werden.

Wie schaffst du die Mittel dazu her ohne Reservefond?«

»Der Bauer hat keinen und lebt doch auch.«

»Bilde dir das nicht ein, der Bauer geht zu Grunde.«

»Durch eigne Schuld.«

»Nicht immer.«

Jetzt gerieth der »Professor« in hohe Erregung und sprach überstürzt mit

bebender Stimme und so leise, daß man ihn kaum verstand. Es zischte und

pustete aus ihm heraus wie aus einem überheizten Theekessel. Er verwünschte

die Juden und die Deutschen, die Feinde und Verderber des mährischen

Bauern. Der Judenwirth verleitet den Bauern zum Trinken, giebt ihm

Branntwein, so viel er will, bis er Hab und Gut versetzt hat. Dann kommt

der Deutsche und kauft den Bauern aus.

Den Schluß seiner Rede hatte Meisenmann geradezu an den Baron gerichtet und

schien, einmal im Zuge, in immer heftigere Anklagen ausbrechen zu wollen.

Aber Hagen fuhr drein:

»Sitzt schon! sitzt schon wieder auf seinem Steckenpferd. Du mußt wissen,

Vogel, er ist Jungczeche und Antisemit.«

»In der Theorie, nicht in der Praxis. Sie können überzeugt sein, Hagen,

und Fräulein von Weißenberg kann überzeugt sein« ...

»Wir sind alle überzeugt,« rief der immer versöhnliche Baron dazwischen.

»Sie deklamiren gegen die Juden und die Deutschen, aber Sie thun keinem

etwas zu Leide.«

»Ein theoretischer Jungczeche also?« sagte Bertram. »Auch das setzt mich in

Erstaunen. Wenn man einen uralten deutschen Namen führt --«

Rittmeister Brand; Bertram Vogelweid Zwei Erzählungen · 第 39 / 68 题