Die Familie war vollzählig im kleinen Salon versammelt, als Bertram, sauber
gewaschen und elegant angethan, eintrat. Im selben Augenblick wurden beide
Flügel der Thür, die in den Speisesaal führte, geöffnet, der Gast bot der
Hausfrau seinen Arm und erhielt am zierlich gedeckten Tisch den Platz zu
ihrer Rechten und zur Linken des Hausherrn. Neben diesem saß der
»Professor« und zwischen ihm und Hagen die ernste »Kirchenmaus«. Dann kam
Sieglinde, die ihren Sessel so nahe als möglich an den der Mutter gerückt
hatte.
»Schau dir das Obst an,« sagte Hugo, »die selben Sorten haben wir in deinem
Garten gepflanzt.«
Bertram sah den Freund glückverklärt an. »Wann werd' ich ihn sehen, meinen
Garten? Und solches Obst hab' auch ich?«
Entzückt betrachtete er die goldigen Aprikosen, Himbeeren, die dem
Rothkäppchen als Kopfbedeckung hätten dienen können, purpurne Kirschen,
durchsichtige Weichseln, Erdbeeren von märchenhafter Größe und Gestalt.
»Nehmen Sie die Melone nach der Suppe oder zum Dessert?« fragte die
Hausfrau und zeigte ihrem lieben Gaste freundlich die blanken Zähne. Sie
war wirklich noch eine schöne Frau, trotz ihrer fünfunddreißig Jahre und
ihrer überreich entfalteten Spätsommerblüthe.
»Verehrte Frau,« erwiderte Bertram, »ich esse Melone, wann Sie erlauben und
befehlen.«
»Nach der Suppe ist sie gesünder,« bemerkte Weißenberg.
»Beirre ihn doch nicht. Bitte, entscheiden Sie.«
»Es ist mir wirklich gleich.«
Der Gymnasiast, der während dieses Austausches von Höflichkeiten höhnisch
gelacht hatte, brach jetzt aus: »Macht keine solchen Geschichten. Ihm ist's
gleich, hat er schon gesagt, wenn er nur überhaupt Melone kriegt.«
Bertram sah einen Purpurschein sich verbreiten, er ging vom Gesicht
Sieglindens aus, er vernahm ein Gekicher, es hatte sich der Brust
Meisenmanns entrungen. Weißenberg zeichnete mit dem Messer die Umrisse
einer Scheune auf das Tischtuch, die Hausmutter that unbefangen und winkte
plötzlich entschlossen den immer noch auf eine Entscheidung wartenden
Bedienten, die Melone zu serviren.
»Ich lese jetzt 'Die Kronenwächter' von Achim von Arnim«, wandte sie sich
von Neuem an Bertram.
»Sie lesen, so? die Kronenwächter?« versetzte er und dachte: Sind
wahrscheinlich auch vom Boden heruntergeschleppt worden.
»Ein merkwürdiges Buch, aber doch mehr merkwürdig als spannend.«
»Wie meinst du das?« rief Hagen seine Mutter herausfordernd an. Weißenberg
aber sagte rasch:
»Sie ist gut, die, was? eine gestrickte. Hast die selbe Sorte in deinen
Mistbeeten.«
Sieglinde erröthete, und Mutter Bertha berichtigte in rücksichtsvoll
gedämpftem Tone: »Frühbeeten.«
Der Hausherr begann nun freudig und ausführlich zu erzählen, wie er den
Kauf des Bauerngutes -- einer ehemaligen Erbrichterei -- für Bertram
geschlossen, wie er alles in leidlicher Ordnung übernommen habe und in
musterhafter zu übergeben gedenke. Dann aber kam er auf sein altes Lied vom
Betriebskapital zurück, und Bertram erklärte:
»Ich will kein Kapital, ich brauche keins; was würden die Sozialisten
sagen, wenn ich ein Kapital aufhäufte.«
»In die Gefahr wirst du schwerlich kommen. Nicht ums Aufhäufen handelt
sich's, sondern ums Zustopfen, wenn irgendwo eine gefährliche Lücke
entsteht; die Maschine, die zu stocken droht, muß in Gang erhalten werden.
Wie schaffst du die Mittel dazu her ohne Reservefond?«
»Der Bauer hat keinen und lebt doch auch.«
»Bilde dir das nicht ein, der Bauer geht zu Grunde.«
»Durch eigne Schuld.«
»Nicht immer.«
Jetzt gerieth der »Professor« in hohe Erregung und sprach überstürzt mit
bebender Stimme und so leise, daß man ihn kaum verstand. Es zischte und
pustete aus ihm heraus wie aus einem überheizten Theekessel. Er verwünschte
die Juden und die Deutschen, die Feinde und Verderber des mährischen
Bauern. Der Judenwirth verleitet den Bauern zum Trinken, giebt ihm
Branntwein, so viel er will, bis er Hab und Gut versetzt hat. Dann kommt
der Deutsche und kauft den Bauern aus.
Den Schluß seiner Rede hatte Meisenmann geradezu an den Baron gerichtet und
schien, einmal im Zuge, in immer heftigere Anklagen ausbrechen zu wollen.
Aber Hagen fuhr drein:
»Sitzt schon! sitzt schon wieder auf seinem Steckenpferd. Du mußt wissen,
Vogel, er ist Jungczeche und Antisemit.«
»In der Theorie, nicht in der Praxis. Sie können überzeugt sein, Hagen,
und Fräulein von Weißenberg kann überzeugt sein« ...
»Wir sind alle überzeugt,« rief der immer versöhnliche Baron dazwischen.
»Sie deklamiren gegen die Juden und die Deutschen, aber Sie thun keinem
etwas zu Leide.«
»Ein theoretischer Jungczeche also?« sagte Bertram. »Auch das setzt mich in
Erstaunen. Wenn man einen uralten deutschen Namen führt --«